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von Daniel Drepper

; die Fußnoten finden sich am Ende des Beitrags; hier im Blog findet sich schon ein Interview mit Eggers (auch als Audio)]

1: Einleitung

Er strahlt auch ein halbes Jahrhundert später noch mächtig: Der Mythos um die deutschen Fußball-Weltmeister von 1954, die am 4. Juli 1954 mit 3:2 den hohen Favoriten aus Ungarn besiegten. Wie mächtig, zeigte der Herbst 2003, als das Film-Epos „Das Wunder von Bern“ über vier Millionen Deut- sche in die Kinos zog. Als der 50. Jahrestag näherrückte, erschienen rund 15 Bücher, in denen die Geschichte dieses sportlichen Wunders nacherzählt wurde. Umso mehr Wucht entwickelte jene Schlagzeile, mit der die aufla- genstärkste deutsche Zeitung Bild am 31. März 2004 aufmachte: „Böser Verdacht gegen die WM-Elf von Fritz Walter: Die Helden von Bern alle gedopt?“

Präzisiert wurde der „ungeheuerlichste Vorwurf der Fußball-Geschichte“ auf der Sportseite: Gestützt auf einen Bericht des ARD-Magazins Report Mainz sowie auf ein Kapitel eines damals noch unveröffentlichten Buch des ZDF-Historikers Guido Knopp berichtete das Ham- burger Boulevardblatt über „Spritzen-Injektionen“, die den deutschen Spielern während der WM 1954 gesetzt worden waren. Zitiert wurde der damalige Platzwart des Berner Wankdorf-Stadions, Walter Brönnimann („Ich habe nach dem Finale beim Putzen leere Ampullen unter Wasserablaufgittern gefunden“), und die Zeitung ließ den damals tätigen deutschen Mann- schaftsarzt Dr. Franz Loogen zu Wort kommen:

’Ich habe den Spielern Vitamin C injiziert, das sollte die Ausdauer fördern. Man kann keinen Effekt messen, aber die Spieler glauben dran.’ (…) Die Spritzen-Idee kam von einem Spieler. Helmut Rahn, der Schütze des legendären 3:2, hatte auf einer Südamerika-Reise 1954 gesehen, wie sich Spieler mit Spritzen behandeln ließen. Loogen: ‚Das wurde in der Mannschaft heiß diskutiert.’ Der Arzt erzählte den Spielern, dass Ratten nach Vitamin-Spritzen bis zu drei Stunden länger schwimmen können. Der DFB entschied sich für die Injektionen.

Weiterhin klärte Bild seine über zehn Millionen Leser darüber auf, weshalb in den Monaten nach dem WM-Sieg eine Reihe von Spielern an der Gelbsucht erkrankt waren, und stellte die frühen Todesfälle zweier Spieler in den Zusammenhang mit den Spritzen:

Der Abkocher des Arztes, den er aus einer alten Sowjet-Praxis hatte, erreichte nicht die nötige Temperatur, um die Erreger abzutöten. Mysteriös in der Gelbsucht-Affäre bleibt auch der Tod von Werner Liebrich und Richard Herrmann. Beide starben an Leberzirrhose. Herrmann hatte übrigens nie Alkohol getrunken. Bemerkenswert auch, dass Herberger die beiden Söhne Herrmanns in seinem Testament bedachte.

Drei noch lebende Spieler aus dem 1954er Kader bestritten in der gleichen Zeitungsausgabe alle Anschuldigungen. „Wir kannten das Wort Doping überhaupt nicht“, erklärte der damalige Läufer Horst Eckel. Laut Linksaußen Hans Schäfer hatte der Mannschaftsarzt den Spielern lediglich „Aufbaupräparate gegeben, die uns Spieler frisch halten sollten. Es ist nicht gedopt worden.“ Und Mittelstürmer Ottmar Walter, der jüngere Bruder des legendären Kapitäns Fritz Walter, „wusste davon nichts, das kann ich beschwören. Ich habe auch nicht gesehen, dass was verabreicht wurde.“

Per Interview äußerte sich Prof. Dr. Wilhelm Schänzer. Der Leiter des IOC-akkreditierten Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule in Köln wies darauf hin, dass im Leistungssport der 1950er Jahre Amphetamine eingesetzt worden waren, „die Soldaten schon im Zweiten Weltkrieg einnahmen. Das waren Arzneimittel, die relativ leicht zu beschaffen waren.“ Ein Verstoß gegen die seinerzeit gültigen Regeln habe eine Einnahme aber nicht dargestellt:

Man hätte damals alles machen können, weil es noch keine Doping-Liste gab. Die ersten Anti-Doping-Regeln wurden ja erst 1967, nach dem Tod des Briten Tom Simpson bei der Tour de France, erstellt. Trotzdem halte ich das Verhalten des DFB-Arztes aus sportlicher Sicht für unethisch. (…) Glucose-Lösungen fördern die Leistungsfähigkeit des Körpers. In einer Wettkampf-Pause beschleunigen sie die Regeneration. Es lag bei keinem Spieler ein Notfall vor. Somit war das ärztliche Vorgehen nicht gerechtfertigt.

Bild kommentierte: „Die Weltmeister von Bern. Sie werden Helden bleiben. Trotz aller Dopingvorwürfe.“ Das Echo, das diese Veröffentlichung hervorrief, war enorm. Die meisten TV-und Radio-Sender berichteten darüber, die Nachrichtenagenturen sid und dpa schrieben große Geschichten, und am nächsten Tag behandelte nahezu jede deutsche Zeitung die Doping-Affäre. Während die Bild tags zuvor noch neutral berichtet hatte, war der Tenor der Veröffentlichungen nun eindeutig; in fast jeder Publikation wurden die Vorwürfe stark in Zweifel gezogen. „Wir haben nichts bekommen“, schwor Eckel in der Bild – außer einer Traubenzucker-Injektion:

Das war nur einmal. Ich sage immer scherzhaft: Wir haben diese Spritzen beim 3:8 gegen die Ungarn bekommen. Ich schwöre: Vor dem Finale haben wir nichts be- kommen. Es wurde nur einmal Traubenzucker gespritzt, wann, weiß ich nicht mehr. Ansonsten stand beim Frühstück immer Traubenzucker als Saft auf den Tischen. Jeder konnte zugreifen – wir waren nicht verpflichtet etwas, zu nehmen. (…) Diese Leute sind alle Nestbeschmutzer, die nach 50 Jahren alles kaputtmachen wollen. Ich habe mit Ärzten gesprochen, die haben sich totgelacht über diese Dinge. Doping mit Vitamin C? Das gibt es doch nicht. Ich verstehe die Welt nicht mehr, das ist eine Frechheit.

Einen Tag später zitierte die Bild schließlich den ungarischen Keeper Gyula Grosics als Kronzeugen. Ihm zufolge war keiner „gedopt. Deutschland ist der wahre Weltmeister“. Noch deutlicher Stellung bezog Franz Josef Wagner, der Kolumnist der Bild:

Diese Drecksstory ist die Story von Feiglingen, die sich Heldentaten nur chemisch oder per Spritze vorstellen können. Über alle Maßen erregt mich das Anpissen von Helden. Was ist das für eine Lust, die Erfolgsgeschichte Deutschlands runterzumachen, kaputt zu schreiben? Wir sind ein bescheuertes Volk geworden, das nicht mehr an Wunder glaubt und bei der Kürzung der Kilometerpauschale in tiefe Depressionen fällt. Wir sind kein Heldenvolk mehr.

Damit endete die öffentliche Auseinandersetzung, zu der sich nicht ein (Sport-)Historiker zu Wort gemeldet hatte, um die sportwissenschaftlichen Hintergründe in den 1950er Jahren auszuleuchten. So waren, von dem Interview mit Prof. Schänzer abgesehen, die berichtenden Journalisten auf die damals aktiven Spieler als Kronzeugen angewiesen. Die naheliegenden Fragen: Ob in dieser Ära ein Doping-Diskurs in Europa oder in Deutschland stattgefunden hatte; ob die Spieler, wie Eckel behauptet hatte, tatsächlich das Wort Doping noch nie gehört hatten; inwiefern die Sportverbände und Sportärzte sich damals mit Doping auseinandergesetzt hatten; wie die Medien seinerzeit den Gelbsucht-Skandal verhandelten; ob es trotz der Tatsache, dass erst ab Ende der 1960er Jahre eine Doping-Liste aufgestellt wurde, vielleicht nicht doch ein ethischer Code die Einnahme von künstlichen Substanzen verbot; ob all das womöglich nicht nur im Radsport, sondern auch im Fußball eine Rolle gespielt hatte – all diese Fragen wurden nicht gestellt.

Diese Fragen hätten allerdings auch nicht ohne weiteres beantwortet werden können. Sind die Werke, die sich mit der Geschichte des Dopings beschäftigen, doch rar gesät. Die Standardwerke zur Geschichte der Sportmedizin ignorieren das Doping weitgehend. Einzig die DDR-Sportgeschichte gilt in dieser Hinsicht als weitgehend aufgearbeitet. Das sicherlich umfassendste Werk zur deutschen (Kultur-)Geschichte des Dopings hat der US- Amerikaner John Hoberman vorgelegt, freilich mit dem Schwerpunkt auf der Zeit bis 1945, und auch der Sammelband „Doping. Spitzensport als gesellschaftliches Problem“ behandelt historische Aspekte des Dopings. Eine knappe Abhandlung insbesondere der historischen Fakten der letzten 20 Jahre bietet Martin Krauss. Eine ausführliche Darstellung darüber, wie sich die Akteure des Sports in den frühen 1950er Jahren diesem Problem stellten, existiert jedoch nicht – vor allem, da die öffentliche Diskussion über dieses Thema nach 1945 verstummte:

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs brachen die Dopingdiskussionen abrupt ab. In den fünfziger Jahren entwickelten sich die Dopingpraktiken weitgehend unter dem Schutz der Presse. Man wusste, dass Sportler mit Medikamenten nachhalfen, um ins Rampenlicht zu gelangen, das Thema wurde jedoch tabuisiert.

Auch in diesem Artikel wird nicht mehr geklärt werden können, welche Mittel während der WM 1954 injiziert wurden. Aber er soll die sportwissenschaftlichen und -historischen Hintergründe dieser Zeit ausleuchten. Zu diesem Zweck wird die einschlägige Presse ausgewertet, so die Fußballwoche und der Kicker, aber auch die Sportrubriken in Nachrichten-Magazinen wie dem Spiegel. Zur Rekonstruktion der damaligen Situation dienen weiterhin die damals wichtigsten sportwissenschaftlichen Periodika wie die Leibes- übungen, die Leibeserziehung, die Sportmedizin sowie die zeitgenössischen Publikationen und wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema. Für den Sachverhalt während der WM 1954 in der Schweiz stehen eine Reihe von Zeitzeugeninterviews zur Verfügung, die im Rahmen einer ZDF-Dokumentation „Das Wunder von Bern“ (2004) gemacht wurden. Voran steht indes eine Einführung über den Doping-Diskurs, der bis 1945 geführt wurde.

2: Der Doping-Diskurs in Deutschland bis 1945

Von leistungssteigernden Substanzen und Drogen ist schon in der antiken Athletik die Rede. Der moderne Begriff des „Doping“ geht „auf die Sprache der südafrikanischen Zulu zurück, für die ‚doop’ ein berauschender Schnaps war. Ende des 19. Jahrhunderts verstand man darunter bereits den ‚Gebrauch von aufpeitschenden Mitteln, die den Sportler über seine normale Leistungs- grenze hinaus antreiben sollen.’“ Wurde zunächst nur im Pferdesport gedopt, griffen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch die ersten Berufssportler zu Dopingmitteln. Bei Radprofis beliebt waren Stimulantien wie Koffein, Heroin und Kokain. Der erste Todesfall wegen Dopings datiert aus dem Jahre 1885, als der englische Radprofi Linton bei der Fernfahrt Bordeaux-Paris einer Überdosis Trimethyl oder Koffein erlag. Die Sieger in den olympischen Marathon-Wettbewerben von 1904 und 1908 sollen mit Strychnin nachgeholfen haben. Die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung geht auf den Prager Professor Ferdinand Hueppe zurück; sein Text „Sport und Reizmittel“ aus dem Jahre 1913 klassifizierte Mittel wie Alkohol, Strychnin und Arsen als „Doping“ und warnte vor den gesundheitlichen Gefahren.

Eine intensive Diskussion über den Wert und die Gefahren von Dopingmitteln entwickelte sich in den 1920er und 1930er Jahren. Hintergrund war, dass nun nicht mehr nur Radprofis mit Arzneien experimentierten, sondern auch Athleten aus anderen Sportarten. 1924 warf die Schweiz der deutschen Fußball-Nationalmannschaft die Einnahme von Dopingmitteln vor. Und 1932 wurden die Erfolge der japanischen Schwimmer bei den Olympischen Spielen in Los Angeles auf die künstliche Zufuhr reinen Sauerstoffs zurückgeführt. Aufputschmittel (Analeptika), wie das in der Schweiz produzierte Herz-Kreislauf-Stimulanz „Coramin“, wurde bei den deutschen Himalaja-Expeditionen wie bei Olympischen Winterspielen 1928 verabreicht. Nicht alle Präparate erwiesen sich indes als leistungssteigernd. So wiesen deutsche Wissenschaftler 1921/22 nach, dass die Einnahme von Koffein die Leistung der 100-m-Sprinter nicht erhöhte. Die Debatte über die Einnahme von Pharmaka im Sport wurde öffentlich geführt. 1930 ließ Carl Krümmel in seinem „Handbuch der lebenswichtigen Leibesübungen“ verlauten, dass „die Verbreitung des Dopings überschätzt“ werde. „Ist medikamentöse Beeinflussung im Sport möglich?“, hatte Prof. Otto Riesser, Pharmakologe an der Universität Breslau, bereits 1930 in der akademischen Zeitschrift Leibesübungen gefragt. Riesser war es auch, der 1933, in einer Rede beim Jahrestreffen des Deutschen Schwimmverbandes, die Ärzte und die Sportverbände für die Entwicklung verantwortlich machte:

Die Nachhilfe mit künstlichen Mitteln ist vom sportlichen Standpunkt aus seit jeher als völlig unvereinbar mit sportlicher Gesin- nung betrachtet worden und daher verpönt. Trotzdem wissen wir alle, dass gegen dieses Gesetz ständig gesündigt wird und dass der Wettstreit sportlicher Leistungen vielfach mehr ein solcher der Dopingmittel als einer des Trainings ist. In hohem Maße bedauerlich ist die Tatsache, dass es den sportlichen Überwachungsorganen vielfach an Energie in der Bekämpfung dieser Übelstände zu fehlen scheint, und dass eine Laxheit der Anschauungen sich breitmacht, die verhängnisvoll ist. An diesem Zustande sind die Sportärzte nicht unschuldig, teils durch mangelnde Kennt- nis der Dinge, teils sogar dadurch, dass sie direkt die stark wirksamen Arzneien zu Dopingzwecken verschreiben, die ohne Rezept dem Sportsmann nicht zugänglich wären. Manche Firmen, vielfach recht zweifelhaften Rufs, sind ständig und nicht ohne Erfolg bemüht, Dopingmittel mit fehlender oder gar irreführender Deklaration direkt an den Sportsmann heranzuführen.

Ändern konnte er den Gang der Dinge nicht. Denn Kollegen wie der Schweizer Sportarzt Alexander Hartwich, der als Berater des österreichischen Olympischen Komitees arbeitete, forderten öffentlich die Freigabe etwa des Stimulanz’ „Calcio-Coramin“. Jedem Sportler solle dieses Medi- kament grundsätzlich verschrieben werden, forderte Hartwich, der sich wehrte gegen die Vorstellung, dass es sich dabei um Doping handele. Auch über UV-Strahlentherapien und Sauerstoff-Zufuhren wurde im Sport debattiert. Seit Ende der 1930er Jahre wurde im Sport erstmals auch über die künstliche Einnahme von Hormonen diskutiert, wie der Bericht des däni- schen Leistungsphysiologen Ove Boje im Jahre 1939 belegt:

Vor kurzem war in den Zeitungen zu lesen, dass die bemerkenswerten Leistungen der ‚Wolverhampton Wanderers’ Fußballmannschaft auf eine Behandlung mit Drü- senextrakten zurückzuführen war, die ihr Manager Major Buckley durchgeführt hatte. Die Mannschaft von Portsmouth entschloss sich konsequenterweise, diesem Beispiel zu folgen. Derartige Fälle zeigen, dass man heute nicht zögert, selbst Hormonbehandlungen durchzuführen, um die sportliche Leistung zu verbessern. Ich weiß nicht, welche Hormone die englischen Fußballspieler einsetzten, um ihre Tore zu erzielen, aber dies ist vermutlich auch irrelevant, da wir es wahrscheinlich mit einem rein subjektiven Phänomen zu tun haben.

Erst in den 1930er Jahren entwickelte sich ein stärkeres Problembewusstsein. Als die deutschen Fußball-Nationalspieler Ludwig Goldbrunner und Wilhelm Simetsreiter 1935 als Werbefiguren in einem „Prospekt einer Münchner Fabrik pharmazeutisch-kosmetische Produkte“ anpriesen, verurteilte das die Fußball-Woche scharf. Im Jahr 1937 einigten sich die Teilnehmer des ersten „Sportärztlichen Zentralkurses von Bern-Jungfraujoch“ auf die vermutlich erste weltweite Resolution, die Sanktionen gegen gedopte Sportler vorsah; sie blieb aber infolge mangelnder Kontrollmöglichkeiten wirkungslos. Zu „Rennern“ im Alltag entwickelte sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg eine neue Generation von Amphetaminen. „Bencedrine“ kam 1938 auf den deutschen Markt, aber populärer wurde bald das Methamphetamin „Pervitin“, das 1938 von den Marburger Temmler-Werken entwickelt worden und bis 1941 rezeptfrei in Apotheken zu erhalten war. Die „Stuka-Tabletten“ oder „Hermann-Göring-Pillen“, wie sie der Volksmund nannte, wurden nach Kriegsbeginn von Soldaten wie Heinrich Böll, dem späteren Literatur-Nobelpreisträger, in hohen Dosen konsumiert.42 Die neuen Präparate wurden von der deutschen Medizinforschung planmäßig getestet und von der deutschen Kriegswirtschaft eingesetzt. Auch der Leistungssport experimentierte bald mit Pervitin:

Schon 1939 überprüften Lehmann und Mitarbeiter die Wirkung von 15 mg Pervitin per os bei Fahrradergometerarbeit an drei Probanden. Die Leistungsabgrenzung erfolgte durch das maximale Sauerstoffaufnahmevermögen. Es konnte keine Beeinflussung der Atmung, der Sauerstoffaufnahme, der Pulsfrequenz und oder des Blut- drucks festgestellt werden. Bei Dauerbelastungen bis zum Abbruch wurden unter Pervitinmedikation erheblich größere Gesamtleistungen erzielt. (…) Heyrodt und Weißenstein ließen 1940 einen trainierten Probanden sechs Wochen lang täglich bis zur Erschöpfung auf einem motorgetriebenen Laufband rennen. Gegenüber den Placeboversuchen kam es nach 15 mg Methamphetamin i.m. (insgesamt 9mal) zu einer erheblichen Leistungssteigerung, die jedoch mit nachträglichen Allgemeinbeschwerden wie Brennen hinter dem Sternum, Leibweh, plötzlichem Schwindelge- fühl, mangelnder Konzentrationsfähigkeit und Kopfschmerzen verbunden war.

In der neutralen Schweiz war die „Pervitinisierung“ des Sports umstritten. Während der Basler Pharmakologe Staub sich auf „neue Weltbestleistungen Marke Benzedrin oder Pervitin“ freute, warnten kritische Beobachter wie der ETH-Professor Fischer vor der „Pervitin-Seuche“ und „bemerkten, die Amphetamine seien über die Sportlerkreise hinaus zum regelrechten Modeartikel einer Zeit geworden, der in ihrem ungestümen Drang nach Tempo und übermenschlicher Leistung der Sinn für das richtige (physiologische) Maß bereits etwas abhanden gekommen sei.“ Die Berichte über Überdosen im Leistungssport zeugten davon. So berichtete der Basler Psychiater Staehelin 1941 in der Medizinischen Wochenschrift von einem Läufer, der nach der Zielankunft in einen Zustand verfiel, „in welchem er verwirrt war, um sich schlug und Glasscherben essen wollte, so dass er gefesselt ins Spital ge- bracht werden musste“. Ein anderer Radprofi hatte, bevor er sich in einen Bach stürzte und starb, „Zuckungen in Gesicht, am Hals und an den Beinen, klagte über heftiges Beklemmungsgefühl und äusserte sich in rasch sich steigernder Angst dahingehend, er komme vor Gericht und müsse sterben, weil er Dopingmittel eingenommen habe“. Und die Schweizer Sport Revue publizierte 1942 den Fall des „Meisterfahrers Benziger“, der infolge einer hohen Amphetamin-Dosis nicht mehr gewusst habe, was er tat, und am Ende eines Radrennens über die Ziellinie hinaus in eine Menschenmenge schoss. Daneben betrieb auch die Schweizer Forschung eine intensive Forschung über die neuen Präparate.

3: Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

3.1. Der Doping-Skandal bei den Deutschen Rudermeisterschaften im Juni 1952

Parallel zur Entwicklung in der Schweiz ruhte die öffentliche Dopingdebatte nach 1945 auch in Deutschland. Zwar erschienen hin und wieder Meldungen wie die 1949, nach der Doping international „auch im Fußball Trumpf zu werden“ schien. Auch karikierte die Zeitschrift Sportwelt 1947 die verbotene Leistungssteigerung, und manchmal stieß der Leser indirekt auf dieses Tabuthema, so bei der „Dextro-Energen“-Werbung, die eine Stei- gerung der Ausdauer und Leistungsfähigkeit versprach, „ohne dabei Reizmittel“ (ergo Dopingmittel) zu sein. Doch im grunde war weder in großen Sportzeitschriften noch in sportwissenschaftlichen Periodika etwas über Doping zu erfahren. Dennoch häuften sich seit 1950 die Dopingfälle, wie sich der Wiener Sportarzt Dr. Ludwig Prokop erinnert: „Bei den Olympischen Spielen in Oslo 1952 fand ich in den Kabinen der Eisschnellläufer zerbrochene Spritzen und Ampullen, und aus dem aggressiven Verhalten einiger Läufer musste ich auf Verwendung stimulierender Substanzen schließen.“

Zwar hatte es schon im März 1952 einen Pervitin-Fall in der deutschen Leichtathletik gegeben. Aber erst der veritable Skandal im elitären Rudersport katapultierte das Thema in die Öffentlichkeit. Bei den Deutschen Meisterschaften des Deutschen Ruderverbandes (DRV) am 29. Juni 1952, die gleichzeitig als Qualifikation für die Olympischen Spiele 1952 in Helsinki dienten, hatte der bekannte deutsche Olympiaarzt Dr. Martin Brustmann (Hildesheim) den beiden besten Achter-Mannschaften Dopingmittel verabreicht. Das spätere bundesdeutsche IOC-Mitglied Georg von Opel, der damals als Mentor und Mannschaftsmitglied der unterlegenen RuGem Flörsheim-Rüsselsheim beteiligt war, warf daraufhin Brustmann vor, „dem Flörsheimer Achter in Duisburg Schlafmittel in Tablettenform gegeben“ zu haben, dem siegreichen Achter des Kölner RV 1877 hingegen leistungsför- dernde „rote Pillen“ (ergo Pervitin). Im Verlaufe der folgenden Untersuchungen wiedersprach Brustmann dieser Darstellung; er habe den Ruderern aus Flörsheim/Rüsselsheim vielmehr ein „selbsthergestelltes Präparat“ verabreicht: „Ich habe Testoviron genommen und das mit einem Überzug versehen.“ Als Brustmann medizinische Bedenken gegen die Verabreichung des Testosteron-Ablegers nicht entkräften konnte, wurde er von DRV- Präsident Walter Wülfing als Olympiaarzt suspendiert – eine Entscheidung, die der DRV-Rechtsausschuss am 18./19. Oktober 1952 nachträglich billigte.

Nicht nur aus diesem Grund sah sich der am 14. Oktober 1950 gegründete Deutsche Sportärzte-Bund (DSpB) zu einer intensiven Beschäftigung mit diesem Thema genötigt. Bereits vor den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki hatte der verantwortliche sportärztliche Betreuer der deutschen Olympiamannschaft, Prof. Heiss (Stuttgart), zum Verzicht auf die Einnahme von Dopingmitteln aufgerufen:

Auf Grund der früheren Erfahrungen möchte ich (…) bitten, dass ‚Präparate zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit’, die in ihrer Wirkung zweifelhaft sind, von den deutschen Spitzenkönnern ferngehalten werden. Der Sportsmann muss durch hartes Training den Glauben an seine Leistung bekommen und darf nicht seine Hoffnung auf Pillen oder Tropfen setzen.

Wie präsent dieses Thema war, dokumentiert der im Juni 1952 stattfindende Sportärztekongress in Berlin, an dem vier Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele rund 300 Ärzte teilnahmen. In Berlin wurde nicht nur über Versuche bei einem Länderkampf 1951 und den Deutschen Marathonmeisterschaften 1952 berichtet, bei denen Läufer mit Alkohol, Invertzucker und Aminosäuren in eine höhere Leistung gebracht worden waren. Es wurde nicht nur referiert über die (oben erwähnte) RuGem Flörsheim-Rüsselsheim, die nach Experimenten mit Zucker-Eiweiß-Gemischen ebenfalls ihre Leistung gesteigert hatte, sondern einige Beiträge hatten noch einmal verdeutlicht, dass Doping auch nach 1945 fest zum Kanon des internationalen Leistungssports gehörte. Die ganze Problematik verdichtete ein Diskussionsbeitrag des Wiener Arztes Dr. Ludwig Prokop:

Was die Frage des Dopings anbelangt, so erhebt sich die grundsätzliche Frage wo das Doping beginnt und wo es aufhört. Grundsätzlich stehe ich auf dem Standpunkt, dass nur dann von Doping zu sprechen ist, wenn Stoffe zugeführt werden, die der Körper normalerweise nicht aufnimmt. Für die moralische und sportliche Seite des Dopings hört man von Sportärzten – ich schließ mich ihnen eigentlich nicht an – oft die Meinung, dass die Verwendung von Dopingmitteln, soweit sie nicht gesundheitsschädlich sind, fast eine ‚nationale Notwendigkeit’ bei großen internationalen Wettkämpfen anzusehen ist, weil es die anderen auch machen. (Heiterkeit) Ich habe Gelegenheit gehabt, bei den letzten Olympiaden genauere Informationen zu sammeln über die Nationen und Athleten, die gedopt wurden, was ich aber persönlich energisch ablehnen muss. (Lebhafte Zustimmung)

Auch Prof. Heiss rief während des Kongresses dazu auf, „dem Gebrauch von aufpeitschenden oder ermüdungshemmenden Mitteln im Sport entgegenzutreten.“ Offenbar stieß dieser Aufruf jedoch nicht auf fruchtbaren Boden. Nach den Spielen nämlich berichtete Heiss ernüchtert, dass „mit künstlicher Hilfe versucht (wird), die Leistung zu heben“ – und zwar bei allen Nationen. Das Ende seines Berichts nimmt die düsteren Prophezeihungen der folgenden Jahrzehnte vorweg. „Gute Veranlagung, hartes Training und Selbstvertrauen“, darauf pochte Heiss, „können niemals durch chemische Mittel ersetzt werden. Das wäre auch das Ende Olympischer Spiele“.

