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CORRECTIV bleibt auch nach der ersten Veröffentlichung einer Geschichte am Thema dran. Wir recherchieren weiter, wir aktualisieren und veröffentlichen Einzel- oder Folgeartikel. Diese finden Sie hier.

HPV-Impfung in Sao Paulo, Brasilien© Bild von Pan American Health Organization PAHO unter CC-Lizenz

Gefährliche Keime

Eine Impfung kann Krebs vorbeugen – doch die, die sie am meisten benötigen, kriegen sie nicht

Gebärmutterhalskrebs ist die einzige Krebsform, die heutzutage weitgehend vermieden werden könnte. Screening-Verfahren können frühzeitig sogenannte Läsionen entdecken, bevor sich die Krankheit voll entwickelt. Seit einigen Jahren ist die Medizin der Wurzel des Problems näher gekommen: Es gibt es sogar eine Impfung gegen die Papillomviren, die diesen Krebs verursachen. Doch kulturelle und soziale Widerstände sowie hohe Kosten bremsen deren Entwicklung.

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von Eva Belmonte

2015 starben mehr als 278.000 Frauen weltweit an Gebärmutterhalskrebs. In 41 Ländern ist diese Krankheit der tödlichste Krebs für Frauen. Und das, obwohl es längst Vorsorgeuntersuchungen gibt, die Vorstufen, so genannte Läsionen, frühzeitig entdecken. Damit das Screening funktioniert, müssen Frauen jedoch regelmäßig gynäkologisch untersucht werden. Das findet in Ländern mit geringen Ressourcen und schlechter Infrastruktur nicht statt.

Die HPV-Impfung


Das Virus

Die meisten sexuell aktiven Menschen infizieren sich irgendwann in ihrem ihrem Leben mit HPV, viele davon merken es nicht einmal. Unter Frauen jedoch kommt es manchmal zur Bildung sogenannter Läsionen. Gynäkologische Untersuchungen können diese entdecken – und sie können bei Verschlimmerung behandelt werden, bevor sie sich zu Krebs weiterentwickeln. Der ganze Prozess kann zehn Jahre dauern. Zehn Jahre oder mehr, in denen die Krankheit verhindert werden könnte.


Die Hersteller

Zwei Labore produzieren den Impfstoff gegen HPV, die unter anderem Verursacher von Gebärmutterhalskrebs sind: Merck (Gardasil) und GlaxoSmithKline (Cervarix). Letzterer schützt gegen Infektionen der Virentypen 16 und 18. Gardasil4 dagegen ist tetravalent und schützt gegen Typ 6, 11, 16 und 18. Eine neue Variante, Gardasil9, erweitert den Schutz auf neun Virentypen.


Der Impfstoff

Der HPV-Impfstoff ist einer der neuesten und teuersten auf dem Markt. Die Vereinigten Staaten kaufen die neueste Version von Gardasil, die gegen neun Typen des Virus schützt, für 109,60 Euro bis 125,70 Euro pro Dosis – je nachdem ob für Kinder oder Erwachsene. Merck verkauft die einfachere Version des Wirkstoffs, die gegen vier Virentypen schützt, für 22 Euro an Portugal und für 14,50 Euro an die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Spanien kauft Gardasil und ein weiteres Präparat (Cervarix von GlaxoSmithKline) zum gleichen Preis: 29,16 Euro pro Dosis. Schätzungen aus dem aktuellen Beschaffungsvertrag legen nahe, dass Spanien bis 2020 pro Jahr knapp sieben Millionen Euro ausgeben wird.


Die Effektivität

Eine Serie von Studien hat 2008 und 2009 die Effektivität des HPV-Impfstoffs im Vergleich zu dessen Kosten in verschiedenen Ländern untersucht. Eine davon konzentrierte sich auf Lateinamerika. Das Ergebnis: der gegen zwei Virentypen wirksame Impfstoff für die vollständige Immunisierung eines Mädchens (für die mehrere Dosen nötig sind) müsste insgesamt weniger als 25 Dollar kosten, um ihn auch für ärmere Länder attraktiv zu machen Die Preise müssen also fallen.


Die Hürden

Laut eines Berichts der WHO von 2013 sind die großen Hürden auf dem Weg zur Einführung dieses Impfstoffs neben den Kosten auch die Schwierigkeit, unbeschulte Mädchen zu erreichen (die Impfung wird zwischen 9 und 13 Jahren empfohlen) sowie „Gerüchte oder Desinformation“.


Die Initiativen

Es gibt internationale Initiativen mit dem Ziel, ärmeren Ländern den Impfstoff günstiger bereitzustellen. Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) kann ihn etwa für knapp acht Euro pro Dosis bereitstellen. Die unter anderem von der Gates-Stiftung unterstütze Global Alliance for Vaccines and Immunization (GAVI), die die ärmsten Länder versorgt, sogar für nur knapp über vier Euro.


Mauricio Maza ist Medizinischer Direktor bei Basic Health International, einer Organisation im Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs. Er arbeitet in El Salvador, ein Land in dem diese Krankheit mehr Frauen tötet als Brustkrebs. „Gebärmutterhalskrebs attackiert die ärmsten Frauen, die keinen Zugang zu den Tests haben“, sagt Maza. Nur selten treffe die Krankheit jemanden, der die nötigen Ressourcen für die Behandlung habe. Deshalb sähen wir auch keine berühmten Frauen im Fernsehen oder in Magazinen über Gebärmutterhalskrebs reden, so wie es bei Brustkrebs der Fall ist.

Arme Länder? Keine Impfung

Die Daten geben Maza recht. Die Länder mit den höchsten geschätzten Todesraten für Gebärmutterhalskrebs sind die ärmsten Länder der Welt.  Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellte in einer Untersuchung fest, dass bis Ende 2015 nur 66 von 194 Ländern die HPV-Impfung in ihre Immunisierungsprogramme aufgenommen hatten. Und genau die Länder, die besonders unter Gebärmutterhalskrebs leiden, sind überwiegend nicht dabei. Ohne externe Hilfe können viele Länder die Impfungen nicht finanzieren.

Die Impfung wird dort eingeführt, wo es am wenigsten notwendig ist – in Ländern wie Deutschland mit den wenigsten Fällen und geringsten Todesraten durch Gebärmutterhalskrebs. „Ja, manchmal kritisieren Leute das. Aber manchmal muss man so etwas dort machen, wo die Dinge besser organisiert sind. Dort, wo ernste Fälle mit Nebenwirkungen analysiert werden können, sodass die Anderen überzeugt werden“, sagt Mireia Díaz, Expertin für Prävention, Auswirkungen und Kosten von Gebärmutterhalskrebs am Catalan Institute of Oncology in Barcelona, Spanien.

Aktuelle Impfstoffe seien ohnehin nicht die „komplette Lösung“, sagt Díaz. Sie ersetzen nicht die Vorsorgeuntersuchungen. Sie erreichen nicht alle. Und sie schützen zwar gegen die Viren, die mehr als 70 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs verursachen – aber nicht gegen den Rest.

27 Tage Arbeit für eine Impfung

In vielen armen Ländern wird der Impfstoff nicht über das öffentliche Gesundheitssystem – und damit gratis – verteilt. Viele Frauen kommen daher nur über Privatkliniken an ihn heran. Der Gynäkologe Gerson Eduardo Gálvez Torres arbeitet für Aprofam, ein Netzwerk von gemeinnützigen Kliniken in Guatemala, das auf sexuelle Gesundheit spezialisiert ist. Er sagt, sehr wenige Leute fragten bei ihm vor Ort nach der Impfung.

In Guatemala bieten den Impfstoff zudem nicht alle Kliniken an. Unter diejenigen, die ihn anbieten, verlangen 100 bis 200 Euro pro Dosis. Meistens werden drei Dosen benötigt. Der Mindestlohn in Guatemala beträgt 86,90 Quetzale, das sind etwas über 11 Euro – pro Tag. Die volle Immunisierung kostet also mindestens 27 Arbeitstage.

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Diese Preise sind in Guatemala und anderen Armutsländern also ähnlich hoch wie die in Ländern mit deutlich höheren Einkommen wie Spanien oder den Vereinigten Staaten. „Die meisten Leute können sich das nicht leisten“, sagt Dr. Gálvez.

„Medicamentalia Vaccines“ ist ein Rechercheprojekt unseres Partners Civio, einer spanischen Redaktion für investigativen Journalismus. Das Projekt untersucht den gegenwärtigen Stand von Impfungen weltweit und stützt sich dafür auf Datenanalysen und Recherchen vor Ort in mehreren Ländern. Es wird von „Journalism Grants“ gefördert, einem Projekt des „Euroepan Journalism Centre“ mit Mitteln der Bill & Melinda Gates Foundation. Die Stiftung engagiert sich für Impfprogramme weltweit, hatte aber auf diesen Beitrag keinen Einfluß.
Übersetzung aus dem Englischen: Nándor Hulverscheidt

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Gefährliche Keime

Sieben Dinge, die Du tun kannst, um Antibiotikaresistenz zu verhindern

Keime, die gegen Antibiotika immung geworden sind, stellen ein Problem für die globale Gesundheit dar. Was du gegen ihre Ausbreitung tun kannst.

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von Victoria Parsons

1. Wasch deine Hände

Photo credit: Jar [o] licensed under Creative Commons

Und zwar gründlich – jedes Mal, wenn sie schmutzig sind, wenn du auf der Toilette warst, ehe du isst oder Essen zubereitest. Händewasche schränkt die Ausbreitung von Bakterien wirksam ein. Es schützt vor Infektionen. Es schützt dich. Es schützt jene, mit denen du Kontakt hast.

Mehr Tipss über das Händewaschen.

2. Nimmst du Antibiotika? Dann halte dich an die Anweisungen des Arztes

Photo credit: freestocks.org licensed under Creative Commons

Jeder Erwachsene kennt diesen Rat: Wer mit einer Antibiotika-Behandlung beginnt, muss sie vorschriftsmäßig beenden. Muss die Kapseln vielleicht weiter nehmen, aucg wenn es einem bereits geht und die Symptome verschwunden sind. Unterbricht man die Behandlung, macht man es Keimen leichter, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln.

Wobei: Einige Wissenschaftler stellen diese Doktrin neuerdings in Frage. Sie halten es für besser, wenn man Antibiotika absetzt, sobald die Symptome abgeklungen sind. Weil Keime jedes Mal, wenn sie in Kontakt kommen mit Antibiotika, Resistenzen ausbilden können.

Was folgt daraus? Dass du den Anweisungen folgst, die dein Arzt dir gibt, wenn er dir Antibiotika verschreibt. Fragen sie bei der Gelegenheit gern, wie er diese Debatte beurteilt.

Quelle: UK National Health Service

3. Fleisch gut kochen und handaben

Photo credit: Kyle Brammer licensed under Creative Commons

Einige Antibiotika-resistente Keime entstammen aus der Nahrung, etwa Salmonellen, Campylobacter und E. Coli. Werden Nutztiere mit Antibiotika behandelt, können Keime, die gegen die Medikamente resistent sind, die Behandlung überleben. Die Keime können sich im Darm vermehren und auf dem Fleisch bleiben, bis es beim Kunden in der Küche angelangt ist.

Rohes Fleisch kann Mahlzeiten mit resistenten Keimen verunreinigen. Beim Kochen Fleisch, waschen Sie Ihre Hände vor und nach. Behandeln Sie das Fleisch richtig: Verwenden Sie keine Schneidebretter oder Messer, die ungekochtes Fleisch auf andere Teile der Mahlzeit berührt haben.

Rohes Fleisch muss ausreichend gekühlt werden. Verarbeite rohes Fleisch nicht, wenn du eine offene Wunde an den Händen hast. Hier weitere Tipps.von CORRECTIV zum Umgang mit rohem Fleisch.

Quelle: CDC

4. Vorsicht beim Besuch von Freunden und Familie im Krankenhaus

Photo credit: dreamingofariz licensed under Creative Commons

Ehe du das Krankenzimmer betrittst und ehe du es verlässt, solltest du dir die Hände waschen. Das hilft, die Ausbreitung von Keimen im Krankenhaus einzudämmen.

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Ärzte und Krankenschwestern sollten ihre Hände waschen, bevor sie einen Patienten berühren – und es ist völlig in Ordnung, nachzufragen, ob sie das gemacht haben. In den USA ermutigen Krankenhäuser ihre Patienten, die Ärzte, zu fragen, ob sie ihre Hände gewaschen haben. Einige Ärzte und Krankenschwestern tragen sogar Sticker, auf denen steht, dass man sie gern an das Händereinigen erinnern möge.

Wer Ringe trägt oder künstliche Fingernägel hat, bietet Keimen einen guten Platz zum Überleben. Diese Stellen sollte man darum besonders sorgfältig waschen.

Weitere Tipps hier.

5. Überleg es dir gut, ehe du bei einem Husten oder eine Erkältung Antibiotika nimmst

Photo credit: Rebecca Brown licensed under Creative Commons

Virale Infektionen – Husten, Erkältungen, Grippe, Halsschmerzen, Bronchitis – können nicht mit Antibiotika behandelt werden. Antibiotika bekämpfen keine Infektionen, die direkt durch Viren verursacht werden, nur solche, die durch Bakterien verursacht werden.

Wer Antibiotika einnimmt gegen Husten oder Grippe, der wird erstens nicht davon geheilt. Der wird zweitens weiterhin andere mit den Viren anstecken können. Und trägt drittens dazu bei, dass unnötig Antibiotika eingenommen werden – und so Resistenzen entstehen können.

Wer Antibiotika bei einer Erkältung einnimmt, tötet lediglich harmlose Bakterien im eigenen Körper damit ab, während AAntibiotika-resistente Bakterien überleben. Die sich dann weiter verbreiten können.

Quelle: CDC

6. Halt deinen Impfschutz auf dem laufenden.

Photo credit: NIAID licensed under Creative Commons

Die erste Devise beim Kampf gegen Antibiotikaresistenz ist: Gesundheit. Besser, als Krankheiten zu kurieren, ist es natürlich, gar nicht ist es ungleich vorteilhafter, gar nicht erst krank zu werden. Als Krankheit zu verhindern, als sie zu behandeln.

Impfstoffe schützen dich und die Menschen, mit denen du Kontakt hast. Etliche einst gefährnliche Infektionskrankheiten – Polio, Masern, Keuchhusten, deutsche Masern, Mumps und Tetanus – sind dank Impfungen unter Kontrolle. Impfstoffe Millionen Leben gerettet.

Gerade, wenn du ins Ausland reist, achte auf ausreichenden Impfschutz. Kümmere ich rechtzeitig darum, lange genug vor deiner Abreise.

Quelle: CDC

7. Schütz dich vor Geschlechtskrankheiten

Photo credit: Jenny Koske licensed under Creative Commons

Infektionen wie Chlamydien, Gonorrhoe und Syphilis werden durch Bakterien verursacht und in der Regel mit Antibiotika behandelt. Wobei es immer schwieriger wird, etliche dieser Geschlechtskrankheiten zu behandeln. Erstens, weil mehrere von ihnen gar nicht diagnostiziert werden. Zweitens, weil sie zum Teil bedrohliche Resistenzen entwickeln.

