autoreifen

Aktuelle Artikel

Alle Artikel zu unseren Recherchen

CORRECTIV bleibt auch nach der ersten Veröffentlichung einer Geschichte am Thema dran. Wir recherchieren weiter, wir aktualisieren und veröffentlichen Einzel- oder Folgeartikel. Diese finden Sie hier.

© Ivo Mayr

Pflege

Die größte Pflegereform aller Zeiten…aber bei den Pflegekräften kommt fast nichts an

Ein neues Gesetz soll die Pflege verbessern. Der Gesundheitsminister verspricht mehrere Milliarden Euro. Doch in Pflegeheimen kommt das Geld offenbar nicht an. Recherchen von BuzzFeed und correctiv.org zeigen, wie Krankenkassen und Kommunen mehr Personal in Pflegeheimen verhindern.

weiterlesen 12 Minuten

von Daniel Drepper

Die Versprechen waren groß: Das neue Gesetz werde die größte Pflegereform aller Zeiten. Gesundheitsminister Hermann Gröhe nannte 2017 „ein gutes Jahr für Pflegebedürftige, ihre Familien und unsere Pflegekräfte“. Doch viele Pflegekräfte und Heimbetreiber sind sich sicher, dass es ihnen in Zukunft sogar noch schlechter gehen wird. Sie könnten Recht behalten.

Pflegekräfte klagen seit Jahren über extreme Belastungen. Oft sind sie nachts für mehr als 50 Bewohner zuständig – und halten es im Schnitt nur rund acht Jahre lang in ihrem Beruf aus. Deshalb kämpfen Initiativen wie „Pflege am Boden“ oder „Pflege in Bewegung“ seit Jahren für mehr Personal.

Niemand weiß, ob es tatsächlich neues Personal gibt

Das neue Gesetz, genannt Pflegestärkungsgesetz II, soll genau das bringen. Seit Anfang 2017 werden Pflegebedürftige in fünf Pflegegrade statt in drei Pflegestufen eingeteilt. Deshalb muss in allen 16 Bundesländern neu entschieden werden, wie viele Pflegekräfte in den Heimen arbeiten. BuzzFeed und CORRECTIV wollten wissen, wie viel die Reform für die Pflegeheime wirklich bringt. Doch drei Monate nach Einführung des Gesetzes kann niemand sagen, ob tatsächlich mehr Pfleger eingestellt werden – weder das Bundesgesundheitsministerium, noch Deutschlands größte Krankenkassen AOK, noch private oder gemeinnützige Heimbetreiber.

Im Schnitt, so die Prognosen, soll es in den einzelnen Ländern etwa drei Prozent mehr Personal in den Pflegeheimen geben. In manchen Ländern wie Rheinland-Pfalz, Bayern, Schleswig-Holstein oder Niedersachsen gibt es dagegen bisher noch gar keine Einigung über neues Personal. Und selbst in den Ländern, in denen die Vorgaben leicht erhöht werden, wird es kaum mehr Pflegerinnen geben. Das zeigt das Beispiel Baden-Württemberg. Dort kämpfen Krankenkassen und Kommunen seit Mitte vergangenen Jahres gegen mehr Pflegekräfte. 

Kampf gegen mehr Personal

Im Juni 2016 schließen sich Pflegeheimbetreiber zusammen: Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Rotes Kreuz, Diakonie und private Betreiber. Sie alle wollen mehr Pfleger für ihre Heime und beantragen das bei denen, die am Ende zahlen müssen: bei den Versicherungen und Kommunen. Die Gegner treffen sich zum ersten Mal am 22. Juli und danach mehrfach zu Verhandlungen. Ein Spitzengespräch Ende Oktober endet ohne Ergebnis. Die Heimbetreiber wissen sich nicht mehr zu helfen und beenden die Verhandlungen. Sie rufen die zuständige Schiedsstelle an. 

Die Heimbetreiber beantragen gut zehn Prozent mehr Personal. Ihr Argument: Durch die Umstellung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade würde zwar zu Beginn großzügig gerechnet, es gebe also zunächst mehr Personal. Das werde sich aber schnell ändern, weil das neue Begutachtungssystem Experten zufolge neue Bewohner benachteilige. Die neuen Bewohner profitieren nicht von der großzügigen Übergangsregelung und werden Experten zufolge niedriger eingestuft. Die Pflegeheime bekommen weniger Geld, obwohl der Aufwand der gleiche ist. 

Die Pflegeheimbetreiber verlangend deshalb zusätzliches Geld für Personal. Die Kassen und Kommunen lehnen das ab. Mehr Personal werde nicht benötigt und sei auch nicht gerechtfertigt. 

Betreiber, Kassen und Kommunen treffen sich am 23. Februar vor einem Schiedsgericht in Stuttgart. Das beschließt einen Kompromiss. Man brauche mehr Pfleger, so das Schiedsgericht, um durch die Pflegereform die Pflege nicht noch schlechter zu machen. Zunächst sollen es fünf Prozent mehr Pfleger sein, im Jahr 2020 sollen noch einmal drei Prozent dazu kommen. Dieser Kompromiss, über den hier erstmals berichtet wird, sorgt vor allem dafür, dass die Pflege nicht schlechter wird. Er sorgt nur sehr begrenzt dafür, dass die Pflege besser wird, wie aus dem Schiedsspruch hervor geht. 

Für mehr Qualität in der Pflege blieben faktisch nur zwei Prozent übrig, schreibt Reinhold Schimkowski in einer Presseerklärung. Er ist Vorsitzender der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg und vertritt einen Großteil der Heimbetreiber. „Eigentlich hätten wir mit Sicht auf die nächsten Jahre eine Verbesserung von rund 11 Prozent gebraucht“, sagt Schimkowski, „aber wir werden diesen Schiedsentscheid so akzeptieren.“

Die AOK schreibt, mehr Personal sei gerechtfertigt. Ob das neue Begutachtungssystem Bewohner wirklich benachteilige, sei jedoch von Pflegeheim zu Pflegeheim unterschiedlich. Die AOK hätte diesen Effekt deshalb gerne „nach tatsächlichem Bedarf statt mit der Gießkanne berücksichtigt“, schreibt Peter Frost, Pressesprecher der AOK Baden-Württemberg.

Der Landkreistag Baden-Württemberg schreibt auf Anfrage von BuzzFeed und CORRECTIV, die Kommunen würden weitere rechtliche Schritte erwägen, zum Beispiel eine Klage vor dem Landessozialgericht Baden-Württemberg. Ob die Kostenträger weiter gegen mehr Personal kämpfen werden, soll voraussichtlich bis Ende April entschieden werden.

„Eine üble Sache“

Viele Pfleger und Heimbetreiber befürchten, dass die Qualität der Pflege in Deutschland bald nicht besser, sondern noch schlechter wird. „Die neuen Regeln sind fürs Personal grundsätzlich eine üble Sache. Meine große Befürchtung: Mittelfristig wird es weniger Personal geben“, sagt zum Beispiel Witold Konermann. Er ist 60 Jahre alt, seit fast 18 Jahren Pfleger, stellvertretender Personalratsvorsitzender der Leben & Wohnen Stuttgart. Dort arbeiten etwa 1000 Menschen in acht Pflegeheimen und zwei Einrichtungen für Wohnungslose. 

