„Richterin des Grauens“, „linksradikale Aktivistin“, „radikale Feministin“ – Mit solchen Darstellungen hat das Online-Portal Nius laut Expertinnen und Medienberichten vergangenes Jahr eine Rolle im Scheitern der Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin gespielt. Ein Datenleck aus der Redaktion zeigt nun, wie Nius offenbar davon profitierte: Während das vom früheren Bild-Chefredakteur Julian Reichelt geführte Portal im Juli und August 2025 eine Reihe von Artikeln zu Brosius-Gersdorf veröffentlichte, stieg die Abonnenten-Zahl des Mediums im Vergleich zu Vormonaten stark an.
CORRECTIV hatte Einblick in das Datenleak von Nius. Neben den Namen von Mitarbeitenden und Lesern sowie über 20.000 Berichten des Portals umfasst der Datensatz Informationen über die Entwicklung der Abo-Zahlen: Während der Berichterstattung über Brosius-Gersdorf im Juli 2025 gewann die Publikation etwa 1.700 Abonnenten hinzu, im August waren es weitere rund 1.000 neue Nutzer. In den Monaten zuvor waren es einige wenige Hundert Abos.
Der Fall Brosius-Gersdorf zeigt laut Experten exemplarisch, wie Frauen in der Öffentlichkeit attackiert werden. Andere Beispiele sind die frühere Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und auch die langjährige Kanzlerin Angela Merkel (CDU).
Was war bei Brosius-Gersdorf geschehen?
Im Juli vergangenen Jahres sollte die Staatsrechtlerin Brosius-Gersdorf auf Vorschlag der SPD zur Verfassungsrichterin gewählt werden. Die Wahl scheiterte, nachdem Fraktionsmitglieder der CDU/CSU der Kandidatin kurz vor der für den 11. Juli angesetzten Wahl ihre Unterstützung entzogen. Die Unionsfraktionsspitze hatte ihre Zustimmung zuvor noch zugesagt. Die Kritik an Brosius-Gersdorf fokussierte sich auf ihre angeblichen Positionen etwa zu Abtreibungsrecht oder einem AfD-Verbot, später ging es um inzwischen widerlegte Plagiatsvorwürfe.
Im August zog Brosius-Gersdorf dann ihre Kandidatur zurück. In einem kürzlich erschienen Buch schreibt sie: „Abgeordnete sind Desinformations- und Diffamierungskampagnen aufgesessen, die sich Bahn gebrochen haben, zur Herzkammer der Demokratie, zum Parlament.“ Maßgeblich beteiligt am Scheitern der Wahl war laut Expertinnen und Berichten eine Kampagne unter Beteiligung rechter Alternativmedien, in der viele ihrer Positionen verzerrt oder falsch wiedergegeben wurden. Nius veröffentlichte Dutzende Artikel zu Brosius-Gersdorf: Im aktuellen Datenleck finden sich fast 50 Beiträge, die im Juli und August 2025 veröffentlicht wurden.
Nius-Chefredakteur Julian Reichelt bezeichnete sie auf X als „Frau mit links-lebensfeindlichem Gedankengut“, als Extremistin, die „die Opposition verbieten“ – gemeint ist ein mögliches Verbot der AfD – wolle und „eine erkennbare Feindin der Meinungsfreiheit“. In einem Kommentar stellte Reichelt die geplante Wahl Brosius-Gersdorfs später als Entscheidung für einen „links-ideologischen Todeskult“ dar – und appellierte an Unionsabgeordnete, gegen die Kandidatin zu stimmen. Brosius-Gersdorf wolle die Abtreibung bis kurz vor der Geburt straffrei stellen. Sie stehe dafür, „neun Monate alten Babys im Bauch“ die Menschenwürde abzusprechen.
Diese Behauptungen stützten Reichelt und Nius unter anderem auf einzelne, aus dem Kontext genommene Zitate aus rechtswissenschaftlichen Texten, Stellungnahmen und Gutachten Brosius-Gersdorfs, beziehungsweise solchen, die unter ihrer Mitarbeit entstanden.
Brosius-Gersdorf widersprach diesen Darstellungen durch ihre Anwälte: Der Vorwurf, sie trete für einen Schwangerschaftsabbruch bis zur Geburt ein, sei falsch und entbehre jeder Grundlage, ihre Veröffentlichungen ließen sich auch nicht dahingehend missverstehen.
Brosius-Gersdorf ist für Experten kein Einzelfall
Für Kristina Wilfore, Direktorin bei Reset Tech, einer Organisation, die sich für eine stärkere Regulierung großer Technologiekonzerne einsetzt, ist die gescheiterte Wahl Brosius-Gersdorfs ein Beispiel dafür, wie rechte Akteure Online-Kampagnen organisieren, um demokratische Institutionen anzugreifen. „Angriffe auf Frauen in Führungspositionen sind eine bekannte Taktik, die rechtsextreme und illiberale Akteure weltweit im Internet einsetzen, um ihre Gegner zu untergraben und demokratische Prozesse zu stören“, sagte Wilfore auf Anfrage von CORRECTIV.
