Eine steingewordene Provokation, mitten in Berlin

Die Lage zwischen Deutschland und Russland spitzt sich zu – und das rückt das „Russische Haus“ in Berlin in den Fokus.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

als Berlin-Urlaubende haben Sie ihn bestimmt mal gesehen, wenn Sie über die Friedrichstraße spaziert sind: einen imposanten Bau zwischen Nobel-Boutiquen, in dessen Foyer Kinderbücher und allerlei Broschüren ausliegen: das „Russische Haus der Wissenschaft und Kultur“. Also eine Art Goethe-Institut der Russen in Deutschland. Oder?

Schon vor Jahren war das Haus in Politik- und Journalistinnen-Kreisen ein großes Thema: Gingen dort womöglich russische Spione ein und aus? War es in Wahrheit weniger ein Kulturzentrum, sondern vor allem ein Treffpunkt, um Russlands Einflussnahme auf Deutschland zu organisieren?

Jetzt ist das Haus endgültig in der öffentlichen Wahrnehmung ganz Deutschlands angekommen: Und das hat mit dem Drohnen-Angriff vor ein paar Wochen auf den Leipziger Flughafen zu tun. Unser Russland-Rechercheteam (Silvia Stöber und Alexej Hock) hat zusammengetragen, was zum Russischen Haus relevant ist. Mehr im Thema des Tages.

Gestern hatte ich Sie gefragt: Wie blicken Sie auf die anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt? Hier ein paar Ihrer Antworten. Antje B. meint:

„Der Zug ist abgefahren. Diese und die vorherige Regierung haben m.E. in der AfD-Frage komplett versagt. Merz hat noch einen obendrauf gesetzt, indem er massive Kürzungen missbräuchlich als Reformen verkauft und damit der AfD weitere empörte Wähler ins Netz treibt.“

Anette B. schreibt, sie sei besorgt, weil auch intelligente Menschen in ihrem Bekanntenkreis AfD-Behauptungen ungeprüft wiederholen würden. Einen optimistischeren Blick hat Béatrice H. aus Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt. Sie berichtet von einem Hoffnungskulturfest, das die evangelische Kirche gestern in ihrer Stadt gefeiert hat – mit 2.000 Leuten. „Ich glaube an unser Bundesland!“, schreibt sie.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, und schreiben Sie mir wie immer gern: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Eine steingewordene Provokation, mitten in Berlin

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Zwischen Alkohol und Mitbestimmung von Jugendlichen

Cartoon-Arena: Politische Reaktionen auf den Hitzesommer

Das ist Sachsen-Anhalt: Kulturerbe-Hotspot

Faktencheck: So geht Spanien mit minderjährigen Geflüchteten in Ceuta um

Gute Sache(n): Projekt prüft Transparenz-Bilanz der Regierung • Erklärt: Russlands Terror gegen Indigene • NS-Raubkunst kehrt zu jüdischen Familien zurück

CORRECTIV ganz persönlich: Wir haben Salon5 in Chemnitz eröffnet – ich habe daran mitgearbeitet

Grafik des Tages: Diese Bundesländer schrumpfen weiter

Das Russische Haus ist eine ziemliche Provokation: Es steht mitten in Berlin, nur ein paar Schritte von unserem Bundesdigitalministerium entfernt – doch unsere Bundesregierung hat überhaupt keinen Einfluss darauf, was im Inneren des Hauses passiert, wer dort ein und aus geht, welche Einfluss-Operationen hier womöglich geplant werden.

Was im Haus vermutlich vor sich geht – und was sich derzeit Brisantes tut, steht in unserer aktuellen Recherche:

Das Russische Haus in Berlin soll nach dem Drohnen-Anschlag in Leipzig offenbar geschlossen werden. Foto: picture alliance / Jochen Eckel | Jochen Eckel
Das Russische Haus in Berlin soll nach dem Drohnen-Anschlag in Leipzig offenbar geschlossen werden. Foto: picture alliance / Jochen Eckel | Jochen Eckel

Unser Team hat die Geschichte des Hauses aufwändig und mit vielen Bildern aufgearbeitet, die Lektüre lohnt sich! Im Text stehen neue Erkenntnisse darüber, was genau sich in dem Gebäude abspielt. Und unser Team hat herausgefunden, dass es noch einen bisher unbekannten Ableger gibt.

Der Regierung und den Sicherheitsbehörden ist das Haus natürlich schon lange ein Dorn im Auge. Immer wieder wurde die Möglichkeit diskutiert, Sanktionen gegen die Verantwortlichen zu verhängen. Bisher allerdings konnte – beziehungsweise wollte – Deutschland aber nichts gegen das Treiben hinter den Mauern tun. 