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

„Durch die Erhöhung, die wir jetzt zu Beginn in Baden-Württemberg haben, wird das Problem nicht ausgeglichen“, sagt Konermann. Er hat kurz nach Einführung der Pflegeversicherung als Altenpfleger angefangen, Ende der 90er Jahre. Damals, sagt Konermann, habe man noch Zeit gehabt, sich um die Menschen zu kümmern. „Mittlerweile können wir nur noch die Grundpflege leisten.“

„Ich gehe nicht davon aus, dass uns das neue Gesetz Verbesserungen bringt“, sagt auch Gerhard Töller, Geschäftsführer der elf Pflegeheime der Diakonie im niedersächsischen Osnabrück. „Die Politik setzt auf ambulant, ambulant, ambulant. Aber die stationäre Pflege in Einrichtungen, die Pflege für die stark Pflegebedürftigen, die muss auch gut sein.“ Töller plant derzeit weiter mit der alten Personalbesetzung, in Niedersachsen konnten sich Betreiber, Krankenkassen und Kommunen bislang nicht auf einen neuen Personalschlüssel einigen.

Betreiber befürchten noch schlechtere Bedingungen

BuzzFeed und correctiv.org haben bei den wichtigsten Pflegeheim-Verbänden sowie zehn der größten Pflegeheimbetreiber Deutschlands nachgefragt, ob das Gesetz mehr Pflegerinnen und damit bessere Pflege möglich macht. Die Betreiber sagen: Nein. Stattdessen befürchten sie noch schlechtere Bedingungen.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) erwartet, dass das Personal in den kommenden Monaten wieder absinkt. Von einer Erhöhung des Personals ist keine Rede mehr, geschweige denn von einer deutlichen. Das Ziel lautet nur noch, „die Personalausstattung keinesfalls unter das Niveau von 2016 zu senken“, schreibt Pressesprecher Olaf Bentlage, der mehr als 8000 Anbieter vertritt. Die Pflegeheime seien „das Stiefkind der Pflegereform“.

Auch die private Pflegeheim-Gruppe Pro Seniore geht davon aus, dass sich die Bedingungen für Pflege trotz der Reform verschlechtern werden. Die Politik verkaufe mit dem Gesetz „eine Verbesserung der Pflegesituation, real muss jedoch derzeit von einer Verschlechterung ausgegangen werden“, schreibt Geschäftsführerin Daniela Kirsch. Die gestiegenen Anforderungen der vergangenen Jahre „wurden und werden nicht berücksichtigt“. 

„Größere Befürchtungen“

Ein „Bündnis für gute Pflege“ fordert als kurzfristige Lösung, sich das Land mit den besten Personalbedingungen zu nehmen und diese Personalschlüssel für alle Bundesländer festzuschreiben. Dem Bündnis gehören neben zahlreichen Wohlfahrtsverbänden auch Gewerkschaften und Selbsthilfevertretungen an.

Die größte Pflegekasse AOK glaubt dagegen nicht, dass die Heimbetreiber „größere Befürchtungen haben müssten.“ Und das Bundesministerium für Gesundheit schreibt, dass Schätzungen zufolge durch das neue Gesetz im Schnitt zwei neue Pflegekräfte pro Pflegeheim eingestellt werden können. 

Zudem seien fast 50.000 zusätzliche Betreuungskräfte eingestellt worden, so das Ministerium. Diese sollen pflegebedürftige Menschen in Heimen beschäftigen, haben keine Ausbildung als Pfleger und dürfen deshalb auch nicht bei der Pflege helfen. Da es in vielen Heimen an Pflegekräften mangelt, werden die Betreuungskräfte aber offenbar trotzdem häufig als Pfleger-Ersatz eingesetzt.

Keine aktuellen Zahlen

Bis Mitte 2020 soll nun erstmals gemessen werden, wie viele Pflegekräfte deutsche Heime wirklich brauchen. Der Auftrag dafür steht laut Gesundheitsministerium und AOK kurz vor der Vergabe. Viele Experten kritisieren, dass diese Personalbemessung viel zu spät komme. Zudem dürfe „nicht übersehen werden, dass der Gesetzgeber keinerlei Verpflichtung zur Umsetzung durch die Bundesländer festgeschrieben hat“, schreibt der Bundesverband privater Anbieter.   

„Ein Personalbemessungsinstrument muss bundesweit verbindlich eingeführt werden und das wissenschaftlich ermittelte, notwendige Personal muss refinanziert werden“, fordert die Bundestagsabgeordnete Elisabeth Scharfenberg, Pflege-Expertin der Grünen. Die Bundestagsabgeordnete Pia Zimmermann, Pflege-Expertin der Linken, fordert Sofortmaßnahmen, um den akuten Personalmangel  zu bekämpfen. Darunter „verbindliche bundesweit einheitliche Personalschlüssel“. Zudem müssten die Verhandlungen transparent geführt werden. Zumeist würden durch die moderaten Personalerhöhungen derzeit lediglich Pflegehelferinnen oder zusätzliche Betreuungskräfte eingestellt, aber keine Fachkräfte. Die pflegepolitischen Sprecher von SPD und CDU haben auf Anfrage von BuzzFeed und CORRECTIV nicht reagiert.

„Schnellschüsse auf der Suche nach Lorbeeren“, nennt Professorin Katharina Planer die neue Pflegereform und die Pläne für eine Personalbemessung. Seit 2008 jage ein Expertenbeirat den nächsten, doch die Ergebnisse ließen zu Wünschen übrig. Planer hat 30 Jahre lang in der Altenpflege gearbeitet, auch als Heimleitung. Seit zehn Jahren forscht sie zur Pflege. 

Planer hat sich auch mit der neuen Personalbemessung lange beschäftigt. Sie beklagt, dass sich die Politik viel zu sehr einmische und eine echte Forschung dadurch nicht möglich sei. Planer sagt, dass von der Reform bisher nur die Pflegebürokratie profitiere – also die Krankenkassen, die Verbände der Heimbetreiber, die Kommunen und auch die Pflegewissenschaftler, die immer wieder Gutachten schreiben. „Von den neuen Regeln profitieren eine ganze Menge Leute, aber sicher nicht die Pflegebedürftigen oder die Pfleger.“

Diese Veröffentlichung ist eine Kooperation zwischen CORRECTIV und BuzzFeed Deutschland.

