Lukrative Kita: Offshore-Strukturen in der Marienkäfergruppe
Ein undurchsichtiges Firmengeflecht, eine Stiftung in Liechtenstein, Verdacht auf Steuerhinterziehung: Der Fall eines fragwürdigen Kita-Betreibers steht für ein größeres Problem. Denn die Regierung will mehr Investments in die soziale Infrastruktur locken. Die Frage ist nur, ob der Staat den Überblick über diese sensiblen Bereiche behält.

Am Ende landet das Essen in den Mündern von rund 3.000 Kindern. Es kommt in Lieferwagen, die bedruckt sind mit dem Logo der Firma Forrest Cook.
In Dutzenden Kitas in Hamburg wird es serviert, im Süden der Stadt, im Norden, zum Teil in dem gut situierten Wohnviertel Eimsbüttel. Dort sitzt auch die Catering-Firma Forrest Cook.
Jahrelang gab es nur das Logo und den Namen, Forrest Cook, es gab weder ein angemeldetes Gewerbe noch eine Firma für den Cateringbetrieb. Hinter dem Namen verbirgt sich ein kompliziertes Geflecht aus rund einem Dutzend Beteiligungs-, Immobilien- und Vermögensverwaltungsfirmen und einer gemeinnützigen Gesellschaft, die eine Handvoll Waldkitas betreibt – zum Teil untergebracht in Kleingarten-Parzellen.
Für die Behörden ist der Fall brenzlig, denn es geht um einen hochsensiblen Bereich, wo es auf wirksame Kontrollen ankommt. Er wirft die Frage auf, ob der Staat noch hinterherkommt.
Der Bereich Bildung lockt Investorenfirmen und Asset Manager
Der Fall steht daher für ein viel größeres Problem: Deutschland steckt im Umbruch. Was bisher Aufgabe von Kommunen war, wird zunehmend zu einem Geschäftsfeld: Im Bereich Infrastruktur, also in Bereichen wie Bildung oder Gesundheit, aber auch im Verkehr und bei öffentlichen Einrichtungen tummeln sich inzwischen Investorenfirmen, Asset Manager, Private Equity Fonds, darunter auch und windige Geschäftemacher.
Der Betrieb Forrest Cook agierte unter dem Dach des Kita-Trägers Waldforscher gGmbH. Gegen die Verantwortlichen ermittelt nun die Hamburger Generalstaatsanwaltschaft, es geht um einen gravierenden Vorwurf: Steuerhinterziehung. Der Caterer, ein Betrieb mit nach eigengen Angaben vier Standorten mehr als 60 Kitas bekocht, verbarg sich rund acht Jahre lang hinter der Fassade eines kleinen Naturkita-Trägers und erwirtschaftete jedes Jahr Millionen Euro.
Der Hintergrund ist komplex: Kitas sind oft gemeinnützige GmbHs (gGmbH), ihre Trägergesellschaften müssen keine Steuern bezahlen. Catering-Betriebe dagegen sind nicht per se steuerbefreit. Haben die Verantwortlichen das Kita-Konstrukt genutzt, um die Behörden zu täuschen und jährlich Einnahmen in Millionenhöhe an der Steuer vorbeizuschleusen? Das ist die Frage, die die Staatsanwaltschaft beschäftigt.
Ein Verantwortlicher sagt: „Fragen Sie doch die Bienen“
Inzwischen – nach rund sieben Jahren Betriebstätigkeit – scheinen die Verantwortlichen aufgeräumt zu haben: Ende 2023 wurde Forrest Cook als Firma angemeldet – wohl gemerkt als normale GmbH, nicht als steuerbefreite gGmbH.
CORRECTIV hat das Firmengeflecht analysiert und ist auf ein unübersichtliches Konstrukt mit mehreren Ungereimtheiten gestoßen. Im Zentrum steht ein Mann, der unter mehreren Namen auftaucht, aber in keiner offiziellen Position im Firmenregister steht: Eigentlich heißt er Anatol Weidemann, schreibt sich aber auch Weydemann. Auf der Webseite des Caterers erscheint er als „Arturo von Dziengel.“
CORRECTIV hat ihm einen ausführlichen Fragenkatalog zu dem Kita-Firmennetzwerk geschickt. Die Antwort zeigt, dass sich Weidemann offenbar unangreifbar fühlt: Es handele sich, schreibt er, um eine „soziale Plastik“, und die bedürfe „keiner Erklärung noch einer Rechtfertigung.“ Weiter schreibt er: „Fragen Sie doch die Bienen, warum diese für den Honig unterwegs sind.“ Übrigens werde er sich nicht zu laufenden Verfahren äußern.
