„Selbst der Toilettengang wird da zur Herausforderung.“ Als Sofie, die eigentlich anders heisst, in einer Kita in Winterthur ein Praktikum als ungelernte Kraft macht, teilt sie sich die Verantwortung für 12 Kinder an gewissen Tagen mit einer einzigen anderen Person. „Das ist sehr schlecht, denn so kannst du praktisch gar nicht auf die Kinder eingehen und sie individuell viel weniger fördern.“ Manche Kinder sind vier Jahre, andere erst einige Monate alt. Die unter Dreijährigen brauchen eine Rundum-Betreuung. Sie einfach mal alleine lassen: Keine Option.
Der Engpass in der Kita in Zürich ist kein Einzelfall. Kitas in der ganzen Schweiz leiden unter Personalmangel. Zugleich sind sie teurer als überall sonst in Europa. Wie kann das sein?
Die Antwort könnte in der Struktur liegen. Denn ein Grossteil der Schweizer Kitas werden privat betrieben, auch profitorientiert. Im Kanton Zürich sind es beispielsweise rund 95 Prozent. Darunter sind grosse Ketten mit dutzenden Einrichtungen. Manche sind für die Betreiber so lukrativ, dass sogar Private Equity Anleger in sie investieren. Auf der Strecke bleiben die, um die es eigentlich gehen soll: Die Kinder und diejenigen, die sich um sie kümmern sollen, Kita-Mitarbeitende.
CORRECTIV.Schweiz recherchiert zu Missständen im Kita-System. Zu hohe Tarife, schlechte Arbeitsbedingungen, die unzureichende Betreuung verursachen können, struktureller Personalmangel. Wie erlebst du deine Kita? Sei es als Betreuerin oder als Erziehungsperson. Berichte uns von deinen Erfahrungen und hilf mit, Veränderung anzustossen.
Offene Stellen und hohe Fluktuation
Die, die in den Kitas die Kleinsten betreuen, bleiben entsprechend nicht lang: Gemäss einer Umfrage unter Betreibern haben über alle Kitas hinweg durchschnittlich zwei ausgebildete Betreuungspersonen die jeweilige Einrichtung verlassen. Gemäss einer Umfrage des Branchenverbands Kibesuisse hatten 95 Prozent aller Kitas im Jahr 2022 mindestens eine offene Stelle zu besetzen. Aktuellere Zahlen gibt es laut Kibesuisse nicht.
In dem halben Jahr, das Sofie an ihrem ersten Arbeitsort verbracht hat, sind fünf Personen gegangen. Alle hätten psychische Gründe genannt. Der Spardruck war zudem immens. „Es waren sehr viele Kinder, zum Znüni gab es einen Apfel, der rumgereicht wurde, eine Ecke vom Toastbrot für jedes Kind, zum Zmittag gab es kein Gemüse.“ Lehrlinge und Praktikantinnen mussten vor allem putzen, das Arbeitsklima war schlecht.
Wenig Erfahrung, viel Verantwortung
Lorena, die eigentlich anders heisst, ging es kaum besser. Sie arbeitete in einer privaten Kita in Basel, die zu einer Kette gehört.
Das aus ihrer Sicht grösste Problem: Die Überlastung der Auszubildenden. „Du bist 15 Jahre alt, kommst in so einen Betrieb und musst plötzlich jeden Tag enorme Verantwortung übernehmen, bist überlastet, musst verschiedenste Rollen einnehmen: mit Eltern sprechen, mit Kindern, auch noch zwei Tage in die Schule gehen, das ist eine krasse Ausbeutung mit einem Lehrlingslohn von nicht mal 10 Franken die Stunde.”
Zudem seien die betroffenen Personen durch die Lehre angewiesen auf einen Betrieb. Sie müssten also oft auch einfach im Betrieb bleiben, obwohl sie nicht wollen. „Den Betrieb zu wechseln ist schwierig, man weiss trotz vieler freier Stellen nicht, ob man direkt einen neuen Platz findet.“
So, wie Lorena es berichtet, gleicht die Ausbildung in der Kita einem Glücksspiel. „Es ist so abhängig davon, was es für ein Betrieb ist.” Es fehle zudem an Kontrollinstanzen.