Das gilt gerade für Gonorrhoe, im Volksmund „Tripper“ genannt. Mediziner haben Stämme multi-resistenter Gonorrhoe-Keimen nachgewiesen, die auf kein einziges verfügbares Antibiotikum reagieren. Und: Bei Frauen verläuft die Gonorrhoe häufig ohne Symptome. Doch unbehandelte Geschlechtskrankheiten können die Gesundheit langfristig schädigen.

Schütze dich vor Geschlechtskrankheiten. Lass dich und deinen Partner regelmäßig testen. Lerne, mögliche Symptome zu erkennen. Erfahre mehr über drogenresistente STI’s und was du tun kannst, um sie zu bekämpfen

Quelle: WHO and CDC

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Gefährliche Keime

Zehn wichtige Entdeckungen in der Geschichte der Antibiotika

Antibiotika haben Millionen Menschen das Leben gerettet. Hier sind zehn wichtige Momente in ihrer Entwicklung.

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von Victoria Parsons

Alexander Fleming entdeckt Penicillin 

Image credit: Monica Arellano-Ongpin licensed under Creative Commons

Am 3. September 1928 kam Fleming von seinem Urlaub zurück an seinen Possen als Bakteriologie-Professor am St Mary’s Krankenhaus in London und ordnete seine Petrischalen. Die schalen enthielten Staphylococcus-Bakterien, die etwa Wundbrand verursachen. Eine Schale war besonders: Sie hatte einen Fleck mit Schimmel – und drumherum waren die Bakterien tot. 

Fleming fing an, mit dem Extrakt des Schimmels zu experimentieren und fand heraus, dass es weitere Bakterienarten abtöten konnte. 1929 veröffentlichte er seine Ergebnisse. Obwohl noch viele Jahre vergehen sollten, bis Penicillin aus dem Extrakt isoliert und als die wirksame Substanz darin ausgemacht werden konnte, stehen diese Experimente für die Entdeckung des ersten echten Antibiotikums. 

Quelle: The American Chemical Society

 „Wundermittel“ Penicllin wird für Soldaten im Zweiten Weltkrieg entwickelt

 

Ein Gefäß aus Glas für die Herstellung von Penicillin.  Image credit: Wellcome Images licensed under Creative Commons

Nachdem Fleming es entdeckte, geriet Penicillin erstmals in Vergessenheit. Es war nämlich sehr schwer, den Stoff aus Schimmelpilzen zu isolieren. 

Im Zweiten Weltkrieg wurde es klar, dass eine Massenproduktion des Mittels vielen Soldaten das Leben retten könnte. Die Regierungen der USA und Großbrittaniens regten die Pharmaindustrie an, nach Lösungen zu suchen.

Pharma-Firmen wählten unterschiedliche Ansätze, doch Pfizer war zuerst erfolgreich. Dafür bekam das Unternehmen 2008 eine Auszeichnung der American Chemical Society.

Bis zum D-Day wurden über 2 Millionen Dosen Penicillin  hergestellt. Pharma-Hersteller ließen Poster erstellen, die lauteten: „Dank Penicillin, wird er nach Hause kommen!“

Cephalosporine werden 1945 isoliert

Image credit: Pablo Fernandez licensed under Creative Commons

Das Bakterium Cephalosporium wurde 1945 zunächst von dem Wissenschaftler Giuseppe Brotzu aus Erde in Sardinien isoliert. Doch Brotzu fehlten die Mittel, um damit weiter zu forschen, und er schickte die Proben nach Oxford. Dort isolierten Edward Abraham und Guy Newton das Mittel Cephalosporin C daraus. 

Cephalosporine sind sogenannte Breitspektrum-Antibiotika, die gegen viele verschiedene Arten von Bakterien wirken. Sie werden noch heute bei vielen Krankheiten wie Harnwegsinfektionen oder Hirnhautentzündungen eingesetzt. Chemisch sind sie den Penicillinen ähnlich. 

Quellen: A Glimpse of the Early History of the Cephalosporins, Journal of Clinical Infectious Diseases, und NHS Evidence.

Chloramphenicol wird 1947 entdeckt

 

Image credit: Brother Magneto licensed under Creative Commons

Chloramphenicol wurde aus Erde und Kompost isoliert. Der Stoff wird von dem Bakterium Streptomyces venezuelae hergesstellt. Seine Wirksamkeit konnte er schnell unter Beweis stellen, als er gegen Typhus-Ausbrüche in Bolivien und Malaysia eingesetzt wurde.

In 1949 wurde Chloramphenicol in den USA als das erste Breitband-Antibiotikum zugelassen und erfreute sich sofort großer Beliebtheit. Diese schwand allerdings in den 1960-iger Jahren, als Nebenwirkungen auf den Knochemark bekannt wurden. 

Quelle: The Journal of Pediatric Pharmacology and Therapeutics

1948: Die ersten Tetracycline

Image credit: rchappo2002 licensed under Creative Commons

Der Stoff, der von den Actinomyceten-Bodenbakterien produziert wird, wurde 1948 beschrieben. Die Tetracycline gehören auch zu den potetenten Breitspektrum-Antibiotika. 

Source: New York Academy of Sciences

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Entdeckung von Colistin

Bakterium auf Petrischale, dass nur mit Colistin behandelt werden kann. Image credit: Nathan Reading licensed under Creative Commons

Colistin wurde zunächst 1947 beschrieben und wird seit 1959 gegen Entzündungen mit sogenannten gramnegativen Bakterien eingesetzt. Diese Bakterien haben eine zusätzliche Hülle und sind oft sehr schwer zu behandlen.

Da Colistin aber schwere Nebenwirkungen etwa auf die Nieren aufweist, wurde der Einsatz an Menschen schwer beschränkt und als Mittel der letzten Wahl reserviert. Dagegen fand es aber in der Tiermast massenhaften Eisnatz. Was kürzlich zu neuen restisten Erregern geführt hat.  

Quelle: UK Government’s Animal and Plant Health Agency

Aminoglykoside

Tuberkulose-Erreger. Image credit: Sanofi Pasteur licensed under Creative Commons

Aminogklykoside sind eine Klasse von Antibiotika, die sich durch hohe Wirksamkeit und niedrige Kosten auszeichnet. Als Nachteil können sie Nebenwirkungen etwa auf die Nieren entfalten. Trotzdem gehören sie zu den am weitesten verbreiteten Antibiotika.

Der erster Vertreter der Aminoglykoside war Streptomycin, das 1943 von US-Amerikanischen Biochemikern entdeckt wurde. Sie isolierten das Antibiotikum aus dem Bodenbakterium Streptomyces griseus. Streptomycin erwies sich unter anderem aktiv bei Tuberkulose..

Source: US National Library of Medicine National Institutes of Health 

Entdeckung der Makrolide

Image credit: Nathan Reading licensed under Creative Commons

Die Makrolide werden für die Behandlung von Streptococcus-Bakterien wie MRSA genutzt, wenn Penicillin nicht eingesetzt werden kann. Zu ihnen gehören die Stoffe Erythromycin und Clarithromycin, mit denen etwa Lungenentzündungen behandelt werden.  

Die Makrolide wurden in den 1950-igern entwickelt, nachdem Wissenschaftler Erythromycin aus dem Bodenbakterium Streptomyces erythraeus gewannen. In den 1970-igern wurden synthetische Verwande des Stoffs hergestellt, wie etwa Clarithromycin and Azithromycin.

Source: Encyclopædia Britannica

Das Aufkommen von MRSA 

Mikroskopie von einer Immunzelle, die MRSA-Bakterien frisst. Image credit: NIAID licensed under Creative Commons.

Methicillin-resistentes Staphylococcus aureus wurde zunächst 1961 in Großbritannien nachgewiesen, erst ein Jahr nachdem das Antibiotikium Methicillin hier eingeführt wurde. Die Bakterien waren bereits resistent gegen Penicillin und wurde daher zu den ersten bekannten „Superbugs“ – Bakterien, die gegen verschiedene Antibiotika resistent sind. 

MRSA blieben zunächst selten, doch allmählich wuchsen die Fallzahlen. In den 2000-er Jahren gab es mehrere Ausbrüche mit MRSA in brittischen Krankenhäusern. 

Es ist schwer abzuschätzen, wiele Opfer MRSA verursachen. Die US-amerikanische Infektionsschutzbehörde Centers for Disease Control and Prevention geht von 80.000 Infektionen und über 10.000 Toten pro Jahr im Land allein

Quelle: Journal of Antimicrobial Chemotherapy

Quinolone – synthetische Antibiotika

Bacillus megaterium. Image credit: Marc Perkins licensed under Creative Commons

Anders als die meisten anderen Antibiotika wurden die Quinolone synthetisch hergestellt. Ihre Entdeckung begann zufällig, bei Forschung zu dem Anti-Malaria-Mittel Chloroquin. Heute sind Quinolone sehr beliebt und werden auch gegen gramnegative Erreger eingesetzt.

Quelle: The Quinolones: Past, Present, and Future, Journal of Clinical Infectious Diseases

Das TV-Team entnimmt Proben bei Hyderabad

Das TV-Team entnimmt Proben bei Hyderabad© Christian Baars

Gefährliche Keime

Eine TV-Dokumentation zeigt, wie prächtig sich multiresistente Erreger im Abwasser von Pharmafabriken vermehren

Journalisten des NDR sind gemeinsam mit Infektionsforschern nach Indien gefahren, um das Abwasser bei Pharmafabriken zu untersuchen. In der Stadt Hyderabad fanden sie hohe Konzentrationen von Antibiotika ebenso wie antibiotikaresistente Bakterien. Die Auswertung der Wasserproben wurde auch in einer wissenschaftlichen Studie in der Fachzeitschrift „Infection“ veröffentlicht

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von Hristio Boytchev

Das Team aus Wissenschaftlern und Journalisten hatte im November 2016 an insgesamt 28 Standorten in Hyderabat Wasserproben entnommen und anschließend untersucht, ob darin Bakterien vorkommen, gegen die viele Antibiotika wirkungslos sind. Die Proben wurden unter anderem aus Leitungswasser, Bohrlöchern, Seen, Flüssen und Reisfeldern entnommen. Nur eine einzige Probe aus einem Vier-Sterne-Hotel enthielt keine resistenten Bakterien.

Gleichzeitig testete das Team 16 der Proben auf Rückstände von Arzneimitteln. Alle Umweltproben enthielten Antibiotika oder Pilzmittel. Negativer Rekordhalter war das Wasser aus einem Abflusskanal, das eine extrem hohe Konzentration des Pilzmittels Flucanazol enthielt. Die Konzentration war etwa eine Million mal höher als ein vorgeschlagener Grenzwert und das zwanzigfache dessen, was sich im Blut eines Patienten vorfindet, der das Medikament bekommt.

Schon aufgrund dieser hohen Konzentrationen folgern die Wissenschaftler, dass die Arzneistoffe höchstwahrscheinlich aus Abfällen von Pharmawerken stammen. Hyderabad ist als ein zentraler Produktionsstandort für Antibiotika weltweit bekannt. Mehr als 40 Fabriken haben die Autoren in der Umgebung der Stadt entdeckt.

NDR Journalist Christian Baars

NDR Journalist Christian Baars

Tilo Gummel / NDR

Die Wissenschaftler können nicht nachweisen, dass die gefundenen Antibiotika-Reste in den untersuchten Gewässern die Resistenzen verursacht haben. Die äußerst widerstandfähigen und deshalb gefährlichen Bakterien könnten etwa auch von Menschen oder Tieren stammen, die zuvor mit Antibiotika behandelt wurden. Es sei aber zumindest klar, dass diese hohen Konzentrationen in der Umwelt „nicht helfen“, sagte Christoph Lübbert, Infektionsmediziner am Uniklinikum Leipzig, der die wissenschaftliche Untersuchung verantwortete.

Die Arbeit bestätigt ältere Studien, die in Indien sowohl hohe Konzentrationen von Antibiotika, als auch resistente Erreger nachgewiesen haben. CORRECTIV hatte darüber im Oktober 2016 berichtet. Christian Baars vom NDR, einer der TV-Autoren, sagt, das Neue ihrer Untersuchung sei insbesondere das gefundene Pilzmittel. 

Von großer Relevanz sind die Befunde auch für Deutschland, denn Antibiotikaresistenzen, die in Indien entstehen, breiten sich global aus und werden etwa von Touristen auch nach Deutschland gebracht. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern kehren 90 Prozent aller Indien-Reisenden als Träger resistenter Bakterien zurück, in den meisten Fällen aber ohne daran zu erkranken. Zudem wird mittlerweile ein Großteil der Antibiotika weltweit in Indien und China hergestellt. Auch viele Medikamente, die in Deutschland in der Apotheke verkauft werden, stammen aus einem der beiden Länder.

Osnmania Hospital in Hyderabad

Osnmania Hospital in Hyderabad

Britta von der Heide / NDR

Kritiker fordern daher strengere Umweltstantards für importierte Arzneimittel. Tim Eckmanns, Leiter des Fachbereichs Nosokomiale Infektionen am Robert-Koch-Institut in Berlin, sieht mittlerweile genug Gründe, bessere Umweltstandards zu fordern. Würden die Pharmawerken weniger Abfälle produzieren, würden das Problem der Antibiotikaresistenzen zwar nicht verschwinden, allerdings könnte man damit die Probleme zumindest auf einfache Weise reduzieren, sagte Eckmanns. Dass es aber immer mehr Bakterien gibt, die sich unbeeindruckt von Antibiotika zeigen, liegt auch daran, dass viele Ärzte zu leichtfertig Antibiotika verordnen und auch Bauern die Medikamente zu häufig bei ihren Tieren einsetzen. Dazu kommen Hygienemängel in Kliniken und Tierställen.

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In einer ersten Reaktion auf den Film erklärte der Bundesverband des Pharmazeutischen Industrie (BPI), dass man den Bericht zum Anlass nehmen werde „auf die Einhaltung vereinbarter Umweltrichtlinien stärker einzuwirken“. Allerdings habe die Industrie, so BPI-Geschäftsführer Norbert Gerbsch, „keinen Einfluss auf die von den jeweiligen Ländern gesetzten Umweltstandards.“

Gegenwärtig gibt es auf EU-Ebene Vorschriften zur „Guten Herstellungspraxis“ von importierten Medikamenten, die aber nur die Qualität der Arzneistoffe regeln und keine Umweltaspekte umfassen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte gegenüber der ARD, das solle auch weiterhin so bleiben. „Mit einem erhobenen Zeigefinger“ und der Androhung, die Hersteller vom europäischen Markt auszuschließen, werde man das Problem nicht lösen. Indien und China müssten „ein eigenes Interesse bekommen, die Wirksamkeit der medizinischen Versorgung ihrer großen Bevölkerung nicht zu gefährden“, sagte Gröhe.

Hier geht es zur Dokumentation „Der unsichtbare Feind“ nach einer Recherche des NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung.

