Dem ehemaligen BND-Präsidenten August Hanning werden Spionage und Landesverrat vorgeworfen. Dabei stehen auch seine Tätigkeiten für diverse Firmen im Fokus. Schon lange vor seiner Festnahme am Dienstag hatten diese Geschäfte für Unmut und Kritik bei deutschen Sicherheitsbehörden gesorgt. Nach CORRECTIV-Recherchen ist Hanning nicht der einzige Ex-Spion, der nach seinem Ausscheiden für teils dubiose Privatfirmen tätig geworden ist.
Die Verratsaffäre um Hanning wirft nun erneut Fragen danach auf, ob deutsche Nachrichtendienste und die Regierung zu lax mit ihren Ex-Spionen umgehen. Versuche, die Regeln für ehemalige Geheimnisträger zu verschärfen, gab es immer wieder, bisher ist die Bundesregierung aber untätig geblieben. Ex-Spione im Ruhestand werden genauso behandelt wie andere pensionierte Beamte. Gerade noch gibt sich das für das Beamtengesetz zuständige Innenministerium gelassen.
Wie CORRECTIV berichtete, war Hanning in den Jahren nach seinem Ausscheiden beim BND 2005 gleich für mehrere Beraterfirmen tätig. Eine davon beschäftigte wiederum einen weiteren hochrangigen Geheimdienstler: den ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. Er ist nicht der einzige ehemalige Nachrichtendienstler, der sein Wissen zu Geld machte. Ein Überblick.
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Hans-Georg Maaßen• ehemaliger Präsident des BfV• von 2012 bis 2018 im Amt• danach als Berater tätig |
Maaßen war laut einem Bericht des Stern von 2020 als Berater für die Sicherheitsfirma Pluteos tätig, bei der Hanning wiederum gleich zwei Rollen innehatte: Präsident von Pluteos und Mitglied der Geschäftsleitung der Tochterfirma „System 360“. Kurzzeitig war auch der ehemalige Chef des Hamburger Landeskriminalamtes, Frank-Martin Heise, im Verwaltungsrat von Pluteos.
Nach eigener Aussage gehören weltweit Unternehmen, private Organisationen sowie Regierungsbehörden zu den Klienten der Firma. Das Angebot reicht demnach von „rechtmäßig beschafften exklusiven Informationen“ im Bereich der Wirtschaft, über Cyber-Sicherheitslösungen bis hin zu „geopolitischen Berichten“.
Pluteos und System 360 machen ihre Anteilseigner nicht öffentlich. Die Bundesregierung sah nach der Berichterstattung keine Bedenken in der Beschäftigung von Maaßen, „dass dienstlich erworbene, der Amtsverschwiegenheit unterliegende Kenntnisse verwertet würden“, so der damalige Parlamentarische Staatssekretär Stephan Mayer (CSU) des Innenministeriums.
Hanning und Maaßen sollen zudem Verbindungen zum inzwischen insolventen US-KI-Startup „Augustus Intelligence“ gehabt haben. Die Firma sah sich während der Insolvenz mit Betrugsvorwürfen konfrontiert – und geriet außerdem wegen eines Lobby-Skandals um CDU-Politiker Philipp Amthor in den Fokus.
Maaßen heuerte nur wenige Monate nach seinem Ruhestand bei Augustus Intelligence an, holte im Innenministerium nach einem Bericht von Abgeordnetenwatch juristische Ratschläge für einen Mitarbeiter der Firma ein. Vergütet wurde er nach eigenen Angaben nicht. Gegenüber der Zeit sagte Hanning, es habe eine schriftliche Vereinbarung für Beratungstätigkeiten gegeben, für die er, wie Amthor, Aktienoptionen erhalten habe. Für die Firma habe er aber weder Papiere verfasst noch Kontakte vermittelt.
In einem aktuellen Interview sagte Maaßen, er kenne Hanning, der zwischenzeitlich auch sein Chef gewesen sei, seit mehr als 25 Jahren. Er könne sich nicht vorstellen, dass dieser geheimhaltungsbedürftige Unterlagen an einen ausländischen Dienst gegeben hätte.
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Bernd Schmidbauer• ehemaliger Geheimdienstkoordinator• von 1991 bis 1998 im Amt• danach teils als Lobbyist tätig |
Ein weiterer Geheimnisträger, der zuletzt mit seinen Tätigkeiten und Kontakten für Schlagzeilen sorgte, ist Bernd Schmidbauer, der in den 90er Jahren unter Bundeskanzler Helmut Kohl Geheimdienstkoordinator war. 2024 wurde bekannt, dass die Wiener Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt – im Fokus stehen seine Kontakte in das Netzwerk Rund um Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek. Schmidbauer soll sich mit Marsalek getroffen haben und hatte Kontakt zu dem ehemaligen Polizisten Egisto Ott, wie etwa das ARD-Politikmagazin Kontraste berichtete. Ott soll dem russischen Geheimdienst FSB Informationen beschafft und Marsalek, der enge Kontakte zu russischen Geheimdiensten hat, 2020 bei der Flucht geholfen haben. 2025 ortete der Spiegel Marsalek in Moskau.
Im Wirecard-Untersuchungsausschuss sagte Schmidbauer später, er habe ausloten wollen, was Marsalek wusste, und behauptete er sei als Teil eines Rings von Senior-Experten aus der Geheimdienstwelt gegenüber Marsalek aktiv geworden.