Stabile Renditen – gekoppelt mit einem guten Gefühl
Kitas und Kita-Catering sind vielversprechende Geschäftsfelder – in den meisten Fällen gehören den Fondsgesellschaften die Gebäude, oft übernehmen sie zusätzlich Unterhalt und Hausmeisterdienste. Der Staat zahlt dafür Miete. Private Equity Firmen und Investmentgesellschaften werben mit stabilen Renditen – gekoppelt mit einem guten Gefühl; die Rede ist von nachhaltigen Investments und risikoarmen Anlagen. Im Internet wirbt ein Anbieter: „In die nächste Generation investieren: Portfoliodiversifikation mit Kita-Fonds“.
Es sind aber nicht nur Kitas, die Begehrlichkeiten wecken. Was in anderen Ländern längst üblich ist, setzt sich allmählich auch in Deutschland durch: Investitionen in öffentliche Infrastruktur, also Brücken, Autobahnen, Schulen, Polizeistationen, Feuerwachen.
„Es gibt viel Interesse an Private Equity, die Investmenfirmen werden aktuell zugeschüttet mit Geld und suchen händeringend nach Möglichkeiten zu investieren“, sagt Uwe Zöllner, Finanzexperte der lobbykritischen Organisation Finanzwende und selbst ehemaliger Fondsmanager. Zöllner hat die Folgen im medizinischen Bereich untersucht. Die Ergebnisse: Arztpraxen warben nach dem Einstieg der Private-Equity-Firmen oft intensiv für Privatleistungen, in Pflegeheimen verschlechterte sich der Personalschlüssel; fast überall stieg der Spardruck.
Fachleute sprechen von einem Bedarf von 600 Milliarden Euro
„Sie schaffen nichts Neues, sondern kaufen überwiegend, was es schon gibt und versuchen, kurzfristige Renditen für Investoren zu schaffen“, sagt der Experte. Lange Zeit habe die Branche den sozialen Bereich gemieden – zu groß das Regulierungsrisiko: „Jetzt sagen sie: Immerhin zahlt der Staat und es ist nicht konjunkturabhängig.“
Es gibt Experten, die das positiv sehen, denn der Investitionsstau ist riesig. Das Institut der deutschen Wirtschaft geht insgesamt von einem Bedarf von 600 Milliarden Euro aus, 42 Millionen entfallen dabei auf Bildung. Der Staat alleine scheint die Aufgabe nicht stemmen zu können.
Geschäftsfelder Kita und Kita-Catering
Im Bereich Kita-Catering zieht schon seit Jahren internationale Großkonzerne an. Ein Beispiel ist der Anbieter Vielfaltmenue. Der rühmt sich mit 1.100 Beschäftigten und 110.000 Mahlzeiten am Tag. Vielfaltmenue ist beim Catering Nachfolger der Firma Sodexo, die zu einem französischen Großkonzern gehörte und 2012 mit Kompott aus virenverseuchten Erdbeeren aus China eine Brechdurchfall-Welle auslöste. Der Catering-Riese gehört jetzt der Private-Equity-Gruppe Certina. Allerdings machte er immer wieder Schlagzeilen, etwa mit niedrigen Löhnen, die zum Teil unter dem Minimum für öffentliche Aufträge lagen. Erst nach einer Welle von Streiks wurden die Löhne angehoben und neue Tarifverträge abgeschlossen.
Auch bei den Kitas gibt es inzwischen multinationale Konzerne, so zum Beispiel Babilou, gegründet in Frankreich und tätig in mehr als zehn Ländern, mit rund 1200 Kitas, in den USA, in Dubai, in Deutschland hat der Konzern seit 2015 vier andere Träger übernommen. Ein Vater aus München sprach gegenüber CORRECTIV von deutlichen Veränderungen. „Man merkte, dass da eine Investorengruppe hinter stand“, sagt er. „Die Fluktuation nahm deutlich zu. Viele besser qualifizierte Erzieherinnen gingen, weil denen die Bedingungen nicht mehr passten.“ Auch auf der Plattform Kununu kritisieren Beschäftigte schlechte Gehälter und fehlende Wertschätzung.