Gefährliche Keime

Tödliche Keime – Kooperation mit der Zeit

von Daniel Drepper

Jedes Jahr sterben in Deutschland tausende Menschen an multiresistenten Erregern. An Keimen, die nicht mehr auf Antibiotika anspringen und dem Patienten deshalb immer öfter keine Überlebenschance mehr lassen. Die Wunden entzünden sich, schließen nicht mehr. Irgendwann stirbt der Patient an multiplem Organversagen oder einer Lungenentzündung.

Wissenschaftler bezeichnen multiresistente Keime als einen Tsunami, langfristig sogar als ein größeres Problem als den Klimawandel.

Die Keime entstehen, weil in vielen Krankenhäusern einfachste Hygieneregeln nicht eingehalten werden. Weil Tierärzte und Fleischbarone noch immer tonnenweise Antibiotika ins Futter kippen. Und weil die Beteiligten bislang das Problem nicht entschlossen genug angehen.

Gemeinsam mit der ZEIT, ZEIT ONLINE und der FUNKE-Mediengruppe haben wir heute eine mehrmonatige Recherche veröffentlicht.

>>> Hier geht es zur Recherche: mrsa.correctiv.org

Wir haben uns mit genau diesen Keimen beschäftigt. Wir haben Abrechnungsdaten von allen deutschen Krankenhäusern analysiert und können zeigen, dass die Gefahr seit Jahren wächst. Deutsche Krankenhäuser rechnen manche gefährlichen Erreger heute 50 Prozent häufiger ab als noch vor vier Jahren.

Wir waren gemeinsam mit den Reportern unserer Kooperationspartner in Tiermastanlagen und auf Schlachthöfen, wir waren undercover im Krankenhaus und wir haben mit hunderten Experten und Betroffenen gesprochen.

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Die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser haben wir auf einer interaktiven Karte Landkreis für Landkreis visualisiert.

>>> Hier geht es zur Karte <<<

Die Recherche ist unser bislang größtes Projekt. Die Geschichten finden sich auch als Titelgeschichte in der ZEIT, bei ZEIT ONLINE und in den Zeitungen und Web-Portalen der FUNKE-Mediengruppe. Den Veröffentlichungen könnt Ihr auch bei Twitter unter dem Hashtag #tödlichekeime folgen – oder Euch dort an der Diskussion beteiligen.

Dazu berichten heute zahlreiche weitere Regionalzeitungen und Internetportale. Gestern Abend lief bereits ein Beitrag in den heute-Nachrichten des ZDF. In den kommenden vier Wochen werden unsere Kooperationspartner und wir immer wieder zu diesem Thema berichten.

Wir glauben, dass die Bekämpfung multiresistenter Keime zentral ist für unsere Gesundheit in den kommenden Jahrzehnten. Gehen wir fahrlässig mit diesem Problem um, stehen wir vor einer mittelalterlichen Zukunft, in der Menschen an Zahninfektionen und Blasenentzündung sterben.

Deshalb gehen wir bei CORRECTIV dieses Problem langfristig und international an. Wir stehen bereits in stetigem Austausch mit Reportern aus mehreren europäischen Ländern. Keime machen nicht an der Landesgrenze halt. Wer nichts verpassen will, abonniert unseren Newsletter.

Dazu können wir Unterstützung gebrauchen. Wer selbst Erfahrungen mit Hygiene-Problemen in Gesundheitseinrichtungen oder multiresistenten Keimen gemacht habt, kann seine Erlebnisse oder die seiner Bekannten und Verwandten in einem extra von uns entwickelten Fragebogen teilen. Wir sammeln diese Erfahrungen in strukturierter Form und veröffentlichen mittelfristig Geschichten dazu. Damit wollen wir den Betroffenen eine Stimme geben und die Missstände möglichst umfassend aufdecken.

Wer sich mit uns und anderen über multiresistente Keime und Hygienemängel in Gesundheitseinrichtungen austauschen möchte, kann unserer Facebook-Gruppe beitreten. Dort wollen wir einen Raum schaffen für Updates, Informationen, Diskussionen und Hilfestellung.

Gefährliche Keime

Tödliche Keime

Jedes Jahr sterben in Deutschland tausende Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern. Die Gründe: Zu viele Antibiotika, mangelnde Hygiene, politisches Zögern. Und die Zahlen steigen. Wissenschaftler warnen vor einem Tsunami, vor einer Katastrophe „größer als der Klimawandel“. Trotzdem schieben sich die Beteiligten die Verantwortung gegenseitig zu, kaum jemand geht voran und bekämpft die Keime mit voller Kraft. Wir zeigen, dass es schon jetzt viel mehr Fälle gibt, als offiziell verlautbart. Und gehen dieses Problem langfristig an, mit internationalen Recherchen. Dafür brauchen wir auch Eure Hilfe.

weiterlesen 15 Minuten

von Daniel Drepper

Andreas H. ist 49, als er mit Verdacht auf Krebs in die Helios-Klinik in Duisburg kommt. Die Ärzte nehmen einen Teil der Bauchspeicheldrüse weg, durchstechen dabei die Bauchwand. Sechs Wochen später hat Andreas zwölf Operationen hinter sich. Die Wunden schließen nicht mehr, sein Körper ist durchlöchert wie ein Sieb. Andreas H. stirbt mit den multiresistenten Keimen MRSA, VRE und ESBL im Blut. Antibiotika – doch eigentlich die Wunderwaffe gegen alles – hatten gegen diese Superkeime keine Chance.

Die 71-jährige Christel B. liegt im Oktober 2012 auf der Intensivstation des Philippusstiftes Essen-Borbeck. Diagnose: schwere Entzündung der Bauchspeicheldrüse, ausgelöst durch eine Gallensteinwanderung. Nach drei Eingriffen binnen drei Tagen hat sie sich mit MRSA infiziert. Zwei Wochen später ist Christel B. tot.

Rainer F. hat eine schwere Raucherlunge, bekommt kaum Luft. Im Krankenhaus machen die Ärzte einen Luftröhrenschnitt. „Komplikationslos“ sei der verlaufen, steht in den Akten. Doch Rainer F. infiziert sich mit MRSA, später kommt der Darmkeim VRE dazu. Wenige Tage später ein septischer Schock, Herzstillstand. Mit 57 Jahren.

Und dann wäre da noch Matthias Sammer. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, 1997, lässt sich der Fußballprofi am linken Knie operieren, mal wieder. Diesmal nur eine kleine Falte, korrigiert, alles gut, sagte der Professor im Martin-Luther-Krankenhaus Berlin. Doch nur wenige Stunden später fing das Knie an zu schmerzen, wurde dick. Sammer, schon wieder zu Hause, bekam Fieber. Die Ärzte hatten keine Erklärung: Gibt’s doch nicht. Noch einmal reingeguckt ins Knie, und dann hieß es nur noch: Um Gottes willen, so was haben wir noch nie gesehen. Keine Erklärung, wo das herkommt.

Drei Wochen lang lag Sammer dann in einer Klinik in Dortmund. Es ging um sein Leben. „Die Ärzte haben schwierige Gespräche mit meiner Frau geführt. Erst viel später hat sie mir davon erzählt. Alle Alternativen waren grauenhaft. Dass es wieder richtig gut wird, war die allerkleinste Möglichkeit.“ Die Keime wüteten im Körper des Fußballers, und kein Antibiotikum wirkte. Dann kam die letzte Hoffnung, ein allerletztes Antibiotikum. Das hat gewirkt. Es hat ihm das Leben gerettet.

Das war 1997, und es war das Ende des Fußballers Matthias Sammer, mit 30 Jahren. Bis heute könne er nicht joggen, sagt Sammer, schon ein Job als Trainer wäre vermutlich schwierig, zwei Stunden am Tag draußen mit der Mannschaft, das könnte problematisch sein. Jetzt ist Sammer Sportvorstand des FC Bayern.

Warum Matthias Sammer über seine schreckliche Infektion spricht?

„Es war dieses allerletzte Antibiotikum, was mich gerettet hat. Ich will keine Schlagzeilen produzieren, das ist das Letzte, was ich will. Aber ich rede mit Ihnen, weil ich aufrütteln will. Vielleicht kann man damit anderen Menschen helfen.“

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7.500 bis 15.000 Menschen sterben laut Bundesgesundheitsministerium in Deutschland jedes Jahr an Infektionen im Krankenhaus. Das allein wäre schon eine Schreckensbotschaft, denn das sind so viele wie alle Alkohol- und Drogentote eines Jahres zusammen. Doch die Zahl dürfte noch viel höher liegen.

Die ZEIT, ZEITonline, die Funke-Mediengruppe und CORRECTIV haben die Abrechnungsdaten aller deutschen Krankenhäuser ausgewertet. Daraus geht hervor, dass Ärzte bei gestorbenen Patienten jedes Jahr häufiger als 30.000 Mal einen der drei meistverbreiteten multiresistenten Keime MRSA, ESBL oder VRE abrechnen. Ob all diese Menschen auch an den Keimen gestorben sind, lässt sich aus den Daten zwar nicht ablesen. Experten sind sich aber sicher, dass die Zahl der Infektionen deutlich höher liegt, als das Gesundheitsministerium angibt.

„Es sind mindestens eine Millionen Infektionen und mehr als 30.000 bis 40.000 Todesfälle, wahrscheinlich weit mehr“, sagt Professor Walter Popp, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene.

Im vergangenen Jahr hat Popp gemeinsam mit Kollegen die offizielle Version wissenschaftlich hinterfragt. Popp schreibt, die Zahlen des Gesundheitsministeriums seien viel zu niedrig und „basieren in wesentlichen Teilen auf Arbeiten, die vor nahezu 40 Jahren erstellt wurden.“

Ein Großteil der Keime wird in den Kliniken nicht nur nicht abgerechnet, er fällt erst gar nicht auf. Die Krankenhäuser sind nicht verpflichtet, jedes Auftreten von MRSA zu melden. Nach dem Infektionsschutzgesetz werden nur MRSA-Infektionen ans RKI gereicht, die in einem Labor in Blut oder Rückenmarksflüssigkeit festgestellt werden. Zudem werden nur bestimmte Risikogruppen bei der Aufnahme ins Krankenhaus auf die Keime getestet – so werden Besiedlungen oder Infektionen häufig überhaupt nicht erkannt.

  • Multiresistente Erreger sind Bakterien, die sich kaum oder gar nicht mehr mit Antibiotika behandeln lassen. Je mehr und je härtere Antibiotika genutzt werden, desto mehr Resistenzen entstehen. Man unterscheidet bei Personen zwischen Trägern und Infizierten. Träger sind mit Keimen besiedelt, auf der Haut oder an den Schleimhäuten. Wenn die Erreger in die Blutbahn gelangen, spricht man von einer Infektion. Die Folge: Entzündungen und Blutvergiftungen. Besonders gefährdet sind Personen, die häufig stationär behandelt werden, die pflegebedürftig sind, häufig Antibiotika nehmen, liegende Katheter, chronische Wunden oder Brandverletzungen haben.
  • Der wohl bekannteste multiresistente Erreger ist MRSA – ein Methicillin Resistenter Staphylococcus Aureus. Mittlerweile trägt etwa jeder fünfte Deutsche den Keim auf seiner Haut. Symptome sind Wundinfektionen und Entzündungen der Atemwege oder des Blutes. Man unterscheidet Keime aus der Tiermast (la-MRSA), aus dem Krankenhaus (ha-MRSA), oder aus der Öffentlichkeit (ca-MRSA). Bundesweit sind etwa zehn verschiedene Epidemienstämme bekannt.
  • VRE sind Vancomycin Resistente Enterokokken. Diese Keime gehören zur normalen Darmflora des Menschen. Wenn zu viel Antibiotika eingesetzt werden, überleben am Ende nur noch resistente Enterokokken. Dann kann es zu Wund- und Harnwegsinfektionen kommen, zu Abszessen oder schweren Infektionen. Diese Infektionen treten insbesondere bei immunschwachen Patienten auf.
  • Die Abkürzung ESBL steht für Extended-Spectrum-Betalaktamase. Dabei handelt es sich um Enzyme, die bestimmte Antibiotika durch Spaltung unwirksam machen. ESBL-bildende Bakterien sind gegen zahlreiche Antibiotika resistent. Heute werden diese vor allem als MRGN bezeichnet, als multiresistente gramnegative Erreger. [diese Beschreibung haben wir nach Rückmeldung eines Lesers etwas angepasst]
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Es gibt kaum Zahlen, auf die man sich verlassen kann. Jede Statistik sagt etwas anderes. Und angesichts der Vielzahl der besiedelten Menschen, macht sich auch bei den Verantwortlichen so etwas wie Ratlosigkeit breit. „Ich wüsste nicht, wie wir alle Keime erfassen könnten. Es sind so viele Menschen, die sie mit sich herumtragen“, sagt Susanne Glasmacher, die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts.

Ein Anfang wäre es, wenn wenigstens alle Infektionen zentral erfasst würden. Doch selbst das passiert nur bei MRSA, „da immerhin haben wir eine Meldepflicht“, sagt Glasmacher. Bei den noch gefährlicheren Darmkeimen VRE und den Enzym-bildenden Bakterien ESBL gibt es diese nicht. Gegen diese Erreger wirken oft nur noch spezielle Reserve-Antibiotika. Vor allem sehr junge, alte und schwache Patienten sterben an diesen Keimen. Und sie verbreiten sich in Deutschland seit Jahren stärker und stärker.

Deutsche Krankenhäuser haben VRE im Jahr 2013 mehr als 33.000 mal abgerechnet. Dazu zählen sowohl Besiedelungen von Patienten als auch echte Infektionen. Seit 2010 ist die Zahl der VRE-Diagnosen damit um 40 Prozent gestiegen. Die Gruppe der ESBL-Keime rechneten die Krankenhäuser sogar fast 120.000 mal ab, mehr als 50 Prozent häufiger als vor vier Jahren. Am weitesten verbreitet ist in Deutschland immer noch der methicillinresistente Staphylococcus aureus (MRSA), er wird in deutschen Krankenhäusern jedes Jahr fast 140.000 mal registriert.

Für Experten wie Bernd Beyrle von der Techniker Krankenkasse steht jedoch fest, dass auch diese Zahlen noch viel zu niedrig sind. Beyrle leitet bei der TK den Fachbereich stationäre Versorgung. „Nicht jede Infektion ist für die Abrechnung relevant. Wir gehen deshalb davon aus, dass wir hier wahrscheinlich nur ein Drittel der Infektionen und Besiedlungen erkennen können.“

Ohne eine Novelle des Infektionsschutzgesetzes durch das Bundesgesundheitsministerium wird sich an der schlechten Datenlage nichts ändern. Doch die scheint nicht in Sicht. Das Ministerium schreibt, dass „mehrere spezialisierte Instrumente zur Erfassung multiresistenter Erreger“ existierten und die Überprüfung dieser eine „Daueraufgabe“ sei. Mit anderen Worten: alles gut, vorerst wird nichts geschehen.

Das ist eine beispiellos chaotische Sachlage bei einem derart brisanten Thema.

