Politik

Landtagswahl 2026: Video mit AfD-Stimmzetteln zeigt keinen Wahlbetrug in Sachsen-Anhalt

Ein Video erweckt den Eindruck, Briefwahlstimmen für die AfD würden gezielt ungültig gemacht. Doch die Unterlagen sind nicht echt. Es gibt Hinweise auf eine russische Einflusskampagne.

von Caroline Lindekamp

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt - Öffnung Briefwahl-Urnen
Wahlhelfer sortieren Briefwahlumschläge für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (Quelle: Heiko Rebsch / DPA / Picture Alliance)
Behauptung
Ein Video soll angeblichen Wahlbetrug bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigen. Darin öffnet eine Person Umschläge mit ausgefüllten Briefwahl-Stimmzetteln, sortiert die mit Kreuz für die AfD aus und streicht sie durch.
Einordnung
Im Video sind keine echten Briefwahlstimmen zu sehen. Die gezeigten Wahlunterlagen weichen in mehreren Punkten von den amtlichen Vorgaben und Mustern für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ab. Das Video belegt keine Manipulation der Briefwahl.

Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September wurde auf X ein Video verbreitet, das Betrug bei der Briefwahl zeigen soll. Zu sehen ist, wie jemand vermeintliche Briefwahlunterlagen öffnet und die Stimmzettel sortiert. 

Bei einem Stimmzettel mit Kreuz bei der AfD sagt die Person: „Wie lange soll das noch weitergehen?“ Anschließend zieht die Person mit einem schwarzen Stift ein großes Kreuz über den Stimmzettel und sortiert ihn aus. Zu einem Stimmzettel mit Kreuz für eine andere Partei sagt sie: „Die sind okay hier.“ Der englischsprachige Begleittext zu dem Video stellt das Video als einen Beleg für Wahlbetrug dar und zieht die Briefwahl grundsätzlich in Zweifel.

Das Video wurde auch auf Youtube verbreitet – von Accounts, die regelmäßig KI-generierte oder -bearbeitete Videos mit emotionalisierenden oder verzerrenden Inhalten veröffentlichen. Die beiden Videos zur angeblichen Wahlmanipulation wurden insgesamt mehr als 100.000 Mal angesehen. Darin behauptet eine wohl KI-generierte Stimme, „dieser Wahlbetrug wurde nun per Video aufgenommen. Wir haben jetzt die Beweise.“ AfD-Stimmen würden bewusst aussortiert und ungültig gemacht.

Mehrere Details im Video zeigen jedoch, dass das nicht stimmt. Denn darin sind gar keine echten Briefwahlunterlagen zu sehen. Für eine Anfrage war der früheste Verbreiter des Videos, den wir finden konnten, nicht erreichbar.

correctiv.org/Screenshot-X-Post
perma.cc/Youtube-Video-mit-Behauptung


Mehrere Wahlscheine zeigen identische Angaben

Ein erstes auffälliges Detail: Dort steht dreimal der Name Martin Fassbinder. Auch die Wahlscheinnummer „011416“ ist jeweils identisch:. Eine Person kann zwar mehrfach Briefwahlunterlagen anfordern. Wie die Landeswahlleitung erklärt, werden dann aber alle bereits verschickten Wahlscheine als ungültig markiert. Zu diesem Zweck gibt es die Wahlscheinnummern, die eindeutig zuordnenbar sind.

Briefwahl Sachsen-Anhalt: Video zeigt keine Originale
Auf allen drei angeblichen Briefwahlunterlagen stehen der gleiche Name (rot markiert) und die gleiche Wahlscheinnummer (schwarz markiert) (Quelle: X; Screenshot, Collage und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

landesrecht.sachsen-anhalt.de/Wahlordnung
landesrecht.sachsen-anhalt.de/Wahlgesetz


Briefwahlunterlagen entsprechen nicht den amtlichen Vorgaben

Im Video befinden sich außerdem Stimmzettel und Wahlschein im selben offenen weißen Umschlag. Laut Innenministerium Sachsen-Anhalt gehört dort jedoch nur der Stimmzettel hinein und der Umschlag muss zugeklebt werden. Dieser kommt dann gemeinsam mit dem unterschriebenen Wahlschein in den hellroten Wahlbriefumschlag. 

