Fußballdoping

Schmerzmittel: Zwei von drei greifen zu

Extrembeispiel Klasnic

von Daniel Drepper

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Vor vier Jahren sorgte eine Studie der FIFA für Aufsehen: Mehr als die Hälfte der Fußballer, so die Untersuchung, haben während der WM-Turniere 2002 und 2006 Schmerzmittel genommen. Jetzt ist klar: Der Warnschuss hat nichts gebracht. Während der WM in Südafrika vor zwei Jahren nahmen noch mehr Fußballer Schmerzmittel. Mehr als 60 Prozent schluckte mindestens einmal im Turnier Pillen, um die Schmerzen zu unterdrücken. 39 Prozent nahmen gar vor jedem Spiel Schmerzmittel. Das beschreiben die Wissenschaftler Phillipe Matthias Tscholl und Jiri Dvorak, letzterer ist gleichzeitig Chefmedizinier der FIFA. Sie überschrieben ihre Studie treffend: „Lektion nicht gelernt“.

Mehrere Teams nahmen bei der WM 2010 systematisch vor jedem Spiel Schmerzmittel. 55 Spieler bekamen während des Turnier Glucokortikoide gespritzt, ein entzündungshemmendes Hormon. In einem Team bekamen sogar drei Viertel aller Spieler solch harte Spritzen. Und: Je länge das Turnier dauerte, desto mehr Schmerzmittel und Spritzen bekamen die Spieler. Tscholl und Dvorak sind in ihrem Fazit besorgt über die stetig steigende Gabe von Medikamenten. Ihre Studie veröffentlichten die beiden Ende März im British Journal of Sport Medicine.

Immer wieder berichten auch deutsche Fußballer über ihren massiven Schmerzmittelkonsum. Willi Landgraf stand mehr als 500 Mal in Liga zwei auf dem Platz, der Frankfurter Sonntagszeitung sagte er: „Es wurde so viel genommen, wie man vertragen konnte.“ Alexander Klitzpera wurde im selben Text noch deutlicher: „In unserem Geschäft ist die Hemmschwelle extrem niedrig. Ich kenne Spieler, die machen sich richtige Schmerzmittel-Cocktails. Die verstärken die Wirkung dadurch, dass sie verschiedene Präparate zusammen einnehmen.“ Klitzpera spielte monatelang trotz einer Entzündung in der Plantarsehne, baute vor Spielen bewusst einen hohen Spiegel von Schmerzmitteln im Blut auf.

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Extrembeispiel Klasnic
Extrembeispiel ist Ivan Klasnic. Der ehemalige Bremer Stürmer verklagt Werder Bremens Mannschaftsarzt Götz Dimanski auf mehr als eine Millionen Euro Schmerzensgeld: Klasnic‘ Niere versagte und er wirft Dimanski vor, die Krankheit nicht erkannt und durch hohe Mengen an Schmerzmitteln verschlimmert zu haben. Seit vier Jahren warten die Beteiligten auf ein Urteil. Weder Dimanski noch Klasnic wollen sich derzeit zum laufenden Verfahren äußern.

Geyer und seine Kölner Kollegen hatten schon Jahre vor der FIFA den Missbrauch von Schmerzmitteln im Fußball analysiert. In Köln hatten sie die Dopingkontrollformulare ausgewertet, auf denen Spieler bei einer Probe angeben müssen, welche Medikamente sie in den letzten 72 Stunden vor dem Spiel genommen haben. Außerdem suchten sie in Dopingproben nach Rückständen von Schmerzmitteln. Auf Schmerzmittel wird zwar nicht offiziell getestet, einige Substanzen gelten bei der Analytik aber als Störfaktoren und werden deshalb trotzdem markiert.

Die Kölner analysierten alle Formulare und Proben, die von Fußballern abgegeben wurden. Die Angaben auf den Kontrollbögen und die Rückstände in den Proben rechneten die Wissenschaftler zusammen. Das Ergebnis: 33 Prozent aller Fußballer hatten vor einem Spiel Schmerzmittel genommen. Erschreckender: Selbst im Training hatte mehr als jeder fünfte Spieler Schmerzmittel im Blut. Seit einigen Jahren können die Kölner diese Studie nicht mehr wiederholen: Die Dopingkontrollformulare, auf denen die Schmerzmittel vermerkt sind, gehen nicht mehr an die Labors, sondern bleiben bei der FIFA.

Ich war vor wenigen Tagen bei Hans Geyer in Köln. In Kürze wird es hier mehr zum Thema Schmerzmittel im Fußball geben.