Bildung

Mehrheit der Kreise in Sachsen hat Schulsozialarbeit seit 2024 gekürzt

Obwohl immer mehr Kinder und Jugendliche Hilfe brauchen, hat die Mehrheit der Kreise in Sachsen seit 2024 Stellen in der Schulsozialarbeit gekürzt. Die Verantwortung dafür sehen einige Kreise beim Land Sachsen. Denn trotz gestiegener Kosten stagnieren die Fördermittel des Landes.

von Miriam Lenz

Schulsozialarbeiter und Schulsozialarbeiterinnen sind häufig die ersten Ansprechpersonen für Kinder und Jugendliche, denen es nicht gut geht. (Symbolbild) Foto: Sven Simon & Frank Hoermann / picture alliance

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von Gewalt betroffen oder haben schwere psychische Erkrankungen. Schulsozialarbeiter sind häufig die Ersten, die ihnen helfen. Sie bieten Kindern und Jugendlichen vertrauliche Gespräche an, stellen für sie den Kontakt zu Beratungsstellen her oder informieren das Jugendamt. Trotzdem gibt es noch immer nicht an allen Schulen in Deutschland eine Sozialarbeiterin oder einen Sozialarbeiter.

Wie eine kürzlich veröffentlichte Recherche von CORRECTIV zeigt, haben viele Bundesländer nicht einmal einen Überblick, wie viele und welche Schulen in ihrem Land Sozialarbeiter haben. CORRECTIV liegen genaue Daten für Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen vor, wobei Sachsen das Schlusslicht ist. Nur an rund jeder zweiten allgemeinbildenden Schule dort gibt es Schulsozialarbeit.

Kürzungen in Mehrheit der Landkreise

Mehr als die Hälfte der sächsischen Kreise und kreisfreien Städte hat seit 2024 Stellen in der Schulsozialarbeit gekürzt oder ganz gestrichen. Das zeigt erstmals eine Anfrage von CORRECTIV an alle Landkreise und kreisfreien Städte in Sachsen. Im Landkreis Leipzig etwa wurde 2025 an vier Schulen die Schulsozialarbeit komplett gestrichen, an 17 weiteren Schulen wurde sie gekürzt. Für das Jahr 2026 wurden Kürzungen in den Städten Chemnitz und Leipzig sowie den Kreisen Bautzen und Görlitz beschlossen. Im Erzgebirgskreis drohen voraussichtlich ab Sommer an fünf Schulen Kürzungen in der Schulsozialarbeit. Das zuständige Landratsamt teilt auf Anfrage von CORRECTIV mit, dass die Finanzierung an diesen Schulen derzeit nur bis zum Sommer gesichert sei.

Claudia Maaß, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Sachsen, hält die Kürzungen für ein „bildungspolitisch falsches Signal“. „Schulsozialarbeit ist kein freiwilliger Zusatz, sondern ein zentraler Bestandteil der Bildungslandschaft“, sagt sie. Gerade in herausfordernden Zeiten wie diesen, in denen immer mehr Kinder und Jugendliche Unterstützung benötigten, brauche es mehr Schulsozialarbeit.

Weniger Schulabbrecher durch Schulsozialarbeit

Wie Schulsozialarbeit wirkt, ist inzwischen gut erforscht. Sie trägt unter anderem dazu bei, dass weniger Jugendliche die Schule abbrechen oder die Klasse wiederholen müssen. Und sorgt dafür, dass Kinder und Jugendliche früher Hilfe in der Schule und außerhalb bekommen.

Eine bundesweite Befragung von rund 550 Schulsozialarbeitenden durch CORRECTIV zeigt jedoch, dass viele so überlastet sind, dass sie sich nicht mehr um alle Kinder kümmern können, die Hilfe brauchen. Auch eine Schulsozialarbeiterin, die alleine an einem sächsischen Gymnasium mit rund 1.100 Kindern und Jugendlichen arbeitet, berichtete CORRECTIV im Rahmen der Recherche davon, dass sie sich nur noch um absolute Notfälle kümmern könne und kaum Zeit für Prävention bleibe.

Finanzierung durch Land und Kreise

Obwohl es einen so großen Bedarf an Schulsozialarbeit gibt, werden in Sachsen Stellen gestrichen.

Schulsozialarbeit wird in den Bundesländern sehr unterschiedlich finanziert. Je nach Bundesland kommt das Geld dafür entweder vor allem vom Land, von den Kommunen und dem Land zusammen oder von der EU.

In Sachsen fördert das Land vor allem Schulsozialarbeit an öffentlichen Oberschulen und Gemeinschaftsschulen: Hier übernimmt das Land Sachsen bis zu 100 Prozent der Kosten einer vollen Stelle in der Schulsozialarbeit. Jede öffentliche Oberschule und Gemeinschaftsschule soll nach dem Willen des Landes mindestens einen Sozialarbeiter haben.

Darüber hinaus fördert das Land auch Stellen in der Schulsozialarbeit an anderen Schulen wie Gymnasien oder Grundschulen mit bis zu 80 Prozent der Kosten. Mindestens 20 Prozent muss aber der jeweilige Landkreis oder die kreisfreie Stadt hinzugeben.

Die Landesmittel sind zudem gedeckelt: Wie viel Geld ein Landkreis vom Land maximal bekommt, hängt davon ab, wie viele allgemeinbildende Schulen es im Kreis gibt und wie viele Schülerinnen und Schüler diese besuchen.

