
Liebe Leserinnen und Leser,
haben Sie eigentlich gedient? Wenn Sie männlich und ein eher älteres Semester sind, könnte diese Frage Erinnerungen bei Ihnen wachrufen – an Morgenappelle, stramm stehen, körperliche Ertüchtigung – und daran, dass die Bundeswehr früher eben ein reiner Männerverein war.
Das ist aber vorbei! Beziehungsweise: Es müsste bald vorbei sein. Die Truppe soll massiv aufgestockt werden, von derzeit rund 190.000 auf 260.000 Berufssoldaten – und -soldatinnen (plus rund 200.000 Reservisten). Genau: Damit dieser ehrgeizige Wachstumsplan aufgeht, werden Frauen gebraucht. Es gibt aber ein Problem. Die Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten steigen immer weiter. Mehr im Thema des Tages.
Außerdem kam aus unserem Team heute dies: Seit ein paar Tagen kennt mehr oder weniger jeder in Deutschland den bis dahin vielen unbekannten Namen Gernot Döllner. Das ist der Chef der Automarke Audi – dessen Wahlkampf-Auftritt mit Donald Trump für Aufregung sorgte. Unser Reporter Martin Murphy hat recherchiert, wie es zu dem merkwürdigen Auftritt kam.
Morgen gehen in mehreren deutschen Städten Jugendliche auf die Straßen. Sie demonstrieren dagegen, dass ihnen immer mehr abverlangt wird, dass sie aber immer weniger vom Staat bedacht werden. Es besteht allerdings auch die Sorge, dass extreme Gruppen versuchen, die für Proteste zu kapern. Darum geht es morgen im Samstags-SPOTLIGHT – und wir beobachten für Sie die aktuellen Ereignisse.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Und schreiben Sie mir wie immer gerne: anette.dowideit@correctiv.org.
Thema des Tages: Sexuelle Übergriffe bei der Bundeswehr
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Neueste CORRECTIV-Recherchen: So kam es zum Wahlkampf-Auftritt vom Audi-Chef • CORRECTIV.Schweiz: Neue Untersuchung gegen Basler Ruder-Trainer
Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Das Ende der rechten Welle?
CORRECTIV Events: Ich traf meinen Mörder
Faktencheck: Open File: Martinszug abgesagt? Kita-Brief wirft Fragen auf
Wie räumt man in einem Laden auf, in dem männliches Dominanzverhalten seit Jahrzehnten mehr oder weniger zum Geschäftsmodell gehört? Nein, ich meine damit nicht die CDU. Sondern die Bundeswehr.
Zuletzt berichteten verschiedene Medien über krasse Vorfälle in der Truppe:
- Das ARD-Politikmagazin Report Mainz zeigte in einer Reportage, dass es immer wieder zu sexuellen Übergriffen an Soldatinnen kommt und wie Vorgesetzte die Täter geschützt haben sollen.
- Der Spiegel berichtete von einem perversen Wettbewerb in der Kaserne Weißenfels in Sachsen-Anhalt, wo Soldaten darum wetteiferten, wer mit den meisten Kolleginnen Sex hatte.
- Und die FAZ stellte vor einiger Zeit zusammen, wie absurd es beim Fallschirmjägerregiment in rheinland-pfälzischen Zweibrücken zuging: Vergewaltigungsphantasien, Nazi-Tümelei, Kokainkonsum.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gerät dann jedes Mal aufs Neue in Erklärungsnot, die Bundeswehr gelobt stets Besserung und hat auch schon einige Maßnahmen auf den Weg gebracht: Man setze auf einen „Dreiklang“ von Prävention, Aufklärung und Sanktionierung sowie verantwortlichem Führen.
Wir haben nachgefragt, was das gebracht hat:
Minou Becker und Karolin Arnold aus unserem Nachrichtenteam haben beim Bundesverteidigungsministerium nachgefragt: Wie hat sich denn die Zahl der Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten bei der Bundeswehr zuletzt entwickelt?
Das Ergebnis erstaunte uns selbst. Nachzulesen ist es in unserem heute erschienenen Text.