Wer die Abrechnungszahlen der Krankenkassen Landkreis für Landkreis auswertet, sieht schnell, dass der bekannte MRSA-Keim vor allem im Nordwesten verbreitet ist, in Niedersachsen, dort wo auch die großen Mastställe der Tierindustrie stehen. Der Darmkeim VRE und die Keimgruppe ESBL verteilen sich etwas gleichmäßiger, mit Schwerpunkten in Mittel- und Ostdeutschland. Das entspricht auch – grob – den Beobachtungen der Wissenschaftler, die sich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigen.

Aus den Abrechnungsdaten der Krankenkassen lassen sich keine Gründe für die Verteilung ableiten. Aber sie geben einen Blick frei auf die Größe und die Verteilung des Problems.

Multiresistente Erreger in Krankenhäusern

MRSA-Fragebogen

Was die Daten nicht zeigen: Die Leiden der Opfer und Ihrer Angehörigen. Deshalb wollen wir von Euch hören. Habt Ihr Erfahrungen mit Hygieneproblemen im Krankenhaus oder anderen Gesundheitseinrichtungen gemacht, mit Infektionen oder multiresistenten Keimen? Füllt unseren Fragebogen aus – je mehr Menschen mitmachen, desto stärker drängt das Thema an die Öffentlichkeit, desto eher werden die Probleme angegangen.

Mit dem Fragebogen sammeln wir zentral alle Erfahrungen. Bei der Veröffentlichung werden wir mit verschiedenen, auch lokalen Medien, kooperieren. Wir freuen uns über jeden, der den Fragebogen teilt.

Wenn Ihr mit anderen Betroffenen über dieses Thema sprechen wollt, könnt Ihr auch unserer Facebook-Gruppe beitreten. Dort diskutieren wir, teilen Informationen, Ansprechpartner und Ratschläge. Zur Anmeldung geht es hier entlang.

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Der Tote

Das erste Mal operieren die Ärzte Andreas H. am 30. November 2011. Verdacht auf Krebs, der Chefchirurg entfernt den linken Teil der Bauchspeicheldrüse. Bei der schwierigen Operation wird die Magenwand durchstochen. Eine Woche später erleidet Andreas einen Magendurchbruch. Der nächste Eingriff folgt, 48 Stunden später ein weiterer. Luftröhrenschnitt, künstliche Beatmung. Bauchfellentzündung.

Es ist Weihnachten und Andreas H. liegt alle zwei Tage auf dem OP-Tisch.
Teile des Magens werden herausgeschnitten, auch die Milz. Ein Problem: Die Ärzte bekommen die Wundverschlüsse nicht dicht. Nach den Eingriffen läuft Körpersekret in den Bauchraum.

Einmal sind es 0,3 Liter milchige Flüssigkeit. Und die Leckagen häufen sich. Immer wieder wird nachgenäht.

„Durch die Voroperationen gestaltet sich dieser OP-Schritt schwierig“, heißt es im Bericht über den Verlauf der vierten OP. Sieben weitere hat der Patient da noch vor sich. Bauch öffnen, Flüssigkeit absaugen, spülen, Bauch verschließen. Nach einer dreistündigen Prozedur notiert ein Oberarzt unter P.S.: „Aufgrund der zahlreichen Voroperationen erfolgte dieser Eingriff unter massiv erschwerten Bedingungen.“

Als sich die Wunde nicht mehr nähen lässt, wird mit Klebstoff gearbeitet.

Nach einem Dutzend Eingriffen in sechs Wochen ist der Magen von Andreas H. durchlässig wie ein Sieb. „Jeder Schluck, den er trank, lief direkt wieder aus ihm heraus und ins Bett“, erinnert sich die Mutter. Doch ihr Sohn will leben. Der schwache Körper kämpft. Langsam, sehr langsam, geht es aufwärts. Der Patient kommt aus dem Intensivbett auf eine Normalstation.

„In vier Wochen kann ich hier raus“, sagt Andreas H. am 17. März 2012. Es ist sein 50. Geburtstag. Was Angehörige und andere Besucher in den nächsten drei Monaten erleben – diese Bilder werden sie bis heute nicht los.

Einmal schlägt ihnen fäkaler Gestank entgegen, als sie das Zimmer betreten. Andreas H. liegt in einem Teerstuhl. Blut läuft aus seinem Mund. Er ist unfähig, sich bemerkbar zu machen.

Die Mutter und der Bruder sind „total schockiert“. Sie laufen zum Pflegepersonal und bitten um Hilfe. Ja, später, aber erst müsse sie das Abendessen auf der Station verteilen, sagt eine Schwester. Nach der Essensausgabe sammeln die Pfleger die Reste wieder ein. Anschließend kümmern sie sich um Andreas H. und säubern ihn.

Wenig später steht fest: Andreas H. hat sich mit Vancomycin-resistenten Enterokokken (VRE) infiziert. Die multiresistenten Darmbakterien, gegen die nur noch zwei Antibiotika wirken, werden in seinem Blut nachgewiesen.

Die Angehörigen schreiten häufig ein. Es ist die Mutter, früher selbst 26 Jahre lang Krankenschwester, die den Sohn bei einer aktuen Atemnot vor dem Ersticken bewahrt. Auch einer Lungenentzündung und einem drohenden Wundgeschwür wird erst auf Drängen der Familie nachgegangen. Die bei offenen Wunden gebotene Schutzkleidung trägt das Personal trotz entsprechender Hinweise selten. Der Bruder beschwert sich, bittet um „die Pflege und Beobachtung, die für eine Genesung erforderlich sind“, fordert „eine engmaschige Kontrolle durch einen Oberarzt“.

Die Mutter verliert langsam die Hoffnung. „Bei dieser Quälerei habe ich irgendwann Abschied genommen von Andreas“, sagt sie.

Am Morgen des 21. Juni 2012, als der Anruf mit der Todesnachricht kommt, „da war ich heilfroh, dass der liebe Gott ein Ende gemacht hat“.

Bei seinem Tod trägt Andreas H. die multiresistenten Keime MRSA, VRE und ESBL im Blut. Das ist bei immer mehr Menschen der Fall. Und daran sind auch die Krankenhäuser und Ärzte Schuld.

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Die Ärzte

Es gibt zwei Dinge, die es den Keimen überhaupt nur ermöglichen, sich einzunisten in unserer Mitte, sich zu verbreiten, immer mehr Menschen zu töten. Nummer eins: Zu viel Antibiotika. Nummer zwei: Mangelnde Hygiene.

Starten wir mit den Medikamenten. Der Mechanismus ist einfach. Von Natur aus trägt jedes Lebewesen bei einer Infektion auch einige resistente Krankheitserreger in sich. Sie entstehen zufällig, durch natürliche Mutationen. Werden Antibiotika verabreicht, sind diese resistenten Keime plötzlich gegenüber ihren nicht mutierten Verwandten im Vorteil. Je häufiger Antibiotika verabreicht, je sorgloser sie eingenommen werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass resistente Keime sich vermehren und verbreiten können. Dann sind die Medikamente wirkungslos.

Deshalb ist es so wichtig, dass Antibiotika nur extrem gezielt vergeben werden. Dass Ärzte verpflichtet werden, ein Antibiogramm zu machen, bevor sie die Medikamente verschreiben. Um zu testen, auf was der Patient reagiert. Dass überwacht und eingetragen wird, welcher Patient welches Antibiotikum für welches Problem bekommt. Ein Antibiotikapass, wie beim Impfen, nur halt für Antibiotika. Und dass zentral erfasst wird, wo wie viele Antibiotika für was verschrieben werden. Um den Einsatz zu optimieren, zu drosseln. All das gibt es bislang nicht.

Selbst Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, fordert restriktive Vorgaben für die Antibiotikatherapie, wie im Nachbarland Holland üblich, und ein Verordnungsverzeichnis.

Das alles soll verhindern, dass die Superkeime entstehen. Damit sie sich nicht weiter verbreiten, müssen sich Ärzte, Schwestern und Pfleger strikt an Hygieneregeln halten. Sie müssen sich zum Beispiel fachgerecht die Hände desinfizieren. Das passiert noch immer viel zu selten. Etwa zwei Drittel aller Patienten holt sich die Infektionen im Krankenhaus. Studien belegen, dass Ärzte und Schwestern sich nur halb so oft die Hände desinfizieren, wie es eigentlich nötig wäre. Das ist ein riesiges Problem. Nicht nur für den jeweiligen Patienten, sondern auch für alle anderen. Denn Keime verbreiten sich im Krankenhaus vor allem über das Personal selbst.

Wissenschaftler aus Lyon haben in einem nordfranzösischen Hospital rund 450 Patienten und 350 Pfleger mit Sensoren ausgestattet, die jede Annäherung an eine andere Person aufzeichneten. Über neun Monate erstellten die Wissenschaftler so ein Kontaktprofil des gesamten Hauses. Zeitgleich nahmen sie wöchentliche Proben aus der Nasenschleimhaut und ließen sie im Labor auf Bakterien untersuchen.

„Es gibt keinen geschützten Raum in einem Krankenhaus. Alle Bakterien können in nahezu alle Zimmer und Stationen wandern“, sagt der leitende Wissenschaftler Eric Fleury. Viele Patienten hatten nach einigen Tagen oder Wochen im Krankenhaus Bakterien im Blut oder in ihren Schleimhäuten, die eigentlich ein Patient einer ganz anderen Station angeschleppt hatte. 30 Prozent der Patienten waren am Ende ihres Aufenthaltes mit multiresistenten Bakterien kontaminiert. „Fast jeder Patient kommt über Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte oder Ergotherapeuten in Kontakt zu Keimen von anderen Patienten im Haus.“

Die Bakterien werden über kontaminierte Kittel, unsaubere Hände und Servierwagen im gesamten Haus verteilt. Pfleger treffen sich in der Kantine und tauschen dort über gemeinsame Wasserkaraffen und Begrüßungsküsschen die Bakterien auf der Haut aus. In der Nacht müssen Schwestern und Ärzte häufig ohnehin mehrere Etagen gleichzeitig betreuen. „Fast jeder hat mit jedem Kontakt“, sagt Fleury. Eine Schwester kommt an einem Tag rund 100 Personen nahe.

So wird ausgerechnet das Personal in Krankenhäusern zum Sicherheitsrisiko für Patienten. Einige Epidemiologen wie der Pariser Forscher Didier Guillemot bezeichnen Ärzte und Pfleger gar als „superspreaders“ – als „größtmögliche Verbreiter“ der tödlichen Bakterien. Sie könnten ihre Patienten nur schützen, indem sie Hände und Materialien wie Blutdruckmesser oder Verbandswagen besser sterilisieren. Guillemot plädiert auch dafür, Patienten nur wenige Behandler zur Seite zu stellen – nicht das gesamte Team solle zur Visite kommen, sondern nur jeweils ein Arzt und möglichst wenige Krankenschwestern. Außerdem seien Einzelzimmer ein guter Schutz vor hohem Bakterien-Verkehr.

Um die Desinfektion zu verbessern, hängen zum Beispiel in Holland in manchen Krankenhäusern Videokameras über den Desinfektionsspendern. Das hält die Ärzte dazu an, diese auch wirklich zu benutzen. In Deutschland nehmen Krankenhäuser an Studien zur Häufigkeit von Desinfektionen freiwillig teil. Eine externe Kontrolle, zum Beispiel mit überraschenden Stichproben, gibt es nicht.

Wichtig ist, dass sich Ärzte direkt vor dem Kontakt mit dem Patienten die Hände desinfizieren. Nicht auf dem Flur, nicht nach der Behandlung, sondern direkt am Bett des Patienten. Das können Patienten auch selbst einfordern.

Keine Panik: Multiresistente Erreger sind keine unsichtbare Gefahr, sondern ein alltäglicher Begleiter. Es kommt auf sichtbaren Umgang mit dem Problem an. Darüber zu sprechen, ist kein Verbrechen.

Vor dem Aufenthalt: Schauen Sie vor einem stationären Aufenthalt bei anerkannten Experten nach den wichtigsten Hygienekriterien, zum Beispiel bei der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, bei der Aktion saubere Hände oder – für Expertenwissen – bei den KRINKO-Richtlinien des RKI

  • Zu Beginn des Aufenthalts: Informieren Sie sich gleich zu Beginn des stationären Aufenthaltes über Hygienemaßnahmen. Fragen Sie nach Flyern und Informationen zur korrekten Handdesinfektion. Machen Sie Ihre Besucher darauf aufmerksam.
  • Bekannt machen: Fragen Sie nach den Schwestern oder den Pflegern, die auf der Station hygienebeauftragt sind. Machen Sie sich bekannt.
  • Eigen-Desinfektion: Waschen Sie sich häufig die Hände. Desinfizieren Sie sich die Hände. Beachten Sie die Mindesteinwirkzeit von Desinfektionsmitteln. Zählen Sie langsam bis 30. Dann ist die maximale Wirkung von Desinfektionsmitteln gesichert.
  • Fremd-Desinfektion: Schauen Sie, ob es in Ihrer unmittelbaren Umgebung in Ihrem Zimmer Desinfektionsmittel gibt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Mittel auch verwendet werden.
  • Ärzte und Pfleger prüfen: Schauen Sie dem Pflegepersonal und den Ärzten auf die Finger. Unmittelbar bevor Sie berührt werden, sollte sich jegliches Personal die Hände desinfizieren. Besonders bei Eingriffen, die unter die Haut gehen, muss vorher und nachher Desinfektionsmittel verwendet werden.
  • Reinigung: Schauen Sie, ob die Reinigungskraft Putzgegenstände verwendet, die vorher nicht in isolierten Zimmern zum Einsatz gekommen sind.
  • Frisches Bett: Bestehen Sie auf ein mehrmals wöchentlich frisch bezogenes Bett und eine saubere Umgebung. Alles, was Sie vom Bett aus erreichen können, sollte täglich gereinigt werden.
  • Frische Luft: Sorgen Sie für frische Luft. Auch das kann gegen Keime helfen. Sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO rät zur natürlichen Belüftung.
  • Richtige Antibiotika: Nehmen Sie Antibiotika nur zu sich, wenn es unbedingt erforderlich ist. Häufig werden Antibiotika unnötig verschrieben. Wenn Sie Antibiotika benötigen, brechen Sie die Therapie auf keinen Fall ab, sondern nehmen die Antibiotika wie angeleitet zu  Ende. Halb eingenommene Antibiotika züchten erst recht multiresistente Keime heran.
  • Eigene Isolation beachten: Sind Sie Träger von MRE oder infiziert? Fragen Sie nach den Flyern, die wichtige Informationen zum Umgang mit dem Keim geben. Beachten Sie die Desinfektion und die Regeln der Isolation. Machen Sie Ihre Besucher auf die Problematik aufmerksam.

Eine weitere Möglichkeit, die Superkeime einzudämmen: In Holland wird ausnahmslos jeder Patient bei der Aufnahme ins Krankenhaus auf multiresistente Erreger gescreent. Auch deshalb gibt es dort so gut wie keine MRSA-Patienten mehr.

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, sagt: Gerne würden auch die deutschen Kliniken jeden neuen Patienten auf Keime screenen. Dafür müsste das Robert-Koch-Institut nur den Kreis der zu screenenden Patienten ausweiten. Und die Krankenkassen müssten es bezahlen. Baum sagt, das koste etwa eine Milliarde Euro.