Das Unternehmen weist Kritik zurück: Bei Babilou würden „ausschließlich qualifizierte Fachkräfte eingesetzt.“ Fluktuationen ließen sich wegen des Fachkräftemangels nichtimmer vermeiden. Die Gehälter orientierten sich am Markt, man nehme das Feedback aber sehr ernst.
Noch hinkt Deutschland bei Privatinvestments im öffentlichen Sektor hinterher. Nun weckt das 500-Milliarden-Euro-Paket der Bundesregierung für Infrastrukturprojekte Begehrlichkeiten. Das ist politischer Wille: Die Regierung will mit dem Sondervermögen – so heißt es im Koalitionsvertrag, „wo möglich“ privates Kapital „hebeln“ und den öffentlichen Bereich für Privatinvestoren schmackhaft machen.
Aber die zwei Bereiche passen eigentlich schlecht zusammen: Auf der einen Seite Kitas, wo es auf Transparenz und klare Regelungen ankommt. Und auf der anderen Seite der Finanzmarkt, wo komplexe Holding-Geflechte mit Verbindungen in Schattenfinanzplätze und Offshore-Strukturen nicht selten vorkommen – mitunter einschließlich Risiken von Steuervermeidung und Geldwäsche, wie zum Beispiel der Immobilienmarkt zeigt. Die Frage ist, ob der Staat die Kontrolle behält über die Akteure, die der soziale Bereich anzieht.
„Um den Bereich Kitas hat sich ein Markt entwickelt, und im Prinzip kann jede und jeder eine Kita eröffnen”, sagt Doreen Siebernik, die im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für den Bereich Jugendhilfe und Sozialarbeit zuständig ist. Neben den Städten, den Kirchen und Sozialverbänden als Trägern gebe es laut offizieller Einteilung den Bereich „Sonstige“: Dahinter verbirgt sich eine unübersichtliche Vielfalt von größeren und kleinen Betrieben, Vereinen, Elterninitiativen.
Der Geschäftsführer der Kita-gGmbH lebt in Maryland
Am nördlichen Rand von Hamburg, in einem Schrebergarten, spielt gut ein Dutzend Kinder in einem Schrebergarten vor einer bunt lackierten Laube in der Sonne. Es ist eine Kita der Waldforscher gGmbH. Die Kinder verbringen den ganzen Tag draußen; das ist das pädagogische Konzept. Offenbar reicht dazu ein Kleingarten. Gegenüber ist eine weitere Gruppe in einer zweiten Parzelle untergebracht.
Der offizielle Geschäftsführer der Kita-gGmbH ist ein Mann in Gaithersburg, Maryland. Wie er sich von dort um die Geschäfte einer Firma in Hamburg kümmert? Auch er teilt auf CORRECTIV-Anfrage nur mit, er werde sich nicht zu „laufenden Rechtsstreits und Verfahren“ äußern. Laut einem Beleg, der CORRECTIV vorliegt, sagte eine frühere Geschäftsführerin in einer Vernehmung bei der Polizei, sie habe weder Einblick in die Konten noch in betriebliche Abläufe gehabt und den Posten daher nach wenigen Monaten niedergelegt.
Wohin also flossen die Umsätze? Legt man zugrunde, dass Forrest Cook für jedes Essen rund vier Euro berechnet, hätte der Caterer bei 3000 ausgelieferten Mahlzeiten um die 12.000 Euro eingenommen – pro Tag. In den Bilanzen der Kita-gGmbH sind in den vergangenen Geschäftsjahren Einnahmen von knapp zwei Millionen genannt, alles steuerfrei und zum großen Teil finanziert aus öffentlichen Kassen.
Auch warb der Caterer zwischenzeitlich mit Suppen „für alle“ im „To-Go-Gläschen“ – also offensichtlich für die Laufkundschaft, und nicht nur für Kitas.
Hohe Verbindlichkeiten in den Bilanzen
Zwar dürfen auch gemeinnützige Gesellschaften auch mit nicht-gemeinnützigen Tätigkeiten Gewinne erwirtschaften, diese müssten dann aber versteuert werden. In den Bilanzen des Trägers tauchen aber nur Einnahmen aus dem gemeinnützigen Zweckbetrieb auf.