Das Kernergebnis:
2026 gibt es einen neuen Höchststand. Bis zum Stichtag im Oktober wurden in diesem Jahr bereits 518 Verdachtsmeldungen registriert.
Insgesamt wurden zwischen 2021 und 2025 1.965 Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten gemeldet. Darunter fielen unter anderem mutmaßliche Taten wie: sexuelle Übergriffe, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung.
Und jetzt?
Wir haben den Wehrbeauftragten der Bundesregierung befragt, Henning Otte (CDU). Er sagte uns:
„Diese Entwicklung muss für den Dienstherrn ein klarer Handlungsauftrag sein und zur Chefsache erklärt werden. Jeder Fall ist einer zu viel.“
Das Verteidigungsministerium schrieb uns, welche Maßnahmen dort aktuell geplant seien: Unter anderem solle es ab November eine unabhängige Anlauf- und Meldestelle geben, die Betroffenen rund um die Uhr zur Verfügung stehen soll.
Das tut auch deshalb Not, weil längst nicht jeder Fall überhaupt gemeldet wird und somit in die offizielle Statistik einfließt. Deshalb hatte Ottes Amtsvorgängerin Eva Högl (SPD) bereits 2024 eine Dunkelfeldstudie zu sexualisierter Gewalt in der Bundeswehr angestoßen. Die Ergebnisse sollen noch in diesem Jahr vorgestellt werden.
Unter dem Strich …
… bleibt die Frage, ob die geplanten Maßnahmen ausreichen, um aus der Bundeswehr in den kommenden Jahren einen sicheren Ort für alle zu machen. Auch und besonders für Frauen.
Für den Wehrbeauftragten Otte hängt davon auch die Zukunft der Bundeswehr ab: Damit sie wachse, müssten sich mehr Frauen verpflichten. Er betont: „Das wird nur gelingen, wenn Frauen darauf vertrauen können, dass sie in der Bundeswehr respektiert werden, vor Übergriffen geschützt sind und sich sicher fühlen können.“
Nach Auszählung aller Stimmen in Israel: Patt-Situation bleibt bestehen
Nach der vollständigen Auszählung der Stimmen bei der Parlamentswahl in Israel bleibt ein klarer Sieger aus. Weder die bisherige Regierungskoalition unter Benjamin Netanjahu noch das Oppositionslager von Gadi Eisenkot erreichten eine absolute Mehrheit. Beide Seiten wären auf die Unterstützung der arabischen Parteien angewiesen, die ein historisch gutes Ergebnis erzielten. Doch sowohl Netanjahu als auch Eisenkot lehnen eine Zusammenarbeit bislang ab.
euronews.com
Kanada und EU wollen Zusammenarbeit vertiefen
Zum Abschluss des EU-Kanada-Gipfels in Montreal vereinbarten Kanada und die EU, ihre Kooperation zu vertiefen. In den Bereichen Energie, Klimaschutz, Technologie und Sicherheit soll die Politik enger abgestimmt werden. Zudem plant Kanada, sich an mehreren EU-Programmen zu beteiligen, etwa in den Bereichen Forschung, Bildung und Verteidigung. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begrüßte die Pläne auf X.
deutschlandfunk.de / rnd.de
Neue Debatte überschattet Regierungsbildung in Berlin
Eine neue Debatte um die Berliner Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp überschattet die Regierungsbildung. Der Spiegel veröffentlichte interne Notizen von Eralp, in denen sie ihre Sorge äußerte, dass sie und ihre Familie gefährdet sein könnten, falls sie sich klar gegen einen bekannten Hamas-Sympathisanten positioniere. Eralp verteidigte ihre Haltung in einem Video und erhielt Unterstützung von der Grünen-Bundesvorsitzenden Franziska Brantner.
tagesschau.de

