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Vorwurf beim WDR: Kaltgestellt wegen kritischer Berichte

Ein Journalist des WDR verklagt seinen Sender wegen Nichtbeschäftigung. Sein Vorwurf: Wegen kritischer Berichte zum Hambacher Forst und anderen Klimathemen erhält er kaum noch Aufträge, trotz guter Bezahlung. Eine Recherche von CORRECTIV und Kölner Stadt-Anzeiger.

von Annika Joeres , Anne Burgmer

Symbolfoto WDR
Ärger beim Kölner WDR: Ein Redakteur wirft dem Sender vor, ihn kaltzustellen. Er bezieht ein hohes Gehalt, bekomme aber kaum Aufträge. Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopres/picture alliance

Als der Angriffskrieg gegen die Ukraine ausbrach, hätte der WDR-Redakteur Jürgen Döschner eigentlich ein volles Auftragsbuch haben können. Anfang der 2000er Jahre war der Journalist Studioleiter im ARD-Hörfunkstudio Moskau, er spricht fließend Russisch und reiste 2014 aus Anlass der russischen Militärinvasion in der Ostukraine für Reportagen zum Atomkraftwerk Saporischschija. Genau zu dem AKW also, dessen Besetzung nun die Welt in Atem hält. Zudem firmierte Döschner von 2011 bis 2017 offiziell als „Energie-Experte“, arbeitete in der Investigativredaktion des WDR-Formats „Story und Recherche“ als Reporter mit dem Schwerpunkt Energie, Umwelt und Klima. Eine journalistische Biographie wie geschaffen für die aktuellen politischen Ereignisse sowie die Klimakrise.

Aber Döschner wird kaum noch eingesetzt, seine Vorschläge im WDR verhallen weitgehend. Nun hat Döschner eine Klage gegen seinen Arbeitgeber beim Arbeitsgericht Köln eingereicht: Der Vorwurf lautet auf „Geldentschädigung wegen Nichtbeschäftigung“, der Streitwert liegt bei 75.000 Euro. „Wir sind überzeugt, dass wir die Nichtbeschäftigung nachweisen können“, sagt Döschners Anwalt Jasper Prigge auf Anfrage. Es handele sich um ein faktisches Arbeitsverbot, so Döschners Anwalt. 

Vorwurf: Rund 100.000 Euro für „faktische Nichtbeschäftigung“

Die Tatsache, dass sein Mandant ab September 2019 so gut wie keine Berichte, Kommentare oder andere journalistischen Produkte in sämtlichen Ausspielwegen des WDR mehr habe absetzen können, spräche für eine so genannte „faktische Nichtbeschäftigung“. Vor allem ist es eine teure Stelle für den WDR: Trotz eines Jahresgehalts von rund 100.000 Euro arbeite Döschner nur noch höchstens fünf Stunden im Monat.

Ein einziges, direkt vom Radiosender WDR5 gebuchtes Interview zum Thema „Atomkraft-Risiko in der Ukraine“ sei Ende Februar wieder abgesagt worden. In den vergangenen drei Jahren sei Döschner nur noch ein Zehntel der früheren Zeit auf Sendung, und dann auch meistens in einer der kleinsten WDR-Wellen, „Cosmo“, so Anwalt Prigge, in die er zuletzt versetzt worden war. Während andere Sender wie Deutschlandfunk, SWR, NDR , HR und Phoenix ihn immerhin teils mehrmals in diesem Jahr buchten und ihn dafür extra honorieren mussten, beschäftige ihn sein eigentlicher Arbeitgeber WDR kaum noch. 

Bemerkenswert ist: Döschner wurde laut seinem Anwalt immer weniger beauftragt, seitdem er kritische Kommentare zum Braunkohletagebau formuliert hatte. Ohnehin war der WDR gewarnt: Auch die Gewerkschaft Verdi hatte im April schriftlich angemahnt, die faktische Nichtbeschäftigung zu beenden. Der WDR teilt dazu auf Anfrage mit: „Die Entscheidung, ob Beitragsangebote einzelner Redakteur:innen berücksichtigt werden oder nicht, liegt allein im Ermessen der jeweils abnehmenden Programmbereiche“. Auf die Frage, warum ​​ im Gegensatz zu früher kaum noch Angebote von ihm angenommen wurden, antwortet der Sender nicht. 