Die Lebensumstände in einer Pflege-WG werden nur lasch kontrolliert.© Ivo Mayr / Correctiv

Pflege

Wenn die Pflege-WG zur Falle wird

Altenheime haben einen schlechten Ruf. Die Politik fördert als Alternative betreute Pflege-Wohngemeinschaften. Doch da werden Rechte von Pflegebedürftigen mitunter beschnitten. Und schwarze Schafe in der Pflegebranche profitieren.

von André Ricci

Die Grundidee klingt verlockend: Pflegebedürftige leben gemeinsam in überschaubaren Wohngruppen und entscheiden selbst, welche Leistungen sie von wem in Anspruch nehmen. Sie sind weder den rigiden Regeln von Heimleitungen ausgeliefert noch haben sie mit einem Pflegepersonal zu tun, das sich nicht um sie kümmert. Dem sie, wenn es zu Spannungen kommt, nur durch Auszug entkommen können.

Das findet auch Klaus Göttsch attraktiv, der nach negativen Erfahrungen mit einem ambulanten Pflegedienst und einem stationären Heim nach einer Alternative für seine an Demenz leidende Mutter sucht. Nicht weit von seinem Wohnort im niedersächsischen Bremer Umland entsteht da gerade etwas Neues: eine betreute Wohngemeinschaft. Die Einrichtung macht einen freundlichen Eindruck, ist baulich einwandfrei, liegt im Grünen. Der Mietvertrag wird unterschrieben, danach greift alles eingespielt ineinander: die Mutter zieht ein, der Pflegedienst übernimmt. Alle vier Wochen unterschreibt der Sohn die Leistungsnachweise.

In die WG einziehen wie in ein Heim – das ist der Standard. Aber Wohngruppen sind rechtlich keine Heime, sie werden viel lascher kontrolliert und für sie gelten bis hin zum Brandschutz geringere Standards. Wer in eine WG statt in ein Heim zieht, tauscht staatlichen Schutz gegen mehr Selbstbestimmung – so die Theorie. Die Praxis ist oft eine andere. Pflegedienste betreiben Wohngemeinschaften, sind die wahren Herren im Haus und verdienen gut dabei.

Auch Göttsch kommen bald Zweifel. Ist seine Mutter wirklich gut untergebracht? „Pausenlos wurde versucht, ihre Medikamenteneinnahmen zu erhöhen“, schildert er seinen Eindruck.

Eine ärztliche Bedarfsverordnung erlaubt dem Pflegedienst die Gabe von Schmerzmitteln innerhalb eines Korridors. Der Sohn befürchtet, dass die Grenzen zu stark ausgereizt werden. Der Hausarzt will seine Verschreibung nicht rückgängig machen. Göttsch sucht einen Facharzt auf. Der bestätigt: Die Mutter braucht keine regelmäßige, variable Verabreichung von Schmerzmitteln. Nach drei Arztbesuchen ist die Verordnung des Hausarztes endlich vom Tisch.

Nach sieben Monaten bekommt Göttsch plötzlich einen auf den Tag des Einzugs rückdatierter Pflegevertrag vorgelegt – und soll zuzahlen. Zwischen den Zahlungen der Krankenkasse und den Forderungen des Pflegedienstes klafft eine monatliche 300-Euro-Lücke. Göttsch unterschreibt nicht. Stattdessen schaut er sich die Leistungsnachweise der vergangenen Monate an und entdeckt Unregelmäßigkeiten.

Der Pflegedienst rechnet ein tägliches Wannenbad ab, obwohl es in der WG nur Duschen gibt. Fahrkosten werden falsch in Rechnung gestellt, weil eine veraltete Adresse genannt ist. Tatsächlich hat der Pflegedienst seinen Sitz längst auf das Nachbargrundstück verlegt. Auch werden Einzelanreisen geltend gemacht, obwohl der Pflegedienst mit einem Besuch alle zwölf Parteien der WG betreut. Hauswirtschaftliche Leistungen werden in Rechnung gestellt, obwohl sie privat beglichen werden. Erst nach Protest händigt der Pflegedienst für einen Monat eine korrekte Abrechnung aus.

Göttsch kündigt den WG-Mietvertrag. Der Vermieter besteht auf einer dreimonatige Kündigungsfrist wie bei einem ganz normalen Wohnungsmietvertrag. Es kommt zum Rechtsstreit. Die mutmaßlich betrogene Krankenkasse erklärt, sie könne nichts machen, schließlich habe Göttsch alle Leistungsnachweise unterzeichnet.

Inzwischen lebt die Mutter wieder im Pflegeheim. Und Göttsch fragt sich rückblickend: Was genau war eigentlich vorher anders? Besser?

Seine Schilderungen sind kein Einzelfall. Die Unterschiede zwischen Heim und WG verschwimmen. Trotzdem gelten für WGs weniger Vorschriften.

Einer, der die Anfänge gut kennt, ist Klaus-Werner Pawletko. Der Geschäftsführer des Berliner Vereins „Freunde alter Menschen“ ist quasi der Erfinder der innovativen Wohnform zwischen Heim und Wohnung. Mit Mitstreitern gründete er 1995 in Berlin die erste Demenz-WG Deutschlands. „Damals konnten Heime noch nicht mit Dementen umgehen, die Verhältnisse waren schlimm“, sagt er. Eine Wohnform für Pflegebedürftige außerhalb des Heimrechts sei politisch nicht gewollt gewesen. Doch die Heimaufsicht hätte das Projekt nicht verboten, mangels Zuständigkeit. „Die Idee war: Kontrolle von innen statt von außen“, sagt Pawletko.

Doch die Idee ist in die Jahre gekommen. Seit 2009 sind die Bundesländer für das Heim-Ordnungsrecht zuständig. Andere rechtliche Aspekte sind jedoch weiter auf Bundesebene geregelt. Es ist ein Flickenteppich aus verschiedenen Gesetzen entstanden. Und damit auch Intransparenz, die zum Missbrauch einlädt.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

„Gewinner sind die, die sich auskennen“, sagt Rechtsanwältin Ulrike Kempchen, Leiterin Recht bei der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebedürftige Menschen (Biva). „Einige Einrichtungen haben in der Vergangenheit gezielt ihre Verträge so umgearbeitet, dass die ordnungsrechtlichen Regelungen keine Anwendung mehr finden“, so die Juristin.

Die Kontrolldichte schwankt extrem. Manche Bundesländer, zum Beispiel Bayern, kontrollieren Heime und kommerziell betriebene Wohngemeinschaften in etwa gleich häufig. Die meisten gehen jedoch laxer vor: Nach einer Erstprüfung folgen nur noch anlassbezogene Kontrollen. Kommt der Behörde keine Klage zu Ohren, lässt sie die WG-Betreiber in Ruhe.

In Deutschland fehlen Pflegeplätze. Die Politik setzt als Lösung auch auf mehr Wohngruppen. Das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen etwa will laut Gesundheitsministerium die stark wachsende Zahl von Pflegebedürftigen „im Wesentlichen durch ambulante Angebote auffangen“. Das entspreche auch den Wünschen der Betroffenen, so der Freiburger Sozialexperte Professor Thomas Klie, Mitverfasser einer Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zur Situation ambulanter Wohngruppen in Deutschland. „Nur zwei Prozent der Bevölkerung gibt an, im Heim sterben zu wollen“, sagt er.