3.2. Die erste bundesdeutsche Anti-Doping-Erklärung und der folgende Doping-Diskurs

Aber es war doch vor allem der nationale Fall Dr. Brustmann, der den erweiterten Vorstand des Deutschen Sportärzte-Bundes am 18. Oktober 1952 zu einer Erklärung zum Thema Doping veranlasste. Der DSpB stand fortan auf dem Standpunkt, dass „jedes Medikament – ob es wirksam ist oder nicht – mit der Absicht der Leistungssteigerung vor Wettkämpfen gegeben als Doping zu betrachten ist“. Dopingmittel waren demnach „sämtliche Medikamente, die körperfremd sind, d.h. solche Stoffe enthalten, die im Organismus normalerweise für keine Funktion benötigt werden und deshalb auch nicht vorhanden sind“. DSpB-Präsident Werner Ruhemann kommentierte weiter:

Sämtliche Stoffe, die unmittelbar vor der Leistung gegeben werden, sind aus folgenden Gründen Doping: 1. Wenn sie wirksam sind, stellen sie einen unphysiologischen Reiz dar. Sie sind also gesundheitsschädigend. 2. Wenn sie unwirksam sind, sollen sie dem Sporttreibenden das Gefühl der Überlegenheit geben. Sie sind also unsportlich. Das Entscheidende aber ist der Dolus, die Absicht, mit dem diese Medikamente verabreicht werden, nicht das Medikament selbst. In beiden Fällen soll dem Sporttreibenden ein unberechtigter, unsportlicher Vorteil über den Gegner gegeben werden.

Körpereigene Stoffe, „die der Organismus zur Aufrechterhaltung des Lebens und der Funktion von sich aus“ benötige, z.B. Traubenzucker, Phosphor, Kalk und Kochsalz, durften weiterhin während des Trainings zugeführt werden. Doch die Einnahme von „Geschlechtshormonen“ und Analeptika war fortan strikt verboten. Auch auf das damals öffentlich stark diskutierte sogenannte „Sauerstoff-Doping“ ging der Kommentar ein: „Das Einatmen von Sauerstoff v o r den Wettkämpfen ist sinnlos, gegebenenfalls gesundheitsschädigend. Mit der Absicht der Leistungssteigerung gegeben, ist es Doping.“ Im April 1953 schloss sich der Deutsche Sportbund (DSB), der Dach- verband des deutschen Sports, dieser Erklärung der Sportärzte an:

In seinem Rdschr. 53/1 hat der DSB ‚Zum Thema Doping’ die vom Vorsitzenden des Deutschen Sportbundes, Dr. W. Ruhemann, Berlin, insofern Stellung genom- men, als er sich in Heft 53/2, S. 26, der ‚SPORTMEDIZIN’ publizierten Ausführun- gen zu eigen gemacht hat.

Freilich entpuppte sich diese Erklärung – die erste deutsche Anti-Doping- Konvention – als wertloses Papier. Denn die Sportler unterlagen weder während des Wettkampfs noch während des Trainings einer Kontrolle. Noch existierte dafür ein Strafenkatalog. Im Klartext: Wer dopte, befand sich zwar im Unrecht, wurde aber nicht belangt, sofern es keine eindeutigen Beweise gab.

Auf dieser Basis entwickelte sich dennoch in den 1950er Jahren ein kontroverser sportwissenschaftlicher Doping-Diskurs. Als der Deutsche Ruderverband infolge des Doping-Skandals die Medikamenten-Einnahme bei „Störung des gesundheitlichen Wohlbefindens“ erlaubte, geißelten das die Sportärzte Spellerberg/Sauerwein im Jahre 1953 scharf. Der ostdeutsche Arzt Nöcker warnte ausdrücklich vor der „Betäubung des Ermüdungsgefühls“ durch „Reizmittel“ wie Koffein, Pervitin, Kola, Morphium oder Kokain. Ein furchterregendes Sittengemälde des damaligen Verhältnisses zwischen Leistungssportlern und Sportärzten malte der Münchner Sportarzt Friedrich im Februar 1955 in einem Aufsatz für die Zeitschrift Sportmedizin. Wenn man als „Arzt mit Sportlern von Leistungssteigerung“ spreche, verriet Friedrich, dann erwarteten „gut 95 % der Sporttreibenden, dass man ihnen irgendwelche Tabletten, Pillen oder Tropfen nennt, die sie im Handumdrehen zum Olympiasieger werden lassen“. Laut seiner Erfahrungen wurde im Leistungssport der 1950er Jahre mit Alkohol, Koffein-Präparaten, Strychnin, Adrenalin, Morphium, Heroin, Kokain, Hormonen (Oxycorticosteron), Sedativa und – „in neuerer Zeit“ – auch mit Coramin, Cardiazol, Cardiazoltraubenzucker, Benzedrin, Ortecrine und Pervitin nachgeholfen. Schon im September 1955 forderte daraufhin der Kollege Fischbach eine Aufstellung einer „Doping-Kommission“ beim Deutschen Sportärztebund – noch vergeblich. Und auch im Jahre 1957 verzeichnete die Zeitschrift Sportmedizin eine Serie von Texten, die das Thema der verbotenen Leistungssteigerung berührten.

Der Doping-Diskurs wurde indes nicht nur in sportwissenschaftlichen Periodika geführt, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit. Dass die besten Bergsteiger der Welt – auch Hermann Buhl, der 1953 den „Schicksalsberg“ der Deutschen, den Nanga Parbat, erstmals bezwang – auf das Methamphetamin Pervitin zurückgriff, war nicht nur Insidern und der Wissenschaft bekannt, sondern auch der breiten Öffentlichkeit. Schon am 18. März 1953 hatten Ärzte und Sportler das Thema „Ist Sauerstoff schädlich?“ in einer TV-Sendung diskutiert. Die auflagenstarke westdeutsche Verbandszeitschrift WFV-Sport widmete diesem Thema einige programmatische Aufsätze. Der „Sprengstoff im Giftbecher“ sei keine „Geheimwissenschaft“, klärte etwa der Sportarzt Hagedorn die Sportler und Sportrezipienten im Jahre 1954 auf:

Der Leser muss den Eindruck gewinnen, als wenn es sich hier um eine höchst delikate Geheimwissenschaft handelt, mit der nur wenige Experten fertig werden. Es wird mehr Zauber darum gemacht, als notwendig ist. Die zum Doping verwendeten Medikamente sind seit vielen Jahren in der Hand des Arztes wertvolle Mittel zur Bekämpfung der Herz- und Kreislaufkrankheiten und bei manchen anderen Leiden; die meisten werden schon seit Jahrzehnten gebraucht. Dazu gehören das Koffein, das Strychnin, das Nitroglycerin und die sogenannten Weckamine, z.B. das Pervitin.

Hagedorn warnte ausdrücklich vor langfristigen Ermüdungseffekten („Der gedopte Sportler ist ausgebrannt und zeit seines Lebens einer sportlichen Leistung nicht mehr fähig“) und den verbundenen Suchtgefahren. Die Einnahme der Dopingmittel, berichtete der Arzt, geschehe „meistens in Form von Mischgetränken, wo verschiedene Arzneien miteinander kombiniert werden oder man verabreicht sogenannte Kraftpillen, zuweilen wird sogar zur Spritze gegriffen“. Aber die Praxis habe doch bewiesen, dass „Doping auf die Dauer auch nicht den gewünschten Erfolg bringen kann.“ In der Leichtathletik, im Fußball und in den meisten anderen Sportarten gehöre das Dopen der Vergangenheit an – und sei auch früher „extrem selten“ vorgekommen. In einem anderen Text, der sich auf den Doping-Kommentar des Deutschen Sportärztebundes bezog, erklärte der Funktionär Guido von Mengden, dass Doping im Fußball in jedem Fall gesundheitsschädlich sei und mittelfristig die Leistung senke:

Das Dopen einer Fußballmannschaft wäre also, selbst wenn man sich in unverantwortlicher Weise über die Gesetze des Fairplay und über die körperlichen Schäden hinwegsetzt, immer noch kein Mittel zum Erfolg; denn, was man bei dem einem Spiel allenfalls gewänne, verlöre man beim nächsten doppelt! Wenn eine Mannschaft aber schon mal in einer absinkenden Leistungskurve steht, ist das Dopen geradezu Leistungsselbstmord und das sicherste Mittel, den Abfall der Kurve bis zum steilsten Absturz zu beschleunigen.

Vor den Erfolg, proklamierte von Mengden abschließend, hätten „die Götter immer noch den Schweiß gesetzt und nicht die Pillen. Der Kampf gegen das Doping ist ein Kampf gegen schleichendes Gift für Leib und Seele des Sportlers und des Sportes selbst.“ Wie in diesem exemplarischen Fall so ist den meisten zeitgenössischen publizistischen Arbeiten zum Thema Doping gemein, dass sie – zumeist verbunden mit der moralischen Forderung des „fair play“ – vor den schweren Schäden des Dopingkonsums warnten.

3.3. Der Mythos vom kommunistischen „Sport-Roboter“

Wenn aber doch zu Beginn der 1950er Jahre auf verbotene Mittel zurückgegriffen wurde, dann lag das auch an der drohenden Verschiebung auf der Weltkarte des Sports. Hatte bis dahin der „bürgerliche Sport“ mittel- und westeuropäischer sowie angelsächsischer Prägung den olympischen Sport beherrscht, löste der Eintritt der Sowjetunion in das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die erste Teilnahme an den Spielen im Jahre 1952 veritable Befürchtungen aus, der Kommunismus werde den Weltsport gewissermaßen im Handstreich usurpieren. Dabei entstand das, was der Sportwissenschaftler John Hoberman den „Mythos von der kommunistischen Sportwissenschaft“ nennt – das Bild vom Sowjetsportler als ferngesteuertem Sport-Roboter. Nicht nur bundesdeutsche Journalisten wie Dr. Paul Laven vermuteten hinter den Leistungen von kometenhaft aufgestiegenen Stars wie dem russischen Ruder-Olympiasieger Tjukalov ein „Roboter-Training“. Auch der US-Sportjournalismus nährte dieses Image, wie exemplarisch der Bericht in der Sport Illustrated aus dem Jahre 1954 belegt:

Die sowjetischen Sportler nehmen die Sache todernst. Als Mikhail Krivosonov einen neuen Weltrekord im Hammerwurf aufstellte, setzte er sich bloß auf eine Bank nieder und zog sich seine Mütze in die Stirn. Man hatte ihm einen Job gegeben, und diesen Job erledigte er – das war alles.

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Kenntnisreiche Sportjournalisten wie Dr. Willy Meisl vermuteten hinter dem sowjetischen Sportwunder vor allem systematische Auslese und Trainingsprogramme. Auch glaubte Prof. Heiss als verantwortlicher deutscher Sportarzt in Helsinki 1952 nicht, dass die sportliche Sicherheit der Sowjets „durch künstliche Mittel erreicht wird, wie es mehrfach in der Presse angedeutet wurde, sondern lediglich eine Folge der guten Auslese und des syste- matischen Trainings war.“ Aber auch er berichtete bass erstaunt von 40 „Spezialärzten“, die von der UdSSR nach Helsinki geschickt worden waren. Nicht zuletzt deswegen vermuteten nicht wenige Beobachter hinter dem Erfolg des Ostblocks auch verbotene Methoden. Schon 1952 kursierten Nachrichten über die Entwicklung „verschiedener Anregungsmittel durch ein Moskauer Institut für Körperkultur“. 1954 erschienen erste Berichte, nach denen sowjetische Sportler mit Anabolika arbeiteten. Und ein deut- scher Sportarzt erinnerte sich noch 1954, „als vor einigen Jahren zum ersten Male eine russische Fußballmannschaft in England auftrat und damals von der Presse die künstliche Aufpulverung der Russen mit Dopingmitteln, meines Wissens auch mit Sauerstoff, zu Recht angeprangert wurde“. Jedenfalls war sich 1955 nicht nur der US-amerikanische IOC-Präsident Avery Brundage sicher, dass die Sowjetunion „die größte Massenarmee von Sportlern auf(baut), die die Welt je gesehen hat“. Jedenfalls schaute die bundesdeut- sche Sportwissenschaft fortan mit schaurigem Argwohn nach Osten, wenn die nächsten Olympischen Spiele anstanden.

3.4. Verborgene Dopingforschung in der Bundesrepublik der frühen 1950er Jahre

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Die drohende Sportgefahr aus dem Ostblock war mitverantwortlich dafür, dass in den frühen 1950er Jahren einige führende bundesdeutsche Sportmediziner im verborgenen Dopingforschung betrieben. Als Zentren dieser Forschung schälten sich dabei die Sporthochschule Köln und die Universität Freiburg heraus. Wie ein Blick in die damals entstandenen Diplomarbeiten an der „Sportärztlichen Abteilung der Sporthochschule Köln“ belegt, kooperierte die Sporthochschule nicht nur eng mit der Universität zu Köln. Eine ganze Reihe von Untersuchungen schien auch derart brisant, dass sie mit einem „gesperrt“-Vermerk versehen wurden – mithin nicht für die Öffentlichkeit (oder den sportlichen Gegner?) bestimmt waren.

Interessanter noch erscheinen die Aktivitäten an der Universität Freiburg, an der Prof. Dr. Herbert Reindell wirkte, der „Spiritus rector für die deutsche Sportmedizin in den ersten drei Jahrzehnten der Nachkriegszeit“. Reindell, dem 1956 das Extraordinariat für den Universitätslehrstuhl für „Arbeitsphysiologie und Sportmedizin“ übertragen wurde, wurde in den frühen 1950er Jahren wegen seiner umfassenden Forschungen zum Sportherzen international bekannt, weshalb er 1953 vom Deutschen Sportbund mit der Carl-Diem-Plakette ausgezeichnet wurde. Reindell arbeitet seit den späten 1930er Jahren eng zusammen mit dem berühmten Leichtathletiktrainer Woldemar Gerschler, dem Leiter des Instituts für Leibesübungen an der Universität Freiburg. So hatte Reindell bei dem legendären „Jahrhundertläufer“ Rudolf Harbig, einem Schützling Gerschlers, schon 1939 Pulsschlagmessungen vorgenommen. Harbig hatte kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges zwei umjubelte Fabel-Weltrekorde über 400 Meter (46,0 Sek.) und 800 Meter (1:46,6 Min.) aufgestellt – nach unglaublichen Leistungsexplosionen.

Reindell galt über Jahrzehnte hinweg als Papst der deutschen Sportmedizin. Während der Olympischen Spiele 1952 bezeichneten ihn zwei deutsche Leichtathleten als „weißen Zauberer“, im November 1953 kam sogar der aufstrebende britische Mittelstreckler Gordon Pirie nach Freiburg, um bei ihm und Gerschler einen Weltrekord zu programmieren; schon zuvor hatte der Mediziner zahlreiche Radprofis betreut. Als Nestor der bundesdeutschen Sportmedizin, der zwischen 1952 und 1972 als Olympiaarzt der BRD-Mannschaft fungierte, publizierte Reindell in den frühen 1950er Jahren eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten. Über die vielleicht bemerkenswerteste medizinische Dissertation, die an dem Institut Reindells zwischen 1952 und 1954 angefertigt wurde, drang freilich nichts an die Öffentlichkeit: die Arbeit über „Die Wirkung von Dopingmitteln auf den Kreislauf und die körperliche Leistung“, die Oskar Wegener 1954 an der „Hohen Medizinischen Fakultät“ der Freiburger Universität vorlegte. Der talentierte Leichtathlet Wegener (geb. 1928), der schleswig-holsteinische 400m-Meister der Jahre 1949–1951, war von Holstein Kiel nach Freiburg in die Trainingsgruppe Gerschlers gekommen und zählte bis zu einer schweren Mandelentzündung zum erweiterten Olympia-Kader für die Spiele 1952. 1952 habe sich, erinnert sich Wegener 52 Jahre später, Reindell „an mich gewandt, und ich habe von ihm das Thema bekommen“. Über welches Thema Wegener dann kon- kret forschte, steht in der Einleitung:

Wir haben die Auswirkungen von Coffein, Pervitin, Strychnin und Veriazol auf den Kreislauf und die körperliche Leistungsfähigkeit untersucht, weil sie am häufigsten benutzt werden. Sie waren auch in den zwei Gemischen von Pharmaka enthalten, die Radrennfahrer bei Straßenfahrten zu sich nehmen, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern und die uns zur Untersuchung zur Verfügung gestellt wurden. Versuchsper- sonen waren Gesunde, und zwar nicht nur trainierte Sportler, sondern auch Kolle- gen, die wenig Sport getrieben haben. Denn es sind meistens nicht die durch Trai- ning gut vorbereiteten Sportler, die gedopt werden, sondern die etwas über dem Durchschnitt stehenden, die auf diese Weise das fehlende Training auszugleichen suchen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Zudem legt Wegener dar, weshalb ihm Reindell dieses Thema übertragen hatte:

Doch es tauchen in der Tagespresse immer wieder Meldungen auf, nach denen Rennpferde durch Kokain oder auch durch Alkohol, z. B. Einflößen von Sekt, gedopt wurden. Weiterhin berichten der Trainer Gerschler und der Sportarzt Dr. Prokop, dass selbst auf der Olympiade die Mannschaftsbetreuer einiger Länder mit geheimnisvollen Mittelchen angereist kamen, die sie dann ihren Schützlingen vor dem Start eingaben. Ob damit Erfolge erzielt wurden, ist nicht leicht feststellbar. Denn nach einem Sieg wird man sich hüten, den Gebrauch irgendwelcher stimulierender Mittel zuzugeben. Andererseits waren sie nicht für alle Sportler gleich bekömmlich, so dass einige nicht ihre gewohnte Form fanden. So wurden einem Leichtathleten, wie Trainer Gerschler berichtete, auf der Londoner Olympiade nach der Gabe eines solchen Mittels so schlecht, dass er Mühe hatte, die Kämpfe auf seiner Laufstrecke zu überstehen. Vier Jahre später errang er nach gründlicher körperlicher Vorbereitung die Goldmedaille. Ein anderer Fall beschäftigte lange Zeit die Sportteile der Tagespresse: Der Sportarzt eines Verbandes hatte einer Rudermannschaft zu einer Kur mit Hormonpräparaten geraten. Als danach die Mannschaft im Wettkampf versagte, wurde der medizinische Betreuer für die Niederlage verantwortlich gemacht.

Bei der Rudermannschaft handelte es sich um die (oben bereits erwähnte) RuGem Flörsheim-Rüsselsheim. Der gedopte Leichtathlet, der „nach gründlicher körperlicher Vorbereitung“ 1952 in Helsinki Olympiasieger wurde, war laut Auskunft Wegeners der Gewinner über 1500 Meter, „Josy“ Barthel (1927–1992), der bis heute einzige Goldmedaillengewinner Luxemburgs bei Olympischen Spielen. Als Barthel gewann, sprach das deutsche Fachorgan Leichtathletik von einer „Sensation im 1500m-Lauf“, denn französische Trainer hatten Barthel, als er in Straßburg 1947–1951 Chemie studierte, noch jedes Talent abgesprochen, und Barthel spielte auch in den Weltranglisten der Jahre 1950 und 1951 keine Rolle; vor den Spielen in Helsinki stand er im Ranking lediglich auf Platz Acht. Als nun Barthel in Helsinki sensationell Gold holte, war in Deutschland der Ärger darüber groß, denn Barthel war von Gerschler in diese Leistung gebracht worden (auch Mediziner Reindell hatte Barthel betreut); sie hatten sich 1951 bei den Studentenspielen in Luxemburg kennengelernt. Gerschler musste sich jedenfalls verbandsintern und auch in der Sportpresse als „Vaterlandsverräter“ beschimpfen lassen, weil die deutsche Mannschaft ohne Goldmedaille zurückkehrte, und vor allem die beiden deutschen 1500m-Läufer Lueg, der den Weltrekord hielt, und Dohrow zu den Favoriten gezählt hatten. Der Doping-Hintergrund Barthels, wie sie die Dissertation schildert, erklärt jedenfalls die unvermittelte Leistungsexplosion des Luxemburgers, der bei der Siegerehrung in Tränen ausbrach und zu einem luxemburgischen Sporthelden wurde.

Zudem nährt diese Verbindung zwischen Gerschler und Barthel den Verdacht, dass auch die atemberaubenden Weltrekorde Rudolf Harbigs, die 1939 als Meilensteine der Leichtathletik gefeiert wurden, nicht nur mit Trainingsfleiß zu erklären sind. Sondern es liegt geradezu auf der Hand, dass das Trio Harbig/Gerschler/Reindell auch im Jahre 1939 mit dem Mittel Pervitin, das eben auf den Markt gekommen war, experimentierte und damit einen neuen „Raketentreibstoff“ gefunden hatte, mit dem Harbig in so kurzer Zeit die Weltrekorde purzeln ließ – zumal die exorbitanten Leistungssteigerungen Harbigs der 1952 vertretenen Ansicht Gerschlers widersprachen, dass man „für den Aufbau einer Leistung sechs bis acht Jahre“ rechnen müsse. Die heute kaum fassbare Naivität, mit der die 1938 entwickelte „Wunderdroge“ Pervitin damals und auch zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zwecks Leistungssteigerung eingenommen wurde, ist zuletzt sehr eindringlich von Volker Steinkamp beschrieben worden. Pervitin wurde jedenfalls, bis es 1941 von Reichsgesundheitsführer Conti unter das Opium-Gesetz gestellt wurde, von breiten Schichten konsumiert – und weiterhin auch in der Wehrmacht. Auch in den USA wurden die sogenannten „Weckamine“ sehr flächendeckend und bedenkenlos eingenommen – auch noch nach dem Krieg.

Nach 1945 setzte sich außergewöhnlich große nationale und internationale Forschungstätigkeit bzgl. der Weckamine Pervitin und Benzedrin fort, wie die umfangreiche Literaturliste der Monographie „Über Weckamine (Pervitin und Benzedrin)“ beweist. Bemerkenswert ist dieses Werk vor allem aus drei Gründen. Erstens widersprachen die Autoren, die sich übrigens auch mit dem Nachweis von Weckaminen auseinandersetzten, der Ansicht, nach der die Einnahme Pervitins/Benzedrins zwingend gesundheitsschädlich sei:

Einen schlüssigen Beweis dafür, dass selbst übermäßiger Weckamingenuss zu einem Verschleiß der Leistungsreserven des Organismus führt, gibt es im übrigen nicht, und körperliche Dauerschäden nach Pervitin- oder Benzedrineinnahme wurden bis heute nicht bekannt.

Zweitens warnten sie zwar vor gewohnheitsmäßigem Konsum, sahen aber „keinen Grund, die Ablehnung des Pervitins zum Prinzip zu erheben“. Und drittens hieß das letzte Kapitel „Über außermedizinische Verwendung der Weckamine und das Problem der Leistungssteigerung“ – ein weiterer Hinweis darauf, dass Pervitin zu Beginn der 1950er Jahre auch im Leistungssport verwandt wurde. Die Ergebnisse, die nun der Freiburger Doktorand Wegener mit seiner Versuchsreihe an Ruderern, Leichtathleten und an sich selbst zutage förderte, mussten die Phantasien jedes Leistungssportlers beflügeln. „Die stärkste und anhaltendste Wirkung“ unter den vier untersuchten Dopingmitteln, fand Wegener heraus, „hat das Pervitin. Es vertreibt jedes Müdigkeitsgefühl und durch seine euphorische Komponente das Startfieber, da hier der Drang zum Sieg, der Überlegene zu sein, jedes Bedenken überwiegt.“ Aber auch die Physis, das Treten auf dem Ergometer, „fiel leichter, weil sich in den arbeitenden Beinen ein Gefühl der Erleichterung ausbreitete, das die höhere Leistung ohne größere Willensanstrengung ermöglichte“. Bei Untrainierten steigerte sich demnach die Leistung nach Einnahme von sechs mg Pervitin um 18 Prozent, bei austrainierten Sportlern sogar um 23,5 Prozent. Aber Wegener analysierte auch Nachteile: „Man spürte nicht, wann die Muskulatur anfing zu streiken“, der Körper überhörte alle Warnsignale. Außerdem konnten er und sein Freund, wenn sie vormittags Selbstversuche unternommen hatten, nachmittags in der Pathologie-Vorlesung „nicht mehr ruhig sitzen, weil wir so aufgedreht waren“, und sie seien erst morgens früh um fünf oder sechs Uhr eingeschlafen. Das musste sich auf den Kreislauf negativ auswirken. Pervitin sei „ein ideales Leistungs- stimulans“, bilanzierte Wegener damals, „wenn nicht die körperliche Erholung gleichzeitig in so starkem Maße unterdrückt würde und die Suchtgefahr bestände“.

Warum diese erstaunlichen Ergebnisse nicht publiziert wurden in den sportwissenschaftlichen Periodika der frühen 1950er Jahre und dort überhaupt nur wenige Hinweise auf entsprechende Arbeiten zu finden sind, dafür gibt es nur zwei schlüssige Erklärungen. Entweder betrieb man insgeheim die verdeckte Dopingforschung, um so gewappnet zu sein für den sportlichen Kampf mit dem Ostblock. Oder man veröffentlichte die Ergebnisse wie die aus Wegeners Dissertation nicht, weil etwa die Verwendung von Pervitin – und sei es im Interesse der Sportwissenschaft – strafrechtlich relevant war: Die Einnahme dieses Präparats ohne medizinische Indikation verstieß auch nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland gegen das Betäubungsmittelgesetz.

4: Doping bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz?

