Covid-19: Nein, Delta tauchte nicht „plötzlich“ auf – und Kinder könnten sich infizieren, weil sie nicht geimpft sind

Die Delta-Variante sei „plötzlich“ aufgetaucht und befalle „zufällig“ vorwiegend Jugendliche und Kinder, wird in einem Facebook-Beitrag behauptet. Das ist irreführend: Diese Coronavirus-Variante entstand nicht „plötzlich“ und Jugendliche und Kinder könnten sich deshalb damit infizieren, weil sie noch nicht geimpft sind.

von Sarah Thust

Kind Coronavirus Delta
Die Coronavirus-Delta-Variante tritt immer häufiger auf – und trifft dabei auch Jugendliche und Kinder. Eine Impfung für alle hält die deutsche Ständige Impfkommission bisher aber nicht für nötig, da junge Menschen in der Regel keine oder nur grippeähnliche Symptome zeigen. (Symbolbild: Picture Alliance / Photoshot)
Behauptung
Die Delta-Variante des Coronavirus sei „plötzlich“ aufgetaucht und befalle „zufällig“ vorwiegend nur Jugendliche und Kinder.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Die Corona-Delta-Variante ist nicht „plötzlich“ aufgetaucht. Es gibt zudem keine Belege dafür, dass Kinder und Jugendliche häufiger betroffen sind – im Gegensatz zu vielen Erwachsenen sind diese jedoch nicht geimpft, weshalb ihr Infektionsrisiko höher ist.

Es sei seltsam, dass „plötzlich“ eine Delta-Variante des Coronavirus aufgetaucht sei, die „zufällig“ vorwiegend Jugendliche und Kinder befällt. „Sie wollen mit allen Mitteln an die Kinder“, heißt es weiter. Der Beitrag wurde seit dem 20. Juni hundertfach auf Facebook verbreitet. 

Die Behauptungen führen in die Irre: Die Delta-Variante tauchte nicht „plötzlich“ auf. Dafür, dass sie Kinder und Jugendliche häufiger infiziert, gibt es keine Belege. Forschende gehen davon aus, dass junge Menschen einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind, weil sie im Gegensatz zu vielen Erwachsenen bislang nicht gegen Covid-19 geimpft sind. Grundsätzlich ist ihr Infektionsrisiko aber etwa genauso hoch wie bei ungeimpften Erwachsenen.

Dieser Facebook-Beitrag zur Delta-Variante führt in die Irre
Dieser Facebook-Beitrag zur Delta-Variante führt in die Irre (Quelle: Facebook / Screenshot am 5. Juli: CORRECTIV.Faktencheck)

Bisher existieren keine Daten, ob die Corona-Delta-Variante ein besonderes Risiko für Kinder und Jugendliche darstellt

Seit dem 11. Mai 2021 zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Delta-Variante (B.1.617.2) zu den besorgniserregenden Virusvarianten, da sie als leicht übertragbar gilt. Die Virusvariante wurde erstmals im Oktober 2020 in Indien beobachtet und ist damit auch nicht „plötzlich“ aufgetaucht, wie im Facebook-Beitrag behauptet, sondern seit mehr als acht Monaten im Umlauf. 

In Europa ist die Coronavirus-Variante unter anderem in Großbritannien die dominierende Form. Auch in Deutschland wird Delta laut RKI seit Ende Juni als dominierende Variante eingeordnet.

Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ), schrieb uns am 6. Juli per E-Mail: „Bei zunehmender Ausbreitung auch der Delta-Variante trifft die Infektion naturgemäß im Wesentlichen ungeimpfte Personen unabhängig vom Alter. Da die Impfrate bei Erwachsenen steigt, trifft eine Infektion (unabhängig von der Variante) vorwiegend jüngere Personen. Das hat aber nichts mit dem Alter zu tun.“ 

Bisher gebe es keine Daten, ob die Delta-Variante ein besonderes Risiko für Jugendliche und Kinder darstellt, sagt Rodeck. 

Insgesamt sinken die Infektionsfallzahlen bei jüngeren Menschen. Zwischen dem 7. Juni und dem 4. Juli haben sich 30.422 Personen unter 19 Jahren nachweislich mit Covid-19 infiziert, wie aktuelle Daten des Robert-Koch-Instituts zeigen (siehe Tabelle). Wie viele davon sich mit der Delta-Variante infizierten, lässt sich nicht genau sagen, weil die Virusvariante nur bei etwa zehn Prozent aller eingereichten Proben überprüft wird.

Um vergleichen zu können, wie sich die Infektionen bei Jüngeren entwickeln, haben wir uns die RKI-Daten zur durchschnittlichen 7-Tage-Inzidenz für die Altersgruppen bis 19 Jahre angesehen. Die 7-Tage-Inzidenz beschreibt die Anzahl der neu gemeldeten, mit einem PCR-Test bestätigten Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner (einer bestimmten Altersgruppe) in einem Zeitraum von sieben Tagen.

