„Wir fangen bei null an“: Mehr als 40.000 Kinder wiederholen die erste Klasse
Nach Recherchen von CORRECTIV steigt die Zahl der Kinder, die länger in der Grundschule bleiben. In sozialen Brennpunkten sind es bis zu 90 Prozent. Der Grund: Fehlende Sprachkenntnisse und sinkende Konzentrationsfähigkeit.
Alma Tamborini leitet die Grundschule Nordmarkt in der Dortmunder Nordstadt. Bei der Frage, wie viele Erstklässler an ihrer Schule in diesem Sommer die Klasse wiederholen, muss sie nicht lange überlegen: „Quasi alle.“ 97 Prozent ihrer Schützlinge werden ein Jahr länger in der ersten Klasse und somit in der so genannten Schuleingangsphase bleiben. So wie die frühkindliche Bildung derzeit aufgestellt ist, ist die Wiederholung des ersten Schuljahres für ihre Kinder die einzige Chance, um nicht schon nach einem Jahr Schule für den Rest ihrer Schullaufbahn chancenlos zu sein.
Die Dortmunder Grundschule liegt im sozialen Brennpunkt. Die Kinder stammen aus 37 Nationen, nahezu alle haben einen Migrationshintergrund. Die Hälfte der Kinder auf der Nordmarkt-Grundschule hat vor der Einschulung nie eine Kita besucht, erzählt Tamborini.
Drei Jahre in der Schuleingangsphase
Die Schule mitten im Ruhrgebiet ist zwar ein Extrembeispiel. Aber sie steht beispielhaft für ein wachsendes Problem: Nach Recherchen von CORRECTIV bei den Bildungsministerien der Bundesländer mussten bundesweit mehr als 41.000 Erstklässler im Schuljahr 2024/25 das Schuljahr wiederholen und damit drei statt der regulären zwei Jahre in der Schuleingangsphase – also in der Klassenstufe 1 und 2 – bleiben. Dabei ist ein Wiederholen in der ersten Klasse oft eigentlich gar nicht vorgesehen und in vielen Bundesländern nur freiwillig mit Einwilligung der Eltern möglich.
Zehn Bundesländer nannten auf Anfrage von CORRECTIV Zahlen. Bundesweit dürften also noch mehr Kinder betroffen sein. Im vorherigen Schuljahr wiederholten in diesen Bundesländern gut 39.000 Kinder die erste Klasse.
In Nordrhein-Westfalen wiederholen sechs Prozent
Allein im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen wiederholten im vergangenen Schuljahr 22.894 Erstklässler. Damit betrifft das inzwischen sechs Prozent aller Grundschüler in der Schuleingangsphase. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es noch 20.836 Kinder (5,6 Prozent). In einzelnen NRW-Kommunen liegt die Zahl über zehn Prozent. In Schleswig-Holstein stieg die Zahl von 3.570 auf 3.884 Kinder und damit von 6,5 auf 7 Prozent. In einzelnen Städten wie Köln wuchs die Gesamtzahl der so genannten „Verbleiber“ in der ersten Klasse innerhalb der vergangenen drei Jahre auf 760 Kinder. Aber die Lage ist nicht in allen Bundesländern gleich. In Bayern, Baden-Württemberg und Bremen wiederholten im vergangenen Schuljahr nur rund 1 bis 2 Prozent der Kinder die erste Klasse.
Besonders hoch sind die Zahlen an Grundschulen in sozialen Brennpunkten. Das zeigt eine bundesländerübergreifende Befragung der Wübben Stiftung Bildung aus dem dem Jahr 2025 unter 226 Grundschulleitungen in sozialen Brennpunkten: An den untersuchten Schulen bleibt fast jedes vierte Kind länger an der Grundschule – also mehr als vier Jahre beziehungsweise in Berlin sechs Jahre. An mehr als 20 Prozent der Schulen ist es sogar mehr als jedes dritte Kind, an einigen Schulen sind es – so wie in der Dortmunder Grundschule – zwischen 70 und über 90 Prozent.
Fehlende Deutschkenntnisse als Hauptproblem
Als vor knapp drei Jahren die Schulleiterin der Gräfenauschule in Ludwigshafen öffentlich machte, dass an ihrer Schule etwa 40 von rund 130 Kindern die erste Klasse wiederholen, gab es einen medialen Aufschrei. Über solche Zahlen könne sich aber nur wundern, wer noch nie mit Schulleitungen in Stadtvierteln wie dem ihren gesprochen habe, meint Tamborini. Für sie und Kolleginnen und Kollegen an ähnlichen Schulen ist so eine Lage längst Alltag.