Um das Wachstum im WG-Sektor zu befeuern, gibt es verschiedene Hebel. Generell gilt: Je liberaler die Gesetzgebung, desto attraktiver wird es für potenzielle Betreiber. Beispiel Niedersachsen: Dort ist es seit rund einem Jahr nun möglich, dass der Vermieter einer Immobilie zumindest im ersten Jahr mit einem Pflegedienst seiner Wahl kooperiert und sich die Bewohner den Pflegedienst damit nicht mehr selbst aussuchen können.

Nach einem Jahr wird die freie Wahl eines Pflegedienstes zwar nachträglich eingeräumt – aber das ist graue Theorie. Die WG läuft bereits, und zwar mit den Strukturen, die die Betreiber vorgesehen haben. Für neu einziehende Pflegebedürftige heißt es: friss oder stirb. Wer etwas ändern will, wird zum Störenfried.

Anzahl ambulant betreuter Wohngruppen pro Bundesland

Vielleicht ist Niedersachsen nur ehrlicher als andere, hat seine Gesetze konsequenter der Realität angepasst. Denn von Bewohnern initiierte betreute Wohngruppen sind zur Rarität geworden. „Die Pflegedienste haben den Markt für sich entdeckt“, sagt WG-Pionier Pawletko. „So war das eigentlich nicht gemeint.“ In Berlin, dem Geburtsort der Dementen-WG, gibt es inzwischen im Schnitt die meisten ambulant betreuten Wohngruppen pro Kopf. Die Studie im Auftrag des Gesundheitsministeriums geht von 690 Pflege-Wohngemeinschaften mit mehr als 4.600 Bewohnern aus. Ordnungsrechtlich kontrolliert werden sie kaum. Experten sprechen von „Berliner Verhältnissen“ und verdrehen dabei die Augen.

In einer anonymen Großstadt wie Berlin gibt es besonders viele Pflegebedürftige ohne Angehörige, die sich um sie kümmern. Ihnen werden gesetzliche Betreuer zur Seite gestellt, die oft überlastet und generell unterbezahlt sind. Was in den einzelnen Wohngruppen täglich vor sich geht, kann niemand verlässlich sagen.

Klie warnt: „Hermetisch isolierte, faktisch von Pflegediensten betriebene Wohngemeinschaften sind unter menschenrechtlichen Gesichtspunkten zum Teil hochgefährlich. Sie entsprechen weder dem Freiburger Modell noch dem Leitbild des Gesetzgebers.“

Das „Freiburger Modell“ beschreibt Qualitätsmaßstäbe für Wohngruppen für Demenzkranke. Ein Grundgedanke: die WG-Bewohner oder ihre Vertreter sollen gemeinsam Entscheidungen treffen. Dabei erhalten sie professionelle Unterstützung von außen. Vermietung und Pflege sind getrennt.

In manchen Bundesländern, etwa in Hamburg, gibt es solche Ansätze. Ohne klaren Ordnungsrahmen drohen dagegen gefährliche Fehlentwicklungen. Die wären nur folgerichtig, so Klie: „Man kann Wohngruppen nicht einfach dem Markt überlassen und sich dann wundern, dass lauter Kleinstheime entstehen.“  Mini-Heime, die sich Wohngruppen nennen und doch nur Etikettenschwindel betreiben. In denen man im schlimmsten Fall in die Lage eines Ausgelieferten geraten kann: hilflos und von der Heimaufsicht vergessen.

Tipps für die Auswahl einer ambulant betreuten WG

Eine gute Pflege-WG ist kein Heim, sondern ein aus mehreren Elementen zusammengesetzter Baukasten. Erheblich pflegebedürftige Menschen bedürfen daher der Unterstützung durch Angehörige oder Vertrauenspersonen, damit Versorgung und Mitwirkung auch tatsächlich funktionieren.

Wir haben bei der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebedürftige Menschen (Biva) nachgefragt, worauf man bei der Auswahl einer ambulant betreuten WG achten sollte. Aus der Antwort haben wir eine Checkliste zusammengestellt.

1.  Meist werden Wohngruppen gesucht, in die Bewohner ähnlich wie in ein Heim einziehen können. Man kann aber auch selbst mit Freunden eine eigene Pflege-WG gründen. Ratgeberbücher geben Auskunft, was dabei zu beachten ist.  

2. Angebote unterscheiden sich je nach Bundesland. Übersichten bieten z. B. Aufsichtsbehörden, Pflegestützpunkte und -beratungsstellen sowie Vereine, die WG-Gründungen unterstützen.

3. Zu klären ist, welche Leistungserbringer in der WG wirken und ob sie gewechselt werden können. Oft sind Verträge so formuliert, dass jeder Bewohner theoretisch einen eigenen Pflegedienst wählen kann. In der Praxis sind aber WGs schon fest von einem Pflegedienst betreut. Benötigt jemand rund um die Uhr Betreuung, verschärft sich das Problem und es bleibt oft nur der Auszug.

4. Für weglaufgefährdete Personen sind Pflege-WGs eher nicht geeignet, weil eine unablässige Beaufsichtigung nicht möglich ist. Für freiheitsentziehende Maßnahmen wie abgeschlossene Türen sind immer richterliche Beschlüsse nötig.

5. Gibt es für jeden Bewohner eine individuelle Pflegeplanung?

6. Werden Leistungen transparent dokumentiert und abgerechnet?

7. Wer trägt bei mehreren Leistungserbringern die Verantwortung?

8. Wer verwaltet die Finanzen?

9. Wem obliegt die Haushaltsführung?

10. Wer gestaltet die Planung des Alltagslebens?

11. Wer legt die Hausordnung fest?

12. Wer gestaltet die Räume?

13. Wer übt das Hausrecht aus?

14. Wer entscheidet über den Einzug von Bewohnern?

15. Verträge vor der Unterzeichnung zu Hause in Ruhe prüfen, möglichst zusammen mit einem Juristen. Die Biva bietet Vertragsprüfungen an.

Im Pflege-Wegweiser können alle Heime miteinander verglichen werden.© Ivo Mayr

Pflege

Was wir wissen, was wir nicht wissen

Hier erklären wir, wie unser CORRECTIV-Pflegewegweiser entstanden ist, was die Daten aussagen, welche Grenzen sie haben. Und wie Du mithelfen kannst, die tatsächliche Lage in den Pflegeheimen noch transparenter zu machen.

von Daniel Drepper

Wie viele Bewohner muss eine Pflegekraft pro Tag versorgen? Wie gut ist sie ausgebildet? Machen Pflegekräfte fachliche Fehler? Wie viel Geld gibt der Heimbetreiber für Mahlzeiten aus? Weist das Unternehmen einen hohen Gewinn aus – und steht damit weniger Geld für die Pflege der Bewohner zur Verfügung?