Überlastete Kommunen

In Zeiten klammer kommunaler Kassen können viele Kreise die nötigen Gelder kaum aufbringen. Mehrere Kreise teilen auf Anfrage von CORRECTIV mit, dass sie Stellen kürzen mussten oder voraussichtlich müssen, weil die Personalkosten etwa durch Tariferhöhungen gestiegen seien. Denn das Land habe die Förderung nicht entsprechend erhöht.

„Wenn Förderprogramme nicht an reale Kostenentwicklungen angepasst werden, führt das zwangsläufig zu Einschnitten vor Ort“, sagt Claudia Maaß von der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen. Der Freistaat Sachsen müsse dafür sorgen, dass die Landesförderung für Schulsozialarbeit an gestiegene Kosten angepasst werde. Schulsozialarbeit müsse gesetzlich an allen Schulen verankert und dauerhaft gesichert werden. „Statt Kürzungen braucht es einen klaren Ausbau.“

Förderung durchs Land stagniert

Das sächsische Sozialministerium bleibt in seiner Antwort auf die Anfrage von CORRECTIV vage und teilt mit, dass die Höhe der Gesamtförderung durch das Land vom jeweils gültigen Haushaltsplan des Landes abhänge. Seit Beginn des Förderprogramms 2017 sei die Schulsozialarbeit stark ausgebaut worden und die Fördergelder des Landes sowie die Zahl der Schulsozialarbeiter hätten sich seitdem mehr als verdoppelt.

Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) sagt auf Anfrage von CORRECTIV, dass das Landesprogramm fortgeführt und weiterentwickelt werden solle, gesetzlich geregelt für alle Schulformen: „Die weitere Stärkung der Schulsozialarbeit ist mir ein wichtiges Anliegen, denn es ist eine Investition in die Zukunft unserer Kinder.“

Tatsächlich stagnierten die Landesfördermittel für Schulsozialarbeit in Sachsen in den vergangenen Jahren aber: Im Jahr 2024 lagen sie bei 37,2 Millionen Euro, in den Jahren 2025 und 2026 jeweils bei 37,5 Millionen Euro.

Stellen müssen jedes Jahr neu beantragt werden

Ein weiteres Problem in Sachsen: Die Stellen in der Schulsozialarbeit müssen in der Regel jedes Jahr aufs Neue beantragt und vom Kreis bewilligt werden. Nicole Pötter hält das für fatal. Sie ist Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Hochschule München und forscht seit Langem zu Schulsozialarbeit. „Wenn Stellen in der Schulsozialarbeit nur von Jahr zu Jahr bewilligt werden, dann springen die Mitarbeitenden ab und bewerben sich woanders“, sagt sie. Dadurch gebe es in der Schulsozialarbeit besonders viele Berufsanfänger, obwohl die Arbeit so anspruchsvoll sei, dass es eigentlich viele erfahrene Kräfte brauche.

„Schulsozialarbeit muss langfristig an einer Schule sein, damit sie wirken kann“, sagt Pötter. Schulsozialarbeitende müssten erst einmal Vertrauen und Beziehungen zu den Kindern und Jugendlichen, Lehrkräften und Eltern aufbauen und das brauche Zeit.

Sie spricht sich dafür aus, dass es an jeder Schule Sozialarbeit gibt. Damit Schulsozialarbeit optimal wirken könne, brauche es mindestens eine volle Stelle pro 150 Schülerinnen und Schülern. Diese Forderungen verabschiedeten hunderte Schulsozialarbeiter sowie Wissenschaftler und Vertreter der GEW und von Trägern Anfang März auf dem Bundeskongress Schulsozialarbeit in Hildesheim. Pötter gehört zu den Erstunterzeichnerinnen der Resolution.

Drastische Veränderungen auch in der Stadt Leipzig

Welche Schulen, außer den öffentlichen Oberschulen und Gemeinschaftsschulen, in Sachsen überhaupt Schulsozialarbeit bekommen und wie viele Stellen, legen die Kreise und kreisfreien Städte selbst fest. Die Stadt Leipzig hat im vergangenen Jahr die Kriterien, nach denen sie Schulen aussucht, geändert. Verschiedene Indikatoren wie die Zahl der Schülerinnen und Schüler und soziale Kriterien wie der Anteil an Schülern mit Inklusionsstatus wurden neu gewichtet.

In der Folge streicht die Stadt die Sozialarbeit an drei Grundschulen komplett, an mehr als zwanzig weiteren wird sie gekürzt. Dafür bekommen fünf Gymnasien und drei Grundschulen zum ersten Mal eine Sozialarbeiterin.

„Ich kann nachvollziehen, dass es Kriterien braucht, um die wenigen vorhandenen Mittel für Schulsozialarbeit möglichst bedarfsgerecht auf die Schulen zu verteilen“, sagt Nicole Pötter. Aber wenn man jetzt Stellen in der Schulsozialarbeit streiche, dann laufe man mittel- und langfristig Gefahr, dass es an den betroffenen Schulen wieder mehr Probleme gebe. „Letztendlich setzt man die Erfolge, die man durch die Schulsozialarbeit erzielt hat, wieder aufs Spiel.“

Mitarbeit: Sarah Langner
Redigat: Isabel Knippel
Faktencheck: Stella Hesch