Dabei gibt es viele Gründe, warum so vielen Kindern der Start in die Grundschule schwerfällt. Einer der wichtigsten – viele Erstklässler können kaum Deutsch. Wenn wie in der Dortmunder Grundschule 50 Prozent der Kinder keine Kita besucht haben, fehlt schlicht die Sprache, weil in der Familie kein Deutsch gesprochen wird. „Wenn ich bei den Buchstaben ‘A wie Apfel’ lerne, aber das Wort Apfel nicht kenne, kann ich nicht lesen lernen“, ergänzt Christiane Hartmann, Schulleiterin der James-Krüss-Grundschule in Köln-Ostheim, auch eine Brennpunktschule, wo das Wiederholen ebenfalls Alltag ist.
Weniger Kinder mit Migrationshintergrund in der Kita
Obwohl die Kitas zentraler Ort der Sprachvermittlung sein sollen, besuchen dem Statistischen Bundesamt zufolge deutschlandweit immer weniger Kinder mit Migrationshintergrund im letzten Jahr vor der Einschulung eine Kita: 2020 waren es noch 81 Prozent er drei- bis sechsjährigen Kinder mit Migrationshintergrund, 2023 nur noch knapp 77 Prozent. Im gleichen Zeitraum besuchten deutschlandweit fast alle Kinder ohne Migrationshintergrund eine Kita. Schlusslichter im bundesweiten Vergleich: Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein – hier besuchten 2023 nur 66 Prozent bzw. 60 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund eine Kita. Drei Jahre zuvor waren es in NRW noch 73 Prozent) und in Schleswig-Holstein 76 Prozent.
Aber selbst wenn Kinder im Jahr vor der Einschulung die Kita besuchen: Der Fachkräftemangel sei gerade in den Einrichtungen in sozialen Brennpunkten besonders gravierend, erläutert Tamborini. Notgruppenbetreuung oder Reduzierung der Betreuungszeiten seien vielerorts ebenso Alltag wie fehlende Sprachvorbilder in den Kitas: „Es sitzen hier manchmal Kinder in der ersten Klasse, die in ihrer Kita-Zeit in der Einrichtung nur Türkisch gesprochen haben.“
Viele Erstklässler haben noch nie Bausteine gestapelt
Wie angespannt die Lage in den Kitas ist, zeigt auch die soeben erschienene Studie der Bertelsmann-Stiftung: Demnach hat nur jede siebte Kita genug Personal, um zu erfüllen, was Wissenschaftler empfehlen – damit Kinder nicht nur ausreichend betreut, sondern zusätzlich erzogen und gebildet werden. Tausende Erzieherinnen und Erzieher berichteten CORRECTIV, wie sich der Personalmangel auf ihre Arbeit auswirkt – sie stehen vor dem Burnout, gehen krank zur Arbeit und müssen teilweise mehr als 20 Kleinkinder alleine betreuen. Das Risiko von Gewalt steigt.
Hinzu kommt, dass immer mehr Kindern die zentralen Voraussetzungen für das Lernen fehlen. „Viele Erstklässler haben noch nie ein Puzzle aus drei Teilen zusammengesetzt. Sie haben noch nie Bausteine aufeinander gestapelt“, sagt Tamborini. Die Kinder müssten erst lernen, mit anderen im Kreis zu sitzen, einen Stift zu halten, ein Blatt abzuheften oder sich selbstständig die Schuhe zu schließen.
„Wir fangen hier komplett bei null an,“ sagt Tamborini. Wie soll man all das in einem Schuljahr aufholen? „Wenn ein Kind dann am Ende des ersten Schuljahres gerade einmal bis zehn zählen kann, die Zahlzerlegung aber noch nicht begreift, wird es unmöglich im darauffolgenden Herbst in der Lage sein, im zweiten Schuljahr den Zahlenraum bis 100 zu erobern“, sagt die Kölner Schulleiterin Hartmann. Gleiches gelte für das Lesen, wenn nur die Hälfte der Buchstaben beherrscht werde. „Das Fundament muss solide sein, bevor das Haus darauf aufgebaut werden kann.“ Die erste Klasse zu wiederholen, sei die einzige Chance.
Starker Medienkonsum hat Folgen
Ein weiteres Problem – viele Kinder verbringen schon im Kindergarten– und Grundschulalter viel Zeit mit digitalen Medien. „TikTok wird sehr stark genutzt schon bei den Erstklässlern“, erläutert Tamborini. Ein großer Teil der Erstklässler habe völlig unreglementierten Zugang zu Smartphones und Social Media. „In unserem Elterncafé sitzen Mütter, während die zweijährigen Geschwisterkinder TikTok-Videos anschauen.“
Den Effekt sehen Tamborini und ihre Kolleginnen längst: „Wir beobachten, dass Erstklässler sich überhaupt nicht mehr konzentrieren können.“ Selbst Blickkontakt falle vielen inzwischen schwer. „Die kennen nur noch Blinken und Drücken.“ Sehr viele Kinder seien in der Folge nicht mehr neugierig auf die Welt, ergänzt Hartmann: „Sie stellen keine Fragen – einfach, weil sie zu wenig von der Welt kennengelernt haben.“
Für den Geschäftsführer der Wübben Stiftung, Markus Warneke, wird politisch noch längst nicht in ausreichender Radikalität gesehen, was das in der Konsequenz bedeutet: „Wir lassen derzeit 20 bis 30 Prozent einer Generation, die am Ende der Grundschule nicht lesen und schreiben können, durchs Raster fallen.“ Viele landeten später in den Auffangsystemen der Berufsschule. „Am Ende haben dann etwa 20 Prozent keinen formalen Berufsabschluss.“ Das sei volkswirtschaftlich nicht verkraftbar und gefährde die Resilienz der Demokratie.