Das ändert sich jetzt allerdings:
Sie haben es vielleicht in den vergangenen Tagen in verschiedenen Medienberichten gelesen: Der Drohnenangriff auf den Leipziger Flughafen hat offenbar bei Bundeskanzler Friedrich Merz und dem Rest der Regierung das Fass zum Überlaufen gebracht. 

Er hat also das bewirkt, was weder Russlands Mordaufträge im Berliner Tiergarten vor ein paar Jahren, noch Sabotageakte auf deutsche Schiffe, noch gezielte Provokationen wie Drohnenüberflüge geschafft haben: Merz und sein Team sind wegen der Leipzig-Aktion offenbar so wütend, dass sie beschlossen haben, jetzt mit Russlands Machthaber Wladimir Putin auf offenen Konfrontationskurs zu gehen.

Heute Nachmittag verkündete Außenminister Johann Wadephul (CDU) bei einer Pressekonferenz in Berlin schließlich die Kündigung des Vertrages des „Russischen Hauses“. Dazu kommen weitere Maßnahmen. So soll unter anderem das russische Generalkonsulat in Bonn zum 18. September geschlossen werden. Zudem soll es verschärfte Einreisekontrollen für russische Staatsangehörige sowie einen erhöhten Druck auf die sogenannte russische Schattenflotte geben. 

Zuvor hatte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) zum ersten Mal Russland für den Drohnenvorfall auf dem Leipziger Flughafen verantwortlich gemacht. „Wir befinden uns nicht im Krieg”, sagte Dobrindt. „Aber wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung.“

Unsere Recherche zeigt:
Das „Russische Haus“ spielt bei einem möglicherweise härteren Kurs gegenüber Russland jedenfalls eine zentrale Rolle. Schon vergangenen Woche berichteten Medien – zuerst der Spiegel –, dass es jetzt Sanktionen gegen die Betreiber geben solle. 

Vielleicht wird das Haus sogar geschlossen. Das wäre eine ziemliche Gegen-Provokation Deutschlands. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Kanzler schließt Zusammenarbeit mit AfD und Linke aus 
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat eine Koalition mit der Linkspartei und der AfD nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ausgeschlossen. Er kritisierte zudem den Wahlkampf der AfD und warnte vor wirtschaftlichen Schäden, sollte die AfD die Mehrheit gewinnen. In Thüringen und Sachsen gibt es allerdings durchaus eine Zusammenarbeit mit der Linken, hier stützen sich beide CDU-Ministerpräsidenten auf Stimmen dieser Partei zur Mehrheitsbildung; auch in Sachsen-Anhalt zeigt sich die Linke dafür offen. 
tagesspiegel.de / deutschlandfunk.de

Russland bombardiert Kiew 
Russland hat in der Nacht erneut die ukrainische Hauptstadt Kiew mit Drohnen und Raketen angegriffen. Nach Behördenangaben starben mindestens zwölf Menschen in Kiew und Umgebung. Die russische Armee hat ihre Angriffe auf die Hauptstadt zuletzt deutlich verstärkt. Die EU-Verteidigungsminister beraten heute in Irland informell über den Ukraine-Krieg. 
fr.de / deutschlandfunk.de

Sprengvorrichtungen an Umspannwerk in Brandenburg gefunden
Am Dienstagmorgen gab es einen Vorfall am Umspannwerk in der Nähe des Kohlekraftwerks Jänschwalde in Südbrandenburg. Einsatzkräfte sollen vor Ort mehrere Vorrichtungen mit Sprengstoff gefunden und diese entschärft haben. Der Kraftwerksbetreiber Leag spricht von einem Anschlag.
maz-online.de

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Die Himmelsscheibe von Nebra. Foto: picture alliance/dpa/Hendrik Schmidt

Denkt man bei Sachsen-Anhalt an Weltkultur, denkt man zuerst wohl an Dessau und das Bauhaus. Nicht zuletzt, weil die AfD der weltberühmten Architekturschule den Kulturkampf angesagt hat. Der Partei bezeichnet es als „Irrweg der Moderne“ und will generell „antideutscher“ Kultur den Riegel vorschieben.

In der aktuellen Debatte geht dabei unter, dass Sachsen-Anhalt gemessen an der Anzahl der Stätten pro Quadratmeter die höchste Dichte an Unesco-Welterbestätten in Deutschland hat. Dazu zählen – neben dem Bauhaus – die Luthergedenkstätten in Eisleben und Wittenberg, der Naumburger Dom, die Altstadt von Quedlinburg und das Gartenreich Dessau-Wörlitz.