All das wissen wir nicht. Dabei müsste man all dies wissen, um die Qualität eines Heims richtig einschätzen zu können. Aber die Daten werden nicht veröffentlicht. Liegt es daran, dass die Geschäftsinteressen der Heimbetreiber den Politikern wichtiger sind als das Informationsinteresse der Bürger?

Andererseits gibt es eine Menge öffentlich zugänglicher Daten, mit denen man sich ein Bild machen kann über die Lage in den Heimen. Wir haben sämtliche Daten zusammen getragen und analysiert – und die Datenanalyse eingebettet in weitere Recherchen. Wir haben gemeinsam mit dem NDR einen Fernsehfilm gedreht, ein Buch zum Thema geschrieben und eine Website gebaut: den CORRECTIV-Pflegewegweiser. Dieser bereitet die Daten zu allen Pflegeheimen in Deutschland erstmals journalistisch auf.

Welche Daten gibt es?

Für den CORRECTIV-Pflegewegweiser haben wir die Daten genutzt, die der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) bei seinen jährlichen Prüfungen in den Pflegeheimen sammelt. Der Bundesverband der AOK hat sie uns in gut strukturierten xml-Dateien zur Verfügung gestellt. Die auf unserer Seite verwendeten Daten stammen vom 7. April 2016.

Aus diesen Daten haben wir für jedes Heim einen eigenen kleinen Text erstellt. Diese rund 13.000 Texte wurden von einem Computerprogramm automatisch generiert. Autor des Programms ist unser Datenjournalist Stefan Wehrmeyer.

Wir haben auch herausgesucht, welcher MDK und welche Heimaufsicht für die einzelnen Heime zuständig sind. So könnt Ihr Euch direkt an die entsprechenden Stellen wenden, wenn Ihr Fragen oder Beschwerden habt.

Zusätzlich nutzen wir die Transparenzberichte jedes Heimes. Sie werden von vielen Seiten kritisiert, weil sie vor allem Formalien prüfen. Das führt zu einer Verzerrung: Die Heime können eine schlechte pflegerische und medizinische Versorgung mit einem gut lesbaren Speiseplan oder einem schön gestalteten Garten ausgleichen. Im Bundesschnitt werden die Heime in Deutschland mit einer 1,2 bewertet, mit glatt „sehr gut“ – und viele Heime werben mit dieser nichtssagenden Note.

Eigene Kriterien für Mängel in der Pflege

Wir haben deshalb die 77 Kriterien hinter dieser Gesamtnote auseinandergenommen – und fünf wichtige Prüfbereiche heraus gegriffen und analysiert. Die folgenden 17 Fragen stammen aus dem Prüfbericht des MDK. Diese Kriterien haben wir für unsere Auswertung genutzt:

1) Versorgung von Druckgeschwüren

  • Wird das individuelle Dekubitusrisiko erfasst?
  • Werden erforderliche Dekubitusprophylaxen durchgeführt?
  • Basieren die Maßnahmen zur Behandlung der chronischen Wunden oder des Dekubitus auf dem aktuellen Stand des Wissens?
  • Werden die Nachweise zur Behandlung chronischer Wunden oder des Dekubitus (z.B. Wunddokumentation) ausgewertet, ggf. der Arzt informiert und die Maßnahmen angepasst?

2) Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung

  • Werden individuelle Ernährungsrisiken erfasst?
  • Werden bei Einschränkung der selbständigen Nahrungsversorgung erforderliche Maßnahmen bei Ernährungsrisiken durchgeführt?
  • Ist der Ernährungszustand angemessen im Rahmen der Einwirkungsmöglichkeiten der Einrichtung?
  • Werden erforderliche Maßnahmen bei Einschränkungen der selbständigen Flüssigkeitsversorgung durchgeführt?

3) Schmerzpatienten

  • Erfolgt eine systematische Schmerzeinschätzung?
  • Kooperiert die Einrichtung bei Schmerzpatienten eng mit dem behandelnden Arzt?
  • Erhalten Bewohner mit chronischen Schmerzen die ärztlich verordneten Medikamente?

4) Inkontinenzpatienten

  • Werden bei Bewohnern mit Harninkontinenz bzw. mit Blasenkatheter individuelle Risiken und Ressourcen erfasst?
  • Werden bei Bewohnern mit Inkontinenz bzw. mit Blasenkatheter die erforderlichen Maßnahmen durchgeführt?

5) Medikamentenversorgung und ärztliche Anordnungen

  • Entspricht die Durchführung der behandlungspflegerischen Maßnahmen der ärztlichen Anordnung?
  • Entspricht die Medikamentenversorgung den ärztlichen Anordnungen?
  • Entspricht die Bedarfsmedikation den ärztlichen Anordnungen?
  • Ist der Umgang mit Medikamenten sachgerecht?

Die von CORRECTIV ausgewählten Kriterien orientieren sich an den Empfehlungen aus dem von der Selbstverwaltung in Auftrag gegebenen Evaluationsbericht (pdf) zur Beurteilung der Pflege-Transparenzvereinbarungen aus dem Jahr 2010. Ähnliche Empfehlungen hatten in der Vergangenheit auch der GKV-Spitzenverband und der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen abgegeben. CORRECTIV hat zusätzlich mit zahlreichen Pflegern und Experten über die Abläufe der Prüfung und die ausgewählten Kriterien gesprochen.

Wir haben uns für ein reduziertes Modell entschieden, bei dem nur die wichtigsten Kriterien aus dem Qualitätsbereich 1 mit in die Bewertung einfließen, also aus der pflegerischen und medizinischen Versorgung. Wir konzentrieren uns damit auf die Kriterien, die laut Experten am meisten über die Qualität der Pflege in dem jeweiligen Heim aussagen.

Für die Prüfung wählt der MDK nach dem Zufallsprinzip in jedem Heim bis zu neun Personen aus. Im Schnitt haben deutsche Heime 72 Bewohner. Die Stichprobe der MDK-Prüfungen ist also entsprechend klein, die Aussagekraft eingeschränkt. Und falls einige der 77 Fragen auf einige Bewohner nicht angewandt werden können, wird die Stichprobe sogar noch kleiner.

Zudem basieren unsere fünf Prüfkriterien auf denselben Daten, aus denen auch die Pflegenoten hervorgehen. Die methodischen Schwachstellen der Prüfung bleiben also bestehen. Wie die Autoren des Evaluationsberichtes schon 2010 festgestellt haben, bildet die große Mehrheit der Kriterien die Prozessqualität ab, zum Beispiel die Dokumentation der Pflege. Experten sind sich jedoch einig, dass vielmehr die Ergebnisqualität in den Einrichtungen geprüft werden sollte. Auch die von uns gemessenen Kriterien aus dem Bereich Pflege und Medizin bilden die Qualität der Pflege nur teilweise besser ab.

Wer mehr zum Thema lesen möchte: Prof. Klaus Wingenfeld hat in diesem Zusammenhang einen wissenschaftlichen Vorschlag (pdf) gemacht.