4.1 „Sauerstoff-Doping“ im Vorfeld

Dass der Doping-Diskurs auch den Leistungsfußball der frühen 1950er Jahre berührte, zeigen die Veröffentlichungen in den zeitgenössischen Zeitschriften. Guido von Mengden resümierte im März 1953 im WFV-Sport Presseberichte, nach denen das Einatmen von reinem Sauerstoff im Fußball „sensationelle Ergebnisse“ gezeigt und „Fabeln und Histörchen“ produziert hätten. Aus Anlass des Fußball-Länderspiels Schweiz – BR Deutschland (3:5) am 25. April in Basel nahm das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL diese Berichte wieder auf. Denn der Trainer der Schweizer, Karl Rappan, hatte die Aufholjagd seiner Mannschaft nach der Pause (0:4) mit Sauerstoffzufuhr erklärt („Unsere Spieler haben in der Halbzeit eine Sauerstoffpumpe erhalten“) – und insofern war, wie DER SPIEGEL schlussfolgerte, „nicht mangelhafte Kondition der Deutschen, sondern die durchdachte Anwendung neuzeitlicher Alchemie beim Gegner (schuld) an dem verqueren Spielverlauf“. So kam ans Tageslicht, dass deutsche Fußball-Mannschaften schon 1952 mit Sauerstoff experimentiert hatten:

Schon 1948 hatten englische Klubmannschaften bei Gastspielen in Südamerika beobachtet, dass ihre Gegner in der Pause wie eine Fernaufklärer-Besatzung an Atemgeräten nuckelten. 1952 verpflanzte eine portugiesische Fußball-Expedition die eindrucksvolle Apparatur von Brasilien nach Lissabon, wo sie alsbald den spanischen Nachbarn neiderregend in die Augen stach. Jedenfalls naschten wenig später auch die Männer des FC Espagnol Barcelona behaglich ihre Sauerstoff-Rationen. Von den Erfolgen der Spanier stutzig gemacht, entschloss sich im Herbst 1952 die Frankfurter Eintracht, ihre Spieler mit Oxygen anzuheizen. Vereinsarzt Dr. Runzheimer lieh sich das Gerät aus einem Krankenhaus und ließ seine Elf am 16. November in der Halbzeitpause des Spiels gegen die Offenbacher Kickers zwei, drei Minuten inhalieren. Die Wirkung war erstaunlich. Sei es, dass die Frankfurter von Haus aus skeptischer waren als die Südländer, sei es, dass man ihnen die wohltätige Wirkung nicht überzeugend genug in die Köpfe gehämmert hatte – jedenfalls gerieten sie in einen fürchterlichen Ansturm des Gegners, den sie nur mit großem Dusel überstanden.

Damals hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) – in Kenntnis der Anti-Doping-Konvention des DSpB, dem er sich über den DSB angeschlossen hatte – erklärt, dass „die Anwendung solcher Mittel“ von „sportlicher Auffassung weit entfernt“ sei. Ob damit eine physische Leistungssteigerung möglich war, war ungewiss. Klar schien jedoch, dass die Zufuhr reinen Sauerstoffs die Kicker selbstbewusster machte:

Am wenigsten umstritten ist, so seltsam es scheint, der Effekt, den die Sportler sich einbilden. Fußballer, die mit reinem Oxygen aufgepumpt sind, verraten nicht selten eine euphorische Zufriedenheit. Im Vollbewusstsein ihres chemisch aufgemöbelten Mannestums wuchten sie auf das Spielfeld zurück wie ein Kollektiv tapferer Schneiderlein und gehen dem Gegner dementsprechend an den Kragen.

In Kenntnis der Anti-Doping-Konvention von 1952 wurde nun diskutiert in Deutschland, so auch auf der vorolympischen Tagung im April 1954 in Köln, ob auch diese Methode unter die Doping-Bestimmungen fiel: Die Beantwortung der Sauerstoff-Beatmung hing dabei an der Frage, „ob sie als ‚Doping’ anzusehen ist und damit unter den Bann der Sportgerichte fällt. Dabei muss sowohl die medizinische als auch die ethische Seite des Doping- Verbots in Betracht gezogen werden.“ Die Diskussion darüber verlief sehr kontrovers, obwohl diese Frage eigentlich schon vorher beantwortet worden war. Die Sportfachpresse wie die Pariser L’Equipe und der Münchner Sport-Kurier forderten die Fußball-Offiziellen indes dazu auf, „dem Leistungsvermögen mit Sauerstoff nachzuhelfen“. Und auch der DFB und der zuständige Bundestrainer Sepp Herberger schienen so kurz vor Beginn der V. Fußball-Weltmeisterschaft in der Schweiz nicht gewillt zu sein, womöglich entscheidende Wettbewerbsvorteile klaglos hinzunehmen:

Indessen scheint man an maßgebender Stelle des deutschen Fußballs bereit zu sein, die ablehnende Stellungnahme von 1952 nach den jüngsten Erfahrungen zu revidie- ren. Bundestrainer Herberger bat nämlich am 9. Mai den Vereinsarzt von Eintracht Frankfurt, Dr. Runzheimer, um ein informatorisches Gespräch über das Sauerstoff- Problem, das in dieser Woche stattfinden soll. Erklärt Carl Koppehel auf der DFB- Pressestelle: ‚Wenn wir (zur Weltmeisterschaft) in die Schweiz fahren und die ande- ren werden mit Sauerstoff aufgepumpt, weiß ich nicht, ob wir es nicht doch ebenso machen sollen.’

4.2 Der Spritzeneinsatz bei der WM in der Schweiz

Diese Mentalität – es dem Gegner, der anscheinend mit verbotenen Mitteln arbeitete, notfalls gleichzutun – beeinflusste ganz offenbar das Handeln in der Schweiz. Schon im Trainingslager experimentierte die Nationalmann- schaft laut Horst Eckel mit reinem Sauerstoff. Und als Stürmer Helmut Rahn vorzeitig von einer Südamerika-Reise seines Klubs RW Essen zurückkehrte, um rechtzeitig ins Trainingslager der bundesdeutschen Nationalmannschaft in München-Grünwald zu fahren, und der Rechtsaußen von Doping-Praktiken berichtete, reagierte der DFB sofort, wie sich Dr. Franz Loogen im Jahr 2003 präzise erinnerte: Rahn erzählte dem Bundestrainer, „dass die Latinos (Brasilianer) sich mit Spritzen dopen“. Daraufhin habe sich Herberger ebenfalls leistungssteigernde Präparate spritzen lassen wollen. Als er sich mit einer entsprechenden Bitte an Dr. Loogen wandte, lehnte dieser den Einsatz in der Schweiz ab: „Ich mache keine Sauereien. (…) Es war nämlich Anfang der 50er Jahre schon einiges möglich, was hartes Doping betrifft.“ Die Aussage Loogens, dass Herberger von Beginn an den Doping-Einsatz forderte, ist durchaus glaubwürdig, denn der damals 35-jährige Loogen entstammte dem Fußball-Milieu, er zählte gewissermaßen zum „inner circle“. Während seines Medizinstudiums im Zweiten Weltkrieg (1942–1944) stürmte er für den FC Bayern München, u.a. gegen die berühmte Luftwaffenmannschaft „Rote Jäger“, in der Fritz Walter spielte. Nach dem Krieg spielte Loogen für Fortuna Düsseldorf und amtierte 1961–1962 auch als Präsident – und selbstverständlich war er bestens bekannt mit dem ebenfalls in Düsseldorf tätigen Masseur Deuser. Als Loogen jedoch ablehnte, wandte sich Herberger an einen Arzt aus dem süddeutschen Raum, der aber kurzfristig absagte. Erst daraufhin

hätte sich Herberger wieder bei Loogen gemeldet, und ihn gefragt, ob er nicht doch mit in die Schweiz wolle. Loogen habe zugesagt, aber aufgrund der Kürze der Zeit nicht mehr genügend Spritzen auftreiben können. So habe er sich gedacht, dass er das Problem dadurch löst, indem er einen Abkocher mitnimmt. Er hatte noch einen, den er 1941 als Kriegsandenken aus einer zerschossenen Arztpraxis vor Leningrad mitgebracht hatte (diesen Apparat hat er heute noch).

Was in Spiez, dem Standort der bundesdeutschen Nationalmannschaft, zwischen den WM-Spielen geschah, das haben die Zeitzeugen weitgehend einmütig berichtet. Der Fürther Herbert Ehrhardt erzählte 2003 von den vorbereitenden Maßnahmen durch Loogen: „Da hat es mal einen Vortrag gegeben, dass Vitamine gespritzt werden.“ Der damalige Mannschaftsarzt habe be- richtet, so Ehrhardt, dass, „wenn Ratten diese Vitamine gespritzt bekommen, dann können die zwei oder drei Stunden länger im Wasser schwimmen“. Die Spieler reagierten durchaus unterschiedlich auf den ungewöhnlichen Einsatz. Spieler wie Fritz Walter, Ottmar Walter, Helmut Rahn, Werner Liebrich, Werner Kohlmeyer, Heinz Kubsch, Max Morlock, Toni Turek, Josef Posipal und Karl Mai nahmen die Injektionen, die von Loogen und vom Masseur Erich Deuser gesetzt wurden, beinahe widerspruchslos hin:

Die Spieler waren total verrückt nach diesen Spritzen, obwohl ich nur Vitamine gespritzt habe, und zwar zwischen den Spielen. Wenn Sonntags ein Spiel war und das nächste am Mittwoch, dann haben die Spieler am Montag die Spritzen bekommen. Medizinisch gesehen haben die Spritzen überhaupt nichts gebracht, es war der typische Placebo-Effekt. Aber es hatte diesen psychologischen Effekt auf die Spieler, und Herberger wollte, dass ich immer wieder spritze.

Teilweise wurde auf die Spieler erheblicher Druck ausgeübt, damit sie sich in die Spritzenbehandlung begaben. „Der Erich Deuser hat da aufgepasst, dass man runter ist in den Keller“, berichtet Herbert Ehrhardt, „und unten rein und dann schnell die Spritze drin. Vor dem Training ist man früh runter. Ich habe Angst gehabt, ich wollte nicht spritzen.“ Ersatzmann Ulrich Biesinger erinnerte sich: „Ich bin einmal hingegangen und dann nicht mehr. Was da gespritzt worden ist, weiß ich nicht, Traubensaft oder irgendwas. Ich weiß es nicht.“ Andere Spieler verweigerten sich diesem Einsatz, Alfred Pfaff etwa lehnte die Injektionen rigoros ab. „Es hat sich herumgesprochen, dass es vielleicht Traubenzucker wäre“, so Pfaff, aber letztlich habe kein Spieler den Inhalt gekannt. Als Pfaff die Spritzen verweigerte, kam Herberger auf ihn zu und sagte: „Warum du nicht?“ Pfaffs Antwort: „Ich bin allergisch. Ich will nicht.“ Auch Torhüter Heinrich Kwiatkowski verweigerte sich: „Ich war gegen jede Tablette und gegen jede Spritze. Ich habe Kraft genug gehabt. Ich war gegen jedes Aufputschmittel.“

Noch abenteuerlicher mutet die Geschichte an, die Mannschaftsarzt Loogen über die Pause des Endspiels vom 4. Juli 1954 in Bern erzählt. Weil der rechte Läufer Horst Eckel eine Verletzung am Oberschenkel zu beklagen hatte, wollte Herberger laut Loogen,

dass ich ihm eine Spritze gebe, in den Bluterguß. Ich verneinte, denn das Risiko wäre zu groß gewesen, einen Muskel oder eine Blutbahn zu treffen. Dann hätte Eckel gar nicht mehr spielen können. Ich machte daher ein paar Sprintübungen mit Eckel und sah, dass er ohne Behandlung die zweite Halbzeit durchhalten würde.

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4.3. Der „Pressekrieg“ nach der Gelbsucht-Affäre im Herbst 1954

Die Praxis der Injektionen wurde erst im Oktober 1954 der Öffentlichkeit bekannt, als eine Reihe von Nationalspielern schwer an Gelbsucht erkrankte und deshalb für das Länderspiel am 1. Dezember in London nicht zur Verfügung stand. In einem Brief an den Vorstand, Loogen und Herberger befürchtete DFB-Präsident Peco Bauwens sofort, dass „Verdächtigungen gegen uns erhoben werden wegen eines Doppings (sic!)“, und wollte den Weltverband FIFA einschalten. 2003 führte Loogen die Erkrankung darauf zurück, dass der Abkocher nicht richtig funktioniert hatte und so die benutzten Spritzen nicht sterilisiert worden waren: „Leider war er dann doch anscheinend defekt, so dass sich die Gelbsucht auf die anderen Spieler übertrug.“ Tatsächlich stirbt der Gelbsucht-Erreger erst bei Temperaturen, die Loogens Abkocher nie erreichen konnte. Auf die Vermutungen des ungarischen Kapitäns Ferenc Puskas, die Deutschen hätten nur wegen des Einflusses leistungssteigernder Drogen die WM gewonnen, die einen „Pressekrieg“ entfachten, reagierte der DFB umgehend: Der Verband ließ alle Nationalspieler in der Medizinischen Akademie Düsseldorf untersuchen – bei dem Leberspezialisten Prof. Schmengler (Düsseldorf) und Prof. Kalk (Kassel). Im Anschluss daran wurden die betroffenen Spieler, darunter die Gebrüder Walter, Helmut Rahn und Max Morlock, in eine mehrwöchige Kur nach Bad Mergentheim geschickt. Die genaue Ursache der Leberschädigungen konnte indes nicht festgestellt werden. Die Vorwürfe der Öffentlichkeit, die Mannschaft sei gedopt gewesen, entkräfteten jedoch die Mediziner: „Es fand kein Doping statt.“ Die Einzelheiten der Expertise publizierte der DFB zehn Jahre später, als der Vorgang erneut in einer römischen Zeitung L’Osservatore della domenica geäußert worden war:

Die Gelbsucht-Erkrankungen der deutschen Nationalspieler stehen in keinem Zu- sammenhang mit den Mitteln, die ihnen von ärztlicher Seite zum Schutz ihrer Gesundheit und zur Erhaltung ihrer Leistungsfähigkeit verordnet worden sind. Ein Teil der Spieler erhielt wenige Tage vor den Spielen Injektionen von Vitamin C; andere Substanzen wurden nicht eingespritzt. Die Spieler erhielten außerdem auch zeitweise Traubenzucker zum Essen in den Tagen vor dem Spiel; in der Pause der Spiele wurde je nach Wunsch gegeben: Tee, Sprudel und Limonade. Letztere mit Trauben- zucker, Rohrzucker oder Zitrone. Keiner der gegebenen Stoffe wirkt leberschädigend! Traubenzucker und Vitamin C haben sogar eine ausgesprochene Leberschutzwirkung.

Loogen setzte sich im Herbst 1954 ebenfalls öffentlich zur Wehr. „Auch der leiseste Verdacht eines Dopings während der Weltmeister-Tage ist absolut grundlos und ganz entschieden abzulehnen“, sagte er in einem Zeitungs-Interview, den Spielern, „die nur Traubenzucker und Vitamine“ erhielten, sei kein auch nur annähernd „doping-verdächtiges“ Mittel verabreicht worden. Albert Sing widerspricht dem. Der Attaché der deutschen Mannschaft in der Schweiz, der im Zweiten Weltkrieg unter Herberger Nationalspieler gewesen war, betrachtete Loogen als treibende Kraft in der Schweiz: Loogen habe „Herberger davon überzeugen können, dass die Spieler flüssige Drogen zu sich nehmen sollen“. Die Schweiz 1954 war der letzte Einsatz des heute berühmten Herz-Spezialisten bei der Fußball-Nationalmannschaft.

Was tatsächlich in den Spritzen war, wird sich heute nicht mehr feststellen lassen. „Bis heute ist die letzte Ursache dieser epidemischen Entzündung nicht geklärt“, schreibt der Herberger-Biograph Jürgen Leinemann. Aber genauso ist festzuhalten, dass dies schon im Oktober 1954 nicht mehr feststellbar war, als die Ärzte dem DFB (der die Untersuchung in Auftrag gegeben hatte) einen Freibrief ausstellten – wären nämlich tatsächlich Aufputschmittel gespritzt worden, dann hätte man dies nicht mehr wissenschaftlich nachweisen können. Seltsam mutet freilich aus heutiger Sicht an, dass mit Prof. Schmengler ein Arzt die Unbedenklichkeitsbescheinung ausstellte, der in der gleichen Klinik wie Dr. Loogen arbeitete. Als verdächtig erscheint die Tatsache, dass die Injektionen in der Schweiz den Charakter eines konspirativen Vorgangs besaßen. Dass es sich dabei, wie von Loogen stets behauptet, um Vitamin C-Injektionen handelte, erscheint insofern unglaubwürdig. Denn Vitamin C wurde auch damals schon vor allem oral eingenommen, wie aus einem „streng vertraulichen“ Brief des Mannheimer Chefarztes Prof. Hahn an Sepp Herberger vom 10. November 1954 hervorgeht. Darin riet Hahn dem Bundestrainer nicht nur dringend, „vor allem vor dem Spiel gegen die englische Nationalmannschaft davon abzusehen, dass die Spieler irgendwelche Injektionen erhalten.“ Der Arzt wunderte sich zudem sehr über die Spritzenpraxis in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft:

Gegen die Verabreichung von Traubenzucker und Vitaminpräparaten bei Sportlern ist nicht das geringste einzuwenden. Aber es ist nicht einzusehen, warum diese Prä- parate injiziert werden, da das gleiche erreicht werden kann, wenn sie durch den Mund aufgenommen werden, sofern man überhaupt eine Wirkung erwarten kann. Ich meine, dass man aus den erfolgten Gelbsuchterkrankungen die allgemeine Lehre ziehen sollte, dass Injektionen bei Sportlern zum Zwecke der Leistungssteigerung überhaupt vermieden werden, womit dann in aller Zukunft Zwischenfällen vorge- beugt wäre.

Aufgrund all dieser Belege ist die Vermutung, die deutsche Fußball- Nationalmannschaft habe eben kein Vitamin C injiziert bekommen, sondern andere (verbotene) Präparate, nicht allzu verwegen. Wahrscheinlicher ist angesichts der umfangreichen zeitgenössischen Forschungen und Praxis, dass Aufputschmittel wie Pervitin oder Benzedrin genutzt wurden. Dass diese „Weckamine“ in den Fußball hineingelangt sind, ist nicht neu. Laut Dopinghistoriker Giselher Spitzer sind überall dort, wo Soldaten und Sportler zusammenkamen, auch Dopingmittel weitergegeben worden. Die Kontakte zwischen Luftwaffe und Heer einerseits und dem Spitzenfußball andererseits waren während des Zweiten Weltkrieges und auch danach offenkundig. Nicht nur, dass spätere Nationalspieler wie Ottmar Walter an der Front gestanden hatten. Auch Herberger pflegte im Zweiten Weltkrieg intensive Kontakte zu einem der berühmtesten Flieger der Luftwaffe, Hermann Graf. Der hatte vor dem Krieg an einem Lehrgang Herbergers teilgenommen und sorgte nun dafür, dass viele Nationalspieler, allen voran Fritz Walter, in der berühmten Elf der „Roten Jäger“ während des Krieges Fußball spielen konnten und so vom Fronteinsatz verschont blieben. Dort ist laut Spitzer „der Link, wo das Wissen um diese Aufputschmittel, um den Miss- brauch zu Leistungssteigerung, Aggressivitätssteigerung und Überwindung von Ängsten, in den Sport kommen kann.“ Doch so, wie vielen Soldaten damals nicht bewusst war, was sie schluckten, so Spitzer, sei es genau so denkbar, „dass Sportler Schokolade und Tabletten zu sich genommen haben, ohne zu wissen, dass sie in Wirklichkeit mit starken Mitteln aufgeputscht wurden.“ Auch das ist freilich ein Kennzeichen der Praxis von Spiez: Dass den Fußballern nicht klar war, was ihnen injiziert und verabreicht wurde. Zudem waren Franz Loogen, als Mannschaftsarzt neben Herberger die Schlüsselfigur in der Schweiz, Aufputschmittel wie Pervitin seit dem Zweiten Weltkrieg bestens bekannt. Denn damals besaß dieses Präparat unter den Medizinstudenten den Status einer Wunderdroge, wie Volker Steinkamp jüngst eindrucksvoll beschrieben hat. Insofern wusste Loogen sicherlich auch vom massenhaften Einsatz des Pervitins in Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine.153 Und er hatte sicherlich auch noch in guter Erinnerung, wie die Temmler-Werke im Zweiten Weltkrieg Pervitin verarbeiteten – nämlich „in Kombination mit Traubenzucker“.

5: Fazit

Mit dem Skandal um die deutschen Fußballweltmeister von 1954 gelangt das Thema Doping keineswegs das erste Mal in die bundesdeutsche Sportöffentlichkeit. Zwar wurde die Debatte über den Sinn und die Gefahren leistungssteigernder Mittel, die bis 1945 äußerst lebhaft geführt wurde, in der Bundesrepublik weitgehend tabuisiert – vermutlich auch deswegen, weil die medikationslose Einnahme von populären Präparaten wie Pervitin gegen das Betäubungsmittelgesetz verstieß. Aber spätestens der Doping-Skandal 1952 bei den Deutschen Meisterschaften im Rudern, als mit Dr. Martin Brustmann ein renommierter deutscher Olympiaarzt zwei Teams verbotene Mittel verabreicht hatte, katapultierte dieses Thema wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Dieser spektakuläre Vorfall bewirkte zweierlei. Zum einen veranlasste er im Oktober 1952 die erste deutsche Anti-Doping-Konvention, als der Deutsche Sportärztebund (DSpB) „sämtliche Stoffe, die unmittelbar vor der Leistung gegeben werden“, ächtete; der Deutsche Sportbund als Dachverband des deutschen Fachverbände schloss sich dieser Konvention an. Zum anderen stieß er in sportmedizinischen Zentren wie Köln und Freiburg eine verdeckte Dopingforschung an. Dabei sind die Arbeiten zur Wirkung von Dopingmitteln, die bei Prof. Reindell (Freiburg) und an der Sporthochschule Köln entstanden, sicher auch als Reaktion auf den „Mythos von der kommunistischen Sportwissenschaft“ (Hoberman) zu verstehen. Denn da die Länder des Ostblocks nun ins olympische Milieu drängten, drohte dem bis dahin dominierenden Sport bürgerlicher Prägung eine „feindliche Übernahme“.

Wie gezeigt, spielte dieser Mythos auch im bundesdeutschen Fußball eine Rolle. Zu konstatieren ist, dass Herberger als verantwortlicher Trainer der bundesdeutschen Fußball-Nationalmannschaft nicht gewillt war, den anderen Teams scheinbare Wettbewerbsvorteile durch „Sauerstoff-Doping“ oder durch den Einsatz von Aufputschmitteln zuzugestehen. Zu konstatieren ist ebenfalls, dass die FIFA als Veranstalter für die Schweiz keinerlei Doping-Richtlinien erlassen hatte und insofern Herberger auch ein Wettbewerbsnachteil drohte. Vor allem deswegen verstieß er gegen die Anti-Doping-Konvention, die auch sein Verband DFB, der unter dem Dach des DSB organisiert war, seit 1952/53 mitgetragen hatte. Vor dem Hintergrund der damaligen Praxis im internationalen Leistungssport, der intensiven nationalen Doping-Debatte und der verdeckten Dopingforschung in der BRD wäre es naiv anzunehmen, dass die Spieler in der Schweiz lediglich „Traubenzucker“- oder Vitamin C-Injektionen erhalten haben. Vielmehr weisen die konspirativen Umstände dieser Vorgänge auf Aufputschmittel wie Pervitin oder Benzedrin hin. Dass ein Fußballtrainer wie Max Merkel 1961 Pervitin einsetzte, als er Borussia Dortmund coachte, und auch der enorm hohe Einsatz von Aufputschmitteln in der italienischen Fußball-Liga der 1960er Jahre deuten auf diese Variante der künstlichen Leistungssteigerung hin. Die Behauptung der Spieler, sie hätten das Wort Doping 1954 gar nicht gekannt, und Doping habe 1954 nirgendwo eine Rolle gespielt, ist jedenfalls unrichtig.

Besonders tragisch ist, dass einige derjenigen Spieler, die sich spritzen ließen, durch die sehr naive Praxis während der WM 1954 nachhaltig geschädigt wurden. An erster Stelle steht hier der Frankfurter Stürmer Richard Herrmann, der schon 1962 39-jährig an einer Leberzirrhose starb – obwohl er nie Alkohol getrunken hatte. Daran war er, wie der Autor Jürgen Bertram meint, „zwar nicht völlig unschuldig, weil er wegen mehrerer verletzungsbe- dingter Krankenhausaufenthalte die Hepatitis-Behandlung immer wieder hinausgezögert hat; doch in dieses Dilemma wäre er ja nie geraten, wäre in Spiez nicht beim Spritzen vermutlich geschlampt worden.“ Der Tod des achtfachen Nationalspielers wurde danach verschwiegen, auch von den DFB-Funktionären. „Man wusste längst“, schrieb Karl Seeger in einer Jubiläumsschrift seines Klubs FSV Frankfurt,

dass in Spiez der DFB-Arzt Dr. Loogen eine ärztliche Sünde begangen hatte, die ihm eigentlich ein Verfahren vor der Ärztekammer hätte einbringen müssen. Doch wer wollte seinerzeit verlauten lassen, dass der feine Herr Doktor die Nationalspieler nacheinander mit (sagen wir mal gelinde, Traubenzucker) gespritzt und keine sterilen Nadeln eingesetzt hatte.

Der DFB reagierte hilflos und schickte der Witwe als Entschädigung einen Scheck in Höhe von 3.000 Mark. Die Wucht, mit der dieser Mythos „Bern 1954“ die Erinnerung an das Opfer Herrmann hinweggefegt hatte, illustriert vielleicht am eindrücklichsten Bild-Kolumnist Franz-Josef Wagner. Als Wagner im April 2004 über „diese Dreckstory“ zeterte, die „sich Heldentaten nur chemisch oder per Spritze vorstellen können“, hatte er wohl jenen Bild-Artikel vergessen, den er 29 Jahre zuvor, am 2. Dezember 1975, über die Witwe Herrmanns geschrieben hatte. Darin heißt es:

Sportfans werden sich noch erinnern, dass nach der Fußball-Weltmeisterschaft in der Schweiz fast der gesamte 19köpfige Kader des Deutschen Fußballbundes an einer mysteriösen Gelbsucht erkrankt war. Man könnte also sagen: Der Nationalspieler Richard Herrmann bezahlte die Weltmeisterschaft mit seinem Leben.

Vor allem deshalb sei dieser Artikel dem Fußballspieler Richard Herrmann gewidmet.

