Zwei Tage lang diskutierten beim Bundeskongress Schulsozialarbeit in Hildesheim in Niedersachsen rund 600 Teilnehmende über die Zukunft des Berufs; darunter Schulsozialarbeiterinnen, Wissenschaftler, Vertreter von Trägern der Kinder- und Jugendhilfe und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
Zum Abschluss des Kongresses forderten sie in einer gemeinsamen Resolution, der sogenannten Hildesheimer Erklärung, einen weitreichenden Ausbau von Schulsozialarbeit: Jede Schule müsse mindestens eine volle unbefristete Stelle in der Schulsozialarbeit bekommen. Pro 150 Schülerinnen und Schülern müsse es eine volle Stelle geben.
Ähnliche Forderungen wurden bereits auf dem zweiten Bundeskongress Schulsozialarbeit 2015 in Dortmund verabschiedet. Doch wie eine aktuelle bundesweite Recherche von CORRECTIV zeigt, sind viele Bundesländer nach wie vor weit davon entfernt.
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In Sachsen gibt es an jeder zweiten allgemeinbildenden Schule keine Sozialarbeiterin. Ähnlich schlecht ist die Lage in Thüringen: Gut 43 Prozent der allgemeinbildenden Schulen haben keine Sozialarbeit. Rund 65.500 Schülerinnen und Schüler lernen an diesen Schulen in Thüringen – sie können bei Problemen nicht von einer Sozialarbeiterin unterstützt werden. Besonders an Grundschulen und Förderschulen in Thüringen fehlen jene Fachkräfte – rund 60 Prozent dieser Schulen haben keine Schulsozialarbeit.
Nur Berlin und das Saarland geben auf Anfrage von CORRECTIV an, dass es an allen Schulen Sozialarbeit gebe. Doch auch dort sind Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter teilweise alleine für hunderte Kinder und Jugendliche zuständig.
Schulsozialarbeit ist mehr als „Feuerwehr“ bei Notfällen
„Schulsozialarbeit wird gerne als Feuerwehr in der Schule gesehen, die akute Krisen lösen soll“, sagt Nicole Pötter, Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Hochschule München. „Aber sie ist so viel mehr.“ Pötter ist auch Erstunterzeichnerin der Hildesheimer Erklärung.
Kern dieser Arbeit sei langfristige Beziehungsarbeit mit Schülerinnen, Eltern und Lehrkräften, um Vertrauen aufzubauen, und so auch präventiv zu wirken. „Um das leisten zu können, braucht es einen Personalschlüssel von einer vollen Stelle Schulsozialarbeit auf 150 Schülerinnen und Schüler.“
Eine weitere zentrale Forderung des Bundeskongresses: Schulsozialarbeit müsse sicher finanziert und in den Schulgesetzen der Länder verankert werden. Das Bildungssystem müsse sich stark verändern: Schulen müssten sich für die Stadtviertel als Lebensort öffnen; Schule und Kinder- und Jugendhilfe müssten enger zusammenarbeiten. Nur so könnten Kinder und Jugendliche angesichts der vielen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen angemessen unterstützt und Schulen zukunftsfähig werden.
Sachsen-Anhalt: Schulsozialarbeit vor dem Aus?
Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von Gewalt betroffen oder müssen wegen schwerer psychischer Erkrankungen in einer Klinik behandelt werden, wie Daten des Statistischen Bundesamts zeigen. Schulsozialarbeiter sind häufig die ersten, die ihnen helfen.
Doch viele von ihnen sind so überlastet, dass sie nicht mehr alle Kinder unterstützen können. Das zeigt eine bundesweite Befragung von 550 Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern, die CORRECTIV durchgeführt hat.
Obwohl viele Kinder Hilfe brauchen, werden in Baden-Württemberg und Sachsen Stellen in der Schulsozialarbeit gestrichen. In Sachsen-Anhalt stehen womöglich hunderte Stellen vor dem Aus. Die EU-Förderung für Schulsozialarbeit läuft dort im Jahr 2028 aus. Wie es danach weitergeht, ist unklar.
Redigatur und Faktencheck: Samira Joy Frauwallner
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