Die Prüfungen können alles in allem nur ein Hinweis auf Mängel sein und als Anregung dienen, in diesem Bereich genau nachzufragen. Weder schließen auffällige Prüfungen ein Heim von vornherein aus, noch ist eine einwandfreie Prüfung automatisch ein Zeichen für ein gutes Heim.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Preise und weitere Daten

Vom Bundesverband der AOK haben wir nicht nur die 77 Kriterien aus den Transparenzberichten bekommen, sondern auch weitere Basisdaten zu den Heimen. Dazu gehören die Preise in den verschiedenen Pflegestufen, die Anzahl der belegten Betten und von wem eine Einrichtung betrieben wird. Die Preise und die Betten haben wir in den jeweiligen Heimbeschreibungen ins Verhältnis gesetzt zu anderen Heimen. 

Zunächst zu den Preisen: Wir nutzen die private Zuzahlung für vollstationäre Pflege in der Pflegestufe 3 für einen Monat. Dieser Eigenanteil schwankt sehr, von unter 1000 bis über 2000 Euro. Dazu müssen die Bewohner oder Angehörigen noch Investitionskosten zahlen. Diese schwanken ebenfalls sehr und liegen meist bei rund 500 Euro im Monat. Wir hätten diese Kosten gerne mit in die Rechnung einbezogen, leider sind diese in den Daten der AOK aber für die einzelnen Heime oft als Spanne angegeben (minimum – maximum). Somit hatten wir keine konkrete Zahl, die wir hätten nutzen können – und haben uns notgedrungen auf die Zuzahlung ohne Investitionskosten konzentriert.

Die Preise haben wir ins Verhältnis gesetzt zu den Preisen von Einrichtungen im selben Bundesland. Bewusst haben wir die Heime preislich nicht mit allen Heimen in Deutschland verglichen, da die Preise zwischen den Bundesländern extrem schwanken und so kein sinnvoller Vergleich möglich gewesen wäre. Wir haben die Preise gruppiert und in fünf Abschnitte unterteilt. Die günstigsten 20 Prozent werden als „sehr günstig“ bezeichnet, die 20 Prozent darüber als „günstig“, die mittleren 20 Prozent als „normal bepreist“, die 20 Prozent darüber als „teuer“ und die teuersten 20 Prozent als „sehr teuer“.

Zu den belegten Betten: Auch hier haben wir auf die Daten der AOK zurückgegriffen und die Anzahl der belegten Betten mit anderen Heimen verglichen. In diesem Fall haben wir die belegten Betten mit der Anzahl der belegten Betten in anderen Heimen in ganz Deutschland verglichen, weil die Bundesländer hier insgesamt homogener sind, die Zahlen weniger voneinander abweichen. Wieder haben wir die Heime in fünf gleich große Gruppen geteilt und diese dann im Text als „sehr klein“, „klein“, „normal groß“, „groß“ und „sehr groß“ bezeichnet.

Die Beschreibung der Daten (Preise, Betten, Noten) sind also keine eigene Bewertung, sondern lediglich eine Auswertung der Daten der Prüfberichte. Wir setzen die Angaben ins Verhältnis, um eine bessere Einschätzung zu ermöglichen, geben aber keine eigene Bewertung ab. Das wäre für 13.000 Pflegeheime in Deutschland auch nicht möglich.

Geheime Berichte zur Personalausstattung

Neben dem öffentlichen Transparenzbericht, dessen Daten wir auch für unseren Wegweiser genutzt haben, erstellt der MDK über jedes Heim auch einen ausführlichen Bericht (pdf).

Wir haben alle 16 Medizinischen Dienste der Krankenkassen nach diesen ausführlichen Berichten gefragt. Alle 16 haben sich geweigert, ihn uns zu geben und sich dabei auf § 115 SGB XI Absatz 1 berufen: „Gegenüber Dritten sind die Prüfer und die Empfänger der Daten zur Verschwiegenheit verpflichtet“, heißt es dort. Wir halten das für falsch. Diese Daten gehören veröffentlicht!

Berichte der Heimaufsichten – unterschiedlich, häufig geheim

Außerdem haben wir Informationen von zahlreichen Heimaufsichten besorgt. Die Heimaufsichten sind in allen Bundesländern unterschiedlich organisiert. Zum Teil ist die Landesregierung verantwortlich, zum Teil sind es Regierungspräsidien oder Kommunen selbst. Die Heimaufsicht kontrolliert zusätzlich zu den MDK die Heime alle ein bis zwei Jahre, kann nach Beschwerden „Anlassprüfungen“ durchführen und ein Heim, das gegen Auflagen verstößt, schließen.

Einige Heimaufsichten veröffentlichen ihre Berichte im Internet. Viele davon sind jedoch vereinfacht und oberflächlich. Andere Heimaufsichten halten die Prüfungsberichte geheim. Wir haben die Heimaufsichten in allen Bundesländern angeschrieben. Und können nun von acht Bundesländern Heimaufsichtsberichte zur Verfügung stellen: von Bayern, Berlin, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Für die Bundesländer, in denen die Berichte nicht im Netz veröffentlicht werden, haben wir jeweils beispielhaft einige wenige Berichte besorgt und auf unserer Plattform veröffentlicht. Alle übrigen Berichte sind zunächst nicht öffentlich. Aber: Ihr könnt sie öffentlich machen. Und das geht so:

Für jedes Heim haben wir eine Verknüpfung zu unserer Partner-Webseite FragDenStaat.de eingerichtet. Klickt auf den jeweiligen Link, dann erstellt unsere Seite Euch automatisch eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz.

So könnt Ihr den Prüfbericht für das Pflegeheim anfordern, das Euch interessiert. Jeden Bericht, den Ihr anfragt, veröffentlichen wir auf dem Pflegewegweiser. Je mehr von Euch mitmachen, desto mehr Aufsichts-Berichte können wir öffentlich machen. Desto transparenter werden Pflegeheime.

Wir haben festgestellt, dass viele Informationen, die wir zuvor für selbstverständlich gehalten haben, nicht öffentlich sind. Das ist ein großes Problem. Umso wichtiger, dass Ihr Euch möglichst umfassend informiert, bevor Ihr für Euch oder Eure Angehörigen ein Heim auswählt. Deshalb haben wir in unserem Ratgeber (Link) nicht nur Tipps und eine Checkliste aufgeführt, sondern auch andere Webseiten mit Informationen zu Heimen und eine lange Liste mit Kontakten von hilfreichen Organisationen.

Wer sich für die Hintergründe interessiert, wer wissen will, warum Pflegeheime in Deutschland solche Probleme haben, der kann hier unser Buch bestellen: „Jeder pflegt allein. Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht.“


CORRECTIV recherchiert seit Anfang 2015 zu den Problemen der Pflege. Unsere Reporter haben mit Hunderten Menschen gesprochen und Daten zu allen Pflegeheimen Deutschlands ausgewertet. Auf unserer Themenseite findet Ihr alle Ergebnisse unserer Recherchen.


Immer genug trinken: In manchen Heimen bleibt für die existenziellen Bedürfnisse alter Menschen zu wenig Zeit.© Ivo Mayr

Pflege

Wie finde ich gute Pflege?