6 Quellen

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Herberger-Nachlass (im Archiv des Deutschen Fußball-Bundes)
Zeitungen und Zeitschriften:
Bild-Zeitung (Jg. 1975, 2004)
DER SPIEGEL (Jg. 1954)
Frankfurter Rundschau (Jg. 2004)
Fußball-Woche (Jg. 1935)
Leibeserziehung (Jg. 1952, 1953, 1956)
Leibesübungen (Jg. 1952)
Leichtathletik (Jg. 1950–1952)
Neue Fußballwoche (Jg. 1949, 1954)
Sportmagazin (Jg. 1950, 1952)
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Interviews
Mit den Weltmeistern von 1954: Ulrich Biesinger, Horst Eckel, Herbert Ehrhardt, Heinrich
Kwiatkowski, Alfred Pfaff (sämtlich zur Verfügung gestellt von Fa. Broadview, Köln). Dr. Franz Loogen (zur Verfügung gestellt von Fa. Broadview, Köln).
Albert Sing (zur Verfügung gestellt von Fa. Broadview, Köln).
Oskar Wegener (Gespräch mit dem Verfasser am 9. März und 5. Juli 2004).

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1 Schlagzeile auf dem Titel der Bild-Zeitung vom 31. März 2004.
2 Wortmann, S. (Regie und Drehbuch), „Das Wunder von Bern“, Filmstart am 16. Oktober 2003.
3 Vor allem folgende Monographien sind zu nennen: Bertram, J., Die Helden von Bern, Eine deutsche Geschichte, Frankfurt 2004; Brüggemeier, Fr.-J., Zurück auf dem Platz. Deutschland und die Fußball-Weltmeisterschaft 1954, München 2004; Heinrich, A., 3:2 für Deutschland. Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Wankdorf-Stadion zu Bern, Göttingen 2004; Jessen, Chr./Eggers, E./Stahl, V./Schlüper, J.-G., Fußball-Weltmeisterschaft Schweiz 1954, Kassel 2003; Kasza, P., Fußball spielt Geschichte. Das Wunder von Bern, Berlin 2004. Den besten Überblick bietet: Raithel, Th., Fußball-Weltmeisterschaft. Sport – Geschichte – Mythos, München 2004.
4 Bild vom 31. März 2004, S. 1.
5 Merz, O., „Die Helden von Bern – Was ist dran an den Doping-Gerüchten?“, in: Report Mainz vom 29. März 2004.
6 Vgl. Eggers, E., „Der Mythos“, in: Dehnhardt, S./Knopp, G. (Hrsg.), Das Wunder von Bern. Die wahre Geschichte, München 2004, S. 171–206.
7 Eingeleitet wurde die kurze, aber heftige Doping-Debatte mit einer Rezension des Buches „Die Helden von Bern“ (Jürgen Bertram, s. Anm. 3), vgl. Eggers, E., „Das Gespenst von Spiez. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 könnten sich viele der Helden von Bern an einer schmutzigen Spritze infiziert haben“, in: Frankfurter Rundschau vom 27. März 2004.
8 Stecker, A./Sulzer, T., „Der ungeheuerlichste Vorwurf der Fußball-Geschichte: Waren unsere Helden gedopt?“, in: Bild vom 1. April 2004, S. 11.
9 Ebenda.
10 „Doping-Papst Schänzer: ‚Es gab 1954 Amphetamine und Captagon’“, in: Bild vom 31. März 2004.
11 Vgl. z.B. Fischer, C./Häberlein, Th., „’Helden von Bern’ empört: Wir waren nicht gedopt“, in: sid vom 31. März 2004.
12 Horst Eckel in: Bild vom 1. April 2004, S. 19.
13 Seeliger, N., „Keiner war gedopt“, in: Bild vom 2. April 2004.
14 Wagner, Fr. J., „Die Helden von Bern, Teil II“, in: Bild vom 1. April 2004.
15 Vgl. z.B. Keul, J.,/König, D.,/Scharnagl, H., Geschichte der Sportmedizin. Freiburg und die Entwicklung in Deutschland, Heidelberg 1999; Uhlmann, A., „Der Sport ist der praktische
Arzt am Krankenlager des deutschen Volkes.“ Wolfgang Kohlrausch (1888–1980) und die Geschichte der deutschen Sportmedizin, Frankfurt 2005.
16 Vgl. Spitzer, G., Doping in der DDR. Ein historischer Überblick zu einer konspirativen Praxis (= Wissenschaftliche Berichte und Materialien des Bundesinstituts für Sportwissen- schaft; Bd. 1998,3) Köln 1998.
17 Hoberman, J., Sterbliche Maschinen. Doping und die Unmenschlichkeit des Hochleistungs- sports, Aachen 1994.
18 Vgl. Krüger, A, „Die Paradoxien des Dopings“, in: Gamper, M./Mühlethaler, J./Reidhaar, F. (Hrsg.), Doping. Spitzensport als gesellschaftliches Problem, Zürich 2000, S. 11–33; im gleichen Band: Kamber, M., „Eine historische Betrachtung der Doping-Bekämpfung in der Schweiz“, S. 171–187.
19 Krauß, M., Doping, Hamburg 2000.
20 Gremmelmaier, E., „Doping im Zeichen von Krieg und Swing. Über die (vergessene)
Pionierrolle der Schweiz in der Dopingdiskussion“, in: Neue Zürcher Zeitung vom 16. April 2005.
21 Vgl. Kluge, V., „Doping. Vom Schnaps zur Muskelpille“, in: Laufzeit 9 (1999), H. 1, S. 4f. 22 Zu den frühesten deutschen Belegen des Worts „Doping“ gehört der Artikel „Doping als Betrug“ in der Deutschen Tierärztlichen Wochenschrift aus dem Jahre 1905, vgl. Krauß, Doping, S. 13.
23 Vgl. Kluge, Doping, S. 4; Krauß, Doping, S. 12.
24 Prof. Ferdinand August Theophil Hueppe bekleidete seit 1889 den Lehrstuhl für Hygiene an der Prager Karls-Universität, nahm 1896 als Arzt an den I. Olympischen Spielen in Athen teil und gehörte im Januar 1900 zu den Gründern des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Vgl. auch Schnitzler, Th., „Der vergessene Präsident des DFB“, in: Sportmuseum Aktuell. Mittei- lungsblatt des Förderverins Sächsisches Sportmuseum Leipzig e.V. 8 (2001), Heft 3–4, S. 38– 40.
25 Hueppe, F., „Sport und Reizmittel“, in: Berliner Klinische Wochenschrift (1913), S. 549– 551, zit. nach Hobermann, Sterbliche Maschinen, S. 157.
26 Reiner Sauerstoff galt, wie ein Autor der Deutschen Turn-Zeitung beschrieb, als heikle „Doping-Substanz“; damit hatten sich Sechstage-Fahrer belebt, vgl. Hobermann, Sterbliche Maschinen, S. 161.
27 Vgl. Beyer, B., Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte. Das Leben des Wal- ther Bensemann. Ein biografischer Roman, Göttingen 2003, S. 318 und 515.
28 Vgl. Hobermann, Sterbliche Maschinen, S. 123.
29 Vgl. Spitzer, G., „Schon Hitler nahm Testosteron. Die deutsche Doping-Tradition von der
Panzerschokolade bis zum DDR-Komplex mit Langzeitwirkung“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. April 2005.
30 Vgl. Hobermann, Sterbliche Maschinen, S. 160.
31 Vgl. Friedrich, Fr., „Zum Kapitel Doping“, in: Sportmedizin 2 (1955), S. 22.
32 Vgl. Riesser, O., „Ist medikamentöse Beeinflussung im Sport möglich?“, in: Leibesübun- gen 6 (1930), S. 537–542. In der gleichen Ausgabe: Poppelreuter, W., „Ist die Einnahme von primärem Natriumphosphat ein Dopingmittel?“, in: Leibesübungen 6 (1930), S. 534–536.
33 Riesser, O., „Doping und Dopingsubstanzen“, in: Leibesübungen 9 (1933), S. 393–396, hier 393f.
34 Vgl. Hoberman, Sterbliche Maschinen, S. 168.
35 Vgl. Gremmelmaier, Doping im Zeichen von Krieg und Swing.
36 Vgl. Hoberman, Sterbliche Maschinen, S. 130. 37 Vgl. Ebenda, S. 162–165.
38 Vgl. Hoberman, Sterbliche Maschinen, S. 179.
39 „Früher schluckten die Fußballspieler keine Pillen und waren auch gut. Weiß Gott, die starken Männer scheinen doch auszusterben“, in: Fußball-Woche vom 24. September 1935, S. 19.
40 Vgl. Gremmelmaier, Doping im Zeichen von Krieg und Swing.
41 Vgl. Kemper, W.-R., „Pervitin – die Endsieg-Droge? Wach und leistungsstark durch Me- thamphetamin“, in: Pieper, W., (Hrsg.), Nazis on Speed. Drogen im 3. Reich (Vol. 1), Löhr- bach, S. 124f.
42 Vgl. Steinkamp, P., „Pervitin (Metamphetamine) Testing, Use, and Misuse in the German Wehrmacht“, in: Wolfgang U. Eckart, W. U. (Ed.), The Human Body as an Object of Govern- ment Sponsored Research, Stuttgart 2006, p. 61.
43 Ebenda, S. 61–71.
44 Clasing, D., in: Deutscher Sportbund (Hrsg.), Doping. Pharmakologische Leistungssteige- rung und Sport (= Band II der Schriftenreihe des Bundesausschusses zur Förderung des Leis- tungssports des Deutschen Sportbundes), Frankfurt/M. 1970, S. 7.
45 Alle Zitate nach Gremmelmaier, Doping im Zeichen von Krieg und Swing.
46 Vgl. Pellmont, B., Vergleichende Untersuchungen über die Wirkungen von Coramin, Coffein und Pervitin auf psychische und physische Leistung des ermüdeten und nicht ermüde- ten Menschen., Diss. an der Universität Basel, Basel 1941.
47 Vgl. Gremmelsmeier, Doping im Zeichen von Krieg und Swing.
48 Vgl. Neue Fußballwoche 1(1949), Nr. 1, S. 2. Die Meldung bezieht sich auf den Fußball- profi Poldl Gernhardt (Rapid Wien), der in Brasilien Spritzeninjektionen gesehen hatte.
49 Vgl. Spitzer, G., Schon Hitler nahm Testosteron.
50 Vgl. Sportmagazin vom 31. Mai 1950, S. 17.
51 Prokop, L., Zur Geschichte des Dopings, Vortrag bei der Sportärztewoche am 1. Dezember 2002 in Zell am See-Kaprun, S. 7.
52 Vgl. Heß, Cl., „Das unrühmliche Ende einer Affäre“, in: Rudersport 120 (2002), Nr. 24, S. 808.
53 Die Figur des Sportarztes und Olympiateilnehmer von 1906, Dr. Martin Brustmann (1885– 1964), ist sicherlich einen eigenen Aufsatz wert, und nicht nur, weil er im „Dritten Reich“ zum SS-Standartenführer aufstieg (u.a. Träger des Ehrendegen des RF SS/Totenkopfring der SS).
54 Heß, Das unrühmliche Ende, S. 809. Konkret war von Veronal die Rede.
55 Vgl. Kluge, V., Doping, S. 5.
56 Zitiert nach Heß, Das unrühmliche Ende, S. 809.
57 Heiss, F., „Sportärztliche Mitarbeit bei den Olympischen Spielen“, in: Leibesübungen (3) 1952, S. 26.
58 Vgl. Meier, W., „Über praktische Erfahrungen bei Anwendung bestimmter Zuckergemi- sche mit Aminosäuren und Alkohol bei Leistungssportlern“, in: Deutscher Sportärztebund (Hrsg.), Training. Leistung. Gesundheit, Frankfurt/Main 1953, S. 111.
59 Vgl. Ebenda.
60 Diskussionsbeitrag Prokop, in: Deutscher Sportärztebund (Hrsg.), Training. Leistung. Gesundheit, Frankfurt/Main 1953, S. 105.
61 Heiss, F., Diskussionsbeitrag, in: Deutscher Sportärztebund (Hrsg.), Training. Leistung. Gesundheit, Frankfurt/Main 1953, S. 113.
62 Heiss, F., „Sportärztliche Beobachtung bei den Olympischen Spielen in Helsinki“, in: Leibeserziehung (1) 1952, H. 3, S. 9f., hier: S. 10.
63 Vgl. o. Verf., „Arbeitssitzung der Sportärzte in Münster i.W. (18.10.1952)“, in: Leibes- übungen 3 (1952), S. 141f.
64 Dieses und die folgenden Zitate vgl. Ruhemann, W., „Doping“, in: Sportmedizin 4 (1953), S. 26.
65 Vgl. Sportmedizin 4 (1953), S. 61.
66 Vgl. Spellerberg, B.A.E./Sauerwein, E., „Zur Frage des Dopings“, in: Leibeserziehung 2 (1953), H. 7, S. 8–11.
67 Vgl. Nöcker, J., „Stoffwechsel und Sport“, in: Müller, R. (Hrsg.), Abhandlungen zu Fragen der Sportmedizin, Berlin (Ost) 1954, S. 85.
68 Friedrich, Fr., „Zum Kapitel Doping“, in: Sportmedizin 6 (1955), S. 21–23.
69 Ebenda, S. 21.
70 Ebenda, S. 22f.
71 Vgl. Fischbach, E., Zum Kapitel Doping“, in: Sportmedizin 6 (1955), S. 145f. (hier: S. 146) 72 Vgl. Mies, H., „Erschöpfung und Übermüdung“, in: Sportmedizin 8 (1957), S. 13–17; Graf, O., „Genußmittel, Genußgifte und Leistungsfähigkeit“, in: Sportmedizin 8 (1957), S. 17–22; Lendle, L, „Stimulantia – Exciantia (Dopingmittel)“, in: Sportmedizin 8 (1957), S. 22–26.
73 Vgl. Herligkoffer, K., „Pervitin im Himalaya“, in: Münch. Med. Wschr. 96 (1954), S. 698– 702, besprochen von Friedrich in: Sportmedizin 6 (1955), S. 28; Wieland, H., „Sauerstoff und Pervitin gegen Bergkrankheit“, in: Münch. Med. Wschr. 42/(1954), besprochen in: Sportmedi- zin 6(1955), S. 27.
74 Vgl. Märtin, R.-P., Nanga Parbat. Wahrheit und Wahn des Alpinismus, Berlin 2000, S. 225.
75 Vgl. Hackforth, J., Sport im Fernsehen, München 1975, S. 46.
76 Hagedorn, „Der Sportarzt spricht: Der gedopte Sportler ist schnell ausgebrannt“, in: WFV- Sport 4 (1954), Nr. 16, S. 13.
77 Zu Mengden vgl. Bernett, H., Guido von Mengden. Generalstabschef des deutschen Sports, Berlin/München/Frankfurt 1976; Havemann, N., Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwi- schen Sport, Politik und Kommerz, Frankfurt/New York 2005, S. 108–111.
78 Vgl. G.v.M. (= Guido von Mengden), „Dopen ist Leistungs-Selbstmord“, in: WFV-Sport 3 (1953), Nr. 5, S. 16.
79 Ebenda.
80 Hoberman, Sterbliche Maschinen, S. 225.
81 Vgl. Krüger, A., Die Paradoxien des Dopings, S. 15.
82 Vgl. Laven, P., „Coach-Trainer und Menschenführer“, in: WFV-Sport 4 (1954), Nr. 16, S. 9.
83 Don Canham in der Sport Illustrated 1954, zit. nach: Hoberman, Sterbliche Maschinen, S. 226 (Fußbote Nr. 2, S. 376).
84 Vgl. Meisl, W., „Scheinwerferlicht auf den Sowjetstaat“, in: WFV-Sport 1 (1951), Nr. 19, S. 16f.
85 Heiss, Prof., „Sportärztliche Beobachtung bei den Olympischen Spielen in Helsinki“, in: Leibeserziehung 1952, H. 3, S. 9.
86 Vgl. Heß, Das unrühmliche Ende, S. 809. 87 Vgl. Krauß, Doping, S. 13f.
88 Hagedorn, „Der Sportarzt spricht: Der gedopte Sportler ist schnell ausgebrannt“, in: WFV- Sport 4 (1954), Nr. 16, S. 13
89 Zit. nach: Hoberman, Sterbliche Maschinen, S. 226.
90 Vgl. Altrock, H., „Rußlands Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in Melbourne. Nach amerikanischen Quellen“, in: Leibeserziehung 4 (1956), S. 113–115.
91 Vgl. etwa Hattendorf, H., Über das Verhalten des Vitamin C-Blutspiegels bei körperlicher Leistung (zugleich ein Beitrag zur Bedeutung des Vitamin C für die körperliche Leistungsfä- higkeit), Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln, Köln 1953; Lehrke, H., Über das Verhalten der Ascorbinsäure in Blut und Harn vor und nach körperlicher Leistung, Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln, Köln 1954; Rottke, R. S., Untersuchungen über den Einfluss von Glukose auf den Tonus des vegetativen Systems, Diplomarbeit an der SporthochschuleKöln, Köln 1954; Werthmann, A., Über den Einfluss von Dextrose auf Körperleistung, Herz- und Kreislauferholung und den Blutzuckerspiegel nach einem 1000 m-Leistungslauf, Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln, Köln 1952; Wick, G., Beeinflusst intravenöse Honigzufuhr die vegetative Tonuslage beim Trainierten und Untrainierten?, Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln, Köln 1953; Wodsack, W., Blutuntersuchungen an Sportsleuten, Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln, Köln 1953.
92 Keul/König/Scharnagl, Geschichte der Sportmedizin, S. 84. Zu Lebensdaten Reindells: Ebenda, S. 108–112.
93 Ebenda, S. 85.
94 Vgl. Popplow, U., „Rudolf Harbig – vom unbekannten Sportsmann zum Weltrekordläufer“, in: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports 2 (1988), H. 3, S. 15.
95 Sportmagazin vom 30. Juli 1952, S. 2. 96 Vgl. Sportmedizin 4 (1953), S. 185.
97 Diese und die weiteren Zitate stammen aus den Gesprächen des Verfassers mit Wegener am 9. März und 5. Juli 2004. Gespräche sind auf Tonband dokumentiert.
98 Wegener, O., Die Wirkung von Dopingmitteln auf den Kreislauf und die körperliche Leis- tung, Diss. Universität Freiburg, Freiburg 1954, S. 6.
99 Ebenda, S. 5.
100 Leichtathletik vom 31. Juli 1952, S. 9.
101 Vgl. Kluge, V., Olympische Sommerspiele London 1948 – Tokio 1964 (Die Chronik II), Berlin 1998, S. 291f.
102 Vgl. die Weltranglisten in der Zeitschrift Leichtathletik. 1950 ist Barthel über 1500m nicht verzeichnet, über 800m belegte er Platz 20; 1951 belegte er über 1500m mit acht Sekunden (!) Rückstand nur Rang 41.
103 Vgl. das Foto bei: Keul/König/Scharnagl, S. 111.
104 Vgl. Kluge, Olympische Sommerspiele (Chronik II), S. 291f.
105 Die Frage ist, woher Prof. Heiss 1952 die Sicherheit nahm, dass Harbig seine Weltrekorde ohne jede Einnahme von Dopingmitteln lief, vgl. Deutscher Sportärztebund (Hrsg.), Training, Leistung, Gesundheit, S. 113f.
106 Vgl. Deutscher Sportärztebund, Training, Leistung, Gesundheit, S. 181.
107 Steinkamp, Pervitin.
108 Ebenda.
109 Wie der 1947 populäre Song „Who put the Benzedrine in Mrs. Murphy’s Ovaltine?“ beweist, vgl. Bonhoff, G./Lewrenz, H., Über Weckamine (Pervitin und Benzedrin) (= Mono- graphien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie, Heft 77), Ber- lin/Göttingen/Heidelberg 1954, S. 118.
110 Vgl. ebenda.
111 Ebenda, S. 117. Vgl. auch: Dieckmann, E.-M., Pervitin als Dopingmittel bei Pferden und Versuche zu seinem chemischen Nachweis nach dem Doping, Diss. an Humboldt-Universität Berlin, Berlin 1951.
112 Bonhoff/Lewrenz, Über Weckamine, S. 123.
113 Ebenda.
114 Alle Zitate aus der Dissertation Wegeners und aus den Gesprächen mit dem Verfasser im Frühjahr 2004.
115 Vgl. etwa Denning, Dr., „Leistungssteigerung durch Arzneimittel“, in: Sportmedizin 5 (1954), Nr. 3, in dem auch der Einsatz von Pervitin und Opiaten eine Rolle spielte ; Eichler, O., „Kaffeewirkung bei sportlichen Übungen“, in: Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 1949, 206. Band, 2./3. Heft, S. 251 ; La Cava, G., „Das Doping“, in: Med. Educat. Phys. Sport 28, 24, 1954 ; Prokop, L., „Über den Einfluss von Coramin-Koffein auf die sportliche Leistungsfä- higkeit“, in: Wien. Med. Wschr. 102, 358, 52
116 G.v.M. (= Guido von Mengden), „Dopen ist Leistungs-Selbstmord“, in: WFV-Sport 3 (1953), Nr. 5, S. 16.
117 O. Verf., „Sauerstoffstürmer“, in: DER SPIEGEL vom 19. Mai 1954, S. 23. 118 Ebenda.
119 Ebenda.
120 Ebenda.
121 Ebenda.
122 Ebenda.
123 Ebenda.
124 „Das hat es auch bei der Vorbereitung gegeben, war das mal so ein Versuch, im Training, dass wir da Sauerstoff zugeführt bekommen haben. Und dann wurde untersucht, wie langedas anhält im Training und ob es überhaupt was bringt. Aber das war nur ein Versuch und dann wurde er eingestellt. Aber er hat nichts gebracht.“ Protokoll des Interviews der Fa. Broadview mit Horst Eckel.
125 Protokoll eines Gesprächs der Fa. Broadview TV mit Dr. Franz Loogen vom 29. April 2003. Broadwiew produzierte seinerzeit die ZDF-Dokumentation „Das Wunder von Bern“. Protokoll, das dem Verfasser vorliegt, diente u.a. als Grundlage für: Eggers, E., „Der My- thos“, insbesondere S. 194–204.
126 Protokoll des Gesprächs mit Loogen vom 29. März 2003.
127 Vgl. Walter, Fr., 11 Rote Jäger. Nationalspieler im Kriege, München 1959, S. 96. Loogen spielte damals neben Nationalstürmer Wilhelm Simetsreiter (s. Anmerkung Nr. 39).
128 Vgl. Bolten, M./Langer, L., Alles andere ist nur Fußball. Die Geschichte von Fortuna Düsseldorf, Göttingen 2005, S. 132 u. 499.
129 Als nicht unvorteilhaft sollte sich später herausstellen, dass auch DFB-Vorstandsmitglied Hans Körfer aus dem Düsseldorfer Fußball-Milieu kam – zumal Körfer in seinem Hauptberuf als Redakteur beim (damals noch) in Düsseldorf ansässigen Sportinformationsdienst (sid) wirkte. Nicht zufällig dementierte der Arzt im Herbst 1954, als der „Doping-Skandal“ um die Weltmeister-Elf publik geworden war, über den sid alle Vorwürfe.
130 Protokoll des Gesprächs mit Loogen vom 29. März 2003.
131 Ebenda.
132 Protokoll des Interviews der Fa. Broadview mit Herbert Ehrhardt. (Dieses und alle weiteren Protokolle ebenfalls beim Verfasser.)
133 Protokoll des Interviews der Fa. Broadview mit Ulrich Biesinger.
134 Protokoll des Interviews der Fa. Broadview mit Alfred Pfaff.
135 Protokoll des Interviews der Fa. Broadview mit Heinrich Kwiatkowski.
136 Protokoll des Interviews der Fa. Broadview mit Dr. Franz Loogen.
137 Schreiben von Peco Bauwens vom 22. Oktober 1954 an den DFB-Vorstand, Loogen und Herberger, in: DFB-Archiv (Herberger-Nachlass).
138 Im Offiziellen Bericht der FIFA zur WM 1954 kommt das Wort Doping nicht vor. Verfas- ser bedankt sich für diese Auskunft bei Johann-G. Schlüper, Erkelenz.
139 Protokoll des Interviews mit Loogen vom 29. März 2003. Als „Wirt“ des Gelbsucht- Erregers wird gemeinhin Helmut Rahn genannt, der sich die Gelbsucht angeblich auf der Südamerika-Reise eingefangen hatte.
140 Vgl. Leinemann, Sepp Herberger, S. 342. Aus heutiger Sicht erstaunlich mutet an, dass der „Klassenfeind“ im Osten Deutschlands Doping als „sehr unwahrscheinlich“ einschätzte; vgl. Schmidt, Dr., „Doping ist sehr unwahrscheinlich. Ein medizinfachlicher Kommentar von Dr. Schmidt“, in: Neue Fußballwoche 6 (1954), Nr. 46, S. 14. Zu berücksichtigen ist freilich, dass die DDR-Fußballfunktionäre zu diesem Zeitpunkt einen Einheitsverband anstrebten und daher jedwede Polemik vermieden.
141 Vgl. Sportinformationsdienst vom 28. Oktober 1954.
142 Vgl. „Das Märchen vom Doping“, in: Pressedienst des Deutschen Fußball-Bundes vom 24. März 1964 (Nr. 10/1964).
143 Ebenda.
144 Vgl. Eggers, Der Mythos, S. 198.
145 Protokoll des Interviews der Fa. Broadview mit Albert Sing.
146 Leinemann, J., Sepp Herberger. Ein Leben, eine Legende, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 342.
147 Brief Prof. Dr. H. Hahns, Chefarzt in Mannheim, vom 10. November 1954 an Sepp Her- berger, in: DFB-Archiv (Herberger-Nachlass).
148 Vgl. Eggers, E., Der Mythos, S. 202.
149 Vgl. Leinemann, Sepp Herberger; Walter, 11 Rote Jäger.
150 Zit. nach Eggers, Mythos, S. 202.
151 Ebenda.
152 Vgl. Steinkamp, Pervitin.
153 Vgl. Nöldeke, H., „Einsatz von leistungssteigernden Medikamenten. Einführung, erste Erfahrungen bei Heer und Kriegsmarine“, in: Pieper, W., (Hrsg.), Nazis on Speed. Drogen im 3. Reich (Vol. 1), Löhrbach, S. 134–142.
154 Vgl. Bonhoff/Lewrenz, Über Weckamine, S. 123.
155 Vgl. die Aussage des damaligen Torwarts Heinrich Kwiatkowski bei: Eggers, Der My- thos, S. 202.
156 Bertram, J., Die Helden von Bern, S. 162.
157 Seeger, K., „Die Gelbsucht-Spritze von Spiez“, in: Ders. (Hrsg.), 90 Jahre FSV Frankfurt, Frankfurt 1989, S. 104.
158 Vgl. Anmerkung Nr. 14.
159 Wagner, Fr.-J., „Die Witwe, die zwei Männer liebt“, in: Bild vom 2. Dezember 1975.

