Die nationale Beschwerdestelle Swiss Sports Integrity (SSI) untersucht wieder Vorfälle, in die der Headcoach Daniel Blaser des Basler Ruder-Clubs (BRC) involviert ist. Das zeigen neue Recherchen von CORRECTIV.Schweiz und Bajour.
Junge Athletinnen und Athleten beklagten sich kürzlich gegenüber Bajour über Verletzungen nach Trainings, psychischer und physischer Gewalt sowie Machtmissbrauch. Ruder-Coach Blaser wies die Vorwürfe zurück.
Der Basler Ruder-Club (BRC) erzielte unter dem Headcoach Daniel Blaser grosse Erfolge. Doch mehrere junge Athletinnen und Athleten litten unter seinen Methoden. Das Basler Onlinemedium Bajour sprach mit zahlreichen ehemaligen und aktiven Sportleuten. Sie berichten von exzessiven Trainingsmethoden, unverhältnismässiger Einmischung ins Privatleben sowie von psychischer und teilweise physischer Gewalt sowie Machtmissbrauch. Bei der offiziellen Beschwerdestelle Swiss Sport Integrity (SSI) gingen bereits mehrere Meldungen gegen den Coach ein. Bisher wurden jedoch von der SSI keine Ethik-Verstösse festgestellt. Blaser wies die Vorwürfe zurück.
Nun liegt uns eine E-Mail der Beschwerdestelle vor. Das Schreiben bestätigt, dass erneute Untersuchungen gegen Blaser und den Verein eingeleitet wurden. Auf Anfrage von CORRECTIV.Schweiz will sich SSI nicht dazu äussern. Man könne weder über eingegangene Meldungen noch zu laufenden Verfahren oder konkreten Verfahrensdetails Auskunft geben, so die Beschwerdestelle.
„Tätliche Auseinandersetzung“ mit einem Vater
SSI untersuchte bereits andere Meldungen, die gegen Blaser eingingen. Bisher jedoch ohne Feststellung eines Ethik-Verstosses. Dabei wurden Blaser und ein Vater eines Athleten offenbar sogar handgreiflich.
„Tätliche Auseinandersetzung wurde von mehreren Junior*innen (…) beobachtet.“ ehem. BRC-Präsident Christoph Socin, (E-Mail-Auszug)
In einer E-Mail, die uns vorliegt, schrieb der damalige Ruder-Club-Präsident Christoph Socin an die beiden Beteiligten: „Wir haben erfahren, dass es zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen euch beiden gekommen ist, welche von mehreren Junior*innen und weiteren Personen beobachtet wurde.“
Ein solches Verhalten werde auf keinen Fall toleriert – ganz egal, was der Anlass sei, schreibt Socin weiter in der E-Mail. „Sollte sich ein solcher Vorfall wiederholen, ziehen wir den Einbezug der Präventionsstelle Gewalt der Kantonspolizei Basel-Stadt in Erwägung.“
Kein Verstoss gegen Ethik-Statut?
Die Beschwerdestelle untersuchte auch diesen Vorfall. Gemäss einem internen Bericht hat sie dabei keinen Ethik-Verstoss festgestellt – obwohl das Ethik-Statut des Schweizer Sports klar besagt: Jede Handlung, die die körperliche Gesundheit eines anderen Menschen schädigt oder schädigen kann, ist ein Verstoss.
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Annemarie Lüthy ist die Ethikbeauftragte des Ruderverbandes Swiss Rowing, zu dem auch der BRC gehört. Sie bestätigt auf Anfrage, dass der Verband über laufende Verfahren informiert worden sei. „Das Ethik-Statut von Swiss Olympic ist für Swiss Rowing verbindlich“, sagt sie. „Es gilt auch für die uns angeschlossenen Mitglieder.“ Der Verband halte sich an die Vorgaben des Statuts. Für die Feststellung eines Ethik-Verstosses sei jedoch die Beschwerdestelle SSI verantwortlich, so Lüthy.
Warum also wurde etwa die tätliche Auseinandersetzung nicht als Verstoss gewertet? Diese Frage bleibt von der Beschwerdestelle wie auch vom Verband unbeantwortet. Auch Blaser selbst geht nicht auf unsere Fragen zu diesem Fall sowie den neuen Untersuchungen ein.
Er schreibt lediglich, dass bisher keine Ethik-Verstösse festgestellt wurden und es allen freistehe, eine Meldung beim SSI zu machen. Und weiter: „Ob die Anschuldigungen wahr oder frei erfunden sind, sei dahingestellt.“
Haben die Behörden richtig kontrolliert?
In den letzten drei Jahren wurde der Basler Ruder-Club mit mindestens 235’000 Franken von den Sportämtern beider Basel unterstützt. Allein im vergangenen Jahr wurden davon über 50’000 Franken verwendet, um neue Boote und Zubehör zu kaufen.
Bund und Kantone müssen laut Sportförderungsverordnung sicherstellen, dass Vereine nur dann finanzielle Unterstützung erhalten, wenn sie die Prinzipien der Ethik-Charta umsetzen. Zusätzlich müssen die Vereine Massnahmen ergreifen, um Fehlverhalten zu verhindern oder zu korrigieren.

Eine mögliche Massnahme der Behörden wäre die Kürzung oder Rückforderung von bereits gesprochenen oder ausbezahlten Beträgen. Derzeit wird die Swisslos-Sportfonds-Verordnung des Kantons Basel-Stadt revidiert. Dabei soll auch geklärt werden, ob Beiträge in Zukunft gekürzt oder zurückgefordert werden könnten.