Besonders wertvoll unter den Schätzen: die sogenannte Himmelsscheibe von Nebra – die älteste konkrete Himmelsdarstellung der Menschheit. Die nur 32 Zentimeter im Durchmesser große Bronzeplatte ist geschätzt zwischen 3.700 bis 4.100 Jahre alt und im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu bewundern. Die Fundgeschichte ist kurios – Sondengänger fanden die Himmelsscheibe im Sommer 1999 und verkauften sie illegal weiter. Im Februar 2002 stellte die Polizei Basel den Fund sicher, danach kam sie wieder in den Besitz Sachsen-Anhalts. 

Minderjährige Geflüchtete auf Ceuta sollen angeblich in die EU gebracht worden sein, behauptet unter anderem Maximilian Krah
Foto: Ana Lopez / NurPhoto / Picture Alliance

Auf X wird behauptet, dass Geflüchtete in Ceuta sich als minderjährig ausgeben und dann ungeprüft auf europäisches Festland gebracht würden. Dafür gibt es keine Belege.
correctiv.org

So geht’s auch
Wie transparent arbeitet unsere Bundesregierung? Das wollte das Open-Source-Projekt Der Parlamentszusammenfasser (PaZuFa) genauer wissen. Heute hat es deshalb die „Transparenz-Bilanz der Bundesregierung“ vorgestellt. Dafür werteten die Mitwirkenden alle 175 Gesetzentwürfe aus, die die Bundesregierung bis Ende Juni  dieses Jahres im Kabinett beschlossen hat. Geprüft wurde dabei, ob die Regierung ihre eigenen Transparenzregeln einhält. 
pazufa.de

Endlich Verständlich
Im Norden und Osten Russlands leben zahlreiche indigene Gemeinschaften. Doch ihre Gebiete bilden das Zentrum der russischen Wirtschaft: 85 Prozent des Erdgases stammen von dort. Die Folge: Ihre rechtlichen Möglichkeiten, diese Gebiete zu schützen, werden zunehmend eingeschränkt. Dieser Artikel von CORRECTIV.Exile erzählt die Geschichte der indigenen Völker im Konflikt mit dem russischen Staat. 
correctiv.org

Fundstück
Ein Foto führt zur Rückgabe von NS-Raubkunst: Das Bayerische Nationalmuseum gibt zwei spätmittelalterliche Reliefs an die Erben des jüdischen Bankiers Jakob Goldschmidt zurück. Ein Foto dient als Beweis: Es zeigt die beiden Reliefs in Goldschmidts damaliger Villa. Goldschmidt war ein bedeutender Bankier der Weimarer Republik und besaß eine große Kunstsammlung, die er zurücklassen musste, als er in den 1930er Jahren vor den Nazis floh. 
faz.net


„Hereinspaziert“ hieß es letzten Mittwoch zum ersten Mal ganz offiziell in unserer Jugendredaktion Salon5 in Chemnitz. Wir haben unsere Türen geöffnet: für Jugendliche aus Chemnitz und Umgebung, für Menschen aus der lokalen Jugendarbeit, für Lehrkräfte aus Chemnitzer Schulen, für Kulturschaffende, Bildungsinitiativen, Medienvertreter und Stiftungen.

Seit Januar 2025 bauen meine Kolleginnen und ich gemeinsam den Chemnitzer Standort auf, leisten Netzwerkarbeit, geben Medienkompetenz-Workshops auf Jugend-Events und an Schulen. Ein Jahr lang haben wir nach passenden Räumlichkeiten für unser Projekt gesucht, bis wir sie Anfang 2026 endlich gefunden hatten.

In den vergangenen Monaten haben wir mit sehr viel Herzblut die Redaktion aufgebaut und eingerichtet. Die Räume, die noch vor einem halben Jahr grau und kalt waren, haben wir in einen bunten, offenen Space für journalistisch interessierte Jugendliche verwandelt. All das endlich begeistert nach außen hin zeigen zu dürfen, hat mich mit Stolz und Freude erfüllt. Die Gespräche mit unseren Gästen über gemeinsame Projekte haben mich inspiriert und lassen mich enthusiastisch auf alles blicken, was die Zukunft für Salon5 Chemnitz bereithält. Die Jugendlichen haben unser Podcast-Studio erstmalig mit Leben gefüllt und sind vor die Kamera getreten, um zu sagen, was sie sich für unsere Redaktion wünschen.

Am meisten berührt hat es mich am Tag der Feier aber, mein Team um mich herum zu haben und den Erfolg gemeinsam zu feiern. Einige meiner Kolleginnen von Salon5 sind extra aus Bottrop, Hamburg, Greifswald und Dortmund angereist, um uns – das Chemnitzer Team – bei der Eröffnungsfeier zu unterstützen. Die Feier hat meinen Blick geweitet: nicht nur für die Euphorie vieler junger Chemnitzerinnen und Chemnitzer, sondern auch für den aufrichtigen Teamgeist in unseren eigenen Reihen.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.