WDR löschte Beitrag über Laschets Äußerung zum Hambacher Forst

Jürgen Döschner möchte sich zu seiner Arbeitssituation nicht äußern. Schon seit einem Kommentar im Jahr 2015 stand er im WDR in der Kritik. Damals hatte er die Besetzung des rheinischen Tagebaus Garzweiler als „nicht legal, aber legitim“ bezeichnet und den Vorwurf des Hausfriedensbruch der Klimaaktivisten „absurd“ genannt. Die Reaktionen waren heftig, es gründete sich eine Facebook-Gruppe namens „RWE-Mitarbeiter gegen den WDR“. Der Sender erließ daraufhin offenbar eine Regel, dass Döschner nicht mehr auf den Sender dürfe, ohne zugleich auch die „Gegenposition“ in demselben Beitrag zu Wort kommen zu lassen. 

Im September 2019 ging es wieder um den Hambacher Forst und eine Aussage des damaligen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU). Der WDR löschte einen Beitrag von Döschner, in dem Laschet in einem heimlich aufgenommenen Video einräumte, einen Vorwand für die Räumung des Hambacher Forsts gesucht zu haben. Dies soll, der E-Mail an einen tagesschau.de-Redakteur nach zu urteilen, nach „Rücksprache mit Jörg Schönenborn“, dem Programmdirektor des WDR, erfolgt. Der WDR sagt dazu heute, in diesem Fall seien die internen Abläufe nicht eingehalten worden, „was ein Grund dafür war, den Beitrag zur Prüfung aus dem Programm zu nehmen“. Zudem habe die angebliche Kernaussage des Videos schon damals keinen Newswert mehr gehabt. „Der WDR und andere hatten längst berichtet, dass die Landesregierung einen Vorwand für die Räumung des Forstes gesucht hatte.“ 

Spekulationen um den Vorwurf gab es in der Tat. In dem Video, das Döschner in seinem Beitrag verwendete, räumte Laschet dies allerdings nun erstmals selbst wörtlich ein.

Beschwerdestelle des Senders bestätigte Döschner

Nach der Löschung des Laschet-Videos kamen auch die Redakteursvertretung und der eingeschaltete Schlichtungsausschuss des WDR -– ein paritätisch besetztes Gremium mit Vertretern der Redakteurinnen und Redakteure und der Geschäftsleitung – einstimmig zu dem Schluss, Döschners Beitrag sei „journalistisch einwandfrei“ gewesen. Es handele sich um einen Programmkonflikt.


Mehrere Gremien befassten sich in den vergangenen drei Jahren im WDR mit dem Fall Döschner. Der Personalrat stellte sich noch im März hinter den Reporter. Döschner schaltete die Beschwerdestelle ein, die nach der Untersuchung von Monika Wulf-Mathies zu den MeToo-Fällen im Haus eingerichtet worden war. Zuvor sollen ihm die damalige Hörfunk-Direktorin Valerie Weber und der Personalchef des WDR vorgeworfen haben, er schade dem Ansehen des Senders. Das Gremium kam im Mai 2019 zu dem Ergebnis, Döschners Beschwerde sei berechtigt, es handele sich beim Umgang des Hauses mit ihm um Machtmissbrauch seitens des WDR

Nachdem Döschners Redaktion „Story und Recherche“ im April 2019 aufgelöst worden war, versuchte er vergeblich einen Wechsel in Redaktionen, die seinen Themenschwerpunkten entsprachen. „Mit der Neuordnung der Programmdirektionen wurden die Stellen dieses Bereichs – wie die zahlreicher anderer Bereiche auch – in den neu gegründeten Newsroom überführt“, so der WDR. Einer Versetzung in den Newsroom habe er widersprochen. Eine Beschäftigung im Politmagazin „Monitor“ kam nicht zustande. Redaktionsleiter Georg Restle bestätigte auf Anfrage, dass er gerne mit Döschner zusammengearbeitet hätte: „Ich persönlich habe Jürgen Döschner stets als einen hoch professionellen und mutigen Kollegen kennengelernt, der sich traute, sich mit den Mächtigen im Lande anzulegen. Klar, dass das bei Bayer, RWE oder der Landesregierung nicht immer gern gesehen wurde.“ Auch ein Wechsel Döschners in den Rechercheverbund von WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung scheiterte. 

