CORRECTIV.Gespräch

Halbiert die Schulklassen!

Das Beispiel des Wechselunterrichtes zeige, wie gut kleine Klassen für Kinder seien, sagen Eltern im CORRECTIV.Gespräch „Was bewegt Eltern?“. Über eine revolutionäre Forderung für den regulären Schulbetrieb, die auf realen Erfahrungen der letzten Wochen beruht.

von Justus von Daniels

Kleine Klassen. In der Corona-Krise eine reale Erfahrung. Eltern sehen darin die Zukunft. Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto | Fleig / Eibner-Pressefoto

Für Ayfer Candan war das vergangene Jahr auch eine Zeitenwende für Kinder und Jugendliche. In der Corona-Krise habe sich viel Gutes und Schlechtes gezeigt, sagt die Familientherapeutin und Mutter von vier Kindern aus Gladbeck beim CORRECTIV.Gespräch „Was bewegt Eltern?“. Gerade den scheuen oder introvertierten Kindern habe der Unterricht in kleineren Gruppen gut getan: „Die haben sich einfach mehr zugetraut.“

„Was ich gehört habe, das viele gern beibehalten würden, ist die halbe Klassenstärke“, sagt Panagiotis Stylianopoulos aus Berlin. Nicht als Ausnahme, sondern als Normalität an Schulen. Das Positive am Wechselunterricht sei, dass man sehen könne, was eine verringerte Klassenstärke tatsächlich ausmache. Diese Erfahrung lasse sich auf den regulären Unterrichtsbetrieb übertragen. Der Vater zweier kleiner Kinder und angehende Psychotherapeut berichtet, dass etwa Kinder, „die viel Aufmerksamkeit brauchen“, durch die kleineren Klassen viel weniger Probleme hätten und im Unterricht besser mitkämen.

Für Kinder gab es in den vergangenen Monaten keinen regulären Unterricht, sondern Wechselunterricht, um das Infektionsgeschehen möglichst zu minimieren. Die Klassen wurden dafür geteilt, die Kinder haben in kleinen Gruppen gelernt.

Was Schulen aus der Corona-Krise lernen können

CORRECTIV hatte in der neuen Gesprächsreihe „Was bewegt…?“ Eltern zum virtuellen Gespräch eingeladen, wo sie sich über ihre Perspektiven, über Sorgen und Wünsche oder Ideen austauschen konnten. Neben Ayfer Candan und Panagiotis Stylianopoulos nahm auch die Pflegemutter Rita Siekmeier aus der Nähe von Detmold an dem Gespräch teil, das offen fürs Publikum war. Die Eltern berichteten über unterschiedliche Härten und schöne Zeiten während der Corona-Krise: über den ersten Lockdown, Familienzeit zuhause, aber auch den Streit und die Sorge um das Impfen von Kindern. Was die Schule betraf, waren sich alle über eine positive Erfahrung der vergangenen Monate einig: Dass die Schülerinnen und Schüler in kleinen Gruppen unterrichtet wurden, sei ein Modell für die Zukunft.

Hören Sie hier in die Debatte um kleinere Klassen rein (03:30 min):

 

Auch die Pflegemutter von derzeit fünf Kindern, Rita Siekmeier, ist überzeugt: „Das kommt vielen Kindern mit ihrem Temperament entgegen, wenn sie unter ruhigeren Bedingungen in ihrem Rhythmus“ lernen können.

Ayfer Candan wünscht sich dafür eine gesellschaftlich Debatte. „Ich würde das unterstützen, wo ich nur kann.“

Bessere Betreuung an Schulen: Leitbild für Bildungspolitik

Die Forderung der Eltern, auch bei Vollzeit-Unterricht die verringerten Klassenstärken beizubehalten, käme einer Revolution gleich. Schon heute leiden die meisten Bundesländer unter einem strukturellen Lehrkräftemangel. Die Halbierung der Klassen würde bedeuten, eine enorme Zahl an Lehrkräften auszubilden und einzustellen sowie die Schulgebäude zu erweitern oder mehr Schulen zu bauen.

Aus Sicht der Eltern ist die Forderung aber kein Luxus, sondern die Notwendigkeit, Kinder gut zu betreuen und möglichst vielen eine gute Entwicklung zu ermöglichen. Die Verkleinerung der Klassen könnte ein langfristiges und überprüfbares Leitbild für Bildungspolitik sein. „Ich höre aus der Perspektive der Pädagogen, dass Noten sich bei einigen Kindern in dieser Phase auch positiv entwickelt haben, weil sich die Kinder in dem kleineren Rahmen mehr zugetraut haben“, berichtet Ayfer Candan.

Die Schulsituation während der Corona-Krise war und ist heftig umstritten. Oft wurde der Politik vorgeworfen, Kinder nicht genügend in den Blick genommen zu haben. Neben der fehlenden Betreuung wegen des Schulausfalls gab es auch eine deutliche Zunahme an psychologischen Problemen von Kindern, denen in der Pandemie kaum geholfen wurde.

Die Erfahrung der kleinen Gruppen im Wechselunterricht gibt laut den Eltern, die an dem CORRECTIV.Gespräch beteiligt waren, mal ein positives Signal in der Krise. Davon lasse sich lernen, auch wenn diese revolutionäre Forderung auf lange Sicht ausgelegt ist.

Was bewegt Sie? Wir sprechen weiter

In dem CORRECTIV.Gespräch kommen alle zwei Wochen Menschen mit ihren unmittelbaren Erfahrungen zu Wort, um über ihre Situation, ihre Sorgen und Wünsche oder Ideen zu sprechen. Ziel ist es, die Gesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen, sich gegenseitig zuzuhören und zu entdecken, was Menschen bewegt, wo sich Missstände zeigen und welche Ideen für Verbesserungen es gibt.

Für das nächste Gespräch sind junge Erwachsene eingeladen, um über ihre Ausbildung zu sprechen: „Was bewegt Auszubildende und Studierende?“ findet am 22.06.21 von 17-18 Uhr statt. Es moderieren Justus von Daniels und Katarina Huth. Sie können sich jetzt schon zum Zuhören anmelden: Mehr Informationen

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