Dabei zeigt sich: Die Inzidenz in der Gesamtbevölkerung (rote Markierung) ist aktuell niedriger als die Inzidenz in den Altersgruppen von 5 bis 19 Jahren (Stand: 6. Juli). 

Grafik zeigt die Inzidenz bei Kindern im Vergleich zur Gesamtinzidenz
Diese Grafik zeigt die durchschnittliche 7-Tage-Inzidenz bei Personen bis 19 Jahren im Vergleich zur Gesamtinzidenz (rot)(Quelle: RKI / Diagramm: CORRECTIV.Faktencheck)

Schwere Verläufe von Covid-19 bei Kindern bleiben selten

Jakob Maske vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) erklärte gegenüber dem WDR, dass bezüglich aller Coronavirusvarianten gelte: „Kinder werden fast nie krank.“ Sie hätten, wenn überhaupt, meist nur Schnupfen-Symptome. Folglich sind schwere Fälle von Covid-19 bei Kindern selten. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass einige noch Monate nach einer Corona-Infektion unter Symptomen wie Kurzatmigkeit oder Erschöpfung leiden. Aus diesen Gründen hat die Ständige Impfkommission Corona-Impfungen zunächst für Kinder mit Vorerkrankungen zugelassen.

RKI-Pressesprecherin Susanne Glasmacher schrieb uns per E-Mail, dass bei unter 20-Jährigen zwischen März 2020 und dem 6. Juli 2021 insgesamt 23 validierte Covid-19-Todesfälle übermittelt wurden, bei 16 davon wurden Vorerkrankungen angegeben. Das steht auch im Lagebericht des RKI vom 6. Juli. 

Glasmacher schrieb weiter: „Für keines der Kinder ist eine Infektion mit der SARS-CoV-2 Delta Variante bekannt.“ Seit dem ersten gemeldeten Delta-Fall in Deutschland in der Woche vom 15. März habe es neun Todesfälle unter Kindern gegeben.

Auszug der E-Mail von der RKI-Pressesprecherin Susanne Glasmacher vom 7. Juli
Auszug der E-Mail von der RKI-Pressesprecherin Susanne Glasmacher vom 7. Juli (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Mit welcher Virusvariante die Kinder infiziert waren, als sie verstarben, ist dem Robert-Koch-Institut folglich nicht bekannt. Die Virusvariante wird laut RKI in Deutschland nur bei etwa zehn Prozent aller eingereichten Proben insgesamt überprüft. Einem RKI-Bericht vom 30. Juni zufolge wurde die Delta-Variante in 37 Prozent der Proben nachgewiesen.

Es gibt in Deutschland bisher keine allgemeine Impfempfehlung für Jugendliche ab zwölf Jahren

In einer Pressemitteilung vom 28. Juni schrieb der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), es sei zurzeit noch nicht absehbar, ob die Delta-Variante Kinder und Jugendliche schwer treffe. Man rechne jedoch damit, dass die Stiko ihre Empfehlung überdenke und den Weg zur Impfung für alle Kinder und Jugendlichen freimache, falls die Delta-Variante die Altersgruppe „schwer treffen sollte“. 

Aktuell gibt es in Deutschland keine allgemeine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für Kinder und Jugendliche von 12 bis 17 Jahren, sondern nur für Kinder und Jugendliche, die aufgrund von Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung haben (Stand: 1. Juli).

In einem Infoblatt des RKI heißt es: „Zur Sicherheit der Impfung bei Kindern gibt es bisher nur wenig Daten und Erfahrungen. Die Zahl der untersuchten Kinder und Jugendlichen ist zu klein, um auch häufigere unerwünschte Ereignisse zu entdecken.“

Ein Infoblatt für Kinder-Ärzte und -Ärztinnen
Ein Infoblatt für Kinder-Ärzte und -Ärztinnen zeigt, für wen die Impfung in Deutschland empfohlen ist (Quelle: RKI / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Fazit: Die Corona-Delta-Variante ist nicht „plötzlich“ aufgetaucht, sondern ist seit über einem halben Jahr im Umlauf. Das Coronavirus verbreitet sich generell vor allem unter Menschen aus, die noch nicht geimpft wurden und dazu gehören Kinder und Jugendliche. Es gibt keine Belege dafür, dass diese ein höheres Risiko haben, sich mit der Delta-Variante anzustecken.

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Hinweise der WHO zu den Coronavirus-Varianten: Link (Englisch)
  • WHO-Podcast mit Doktor Soumya Swaminathan über die Delta-Variante und Corona-Impfungen (1. Juli): Link (Englisch)
  • Bericht des RKI zu Virusvarianten von SARS-CoV-2 in Deutschland (30. Juni): Link
  • Pressemitteilung des Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte über Impfungen für Kinder und Jugendliche (28. Juni): Link
  • Stiko-Empfehlungen zur Covid-19-Impfung (1. Juli): Link

Redigatur: Uschi Jonas, Till Eckert