Modelle in verschiedenen Bundesländern
Dabei hat die Politik das Problem grundsätzlich erkannt: Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat angekündigt, bundesweit verpflichtende Sprachtests für alle Vierjährigen einführen zu wollen, um Kinder besser auf die Schule vorzubereiten. Bei Bedarf auch mit verpflichtender Sprachförderung. Derzeit wird ein Qualitätsentwicklungsgesetz dazu erarbeitet, das für die Länder den Rahmen zur Ausgestaltung bieten soll. Das Ziel ist, früher anzusetzen und nicht erst nach der Schuleingangsuntersuchung.Eine CORRECTIV-Recherche im vergangenen Jahr ergab, dass je nach Bundesland aktuell bis zu 37 Prozent der Kinder Sprachauffälligkeiten in diesen Tests zeigen.
In einigen Bundesländern gibt es inzwischen unterschiedliche Modelle vorschulischer Förderung: Vorbild ist dabei Hamburg, wo es als einziges Bundesland schon seit 20 Jahren Vorschulklassen an Grundschulen im letzten Jahr vor der Grundschule gibt. Für Kinder, bei denen bei der Vorstellung mit viereinhalb Jahren sprachliche Defizite festgestellt werden, ist der Besuch verpflichtend. In Hessen gibt es für Kinder mit Sprachförderbedarf verpflichtende Vorlaufkurse an Grundschulen. Rheinland-Pfalz wie auch Bayern haben die Sprachstandserhebung bereits auf 4,5 Jahre vorgezogen. Bei Sprachförderbedarf müssen Kinder, die nicht genug Deutsch sprechen, verpflichtend eine Kita besuchen. In Bayern mit einem verpflichtenden Vorkurs Deutsch. Auch Berlin führt gerade ein sogenanntes „Kita-Chancenjahr“ ein, um Kinder dort besonders zu fördern und für die Schule fit zu machen.
NRW will „ABC-Klassen“ einführen
In Baden-Württemberg sollen ab dem Schuljahr 2026/27 an den ersten Schulen Juniorklassen starten. Das wird ein vorgeschaltetes verpflichtendes Vorschuljahr für schulpflichtige Kinder mit intensivem Förderbedarf, um sie auf die erste Klasse vorzubereiten. Nachdem die Ergebnisse der jüngsten Schuleingangsuntersuchung in NRW gezeigt hatten, dass etwa ein Drittel aller Kinder nicht über hinreichende Sprachkenntnisse verfügt, um später aktiv am Unterricht teilzunehmen, hat Schulministerin Dorothee Feller (CDU) im Januar angekündigt, ab 2028/29 „ABC-Klassen“ vor Beginn der Grundschule einzuführen, um die Sprachkompetenz von Kindern zu fördern.
Dabei sollen Kita-Kinder zweimal wöchentlich für zwei Stunden in der nächstliegenden Grundschule auf die Schule vorbereitet werden. Zukünftig sollen Schulleitungen bereits vor Beginn des Schuljahres entscheiden dürfen, ob ein Kind die Schuleingangsphase in drei statt zwei Jahren durchläuft – das Wiederholen also Teil des Konzepts wird. Damit wird im Grunde das rechtlich abgesichert, was an Schulen wie der Dortmunder Nordmarkt-Grundschule bereits Realität ist: Wiederholen als fester Teil des Schulkonzepts.
Die beiden Grundschulleiterinnen aus Nordrhein-Westfalen begrüßen die Pläne des Schulministeriums grundsätzlich: „Die Richtung stimmt: Es gibt frühere Diagnostik, frühere Förderung und mehr Zeit“, erklärt Schulleiterin Hartmann. Allerdings gibt es da auch noch einen Haken. Wie sie das zusätzliche Förderangebot für die Kitakinder an ihrer Schule personell leisten soll, ist Schulleiterin Tamborini noch nicht klar. „Unsere Schule ist schon jetzt mit acht Stellen unterbesetzt, da ich keine Lehrkräfte finde.“
Redigat und Faktencheck: Miriam Lenz