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Gelder kürzen: in Baselland schon möglich
Dies ist im Kanton Basel-Landschaft bereits der Fall. So steht es im kantonalen Gesetz für die Sportförderung. Bisher sei jedoch das Gesetz nie angewendet worden, so das Sportamt Basel-Landschaft auf Anfrage. Zudem: Die Behörden würden gar nicht über laufende Verfahren informiert. Erst wenn die Untersuchung abgeschlossen ist, erfahren sie davon vom Verein, so die Sportämter beider Basel. Die Begründung: ungeklärte Fragen zum Datenschutz.
Das heisst: Falls die Beschwerdestelle bei den neuen Untersuchungen Ethik-Verstösse feststellt, könnte der Regierungsrat von Basel-Landschaft bereits gesprochene BRC-Beiträge kürzen oder zurückfordern.

Die grösste finanzielle Unterstützung für den Ruder-Club stammt in den letzten Jahren jedoch aus dem Swisslos-Sportfonds des Kantons Basel-Stadt. Hier entscheidet eine Kommission darüber, wer Geld erhält. Das neunköpfige Gremium wird vom Regierungsrat gewählt. Als Präsident amtet Erziehungsdirektor Mustafa Atici (SP).
Die anderen Mitglieder stellen Behörden und Sportvereine. Einer davon: der ehemalige Ruder-Club-Präsident Christoph Socin. In einem SSI-Untersuchungsbericht wird dieser wie folgt zitiert: „Wenn er Resultate bringt, dann stimmen für mich die Trainings.“ Aber auch: „Dani Blaser ist sicher einer, der auch mal explodiert“.
Mitglieder der Kommission müssten bei Befangenheit in den Ausstand treten, so das zuständige Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt auf Anfrage.
Wer hat die Macht im Basler Ruder-Club?
Innerhalb des Vereins scheint Blaser Rückhalt zu haben, sagen Athletinnen und Athleten sowie ihre Eltern. Auch Christoph Socin stützte den Headcoach jeweils.
„Logischerweise hat er Macht. Er heisst ja ‘Headcoach’.“
ehem. BRC-Präsident Christoph Socin
Der ehemalige Präsident des Basler Ruder-Clubs hält gegenüber Bajour fest: „Logischerweise hat er (Blaser, Anm. d. Red.) Macht. Er heisst ja ‘Headcoach’.“ Er habe die Kompetenz, über Trainingsmethoden zu entscheiden.
Das scheint nicht allen zu passen: Einige Mitglieder sowie Athletinnen und Athleten verliessen den Verein bereits. Kürzlich gab auch der aktuelle BRC-Präsident Dejan Despotović seinen Rücktritt bekannt. Unter anderem wegen „unterschiedlichen Auffassungen zur Clubführung innerhalb der Kommission“, wie aus einer internen E-Mail hervorgeht. Ein Elternteil sagt gegenüber Bajour: „Wer kritische Fragen stellt, muss gehen.“

Der Ruder-Club hat wohl einiges aufzuarbeiten. Das zeigen die neuesten Untersuchungen. Missbrauch im Sport ist keine Seltenheit. Auch im Rudersport kam es bereits im vergangenen Jahr zu einem Eklat. Der ehemalige Trainer des Nationalteams, Ian Wright, wurde wegen ungesundem Trainingsklima und harter Methoden kritisiert, wie die Luzerner Zeitung berichtete.
Schliessen sich Leistung und Ethik gegenseitig aus?
Die Frage stellt sich, wie ein Training im Leistungssport auf höchstem Niveau gestaltet wird, das gleichzeitig ein ethisches Verhalten gegenüber Athletinnen und Athleten gewährleistet. Und auch, welche Verantwortung die Behörden wahrnehmen sollen.
Wie im Fall des Nationalteams wird im Spitzensport oft Machtmissbrauch kritisiert, Konsequenzen gibt es allerdings selten. So schützte der Direktor des Verbandes Swiss Rowing, Christian Stofer, den Headcoach Ian Wright immer. Bereits Jahre zuvor hatten sich etliche Athletinnen und Athleten an die nationale Beschwerdestelle gewandt. Trotz einjähriger Untersuchung und Kritik an den Methoden des Trainers, blieb dieser ohne Konsequenzen im Amt. Mittlerweile hat Wright den Ruderverband auf eigenen Wunsch verlassen.
Gesetzlich sind Sportvereine verpflichtet, die Ethik-Charta durchzusetzen, wenn sie von den Behörden finanziell unterstützt werden. Diese hätten mehr Spielraum, ihre Kontrollverantwortung wahrzunehmen, wenn sie über laufende Verfahren und Untersuchungen informiert würden. Mehrere ähnliche Meldungen zu einzelnen Personen könnten den Behörden auch Hinweise darauf geben, dass allenfalls etwas aus dem Ruder läuft.
Diese Recherche wurde finanziell unterstützt vom LokalHub.
Der LokalHub fördert investigative Recherchen im Lokalen. Die Recherche-Organisationen CORRECTIV.Schweiz, REFLEKT und WAV Recherchekollektiv setzten gemeinsam mit Lokaljournalistinnen und -journalisten relevante Recherchen um.
Text & Recherche: Sven Niederhäuser, Valerie Zaslawski (Bajour)
Redaktion: Marguerite Meyer
Faktencheck: Hanna Fröhlich
Bilder: Ivo Mayr, Dominik Asche
Kommunikation: Charlotte Liedtke