Gefährliche Keime

Verschweigen statt aufklären

Ein Hygieneskandal erschüttert die Uniklinik Mannheim. Die Untersuchungen stocken. In der Expertenkommission gibt es Zweifel am Aufklärungswillen. Das ergeben Recherchen der Funke-Mediengruppe, unser Kooperationspartner in der Serie zu tödlichen Keimen.

von Jonathan Sachse

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Erst Dreck im OP-Besteck, dann schlecht gereinigte Endoskope: Seit Monaten ermittelt die Staatsanwaltschaft den Hygieneskandal am Universitätsklinikum Mannheim. In die laufenden Untersuchungen platzt jetzt eine neue Affäre. Nach Recherchen der Funke-Mediengruppe verschleierten Verantwortliche einen Eklat in der Expertenkommission, die den Skandal aufklären soll. Die beiden einzigen Hygiene-Experten in dem sechsköpfigen Gremium sind ausgetreten. Die Klinik verschwieg diese Vorgänge nicht nur. Auf Anfrage täuschte sie falsche Tatsachen vor und tat so, als wäre die Kommission noch komplett.

Der Aufsichtsrat der Klinik unter dem Vorsitzenden Peter Kurz (SPD) hatte eine Untersuchungskommission eingesetzt. Kurz ist nicht nur Chef des Kontrollgremiums, sondern auch Oberbürgermeister der Stadt Mannheim, die das Uniklinikum trägt. Beides will er bleiben. Am 14. Juni wählt Mannheim einen neuen OB. Kurz tritt wieder an.

Die Mitglieder der Untersuchungskommission sollten sich schriftlich verpflichten über ihre Erkenntnisse nach außen zu schweigen. Nach Informationen der Funke-Mediengruppe strich ein verärgertes Kommissionsmitglied den Passus kurzerhand aus der Vereinbarung. Es kam zum Bruch, als zwei Hygieniker nur zu Telefonkonferenzen eingeladen wurden, aber sich nicht vor Ort im Krankenhaus umschauen konnten.

Innerhalb von drei Tagen traten zwei Kommissionsmitglieder aus: am 30. Januar Professorin Heike Martiny aus Berlin, Expertin für die sterile Aufbereitung medizinischer Geräte; und am 2. Februar Professor Heinz-Michael Just aus Nürnberg, Klinikhygieniker und Mitglied der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) am Robert-Koch-Institut in Berlin. Die vom Aufsichtsrat des Klinikums eingesetzte Instanz zur Aufklärung des Hygieneskandals stand ohne Hygiene-Kompetenz da.

Zurück blieben vier Mitglieder mit anderen Stärken: Kommissionschef Professor Oliver Kölbl ist Chef der Strahlenklinik und Ärztlicher Direktor am Uniklinikum Regensburg, Frank-Michael Vrede Geschäftsführer des Krankenhausdienstleisters Vamed, Harald Schmidt Ex-Manager der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, Harald Heck Leiter der Arbeitsgemeinschaft Medizinrecht beim Mannheimer Anwaltsverein.

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Genau dieser Sachverhalt wurde vertuscht. Sechs Wochen nach den Austritten unterschlugen die Verantwortlichen die Rücktritte. Auf Anfrage der Funke-Mediengruppe täuschten sie Normalität vor und übermittelten eine Liste mit der Ursprungsbesetzung – mit den Namen Martiny und Just. Erst durch mehrfache Rückfragen schoben die Verantwortlichen nach und nach ein Stück der Wahrheit nach. Die Professorin Martiny habe „ihre Arbeit in der Kommission Ende Januar beendet.” Die genaue gegenwärtige Funktion von Just bleibt ungeklärt.

Der Abschlussbericht der Expertenkommission sollte ursprünglich schon im Februar vorliegen. Jetzt heißt es, man rechne „im Frühjahr 2015“ damit.

Rückblick: Eine tote Fliege im OP-Besteck. Veraltete Waschmaschinen zur Reinigung von OP-Besteck. Ungenügend qualifiziert Reinigungspersonal. Die Vorwürfe gegen das Uniklinikum Mannheim betreffen besonders Pflichtabläufe zum hygienischen Umgang mit medizinischen Geräten. Die Staatsanwaltschaft begann im Oktober 2014 gegen sechs Personen zu ermitteln. Ob die Ermittler auch die Führungsebene der Klinik im Visier haben, ist nicht bekannt. Der Verdacht: Verstoß gegen das Medizinproduktegesetz und gegen Hygienevorschriften. Die Vorwürfe reichen bis zu gezielter Verunreinigung von medizinischem Gerät. Im Zuge der Hygiene-Affäre trat Alfred Dänzer Ende des vergangenen Jahres als Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) ab.

Recherchen von CORRECTIV, der Funke-Mediengruppe, der ZEIT und ZEIT-ONLINE hatten jüngst schwere Hygienemängel in Kliniken offengelegt. Der Reporter Klaus Brandt bleibt für die Funke-Mediengruppe am Thema dran.

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