Auch die Faltung der Wahlscheine im Video passt nicht zu den Vorgaben. Laut Landeswahlordnung muss das Papier so beschaffen sein, dass „nach Kennzeichnung und Faltung durch den Wähler andere Personen nicht erkennen können, wie er gewählt hat“. Das Papier der Stimmzettel sollte also genau andersherum gefaltet sein, sodass die nach vorne geklappte Rückseite das Wahlkreuz verdeckt. Im Video sind die gesetzten Kreuze auf den gefalteten Stimmzetteln schon von außen zu erkennen. 

Schließlich ist eine weitere Vorgabe nicht erfüllt, die ihrerseits in der Vergangenheit Gegenstand von Mis- und Desinformation war: Für Stimmzettelschablonen für sehbehinderte Menschen muss laut Landeswahlordnung die rechte obere Ecke des Stimmzettels gelocht oder abgeschnitten sein. Eine entsprechende Markierung fehlt im Video.

sachsen-anhalt.de/faq-zur-landtagswahl
landesrecht.sachsen-anhalt.de
correctiv.org/stimmzettel-mit-abgeschnittener-ecke


Offizielle Musterunterlagen sehen anders aus

Auf dem angeblichen Stimmzettel im X-Video steht, er stamme aus dem Wahlkreis neun Oschersleben-Wanzleben. Die Stadt Oschersleben veröffentlichte auf ihrem offiziellen Instagram-Kanal in einem Erklärvideo zur Briefwahl Muster der dort verwendeten Unterlagen. 

Der Vergleich zeigt weitere Unterschiede: Im X-Video ist der Stimmzettel nur in eine Richtung gefaltet, im Erklärvideo dagegen längs und quer. Auch das Format unterscheidet sich: Der im X-Video gezeigte Umschlag ist länglicher als das Muster im Erklärvideo.

Briefwahl Sachsen-Anhalt: Vergleich Stimmzettel-Muster und Video
Links das offizielle Muster der Briefwahlunterlagen, rechts die angeblichen Stimmzettel aus dem Video (Quellen: Instagram, X; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

instagram.com/Oschersleben-zu-Briefwahl


Behauptung Teil russischer Desinformationskampagne Storm-1516

Neben den Unstimmigkeiten bei den gezeigten Briefwahlunterlagen spricht auch die Art der Verbreitung gegen ein authentisches Video. Julia Smirnova, Senior Forscherin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), sagte uns auf Anfrage, das Video sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit Teil der russischen Kampagne Storm-1516“.

Dafür spreche vor allem, welche Accounts das Video auf X geteilt hätten: Am 4. und 5. September hätten es mehrere reichweitenstarke englischsprachige X-Accounts aus dem Verbreitungsnetzwerk von Storm-1516 veröffentlicht. Dieselben Accounts hätten in den vergangenen Wochen weitere Desinformationsvideos der Kampagne geteilt, darunter Falschbehauptungen über einen angeblichen Rücktritt von Friedrich Merz. 

Storm-1516 ist bereits wiederholt mit Desinformation rund um Wahlen in Deutschland aufgefallen. Wir haben mehrmals über die russische Einflusskampagne berichtet.

cemas.io/julia-smirnova
correctiv.org/faktencheck/keine-vertrauensfrage-von-merz/
correctiv.org/russische-desinformation/


Falschbehauptungen über manipulierte Briefwahl sind nicht neu

Beiträge und Videos als angebliche Belege für Briefwahlmanipulation zum Nachteil der AfD sind nicht neu. Wir berichteten etwa im Juli 2026 über ein ähnliches Video, in dem vermeintliche AfD-Stimmen geschreddert wurden. Auch in diesem Fall waren die gezeigten Briefwahlunterlagen gefälscht. Im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt wurden wiederholt Behauptungen verbreitet, die Briefwahl sei unsicher und anfällig für Manipulation. Wir haben zusammengetragen, wie sie geschützt wird und warum Fachleute von ihrer Relevanz überzeugt sind.

correctiv.org/video-zeigt-kein-schreddern-von-afd-stimmen
correctiv.org/so-wird-die-briefwahl-geschützt


Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redigatur: Sara Pichireddu; Matthias Bau