“Teilweise haben wir immer noch Drei- und Vierbettzimmer, mit einer Toilette“, sagt Krankenhaus-Vertreter. Nicht einmal die Hälfte der „allgemein anerkannt“ notwendigen sechs Milliarden Euro bekämen seine Kliniken. Hilfreich, sagt Baum, wäre ein Investitionsprogramm Prophylaxe.

Baum bemängelt, dass Kliniken, ambulante Ärzte und Landwirtschaft bislang nicht zusammen gegen das Problem kämpfen. Stattdessen versuche einer dem anderen das Keimproblem in die Schuhe zu schieben.

Richtig ist: Nicht nur Krankenhäuser sind schuld an den vielen tödlichen Erregern. Auch die Tierärzte, der wahnsinnige Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Das hat Gerd-Ludwig Meyer in Nienburg im südlichen Niedersachsen zuletzt immer häufiger erlebt. Und es macht ihn von Jahr zu Jahr verzweifelter.

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Die Tiere

„Sie sehen zu, wie ein Mensch elend leidet. Und Sie können nichts tun, gar nichts.“ Gerd-Ludwig Meyer betreibt mit Ärztekollegen eine Dialysepraxis. Er erzählt von der alten Dame, deren Harnwegentzündung im Laufe der Behandlung nicht besser wurde, sondern schlimmer.

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Meyer verschrieb das erste Antibiotikum – keine Wirkung. Er verordnete das zweite Antibiotikum, das dritte, das vierte, das fünfte: Gentamicin. Tetracyclin. Ciprofloxacin. Amoxicillin. Insgesamt waren es zwanzig. Keines half. Nach schrecklichen Tagen der Qual musste die alte Dame sterben.

Der Tod der alten Frau war kein Einzelfall. Allein in Meyers Praxis starben in den vergangenen Monaten vier weitere Patienten. Bei allen vieren hatten Antibiotika nichts mehr ausrichten können.

„Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn du als Arzt hilflos bist“, sagt Meyer. Er drückt sich gern deutlich aus, er ist überhaupt ein Mann, der schnell Klarheit schafft. Zuerst war er Landwirt. Als ältester Sohn hatte er den Hof übernommen. Dann wurde ihm diese Welt zu eng. Es folgten Abitur und Medizinstudium.

Meyers Haare sind struppig, seinem Gesicht sieht man das Leben an. Er schildert, wie er in letzter Zeit bemerkte, dass immer mehr Patienten isoliert werden mussten, weil sie von Keimen befallen waren, die auf Antibiotika nicht mehr reagieren. Und dass Landwirte auf einmal nicht nur Ferkelzüchter und Putenmäster waren, sondern – Risikopatienten. „Wenn ein Landwirt in eine Klinik kommt, muss er im Prinzip sofort in Quarantäne.“

Vor vier, fünf Jahren ging es nach Meyers Wahrnehmung so richtig los. Und schnell begriff er, dass es unsichtbare Verbindungen gibt zwischen seinen beiden Berufen: dem des Landwirts und dem des Arztes. Und diese Verbindungen heißen Cephalosporine, Fluorchinolone, Colistin oder Carbapeneme. Das sind die Bezeichnungen für Reserveantibiotika, sozusagen die allerletzten Medikamente, mit denen die Menschen sich gegen multiresistente Bakterien in unseren Körpern zur Wehr setzen. Die letzten Medikamente, die diese Erreger töten können. Aber Humanmediziner und Landwirte setzen die identischen Wirkstoffklassen der Antibiotika ein: die einen beim Kranken, die anderen beim Schlachtvieh.

Was Meyer in Nienburg feststellt, passiert in ganz Deutschland immer häufiger. Ärzte der Uniklinik Münster haben gezeigt, dass in viehreichen Regionen fast 80 Prozent der Landwirte mit gefährlichen Keimen besiedelt sind. Sie tragen ihn auf der Haut, bei einer Wunde oder Operation kann er in die Blutbahn dringen.

Ärzte finden immer mehr Menschen, die sich mit einem MRSA-Stamm infizieren, der aus der Schweinemast stammt, dem CC398. Eine noch nicht öffentliche Studie zeigt: Mehr als 30 Prozent der Keim-Patienten an der Uni-Klinik Münster haben einen Schweine-Keim im Körper, deutlich mehr als in früheren Untersuchungen. Das Problem: Viele dieser Patienten haben überhaupt keinen direkten Kontakt mehr mit Tieren. Der Keim verbreitet sich demzufolge bereits in der Bevölkerung. Und die ersten Menschen sterben bereits daran.

Für eine Tagung im Oktober beschrieben die Münsteraner Forscher eine Patientin, die auf einem Schweinezuchtbetrieb lebte. Sie starb drei Wochen nach einer einfachen Injektion in die Schulter. Die resistenten CC398 hatten das Herz befallen. Eine andere Angehörige einer Schweinebauern-Familie hatte nach einer Lungen-Transplantation einen septischen Schock und starb an Organversagen. Die Ärzte vermuten, dass ein Verwandter den Schweinekeim ins Krankenzimmer eingeschleppt hat.

In Dänemark sind in den vergangenen Jahren mindestens fünf Menschen am Keim aus dem Schweinstall gestorben. In einem Gerichtsprozess bestätigten die Behörden vier Fälle, ein weiterer Fall kam in diesem Herbst dazu. Die Opfer: Eine 51-jährigen Patienten mit einer Blutvergiftung, ein 63-Jähriger Dialyse-Patient, eine 86-Jährige Diabetespatientin, ein 74-Jähriger mit Lungenentzündung in einem Pflegeheim.

Keines der Todesopfer in Dänemark hatte selbst eine Verbindung zu Schweinen.

Dasselbe beobachten die Experten in Deutschland: „Wir haben den Keim auch bei Personen entdeckt, die nicht im Kontakt mit der Landwirtschaft standen. Der resistente Erreger muss bereits in der Bevölkerung zirkulieren“, sagte Karsten Becker, Oberarzt am Uniklinikum Münster, in einem Gespräch mit dem Schweizer Sonntagsanzeiger.

In Deutschland sind europaweit die meisten Schweineställe mit dem resistenten Keim befallen. In manchen Regionen sind bereits bis zu 70 Prozent der Ställe verseucht, so neueste Untersuchungen. Im Europa-Vergleich nutzt Deutschland die fünftgrößte Menge an Antibiotika in der Fleischproduktion. Pro Kilo pumpen deutsche Bauern 60 mal so viel Antibiotika in ihre Tiere wie die Norweger. Ein Zuchtbecken für resistente Erreger.

Diese massenhafte Medikamentenvergabe wird provoziert von einer strukturellen Schwäche. In der Tiermedizin sind Ärzte nicht einfach nur Ärzte, sie sind gleichzeitig auch ihre eigenen Apotheker. Sie verdienen daran, wenn sie Tieren große Mengen an Antibiotika verschreiben. Die großen Praxen nennt die Szene auch Autobahn-Tierärzte – Sie fahren von Hof zu Hof und verkaufen Ware, anstatt Tiere zu untersuchen und zu heilen.

Während ökologisch bewirtschaftete Schweinebestände zu 26 Prozent mit MRSA besiedelt sind, fanden Forscher der TH Hannover bei 92 Prozent der konventionell gehaltenen Schweine Tier-MRSA in der Nase. Und die Entwicklung geht weiter. Die Zahl der Bauernhöfe ist in den vergangenen 25 Jahren von fast 700.000 auf unter 300.000 zurückgegangen. Die Zahl der von den Keimen besonders infizierten Mastschwein-Betriebe ist sogar um mehr als 80 Prozent geschrumpft, vermeldete vor wenigen Tagen das Bundeslandwirtschaftsministerium.

All das trägt dazu bei, dass sich immer mehr resistente Tierkeime entwickeln. Und die springen zurück auf den Menschen.

Untersuchungen zeigen, dass selbst auf dem Fleisch in der Tiefkühlpackung immer häufiger Erreger zu finden sind. Forscher, die täglich mit den Entwicklungen konfrontiert sind, fassen Ihre Hühnchenfilets in der Küche zum Teil nur noch mit Gummihandschuhen an, um sich nicht mit den Tier-Erregern zu infizieren.

„Der Eintrag von Tierkeimen in Krankenhäuser liegt in einigen Regionen mittlerweile bei mehr als zehn Prozent“, sagt Michael Kresken. Für Kresken ist die Entwicklung beunruhigend. Und er muss es wissen: Der Professor beobachtet resistente Keime schon sein halbes Leben lang.

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Die Zukunft

Als Michael Kresken mit seinem damaligen Chef vor mehr als drei Jahrzehnten sein Lebenswerk beginnt, lachen ihn die Kollegen aus. Die Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika erforschen? Wofür solle das denn gut sein? Diese Zahlen, damals im Promillebereich, würden doch sowieso niemals steigen. Das Motto damals: Viel hilft viel. Antibiotika, die Wunderwaffe gegen alles.

Wenn Michael Kresken heute von der Zeit erzählt, als Antibiotika noch als Prophylaxe gegeben wurden, tut er das als einer der angesehensten Experten zum Thema multiresistente Erreger. In Rheinbach, an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, schreibt der Professor unter dem Titel „Germap“ alle zwei Jahre alles zusammen, was mit Resistenzen zu tun hat. In den vergangenen Jahren ging es vor allem bei den gefährlichen Erregern stetig nach oben. Für Kresken ist es höchste Zeit, endlich etwas zu tun.

“Antibiotika verbrauchen sich, wenn sie eingesetzt werden. Je mehr Antibiotika wir nutzen, desto mehr resistente Stämme selektieren wir und begünstigen deren Verbreitung“, sagt Kresken. „Diese Medikamente haben unsere Lebenserwartung extrem gesteigert. Sie sind ein Rohstoff, den wir schützen müssen.“

Vor allem die seltensten Rohstoffe, die Reserve-Antibiotika, machen den Experten Sorgen. „Hausärzte und Internisten verwenden überproportional viele Breitband-Antibiotika. Das ist vor allem im Vergleich zu anderen Ländern auffällig“, sagt Kresken. Breitband-Antibiotika putzen alles weg, sie machen es den Ärzten einfach – aber sie helfen auch den resistenten Erregern. Wenn die harten Antibiotika schon für kleine Infektionen eingesetzt werden, dann lässt das kaum noch etwas über, um die multiresistenten Keime zu bekämpfen, die sonst auf fast keine Antibiotika mehr reagieren.

Wolfgang Witte, 69, war lange Jahre Leiter des Nationalen Staphylokokken-Referenzzentrums des Robert Koch-Instituts und gilt als einer der führenden MRSA-Experten des Landes. Er ist Mikrobiologe, ein Wissenschaftler alter Schule, ein feingliedriger, vorsichtiger Mann. Ein Besuch bei ihm in der Außenstelle des Robert Koch-Instituts in Wernigerode wird rasch zur mikrobiologischen Lehrstunde, in der er von seinen großen Lehrern und Forschern erzählt. Einen davon zitiert er mit den Worten: „Das letzte Wort haben immer die Bakterien.“

Die Bedrohung durch antibiotikaresistente Keime sei ein enorm ernstes Thema, dem man nur mit wissenschaftlicher Vernunft begegnen könne, sagt er. Er halte auch nichts von gegenseitigen Schuldzuweisungen, etwa zwischen Humanmedizinern und Veterinären. Witte ist einer, der den Überblick behalten möchte, auch darüber, von wo die wirklichen Gefahren drohen. Man müsse beobachten, wie sich die Erreger veränderten. Wie sie zwischen Mensch und Tier hin- und herspringen. Die jetzt so gefährlichen Tierkeime zum Beispiel stammen ursprünglich vom Menschen.

Wenn es so weitergeht, mutieren die Keime weiter in den Tieren und bilden so neue Eigenschaften: Sie könnten sich schneller vermehren und ihre Infektionskraft verstärken. Gefährlicher denn je kämen sie dann zu den Menschen zurück. Daraus könne, so Witte, eine „mikrobiologische Apokalypse“ entstehen, die zuletzt Keime hervorbringt, gegen die gar kein Medikament mehr hilft. „Wenn das passiert, dann gnade uns Gott.“

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, steht uns eine mittelalterliche Zukunft bevor, in der Menschen an Zahninfektionen und Blasenentzündung sterben. Das Leid, wenn Antibiotika nicht mehr helfen, ist unvorstellbar, etwa bei einer Sepsis. Erst kommt das Fieber, dann der Schüttelfrost. Die Gefäße weiten sich, die Herzfrequenz steigt, oft marmoriert die Haut oder sie verfärbt sich blau, die Blutgerinnung setzt aus, zuletzt läuft das Blut aus allen Körperöffnungen. An den Extremitäten bilden sich Nekrosen, ein Organ nach dem anderen versagt.

So weit weg scheint diese mittelalterliche Zukunft nicht mehr zu sein. Im Januar 2014 meldete das Bundesamt für Risikobewertung, dass in drei deutschen Schweinemastanlagen und einer Hühneraufzucht erstmalig E.-coli-Bakterien nachgewiesen wurden, die sogar gegen die Reserveantibiotika aus der Wirkstoffgruppe der Carbapeneme resistent sind. Die Carbapeneme galten stets als die letzte Hoffnung. Dass neuerdings Keime existieren, gegen die selbst Carbapeneme machtlos sind, ist eine schlimme Neuigkeit.

Und wer ist jetzt schuld?

Alle.

Die Fleischindustrie zeigt auf die Krankenhäuser, die schimpfen über Krankenkassen, den Gesetzgeber und die ambulanten Ärzte bis das Problem wieder bei der Fleischindustrie vor der Tür liegt. Kliniken vernachlässigen Hygiene, Krankenkassen zahlen nicht, Gesetze sind zu lasch, ambulante Ärzte sind zu ahnungslos und die Massentierhalter geben ihren Masttieren tonnenweise Antibiotika. Das sind die Vorwürfe. Trotzdem bewegt sich wenig.

Keime entwickeln sich, wenn es gemutlich und dunkel ist. In Deutschland braucht derzeit kaum ein Keim fürchten, dass es ungemütlich wird.

Viele der gefährlichen Keime werden überhaupt nicht auf nationaler Ebene erfasst. Es gibt kein zentrales Register für multiresistente Erreger. Während sich die Keime über Ländergrenzen international verbreiten, ist die Bekämpfung in Deutschland zu großen Teilen föderal organisiert. Bei Studien, auf die das Bundesgesundheitsministerium verweist, machen Krankenhäuser freiwillig mit.

Und auch wer Licht ins Dunkel bringen will, hat schlechte Karten. Niemand darf wissen, in welchen Krankenhäusern es wie viele Infektionen gibt. Die Krankenhäuser wehren sich mit Händen und Füßen gegen eine zu genaue Aufsicht. Für die Keime bleibt es, wie es ist: gemütlich und dunkel.

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Was tun?

Ein Blick über die Grenze.

Beispiel Holland: Jeder Patient wird vor der Aufnahme ins Krankenhaus auf multiresistente Keime gescreent, im Zweifel isoliert und saniert, bevor die Behandlung startet. MRSA ist in Holland deshalb quasi nicht existent.