Wie finde ich gute Pflege? Das ist in den letzten Lebensjahren oft die wichtigste Entscheidung – und gleichzeitig die schwierigste. Wer Pflege als gut oder schlecht erkennen will, muss sich viel Mühe geben und sich ausführlich informieren. Wir helfen Euch in unserem Ratgeber bei der Suche nach der richtigen Pflege.

weiterlesen 5 Minuten

von Benedict Wermter , Daniel Drepper

Nach knapp 18 Monaten Recherche haben sich unsere Reporter zusammengesetzt und einen Leitfaden erstellt. Wir erklären Euch, worauf Ihr achten und welche Fragen Ihr stellen solltet. Und wir haben eine Checkliste mit den zehn wichtigsten Punkten erstellt, an denen Ihr ein schlechtes Heim erkennen könnt.

Die überwiegende Zahl pflegebedürftiger Menschen lebt nicht in einem Altenheim. Viele werden daheim von der Familie oder durch ambulante Pflegedienste betreut oder leben in Wohngruppen. Egal ob im Heim oder daheim: Wichtig ist in jedem Fall die richtige Beratung. Wir zeigen Euch in unserem Ratgeber, wer Euch kostenlos berät.

Wann braucht Ihr Pflege im Altenheim? Wenn die Pflege zum Full-Time-Job wird, der die Familie überfordert. Wenn auch der ambulante Pflegedienst nicht mehr reicht. Wenn Pflegebedürftige Demenz bekommen. Wenn sie gefüttert, gewickelt und gewaschen werden müssen und ihre Umgebung nicht mehr wahrnehmen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Wir haben von Horror-Heimen gehört, in denen Windeln auf der Heizung getrocknet werden. Heime, in denen alle Bewohner am selben Tag Abführmittel bekommen, damit sie danach in einem Abwasch gereinigt werden können. Das sind Ausnahmen. Doch viele Heime haben zu wenig Personal, kümmern sich zu wenig um ihre Bewohner. Umso wichtiger ist es, sich bei der Entscheidung Zeit zu nehmen. Im Ratgeber erklären wir Euch zudem, wie der Heimeinzug abläuft und wer die Kosten trägt.

Es gibt viele Angebote für Pflegebedürftige, Angehörige oder auch Pflegekräfte:  Krisentelefone, Selbsthilfegruppen, das Familienministerium, die Verbraucherzentralen, Interessenvertretungen und Notfalleinrichtungen. 


CORRECTIV recherchiert seit Anfang 2015 zu den Problemen der Pflege. Unsere Reporter haben mit Hunderten Menschen gesprochen und Daten zu allen Pflegeheimen Deutschlands ausgewertet. Auf unserer Themenseite findet Ihr alle Ergebnisse unserer Recherchen.

Zeit und Nähe: Für gute Pflege bleibt im bestehenden System wenig Zeit.© Ivo Mayr

Pflege

Billigpflege mit System

Mehr als 10.000 Euro geben allein die Pflegekassen für jeden einzelnen der bald drei Millionen alten und kranken Menschen in Deutschland pro Jahr aus. Dazu kommen die oft hohen Zuzahlungen, die Angehörige für den Platz im Heim zusätzlich leisten müssen. Obwohl so viel Geld im System ist, gerät fast jede Woche ein anderes Heim, ein anderes Problem in den Blick.

von Daniel Drepper

Dies ist ein Ausschnitt aus unserem neuen Buch „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“. Das Buch gibt es im CORRECTIV-Shop. Der Text erscheint parallel auf Zeit Online.


Geschlagene und ans Bett gegurtete Großmütter. Verzweifelte Angehörige. Die Pflege-Mafia. Von den Behörden geschlossene Heime. Eine Pflegerin, die alleine ihre Bewohner nicht mehr versorgen kann, zum Telefonhörer greift und aus lauter Verzweiflung die Berliner Feuerwehr zu Hilfe ruft.

Die Pflege befindet sich in einer Abwärtsspirale: billige Pflege wird stärker honoriert als gute Pflege. Das liegt an drei ganz grundsätzlichen Problemen.

Erstens

Pflegeheime lassen sich nicht miteinander vergleichen. Die offiziellen „Pflegenoten“ sind Augenwischerei. Man kann von außen derzeit kaum entscheiden, wie gut oder wie schlecht ein Heim ist. Wir machen mit unserem Correctiv-Pflegewegweiser alle derzeit verfügbaren Daten und Prüfberichte transparent. Das ist aber nur ein Anfang, denn viele Daten werden entweder nicht erhoben oder nicht öffentlich gemacht.

Für jeden sichtbar ist allein der Preis. Die Kosten für einen Platz im Heim, die Höhe der eigenen Zuzahlung. Das allein sehen die Kunden, also die Bewohner und Angehörigen. Ein Jahr im Pflegeheim kostet rasch 20.000 Euro Zuzahlung. Zum Teil unterscheiden sich die Preise der Heime aber um mehr als 1000 Euro im Monat. Das treibt die Heimbetreiber dazu, möglichst billige Pflegeplätze anzubieten.

In allen Branchen gibt es diesen Preisdruck. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Ein billiges Auto, das Mängel hat, erhält schlechte Kritiken – und verkauft sich nicht. Ein günstiges Hotel, dessen Personal unfreundlich ist, wird schlecht bewertet – und kann am Markt nicht bestehen. Es gibt Produkttests und Bewertungsportale. All das gibt es für Pflegeheime nicht.

Ein gebrechlicher Mensch hat nur selten die Möglichkeit, mehrere Heime auszuprobieren. Eine kurze Besichtigung sagt meist nur wenig aus. Es gibt keine unabhängige Prüfstelle, die diesem Namen gerecht wird. Inspektionsberichte bleiben häufig unter Verschluss oder sind nicht vergleichbar.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Es gibt keine Transparenz, keine unabhängigen Tester. Die Anbieter können nicht objektiv miteinander verglichen werden. Sie konkurrieren deshalb beim Preis – nicht bei der Qualität.

Zweitens

Zu viele Menschen reden bei der Finanzierung mit. In jedem einzelnen deutschen Bundesland werden Rahmenverträge ausgehandelt, von drei Parteien: den Pflegekassen, den Sozialämtern, den Heimbetreibern. Dabei müssen sich stets alle Beteiligten einig sein.

Wenn nur einer der Verhandler sein Veto einlegt, kommt kein Vertrag zustande. Pflegekassen und Sozialämter können also hohe Ausgaben blockieren. Viele werfen aber den großen Heimbetreibern Caritas, Diakonie oder AWO vor, dass sie sich nicht stark genug für bessere Bedingungen einsetzen, das heißt: für bessere Bezahlung und mehr Personal. Dass sie nicht häufiger ihr Veto einlegen.