Auffällig ist auch, dass in den Bilanzen stets hohe Verbindlichkeiten aufgeführt sind, allein 2021 mehr als 1,6 Millionen Euro – zum Teil handelt es sich um Schulden gegenüber Gesellschaftern. Angebliche Kredite und Zinsen können dazu dienen, Geld innerhalb von Firmengeflechten verschieben – ob dies bei der Kita-gGmbH der Fall war, lässt sich aber nicht belegen: Die Verantwortlichen antworten nicht auf die Fragen von CORRECTIV.
Alleiniger Gesellschafter der gGmbH ist der Amerikaner in Maryland. Frühere Angestellte und Geschäftspartner des Catering-Betriebes aber sagen, dass vor allem ein Mann die Entscheidungen trifft: Anatol Weidemann.
Verbindungen zu einem umstrittenen Immobilien-Geschäftsmann
Der war laut Medienberichten früher Projektleiter des umstrittenen Immobilien-Unternehmers Klausmartin Kretschmer, dem symbolträchtige Gebäude in Hamburg gehörten – die Oberhafenkantine und das linke Kulturzentrum Rote Flora. Kretschmer geriet in die Schlagzeilen, weil er wegen seiner Methoden mit der Stadt in heftigen Streit geriet, 2014 musste er Insolvenz anmelden. Seither hört man kaum noch etwas von ihm.
Wenige Monate zuvor, in 2013, wurde die Waldforscher gGmbH angemeldet. Nicht nur Kretschmers Ex-Projektleiter Weidemann ist involviert, sondern auch sein früherer Anwalt. Der Jurist war nach Belegen, die CORRECTIV vorliegen, bis mindestens 2023 für ihn tätig und vertritt parallel die Verantwortlichen der Waldforscher gGmbH vor Gericht.
Der Jurist ist zugleich ein Gesellschafter einer Immobilienverwaltungsfirma, die zu der Kita-gGmbH gehört, und außerdem CDU-Kommunalpolitiker in Ellerau nördlich von Hamburg – für seine Fraktion leitet er dort den Ausschuss für Kinder, Jugend und Bildung.
Der Anwalt reagiert nicht auf Anfrage von CORRECTIV. Kretschmer weist Verbindungen zu dem Waldforscher-Firmengeflecht zurück: Er habe seit mehr als zehn Jahren keine geschäftlichen Beziehungen mehr zu Weidemann.
AfD-Politiker aus Sachsen als Treuhänder
Statt auf klare Antworten stößt man in dem Firmengeflecht auf immer neue Rätsel: Eine Spur führt nach Liechtenstein und verliert sich dort, das Fürstentum gilt als Steueroase – und als Hafen für Reiche aus aller Welt, die ihr Vermögen verstecken wollen. Dort sitzt eine ominöse Stiftung, die in etwa zur gleichen Zeit angemeldet wurde wie die Kita-gGmbH in Hamburg. Weidemann ist als Stiftungsrat eingetragen, der Stiftungszweck identisch mit dem Firmengegenstand der Waldforscher gGmbH.
Aber in Liechtenstein lassen sich der Stiftung keine Kitas zuordnen.
Noch ein schillernder Name taucht in den Firmenunterlagen auf: Bernd Lommel – Fraktions-Geschäftsführer der AfD Sachsen – war Gesellschafter einer Projektmanagement- und Vermögensverwaltungsfirma namens Goldstein GmbH, die an derselben Eimsbüttler Adresse wir die Kita-gGmbH Waldforscher registriert ist. Lommel war vor einigen Jahren auch in den Anlageskandal um die Immobilienfirma Dolphin Trust verstrickt und zeitweise in mehr als einem Dutzend verschiedenen Gesellschaften als Geschäftsführer eingetragen.
