Coronavirus: Nein, Grundnahrungsmittel werden in Deutschland aktuell nicht knapp

In einem Whatsapp-Kettenbrief wird behauptet, die Lebensmittelversorgung in Deutschland sei gefährdet, man solle sich mit Lebensmitteln eindecken. Die Information stamme aus einer geschlossenen Sitzung der Bundesregierung. Das Landwirtschaftsministerium dementiert das und spricht von einer „Falschmeldung“.

von Matthias Bau

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Werden Grundnahrungsmittel in Deutschland knapp? Nein, lediglich Sonderkulturen sind gefährdet. (Symbolfoto: Elaine Casap / Unsplash)
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Größtenteils falsch. Grundnahrungsmittel stehen in Deutschland aktuell laut Landwirtschaftsministerium und Bauernverband ausreichend zur Verfügung.

Derzeit kursiert auf Whatsapp ein Kettenbrief. Darin wird behauptet: „Leak aus der heutigen geschlossenen Sitzung Bundesregierung: Essen wird knapp“ verbunden mit der Aufforderung, sich mit Essen einzudecken. 

Wir haben die Behauptung geprüft. 

Diese Whatsapp-Nachricht stellt eine Behauptung über die Lebensmittelversorgung in Deutschland auf. (Screenshot: CORRECTIV)

Grundversorgung in der Coronakrise ist laut Ministerium gesichert

Laut Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ist die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln in Deutschland gesichert. Bereits am 17. März erklärte die Ministerin in einer Pressekonferenz: „Wir haben einen Selbstversorgungsgrad von über 100 Prozent zum Beispiel bei Kartoffeln (148 Prozent), Käse (126 Prozent), Frischmilchprodukten (116 Prozent), Getreide (107 Prozent) oder Schweinefleisch (119 Prozent).“ Diese Aussage bestätigte sie am 1. April gegenüber dem Morgenmagazin der ARD mit den Worten: „Bei den Grundnahrungsmittel sind wir beim Selbstversorgungsgrad bei über 100 Prozent.“  

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV bestätigte das Bundeslandwirtschaftsministerium am 14. April diese Aussage per E-Mail und bezeichnete die Behauptung in der Whatsapp-Nachricht als „Falschmeldung“. 

Antwort des Bundeslandwirtschaftsministeriums auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch der Deutsche Bauernverband bekräftigte am 14. April gegenüber CORRECTIV, dass die Versorgung mit Grundnahrungsmittel nicht gefährdet sei. Es könne aber „abhängig von der Dauer des Einreisestopps und der aktuell fehlenden Erntehelfer, durchaus bei verschiedenen Kulturen im Obst und Gemüsebereich zu Versorgungslücken kommen“. 

Antwort des Deutschen Bauernverbandes auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Dafür, dass die Lebensmittel auch in den deutschen Supermärkten ankommen, will Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mit dem Gütertransportpakt sorgen, den das Bundesverkehrsministerium mit den Branchenverbänden der deutschen Logistikwirtschaft am 26. März geschlossen hat. Er soll sicherstellen, dass die Versorgung mit „Waren des täglichen Bedarfs, von Gütern zur medizinischen Versorgung sowie von Treibstoffen“ weiterhin gesichert ist. Dafür sollen bestehende Fahrverbote aufgehoben werden, sodass Lkw auch an Sonn- und Feiertagen sowie am Wochenende verkehren dürfen. Außerdem sollen Lkw gesonderte Fahrspuren bekommen.

Bei der Ernte von Salat, Spargel und Erdbeeren fehlen Saisonarbeiter aus dem Ausland 

Dennoch weisen sowohl Klöckner als auch der deutsche Bauernverband darauf hin, dass es derzeit einen großen Mangel an Erntehelferinnen gebe. Bis zu 300.000 Saisonarbeiter werden jährlich in der Landwirtschaft beschäftigt. Der Großteil von ihnen kommt aus Osteuropa. Durch den aktuellen Einreisestopp für Erntehelfer und Saisonarbeiter und die Hygienemaßnahmen gegen das Coronavirus könnte es zu Engpässen bei der Ernte kommen. Um die ausgebrachten Sonderkulturen, wie Spargel, Erdbeeren oder Salate doch noch ernten zu können und neue Saat für die kommenden Ernten auszubringen, nennt die Landwirtschaftsministerin im Morgenmagazin zwei Maßnahmen, die helfen sollen: 

Zum einen hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gemeinsam mit dem Bundesverband der Maschinenringe e.V. die Vermittlungsplattform „Das Land hilft“ aufgesetzt. Dort können sich Freiwillige melden, um mit Landwirten in Kontakt zu treten und ihre Hilfe anzubieten. 

Zum anderen hat die Bundesregierung am 23. März Maßnahmen beschlossen, um den Landwirtschaftsbetrieben und den Erntehelferinnen, die bereits in Deutschland sind, die Arbeit zu erleichtern. Unter anderem wurde die Zuverdienstgrenze für Rentner und Arbeitslose angehoben und Saisonarbeiter dürfen statt 70 nun 115 Tage in Deutschland bleiben. Dennoch, so Klöckner im Morgenmagazin (ab Minute 1:30), sei man weiterhin auf ausländische Saisonarbeiterinnen angewiesen. 

Einreise von Saisonarbeitern wird unter Auflagen ermöglicht

Am 2. April gaben das Landwirtschaftsministerium und das Innenministerium bekannt, dass im April und Mai jeweils 40.000 Saisonarbeitern die Einreise ermöglicht wird. Diese sollen ausschließlich per Flugzeug nach Deutschland kommen und sich nach ihrer Ankunft einem Gesundheitscheck unterziehen. Die ersten 14 Tage müssen sie zudem in Quarantäne verbringen und dürfen die Betriebsgelände der Höfe nicht verlassen. Neben diesen ausländischen Kräften wollen die Ministerien zudem 10.000 Arbeitslose, Studierende, Asylbewerber und Kurzarbeiterinnen gewinnen.

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