Guido Reil, der nützliche Stimmenfänger

Guido Reil aus dem Essener Norden könnte viele Stimmen für die AfD im Ruhrgebiet gewinnen. Doch trotz dieser anerkannten Fähigkeit wollen ihn die Strippenzieher der AfD rund um den NRW-Chef der Partei, Marcus Pretzell, maximal ausnutzen. Einen sicheren Listenplatz auf der Kandidatenliste für den Landtagswahlkampf in NRW soll Reil dennoch nicht kriegen. Das geht aus geheimen WhatsApp-Protokollen hervor, die uns vorliegen. Die Pretzell-Strippenzieher sind wichtig. Sie versuchen die Zusammensetzung der Kandidatenliste zu manipulieren, wie seit einigen Tagen klar ist.

von David Schraven

© Marcus Bensmann

Guido Reil ist nicht irgendwer in den Reihen der AfD. Der frühere Essener SPD-Mann ist Bergmann und Betriebsrat. Einer wie Guido Reil kann die Thesen der AfD in die konservativen Schichten der Arbeiterschaft im Ruhrgebiet tragen – und den Rechtspopulisten damit bei den Landtagswahlen im Mai kommenden Jahres und bei den Bundestagswahlen darauf neue Wählerschichten erschließen. Umso brisanter wäre es also, wenn Reil eine prominente Rolle in der AfD übernehmen würde. Reil selber hat angekündigt, sich um einen Platz auf der Kandidatenliste für den Landtagswahlkampf zu bewerben.

Auf die Hilfe der Strippenzieher rund um den AfD-NRW Chef und Lebensgefährten von Frauke Petry, Marcus Pretzell kann Reil dabei nicht setzen. Doch gerade diese Hilfe wäre wichtig, denn die Strippenzieher haben den ersten Teil der Listenaufstellung mit manipulierten Fragen, Mikrofonbesetzungen und Hinterzimmer-Absprachen gesteuert. Das geht aus Protokollen der WhatsApp-Nachrichten hervor, die die Strippenzieher ausgetauscht haben. (Die Rechtschreibung in den WhatsApp-Nachrichten wurde beibehalten). Und wie weiter aus den Nachrichten hervorgeht, lehnen die Strippenzieher einen sicheren Platz für Reil auf der Kandidatenliste für die Landtagswahl im kommenden Jahr strikt ab. Reil soll Stimmen für die AfD im Ruhrgebiet kobern und sich ansonsten mit einer bescheidenen Rolle zufrieden geben.

Einmal Sozi – immer Sozi

Die Ablehnung sitzt tief. Einer der Strippenzieher sagte zu den öffentlichen Auftritten von Guido Reil für die AfD und seinem Bekenntnis zur sozialen Verantwortung: „Man sieht man kann eben nicht sofort seine Gesinnung wechseln.“ Sein Versuch einen sicheren Listenplatz zu ergattern, stößt unter anderem deswegen auf Skepsis der Pretzell-nahen Strippenzieher. „Herr Reil war vor wenigen Wochen in Bochum auf unserem Stammtisch. Da hat er noch versichert, dass er keinesfalls als Listenkandidat kommt“, sagt eine Strippenzieherin, die sehr eng mit dem Chef der AfD in NRW, Marcus Pretzell, verbandelt ist – und auf einem sicheren Listeplatz platziert wurde. Ein anderer Hinterzimmerspezialist aus Arnsberg, teilt per WhatsApp-Nachricht mit: „Hr Reil hat als jahrzehntelanger überzeugter sozi noch vor einem halben jahr gegen die afd gearbeitet. Niemals bekommt der jetzt einen listenplatz.“ Vor allem der Auftritt von Reil in der Sendung „Hart aber Fair“ sorgt bei dem Arnsberger AfD-Strippenzieher für Kritik. „Das dieses foerdermitglied die afd bei plasberg repräsentierten soll ist eine Farce. Schaut euch die sendung an. Er ist ein sozi.“

Der nützliche Stimmenfänger

Reil wird von den Strippenziehern vor allem als lästiger Konkurrent wahrgenommen.

„So sehr die Art vom Reil im Pott ankommt und ich diese mag, wie kann es sein, dass jemand sich in eine bundesweite TV Sendung begibt ohne sich eine Freigabe dazu zu holen? Damit macht man sich nicht nur Freunde. Ich würde ihn nur auf einen Listenplatz wählen wenn er sich auf einen Platz ab 45 bewirbt (ausserhalb des zu erwartenden Ergebnis) und sich verpflichtet Wahlkampf in allen Ruhrgebietsstädte zu machen. Um unser Ergebnis zu verbessern“, sagt Markus Scheer, von der AfD-Bochum. Maximal als Direktkandidat in einem Wahlkreis würde er Reil unterstützen. Scheer hat eine bewegte Vergangenheit in Bochum als verurteilter Krimineller. Drei Jahre Haft hatte der frühere Moorhuhnchef wegen Bilanzfälschung, Untreue und Betrug kassiert, weil er seine Firma in den Ruin geschickt hatte. Jetzt will Scheer den Betriebsrat und Neu-AfDler Guido Reil offenbar als Stimmenfänger ausnutzen. „Listenplatz für Kandidaten aus 2016 ist ein NoGo“, sagt Scheer. Der verurteilte Betrüger gehört zu den Strippenziehern der Pretzel-nahen Gruppe. Scheer zieht blank: „Wenn er aber ohne aussichtreichenden Platz im Pott durch seine Auftritte hilft den Sozis das Herz rauszureissen und diese in der Herzkammer der SPD deutlichen Schaden zuführt, hilft uns das nicht nur in NRW sondern bundesweit. Und wenn der Preis dafür ein heute aussictsloser Listenplatz ist würde ich das Risiko eingehen. Wir können nur gewinnen, selbst wenn er später ‘im Sack’ hauen würde — was ich aber nicht glaube.“ Reil ist also in den Augen der AfD-Strippenzieher um Pretzell soetwas wie ein nützlicher aber gleichzeitig auch wertloser Idiot, der benutzt werden kann, um der SPD zu schaden.