Gegenüber CORRECTIV teilt Lommel mit, er sei bei der Goldstein GmbH nur als Treuhänder „für jemand anderen“ tätig gewesen. Allerdings sei ihm nicht ganz wohl bei der Sache gewesen: „Es gehört dazu, dass man Klarheit darüber hat, was dahinter stecke“, sagt er. Das sei nicht erfüllt worden. Alsohabe er gesagt: „Bitte ohne mich.“
Mietküche offenbar regelrecht ausgeplündert
Unklar ist, wer die Fäden zieht. Im Transparenzregister müsste der wirtschaftlich Berechtigte angegeben sein – das ist laut Geldwäschegesetz vorgeschrieben. Bei der Goldstein GmbH erscheint Anatol Weidemann – als Treuhänder. Für wen, bleibt für die Öffentlichkeit unsichtbar. Zudem passt das nicht mit den Einträgen im Handelsregister zusammen – dort ist der Mann in Gaithersburgh, Maryland als alleiniger Gesellschafter eingetragen.
Der Fall beschäftigt seit Jahren die Gerichte in Hamburg; das Verfahren wegen Steuerhinterziehung, teilt die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg mit, ist noch nicht abgeschlossen. Es ist aber nicht das einzige Verfahren: Eine frühere Vermieterin klagte gegen ihn wegen Unterschlagung und erstattete Strafanzeige.
Weidemann mietete 2016 eine Großküche von ihr in einem Hamburger Gewerbegebiet. Sie wirft ihm vor, nach einigen Monaten habe er die Miete nicht mehr vollständig überwiesen und am Ende, so ihre Version, habe er die komplette Einrichtung der Küche ausgeplündert; demnach habe er alle Möbel und Geräte einfach auf einen Lkw geladen und abtransportiert.
CORRECTIV liegen Fotos, Inventarlisten und dokumentierte Aussagen vor, die den Vorfall zu bestätigen scheinen. Vor Gericht bestritt Weidemann die Vorwürfe, auf Anfrage von CORRECTIV äußerte er sich dazu nicht.
Der Fall liegt seit Jahren vor Gericht, eine erste Klage wurde in den meisten Punkten abgewiesen, aktuell läuft ein Berufungsverfahren.
Die Kinder und ihre Eltern kriegen von all dem wenig mit. Das Essen steht pünktlich jeden Mittag auf dem Tisch.
„Je länger das läuft, umso unauffälliger ist es”
Wie aber kann es sein, dass den Behörden nichts auffiel? Der Fall wirft Fragen auf und zeigt, dass es auf einem eigentlich extrem regulierten Bereich wie Kitas und Kita-Catering offenbar Lücken gibt. Das Finanzamt prüft die Steuerangaben. Zuständig für die Durchsetzung der Gewerbeordnung wäre der Bezirk, also Eimsbüttel. Die Behörde für Justiz und Verbraucherschutz kümmert sich um die Zulassung von Betrieben nach Lebensmittelrecht.
Aber niemand prüft, ob dieser Betrieb, der täglich 3000 Essen für Kleinkinder kocht, legitim als Gewerbe angemeldet ist – und ob alle Angaben zusammenpassen.
Das Thema scheint heikel; selbst die zuständigen Stellen geben keine klare Auskunft: Die Wirtschaftsbehörde reagiert nicht auf Anfrage, die Industrie- und Handelskammer will sich nicht zitieren lassen. Ein Insider, der anonym bleiben will, sagt: „Je länger das läuft, umso weniger auffällig ist es.“ In den Bezirksämtern herrsche Personalmangel: „Und wenn die sehen: Den Betrieb gibt es seit Jahren, werden die annehmen, dass alles sein Richtigkeit hat“, sagt er, und: „Wenn nie ein Gewerbe angemeldet wurde, dann gibt es das für den Bezirk gar nicht.“
Noch sind Kitas für Investoren eine Nischenmarkt
Das Bezirksamt Eimsbüttel sieht sich offenbar nicht in der Verantwortung und teilt auf Anfrage zu dem Fall mit: „Prüfungen dazu, insbesondere, ob alle Aktivitäten mit dem Status der Gemeinnützigkeit übereinstimmen, erfolgen ohnehin nicht durch das Bezirksamt.“ Man solle sich ans Finanzamt wenden. Von dort heißt es, man könne wegen des Steuergeheimnisses keine Auskunft geben.
Wenn Investoren, Asset Manager oder Fonds Geld in die soziale Infrastruktur stecken, sollen alle davon etwas haben: Der Staat, der den Ausbau nicht bewältigen kann, die Familien, auf ein verlässliches Angebot an Kitas und Trägern angewiesen sind. Und die Finanzfirmen, die Rendite damit machen.