Neueste CORRECTIV-Recherchen

Inside VW: Der Machtkampf hinter Döllners Trump-Auftritt
Audi-Chef Gernot Döllner ließ sich von US-Präsident Donald Trump als Wahlhelfer einspannen. Wie kam es dazu?
correctiv.org
CORRECTIV.Schweiz: Neue Untersuchung gegen Basler Ruder-Trainer
Gegen den Headcoach des Basler Ruder-Clubs sind erneut Meldungen bei der nationalen Beschwerdestelle eingegangen. Der Club wird finanziell von den beiden Basel unterstützt.
correctiv.org

Bei zwei großen internationalen Wahlen haben die autoritären Kandidaten verloren. Sowohl in Serbien als auch in Brasilien gingen den Erfolgen Proteste und Online-Mobilisierung der Generation Z voraus. Christoph Sieber schaut darauf, wie das überhaupt funktioniert hat und was die Bewegungen mit denen in Frankreich, Albanien und Indien gemeinsam haben.
funfacts.de

CORRECTIV Events

Anette Dowideit über ihr Buch „Ich bin doch kein Rassist, aber …“, Hamburg
Unsere CORRECTIV-Chefredakteurin Anette Dowideit ist aktuell auf Buchtour: Am 1. November liest sie in Hamburg aus ihrem neuen Buch „Ich bin doch kein Rassist, aber …“ und möchte darüber diskutieren, wie eine ehrliche Debatte über Migration gelingen kann.
Ticket
Equal Partners: Cross-Border Investigative Journalism Between Ukraine and the EU, Berlin
Wie können ukrainische und europäische Journalisten gemeinsam Missstände aufdecken? Was braucht es für erfolgreiche grenzüberschreitende Recherchen? Darüber diskutieren ukrainische und deutsche Journalisten am 3. November im Publix Berlin.
Anmeldung
Ich traf meinen Mörder, Berlin
Ein Mann erhält den Auftrag, den Journalisten Can Dündar zu ermorden – Jahre später will er mit seinem einstigen Opfer sprechen. Am 4. November spricht Can Dündar in Berlin über diese Begegnung und über seine Recherchen und Enthüllungen. Die Veranstaltung findet auf Türkisch statt und wird für deutschsprachige Gäste live simultan ins Deutsche übersetzt.
Ticket