Bedeutung von Reil wird nicht belohnt

Christian Loose ist ein weiteres AfD-Mitglied aus Bochum. Loose hat schon einen Platz auf der Liste bekommen und erinnert daran, dass Reil wichtig für den Wahlkampf sei. Man habe Reil „in der internen Twitter-Gruppe (Deutschlandweit) extrem positiv aufgenommen und aus den anderen Bundesländern kam intern immer die Anmerkung, dass wir Guido unbedingt als Wahlkämpfer brauchen. Ich habe mich zu diesen Dingen dort nicht geäußert. Ich gebe auch hier kein positives oder negatives Votum ab (wäre irgendwie unangebracht, wo ich doch schon meinen Platz habe).“

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Doch das kann die anderen Strippenzieher nicht beruhigen. Reil dürfe keinen Platz auf einem sicheren Listeplatz bekommen, ätzt ein weiterer der Pretzell-Freunde. „Er wird den Sozis ordentlich im Arbeiter- und Ruhrpott Jargon ordentlich einheizen und Klassische SPD Wähler in die AfD holen. Nach dem Motto ‚Wenn der Guido dat macht, kann die AfD nicht verkehrt sein’. Er kann uns durch seinen Auftritt viele Stimmen holen und wir damit den Sozis in NRW den Gnadenstoß geben. Von der Liste soll er aber die Finger lassen, damit er sich diese nicht verbrennt.“

Viel Geld für erfolgreiche Kandidaten

Der Strippenzieher Michael Esperdiller aus Köln regt an, Reil mit anderen Posten Honig um den Mund zu schmieren, um von ihm zu profitieren. „Vielleicht kommt für reil ja auch eine Option weit hinten und eine Position mit Titel in Fraktion oder Labdesverband in Frage. Dann kann man den einbinden, ohne das Risiko des Mandatsverlust einzugehen.“ Sein Fazit: „Wir müssen auch mal an die bisherige Arbeitsleistung unserer Leute denken. Denen können wir jetzt nicht vor den Kopf stoßen, weil sich ein Förderer als AfD Mitglied in eine Talkshow geschmuggelt hat. Reil ist gut. Den sollte man einbinden. Gerne auch in höherer Funktion, aber eben auch mit der Option, notfalls die Reißleine ziehen zu können. Das geht bei einem sicheren Mandat leider nicht.“

Jeder erfolgreiche Kandidat der AfD, der über die Liste in den Landtag NRW einzieht, kann mit Bruttoeinnahmen von rund 500.000 Euro rechnen. Die ersten 30 Plätze auf der Kandidatenliste der AfD gelten als besonders aussichtsreich in dieser Bonanza.

Die Strippenzieher lassen sich entsprechend das Ziel von der Bochumer Pretzell-Vertrauten Gabriele Walger-Demolski vorgeben. Nur die eigenen Leute sollen auf sichere Listenplätze durchgebracht werden: „ Wenn wir hier versagen ist der Fraktionsfriede schon vor Antritt gefährdet.“

Gerade seine TV-Auftritte bei „Hart aber fair“ und Markus Lanz sorgen für Neid unter den Strippenziehern der AfD. „Vielleicht gibt Reil den Medien die Chance, keinen anderen von uns einladen zu müssen. Ist zumindest eine Sichtweise.“ Ein weiterer Strippenziehr aus Arnsberg gibt zu bedenken, was passiert, wenn Reil in den Landtag käme. „Ich kann mir nicht vorstellen das reil in den landtag kommt und brav hinten platz nimmt. Der will ins Rampenlicht. Und wir sollten es nicht nötig haben das ein foerdermitglied den Waehlern die AfD erklärt.“

Ob Reil am Sonntag auf die Liste der Kandidaten für die Landtagswahl gewählt wird, ist unsicher. Er will antreten. Ob die Macht der Pretzell-Strippenzieher noch ausreicht, Reil zu verhindern, ist unklar. Das Chaos vor und auf dem Listenparteitag in Rheda-Wiedenbrück an diesem Wochenende führt dazu, dass die Macht der Pretzell-Freunde immer schneller errodiert.