Der Text ist ursprünglich erschienen in: Jahrbuch 2005 der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaft e.V., Herausgegeben von Jürgen Court. LIT Verlag, Münster 2006, S. 102–140. ISBN: 3-8258-9352-9

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Amateurfußballer beim Spiel (Foto: Ivo Mayr)
Schmerzmittel

Schmerzmittel im Amateurfußball: Wie groß ist das Problem?

Im Profifußball sind Schmerzmittel weit verbreitet. CORRECTIV untersucht jetzt in einer Crowd-Recherche, wie oft zwei Millionen Amateurfußballer zu Medikamenten greifen. Wir wollen gemeinsam herausfinden, welche Rolle Schmerzmittel im Amateurfußball spielen.

weiterlesen 5 Minuten

von Arne Steinberg , Jonathan Sachse

Wer sich mit Amateurfußballern unterhält, hört immer wieder ähnliche Geschichten: Ein wichtiges Spiel steht an. Einige Spieler sind leicht angeschlagen oder verletzt. Mit Schmerzmitteln lassen sich die Schmerzen kurzzeitig ausschalten. In den Mannschaftskabinen greifen die Fußballer zu Ibuprofen, Paracetamol oder Voltaren. Viele Amateurfußballer wollen an jedem Spieltag fit sein, obwohl sie mit dem Sport kein Geld verdienen.

Wilfried Kindermann, ehemaliger Arzt der Deutschen Nationalmannschaft, sagte dem Stern bereits 2008, dass Schmerzmittel „wie Smarties“ eingenommen würden. Nebenwirkungen und Folgeschäden blenden die Fußballer in dem Moment aus. Manche Schmerzmittel können Niere, Leber oder das Herz schädigen. Andere können abhängig machen.

Wie Sie Ihr Wissen vertraulich teilen

Wir wollen herausfinden, wie weit verbreitet Schmerzmittel im Amateurfußball sind. Es gibt dazu bisher keine wissenschaftliche Untersuchung. Auch die Fußballverbände führen keine Datenbank. Darum bitten wir Sie, uns bei dieser Recherche zu helfen. Indem Sie in unserer Umfrage Ihr Wissen zum Thema teilen, helfen Sie uns, mehr über die Dimension des Missbrauchs zu erfahren.

Die Umfrage dauert nur wenige Minuten. Amateurfußballer können uns dort sicher und – wenn sie möchten – auch anonym von ihrem Schmerzmittelgebrauch berichten. Wir werten die mitgeteilten Erfahrungsberichte in den kommenden Monaten aus.

Schmerzmittel sind nicht verboten. Sie sind auch deswegen oft frei verfügbar und ohne Rezept erhältlich. Im Gegensatz zum Profifußball gibt es keinen Mannschaftsarzt, der die Amateurspieler über die Risiken und Nebenwirkungen der Tabletten aufklärt.

Warum Schmerzmittel gefährlich sein können

Fußball ist in Deutschland die populärste Sportart. Nationalmannschaft und Bundesliga sind ständig Gesprächsthema. Aber auch der Amateurfußball ist ein bedeutender gesellschaftlicher Faktor: Die Vereine des DFB haben über sieben Millionen Mitglieder, jede Saison finden mehr als 1,3 Millionen Partien von den Bambini bis zu den Alten Herren statt. Mehr als zwei Millionen aktive Vereinsspielerinnen und -spieler stehen für ihren Verein auf dem Platz.

Wenn viele dieser Sportler regelmäßig zu Schmerzmitteln greifen, ist das in erster Linie für sie selbst gefährlich – aber auch für die Gesellschaft. Bei regelmäßiger Einnahme von Tabletten verlagert sich die Schmerztoleranz, auch die Gefahr einer Abhängigkeit besteht. Auf diese Weise kann aus einer Zerrung schnell ein Muskelfaserriss werden. Als nächstes folgt vielleicht eine Verletzung, durch die ein Sportler viel länger ausfällt. 

Manche Folgen können das Leben verändern. Der ehemalige Bundesligaspieler Ivan Klasnic leidet noch heute unter seinem langjährigen Schmerzmittelkonsum – der Kroate litt bereits unter einer Nierenerkrankung, bis die Niere im Jahr 2006 ganz versagte. Der Grund war ein Schmerzmittel, das der Fußballer immer wieder einnahm, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Amateurfußballer verdienen mit ihrem Sport nicht ihren Lebensunterhalt. Sie müssen in der Lage sein, ihrem normalen Job nachgehen zu können. Unter Umständen wird der Sport sonst zur gefährlichsten Nebensache der Welt. Sie können mit zwei einfachen Schritten helfen, über die Gefahren von Schmerzmitteln aufzuklären:

  1. Füllen Sie die Umfrage im CrowdNewsroom aus
  2. Teilen Sie den Link zur Umfrage per E-Mail, Messenger oder in den Sozialen Medien mit Bekannten und Mitspielern

Bei Fragen oder Anmerkungen stehen unsere Reporter Jonathan Sachse und Arne Steinberg jederzeit zur Verfügung. Beide versenden regelmäßig einen Newsletter (hier abonnieren), in denen sie über Gesundheitsthemen im Fußball berichten. Für vertrauliche Gespräche sind wir gerne auch telefonisch erreichbar. So können Sie uns am besten erreichen:

Jonathan Sachse
Telefon: 030 555 780 214
E-Mail: jonathan.sachse@correctiv.org
Threema-Messenger: S63CK66M
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Arne Steinberg
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Per Post: CORRECTIV, z. Hd. Jonathan Sachse, Singerstraße 109, 10179 Berlin 

Wie Sie uns auf sichere Weise Hinweise und Dokumente zukommen lassen können, erfahren Sie hier.

Analyse in einem Pariser Anti-Doping-Labor: ein neues Leak enthält viele Details zu ihrer Arbeit.© FRANCK FIFE / AFP

Fußballdoping

Womöglich über 200 Dopingfälle im Fußball im Jahr 2016

Ein neues Leak der russischen Hackergruppe „Fancy Bear“ dürfte die Fußballwelt erst einmal in Atem halten. In den Dokumenten finden sich womöglich hunderte unveröffentlichte Dopingfälle. Vier deutsche Nationalspieler sollen bei der WM 2010 dank Ausnahmegenehmigungen umstrittene Substanzen genommen haben. Unklar ist, ob sämtliche Daten echt sind. Wenn ja, bieten sie den bislang tiefsten Einblick in ein Dopingkontrollsystem, das im Fußball zahlreiche Lücken aufweist.

weiterlesen 8 Minuten

von Jonathan Sachse

Die Gruppe „Fancy Bear“ hat am Dienstag drei Dokumente auf der eigenen Website veröffentlicht.

Darin sind 229 positive Dopingproben von Fußballern erfasst, die Labore im Jahr 2016 entdeckt haben. Dazu finden sich Details zu fast 10.000 Dopingproben, die seit 2015 weltweit in Laboren analysiert wurden. Namentlich werden 25 Nationalspieler genannt, die bei der WM 2010 medizinische Ausnahmegenehmigungen für teilweise verbotene Substanzen erhalten haben sollen.

Dokument 1: Medizinische Ausnahmegenehmigung für WM-Nationalspieler

Unter einem Logo des Fußball-Weltverbandes Fifa stehen in einer Liste die Namen von 25 Nationalspielern aus 13 Nationen, die bei der WM 2010 in Südafrika teilweise verbotene Substanzen für den eigenen Gebrauch ausgewiesen haben sollen. Darunter vier deutsche Nationalspieler.

Demnach sicherten sich die Nationalspieler Ausnahmegenehmigungen, um „Salburtamol“ nutzen zu dürfen. Das ist ein Mittel, das Asthma-Patienten einnehmen, um die Atemwege zu verbessern und das gerade unter Radsportlern sehr beliebt ist. Obwohl sie schier unmenschliche Höchstleistungen bringen, bezeichnen sich zum Beispiel viele Fahrer bei dem Radrennen Tour de France als Asthma-Patienten. Das ermöglicht die Einnahme von mehr leistungssteigernden Substanzen.

Auch bei der argentinischen Nationalmannschaft tauchen in der Liste der russischen Hacker fünf Nationalspieler auf, die alle die Verwendung von „Betamethasone“, ebenfalls ein Asthmamittel, angemeldet haben sollen.

Die deutsche Anti-Doping-Agentur (Nada) hat keine Informationen für die genannten deutschen Fußballer vorliegen, verweist aber auf Anfrage darauf, dass vor einigen Jahren Sportverbände die Anwendung von Asthma-Wirkstoffen noch häufig „für vier Jahre am Stück“ genehmigt hätten. Die in der Liste erfassten Nationalspieler könnten somit vor der WM die Medikamente deklariert haben. Heute hat sich der Ablauf verändert. Viele der damals angemeldeten Substanzen können heute frei verwendet werden, solange die Sportler definierte Tageshöchstdosen nicht überschreiten würden. 

Die Fifa reagierte zunächst nicht auf Anfragen. Der DFB nur teilweise:

Update 14:11 Uhr am 24.8.: Als Reaktion auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung hat der DFB in einer Stellungnahme die Echtheit der TUE-Angaben zu den eigenen vier Nationalspielern bestätigt. 

Dokument 2: Über 200 Dopingfälle im Jahr 2016

Am interessantesten im neuen Leak ist eine Tabelle, in der über 9.500 Dopingproben von Fußballern erfasst sind. Diese sollen zwischen 2015 und Februar 2017 in Laboren analysiert worden sein. Nach Angaben von „Fancy Bear“ sollen diese Daten von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) stammen.

Die WADA wird vermutlich erst im November in einem jährlichen Bericht veröffentlichen, wie viele Fußballer im Jahr 2016 positiv getestet wurden. Bestätigen sich die Angaben in dem Leak von „Fancy Bear“, gab es 229 positive Fälle im Jahr 2016 und noch zwei weitere positive Befunde im ersten Quartal 2017. Das wäre ein deutlicher Anstieg verglichen mit den 160 positiven Tests im Jahr zuvor.

Unklar ist, aus welchen Nationen die positiven Fälle kommen. In der Tabelle sind lediglich die Labore aufgeführt, die für die Analyse der Proben zuständig waren. In einem Kölner Labor wurden demnach 15 positive Proben entdeckt. In einem Labor in Dresden gab es vier auffällige Proben. Da die deutschen Labore auch Dopingproben andere Länder untersuchen, müssen dies nicht deutsche Sportler seien.

Interessant ist ein zweiter Reiter in der Tabelle. Darin sind 4.937 Dopingproben mit zahlreichen Detailangaben aufgeführt, die im Jahr 2015 analysiert wurden. Diese Daten – vorausgesetzt sie sind echt – bieten einen tiefen Einblick in das Kontrollsystem und dessen eklatante Lücken im Fußball.

Die Daten bieten Hinweise, welche Sportverbände und Anti-Doping-Behörden über einen positiven Fall informiert werden. In weiteren Spalten stehen die Dopingsubstanzen, auf die eine Probe analysiert wurde. Sprich: Daraus wäre auch erkennbar, welche Dopingmittel in der Regel nicht untersucht werden und bei welchen Substanzen somit die Chancen groß sind, selbst bei einer Dopingkontrolle unentdeckt davon zu kommen.

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Vollständig ist dieser Datensatz auf keinen Fall. Den Jahresberichten der WADA ist zu entnehmen, dass über 30.000 Dopingproben im Jahr 2015 im Fußball untersucht wurden. Der Leak hat aber nur knapp 5.000 Proben in diesem Jahr erfasst. Für die Echtheit der Daten spricht, dass die Angaben sehr detailliert sind und teilweise Kommentare jeweils in den Landessprachen der Labor-Standorte enthalten.

Dokument 3: Neue Details zu bekannten positiven Fällen aus dem Jahr 2015

Die Hacker schreiben noch ein weiteres Dokument der WADA zu. In einer Tabelle sind 160 anonymisierte Dopingproben von Fußballern erfasst, die im Jahr 2015 positiv getestet wurden. Jeder positiven Probe sind Details zugeordnet, wie das Labor, was die Analyse durchgeführt hat, welche verbotene Substanz gefunden wurde und welcher Verband für die Kontrolle verantwortlich gewesen ist.

Für die Echtheit dieser Zusammenstellung spricht, dass die WADA in ihrem jährlichen Bericht „Anti-Doping Testing Figures“ wie im Leak genau 160 positive Dopingfälle im Fußball für das Jahr 2015 auflistet. Die Zahl ist also schon vor dem Leak bekannt gewesen und keinesfalls verheimlicht worden, wie die Hackergruppe andeutet. Zudem ist die Aussage der Hackergruppe irreführend, es würde sich bei jeder positiven Probe auch um einen Dopingfall handeln.

Tatsächlich beginnen mit einem positiven Test erst die eigentlichen Untersuchungen. Ein Athlet kann noch freigesprochen werden, wenn zum Beispiel Proben verschmutzt gewesen sind, eine Ausnahmegenehmigung nachgewiesen werden kann oder der Sportler nachweisen kann, dass er eine Substanz nicht bewusst eingenommen habe.

Auch ein deutscher Fall taucht in der Tabelle auf. Im Mai 2015 wurde ein Fußballer auf „Prednisolon“ getestet. Ein Kortison, was entzündungshemmend wirkt und im Wettkampf verboten ist, aber im Training erlaubt. Derselbe Fall taucht bereits im Jahresbericht der NADA zum Jahr 2015 auf. Auf Anfrage teilt die NADA mit, dass der Fall vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) ohne Sanktion eingestellt wurde. Weitere Details könne die NADA nicht nennen und verweist auf den DFB, der über Sanktionen im Fußball entscheide. Bis zur Veröffentlichung hat der DFB unsere Fragen zu dem Fall nicht beantwortet.

Zu den einzelnen Proben finden sich in dem Leak neue Details. So kann jetzt nachvollzogen werden, welches Labor die Proben für welches Länder untersucht. Das brasilianische Anti-Doping Labor verlor bereits vor Jahren seine Lizenz. Seit 2015 untersuchen daher Labore in den USA und Kolumbien das Urin der brasilianischen Fußballer. Sie stießen auf elf positive Proben.

Auch die Dopingsubstanzen lassen sich in der Tabelle erstmals  für jeden einzelnen Fall zuordnen. In Mexiko zählten die Labore gleich 30 positive „Clenbuterol“ Fälle. In Kanada wurde im Januar 2016 gleich in vier Fälle Substanzen aus der Wirkstoffgruppe „SARM“ bei Fußballern entdeckt. Fußballer können damit gezielt bestimmtes Gewebe wie Knochen, Knochenhaut und Muskeln stärken. 

Die WADA teilte auf Anfrage von CORRECTIV mit, dass der Leak mit den 25 WM-Nationalspielern nicht aus den WADA-Systemen stammen würde und ihr System „sicher sei“. Die Behörde verurteile die Veröffentlichung von personenbezogenen Daten, ging aber gleichzeitig nicht auf Fragen zu den restlichen Leaks aus den Laboren ein.

Update 17:30 Uhr am 24.8.: Der Europäische Fußballverband Uefa hat die Echtheit aller fünf positiven Fälle bestätigt, die im Leak die Uefa als zuständige Behörde ausweisen. 

Wer steckt hinter dem Leak?

Die Hackergruppe „Fancy Bear“ hat in den letzten Monaten immer wieder neue Datensätze aus Sportverbänden veröffentlichen, meist mit Dopingbezug. Die Hacker, die auch unter der Bezeichnung APT28 bekannt sind, schreiben sich selbst dem führungslosen Internet-Kollektiv Anonymous zu. Diese Angaben sind irreführend. Die Initiative Wirtschaftsschutz, der auch Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz angehören, verschickte Ende August eine Warnung, in der es hieß: “Bei APT28 bestehen Indizien für eine Steuerung durch staatliche Stellen in Russland.”

Dafür spricht auch, dass „Fancy Bear“ erst mit den Veröffentlichungen begann, nachdem in den letzten zwei Jahren Recherchen der ARD nach und nach ein flächendeckendes Dopingsystem in Russland aufdeckten. Russland steht im Verdacht, eigene Athleten systematisch zu dopen und mit Hilfe des russischen Geheimdiensts Dopingproben bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotchi manipuliert zu haben. Als Konsequenz durften russische Leichtathleten nicht an den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien teilnehmen. Aktuell wird diskutiert, ob die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland ausgetragen werden sollte.

Stimmt die Annahme deutscher Behörden über die Regierungsnähe der Hacker, liegt ihr Motiv auf der Hand: die Leaks machen mehr als deutlich, dass Doping im internationalen Sport nicht auf Russland beschränkt ist. 

Trotz des fragwürdigen Hintergrunds der Hacker bieten die Dokumente einen spannenden Einblick in das Dopingproblem des Fußballs.

Nicht nur im Radsport. Nicht nur bei den Profis. Doping ist auch im Breitensport verbreitet.© Fritz Huber

Fußballdoping

„Jeder Neunte dopt“

Doping ist ein Massenproblem. Längst haben die leistungssteigernden Mittel auch den Amateur- und Breitensport erreicht. Laut Dopingforscher Perikles Simon dopen allein im Kraftsport rund eine Million Menschen in Deutschland. Doch Sportverbände, Staatsanwälte und Polizisten schauen weg.

von Leonie Weigner

Es begann vor zehn Jahren. Da genügte ihm das Training im Fitnessstudio nicht mehr. Er wollte an Bodybuilder-Wettkämpfen teilnehmen. Dafür würde er Doping brauchen. Das sagten ihm alle. Nur seine Frau war dagegen. Benedikt Worms* las sich ein in das Thema und nahm sich vor, dass es eine einmalige Sache sein sollte. Einmal ausprobieren und so vielleicht Deutscher Meister werden.

Worms entschied sich zunächst für Testosteron. Ein körpereigener Stoff, durch den der Muskelaufbau beschleunigt werden kann. Es war einfach, sich den Stoff zu beschaffen.

Es blieb nicht bei dem einen Mal. „Wenn die Tür einmal auf ist, ist der Schritt über die Schwelle nicht mehr ganz so schwierig“, sagt Worms heute. Inzwischen ist er Mitte 30. „Anfangs nimmt man eine Ampulle à ein Milliliter, später dann alle fünf Tage zwei.“ Wichtig sei, dass man es mindestens für zwölf Wochen mache, sonst bringe es nichts. Vor dem Wettkampf spritze man sich täglich. Bald habe er ausgesehen „wie ein Michelin-Mann“, deshalb kombinierte Worms andere Stoffe dazu, zur Entwässerung beispielsweise. Außerdem habe er seine Ernährung drastisch umgestellt. Die Dosierungen und Abläufe gehen ihm leicht über die Lippen. Er erzählt es so, wie andere von einem Kochrezept erzählen. 

Doping – eine Straftat   

Seit dem 10. Dezember 2015 gilt in Deutschland das Anti-Doping-Gesetz. Bis dahin fiel Doping unter das Arzneimittelgesetz, nun wurde auch „das Inverkehrbringen, der Erwerb und Besitz von Dopingmitteln“ verboten. Ebenso Selbstdoping. Seitdem können Sportler, die verbotene Substanzen schlucken, und Hintermänner, die sie besorgen, gleichermaßen belangt werden, mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren.

Wie wenig der Dopingbereich beleuchtet wird, zeigt ein Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)**. 986 Dopingfälle gab es demnach im Jahr 2015 in Deutschland. Rund 90 Prozent davon betrafen den Besitz und Erwerb von Dopingmitteln, bei Rest ging es um das „Inverkehrbringen“. Die meisten Fälle gab es in Baden-Württemberg. Auffällig viele Fälle gab es außerdem in Chemnitz und Stuttgart. Vergleicht man die Zahlen des Jahres 2015 mit denen des Jahres 2016 fällt auf, dass die Situation sich sogar verschärft hat. Insgesamt ist die Zahl der Doping-Straftaten auf 1.109 gestiegen. 

Da die PKS eine Eingangsstatistik ist, bleibt offen, ob die steigenden Zahlen an der verbesserten Arbeit der Ermittler liegt, oder daran, dass mehr gedopt wird. Auch, ob die Ermittler ihre Ermittlungen stärker auf die Händler-Netzwerke konzentrieren und es dadurch dort „Erfolge“ zu verzeichnen gibt, kann auf Grundlage der rohen Zahlen nicht analysiert werden.

CORRECTIV hat bei den Landeskriminalämtern aller 16 Bundesländer nach einer detaillierten Aufschlüsselung der Dopingfälle gefragt. Wie viele der Verstöße fallen in den Leistungsbereich, wie viele in den Breitensport? Was wurde gefunden? Das Resultat ist ernüchternd: Ein wirksames, einheitliches Verfahren zur Verfolgung von Dopingdelikten gibt es im Breitensport nicht.

„Vieles ist ganz einfach Zufall, wenn man zum Beispiel Hausdurchsuchungen macht, findet man immer mal Tabletten und Medikamente“, sagt Olaf Schremm, Dezernatsleiter für Arznei und Rauschgiftkriminalität beim LKA Berlin. Er erzählt auch, dass es für Dopingmittel eine ähnliche Bandenkriminalität gebe wie beim Rauschgifthandel. Man könne der Sache kaum beikommen. Es fehle das Personal.

In den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg versucht man, mit Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Doping dieses schwer zu überblickende Feld zu kontrollieren. Auch in den anderen 14 Bundesländern wird aktuell überlegt, solche Spezialzuständigkeiten einzurichten. 

Christoph Frank leitet die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Freiburg. Doping sei ein soziales Problem, sagt er: „Es gibt einen gesellschaftlichen Wunsch nach Erfolg der nationalen Sportler, und auch die finanzielle Sportförderung des Innenministeriums richtet sich nach Wettkampfergebnissen.“ Ein Teufelskreis. Denn um den Erfolg bis in den Profisport bieten zu können, werde schon auf niedrigen Niveaus gedopt. Wer aufsteigen will, hilft nach.

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Gesundheit von dopenden Breitensportlern besonders gefährdet

Das sei bei Breitensportlern besonders riskant. Profis werden von Ärzten betreut, die über Risiken aufklären und den Unterschied zwischen gepanschten Präparaten und Originalen erkennen. Amateure hingegen betreiben „Eigenmedikation“: Sie spritzen und dosieren auf eigene Verantwortung.

Laut Dopingforscher Perikles Simon dopen allein im Kraftsport rund eine Million Menschen in Deutschland. Das ist jeder Neunte. Und da sind Sportarten wie Fußball, Marathon und Triathlon noch nicht eingerechnet. Simon leitet seit 2009 die Abteilung für Sportmedizin der Universität Mainz leitet. Für ihn liegt das Problem in der Priorisierung. „Das Thema Doping muss stärker in den gesellschaftlichen Fokus rücken“, sagt er. Bisher habe sich die öffentliche Aufmerksamkeit vor allem auf Drogen gerichtet.

Das neue Gesetz sei ein richtiger Schritt, um dem Dopingproblem mehr Beachtung zu verschaffen. „Aber viel wichtiger ist die Prävention“, findet Simon. Es müsse ein Bewusstsein entwickelt werden, schon bei den Jugendlichen. Auch für Substanzen, die zwar legal sind, aber trotzdem gefährlich sein können: zum Beispiel Schmerzmittel. Nicht nur, weil sie abhängig machen können. Die Präparate wirken sich auch auf die allgemeine Leistungsfähigkeit aus. Damit ist ein Sportler zwar nicht offiziell gedopt, aber auch nicht wirklich „sauber“.

Orientierung im Dschungel der verbotenen und halb oder noch legalen Substanzen zu finden, ist bisweilen kompliziert. Robert Petzold hält es lieber einfach: Doping lehnt er komplett ab. Der 27-Jährige hat sich auf Radmarathons und 24-Stunden-Rennen spezialisiert. Er hält den Weltrekord im Höhenmeter-Radfahren. Von seinem Sport leben kann er aber nicht. „Um im Profiradsport mitzufahren, fehlen die letzten fünf bis zehn Prozent, und die würde ich nur mit Zusatzstoffen erreichen“, meint er. Petzold findet Dopen „das Allerletzte“ und spricht dementsprechend offensiv Sportkollegen an, von denen er glaubt, dass sie dopen. Er fragt sie ganz direkt per Email oder in den sozialen Medien, manchmal auch während sie sich gemeinsam einen Berg hinauf quälen. Die meist aggressiven bis beleidigenden Reaktionen sprächen für sich, meint Petzold. Keiner gebe zu, dass er dope. „Ich würde für niemanden die Hand ins Feuer legen, außer für mich selbst“, sagt er.

Bodybuilder Worms hoffte damals, genau wie unzählige andere: Dass sie sich mit ein bisschen Doping einen großer Vorteil verschaffen können. Jahrelang sei es möglich gewesen, sich im Internet Dopingsubstanzen selbst zu organisieren, erzählt Worms. Dafür habe man noch nicht mal in die Tiefen des Internets gemusst, ins so genannte „Darknet“. Man bekam „die Originale ganz einfach über eine normale Internetbestellung“ per DHL. Mit „Original“ meint Worms Stoffe, die nicht gepanscht oder gestreckt wurden.

Auch Worms hat sich seine Spritzen selbst verabreicht. Zwar habe er regelmäßig Untersuchungen machen lassen, doch Hinweise oder Warnungen, seine erhöhten Testosteronwerte betreffend, habe es von seinem Arzt nie gegeben. Was hätte der Arzt auch sagen sollen? Wie genau die Folgen von Doping aussehen, ist kaum erforscht. Auch das mag ein Hinweis auf das mangelnde Interesse der zuständigen Instanzen sein. Zahlen zu Arbeitsunfähigkeit oder bleibenden Schäden gibt es nicht. Nachgewiesen ist immerhin, dass Anabolika beispielsweise zu Unfruchtbarkeit, Leberschäden oder auch Krebs führen können.

Benedikt Worms bereut seine Dopingvergangenheit nicht. Aber seinen echten Namen will er in diesem Zusammenhang lieber doch nicht im Internet lesen. Er ist stolz auf das, was er erreicht hat und sieht sein Dopen nicht als illegal an.

CORRECTIV hat bei der größten Bodybuildervereinigung, dem Deutschen Bodybuilding- und Fitness-Verband, angefragt, wie mit Dopingfällen, sowohl im Profi- als auch im Breitensport, umgegangen wird und welche Kontrollen es seitens der Verbände gibt. Auf die Bitte um Stellungnahme hat der Verband auch nach mehrfacher Nachfrage noch nicht mal reagiert.

*Name von der Redaktion geändert.

**Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist eine Eingangsstatistik, in der jegliche Straftaten und Gesetzesverstöße, die die jeweiligen LKAs in einem Jahr finden, festgehalten werden. Sie ist nach Schlüsseln, sowie Unterkategorien aufgebaut. Für jedes Bundesland, jeden Kreis und jede Stadt kann die PKS runtergebrochen werden. Seit 2015 gibt es erstmals einen Schlüssel für Doping.