Beispiel Dänemark: Bald soll ein Gesetz verabschiedet werden, das Kinderausflüge auf Schweinefarmen verbietet. Und das, obwohl die MRSA-Zahlen in Dänemark im Vergleich zu Deutschland niedrig sind.

Beispiel USA: Im September hat Präsident Barack Obama eine Verfügung unterzeichnet, in der er eine ganze Reihe von Maßnahmen befiehlt. Von stärkerer nationaler Überwachung des Problems bis hin zu einem 20-Millionen-Dollar Preisgeld zur Entwicklung von Erreger-Schnelltests.

Beispiel Frankreich: Jedes Krankenhaus bekommt ein Mal im Jahr Besuch von einer zehn Personen starken Einsatztruppe, um die Klinik 14 Tage lang auf den Kopf zu stellen. Am Ende gibt es – frei zugänglich im Internet – einen oft 500 Seiten langen Report mit Noten für einzelne Bereiche, von A bis F. Bei schlechten Ergebnissen droht den Häusern die Schließung.

In Deutschland sind die Qualitätsberichte der Krankenhäuser so gut wie wertlos. Die Kliniken füllen diese selbst aus, nahezu alle Kliniken stellen sich ein makelloses Zeugnis aus.

Die auch von uns für diese Recherche analysierten Abrechnungsdaten der Krankenkassen könnten helfen, die Qualität im Gesundheitssystem zu verbessern. „Ziel muss sein, dass diese Daten bis auf die Krankenhausebene öffentlich werden“, sagt Bernd Beyrle, Leiter stationäre Versorgung bei der Techniker Krankenkasse.

“Immerhin ist die Analyse dieser Daten schonmal ein Ansatz, um überhaupt einmal eine Vorstellung des Ausmaßes zu bekommen“, sagt Beyrle. Genau darauf wird auch das neue Institut für Gesundheitsqualität setzen, das die Bundesregierung gerade plant.

In Deutschland bräuchte man laut Beyrle „eine echte Überprüfung der Krankenhäuser, wie es in Frankreich geschieht. Und wer seine Leistung nicht bringt, der bekommt einen Warnschuss oder kann sogar ganz aus dem Markt genommen werden.“

Es heißt, Menschen im Krankenhaus können sterben. So sei das eben. Aber das sagte man auch zu Frauen im Kindbett. Bis Ignaz Philipp Semmelweis auf die Idee kam, dass sich Ärzte die Hände waschen müssen, bevor sie zur nächsten Patientin gehen.

Hygiene ist der Schlüssel im Kampf gegen ansteckende Krankheiten. Und ein reduzierter Einsatz von Antibiotika. Würden alle Beteiligten sich voll für die Bekämpfung der tödlichen Keime einsetzen, vielleicht würden Patienten wie Andreas H., Christel B., und Rainer F. heute noch leben.

CORRECTIV schlägt vor:

Die Überwachung und Bekämpfung von Infektionen sollte zentral bei der Bundesregierung in einer Infektionsschutz-Behörde organisiert werden. Keime machen nicht an Landesgrenzen Halt. Die zentrale Behörde sollte nicht nur MRSA-Infektionen überwachen, sie sollte sich auch um VRE, ESBL und andere gefährliche Erreger kümmern.

Außerdem sollten Krankenhäuser – wie in Frankreich – unabhängig kontrolliert werden. Jede Abteilung sollte separat bewertet werden, zum Beispiel auf einer Schulnoten-Skala. Die Prüfer sollten ihre Ergebnisse ins Internet stellen. Wenn nötig, müssen schlampige Häuser einen Warnschuss bekommen oder Abteilungen geschlossen werden.

Diese Prüfergebnisse, inklusive der entsprechenden Daten und Dokumente, sollten für jedes einzelne Krankenhaus zeitnah ins Internet gestellt werden und für die Öffentlichkeit transparent sein. Wenn ein Krankenhaus ernsthafte Problem mit Infektionen hat und bei der Hygiene eine 5 oder 6 kassiert, dann sollten das die Bürger wissen.


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Bedienen Sie sich! CORRECTIV ist gemeinnützig. Wir wollen mit unseren Recherchen Missstände aufdecken. Damit sich etwas ändert, müssen möglichst viele Menschen von diesen Recherchen erfahren. Deshalb freuen wir uns, wenn Sie unsere Geschichten nutzen, mitnehmen, weiterverbreiten – kostenlos. Egal ob lokales Blog, Online-Medium, Zeitung oder Radio. Es gibt nur eine Bedingung: Sie geben uns kurz Bescheid an info@correctiv.org. Dann wissen wir, wo unsere Geschichten erschienen sind. Das ist wichtig für uns und unsere Unterstützer. Bei Fragen können Sie sich jederzeit per E-Mail an uns wenden. Danke schön!

Verantwortlich: David Schraven

Redaktion: Annika Joeres, Benedict Wermter und Daniel Drepper, in Kooperation mit ZEIT, ZEITonline und FUNKE-Mediengruppe

Entwicklung der Karte: Stefan Wehrmeyer

Umsetzung des Fragebogens: OpenDataCity

Titel-Animation: Ivo Mayr

Art Direction: Thorsten Franke / mediaPolis

Realisation: Mr. Jet Lag

Gefährliche Keime

Politik spricht über strengeres Gesetz zum Infektionsschutz

von Daniel Drepper

Politiker von SPD und CDU wollen offenbar gefährliche Keiminfektionen in Krankenhäusern durch bessere Hygiene und strengere Vorschriften bekämpfen. Das plant zumindest der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach – und sein Gegenpart von der Union, Jens Spahn, stimmt ihm nun zu. Das Ziel: ein verschärftes Infektionsschutzgesetz.

Die Recherchen von CORRECTIV, Funke-Mediengruppe, ZEIT und ZEITonline stoßen auf erste Reaktionen aus der Gesundheitspolitik. Gesundheitsexperte Lauterbach sagt dem WAZ-Reporter Klaus Brandt in einem Interview, in deutschen Kliniken sehe er „ein riesiges Problem bei der Hygiene”. Lauterbach will bei einer anstehenden Novelle des Infektionsschutzgesetzes voll durchgreifen.

SPD: “Größter Teil auf Hygiene-Fehler zurückzuführen”
„Der größte Teil der vermeidbaren Todesfälle und auch der größte Teil der vermeidbaren schweren Komplikationen dort ist auf Hygienefehler zurückzuführen“, sagte der SPD-Bundestagsfraktionsvize. Infektionsrisiken würden unterschätzt und beschönigt. Statt einer „Kultur der Keimvermeidung“ herrsche „eine Kultur des Verharmlosens, des Vertuschens und des Ignorierens – und daran sind schon viele Patienten gestorben“, so Lauterbach im Interview mit der WAZ.

Die Politik müsse jetzt eingreifen, „verbindliche Vorgaben machen und diese auch unabhängig überprüfen“. Lauterbachs Forderungen: mehr Hygieneärzte, mehr Pflegepersonal, strengere Kontrollen der Hygienestandards und Strafen bei Fälschungen von Dokumenten.

CDU: Infektionsschutz braucht “politischen Druck”
„Was davon auf Bundesebene machbar ist, unterstützen wir“, sagte gestern Jens Spahn, Chef der Arbeitsgruppe Gesundheit in der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion. Infektionsschutz brauche offenbar „politischen Druck“.

Die Hygiene-Praxis in deutschen Kliniken sei „weit von dem entfernt, was Sicherheit gewährleisten würde“, sagt Lauterbach. Deutschland könne „im internationalen Vergleich nicht mithalten“.

Einige „Funktionäre der Ärzteschaft“ würden „das Problem verharmlosen statt es ehrlich darzustellen“, kritisiert der SPD-Gesundheitsexperte. Die Politik müsse vorgeben, dass jedes größere Krankenhaus einen verantwortlichen Hygienearzt einzustellen habe. „Die können die Schwachpunkte der eigenen Klinik genau analysieren.“ Verantwortlich für die Übertragung gefährlicher Keime von Patient zu Patient sei „sehr häufig das Personal“.

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Endlich Transparenz bei Infektionsraten der Kliniken?
Auch sollen die Verhältnisse in deutschen Kliniken transparenter werden. Die Qualitätsdaten der deutschen Krankenhäuser sollen bald im Internet veröffentlicht werden. Auf diese Weise könnten Patienten vor einer Operation erfahren, wie es um Infektionsraten und Komplikationen in einzelnen Häusern stehe. „Wirtschaftliche Interessen“ dürften nicht länger über dem Patientenwohl stehen, sagt Lauterbach.

Das komplette Interview mit Karl Lauterbach findet Ihr online bei DerWesten.

Wir freuen uns natürlich über die prompte Reaktion aus der Politik. Diese dürfte zum Teil auch mit unserer Berichterstattung zusammenhängen. Am vergangenen Donnerstag hatten die ZEIT, ZEITonline, die Funke-Mediengruppe und CORRECTIV über die hohe Verbreitung multiresistenter Keime, über mangelnde Hygiene in Krankenhäusern und zu viel Antibiotika in Human- und Tiermedizin berichtet. Zusätzlich hatte etwa zwei Dutzend Regionalzeitungen eigene Berichte über die lokale Situation vor Ort produziert. Bislang erwähnten laut Google News mehr als 150 Webseiten unsere Recherche.

Alles zu unserer gemeinsamen Recherche findet Ihr unter mrsa.correctiv.org.

In den kommenden Tagen geht es hier im Blog und auf den Themenseiten der Kollegen von DerWesten und ZEITonline weiter.

Falls Ihr selbst Erfahrungen mit Keimen oder mangelnder Hygiene im Krankenhaus gemacht hat, füllt unseren Fragebogen aus – den schon mehrere hundert Menschen ausgefüllt haben – und diskutiert mit in unserer Facebook-Gruppe.

Wer nichts verpassen will, sollte sich in unseren Newsletter eintragen.

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Gefährliche Keime

Kritik der taz – wir antworten

von Daniel Drepper

Die taz berichtet heute über unsere Recherche zum Thema “Tödliche Keime”. Ohne auf den Hintergrund der Geschichte einzugehen, wirft uns die taz vor, schlecht recherchiert zu haben. Wir wollen mit Kritik offen und transparent umgehen. Gerne geben wir auch Fehler zu und korrigieren diese. Deshalb ein paar Sätze zur taz.

Wir haben in unserem Text geschrieben, dass laut Bundesgesundheitsministerium in Deutschland jedes Jahr 7500 bis 15000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern im Krankenhaus sterben. Die taz merkt an, dass sich die Zahlen des Ministeriums auf Infektionen insgesamt beziehen würden und nicht nur auf die Infektionen mit multiresistenten Erregern. Das ist grundsätzlich richtig. Deshalb haben wir das Wort multiresistente Erreger in diesem Satz nach der Anfrage der taz auch entfernt.

Wir hätten es aber auch stehen lassen können, denn diese tödlichen Infektionen werden überwiegend von multiresistenten Erregern verursacht.

Das sagen nicht nur viele Wissenschaftler, mit denen wir gesprochen haben. Das blieb auch bei unserer Anfrage an das BMG unwidersprochen und findet sich unter anderem in einer Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaft sowie der Akademie der Wissenschaften in Hamburg oder auch im aktuellen Antibiotika-Report der DAK.

Übrigens: Je weniger der bislang geschätzten 7500 bis 15.000 tödlichen Infektionen des BMG tatsächlich durch multiresistente Erreger zustande kommen, desto kleiner wird die Zahl des Ministeriums – und desto größer der Unterschied zwischen den offiziell verlautbarten Zahlen des Ministeriums und dem tatsächlichen Problem. Wenn man also der Argumentation der taz folgt, verschärft sich das Problem sogar noch.

Dann kritisiert die taz auch, wir hätten die von Walter Popp gemachte Aussage zu den 30.000 bis 40.000 Infektionen falsch dargestellt. Es handele sich auch bei seiner Forschung lediglich um Infektionen generell, nicht um multiresistente Infektionen. Es mag sein, dass wir das im Zusammenhang nicht präzise genug dargestellt haben — aber: Wir schreiben nirgendwo, dass es bei Popps Studie um multiresistente Erreger geht. Das hat die taz falsch beobachtet.

Professor Popp hat sich über unsere Recherchen im Übrigen gefreut und auch darüber, dass sich jetzt etwas bewegt in Sachen Krankenhaushygiene.

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Zu guter Letzt schreibt die taz: “Die Autoren suggerieren, dass sie aufwendiger recherchierten, als sie es taten.” Das ist falsch.

Wir schreiben, dass wir “die Abrechnungsdaten aller deutschen Krankenhäuser ausgewertet” haben. Nirgendwo schreiben wir, wir hätten die Daten von allen 2000 deutschen Krankenhäuser einzeln besorgt. Das wäre nicht nur logistisch schwierig. Es wäre auch erstens kaum möglich, da die Krankenkassen diese Daten für die einzelnen Häuser nicht freigeben und zweitens extrem unökonomisch, weil die Daten zentral gesammelt werden: beim statistischen Bundesamt.

In der Datenbeschreibung schreiben wir genau das unter der Überschrift “Woher kommen die Daten?” eindeutig: “Die Daten sind eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes und kommen von den knapp 2000 deutschen Krankenhäusern, die am offiziellen DRG-Abrechnungssystem teilnehmen. Das sind mit ganz wenigen Ausnahmen alle deutschen Krankenhäuser. Auf dieser Grundlage werden die Behandlungen vergütet. Das Statistische Bundesamt bekommt einen Abzug dieser Daten.”

Das wusste auch der taz-Autor.

Wir haben diese tausenden Datenreihen vom Bundesamt mit mehreren Fachleuten analysiert und geschaut, was man damit machen kann. Welche Datensätze brauchbar sind, welche nicht, welche Daten verglichen werden können und welche nicht, was diese Daten aussagen – und was nicht. Das war eine aufwändige Arbeit, die bislang kaum jemand macht.

Wir freuen uns, dass die Recherche so viel Wirbel gemacht hat und jetzt auf Bundesebene mehr Druck gemacht wird, um ein härteres Infektionsschutzgesetz zu schaffen. Das wird Menschenleben retten.

Die Kritik der taz zur “Blamage im Großformat” nehmen wir zur Kenntnis. Einen Beitrag zur Sache leistet sie nicht.

Gefährliche Keime

Kein Pardon bei der Hygiene in Frankreich

von Annika Joeres

Frankreich schützt seine Patienten besser vor multiresistenten Bakterien als Deutschland: Hygiene-Experten schulen und kontrollieren nicht nur Personal, Mängel werden auch öffentlich gemacht. Jeder kann sehen, wenn es in einem Krankenhaus auffallend viele Infektionen gibt.

Unsere CORRECTIV-Reporterin Annika Joeres berichtet für uns aus dem Nachbarland.

Vor einigen Jahren lief in Frankreich eine große Werbekampagne. Zur besten Sendezeit wurden im Fernsehen hustende Menschen im Fahrstuhl oder fiebernde Kinder im Bett gezeigt. „Les antibiotiques, c’est pas automatique“, lautete der Slogan der Spots, auf deutsch „Antibiotika? Nicht automatisch“. Nicht bei jeder Angina sollten die Menschen zu Antibiotika greifen, war die Botschaft. Sie ist angekommen.