Die Details sind spärlich: Wir wissen nicht, um welche Kita es geht oder wo sie sein soll. Vielleicht schickten uns gerade deswegen schon mehrere Menschen diesen Brief über Whatsapp. Auf einem abfotografierten Zettel, adressiert an die Eltern, heißt es, dass es dieses Jahr keinen Sankt-Martins-Umzug in der Kita geben soll. Man wolle „aufgrund anderer Religionen und Kulturen und aus Respekt vor allen Familien dies nicht mehr feiern“.
Die Formulierung liest sich seltsam, mehr aber auch nicht. Der Standort und der Name der Kita sind verpixelt. Doch ist das Schreiben überhaupt echt?
Das wollen wir gemeinsam mit Ihnen herausfinden. Haben Sie dieses Schreiben auch schon gesehen? Oder kennen Sie sogar Kitas, in denen der Sankt-Martins-Umzug abgeblasen wurde? Dann machen Sie bei der Recherche mit, damit wir noch vor dem Martinstag aufklären, was hinter dem Brief steckt.
Sie haben Hinweise oder möchten selbst Fakten sammeln? Recherchieren Sie gemeinsam mit uns im CORRECTIV.Faktenforum!
So geht’s auch
Beim Schutz und Wiederaufbau geschädigter Ökosysteme gibt es Fortschritte. Das zeigt ein Bericht der UNO. In 149 Ländern regenerieren sich etwa 250 Millionen Hektar Land. Bis 2030 will die UN eine Milliarde Hektar wiederherstellen. Doch Experten warnen: Die bisherigen Bemühungen reichen nicht aus. Es brauche mehr Geld.
deutschlandfunk.de
Endlich verständlich
Welche Rechte haben Minderjährige, wenn ihre Familien abgeschoben werden? Mit dieser Frage hat sich unsere Jugendredaktion Salon5 beschäftigt. Ruhaim Rouf, 15 Jahre alt, erlebte es selbst: Sein Vater und seine Schwester wurden nach Sri Lanka abgeschoben, er fand vorübergehend Schutz in einer Kirche in Duisburg. Was Kirchenasyl bewirken kann, welche Rolle Härtefallkommissionen spielen und worauf Behörden achten müssen, erfahren Sie im Beitrag von Salon5 auf Instagram.
instagram.com
Fundstück
Auf der griechischen Insel Syros können Auserwählte einen Monat kostenlos wohnen – wenn sie sich um die dortigen Katzen kümmern. Die Katzensitter sollen die Tiere auf spätere Adoptionen vorbereiten und werktags betreuen. Das Projekt sucht noch vier Helferinnen oder Helfer, die zwischen Juli und Dezember 2027 Katzen knuddeln möchten. Bewerbungen sind ab dem 1. November möglich.
watson.de / syroscats.com
Letzte Woche gab es eine Premiere für mich als Veranstalterin: 100 Prozent der angemeldeten Gäste sind gekommen! Und zwar zum ersten Netzwerktreffen von „Theater und Journalismus“.
Am 23. und 24. Oktober habe ich das Auftakttreffen des neuen Netzwerks eineinhalb Tage lang moderiert. Die Stimmung war offen. Wir lachten über die Eigenheiten unserer jeweiligen Arbeitswelten und diskutierten: Was braucht ein Text? Wann braucht es Komplexität, wann Zuspitzung? Wie verändert sich unser Arbeitskontext und welche Formen der Zusammenarbeit stärken uns?
Wir haben in den Gesprächen gemerkt, dass Menschen aus dem Theater und dem Journalismus manchmal dieselben Wörter benutzen, aber nicht genau dasselbe meinen. Ein Beispiel: Faktencheck. Mit meiner CORRECTIV-Kollegin Frida Thurm und Kollege Jean Peters habe ich darüber gesprochen, dass wir nicht nur Zahlen und Daten prüfen. Wir fragen auch: Trägt das Material die Aussage? Deshalb hinterfragen und verändern wir Texte manchmal noch kurz vor der Veröffentlichung. Im Theater gibt es ähnliche Momente: Auch in den letzten Proben kann sich noch einiges verschieben.
Um diese Gespräche geht es uns: Wir wollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser verstehen und daraus Neues entwickeln. Im Dezember trifft sich das Netzwerk in Köln wieder. Dann wollen wir aus den Ideen erste konkrete Bühnenprojekte machen.

Die Ölknappheit lässt die Preise steigen – das kennen alle, die mit dem Auto fahren, aus eigener Erfahrung an der Zapfsäule. Ursache für die aktuelle Preisentwicklung ist der Krieg im Iran und die damit verbundenen Blockaden etwa in der Straße von Hormus. Doch nicht für alle sind solche Krisen ein Problem. Für Fossilkonzerne wie Shell scheint er eine gute Chance, um Rekordgewinne einzufahren: Es sind die zweithöchsten Quartalsgewinne überhaupt. Denn einerseits ermöglicht die Nachfrage nach Alternativen zu den blockierten Rohstoffen ein gutes Geschäft. Andererseits steigen die Gewinnmargen ohnehin. Die Rekordgewinne sorgen auch dafür, dass hierzulande die Debatte um eine Übergewinnsteuer für Konzerne neuen Wind bekommt. Wo es eine solche Steuer bereits gab oder noch gibt, haben wir vor einigen Wochen in dieser Grafik gezeigt.
wiwo.de
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Minou Becker, Tristan Devigne, Till Eckert und Sebastian Haupt.
CORRECTIV arbeitet anders
Investigativer Journalismus braucht Zeit, Ausdauer und Geld. Gerade die wichtigsten Recherchen sind oft die aufwendigsten: langwierig, kompliziert, unbequem. CORRECTIV kann dranbleiben, weil Menschen wie Sie uns unterstützen – unabhängig, gemeinwohlorientiert und spendenfinanziert.