Undercover-Aufnahmen in der Praxis: Der Arzt Júlio César Alves berät Sportler zu Doping.© Screenshot ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping - Brasiliens schmutziges Spiel"

Fußballdoping

Dieser Arzt prahlt, die Oberschenkel von Roberto Carlos seien sein Werk

Eine ARD-Dokumentation beleuchtet erstmals, wie verbreitet Doping in Brasilien ist. Im Zentrum steht dabei der Verdacht, dass sich Fußball-Weltmeister Roberto Carlos von einem dubiosen Doktor hat behandeln lassen. Der Arzt, der Sportlern verbotene Substanzen verkauft, macht selbst vor Kinderdoping nicht Halt.

von Jonathan Sachse

Die Dokumentation „Geheimsache Doping — Brasiliens schmutziges Spiel“ ist auf Deutsch und Englisch in der Mediathek der ARD abrufbar.

Im Mittelpunkt der TV-Doku steht ein Dossier, das die brasilianische Anti-Doping-Agentur ABCD im Herbst 2015 an die Staatsanwaltschaft von São Paulo übergeben habe. Auf hunderten Seiten gehe es um die zweifelhaften Praktiken des Arztes Júlio César Alves. Behandlungsbelege, Rezepte und Zeugenaussagen. Auf zahlreichen Seiten sollen sich Dopingbezüge finden, erklären die ARD-Reporter. Ein Patient dieses Arztes habe Fussballstar Roberto Carlos im Juli 2002 in der Praxis gesehen. Wenige Tage nachdem Brasilien mit Carlos das deutsche Team im Finale in Yokohama besiegte. Die Seleção wurde zum fünften Mal Weltmeister.

Konsequenzen hatte der Bericht für Alves und seine Patienten keine. Die Staatsanwaltschaft selber gibt gegenüber der ARD an, den Stand des Verfahrens nicht zu kennen. Die Journalisten nehmen die Spuren des Berichts auf und zeigen in ihrer Dokumentation, wie schwerwiegend die Vorwürfe sind.

Verdeckte Aufnahmen in einer Praxis

Die Journalisten treffen sich gleich mehrmals undercover mit Alves. Sie nutzen dabei verschiedene Identitäten. Sie geben sich aus als an Doping interessierte Sportler und Berater europäischer Profifußballer. Dem vermeintlichen Sportler stellt Alves ein Dopingprogramm zusammen. Vor den Beratern beginnt der Mediziner über seine Kunden zu plaudern.

So gehörten Tour-de-France-Radsportler ebenso zu seinen „Patienten“ wie Profi-Fußballer. Auch aus Europa. Er spricht davon, dass unter seinen Patienten 2013 „zwei Spieler aus der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft“ gewesen seien.

In einer Skype-Schalte mit den vermeintlichen Kunden prahlt er von der Zusammenarbeit mit Roberto Carlos. „Er kam schon mit 15 Jahren zu mir. Ich habe seine Oberschenkel entwickelt“, behauptet Alves. Neben der Zeugenaussage im Dossier, was an die Staatsanwaltschaft ging, ist diese Aussage ein weiterer Beleg, dass der Arzt den Spitzenfußballer Carlos behandelte.

Fußballer Carlos selber wollte sich zu den Vorwürfen gegenüber der ARD nicht äußern und meldete sich erst nach dem Bericht auf seiner Facebook-Seite zu Wort. Er kenne den Arzt nicht und habe sich zu keinem Zeitpunkt künstlich einen Vorteil gegenüber anderen Sportlern verschafft, sagt Carlos.

Hat Alves Kinder gedopt?

Alves scheint selbst vor Kinderdoping nicht zu scheuen. Das beste Alter sei 13 bis 14 Jahre, um mit einer Behandlung anzufangen, sagt Alves im Gespräch mit den verdeckten Reportern. Er verzögere die Pubertät mit Antiöstrogenen. „Dann entwickele ich die Muskeln“, sagt Alves in der Dokumentation. Antiöstrogene werden in der legalen Medizin eigentlich genutzt, um bei Krebspatienten das Wachstum von Tumoren zu hemmen. Eine ehemalige Leichtathletin berichtet, wie sie von Alves gedopt wurde und als 19-jährige die Südamerika-Meisterschaft gewann. Alves hätte ihr auch beigebracht, wie sie Dopingproben verfälsche.

Welche negativen Auswirkungen Doping gerade bei Kindern und im Jugendalter haben kann, verschweigt der Arzt.

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Die Journalisten berichten zudem über eine Fabrik in Paraguay, die sich auf die Produktion von Dopingmitteln spezialisiert hat. Wieder ist eine Scheinidentität der Türöffner. Als „Vertreter europäischer Profifußballer“ bekommen sie eine Führung durch die Produktionsstätte und sehen wie Pillen und Dopingflüssigkeiten im Sekundentakt übers Laufband rollen. Der Geschäftsführer erklärt, zu seinen Kunden würden auch Fußballer aus Brasilien und Argentinien zählen. Physiotherapeuten würden für eine ganze Mannschaft einkaufen. Gerade in der Aufbauphase nach Verletzungen seien die Mittel der Dopingfabrik gefragt.

Der Film zeigt auch, wie löchrig das Kontrollsystem in Brasilien ist. Ein weltweites Problem im Fußball. Auf fussballdoping.de haben wir berichtet, wie lückenhaft die Kontrollen bei der Weltmeisterschaft 2014 und Europameisterschaft 2016 waren. Besonders schlampig scheint es dabei in den höchsten brasilianischen Fußballligen zuzugehen. Die ARD-Journalisten beobachten den Ablauf einer Dopingkontrolle nach einem Spiel des Erstligisten Palmeira. Nach dem Abpfiff können Spieler unbeobachtet zum Kontrollraum laufen, werden während der Kontrolle von Betreuern besucht und bekommen von ihnen Getränke und Essen gereicht. Viele Lücken, die den Fußballern Chancen eröffnen, ihre Probe zu manipulieren.

Obwohl mangelhaft kontrolliert wird, wurden in den vergangenen Jahren immer wieder auch Fußballer positiv getestet. Seit 2003 flogen mindestens zehn Fußballer in den brasilianischen Top-Ligen auf. Darunter prominente Namen, wie Champions League Sieger Deco.

Inzwischen melden Medien, die Welt-Anti-Doping-Agentur habe nach der Ausstrahlung der Dokumentation eine Untersuchung eingeleitet.


Auf fussballdoping.de berichten wir seit 2012 über Doping im Fußball. Haben Sie Hinweise? Kennen Sie Missstände im Sport, die an die Öffentlichkeit gehören? Oder Ideen für Recherchen im Fußball? Dann kontaktieren Sie unseren Reporter Jonathan Sachse.

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Sportmediziner Dr Armin Klümper 1978 in seiner Freiburger Praxis© imago/Horst Müller

Fußballdoping

Wie der VfB Stuttgart Doping organisierte

Eine Vizemeisterschaft mit Hilfe anaboler Steroide. Hunderte Tabletten eines harten Anabolikums bestellt der VfB Stuttgart. Ein neues Gutachten zeigt, wie Sportmediziner der Universitätsklinik Freiburg dabei geholfen haben, Fußballer zu dopen.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Diese Recherche veröffentlichen wir gemeinsam mit Zeit Online, dem Kölner Stadtanzeiger und der Pforzheimer Zeitung.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre besucht ein Profifußballer die Universitätsklinik Freiburg. In seinem baden-württembergischen Verein sitzt er zu dieser Zeit nur noch auf der Bank, er will zurück in die erste Elf. Er betritt die Abteilung Sport- und Leistungsmedizin von Joseph Keul und Armin Klümper. Beide galten damals unter Athleten als Wunderdoktoren. In Wahrheit dopte Klümper viele Athleten.

Der Fußballer trifft in der Sportmedizin der Universitätsklinik auf einen unbekannten Assistenten Klümpers, der sich zufällig die Mappe des Fußballers greift. Dieser Assistent wendet sich etwa 30 Jahre später an den Sportwissenschaftler Andreas Singler. Der Vorgang war bisher nicht bekannt und findet sich nun anonymisiert in einem Gutachten zur Dopingvergangenheit der Uniklinik Freiburg.

Seit Wochen kündigt die Uni Freiburg auf ihrer Webseite an, dieses Gutachten zu veröffentlichen. Dem gemeinnützigen Recherchezentrum CORRECTIV liegt eine Version des Gutachtens vor. Das Dokument zeigt, wie fließend der Übergang zwischen einfacher sportmedizinischer Betreuung und hartem Doping damals im Spitzenfußball war.

Beratungsgespräch oder Dopinganreiz?

Herz-Kreislauf-Check, Blutbild, Ultraschall – der Fußballer durchläuft in der Universitätsklinik das Standardprogramm. Die Auswertung zeigt keine ungewöhnlichen Werte. Im Patientenzimmer lässt sich der Fußballer über leistungssteigernde Mittel aufklären. Eine Dreiviertelstunde dauert das Gespräch. Dem Arzt wird klar, dass der Spieler mit Infusionen bereits vertraut ist. Vitamin- und Elektrolytpräparate hat er bereits erhalten. Was gibt es noch?

Fußballer und Arzt kommen auf Anabolika zu sprechen. Anabole Steroide beschleunigen den Muskelaufbau. Besonders nach Verletzungen hilft es Sportlern, schneller wieder auf dem Platz zu stehen. Der Arzt beantwortet Fragen des Fußballers zu Anabolika, klärt über positive Wirkungen auf und potentielle Nachteile. Durch den Mediziner erfährt der Fußballer, warum gerade Bodybuilder auf Anabolika setzen. Nach dem Gespräch weiß der Fußballer, wie er Anabolika anwenden müsste. Ein Rezept oder eine Spritze erhält er nicht. Was er mit dem neu erlernten Wissen anfängt, nachdem er die sportmedizinische Abteilung verlässt, ist nicht bekannt.

Die Aussagen geben einen Einblick in die Arbeit der Universitätsklinik Freiburg, die offenbar jahrzehntelang das Zentrum westdeutschen Dopings war. Mittlerweile ist bekannt, dass solche Gespräche Athleten oft nicht abgeschreckt, sondern eher motiviert haben zum Dopen.

Anabolika zur Stuttgarter Vizemeisterschaft

Bereits im Frühjahr 2015 beschrieb der Dopingexperte Andreas Singler in einem Vorabbericht, wie der VfB Stuttgart und der SC Freiburg Anabolika für ihre Spieler gekauft hatten. Spätestens seitdem ist belegt, dass auch Fußballer über Doktor Klümper leistungssteigernde Mittel bekamen. In seinem neuen Gutachten beschreiben Singler und seine Mitarbeiterin Lisa Heitner die Details.

Der Sportwissenschaftler Singler gehörte zur mittlerweile aufgelösten Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin. Auf 24 Seiten geht es nun ausschließlich um systemische Manipulationen im Fußball. Wieder stehen die Vereine VfB Stuttgart und SC Freiburg im Zentrum.

Das Jahr 1978 war ein wichtiges Jahr für den VfB Stuttgart. Zuvor spielten die Stuttgarter zwei Jahre nur zweite Liga. Nach dem Wiederaufstieg landete der VfB gleich auf Platz vier in der Bundesliga. Im Jahr darauf, 1978/79, wollten die Stuttgarter unbedingt um die Meisterschaft mitspielen. Helfen sollten dabei Karlheinz Förster, Hansi Müller und Dieter Hoeneß. Und Anabolika, besorgt bei Doktor Armin Klümper von der Uni Freiburg.

Bekannt ist mittlerweile, dass Hansi Müller und Karlheinz Förster nach ihrer aktiven Zeit Geld für Armin Klümper sammelten. Sie gründeten einen Förderverein für Klümper. Die Zusammenhänge erschließen sich erst jetzt. Die ehrenamtlichen Sammeldienste dürften mit den Erfahrungen verbunden sein, die die Spieler zu ihrer aktiven Zeit mit Klümper sammelten.

Bereits in seinem ersten Gutachten schrieb Singler, dass Stuttgart und Freiburg damals Anabolika an der Universitätsklinik Freiburg bestellten. Spannend sind die Details. Erst jetzt, im neuen Gutachten, wird die genaue Lieferstruktur erklärt.

Doping über den Masseur

Einer Version des neuen Gutachtens zufolge lief es in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren vermutlich so: Ein Masseur des Vereins bestellte Medikamente bei der Universitätsklinik Freiburg. Die Lieferung an das Team lief über eine von zwei Apotheken, die Klümper regelmäßig nutzte. Von dort landete auch die Rechnung beim Verein. Diese Belege waren es, die ab 1984 eine Sonderkommission des baden-württembergischen Landeskriminalamtes in zwei Strafverfahren besonders interessierten. Auf den Listen tauchen mehrere Medikamentenlieferungen an den VfB Stuttgart mit dopingrelevanten Stoffen auf. Darunter das Anabolikum Megagrisevit.

Für den VfB Stuttgart begann die Saisonvorbereitung im Sommer 1978 mit einem Trainingslager in den USA. Für die Reise über den Atlantik bestellte der Verein ein großes Paket Megagrisevit. Auf einer Rechnung aus dem Zeitraum sind 600 Tabletten anabole Steroide gelistet, wie Singler in seinem neuen Gutachten schreibt. Nach Einschätzung von Singler hätten damit 20 Spieler im Trainingslager ohne Problem täglich mit je einer Anabolika-Tablette versorgt werden können. Eine weitere Lieferung Anabolika wurde kurz nach Saisonstart im August abgerechnet. Die nächste Rechnung stammt aus der Vorbereitungsphase für die Rückrunde. Diesmal sind es 400 Tabletten Megagrisevit. Das hätte gereicht, um 20 Spieler über zwei Woche täglich versorgen zu können.

Für den VfB Stuttgart war es eine erfolgreiche Saison. Am Ende fehlte nur ein Punkt auf Meister Hamburger SV. Dieter Hoeneß schoss 16 Tore.

Verbindungen zu Doping auch beim SC Freiburg

Der SC Freiburg spielte zur gleichen Zeit eine Klasse tiefer. Prominentester Name damals im Kader: Joachim Löw. In der Saison 1979/80 ist Löw mit 14 Toren erfolgreichster Torschütze im Team. Haben auch die Breisgauer mit Anabolika nachgeholfen? Das legen zumindest die Akten der Staatsanwaltschaft Freiburg nahe, mit denen das Gutachten der Freiburger Dopingkommission arbeitet. Für August 1979 gibt es einen Beleg für eine Anabolikalieferung von Armin Klümper an den SC Freiburg – allerdings über einen geringen Betrag.

Joachim Löw hatte im Jahr 2015 im ZDF-Sportstudio zugegeben, dass er „das ein oder andere Mal“ die Dienste von Klümper genutzt habe. Löw will nicht immer genau gewusst haben, was er von Klümper verabreicht bekam. Er schloss allerdings aus, wissentlich gedopt zu haben.

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Das neue Gutachten von Singler erinnert daran, dass der erste offizielle Dopingfall im deutschen Fußball in Freiburg ans Licht kam. Der damalige Ersatztorwart Gerd Sachs bekam 1992 nach einer Verletzung von einem Arzt Anabolika gespritzt. Der Arzt soll angeblich nichts mit dem SC Freiburg zu tun gehabt haben. Das fand damals nicht der DFB heraus, sondern der SC Freiburg selbst. Torhüter Sachs wurde nicht mehr eingesetzt und nach Regensburg abgegeben. Den Dopingfall machte der Verein unter dem damaligen Trainer Volker Finke allerdings erst zwei Jahre später öffentlich.

Infusionen in englischen Wochen

Es sind noch wesentlich aktuellere Dopingbezüge bekannt. Ein wichtiger Name: Andreas Schmid. Der war als Arzt der Universitätsklinik in Freiburg am Doping des Team Telekom um Jan Ullrich beteiligt. Auf Anfrage von CORRECTIV schreibt die Universitätsklinik Freiburg, Schmid sei seit 1998 fast ein Jahrzehnt für den SC Freiburg tätig gewesen. Dabei hätte Schmid als Mannschaftsarzt Spieler des SC Freiburg in der Uniklinik Freiburg behandelt. Damaligen Beteiligten zufolge soll es sich dabei jedoch ausschließlich um die Leistungsdiagnostik der Spieler gehandelt haben, drei Mal im Jahr. Mit Doping soll Schmid bei den Fußballern des SC Freiburg angeblich nichts zu tun gehabt haben.

Als das organisierte Doping des Team Telekom 2006 aufflog, weigerte sich der SC Freiburg zunächst, sich von Doping-Arzt Schmid zu trennen. Erst im Mai 2007 beendete der Verein die Zusammenarbeit dann doch. Ein Ermittler des Bundeskriminalamtes, der am Telekom-Doping-Skandal arbeitete, schrieb 2008 an die Staatsanwaltschaft Freiburg: „Es drängt sich der Verdacht auf, dass auch beim SC Freiburg gedopt wurde.“

Der Ermittler bezieht sich dabei auf einen Brief aus der medizinischen Abteilung des Vereins an den damaligen Trainer Volker Finke. Im Brief erklärt ein ärztliche Betreuer seinen Rücktritt. Er kritisiert „gefährliche intravenöse Therapien“ beim SC Freiburg. Besonders in englischen Wochen hätte es Infusionen gegeben. In einem Fall sollte er einem Spieler eine Infusion mit einer Diclofenac-Lösung geben. Das sei in Deutschland wegen möglicher lebensbedrohlicher allergischer Reaktionen verboten gewesen. Deswegen hätte er eigenmächtig auf eine andere, ungefährliche Infusion gesetzt. Der Brief wurde auf einer DVD bei einer Hausdurchsuchung von Doping-Arzt Andreas Schmid gefunden.

Die Staatsanwaltschaft Freiburg beendete die Ermittlungen, nachdem der ärztliche Betreuer nach seinem Rücktritt beim SC Freiburg in einem Gespräch im Oktober 2008 davon sprach, „in fast achtjähriger Zusammenarbeit“ nie irgendwelche Hinweise erhalten zu haben, dass Schmid Spieler gedopt habe. Der Spieler, der die fragliche Infusion bekam, spielte zum Zeitpunkt des Verhörs schon nicht mehr beim SC Freiburg. Ein Beteiligter von damals weist darauf hin, dass Infusionen zum damaligen Zeitpunkt, also vor 2005, noch erlaubt gewesen seien, es sich also nicht um Doping handelte.

VfB Stuttgart und SC Freiburg gaben Archive frei

Die Universitätsklinik Freiburg hat auf Anfrage von CORRECTIV nicht beantwortet, ob auch Fußballer an der Universität gedopt wurden. Die Pressestelle verwies auf die noch ausstehenden Gutachten der ehemaligen Evaluierungskommission. Außer den hier beschriebenen Ergebnissen, dürften darin keine weiteren Erkenntnisse zum Fußball stehen.

Auch den SC Freiburg und den VfB Stuttgart hat CORRECTIV mit den im Gutachten beschriebenen Vorgängen konfrontiert. Der SC Freiburg bestätigte, dass Andreas Schmid von 1998 bis 2007 für den SC Freiburg gearbeitet hat. Die konkrete Frage, ob Spieler gedopt wurden, beantwortete der SC Freiburg auch auf Nachfrage nicht und verwies wie die Universitätsklinik Freiburg auf die ausstehenden Gutachten. Der SC Freiburg habe für die Untersuchungen der Universität sein komplettes Archiv zur Verfügung gestellt, schreibt Fritz Keller, Präsident des SC Freiburg, auf Anfrage von correctiv.org. Keller sitzt schon seit 1994 im Vorstand des Vereins und schreibt, der SC Freiburg sei an einer vollständigen Aufklärung interessiert.

„Wir lehnen jegliche Form von Doping ab”, sagt Tobias Herwerth, Pressesprecher des VfB Stuttgart auf unsere Anfrage. Der VfB hätte alles offen gelegt. Beim Austausch mit der Evaluierungskommission hätte der Verein seinen Mannschaftsarzt und den Archiv-Beauftragen einbezogen.

Korrektur 26. Oktober: In einer früheren Version des Artikels haben wir an mehreren Stellen verkürzt von der Uni Freiburg gesprochen. Um Missverständnisse auszuräumen, haben wir im Text jetzt deutlicher zwischer der Uni Freiburg und der Universitätsklinik Freiburg unterschieden.

Update, 25. November: Nach einem weiteren Gespräch mit einem Insider beim SC Freiburg haben wir einige Textpassagen, die sich auf den SC Freiburg bezogen, ein wenig abgeschwächt. Über weitere Gespräche und Informationen freuen wir uns.


Sind Sie ein Zeitzeuge? Liegen Ihnen Dokumente vor? Teilen Sie ihr Wissen.

Wir wollen mehr erfahren. Unabhängig von den Problemen bei der Freiburger Dopingaufklärung wollen wir weiter zum Thema Schmerzmittel und Doping im Fußball recherchieren.

Wer über Doping, Freiburg und Fußball reden will, kann sich jederzeit bei uns direkt per Post, Telefon oder E-Mail melden oder unseren verschlüsselten Briefkasten nutzen, wenn Sie lieber anonymisiert kommunizieren. Dort finden Sie auch eine Erklärung, wie Sie uns eine verschlüsselte E-Mail schreiben.

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Im Müll vor dem Hotel der Ukraine: Schmerzmittel, Entzündungshemmer, Infusionsbesteck, Kapitänsbinde, Schnapsflaschen.© Jannik Jürgens

Fußballdoping

Entzündungshemmer im EM-Quartier

Viele Fussballspieler nehmen vor wichtigen Spielen starke Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Die Präparate tauchen nicht in der Liste der verbotenen Dopingmittel auf. Pharmakologen und Sportmediziner warnen dennoch vor den Nebenwirkungen und dem vorbeugenden Gebrauch dieser Präparate. Zum Müll der deutschen Nationalmannschaft war kein Durchkommen.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse , Jannik Jürgens

Diese Recherche erscheint ebenfalls auf „SpiegelOnline“, im „Tagesspiegel“, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, der „Deutschen Apotheker Zeitung“, in der „Hamburger Morgenpost“,  11freunde, im „Deutschlandfunk“ und in internationalen Medien wie Watson (Schweiz), Slate (Frankreich) und Interia Sport (Polen).

[Update 5. Juli: Die Uefa hat nach Aussagen der NADA Ermittlungen zu dem Medikamentenfund bei der Ukrainischen Nationalmannschaft begonnen. Dabei würden auch die Polizeidienststellen in Frankreich eine Rolle spielen. Auf Anfrage von CORRECTIV wollte sich die Uefa dazu nicht konkret äußern, dementierte die Meldung aber auch nicht. Die Pressestelle schrieb uns nur: „Die UEFA steht im engen Kontakt mit den zuständigen französischen Behörden.“]

[Update 1. Juli: Als Reaktion auf unsere hier aufgeführte Recherche hat die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) den europäischen Fußballverband (Uefa) kontaktiert. Das bestätigt NADA-Geschäftsführer Lars Mortsiefer auf Anfrage von Correctiv.org. In dem Schreiben fordert die NADA die Uefa dazu auf, eine Stellungnahme vom ukrainischen Fußballverband einzuholen. Spannend ist zum Beispiel die Frage, wer im Team eine Infusion benötigt hat und ob dabei nicht die erlaubte Grenze von 50ml überschritten wurde. Die Ukraine zählt zu den drei Ländern bei der Euro 2016, mit denen die Uefa keinen Anti-Doping Kooperationsvertrag fürs Turnier unterzeichnet hat, weil die zuständige Behörde vor Ort derzeit umstrukturiert wird.]


In einem Mülleimer vor dem Hotel der ukrainischen Nationalmannschaft haben wir einen Sack mit 14 Medikamenten, Spritzen und Infusionsbesteck gefunden, dazwischen lag die Kapitänsbinde mit dem Schriftzug „No to racism – Respect“, die die Spielführer aller Mannschaften bei dieser EM tragen. Bei den Medikamenten fallen sechs verschiedene Schmerzmittel und Entzündungshemmer auf. Sie lassen darauf schließen, dass der Einsatz von Medikamenten im Fußball verbreitet ist.

Auf der Liste verbotener Dopingmittel stehen die Präparate nicht. Der Einsatz von Spritzen ist allerdings zum Beispiel im Radsport schon seit fünf Jahren verboten. Im Radsport gilt seit den großen Dopingskandalen eine No-Needle-Policy, keine Nadeln ohne klaren medizinischen Zweck. Pharmakologen warnen zudem vor dem bedenkenlosen Einsatz von Schmerzmitteln und Entzündungshemmern.

Das Mannschaftshotel der Ukraine in Aix-en-Provence liegt an einer wenig befahrenen Straße. Hier stellen die Hotelangestellten abends den Müll raus. Zwei große Tonnen sind bis oben hin mit Säcken gefüllt. Das Küchenpersonal macht Zigarettenpause, nur wenige Meter entfernt.

Eine Hand mit Plastikhandschuh greift in eine Mülltonne.

In in Aix-en-Provence beginnt unsere Suche. Insgesamt ist CORRECTIV zu fünf Nationalteams gereist und wollte dort den Müll untersuchen.

Jannik Jürgens

Am Abend zuvor, dem 21. Juni 2016, hat die Ukraine das letzte Gruppenspiel gegen Polen mit 1:0 verloren und dann direkt den Rückflug nach Kiew genommen. In ihrem Hotel in Aix-en-Provence war das  Team zum letzten Mal rund 24 Stunden vor Anpfiff. Jetzt erinnern noch zwei Übertragungswagen des ukrainischen Fernsehens an die Präsenz der Fußballer.

Und der Müll, den sie hinterlassen haben: Wir finden benutzte Spritzen, Medikamentenpackungen und kleine Ampullen, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Die Medikamente sind kyrillisch bedruckt, auf russisch und ukrainisch (siehe Foto). Außerdem kommen eine blaue Kapitänsbinde der Uefa, ein Aufwärmshirt, eine Liste mit der Zimmerbelegung der ukrainischen Spieler und mehrere leere Flaschen Schnaps zum Vorschein.

Eine Medikamentenpackung mit der Aufschrift Magnesiumsulfat

Kein Doping: Magnesiumsulfat hilft gegen Verstopfung

Jannik Jürgens

Bei keinem der gefundenen Medikamente handelt es sich um eine Substanz, die auf der Liste verbotener Dopingmittel steht. Das bestätigt der Sprecher des Kölner Zentrums für präventive Dopingforschung Mario Thevis. Es handelt sich in erster Linie um Entzündungshemmer wie Diclofenac-Natriumlösung und Nimesulid. Außerdem ist Diphenhydramin dabei, ein Antiallergikum, das auch als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt wird. Wir finden auch eine Sorbex-Packung: Kohletabletten, die den Körper entgiften sollen. Außerdem Glucose-Infusionsbeutel. Wie ist diese Mischung an Substanzen zu bewerten?