Noch vor gut einem Jahrzehnt war Frankreich besonders von den lebensgefährlichen Infektionen durch multiresistente Bakterien betroffen: Ein europaweit überdurchschnittlich hoher Konsum von Antibiotika und mangelhafte Hygiene in Krankenhäusern hatten den Keimen den Weg geebnet. Inzwischen aber hat Frankreich Deutschland bei der Bekämpfung resistenter Bakterieren eine Menge voraus. Die Zahlen für einige Bakterien wie MRSA haben sich seit 2005 halbiert, bei anderen sind sie zumindest stabil.

Die landesweite Kampagne, weniger Antibiotika zu nehmen, damit weniger resistente Bakterien in den Umlauf geraten, war dabei nur ein Baustein. Mindestens ebenso wichtig wurde der Versuch genommen, die Übertragung solcher Bakterienstämme einzudämmen. Im Krankenhausalltag ist es mühsam, resistente Bakterien zu bekämpfen. Infizierte müssen isoliert werden, Pfleger und Ärzte müssen akribisch und immer wieder ihre Hände desinfizieren. Freiwillig geschieht das in Krankenhäusern nur selten. Deshalb setzt die oberste französische Gesundheitsbehörde HAS private und öffentliche Kliniken gleichermaßen unter Druck. Einmal jährlich kommen ihre Beamten für eine Woche in jedes Krankenhaus. Sie analysieren Blut- und Urinproben der Patienten und beobachten den Alltag auf den Stationen. „Bakterien verbreiten sich epidemienhaft, wenn wir nicht systematisch gegen sie vorgehen“, sagt eine Sprecherin des Pariser Gesundheitsministeriums.

Jeder Bürger kann anschließend im Internet nachsehen, welche Note die Klinik für den Kampf gegen mulitiresistente Baktereien erhalten hat, von A wie sehr gut bis E wie mangelhaft. Scope-santé heißt das Projekt. Wenn Operationsbestecke nachlässig desinfiziert oder die Angehörigen nicht ausreichend aufgeklärt wurden, wird das dabei in langen Berichten schonungslos aufgelistet.

Solch eine unabhängige Prüfung gibt es in Deutschland nicht, hier schreiben die Kliniken ihre Qualitätsberichte selbst. Die Kontrolle darüber, wie gut Ärzte und Pfleger desinfizieren, ist freiwillig. Zwar nehmen inzwischen viele hundert Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen an dem Programm namens KISS – die Abkürzung steht für Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System – teil, gezwungen wird aber niemand. Und die Ergebnisse sind anonym. Kein deutscher Patient kann nachschauen, ob seine Klinik bei der Hygiene vorbildlich oder schlampig arbeitet.

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Überwachen, schulen und schützen
In Frankreich geht die Kontrolle viel weiter. Gesonderte Hygienekomitees überwachen an jedem französischen Krankenhaus, ob Ärzten und Pflegern gefährliche Fehler unterlaufen. „Leitlinien und allgemeine Informationen helfen nicht weiter“, sagt Thierry Fosse, Leiter des Hygienestabs an den drei Unikliniken in Nizza. Sein Team besteht aus zehn Mitgliedern und überwacht, ob sich Krankenschwestern und Pfleger ausreichend desinfizieren. Es diskutiert mit dem Personal beispielsweise, ob eine Infektion auf ihrer Station hätte verhindert werden können, wenn der Katheter nur solange im Körper des Patienten geblieben wäre, wie es unbedingt nötig war.
“Manchmal ist es sehr schmerzlich für die Belegschaft, weil wir Ihnen Fehler nachweisen. Aber wir helfen auch: Unmittelbar nach den Ergebnissen des Labors geben wir genaue Anweisungen. Wir sagen ihnen beispielsweise, ob sie einen Mundschutz tragen sollen.“ Vor allem aber sind Fosse und sein Team dafür verantwortlich, alle Mitarbeiter zweimal jährlich zu schulen. „Das ist das Allerwichtigste. Selbst Ärzte, die frisch von der Universität kommen, sind häufig nachlässig bei der Hygiene.“

Das ist auch in Deutschland ein Problem. Fosse erzählt von einem deutschen Patienten, der nach einer Herzinsuffizienz nicht gesund geworden war. Seine Frau ließ ihn schließlich von Frankfurt in seine Heimatstadt Nizza verlegen. Dort diagnostizierten die Mediziner eine zweite Krankheit: Der 55-Jährige hatte sich offenbar im Frankfurter Krankenhaus mit einem multiresistenten Bakterium infiziert. „Die deutschen Dokumente waren sehr akribisch und detailliert – aber erst wir haben durch eine Urinprobe die wahre Ursache seiner Schwäche herausgefunden“, sagt Fosse. „Wir analysieren Blut und Urin unserer Patienten systematisch, um später Angehörige, Bettnachbarn und unser Personal vor einer Ansteckung zu schützen.“

Infektiologen, deren Schwerpunkt die Hygiene ist, gibt es inzwischen auch an deutschen Kliniken. Doch Experten fordern noch viel mehr. Die Infektiologen sollten in die tägliche Arbeit am Patienten integriert werden. Außerdem solle bei jeder Behandlung, bei der über den Einsatz von Antibiotika nachgedacht wird, ein entsprechend geschulter Arzt dabei sein. Antibiotic Stewardship heißt das Konzept, das zum Ziel hat, die richtigen Antibiotika zu finden und sie auch richtig einzusetzen. Denn nicht nur die Patienten müssen sensibler dafür werden, wann Antibiotika sinnvoll sind, sondern auch Ärzte.

Dreimal die Handschuhe wechseln
Wie immer, wenn es um mehr Sicherheit geht, ist die Umsetzung im Alltag nicht einfach. Die Hygienedozentin Claude Pariset bringt Krankenschwestern bei, wie sorgfältig sie bei jeder Kleinigkeit sein müssen. „Jedes Blutdruckgerät, jedes Essenstablett und jedes Handtuch eines infizierten Patienten kann die Keime weitertragen.“ Patienten müssten zum Beispiel vor und nach dem Röntgen desinfiziert werden, Verbandswagen dürften nur auf dem Flur stehen und nicht in die Zimmer geschoben werden.

Pariset erklärt eine Stunde lang, wie eine Bettpfanne sachgerecht entsorgt werden muss. Dafür sind insgesamt fünf paar Handschuhe, drei manuelle Desinfektionen der Hände und eine doppelte Säuberung des Abwasserbeckens erforderlich. Mit frischen Handschuhen soll die Bettpfanne unter dem Gesäß des Patienten hervorgezogen werden, dann müssen die Handschuhe sofort in den Müll, denn Keime der Ausscheidungen könnten an ihnen haften. Anschließend soll sich die Schwester die Hände desinfizieren, ein neues Paar Handschuhe anlegen, den Patienten wieder anziehen und richtig betten. Dann wieder die Hände desinfizieren und erneut die Handschuhe wechseln, um die Bettpfanne zum Entsorgen zu bringen. Dort geht die aufwändige Prozedur weiter. Wenn die Schwestern sagen, sie hätten dafür keine Zeit, kontert Pariset: „Es ist sehr schwer im Klinikalltag. Aber wenn ihr noch weitere Patienten ansteckt, wird euch das noch mehr überfordern.“

Kontrolle des Verbrauchs
Die französischen Kliniken belassen es nicht beim gutem Zureden. Sie prüfen einmal jährlich anhand der Bestellungen und Vorratsschränke, ob die Stationen ausreichend Handschuhe und Desinfektionsmittel verbrauchen. Für einen Patienten auf der Intensivstation beispielsweise müssen sich die Angestellten ungefähr 40 Mal am Tag die Hände desinfizieren. Eine hohe Zahl, die französische Kliniken allmählich auch erreichen: In den vergangenen zehn Jahren steigerte sich die Rate der Desinfektionen von 50 auf rund 85 Prozent der gewünschten Menge.

Nachsichtig ist Hygieniker Fosse dabei nicht. „Unser Team macht Stichproben, ob die Pfleger nicht halbvolle Flaschen entsorgen, nur um die Sollzahl zu erfüllen.“ Seit das bekannt ist, würden die Mittel bis auf den letzten Tropfen genutzt. Frankreich kennt bei der Hygiene kein Pardon – zum Nutzen der Patienten.

Gefährliche Keime

Osteuropäische Arbeiter werden in der Fleischindustrie systematisch ausgebeutet

von Jonathan Sachse

In der deutschen Fleischindustrie werden osteuropäische Arbeiter mit Werkverträgen in großem Stil ausgebeutet. Das berichtet heute DIE ZEIT im nächsten Teil der Recherche- Kooperation mit der Funke-Mediengruppe und CORRECTIV. Mindestens 40.000 Werkvertragsarbeiter werden demnach in deutschen Schlachthöfen ausgebeutet, etwa 80 Prozent der Schlacht- und Zerlegearbeiten werden von den Osteuropäern erledigt. Das schätzt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

Die Kollegen von der ZEIT haben sich besonders Schlachthöfe und Wurstfabriken in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen angeschaut, die ganze Produktionssschritte an die Subunternehmer ausgliedern. Im Milliardenmarkt dieser Schlachtbetriebe geht es vor allen Dingen um Geschwindigkeit. Die Zustände für die schlecht bezahlten Arbeiter sind laut ZEIT-Recherchen erbärmlich. Sie wohnen in Ställen, teilen sich Betten und arbeiten über die gesetzlich geregelten Arbeitszeiten. Subunternehmer nutzen der ZEIT zufolge eine Gesetzeslücke und Stellen osteuropäische Arbeiter zu menschenunwürdigen Bedingungen an. Beobachter sprechen von moderner Sklaverei.

Am Beispiel der niedersächsischen Kreisstadt Vechta wird beschrieben, wie extrem die Zustände sind. Dort schlafen Arbeiter in benachbarten Wäldern, weil sie keinen Schlafplatz bekommen. Tagsüber schuften sie in den Schlachthöfen.

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In diesem System aus Hochtechnologie und Menschenhandel entwickelt sich auch eine Brutstätte für multiresistente Keime, gegen die manchmal keine Antibiotika mehr wirken. Für die ausgenutzten Arbeiter ist die Gefahr besonders hoch, sich mit multiresistenten Keimen zu infizieren.

Den kompletten Artikel lesen Sie heute in DER ZEIT. Hier gibt es die Vorabmeldung.

Wir können ihre Unterstützung bei der Recherche zu multiresistenten Keimen gebrauchen. Haben Sie selbst Erfahrungen mit multiresistenten Keimen gemacht? Hier können Sie ihre Erlebnisse oder die ihrer Bekannten oder Verwandten in einem von uns entwickelten Fragebogen teilen. Unsere Berichterstattung finden Sie unter mrsa.correectiv.org.

Gefährliche Keime

Einsicht in Hygieneakten

von Daniel Drepper

Wenn Menschen im Krankenhaus an Hygiene-Problemen sterben, dürfen Angehörige das oft nicht wissen. Das hat ein Gericht in Hamm beschlossen. Patientenrechtler fordern jetzt eine Gesetzesänderung.

Seine Mutter ist tot – und dann kommt dieser Satz, der sich anfühlt wie ein Schlag ins Gesicht. „Im Verlauf der Behandlung kam es, trotz aller Bemühungen und unter strikter Einhaltung der Hygienevorschriften, leider zu der Entstehung einer MRSA-Sepsis, an deren Folgen Frau B. verstarb.“

Das schreibt das Katholische Klinikum Essen zum Tode von Christel B. MRSA ist ein multiresistenter Keim, eine Sepsis ist eine Blutvergiftung. „Aber welche Hygiene?“, fragt sich Christels Sohn Andreas B. Bei seinen regelmäßigen Besuchen habe er „wenig Sauberkeit auf der Intensivstation erlebt“.

Andreas B hat dem Reporter Klaus Brandt von unserem Kooperationspartner, der Funke-Mediengruppe, seine und die Geschichte seiner Mutter erzählt.

Drei Eingriffe in drei Tagen – MRSA
Oktober 2012: Christel B. (71) liegt auf der Intensivstation des Philippusstiftes Essen-Borbeck. Diagnose: schwere Bauchspeicheldrüsenentzündung, ausgelöst durch eine Gallensteinwanderung. Zunächst ist sie MRSA-frei. Nach drei Eingriffen binnen drei Tagen ist sie mit MRSA infiziert. Zwei Wochen später ist Christel B. tot.

Ihr Sohn ist „davon überzeugt, dass mangelnde Hygiene ihren Tod verschuldet hat“. Seine Vorwürfe gegen die Klinik: „Nichteinhaltung von Hygienevorschriften, mangelnde Desinfektionskontrolle durch das Personal, keine Schutzkleidung für Besucher“. Handschuhe habe selten jemand getragen auf der Intensivstation, dafür hätten sich dort Pizza-Boten die Klinke in die Hand gegeben.

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Andreas B. will Licht ins Dunkel bringen. Nach einem Streit mit der Gutachterkommission der Ärztekammer Nordrhein verlangt er Einsicht in die Hygienedokumentation. Jede Klinik muss jede Infektion, jeden Krankheitserreger genau protokollieren: Wann und wo sie aufgetreten sind, unter welchen Umständen. Wer sie wie bewertet und behandelt hat, mit welchen Antibiotika, wann und in welchen Mengen. Welchen konkreten Schutz der Patient genossen hat, aber auch die Besucher, das Personal, die Mitpatienten. All dies müssen deutsche Kliniken dokumentieren. Zeigen müssen sie ihre Aufzeichnungen nicht. Für Patienten und Angehörige sind die Akten tabu – wegen eines Urteils des Oberlandesgerichts Hamm. Das besagt: „Zweck des Infektionsschutzgesetzes ist es, übergeordnete Interessen zu schützen, die zwar auch dem einzelnen Patienten zugutekommen, aber nicht zu seinem persönlichen Schutz geschaffen wurden.“ (AZ.: 26 U 192/10)

“Sinn des Gesetzes auf den Kopf gestellt”
Mit dem Hinweis darauf verweigert das Katholische Klinikum Essen die Akteneinsicht. „Das OLG hat ein Urteil mit katastrophalen Folgen abgeliefert“, sagt der Chefarzt und Hygieniker Prof. Klaus-Dieter Zastrow. Er hat 2011 an der Überarbeitung des Infektionsschutzgesetzes mitgewirkt. Dass es gegen den Patienten ausgelegt werde, sei „fatal“. Zastrow: „Damit wird der Sinn des Gesetzes auf den Kopf gestellt. Es soll Menschen vor Infektionen schützen – nicht Kliniken vor einer Kontrolle bezüglich der Einhaltung elementarer Hygieneregeln.“

„Dieser Leitsatz ist ein Skandal“, sagt auch Karoline Seibt, Fachanwältin für Medizinrecht. „Ein falsch operierter Patient kann die Gründe seines Leidens nachvollziehen, ein infizierter nicht.“ Die Juristin betreut seit 20 Jahren Opfer von Infektionen und Behandlungsfehlern. Einsicht in Hygienedokumentationen bekommt auch sie nicht. Jede Versicherung, jede Klinik verstecke sich hinter dem OLG-Urteil: „Kein Rechtsanspruch der Patientenseite auf Herausgabe der Unterlagen“, hieß es auch im Fall Christel B. Eine Akteneinsicht stehe nur „dem zuständigen Gesundheitsamt“ zu, „auf Verlangen“ – und auch nur zur formalen Kontrolle, nicht zur inhaltlichen Bewertung der Vorgänge in einer Klinik.

