Die Zukunft der Ukraine entscheidet sich nicht mehr an der Front. „Da bewegt sich nichts mehr. Die Frage ist nun, ob die zivile Bevölkerung durchhält“, sagt Andriy, als er am Tisch Platz genommen hat. Treffpunkt ist ein nobler Italiener im Zentrum der Hauptstadt Kyjiw. In den Straßen der Metropole heulten wenige Minuten zuvor die Sirenen, wieder mal Luftalarm.
Das Restaurant zeigt: Trotz des Krieges kämpfen die Menschen darum, ihr Leben zu bewahren. Sie arbeiten, besuchen Restaurants, Klubs und Konzerte, treiben Sport. Im Krieg verteidigen sie ihre Normalität gegen die ständige Bedrohung.
An manchen Tagen wird die Bevölkerung ein Dutzend Mal vor russischen Angriffen gewarnt. Die Hälfte des Tages sollen sich die Menschen im Bunker oder an anderen sicheren Orten aufhalten. Nach Recherchen des ukrainischen Mediums Texty galt am 27. August für 14 Stunden Luftalarm.
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Das Ziel: Die Menschen zu zermürben
Seit dem Ausbruch des Krieges im Februar 2022 und dem Rückzug der russischen Streitkräfte begleitet der Luftalarm ständig die Einwohner der Stadt. Bis Mai dieses Jahres traf ein- bis zweimal pro Woche eine Drohne oder eine ballistische Rakete ihr Ziel. Die Menschen wussten, dass sie bedroht waren, aber in der Millionenstadt fühlten sie sich relativ sicher.
Zerstörtes Einkaufszentrum im Zentrum von Kyjiw. Quelle: Martin Murphy, Correctiv
Seit die Russen im Sommer Drohnen mit Düsenantrieb einsetzen, hat sich das Bild gewandelt. Bei einem Rundgang durch die Stadt hört man täglich Einschläge, und dunkle Rauchwolken steigen in den Himmel.
Während eines Vortrags einer Investigativjournalistin, die erklärt, wie junge Frauen über soziale Medien vom russischen Geheimdienst manipuliert werden, ertönt auf der Warnapp der Alarm. Die Journalistin unterbricht den Vortrag, ruft zu Hause an. Sie berät mit einer Bekannten, die auf ihre zwei Kleinkinder aufpasst, ob sie in den Keller oder besser in den Bunker gehen sollten.
Die tägliche Entscheidung: Weitermachen oder in den Keller gehen
Im Jahr fünf haben sich die Menschen in der Ukraine im Krieg eingerichtet. Nachdem die Russen in mehreren Etappen aus dem Staatsgebiet zurückgeschoben wurden, stagniert die Front. Es gehe nur ein paar Kilometer hin und her, keine Seite schaffe einen Durchbruch, sagt Andriy. Seinen Namen will er nicht in der Öffentlichkeit lesen, CORRECTIV kennt ihn aber seit einigen Jahren. Seine Aussagen sind verlässlich.
Mit den Jet-Drohnen haben derzeit die Russen die Oberhand. Die Ukraine reagierte nicht, als im Mai eine solche Drohne erstmals einschlug und das Haus eines hochrangigen Militärs zerstörte. Jetzt hinkt sie hinterher. Bis November hofft man, eine Antwort darauf gefunden zu haben. Dieser Krieg wird durch Innovationen bei KI und Drohnen entschieden.
Journalisten an der Front werden zu Zielen der Drohnen
Die Entwicklung im Kampfgebiet lässt sich weniger gut überprüfen, berichteten Frontberichterstatter ukrainischer Medien im Gespräch. Das Militär nehme Journalisten inzwischen ungern mit, da die Russen Jagd auf sie machten. „Die Soldaten wollen verständlicherweise nicht neben uns stehen, wenn wir das begehrte Ziel sind“, sagt ein Reporter. Der Weg an die Front laufe nun über Freunde und Familienmitglieder, die in den Streitkräften dienten.
Der Krieg ist allgegenwärtig im Land. Am Samstag vergangener Woche schickten die Streitkräfte nach Angaben des ukrainischen Militärs 863 Drohnen gegen die Ukraine. Ihr Ziel war nicht militärischer Art, sondern die zivile Infrastruktur. Angegriffen wurden Märkte, Tankstellen und Eisenbahnen.
In den Tagen zuvor wurden Medienhäuser und die Energieinfrastruktur attackiert, und immer wieder Züge und Busse. Russland, so wird deutlich, zielt auf die Bevölkerung. Wenn schon die Front steht, so soll die mürbe gemacht werden.
Russland unter seinem Präsidenten Wladimir Putin hat keine Grenzen im Krieg. Kriegsverbrechen gegen Zivilisten haben die Streitkräfte bereits in den ersten Kriegstagen im Februar 2022 gezeigt, als sie Menschen in Butscha gezielt getötet haben. Nachweise fanden Journalisten und Menschenrechtsschützer auch in anderen Orten des Landes.
Russland greift alles an: Züge, Märkte, Tankstellen
Mit den Attacken auf Züge trifft Russland eine empfindliche Lebenslinie der Ukraine. Zwar waren schon in den ersten Kriegsjahren Bahnhöfe und Züge bombardiert worden, nun machen die Russen aber gezielt Jagd auf die Bahn.

Laut dem Bahnbetreiber Ukrsalisnyzja wurden seit Kriegsbeginn rund 500 Lokomotiven zerstört, der Großteil davon in diesem Jahr. An diesem Freitag wurden durch einen Drohnenangriff auf einen Vorortzug in der Region Charkiw zwei Menschen verletzt, wie die Eisenbahngesellschaft mitteilt.