Schmidbauer soll zudem 2022 nach Recherchen von Welt und des Südwestrundfunks für den Spähsoftware-Hersteller Intellexa lobbyiert haben. Intellexa steht mit seiner Software Predator im Zentrum eines Abhörskandals in Griechenland. Dutzende Politiker, Geschäftsleute und Journalisten wurden 2022 mittels Predator vom dortigen Geheimdienst über ihre Mobiltelefone ausspioniert. Auch in anderen Ländern wurde Predator genutzt.
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Klaus-Dieter Fritsche• ehemaliger Vizepräsident des BfV• von 1996 bis 2005 im Amt• danach als Berater und Lobbyist tätig |
Schmidbauer war nicht der einzige Geheimnisträger mit Verbindungen zu Wirecard. Auch Klaus-Dieter Fritsche, von 2014 bis März 2018 Beauftragter für die Nachrichtendienste des Bundes und vorher Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, arbeitete kurz für den Finanzdienstleister. Der Kontakt zwischen Wirecard und Fritsche kam nach dessen eigener Aussage durch den ehemaligen bayerischen Landespolizeipräsidenten Waldemar Kindler zustande, der mehrere Jahre bei Wirecard unter Vertrag stand.
Fritsche meldete kurz nach dem Ausscheiden beim Bundeskanzleramt 2018 eine Beratertätigkeit für ein Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen an. 2019 wurde er dann als Berater für den österreichischen Innenminister Herbert Kickl tätig, für die „Strategische Beratung des Bundesministeriums für Inneres bei der Weiterentwicklung der Staatsschutzbehörden nach internationalem Vorbild“.
Er lobbyierte für Wirecard und organisierte 2019 unter anderem ein Treffen zwischen Wirecard-Vorständen und dem damaligen Wirtschaftsbeauftragten der Bundesregierung, Lars-Hendrik Röller. 2020 ging es in den Aufsichtsrat von Heckler & Koch, eine Tätigkeit, die ihm nachträglich von der Bundesregierung untersagt wurde.
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Gerhard Schindler• ehemaliger Präsident des BND• von 2011 bis 2016 im Amt• danach teils als Berater tätig |
Gerhard Schindler, der den BND von 2011 bis 2016 führte, startete nur wenige Monate nach seinem Ausscheiden als freier Berater in Sicherheitsfragen bei der Beratungsgesellschaft „Friedrich 30“.
Die Firma begreift sich als Kern eines Netzwerks, zum Team gehören heute neben Schindler hochrangige pensionierte Beamte wie Günter Heiß, von 2009 bis 2017 Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt, oder der frühere Bundeswehr-General und NATO-Oberbefehlshaber Hans-Lothar Domröse.
Als Lobbyorganisation vertritt Friedrich 30 nach eigener Beschreibung „die politischen, wirtschaftlichen und Sicherheitsinteressen“ seiner Kunden gegenüber Politik, Behörden und Unternehmen. Wie aus dem Lobbyregister des Bundestages hervorgeht, war Schindler im Jahr 2025 mit Aufträgen von BMW und der Rüstungs-Firma Chora befasst, die mit Lösungen aus dem Bereich der elektronischen Kampfführung wirbt.
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Ernst Uhrlau• ehemaliger Präsident des BND• von 2005 bis 2011 im Amt• danach teils als Berater tätig |
Ernst Uhrlau war direkter Nachfolger von August Hanning und von 2005 bis 2011 BND-Präsident, zuvor war er Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung. Wenige Wochen nach Beginn seines Ruhestands wurde er im Februar 2012 als freiberuflicher Berater für die Deutsche Bank tätig. Laut damaligen Medienberichten sollte er die Bank in Fragen der globalen Sicherheit beraten.
Geheimdienstkontrolleure fordern Nachjustierungen beim Beamtengesetz
Dass Top-Spione und Geheimnisträger nach ihrer aktiven Dienstzeit in möglicherweise sicherheitssensiblen Bereichen tätig werden, ist schon lange ein Dorn in den Augen der Geheimdienstkontrolleure im Bundestag.
„Aus Sicht des Gremiums ist es problematisch, dass Beamtinnen und Beamte mit vertieften sicherheitsrelevanten beziehungsweise nachrichtendienstlichen Kenntnissen ungeprüft privatwirtschaftliche Tätigkeiten aufnehmen, die im Zusammenhang mit ihrer vorherigen dienstlichen Verwendung stehen“, schrieb der damalige Vorsitzende und heutige stellvertretende Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag, Konstantin von Notz (Grüne), 2023 in einem Schreiben an die Bundesregierung. „Es besteht die Gefahr, dass dienstlich erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse autoritären Regimen oder kriminellen Organisationen zur Verfügung gestellt werden.“
Insbesondere geht es den Politikern darum, aus der bisherigen Anzeigepflicht eine Erlaubnispflicht zu machen. Sprich: Wer nach seiner Zeit bei BND, BfV oder der Bundeswehr vorhat, privatwirtschaftlich tätig zu werden, soll den Dienstherren um Erlaubnis fragen müssen.
Es ist ein kompliziertes Unterfangen auszuloten, welche Tätigkeiten man Top-Beamten konkret nach ihrem Dienst untersagen will, und vor allem: Es erfordert eine Gesetzesänderung.
Es ist offen, ob der Vorgang um den ehemaligen BND-Präsidenten die Debatte neu entfacht. Im Bundesinnenministerium, das für das Beamtenrecht zuständig ist, gab man sich zum Ärger mancher Parlamentarier im Kontrollgremium nach dem Bekanntwerden der Hanning-Affäre noch gelassen. Man wolle erst einmal abwarten, was die Ermittlungen gegen ihn ergeben, so soll es kommuniziert worden sein.
Redigatur und Faktencheck: Silvia Stöber
Fotos im Artikel: dpa