Der Bereich Kitas ist noch eine Nische für Investoren. Aber der Markt wächst.
Der Markt der Kita-Caterer dagegen ist bereits in Teilen in den Händen internationaler Investmentfirmen: „Früher war es Standard, dass die Einrichtungen eigene Küchen haben, mit eigenem Personal“, sagt Doreen Sieberding von der GEW. „Aber für immer mehr Träger erweist sich das Outsourcen der günstigere Weg.“ Das ziehe auch fragwürdige Akteure an.
Frage nach der Verantwortung der Länder
„Wir haben mitbekommen, dass es Fälle gab, wo angeblich regionales Essen in Polen zubereitet wird, und dass Saucen angereichert waren – mit Wein.“ Die Kita-Träger suchen sich selbst die Betriebe aus, von denen sie Essen beziehen. Dabei, meint das GEW-Vorstandsmitglied, brauche es unbedingt bundesweit einheitliche Standards – um überall eine gleichwertige, gute Ernährung zu gewährleisten. „Die Frage ist, wie die Länder in der Verantwortung sind, um sicherzustellen, dass sich da keine Geschäftemacher tummeln.“
Nun will die Bundesregierung Hunderte Millionen in die soziale Infrastruktur pumpen und hofft auf kräftigen Zustrom von privatem Vermögen. Aber dafür stellt die Finanzwirtschaft auch Bedingungen – höhere Renditen, und dass der Staat Risiken für sie übernimmt.
Damit könnten die Probleme mit unsauberen Anbietern noch zunehmen.
In Deutschland scheint bisher kaum jemand den Überblick zu haben. Davon profitieren windige Geschäftemacher, das zeigt der Fall in Hamburg.
Mittelständische Catering-Firmen unter Druck
Vor einigen Jahren aber fiel der Betrieb unangenehm auf: 2018 prüfte die Verbraucherzentrale Hamburg den Betrieb und stellte fest, dass dort gegen Gesetze verstoßen werde: Forrest Cook täusche seine Kunden mit „falscher Bio-Auslobung“ und fehlenden Kennzeichnungen. Der Betrieb wies die Vorwürfe öffentlich zurück.
Zunehmend machen sich internationale Konzerne auf dem Markt breit, kaufen kleinere Betriebe auf, der Markt konzentriert sich auf immer größere Unternehmen. „Seit der Bereich der Ganztagsbetreuung ausgebaut wird, hat es einen richtigen Schub gegeben“, sagt André Adden, der seit knapp 30 Jahren den Kita-Caterer Ratatouille in Oldenburg betreibt.
Der Preisdruck ist hoch. André Adden aus Oldenburg fragt sich manchmal, wie lange er als Mittelständler noch mithalten kann. „Es könnte sein, dass es in ein paar Jahren nur noch fünf oder sechs Konzerne gibt, dann war es das für uns kleinere Anbieter vor Ort“, meint er. „Wir kochen wirklich gutes Essen, aber die haben den Vorteil des vielen Geldes.
Der Wettbewerb um die Kinder beginnt
Im Bereich Kitas dagegen sind bisher nur wenige gewinnorientierte, global agierende Konzerne aktiv; der private Teil des Markts ist bestimmt von Kleinträgern. Viele Jahre lang bestimmte ein eklatanter Mangel an Kitaplätzen die Lage. Aber das Bild ist in einigen Städten gekippt. Die Aussicht auf gutes Geld lockt immer neue Anbieter an. Der Wettbewerb um die Kinder hat begonnen. „In Hamburg ist der Markt gesättigt“, sagt Kita-Erzieherin Marina Jachenholz, die sich im Kita-Netzwerk engagiert, einem Bündnis aus Eltern und Fachleuten. „Wir merken, dass es Konkurrenzdruck gibt.“
Gerade für städtische Kitas werde es schwieriger, sich zu behaupten. Denn anders als die privaten Träger dürfen sie keine zusätzlichen Beiträge nehmen, sagt Jachenholz: „In einigen Stadtteilen überlegen wir schon: Legen wir die kleineren mit den größeren Einrichtungen zusammen?“
In Berlin ist es ähnlich, auch hier kämpfen manche Kitas schon um die Existenz. Viele Investmentfirmen aber entdecken den Markt nun für sich – die Entwicklung steht gerade am Anfang.