„Glucose-Infusionen sind nur in Notsituationen sinnvoll“, sagt Perikles Simon, Leiter der Sportmedizin an der Universität Mainz. Verboten ist eine Infusion generell ab einer Menge von mehr als 50 Milliliter (ml). Zudem darf innerhalb von sechs Stunden jeweils nur eine Infusion verabreicht werden. Im Müll der Ukrainer lagen zwei leere 50ml-Beutel Glucose-Infusion.

Zwei leere 50 Milliliter Glucose-Infusionsneutel und Infusionsbesteck

Im Müll vorm Hotel der Ukrainer: Zwei leere 50ml Glucose-Darnitsa-Beutel mit Infusionsbesteck

Jannik Jürgens

Dopingexperte Simon kann sich nur wenige Ausnahmesituationen vorstellen, in denen eine solche Infusion angebracht ist: „Das kann für einen Diabetiker gelten, der an Unterzuckerung leidet oder einen Marathonläufer im absoluten Erschöpfungszustand.“ Aber für junge, gesunde Profi-Fußballer? Für die könnten solche Infusionen nur dann Sinn ergeben, wenn sie zum Beispiel in extremer Hitze spielen und akut den Zuckerspeicher im Körper aufstocken müssten. Davon kann in Frankreich aber keine Rede sein. In der Vergangenheit sind Dopingfälle in Verbindung mit Glucose bekannt geworden, weil bei der Infusion Glucose mit Insulin gemischt wurde. Das wäre verboten, sagt Simon. Ein Hinweis auf ein Insulin-Präparat fand sich im Müll der Ukrainer aber nicht.

Der ukrainische Fussballverband wollte sich auf Anfrage von CORRECTIV nicht zu dem Fund im Müll des Mannschaftshotels äußern. Auch die ukrainische Anti-Dopingbehörde, die Welt-Anti-Doping-Agentur und die Uefa ließen entsprechende Anfragen unbeantwortet.

Alle Medikamente auf einem Tisch ausgebreitet. In der Mitte liegt die blaue Kapitänsbinde der Ukrainer

In der Tonne der Ukrainer fanden wir 14 verschiedene Medikamente, Spritzen und Infusionsbesteck

Jannik Jürgens

Neben der Glucose-Infusion fallen vor allem die vielen starken Schmerzmittel auf. Im Müll der Ukrainer fanden wir sechs unterschiedliche Präparate. „Der Begriff Schmerzmittel wäre eine Verharmlosung“, sagt der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe, dem wir den Fund präsentiert haben. „Die Wirkung der Mittel ist entzündungshemmend.“ Schwabe war Mitglied der ersten Freiburger Dopingkommission, die die Vergabe leistungsfördernder Mittel durch Mitarbeiter der Universität Freiburg untersuchte. Er betont, dass die bei den Ukrainern gefunden Entzündungshemmer auch ein Nebenwirkungspotenzial haben. Wichtig sei, dass die Mittel nicht vorbeugend und nur unter ärztlicher Anordnung genommen werden, sagt Schwabe.

Vor den Nebenwirkungen warnt auch der Mainzer Dopingexperte Perikles Simon. Gerade die leichten Schmerzmittel wie Paracetamol oder Diclofenac seien für rund 1.700 Todesfälle pro Jahr in Deutschland verantwortlich, sagt er. „Das passiert, weil die Leute nicht genügend über Nebenwirkung wissen“, sagt Simon. Viele Menschen wüssten zum Beispiel nicht, dass es nichts bringe, mehr als eine Tablette zu nehmen. „Leber und Niere können langfristig geschädigt werden. Die Mittel können spontane Blutungen im Magen-Darm Trakt auslösen“, sagt Simon.

Den Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen, Ansgar Thiel, überrascht der offensichtlich massive Einsatz von starken Medikamenten bei der Fussball-Europameisterschaft nicht. Thiel forscht seit Jahren zum Gesundheitsmanagement von Spitzensportlern. „Krank oder gesund ist im Sport keine medizinische Diagnose, sondern die Frage, ob Sport möglich ist oder nicht“, sagt Thiel. „Das medizinische Personal im Sport übernimmt diese Denklogik. Es geht nicht ums Heilen, sondern ums Reparieren.“

Ein internationales Turnier sei eine solch seltene Gelegenheit, da werde alles getan, um den Körper fit zu halten. „Solange Mittel nicht auf der Dopingliste stehen, haben die Sportler kein Unrechtsbewusstsein.“ Im Spitzensport herrsche eine Kultur des Schmerzes. Schon junge Sportler lernten, dass Schmerz kein Warnsignal sei, sondern überwunden werden muss. Die Kontrolle über das eigene Schmerzempfinden werde mit der Zeit häufig an den Trainer und die Betreuer abgegeben. „Der Trainer sagt, wann es nicht mehr geht. Nicht der Spieler.“

Insgesamt hat CORRECTIV die Hotels von fünf EM-Teams aufgesucht, darunter die von drei Viertelfinalisten. Neben der Unterkunft der Ukraine waren wir am Quartier der Schweizer Mannschaft und der Isländer. Dort haben wir keine verdächtigen Medikamente im Müll gefunden. Die Müllcontainer der Italiener und der deutschen Mannschaft waren nicht zugänglich.

Absperrgitter vor einem Hotel. Zwei Männer bewachen den Eingang.

Wie kommt der Müll aus dem italienischen Hotel? Die städtischen Müllwagen kommen nicht an die Tonnen ran.

Jannik Jürgens

Die Teams haben zum Teil spezielle Vorkehrungen getroffen. Beispiel Italien: Die reguläre Müllabfuhr der Stadt Montpellier hat in den vergangenen drei Wochen nicht einmal das italienische Hotel angefahren. Die Müllmänner durften sich angeblich aus Sicherheitsgründen dem Hotel nicht nähern, sagte eine Mitarbeiterin des „Courtyard Marriott“ Hotels, in dem die italienischen Fussballspieler übernachten.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Die Schweizer haben ihr Hotel in Juvignac, einem Vorort von Montpellier. Dort ist der Müll nur über einen umzäunten Parkplatz erreichbar. Rund 400 Kilometer nördlich liegt die Stadt Annecy am Fuße der Alpen. Hier hat mit Island die Überraschungsmannschaft des Turniers sein zentrales Lager. Die Polizei ist auch am „Hotel les Tresoms“ der Isländer auffällig präsent. Als unser Reporter ein Müllhäuschen am Personalparkplatz betritt und die ersten zwei Säcke anschaut, vergeht kaum eine Minute, bis der Sicherheitsdienst erscheint. Wenig später steht ein halbes dutzend Polizisten um ihn herum. Sie nehmen seine Personalien auf.

Ein Polizeiauto steht vorm Eingang des Hotels der isländischen Nationalmannschaft

Ständig bewacht: Das Hotel und der Müll der Isländer

Jannik Jürgens

Am Mittwoch dieser Woche reiste unser Reporter nach Evian zur deutschen Mannschaft, die im dortigen Luxushotel „Ermitage“ einquartiert hat. Von den fünf besuchten Mannschaftshotels ist das deutsche Hotel am besten abgeriegelt. Das Hotel ist von großen Sichtschutzwänden umgeben. Die Mülltonnen sind hier noch nicht einmal in Sichtweite.

Bei der Tour de France hatte die französische Anti-Doping-Behörde AFLD vor einigen Jahren noch aktiv die Mülleimer mehrerer Radteams durchsucht. Damals hatten die Dopingfahnder verschiedene Dopingpräparate gefunden. Auf eine Anfrage von correctiv.org, ob die Behörde auch bei der Fußball-EM den Müll der Teams durchsucht, hat die AFLD bislang nicht geantwortet.

Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Einnahme von Medikamenten im Fußball weit verbreitet ist. In den vergangenen Jahren haben verschiedene Studien des Weltverbandes Fifa gezeigt, wie exzessiv Fußballer Schmerzmittel und andere Medikamente einsetzen.

Bei der WM 2014 in Brasilien schluckten zwei von drei Spielern mindestens einmal im Turnier Medikamente, davon nahmen 40 Prozent vor jedem Spiel etwas. Bei einem Team hatte sogar jeder einzelne Spieler während des Turniers Medikamente genommen, darunter auch Ersatzspieler, die nicht eine einzige Minute auf dem Feld standen. In diesem Team hatte jeder Spieler im Schnitt fast fünf verschiedene Medikamente genommen, schreibt die Fifa in einem Bericht. Zwei Spieler hatten sogar neun verschiedene Medikamente in den 72 Stunden vor dem Anpfiff genommen. Dabei betreffen diese Statistiken nur die offiziell dokumentierten Mittel, die jede Mannschaft an die Fifa melden muss.

Am beliebtesten waren dabei mit großen Abstand verschiedene Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Jeder zweite Spieler griff zu diesen Präparaten. Je länger das Turnier dauerte, desto mehr Medikamente bekamen die Spieler. Das beliebteste Mittel war Diclofenac. Die Fifa untersucht seit 2002 systematisch, welche Mittel die Spieler bei großen Turnieren nehmen. Selbst bei den Junioren-Weltmeisterschaften, von der U-20 bis runter zur U-17, nahmen 43 Prozent mindestens einmal während des Turniers Schmerzmittel.

Immer wieder wird die Frage diskutiert, ob die Welt-Anti-Doping-Agentur Schmerzmittel nur mit Genehmigung zulassen sollte und alles andere als Doping werten müsste. Schließlich hätten Fußballer ohne Schmerzmittel oft nicht die Chance über ihre normale Leistungsfähigkeit hinaus zu gehen oder könnten teilweise vor Schmerzen gar nicht auf dem Platz stehen. Bislang spricht sich die Welt-Anti-Doping-Agentur gegen eine härtere Kontrolle oder ein Verbot von Schmerzmitteln aus.




Mitarbeit: Annika Jöres, Margherita Bettoni

Von den Dopingkontrollen bekommen die Fans bei der EM in der Regel nichts mit.© by Kuchel

Fußballdoping

EM 2016: Lücken bei Doping-Kontrollen

Der europäische Fußballverband spricht von den umfangreichsten Dopingkontrollen der Geschichte. Tatsächlich hat sich das Programm verbessert. Dennoch gibt es weiterhin Lücken: Die Spieler werden nur selten kontrolliert, bei Missbrauch gibt es für die Mannschaft kaum Sanktionen, und am Ende entscheidet die Uefa selbst, ob Doping-Ergebnisse veröffentlicht werden.

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von Jonathan Sachse

Am 30. Mai im schweizerischen Trainingslager in Ascona war es wieder soweit: Die Dopingkontrolleure schauten bei der Nationalmannschaft vorbei. Und der DFB berichtete auf Facebook und Twitter. Gleich acht Spieler hätten eine Urin- und Blutprobe abgeben müssen. Kontrollen als positive PR-Botschaft. Seht her, wir haben nichts zu verbergen.

Seit Januar und bis zum Turnierbeginn kontrollierte die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) alle Spieler im EM-Kader der deutschen Nationalmannschaft im Schnitt zwei bis drei Mal. Einige Spieler sind in der Champions League und der Europa League zusätzlich vom europäischen Fußballverband (Uefa) getestet worden, teilt die Nada auf Anfrage mit.

Kurz vor Turnierbeginn gab die Uefa eine Pressemitteilung heraus und sprach vom umfangreichsten Anti-Doping Programm in der Geschichte der EM. Tatsächlich hat sich im Vergleich zu früheren Europameisterschaften einiges verbessert. Bei der EM 2008 gab es noch keine Trainingskontrollen, 2012 wurde jedes Team nur einmal in den Wochen vor Turnierbeginn von Kontrolleuren besucht. Solche offensichtlichen Lücken kann sich die Uefa nicht mehr erlauben, seitdem das Thema Doping im Fußball immer mehr öffentlich thematisiert wird.

Was hat sich konkret verbessert?

Die Uefa kooperiert seit diesem Jahr mit den nationalen Anti-Doping-Agenturen, in Deutschland ist das die Nada. Der Fußballverband und die Anti-Doping-Agenturen können auf eine gemeinsame Datenbank zugreifen. Dort werden die biologischen Daten der Spieler gesammelt. Uefa und Anti-Doping-Agenturen stimmen zudem ab, wann kontrolliert wird, damit die Kontrolleure nicht gleichzeitig auftauchen und Spieler gleich mehrere Becher mit Urin füllen müssen.  

Eine Ausnahme bilden drei Länder, mit denen keine Kooperationen abgeschlossen wurden: Russland hat nach den Dopingskandalen, die auch den Fußball betreffen, keine eigene lizenzierte Anti-Doping-Behörde mehr. Die britische Anti-Doping Behörde übernimmt dort die Kontrollen. Mit der Ukraine gibt es auch keinen Vertrag, weil die Agentur laut Uefa „interne Probleme“ habe und Albanien hat ebenfalls keine unabhängige Agentur. Dort ist das Sportministerium für die  Dopingkontrollen im Land zuständig. Durch die Kooperationsverträge mit den restlichen 22 nationalen Agenturen (NADOs) entstehen auf den ersten Blick beeindruckende Zahlen: Seit Januar haben die NADOs und die Uefa insgesamt 1278 Proben genommen. 

Warum reicht das nicht?

Das entspricht  639 Tests, da bei jeder Kontrolle zwei Proben (A und B) genommen werden. An der Europameisterschaft nehmen 552 Spieler teil. Die genauen Namen der Teilnehmer sind aber erst seit dem 1. Juni bekannt. Deshalb war der Kreis, der im Vorfeld für Kontrollen in Frage kommenden Spieler, größer als 552 Personen. Das reduziert die Zahl der Kontrollen pro EM-Teilnehmer deutlich. Im Schnitt wurden die Spieler seit Jahresbeginn also vermutlich weniger als einmal getestet. Es gab weitere 437 Tests rund um die Champions League und Europa League Spiele. Wie viele EM-Spieler bei diesen Kontrollen getestet wurden, wissen wir nicht.

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Mit der Saison 2015/16 hat die Uefa begonnen, zentrale Blutwerte für einen biologischen Pass zu sammeln. Wada, Uefa und die NADOs haben Zugriff auf die Blut- und Hormonprofile in der Datenbank. Von den 639 genommenen Kontrollen, die seit Januar genommen wurden, fließt allerdings nur jede vierte Kontrolle in das Passprogramm ein.

Was passiert seit Turnierbeginn?

Bei den Kontrollen während des Turniers hat sich im Vergleich zu früheren Jahren nicht viel verändert. Bei allen 51 Spielen müssen nach Abpfiff zwei Spieler aus jeder Mannschaft zur Kontrolle. Jeder Spieler hat einen Aufpasser, den Chaperon, an seiner Seite, der ihn vom Platz bis zur Kontrolle begleitet, wo er Blut- und Urinproben abgeben muss. In der Regel werden diese Spieler ausgelost. Nur in Sonderfällen werden Spieler ausgesucht. Anders im Training: Dort werden gezielt Spieler kontrolliert. Die russischen Spieler sollen deshalb kurz vor Turnierbeginn regelmäßig Besuch von den Kontrolleuren bekommen haben. 

Ein zentrales Problem bleibt weiterhin bestehen: Die Uefa ist Herr des Verfahrens. Während der EM muss jeder Test mit dem europäischen Verband abgestimmt werden und sie ist zuständig für das Ergebnismanagement. Die Uefa entscheidet also, was mit auffälligen Tests passiert. Dadurch bleibt das Kontrollsystem im letzten, entscheidenden Schritt nicht unabhängig.

Was passiert bei einem positiven Test?

Gut ist, dass Kontrollen deutlich schneller analysiert werden können. Alle Proben werden von der französischen Anti-Doping Agentur (Afld) in Châtenay-Malabry analysiert. Urin-Proben sollen dort in zwei Tagen und Blutproben in wenigen Stunden ausgewertet werden, sagt die Direktorin der Afld. Bevor ein Spieler zum nächsten Spiel antritt, gibt es also immer schon das Testergebnis. Bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Brasilien dauerte die Analyse noch mehrere Tage, weil die Proben um die halbe Welt geflogen wurden.

Sollte es eine positive A-Probe geben, muss sich der Spieler innerhalb weniger Stunden entscheiden, ob er die B-Probe analysieren lassen möchte oder einen positiven Test akzeptiert. Normalerweise haben Spieler für diese Entscheidung eine Woche Zeit. Bei der EM wird innerhalb von zwölf Stunden die B-Probe analysiert.

Ein Dopingverstoß hat für die Mannschaften keine Konsequenzen. Erst wenn drei Spieler in einem Team positiv getestet werden, wird über Punktabzug oder Turnierausschluss entschieden. Ein solches Szenario ist eher unwahrscheinlich.

Was passiert nach der EM?

Die EM-Proben sollen nur vier Jahre gelagert werden. Das ist sehr kurz. Dopingproben dürften bis zu zehn Jahre in Kühlkammern aufbewahrt werden. Oft werden erst viele Jahre später neue Tests entwickelt, um neue Dopingsubstanzen zu finden. Wie effektiv Nachkontrollen sein können, haben zuletzt erst die Nachkontrollen der olympischen Spiele in Großbritannien 2012 und zuvor in China 2008 gezeigt, die mit vielen positiven Tests endeten. Auf Anfrage teilt die Uefa mit, dass das medizinische Komitee dem UEFA-Exekutivkomitee vorschlagen möchte, die Lagerzeit auf zehn Jahre auszubauen. Diese Entscheidung soll aber erst in einigen Wochen fallen.

Undercover-Aufnahmen von Dopingarzt Mark Bonar© Scrrenshot aus einem WDR-Beitrag im Magazin „Sport Inside“

Fußballdoping

Doping is coming home

Systematisches Doping im Mutterland des Fußballs? Die „Sunday Times“ und ARD haben am Sonntag darüber berichtet. Seitdem rollt auf den englischen Sport ein riesiger Dopingskandal zu. Im Zentrum stehen zwei Personen: Ein britischer Arzt, der von seinem Dopingnetzwerk schwärmt. Und ein Fitnesscoach, der Profis in der Premier League betreut.

von Tobias Ahrens

Ist Dr. Mark Bonar nun ein Aufschneider oder ein systematischer Doping-Arzt? – Diese Frage wird diskutiert, seitdem die „Sunday Times“ und ARD/WDR die Videoaufnahmen aus einem Londoner Behandlungszimmer veröffentlichten. 150 Klienten habe er mit Doping behandelt, sagt darin der Gynäkologe Bonar. Neben Radsportler, Boxern, Tennisspielern gehörten angeblich auch Fußballprofis der englischen Premier League zu seinem Kundenstamm.

In dem verdeckten Video nennt Bonar die Namen der englischen Klubs FC Arsenal, FC Chelsea, Birmingham City und des amtierenden Spitzenreiters Leicester City. In dem gleichen Gespräch soll Bonar auch ausdrücklich Namen von einzelnen Fußballern genannt haben, sagt ARD-Journalist Hajo Seppelt in einem Interview mit spox.com. Weil sich die Dopingvorwürfe bisher jedoch nicht einwandfrei bestätigen liessen, veröffentlichten die Journalisten keine Namen. „Wir werden niemanden anschwärzen, wenn die Beweislage nicht eindeutig ist“, sagt Seppelt.

Wie eindeutig sind die vorliegenden Ergebnisse?

Als Quelle wurde das Interview mit dem Arzt Bonar gezeigt, der in einem von der Recherche unabhängigen Verfahren vor wenigen Tagen seine Approbation verloren haben soll. Außerdem wurde der britische Fitnesscoach Rob Brinded befragt. Bonar hatte den in Spanien lebenden Brinded als seinen Geschäftspartner bezeichnet. Sie hätten „bei vielen Klienten zusammengearbeitet“ und seien „ein großartiges Team“.

Auch Brinded wurde verdeckt gefilmt. In den vesteckten Aufnahmen sagt er: „Um die unethischen Dinge kümmert sich Mr Bonar.“ Er habe jedoch erst kürzlich einen Spieler eines Spitzenklubs für eine Testosteronbehandlung an Bonar empfohlen. Während seiner Zeit beim FC Chelsea (2001-2007) hätten eine Zahl von Spielern verbotene Substanzen genommen.

Später wollte der Fitnesscoach laut der ARD von seinen Aussagen nichts mehr wissen. Er kenne Bonar überhaupt nicht. Sein Anwalt ließ ausrichten, es müsse sich um ein „Missverständnis“ handeln.

Gegen diese Behauptung spricht auch ein Tweet, den Rob Brinded im Januar 2015 veröffentlicht hat. Er bedankt sich für ein Geschenk von der Firma OMNIYA, wo Bonar seine Praxisräume angemietet hatte.

Aus einer rosa Geschenkttüte guckt eine Pflanze

Screenshot 5.4.2016 | Twitteraccount @RobBrinded

Sicher ist: Brinded betreut Fußballer aus der Premier League. Über Social Media lässt sich so mancher Kontakt Brindeds zu englischen Profifußballern nachvollziehen. Dem deutschen Robert Huth, Verteidiger beim Tabellenführer Leicester City, prostete er Weihnachten 2013 mit einem „Krombacher“ zu.

Ein Krombacher Bier geöffnet

Screenshot 24.12.2013 | Twitteraccount @robert_huth

Auf Instagram postete er vor elf Wochen einen Arm, der an einer Fusion hängt mit dem Hashtag „#Vitamfusion.“ Dieses Bild gefiel dem ehemaligen Profil Mikael Forssell (u.a. Chelsea). Mit ihm stand Brinded schon 2014 in Kontakt, als er Forssell riet, das Training zu vergessen und mit ihm am Pool zu chillen.

Ein Arm mit einer Infusion drin

Screenshot 5.4.2016 | Instagram-Account „robbrinded“

Auf Brindeds Website schwärmte der isländische Nationalspieler Eidur Gudjohnsen (FC Chelsea 2000-2006): „Rob got me in the best shape of my life. I hope we will continue to work together.“ – Bewiesen ist damit nur eine enge Anbindung Brindeds an die Premier League. Doping selbstverständlich nicht.

Auf dem Screenshot von der Website von Rob Brinded wird der Spieler Gudjohnsen zitiert mit „Rob got me in the best shape of my life. I hope we will continue to work together.“

Screenshot 5.4.2016 | Website robbrinded.com/testimonials

Ein direkter Dopingbezug lässt sich nur zu dem Arzt Bonar herstellen, der in den Undercover-Aufnahmen verschiedene verbotene Methoden aufzählt. Das verschriebene Testosterongel, das freierhältliche Wachstumshormon Genotropin und das EPO-Mittel Aranesp stehen auf der schwarzen Liste der WADA. Sie sind im Wettkampf und auch in Trainingsphasen strengstens verboten. Hinweise zu EPO-Missbrauch gab es auch im deutschen Fußball.

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Mit den verbotenen Dopingmitteln konfrontiert, äußerte Bonar, dass es sich allein um medizinisch notwendige Behandlungen gehalten habe. Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA), war sich hingegen sicher: „Es ist erschreckend zu sehen, dass ein Arzt völlig skrupellos Medikamente an Patienten zum Zwecke des Dopings verschreibt und dabei gesundheitliche Risiken der Sportler billigend in Kauf nimmt.“

Haben Anti-Dopingbehörden wichtige Hinweise nicht verfolgt?

Die britische Anti-Doping-Behörde UKAD steht seit der Bekanntgabe unter großer Kritik. Sie ist dem früheren Hinweis des jetzigen Whistleblowers nur unzureichend nachgegangen. Es habe keine ausreichende Beweislast gegen Dr. Bonar gegeben, verteidigt sich die UKAD.

Die geschilderten Vorgänge werfen auch ein schlechtes Licht auf die Dopingkontrollsystem. Schon vor einigen Jahren hatten wir kritisiert, dass ein Profifußballer im Durchschnitt nur alle drei Jahre kontrolliert werden würde – Nationalspieler ausgenommen. 

Derzeit sprechen wir vom Recherchezentrum correctiv.org mit vielen ehemaligen und aktuellen Fußballern. Sie zeichnen ein anderes Bild als die Aussagen einiger Personen, die in der Öffentlichkeit immer wieder beteuern, Doping im Fußball gebe es nicht.

Umso entscheidender sind deshalb weitere Aussagen und Hinweise von Personen aus dem Inneren des Systems. Nur so kann ein mögliches Dopingsystem im europäischen Fußball aufgeklärt werden.


Wir freuen uns über jeden Hinweis. Hier können Sie uns erreichen:

Post: Correctiv, z. Hd. Daniel Drepper, Singerstr. 109, 10179 Berlin

Jonathan Sachse: jonathan.sachse@CORRECTIV oder +49 151 28596609

Daniel Drepper: daniel.drepper@CORRECTIV oder +49 151 40795370

Tobias Ahrens: tobias.ahrens.fm@CORRECTIV oder +49 151 64418543

Mitarbeit: Jonathan Sachse

© Ivo Mayr

Fußballdoping

Freiburger Fußballdoping-Sumpf

Vergangene Woche hat sich die Freiburger Kommission aufgelöst, die Dopingfälle im westdeutschen Profifußball untersucht. Wir knüpfen dort an, wo die Kommission aufgehört hat. Derzeit sprechen wir mit zahlreichen ehemaligen Fußball-Profis – und bitten um Eure Mithilfe.

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von Tobias Ahrens , Jonathan Sachse , Daniel Drepper

Die „Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin“, die das Treiben der ehemaligen Freiburger Sportmediziner beleuchten sollte, ist in der vergangenen Woche zurückgetreten. Damit bleibt weiter offen, wer wie von wem im deutschen Profifußball gedopt worden ist. Wir betreiben seit fast vier Jahren das Blog fussballdoping.de und wissen dadurch, dass Doping im Fußball deutlich weiter verbreitet ist als viele annehmen.

Gerade jetzt, nach dem Aus der Kommission, sprechen wir wieder mit vielen ehemaligen Spielern über Schmerzmittel und Doping. Alle berichten uns davon, über Jahre erlaubte Schmerzmittel genommen zu haben. Manche geben auch zu, Cortison genommen zu haben. „Die Tabletten, Spritzen und Salben würde ich gerne mal auf einem Haufen sehen, die füllen sicher eine ganze Badewanne“, sagte uns kürzlich einer der Ex-Spieler. Die Grenze zum Verbotenen war über Jahrzehnte schwammig. Viele berichten auch von Aufputschmitteln. Und wir haben eine Spur zu vermeintlichem Epo-Doping im deutschen Spitzenfußball.

Wir wollen mehr erfahren. Unabhängig von den Problemen bei der Freiburger Dopingaufklärung wollen wir weiter zum Thema Schmerzmittel und Doping im Fußball recherchieren.

Seid Ihr Zeitzeugen? Liegen Euch Dokumente vor? Teilt jetzt Euer Wissen.

Wer über Doping, Freiburg und Fußball reden will, kann sich jederzeit bei uns per Telefon, E-Mail oder Post melden. Bitte findet unsere Kontaktdaten am Ende dieses Artikels.