Gewerkschaft sieht grundsätzliches Problem beim WDR

Für die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) bei ver.di, Monique Hofmann, geht der „Fall Döschner“ weit über den individuellen Konflikt hinaus. „Er wirft erneut die Frage auf, wie es im WDR inzwischen eigentlich um den Umgang mit Machtmissbrauch bestellt ist. In einem Sender, der es sich auf die Fahne geschrieben hat, mit besonderem Vorbild in Sachen Machtmissbrauch voranzugehen, stößt der unangemessene Umgang mit einem renommierten Journalisten doppelt auf“, so Hofmann.

Der Intendant des WDR, Tom Buhrow, verfolgte nach dem Skandal beim rbb eine Taktik der Abwehr: Die Probleme bei den anderen ARD-Anstalten seien bedauerlich und müssten aufgearbeitet werden, beim WDR hingegen seien die Kontrollmechanismen ausreichend. Im WDR gibt es immer wieder Stimmen, die ein zu nahes Verhältnis zur Politik, aber auch zu großen Konzernen bemängeln. 

Die Gewerkschafterin Hofmann sieht beim WDR „eindeutige Hinweise“ darauf, dass Döschners Nichtbeschäftigung mit den Inhalten seiner Beiträge in Zusammenhang steht. „Der Fall ist mit Blick auf Vorfälle in anderen Landesrundfunkanstalten aber auch deshalb von höchster Aktualität und Brisanz, weil er ein Schlaglicht wirft auf die Frage, wie gut Journalistinnen und Journalisten in den öffentlich-rechtlichen Sendern eigentlich in ihrer Berichterstattungsfreiheit geschützt sind“, so Hofmann.

WDR setzte Podcast zur Klimakrise ab

Auffällig ist, dass die interne Kritik an Döschners Beiträgen oft klimabezogene Berichte betraf. Der WDR hatte zuletzt, wie die meisten öffentlich-rechtlichen Sender, vermehrt über die Klimakrise berichtet, häufig auch sehr kritisch über den Tagebau Hambach. Der Instagram-Kanal Klima.neutral des WDR wurde kürzlich mit einem Preis ausgezeichnet. 

Aber verschiedene Mitarbeitende berichten über die Sorge, wie Döschner in Ungnade zu fallen, sollten sie sich zu stark positionieren, etwa gegen den Braunkohle-Abbau im Rheinland. In einer internen Mitteilung hatte der Programmdirektor des WDR, Jörg Schönenborn, selbst einmal an alle Mitarbeitenden für mehr „Multiperspektivität“ geworben und gefragt: „Wo ist der Kommentar, der es als volkswirtschaftlich sinnvoll erachtet, dass das Kraftwerk in Datteln nicht zur Investitionsruine wird und der die Position einnimmt, dass besser ein modernes Kohlekraftwerk wenig CO2 ausstößt als viele ältere Kraftwerke viel?“ Welcher Kommentar erkenne an, dass die Bundesregierung ihren Klimazielen „viel näher gekommen ist als erwartet“? Er habe sich dazu nicht ausreichend eingelesen, ergänzt Schönenborn, sein Durst nach „neuen, anderen Argumenten“ aber sei groß. Beide Thesen, die er aufwirft, widersprechen der Klimaforschung sowie den Zielen des Pariser Abkommens von 2015. 

Jürgen Döschner hatte 2019 nochmal einen Versuch gestartet, intensiver über die Klimakrise zu berichten. Aber auch der Podcast „Klimazone“, den er für den WDR gemeinsam mit dem SWR entwickelt und bereits produziert hatte, wurde vom WDR 2019 ohne Begründung wenige Minuten vor der Sendung abgesetzt. Der SWR brachte eine Ausgabe und bedauerte die Absage. Die Kölner Pressestelle schreibt heute, eine dauerhafte Beteiligung des WDR sei „nicht zwingend“ vorgesehen gewesen.

Nun liegt sein Fall beim Arbeitsgericht Köln. 

 

Transparenzhinweis: Die Autorin Annika Joeres hat 2021 einen Artikel gemeinsam mit Jürgen Döschner für Zeitonline verfasst.