Zu welchen Risiken Russland bereit ist, zeigte sich am vergangenen Samstag nahe der polnischen Grenze. Zwei Kilometer vor dem Übergang traf in den frühen Morgenstunden eine Drohne die Lok des Kyjiw Express mit der Nummer 019K. Kein Mensch wurde dank der Evakuierung verletzt, aber die Drohne könnte auch ein anderes Ziel gehabt haben.

Nach Angaben von Ukrsalisnyzja hatte wenige Minuten zuvor ein Sonderzug mit dem früheren britischen Premierminister Boris Johnson und weiteren prominenten Politikern den Ort des Angriffs passiert. Am gleichen Bahnhof wie der Kyjiw-Express wartete ein weiterer Sonderzug mit dem früheren CIA-Chef David Petraeus. Er und auch Johnson waren auf dem Rückweg von einer Konferenz in der Hauptstadt.
Der Drohnenangriff auf den Zug, ein gezielter Angriff auf Diplomaten?
„Es ist durchaus wahrscheinlich, dass das Ziel dieser russischen Drohne auch der Diplomatenzug gewesen sein könnte, der den Bahnhof früher als geplant verlassen hatte“, erklärte Ukrsalisnyzja in einer Mitteilung. Dies sei aufgrund der ständigen Bedrohung geschehen.
Die Angriffe zeigen Wirkung. In einigen Geschäften sind Waren nicht mehr erhältlich, weil ein Großmarkt zerschossen wurde. Mehrere Ukrainer berichteten im persönlichen Gespräch, wie sehr sie die Angriffe belasteten. Der Alltag ist beeinträchtigt. Der Verkehr mag bei Luftalarm fließen, aber der Schulunterricht wird unterbrochen und die Geschäfte schließen. Die U-Bahn stoppt die Verbindung über den Dnipro, der die Stadt teilt. Die Leute kommen dann nicht zur Arbeit.
Ständige Angriffe zwingen einige Menschen, die Nacht in der U-Bahn zu verbringen. Auch im Hotel Ukraine ziehen es einige Gäste vor, sofort in den Keller zu gehen und dort auf Notbetten zu schlafen.
Experten warnen: Der Winter wird hart
Wenn die Ukrainer ihre Arbeit unterbrechen müssen oder eine Zugverbindung oder ein Logistikzentrum getroffen wird, dann leidet die Wirtschaft. Der Krieg ist in eine neue Phase getreten. Stagnation an der Front, dafür Angriffe auf Zivilisten.
Experten erwarten, dass mit den Wintermonaten die Lage eskalieren wird. Wie schon in früheren Jahren dürfte Russland die Infrastruktur angreifen, um die Menschen von Strom, Wasser und Wärme abzuklemmen. Die Netze, so berichtet ein Top-Manager aus der Energiebranche, seien zusammengeflickt und damit anfällig für Störungen.
Der Winter dürfte hart werden. Und die Menschen stellen sich darauf ein: Die Zeitung Kyiv Independent berichtet unter Berufung auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gradus, dass 40 Prozent der Ukrainer bei einem Ausfall bereit sind, in eine andere Region umzuziehen.
Der Krieg nährt den Hass gegen Russland
Die Verachtung gegen Russland sitzt tief. Die russische Kriegsmaschinerie hat viele Menschen hart gemacht. Sie erwarten von Russland nichts außer Zerstörung.
Die Widerstandskraft der Menschen wird genährt durch ein Verbrechen, das die Ukrainer in den 30er-Jahren erlitten hatten. Die Erinnerung daran führt in ein Holodomor-Museum, das sich unweit des Dnipr unter der Erde befindet. Die vom Sowjetführer Josef Stalin angeordnete Kollektivierung der Landwirtschaft führte vor allem in der Ukraine zu einem organisierten Hungermord an der Bevölkerung.
Stalin wollte nicht nur die unabhängigen Bauern ausmerzen, sondern auch die Eigenständigkeit der Ukraine zerstören, wie die Journalistin Anastasiia Stanko vergangene Woche in einem Vortrag in dem Museum ausführt. Stanko ist Chefredakteurin des ukrainischen Mediums Slidstvo, das etliche Fälle von Menschenrechtsverletzung durch russische Soldaten aufgearbeitet hat.
Die vom Bundestag als Völkermord eingestufte Hungersnot wurde in der Sowjetzeit verdrängt, erst seit den 90er-Jahren erwacht die Erinnerung an die Katastrophe. Das Museum zeigt, dass von den Opfern nur wenig übrig geblieben ist: ein Kopftuch, ein silberner Löffel, der gegen Lebensmittel eingetauscht wurde. Viele Vitrinen sind aber leer, denn die wenigen Exponate liegen im Bunker versteckt. Man fürchtet den Angriff einer russischen Rakete, die auch die letzten Zeugnisse des Verbrechens vernichten könnte.
Unter Stalin und Putin wurden und werden Kinder verschleppt
Die Kinder, die damals den Hunger überlebten oder den Eltern entzogen wurden, verschwanden in Waisenhäusern, wo sie zu sowjetischen Pionieren erzogen wurden. Auch das ist eine Parallele zum heutigen Russland. Zehntausende Kinder hat Russland entführt und in Russland zwangsadoptiert, damit aus ihnen russische Patrioten gemacht werden.
Redigatur und Faktencheck: Michael Billig
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