Oder Ihr nutzt unseren anonymen, verschlüsselten Briefkasten.

SC Freiburg, VfB Stuttgart

Vor allem der SC Freiburg und der VfB Stuttgart stehen im Zentrum der Ermittlungen. Die beiden Vereine hatten Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre Überweisungen für Medikamente getätigt – „im Umfang von mehreren Zehntausend DM pro Jahr“. Das hatte der Mainzer Sporthistoriker Andreas Singler vor einem Jahr gesagt. Singler hatte damals einen Alleingang unternommen und gegen den Willen von Kommission und Universität Freiburg die Öffentlichkeit über das offenbar systematische Doping beim VfB Stuttgart und dem SC Freiburg informiert.

Damals haben die beiden Vereine laut Singler auch das starke Anabolikum Megagrisevit beim Institut für Sportmedizin der Uni Freiburg bestellt. Die Aufregung nach Singlers Veröffentlichung war groß. Also doch: Es gab von Vereinen organisiertes, hartes Doping bei Spitzenteams in der Bundesliga.

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Alois Hornung, Teamarzt des VfB Stuttgart II, sagte der Sportschau am 7. März 2015, dass viele Fußballer beim Freiburger Arzt Armin Klümper „illegale Substanzen“ verabreicht bekommen hätten. Auch Spieler anderer Vereine seien bei Klümper zu Gast gewesen. Der hatte zuvor mit zahlreichen Kaderathleten steuerfinanzierte Experimente mit Dopingmitteln durchgeführt. 

Hinweise kommen nicht nur, aber derzeit vor allem aus dem Südwesten des Landes. Aus dem Umfeld Klümpers und der Freiburger Sportmedizin. Klümper selbst hatte lange exzellente Kontakte zur deutschen Fußballspitze. Nach Recherchen des WDR-Magazins „SportInside“ gründeten die früheren Nationalspieler Karlheinz Förster und Hansi Müller gemeinsam mit dem ehemaligen Turner Eberhard Gienger 1994 einen Verein zur finanziellen Unterstützung Klümpers. Förster hatte sich zu seiner aktiven Zeit immer wieder von Klümper fitspritzen lassen – beispielweise mit Cortison. Mittlerweile musste sich das ehemalige Raubein der Bundesliga das linke Fußgelenk versteifen lassen. Armin Klümper lebt inzwischen in Südafrika und spricht nicht mit Journalisten.

Auch Löw war beim Spritzendoktor

Zu den Unterstützern des Arztes sollen auch Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Paul Breitner gezählt haben. Klümper war unter den Spielern sehr beliebt, galt als Wunderheiler. „Er hat alles für seine Patienten getan“, sagte zum Beispiel Felix Magath. Auch Bundestrainer Joachim Löw war Patient von Klümper.

Seit 2007 arbeitete eine Kommission an der Aufarbeitung des Freiburger Doping-Skandals. Anfang dieser Woche traten fünf der sechs Kommissionsmitglieder zurück. Sie schreiben, dass sie bei der Aufklärung behindert worden seien und Dokumente verspätet herausgegeben wurden. Wichtige Aktenordner seien in Privaträumen versteckt worden. Die Gruppe befürchtete nun, dass Ergebnisse oder Teile des Abschlussberichts seitens der Universität nicht veröffentlicht werden würden.

Unsere Kontaktdaten:

Correctiv, z. Hd. Daniel Drepper, Singerstr. 109, 10179 Berlin

Jonathan Sachse: jonathan.sachse@correctiv.org oder +49 151 28596609

Daniel Drepper: daniel.drepper@correctiv.org oder +49 151 40795370

Tobias Ahrens: tobias.ahrens.fm@correctiv.org oder +49 151 64418543

Fußballdoping

68 dopende Fußballstars in Europa?

Knapp acht Prozent aller europäischen Fußballstars könnten mit Steroiden dopen. Das ist das Ergebnis einer offiziellen Studie. Mehr als 4000 Proben von knapp 900 Fußballern haben die Forscher untersucht. Etwa jeder zwölfte Spieler hatte auffällige Testeronwerte. Weil die Tests anonymisiert sind, wird keiner der 68 verdächtigen Spieler gesperrt werden. Die Verteidigungslinie – “Doping im Fußball gibt es nicht” – scheint damit dennoch gebrochen zu sein. Wir haben uns die Studie angesehen – und zeigen Euch, wo Ihr selbst die Studie findet.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Die Wissenschaftler untersuchten 4195 Tests aus europäischen Wettbewerben ein zweites Mal. Die Proben sind aktuell: sie sind von Dezember 2007 bis Mitte 2013. Im Schnitt untersuchten die Forscher pro Spieler fast fünf Proben. Bei 68 Spielern brachte die Analyse einen Verdacht auf Steroid-Doping.

Mehr als zwei Drittel Champions Leauge

Die verdächtigen Spieler kommen aus den besten Ligen Europas. In der Studie heißt es, dass 62,9 Prozent der Proben aus der Champions League stammen. Außerdem kommen 82 Prozent der Proben von Teams der großen zehn Fußballverbände. „Dies spiegelt die Dominanz von wenigen großen Verbänden in den UEFA-Wettbewerben wieder“, schreiben die Autoren.

Bei den 68 verdächtigen Spielern sind nicht einzelne verdächtige Proben – zum Beispiel mit Resten von Steroid-Produkten – gefunden worden. Stattdessen haben die Wissenschaftler die unterschiedlichen Testosteron-Werte der Spieler über einen längeren Zeitraum untersucht. Bei den 68 Spielern haben sich die Werte auf verdächtige Art und Weise verändert. Die Forscher schränken ein, dass diese Veränderungen nicht immer auf Doping zurückzuführen sein müssen.

Sechs Mal mehr auffällige Proben

Die Wissenschaftler vergleichen die Zahl von 7,7 Prozent verdächtigen Proben mit den 1,3 Prozent der auffälligen Proben, die von der UEFA bislang als Durchschnittswert genannt wurden. Ein deutlicher Unterschied. Gleichzeitig wird beschrieben, dass es durch die hohe Anzahl von beteiligten Laboren und Analyseverfahren zu mehr Fehlern bei der Auswertung gekommen sein könnte. Zwölf verschiedene Dopinglabore waren beteiligt, darunter die Labore in Köln, London, Paris und Madrid.

Erst vor wenigen Tagen hatte die UEFA ein neues Anti-Doping Programm vorgestellt. Es sei das stärkste Anti-Doping-Programm, das es bislang gegeben habe. Jetzt wird klar, warum die UEFA aktiv wird. Seit der vergangenen Woche ist auch Andrea Gotzmann, Vorsitzende der NADA, Teil des Anti-Doping-Beratergremiums der UEFA.

Die Studie hat sich ausschließlich die Steroid-Werte der Spieler angesehen. Hinzurechnen müssen wir also alle Spieler, die theoretisch mit anderen Dopingmitteln dopen: Blutdoping, Wachstumshormon und anderen Substanzen. Wir hatten vor zwei Jahren über eine Studie von Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer berichtet, die neun auffällige Blutwerte in der Bundesliga gefunden hatte.

Die ganze Studie

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Die Studie hatte der europäische Fußballverband UEFA selbst in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse standen bereits im Juli fest, Anfang September veröffentlichten die Autoren die zehn Seiten lange Studie im Journal „Drug Testing and Analysis“. Falls Ihr die Studie in Gänze lesen wollt, könnt Ihr das hier auf der Seite des Journals für sechs Dollar tun.

Die UEFA hat diese Studie in Auftrag gegeben. Das ist positiv. Das gibt uns das bislang wohl beste Bild auf die Verbreitung von Doping im Fußball. Außerdem bewegt sich die UEFA, will etwas tun. Ob das genug ist, wird sich zeigen.

Offene Fragen

Es bleiben aktuell (mindestens) drei Fragen:

1) Warum hat die UEFA in den vergangenen Wochen so viel Werbung für ihr neues Anti-Doping-Programm betrieben, aber kein Wort über die Ergebnisse ihrer eigenen Studie verloren?

2) Warum hat die UEFA die Spieler anonymisiert?

3) Werden jetzt gezielt Proben aus der Champions League auf Spuren von Steroiden nachgetestet?

Wir haben die UEFA angefragt. Wenn wir Antwort bekommen, werden wir hier ergänzen.


Weitere Hintergründe zu der Studie gibt es heute um 18 Uhr in der ARD. Gemeinsam mit der Sunday Times hatte die ARD am Samstag, 19. September, vorab über die Studie berichtet.

Das Titelfoto UEFA Champions League Trophy ist von Daniel mit CC BY 2.0 Lizenz.

© Ivo Mayr

Fußballdoping

Gedopt. Gesperrt. Verheimlicht.

Fast 30 Dopingfälle hat es im deutschen Fußball gegeben. Der DFB verspricht Transparenz im Anti-Doping-Kampf. Doch ein bislang nicht veröffentlichter Fall aus der Regionalliga zeigt nach Recherchen von CORRECT!V, wie einfach der Fußball eine positive Dopingprobe verschwinden lassen kann.

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von Fabian Scheler , Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Rehden heißt der Ort, an den sich wohl selbst Pep Guardiola zurückerinnert. Hier steht Guardiola zum ersten Mal als Trainer des FC Bayern bei einem Pflichtspiel an der Seitenlinie. Es ist die erste Runde des DFB-Pokals 2013, der Gegner ist der BSV Schwarz-Weiß Rehden, ein Verein aus der Regionalliga Nord. Provinz, 100 Kilometer südlich von Bremen.

Für Rehden ist es das größte Fußballereignis der Vereinsgeschichte. Zwar muss der Verein nach Osnabrück umziehen, weil die eigenen Waldsportstätten den DFB-Auflagen nicht genügen. Doch das ganze Dorf fährt mit. Millionen Zuschauer wollen die Guardiola-Premiere bei ARD und Sky sehen. Es ist ein lauer Sommerabend im August.

Zum ersten Mal blickt Fußball-Deutschland auf Rehden. Was nicht in diese Stimmung passt: Eine positive Dopingprobe. Ein paar Monate zuvor, im Mai 2013, finden die Kontrolleure Methylendioxymethamphetamine im Urin von Rehdens Stürmer Marcus Storey. Ecstasy.

Fast 30 Dopingfälle im deutschen Fußball

Normalerweise veröffentlichen Vereine und Verbände positive Dopingfälle auf ihren Internetseiten. Doch der Fall Storey ist bis heute nicht zu finden. Der DFB schreibt auf seiner Webseite, insgesamt seien seit 1988 „nicht einmal 20 Spieler positiv getestet“ worden. Nach Recherchen von CORRECTIV gibt es in Wahrheit dagegen schon fast 30 Dopingfälle. Wie kann es sein, dass ein Fall wie der von Marcus Storey nicht an die Öffentlichkeit kommt? Und was sagt das über die Doping-Aufklärung im Fußball aus?


Zwei Monate vor dem Pokalspiel gegen Guardiolas Bayern ist der BSV Rehden zu Gast beim VfR Neumünster. Die Regionalliga-Saison ist Mitte Mai 2013 auf der Zielgeraden. Auf der Rehdener Bank sitzt der US-Amerikaner Marcus Storey. Bei der 2:0 Niederlage wird er nicht eingewechselt. Trotzdem muss er nach dem Spiel zur Dopingprobe. Ein Zufall. Alle Spieler, die im Kader stehen, können ausgelost werden.

Das Ergebnis kommt ein paar Wochen später: Storey ist positiv auf Ecstasy. Nichts für große Leistungssprünge, eher um Schmerzen zu lindern oder für Euphorie auf dem Platz. Woher kommt das Ecstasy? Marcus Storey selbst äußert sich auf Anfrage nur einmal, eine Party soll Schuld sein. „Ich bekam etwas ins Getränk und bin am nächsten Morgen woanders aufgewacht. Ich glaube, ich war mit den falschen Leuten unterwegs.“ Das ist alles. Auf weitere Anfragen reagiert Storey nicht mehr.

Marcus Storey im Trikot von Rehden. Er dribbelt mit dem Ball auf dem Fußballplatz. Im Hintergrund sieht man Zuschauer vom Spielfeldrand zuschauen.

Marcus Storey im Trikot von Rehden

Arne Flügge/ Kreiszeitung

Marcus Storey arbeitet während seiner Zeit in Rheden bei einer Logistikfirma, muss nachts anfangen, eine Umstellung. Storeys damalige Mitspieler erzählen, der Amerikaner sei an den Wochenenden gerne in Clubs feiern gewesen. Die meisten Spieler wären da anders gewesen, sagt Josip Tomic, ein ehemalige Mitspieler und Mitbewohner von Storey. „Arbeiten, Training, Arbeiten, Training, so lief das bei den meisten.“

2007 kommt Storey aus den USA nach Deutschland, will Profi werden. Storey probiert es beim SV Wilhelmshaven. Als er dort auf sich aufmerksam macht, gibt es Angebote aus Essen und Babelsberg. „Mit mehr Wille hätte er es locker zum Profi geschafft“, sagt Bernd Floris Flor, sein damaliger Berater.

„Lebe für den Fußball, dann schaffst Du es“

Storey bleibt in der Regionalliga hängen. „Er war stur, genoss lieber die Freizeit. Eine höhere Liga hätte mehr Stress bedeutet und das wollte er nicht“, sagt Spielerberater Flor. Nach Vertragsstreitigkeiten trennen sich Wilhelmshaven und Storey 2012. Er fliegt für einen Kurztrip in die USA, kommt zurück und wechselt nach Rehden. Eine Saison später endet seine Karriere in Deutschland mit der positiven Dopingprobe. Josip Tomic, seinem Rehdener Mitbewohner, sagt er nach einer seiner letzten Trainingseinheiten: „Lebe für Fußball, dann schaffst du es.“ Storey schafft es nicht. Heute kümmert er sich in den USA um Frau und Kind.

Die vermeintliche Dopingaufklärung beginnt danach. Der Vertrag in Rehden endet am 30. Juni 2013. Das ist wichtig zu wissen, denn Rehden fühlt sich danach nicht mehr für den Dopingfall zuständig. Der Spieler ist nicht mehr im Verein, also gibt Rehden keine offizielle Mitteilung raus.

Nicht mal Storeys Mitspieler werden über den Dopingfall informiert. „Es war später mal Thema im Bus auf irgendeiner Auswärtsfahrt, aber alles nur Gerüchte“, sagen einige Mitspieler von damals. In Rehden wird bis heute über Drogen, Dopingfälle und Marcus Storey spekuliert, aber niemand weiß etwas Konkretes.

Rehdens Präsident Friedrich Schilling bekommt bereits Mitte Juni am Telefon Bescheid, dass einer seiner Spieler für zwei Jahre wegen Dopings gesperrt wird. Der Verein müsse sich aber keine Sorgen machen, gibt der zuständige Sportrichter am Telefon Entwarnung, denn Storey wurde ja nicht eingewechselt. „Der Norddeutsche Fußball-Verband hat uns angewiesen, das Urteil nicht zu veröffentlichen“, sagt Schilling heute am Telefon und bestätigt es auf Nachfrage noch einmal per E-Mail. Der Verein sollte die positive Probe diskret behandeln, sagt Schilling.

Niemand veröffentlicht das Urteil

Bis zur offiziellen Sperre dauert es zwei Monate, obwohl der Verein darauf verzichtet, die B-Probe zu öffnen. Das wären für den Verein unnötige Kosten gewesen, sagt Präsident Schilling. Es sei ja klar gewesen, dass sein Verein nicht bestraft wird. Am 10. Juli 2013 spricht der Norddeutsche Fußballverbund sein Urteil: Zwei Jahre lang darf Storey weltweit kein Spiel mehr machen. Das Urteil veröffentlichen weder der BSV Rehden, noch der Norddeutsche Fußballverband oder der Deutsche Fußball Bund.

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Der DFB lässt sich selbst die Wahl, ob er Dopingfälle veröffentlicht. Der DFB und die Nationale Anti Doping Agentur dürfen „soweit erforderlich und angemessen“ Informationen über Spieler offenlegen, heißt es in den Durchführungsbestimmungen für Dopingkontrollen. Unterhalb des Profifußballs, also Regionalliga und abwärts, wird erstmal nur der Landesverband benachrichtigt, der die Spielklasse organisiert. Je regionaler die Struktur, desto enger liegen die Interessen der Akteure beieinander, desto größer die Gefahr einer internen Lösung – ohne dass die Öffentlichkeit davon erfährt.

Der Norddeutsche Fußballverband schreibt auf Nachfrage, sowohl er als auch der DFB hätten damals den Fall veröffentlichen können, aber nicht müssen. Der NFV verzichtete darauf. Storey habe zu dem Zeitpunkt seine Karriere ja ohnehin bereits beendet gehabt – und weil „es sich nicht um systematisches, leistungssteigerndes Doping handelte“.

Der Fall Storey zeigt, wie einfach es für den Fußball ist, eine positive Probe geheim zu halten. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf den Fall Storey, auch nicht auf der DFB-Webseite. Nur auf konkrete Nachfrage schickt der DFB eine aktuelle Liste aller Dopingfälle, auf der auch Marcus Storey auftaucht.

Der DFB wirbt immer wieder für größtmögliche Transparenz im Anti-Doping-Kampf. Das eigene Kontrollsystem sei das Beste Europas. Warum wird dann ein solcher Fall nicht veröffentlicht?

DFB-Interimspräsident Koch: „Eine Gratwanderung“

DFB-Interimspräsident Koch verweist auf den Norddeutschen Fußballverband, der bei Fällen aus der Regionalliga zuständig sei. „Ohne Ihre Anfrage hätte ich gedacht, dass da alles nach Vorschrift gelaufen ist“, sagt Koch am Telefon. „Für den Rest müssen Sie den NFV fragen.“ Grundsätzlich müsse man abwägen zwischen dem Schutz persönlicher Daten und dem öffentlichen Interesse an Dopingfällen. „Das ist eine Gratwanderung. In diesem Fall hätte ich persönlich wohl auch zum Datenschutz tendiert“, sagt Koch.

Die Pressestelle des DFB beteuert auf Nachfrage, alle Dopingfälle in den obersten Spielklassen der Herren seien in den vergangenen Jahren veröffentlicht worden. Bei Amateur- und Jugendspielern könnte unter Umständen der Datenschutz dagegen sprechen. Daher könne es auch „keine Übersicht aller Dopingfälle im Fußball“ geben.

Bis zur aktuellen Zusammenstellung von CORRECTIV gab es keine vollständige Chronologie der Dopingfälle im Fußball. Eine Liste mit Fällen aller Sportarten veröffentlicht die Nationale Anti-Doping-Agentur in ihrem Jahresbericht, allerdings anonymisiert. Die Agentur arbeitet derzeit daran, eine „Datenbank für Disziplinarverfahren“ zu etablieren. Die soll einen transparenten Überblick geben, „auch wenn zunächst viele der Fälle aus datenschutzrechtlichen Gründen noch anonymisiert veröffentlicht werden“.

Beim Vergleich der vom DFB bekannt gemachten Fälle mit denen aus den Jahresberichten der Nationalen-Anti-Doping-Agentur fällt ein bislang nicht öffentlicher Fall aus dem Mai 2013 auf: Das muss Marcus Storey sein.

Seit dieser Saison führt die Nada alle Dopingkontrollen im Auftrag des DFB durch, sowohl im Wettkampf, als auch im Training. Die Kontrolle über die Kontrollen behält jedoch der DFB. Der Verband finanziert das Programm, die Anti-Doping-Kommission betreut den Ablauf, bestimmt den Informationsfluss und entscheidet auch über die Strafen bei positiven Proben. Vorsitzender dieser Anti-Doping-Kommission ist DFB-Vizepräsident Rainer Koch.

Jeder nicht veröffentlichte Fall schönt die Dopingstatistik des deutschen Fußballs. Die spiegelt ohnehin kaum wieder, wie häufig im Fußball gedopt wird. Das Kontrollsystem im Fußball ist lückenhaft. Die meisten Dopingsubstanzen sind deutlich schwerer nachweisbar als Ecstasy. Dazu werden Fußballer sehr selten kontrolliert. 1700 Dopingkontrollen bezahlte der DFB in der Saison 2013/14 in den ersten drei Bundesligen. Klingt viel, verteilt sich aber auf mehr als 1000 Spieler.

70 Dopingkontrollen für 2000 Spieler

In den fünf Regionalligen ist das Risiko, mit Doping aufzufliegen, noch viel geringer. Nur 70 Kontrollen gibt es bei rund 2000 Spielern in fünf Ligen. Im gesamten Jahr ist weniger als ein Spieler pro Mannschaft überhaupt einmal getestet worden. Marcus Storey erwischte es trotzdem. Er hatte wohl Pech.

Für Rehden war der DFB-Pokal im Sommer 2013 ein großes Fest: Die Bayern trafen bei Guardiolas Premiere fünf Mal. Mit einem „sehr sehr gut“ adelte der neue Bayerntrainer die Leistung der Rehdener nach dem Abpfiff. Es gab ein eigens für diesen Abend komponiertes Lied. Und nach dem Spiel schwappte trotz der Niederlage die Laola durch das ausverkaufte Stadion. Von Doping war keine Rede.

Diesen Artikel veröffentlichen wir in Kooperation mit Zeit-Online.

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Fußballdoping

Das Geschäft mit Dopingtests im Fußball

Der Bayerische Rundfunk berichtete vor einigen Tagen, dass die bisherigen DFB-Dopingkontrolleure auch in Zukunft an den Tests im Fußball beteiligt sind. Obwohl die Kontrollen jetzt – in den den Händen der Nationalen Anti Doping Agentur NADA – angeblich unabhängiger ablaufen sollten. Zwei Kontrollärzte haben eine eigene Firma gegründet, die jetzt den Zuschlag bekommen hat. Die zeitlichen Abäufe werfen Fragen auf.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Die Firma heißt Sports Medical Service (SMS). Die beiden Gesellschafter Jens Kleinefeld und Gregor Weimbs-Ackermann sind bereits seit längerem DFB-Dopingkontrolleure.

Der BR zitiert aus einer internen E-Mail:

„Wie Sie alle wissen, wird der DFB die Dopingkontrollen ab der Spielzeit 2015/2016 an die NADA übergeben. In diesem Zusammenhang haben wir die Firma SMS Sports Medical Service GmbH gegründet, um Ihnen, und uns, weiterhin die Möglichkeit bieten zu können, aktiv am Dopingkontrollprozess im Fußball teilhaben zu können.“

Für die Saison 2015/2016 übernimmt die NADA offiziell nicht mehr nur die Trainingskontrollen, sondern auch die Wettkampfkontrollen beim DFB. Ein gutes Geschäft, der DFB überweist pro Jahr 750.000 Euro.

Die NADA vergab den Auftrag im Frühjahr diesen Jahres tatsächlich an SMS, wählte diese Firma aus drei externen Angeboten aus, wie sie sagt. Interessant dabei ist, dass SMS schon am 2. März, deutlich vor offizieller Verkündung des Auftrags, per interner E-Mail – wieder dem BR zufolge – um Kollegen warb:

“Wir freuen uns, Ihnen hiermit mitteilen zu können, dass die NADA der SMS GmbH nun angeboten hat, alle Wettkampf- und Trainingskontrollen im deutschen Fußball zu übernehmen. Wir möchten Ihnen als langjährige Dopingkontrolleure hiermit vorab und exklusiv die Möglichkeit der Zusammenarbeit anbieten.”

BR-Reporter Sebastian Krause hat uns die Mail freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Wer sich näher mit der Firma SMS beschäftigt, findet im Handelsregister zwei interessante Punkte. Erstens ist die Gründungsurkunde des Unternehmens bereits vom 9. Juli 2014. Die beiden DFB-Kontrolleure gründeten ihre Firma also schon Monate bevor öffentlich bekannt wurde, dass die NADA in Zukunft alle Kontrollen im Fußball übernehmen würde – und damit ein lukrativer Auftrag in Sicht war.

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In der Gründungsurkunde ist zudem zu sehen, dass die Kontrolleure den Zweck der Firma bereits klar umrissen haben. Es geht um “die Organisation, Koordination und Durchführung von Dopingkontrollen im In- und Ausland vor allem im Fußballsport aber auch in allen anderen Sportarten; dies sowohl als Trainingskontrollen als auch als Wettkampfkontrollen.”

Zu einem Zeitpunkt, zu dem zumindest öffentlich noch nicht bekannt war, dass es bald eine Ausschreibung für die Wettkampf- und Trainingskontrollen im Fußball geben würde.

“Nachdem im Oktober 2014 in den Medien kommuniziert wurde, dass die NADA die Wettkampfkontrollen des DFB übernehmen werde, haben wir der NADA im Spätherbst 2014 initiativ ein Angebot zur Übernahme der Kontrollen unterbreitet”, schreibt uns dazu Gregor Weimbs, Geschäftsführer von SMS. Bereits im Januar 2013 habe er die Firma als GbR gegründet und im Sommer 2014 die Rechtsform zu einer GmbH verändert. Weiter antwortet uns Weimbs, dass seine Firma sich initial im letzten Sommer für eine Ausschreibung der NADA interessierte, “die den Fußballsport nicht enthielt.”

Die nun auch uns vorliegenden E-Mails geben auch einen Blick auf die Bedingungen frei, unter denen Dopingproben im deutschen Fußball genommen werden. Für eine Wettkampfkontrolle gibt es ein Honorar von 350 Euro brutto plus Reisekosten. Davon muss der Kontrolleur die Umsatzsteuer abziehen und seinen Helfer bezahlen. Für eine Trainingskontrolle gibt es lediglich 50 Euro brutto plus Reisekosten.

“Wettkampf- und Trainingskontrollen unterscheiden sich i.d.R. deutlich durch die Anzahl der getesteten Sportler und den kalkulierten Zeitaufwand. Insofern sehen wir hier keinerlei Diskrepanz bei der Honorierung”, schreibt Gregor Wimbs vom SMS. “Bezüglich der Abhängigkeit der Qualität der Kontrollen von der Höhe des Honorars können wir keine Korrelation herstellen.”

Im neuen Anti-Doping-Code der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA steht, dass Trainings- und Wettkampfkontrollen ab 2015 durch die Nationalen Anti-Doping-Organisationen durchgeführt werden müssen (-> PDF Punkt 6). Dass nun langjährige Kontrollärzte des DFB den Auftrag für Trainings- und Wettkampfkontrollen bekommen haben, ist interessant.

“Etwa ein Drittel dieser Kontrolleure haben vorher selbständige Dienstleistungen als Dopingkontrolleure u.a. für den DFB erbracht”, schreibt uns Weimbs. Da die Kontrolleure einem klar durch die WADA definierten Protokoll folgen würden, sehe er kein Konfliktpotential. “Alle Kontrolleure der SMS GmbH treten im Auftrag und Namen der NADA auf.”