Einsichtsrecht ins Gesetz
Die Hygienedokumente seien „die einzige Chance“ eines infizierten Patienten, eine Klinik in die Haftung zu bekommen. „Doch das ist nicht gewollt“, sagt Seibt, „jedenfalls bisher nicht“. Das Infektionsschutzgesetz schütze allein die Krankenhäuser. „Sie können Hygiene praktizieren oder ignorieren – der Patient wird es nie erfahren.“ So sei die Hygienedokumentation „reiner Selbstzweck“.

Der Gesetzgeber sei gefordert, dies zu korrigieren, sagt Seibt. Ein Einsichtsrecht könne in § 630 g BGB oder in § 23 IfSG integriert werden, schreibt die Fachanwältin in einer gutachtlichen Stellungnahme an das Bundesgesundheitsministerium. Eine solche „Feinjustierung“ hätte „weitreichende, positive und vor allem kostensparende Folgen“ für die Krankenhaus- und Praxishygiene.

Die ganze Geschichte von Christel B. und mehr Geschichten unseres Kooperationspartners FUNKE-Mediengruppe finden sich unter derwesten.de/toedliche-keime.

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Gefährliche Keime

Hygieneampel und strenge Kontrollen gefordert

von Daniel Drepper

Mehr Hygiene-Kontrollen in Krankenhäusern, weniger Antibiotika in der Tierhaltung: CDU-Politiker aus Bundesregierung und Europäischem Parlament fordern gezielte Maßnahmen im Kampf gegen multiresistente Keime. Sie reagieren auf bundesweite Recherche-Ergebnisse von CORRECTIV, der Funke-Mediengruppe, der ZEIT sowie ZEIT-ONLINE zu vermeidbaren Infektionsrisiken und multiresistenten Keimen.

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, will Hygienemängeln in der Berliner Charité und in NRW-Kliniken nachgehen, die im Zuge der Recherchen aufgeflogen waren. Er werde die Klinikleitungen zur Rede stellen, sagte Laumann dem Reporter der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, Klaus Brandt.

Harte Maßnahmen angekündigt
“Ich will wissen, warum das passiert ist,” sagte Laumann. Dass “einige Krankenhäuser offensichtlich das Infektionsschutzgesetz nicht umsetzen, kann nicht toleriert werden”. Laumann: “Wenn Krankenhäuser die Reinigung outgesourct haben, haben sie damit nicht die Verantwortung abgegeben.”

CORRECTIV-Reporter Benedict Wermter war im September zwölf Tage lang undercover als Pflege-Praktikant in der Berliner Charité unterwegs gewesen und hatte zahlreiche Hygiene-Mängel festgestellt. Benedicts Reportage gibt es hier in voller Länge online und als eBook.

Der Patientenbeauftragte Laumann plädiert im Gespräch mit der Funke-Mediengruppe für “mehr unangemeldete Hygiene-Kontrollen in Kliniken”. Gefordert seien die Aufsichtsbehörden der Länder und Kommunen. Laumann: “Wir haben vor Jahren in Altenheimen unangemeldete Kontrollen eingeführt. Was im Altenheim geht, geht im Krankenhaus ganz sicher.”

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Unterstützung aus Brüssel
“Vorbehaltlose Unterstützung” für unangemeldete Klinik-Kontrollen kommt von Dr. Peter Liese, gesundheitspolitischer Sprecher der EVP, der größten Fraktion im Europaparlament. Im PIP-Skandal um minderwertige Brustimplantate hätten angekündigte Kontrollen “die kriminellen Machenschaften gedeckt”, unter denen Tausende Frauen zu leiden hätten, so Liese. “Die wichtigste Lehre daraus: Dass es unangemeldete Kontrollen geben muss – für medizinische Produkte und für die grundsätzliche Hygiene im Krankenhaus.”

Im Interview mit der Funke-Mediengruppe befürwortet Liese auch eine “Hygieneampel für Krankenhäuser”. Wenn die im Nahrungsmittelbereich gefordert werde, wo “eine Verunreinigung nicht gleich Lebensgefahr bedeutet”, sei sie in Kliniken überfällig. “Dinge, die direkten Einfluss auf Leben oder Tod haben”, gehörten veröffentlicht.

Die Initiative der EU-Kommission für ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tierhaltung müsse sofort umgesetzt werden, fordert Liese. Das angestrebte Verbot betrifft Antibiotika, gegen die Keime schon bei der Tiermast resistent werden und die dann als letztes Mittel beim Patienten nicht mehr wirken. “Lieber mal ein Tier notschlachten als ein Menschenleben gefährden”, sagt Liese. Und: Reserveantibiotika sollten nur noch speziell geschulte Ärzte verordnen dürfen.

Mehr Infos
Das gesamte Interview mit Peter Liese, dem gesundheitspolitischen Sprecher der EVP, der größten Fraktion im Europaparlament, gibt es hier auf den Sonderseiten von DerWesten.

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Gefährliche Keime

Tödliche Keime: Made in Germany

von Daniel Drepper

Deutschlands Fleisch wird zu einem gesundheitlichen Problem für viele Europäer. Mit den exportierten Hühnern und Schweinen überschreiten auch multiresistente Bakterien die Ländergrenzen.

[von unserer Frankreich-Korrespondentin Annika Joeres]

Der französische Keim-Experte Thierry Fosse ist eigentlich ein großer Fleischesser. Er liebt gegrillte Hähnchen und Schweinefilet in Weißweinsauce. Aber seitdem er beruflich Menschen therapieren muss, die unter multiresistenten Bakterien leiden, kauft er sein Fleisch nur noch einmal in der Woche bei einem lokalen Händler – in einer Nebenstraße seines Krankenhauses in Südfrankreich. “Ich habe Angst davor, Tiere zu essen, die mit den multiresistenten Bakterien kontaminiert sind. Deutsches Fleisch kommt mir nicht mehr auf den Teller.”

Fosse ist Leiter der Hygieneabteilungen von drei Universitätskrankenhäusern im französischen Nizza. Er kümmert sich um Patienten, die von Bakterien infiziert wurden, gegen die keine Antibiotika mehr helfen. MRSA heißen sie häufig, oder auch Escheria Coli und VRE. Viele davon übertragen sich im Krankenhaus von Patient zu Patient – aber manche stecken sich auch an besiedeltem Fleisch an.

Kein EU-Land verkauft so viel Huhn und Schwein wie Deutschland
Selbst für den 1000 Kilometer von der deutsch-französischen Grenze entfernten Arzt Fosse werden deshalb deutsche Keime zum Problem. Viele Koteletts und gegrillte Hähnchen, die Franzosen, Spanier, Holländer und Engländer verspeisen, stammen aus großen Mastbetrieben in Deutschland. Kein Land in der Europäischen Union verkauft so viel Schweine- und Hühnerfleisch an seine Nachbarländer wie Deutschland – Tiere, die häufig mit den multiresistenten Bakterien besiedelt sind.

Gesamteuropäische Vergleiche über infizierte Fleischwaren fehlen bislang – allerdings beweisen immer wieder einzelne Studiem, wie stark die Waren aus dem Kühlregal ansteckend sein können. Die Tierschutzorganisation PETA fand kürzlich in 86 Prozent von 30 deutschen Hühner- und Putenfleischproben aus deutschen Supermärkten ESBL und/oder MRSA. In einer Studie des Robert-Koch-Instituts wurde in 15 Prozent aller Fleischprodukte im Supermarkt MRSA nachgewiesen – besonders betroffen waren aber mit jeweils 37,5 Prozent “Fleischzubereitungen mit Pute” und “frisches Schweinefleisch”. Tiere aus biologisch geführten Betrieben von “Neuland” waren laut derselben Publikation nicht betroffen.

Bakterien vom Geflügel auf den Menschen
Und die Bakterien schaffen es vom “toten Fleisch” offenbar in den Kreislauf des Menschen: Niederländische Forscher entdeckten in knapp 80 Prozent der untersuchten Hühnerfleisch-Produkte ESBL-Gene. Eine Analyse dieser Proben ergab: Die Bakterien auf dem Fleisch stimmten mit den Bakterien von Patienten überein, die wegen eines multiresistenten Bakteriums in einem Krankenhaus behandelt wurden. Die Autoren der Studie gehen daher davon aus, dass sich die Menschen die antibiotika-resistenten Bakterien vom Geflügelfleisch eingefangen haben.

Bislang gibt es keine Kontrollen an den Grenzen, ob das exportierte Fleisch kontaminiert ist. Verbraucher wissen nicht einmal, ob und woher Fleisch und Wurst importiert wurden: Nur für Rindfleisch besteht bislang die Pflicht, die Herkunft auszuweisen. Ein Grillhühnchen, gekauft in der Pommesbude an der Ecke oder in einem edlen Restaurant, kann genauso gut aus Brasilien stammen wie von einem niedersächsischen Hof.

Jedes Jahr sterben in Deutschland tausende Menschen an Infektionen mit multiresistenten Keimen. Viele Opfer infizieren sich im Krankenhaus. Aber inzwischen ist eben auch das Fleisch eine Keim-Quelle. Humanmediziner und Landwirte setzen die identischen Wirkstoffklassen der Antibiotika ein: die einen beim Kranken, die anderen beim Schlachtvieh. Die Bakterien in den Mastanlagen werden gegen die einst lebensrettenden Arzneien resistent und breiten sich auf der Haut und im Blutkreislauf der Tiere aus.

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Gummihandschuhe beim Filet zubereiten
Wolfgang Witte, 69, ist Mikrobiologe und war lange Jahre Leiter des Nationalen Staphylokokken-Referenzzentrums des Robert Koch-Instituts. Er gilt als einer der führenden MRSA-Experten des Landes. Für Witte ist es selbstverständlich, bei der Zubereitung von Hühnchenfilets aus dem Supermarkt Gummihandschuhe zu tragen. Denn: “Die darauf häufig anzutreffenden Tier-MRSA-Bakterien könnten durch kleine Wunden in den Körper gelangen.” Bei der Fleisch-Zubereitung kann tatsächlich schon eine kleine Wunde an der Hand reichen, um sich mit den Bakterien zu infizieren. Dann heilen einzelne Infektionen nicht mehr oder der gesamte Körper erleidet eine Blutvergiftung. Patienten steht ein langer und manchmal tödlicher Leidensweg bevor.

“Die multiresistenten Bakterien überschreiten Grenzen über den Handel und über Reisende. Daher brauchen wir dringend einheitliche Gesetze in den EU-Staaten, um die gefährlichen Resistenzen zu reduzieren”, schreibt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA im italienischen Parma. 35 Prozent aller Schweine werden nach der Schlachtung in andere EU-Länder weiterverkauft, eine seit Jahren steigende Zahl. Bislang aber schützt die EU ihre Bürger nicht vor den importierten Keimen.

2011 verabschiedete die Europäische Kommission einen Aktionsplan. Darin bezeichnet sie multiresistente Bakterien als “globale Bedrohung” für die öffentliche Gesundheit. Fleischhaltige Lebensmittel und der Kontakt zu Tieren seien ein Vehikel für die Übertragung von Bakterien zwischen Menschen und Tieren. Der Aktionsplan umfasst zwölf Punkte, unter anderen den “sachgemäßen Gebrauch von Antibiotika” und eine “bessere Überwachung von Medizin an Tier und Mensch”. Doch der Plan ist ein stumpfes Schwert: Seine endgültige Umsetzung obliegt alleine den Mitgliedsstaaten, harte Ziele werden nicht vorgegeben.

Keine Kontrollen an den Grenzen
An den Grenzen gibt es keine Kontrollen, auch keine Stichproben. Das Berliner Verbraucherschutzministerium räumt ein, dass das Fleisch bei der Überführung in andere Länder nicht auf eine mögliche Kontaminierung von multiresisten Bakterien geprüft werde – dazu sei das Risiko für die Verbraucher “zu gering”. Sichergestellt werde lediglich, dass die Waren aus einem zertifizierten Betrieb kommen, der den EU-Normen entspricht.

Die EU-Normen wiederum sind an die großen Mastbetriebe angepasst, die in Deutschland das Fleisch produzieren und alle zertifiziert sind. Zweiundzwanzig Hühner leben hier auf einem Stück Boden so groß wie ein kleines Handtuch. Ein 120 Kilogramm schweres Schwein hat genau einen Quadratmeter Platz. Unter diesen Bedingungen breiten sich die Keime aus. Und die Produzenten wenden Antibiotika an, die wiederum die resistenten Bakterien langfristig stärken. Ein Teufelskreis. Laut Daten der EU erhalten Schweine und Hühner in ihrem kurzen Leben zwischen vier und sieben Mal Antibiotika. Das ist legal. Dieses Fleisch passiert ohne Probleme jede EU-Grenze.

Deutschland: 50 Mal mehr Antibiotika als Norwegen
Dabei gibt es in Europa große Unterschiede in der Fleisch-Herstellung. Die Europäische Medizin-Agentur EMA hat nachgewiesen, wie unterschiedlich hoch der Gebrauch von Antibiotika in europäischen Ställen ausfällt. Deutschland liegt von 26 Staaten an fünfter Stelle – nur Produzenten in Zypern, Spanien, Italien und Ungarn verabreichen ihren Tieren mehr Antibiotika als deutsche. Am wenigsten Antibiotika bekommen Tiere in Norwegen mit 3,8 Milligramm Antibiotika pro tausend Tonnen produzierten Fleischs. In Deutschland sind es mit 204,8 Milligramm pro tausend Tonnen mehr als 50 Mal so viel. Schlusslicht Zypern benutzt 396,5 Milligramm pro tausend Tonnen.

Infektiologen lässt die europäische Export-Anarchie verzweifeln. “Wir versuchen hier mit umfangreichen Kontrollen die Keime in den Krankenhäusern in den Griff zu bekommen. Aber wenn sie an anderer Stelle, im Stall, auf den Farmen, quasi systematisch herangezüchtet werden, sind wir irgendwann machtlos”, sagt Fosse.

Bis die Europäische Union die Produzenten zu einer tier- und menschenfreundlicheren Zucht verpflichtet, kann sich der Verbraucher nur selbst schützen. Indem er Fleisch aus artgerechter Haltung bevorzugt, es gut durchbrät – oder auf Fleisch ganz einfach verzichtet.

Wir können ihre Unterstützung bei der Recherche zu multiresistenten Keimen gebrauchen. Haben Sie selbst Erfahrungen mit multiresistenten Keimen gemacht? Hier können Sie ihre Erlebnisse oder die ihrer Bekannten oder Verwandten in einem von uns entwickelten Fragebogen teilen. Unsere Berichterstattung finden Sie unter mrsa.correctiv.org.