Lorenas Kita lag neben einem Spital, also mussten die Kinder immer ruhig sein. Fast jeden Tag habe es eine neue Regel gegeben, so durfte man plötzlich nicht mehr rufen. Gemäss gesetzlichen Vorgaben wurden die formalen Bedingungen für „kinderfreundlich” eingehalten, aber der Ort und vor allem seine Umgebung seien gar nicht kinderfreundlich gewesen.
Sparen am Essen und Personal
Auch in Lorenas Kita ging es vor allem ums Geld. „Beim Zvieri und Znüni durften wir nur Rationen auf den Tisch legen, weil mehr nicht ins Budget gepasst hat.“
Am meisten sparen lässt sich hingegen am Personal. Die Folge: „Es gibt in den Kitas in der Regel einfach viel zu wenig Leute”, beschreibt Selina von der Selbsthilfeorganisation Trotzphase, die betroffene Mitarbeitende gegründet haben. Auch sie will ihren wahren Namen nicht nennen.
Offene Stellen würden nur langsam besetzt, wegen der vielen Kündigungen fehle Kindern Beständigkeit. Zudem sei es so, dass selbst der offizielle Personalschlüssel in manchen Kantonen extra tief gehalten werde. Dort würden zu wenig Leute eingerechnet. „In den Kitas werden die Lernenden zudem dazu gezählt, somit müssen Lernende und Praktikantinnen schon sehr früh viel Verantwortung übernehmen.“ Der Grossteil des Personals sei somit noch nicht ausgelernt und habe auch noch nicht viel Erfahrung.
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„Ich bin auch schon in Kitas schnuppern gegangen, wo Spielsachen irgendwo verteilt und alle Bücher kaputt sind“, so Selina. Die Eltern bekämen davon oft nur wenig mit. „Es gibt Kitaketten, wo die Eltern immer nur an einen Standort zur Besichtigung eingeladen werden, weil das der Schönste ist.”
In Zürich streben Kita-Mitarbeitende aktuell einen Gesamtarbeitsvertrag an – für die Deutschschweiz ein Novum. Knackpunkt ist der Lohn. „In den meisten Kitas, vor allem bei den Ketten, ist der Lohn sehr niedrig. Wenn du für die Stadt Zürich in einer Kita arbeitest, dann hast du einen guten Lohn. Aber in Privaten ist vor allem der Einstiegslohn extrem tief, das ist unverhältnismässig in Bezug auf die Menge an Verantwortung, die die Leute tragen.”
Selina sagt, sie kenne viele Leute, die krank geschrieben wurden. Viele Leute, die weggehen. Da sei Überforderung wegen zu grosser Verantwortung, wegen zu vielen Überstunden, weil es zu laut ist. „Es braucht mehr Qualität in den Kitas, mehr Geld, mehr Verantwortung, die von der Politik übernommen wird.”
Viel Geld für wenig Kapazität
Mehr Geld? Das tönt überraschend. Denn die Kosten für Kinderbetreuung sind in der Schweiz horrend. Nirgends in Europa geben Eltern mehr dafür aus.
Schweizer Eltern zahlen je nach Kanton bis zu 3000 Franken im Monat.
Regionale Unterschiede (Vollzeit pro Monat vor Subventionen)
- Zürich: ca. 2’500 – 2’800 CHF (private Kitas teils über 3’000 CHF)
- Genf: ca. 2’700 – 3’000 CHF
- Bern: ca. 2’200 – 2’500 CHF
- Freiburg / Waadt: ca. 2’400 – 2’700 CHF (stark einkommensabhängig)
Das sei jedoch noch nicht genug, um die Kosten zu decken, bemängelt der Dachverband kibesuisse. „Heute tragen alle Beteiligten die Folgen der unzureichenden Finanzierung: die Kitas müssen die Widersprüche zwischen qualitativ guter Betreuung, gut ausgebildetem Personal, stabilen Betreuungsteams und ausreichend Zeit für Beziehungsaufbau und finanziellem Druck im Alltag auffangen“, sagt kibesuisse-Mediensprecher Maximiliano Wepfer.
Text & Recherche: Hanna Fröhlich
Redaktion: Marc Engelhardt
Faktencheck: Annika Joeres
Illustration: Nour Elkot
Kommunikation: Charlotte Liedtke
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