Wilfore hat in den vergangenen Jahren solche Kampagnen analysiert, etwa während der Bundestagswahlen 2021.
Brosius-Gersdorf selbst sagte dem RBB, dass Frauenfeindlichkeit beim Scheitern ihrer Kandidatur eine Rolle gespielt habe. Das Kernproblem sei aber die Politisierung der Wahl gewesen.
Wie die Wahl der Professorin verhindert wurde, lässt sich nachzeichnen. Am 30. Juni 2025 berichtet die FAZ über die Vorschläge für die Bundesverfassungsrichter. Der Autor schreibt in dem Bericht, die Wahl Brosius-Gersdorfs könne die Rechtsprechung des höchsten Gerichts zur Abtreibung beeinflussen. Wenige Tage zuvor hatte ein konservativer Rechtswissenschaftler aus Heidelberg im Wikipedia-Eintrag zu Brosius-Gersdorf eine Passage zu ihrer Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen ergänzt, wie T-Online berichtete. Am 1. Juli wird der FAZ-Bericht vom Portal Apollo News aufgegriffen. Diesen Beitrag teilte Nius-Chef Reichelt mit den Worten „Muss verhindert werden!“ – seinen Beitrag teilt wiederum AfD-Chefin Alice Weidel.
„Es war der erste Dominostein.“
Nius selbst schreibt später zum Text von Apollo News: „Es war der erste Dominostein.“ Am 2. Juli veröffentlicht die FAZ einen Text über CDU/CSU-Abgeordnete, die Brosius-Gersdorf nicht wählen wollen. Nius greift das Thema in einem eigenen Beitrag auf. Dutzende weitere Beiträge folgen. Allein am Tag vor der geplanten Wahl, dem 10. Juli, veröffentlicht Nius sechs Artikel zu Brosius-Gersdorf. Nius schreibt dazu selbst in einem Beitrag: „Dann vertiefte Nius die Debatte in mehreren Artikeln, die auf große Resonanz stießen. Immer mehr CDU-Abgeordnete kamen zu dem Schluss, dass die Personalie nicht mehr konsensfähig sei.“
Neben der umfangreichen Berichterstattung formierte sich Widerstand durch andere Akteure. 1000plus, ein Projekt, dass sich gegen Abtreibungen einsetzt, stellte am 9. Juli ein Tool online, mit dem automatisch E-Mails versandt werden konnten, die sich gegen die Wahl der Kandidatin aussprechen.
Julian Reichelt bewirbt das Tool in einem Nius-Beitrag. Nach eigenen Angaben von 1000plus wurden darüber mehr als 38.000 E-Mails an CDU/CSU-Abgeordnete verschickt. Gründer Kristijan Aufiero schreibt später in einer Mitteilung, es „liegen zuverlässige Informationen vor“, dass die Aktion „der ausschlaggebende Grund“ für das Scheitern von Brosius-Gersdorfs Kandidatur gewesen sei.
Laut einer Analyse des Thinktanks Polisphere, für die auch mehr als 40.000 Beiträge auf X betrachtet wurden, lag der Fokus der Kampagne zunächst auf Behauptungen, dass die Kandidatin ein AfD-Verbot befürworte, „erst später wurde Abtreibung präsenter, nachdem klar wurde, dass hier mehr Mobilisierungspotenzial (auch innerhalb der Unionsfraktion) herrscht.“ Alternative Medien wie Nius hätten sich sowohl direkt mit ihren X-Accounts beteiligt und „dienten außerdem als wichtige Content-Quellen für andere Akteure.“
Forscherin Wilfore sieht auch soziale Netzwerke und Plattformen in der Verantwortung. Die unzureichende Regulierung digitaler Plattformen sei ein zentrales Thema. „Lassen Sie uns die Schuld dort suchen, wo sie hingehört – bei den digitalen Plattformen in ausländischem Besitz und unter ausländischer Leitung, die keine angemessene Aufsicht und Produktsicherheit gewährleisten, aber dennoch freien Zugang zum deutschen Markt erhalten“, sagte die Expertin.
Dass Abtreibung das zentrale Thema bei der Kampagne gegen Brosius-Gersdorf war, überrasche sie nicht: „Dieses Thema wurde gewählt, um Algorithmen auszunutzen, die sensationelle, emotional aufgeladene Erzählungen begünstigen“. Durch Verzerrungen werde Empörung hervorgerufen, um Viralität zu erzeugen und ein großes Publikum zu erreichen, „ohne dass dabei eine Kontrolle stattfindet oder der Wahrheit Rechnung getragen wird.“
Den Abo-Zahlen hat die Berichterstattung über Brosius-Gersdorf offenbar einen Auftrieb gegeben. Vergleichbare Zuwächse verbuchte Nius auch im Zuge der Berichterstattung über Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sowie über Daniel Günther, den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein.
Redaktion: Martin Murphy
Faktencheck: Alexej Hock
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