Legen die Heimbetreiber ihr Veto ein, wird der Fall einem Schiedsgericht vorgelegt. Doch solche Verfahren ziehen sich hin, schnell vergeht mehr als ein Jahr. Bis eine Entscheidung fällt, gilt der alte Vertrag weiter – und müssen die Betreiber die gestiegenen Kosten selbst tragen. Und dann wissen sie immer noch nicht, ob ihnen das Schiedsgericht Recht gibt. Was dazu führt, dass die Heimbetreiber in den Verhandlungen auch Pflegesätze abnicken, die viel zu niedrig sind.

Drittens

Die Sozialämter der Kommunen haben ein zu großes Interesse an Billig-Pflege.

Warum? Die Preise in der Pflege steigen, aber die Pflegekassen zahlen gleich viel. Was dazu führt, dass der Eigenanteil für die Bewohner und ihre Angehörigen seit Jahren steigt. Ein Beispiel: Seit 1999 ist der Eigenanteil in Pflegestufe 1 um 400 Euro pro Monat gestiegen. Wer sich diesen Eigenanteil nicht leisten kann, beantragt Hilfe vom Staat. Darum sitzen auch die Sozialämter der Städte und Gemeinden mit am Verhandlungstisch, wenn die Pflegesätze ausgehandelt werden. Die meisten deutschen Städte sind pleite. Was dazu führt, dass die Sozialämter die Kosten noch härter drücken als die Pflegekassen.


Unser Reporter Daniel Drepper hat ein Buch über den Kampf um gute Pflege geschrieben. „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“ ist im Sommer 2016 erschienen. Das Buch gibt es im CORRECTIV-Shop. Informationen über alle 13.000 deutschen Pflegeheime und weitere Recherchen zum Thema gibt es auf unserer Themenseite unter correctiv.org/pflege.

© Ivo Mayr

Pflege

Schlechte Heime für teures Geld

Die offziellen Pflegenoten sind Augenwischerei. CORRECTIV-Reporter haben alle verfügbaren Daten und Prüfberichte genommen und neu analysiert. Entstanden ist die bisher umfassendste Bewertung deutscher Pflegeheime.

von Daniel Drepper , Sandhya Kambhampati , Anette Dowideit , Stefan Wehrmeyer

Diese Recherche erscheint am 3. Juni in der Tageszeitung „Welt“. Am selben Tag läuft um 21.15 Uhr eine Undercover-Dokumentation zur Pflege im NDR-Fernsehen bei „Die Reportage“. Weitere Berichte auf unserer Themenseite zur Pflege.


Jedes Jahr werden deutsche Heime vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) geprüft und erhalten eine Pflegenote. Die meisten Heime schneiden „sehr gut“ ab, der Notendurchschnitt liegt bundesweit bei 1,2. Tatsächlich sagt diese Note kaum etwas aus über die Qualität der Pflege: Ein gut lesbarer Speiseplan kann einen mangelhaften Umgang mit Medikamenten ausgleichen.

Wie kann man aus diesen Prüfberichten ein realistischeres Bild zeichnen? CORRECTIV hat aus den 77 Kriterien fünf Bereiche herausgelöst: die ausreichende Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit; den Umgang mit Schmerzpatienten; den Umgang mit Inkontinenz; die Versorgung von Wunden; die Gabe von Medikamenten. All das sind Fragen, die zentral sind für die Pflege alter und gebrechlicher Menschen.

Probleme bei Medikamentengabe

Das Ergebnis: Nimmt man nur diese fünf Bereiche, dann fallen 60 Prozent aller Heime negativ auf. Mehr als 50 Prozent der Heime versorgen die Alten und Kranken den Prüfungen zufolge nicht korrekt mit Medikamenten, mehr als 30 Prozent nicht vorschriftsmäßig mit Nahrung und Flüssigkeit.

Durch die Auswertung dieser Bereiche ist nun erstmals auch ein detaillierter Vergleich zwischen allen Bundesländern, Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland möglich. In Rheinland-Pfalz und Bayern werden etwa 80 Prozent aller Heime auffällig, in Baden-Württemberg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern nur die Hälfte, in Brandenburg gar nur 40 Prozent.

Vier von fünf Heimen fallen in Rheinland-Pfalz negativ auf – dennoch ist die Pflege in kaum einem Bundesland so teuer. 3453 Euro kostet dort im Schnitt ein Heimplatz in Pflegestufe 3 pro Monat.

Noch größer sind die Unterschiede zwischen einzelnen Landkreisen. In der Südwestpfalz, in Kelheim, in Zweibrücken und in Dillingen an der Donau fallen alle Heime in den Prüfungen negativ auf. Dagegen gibt es keinen einzigen Landkreis, dessen Pflegeheime ohne Probleme sind. Prignitz und Baden-Baden sind die Landkreise mit Heimen, die in den Prüfberichten vergleichsweise am seltensten auffallen. Hier werden ein Viertel der Heime auffällig.

Der MDK wird immer wieder dafür kritisiert, dass er vor allem die Dokumentation von Pflege prüft – aber nicht, wie gut es den Heimbewohnern wirklich geht. Da der MDK nach Bundesländern organisiert ist, kann ein Teil der Unterschiede dieser Auswertung auch mit unterschiedlich harten Prüfern zusammenhängen. Die grundsätzlichen Regeln für die Prüfungen sind jedoch in allen Bundesländern einheitlich.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

1000 Euro Preisunterschied

Die Daten geben Hinweise darauf, wie unterschiedlich die Qualität der Pflege ist – und dass zweitens teure Pflegeheime nicht automatisch gut sind. Im Gegenteil: Die Einrichtungen in Rheinland-Pfalz werden am häufigsten bemängelt – und gehören zu den teuersten. Nur Nordrhein-Westfalen und das Saarland sind teurer. In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Niedersachsen ist die private Zuzahlung dagegen nur etwa halb so hoch, die Heime sind rund 1000 Euro günstiger – jeden Monat. Auf die Frage, warum ihr Bundesland so schlecht abschneide, sagt die rheinland-pfälzische Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) auf Anfrage, ein Ländervergleich über die Pflegenoten sei “nicht aussagekräftig”.

Die Auswertung von CORRECTIV gibt auch Hinweise auf den baulichen Zustand der Heime. Sie sind im Schnitt knapp 20 Jahre alt. Während die Heime in den ostdeutschen Bundesländern im Schnitt vor rund 15 Jahren gebaut wurden, sind sie in Hamburg doppelt so alt. Problematisch ist die hohe Zahl von Mehrbettzimmern. Es gibt kaum Menschen, die im Alter mit Fremden in einem Zimmer zusammen leben wollen. Trotzdem stehen nach Zahlen der statistischen Landesämter noch immer 40 Prozent aller Betten in deutschen Pflegeheimen in Zimmern mit zwei oder sogar noch mehr Betten. In manchen Landkreisen stehen bis zu drei Viertel aller Betten in Mehrbettzimmern, zum Beispiel im Landkreis Südliche Weinstraße in Rheinland-Pfalz oder im bayerischen Aschaffenburg.

Viele Mehrbettzimmer und wenig freie Plätze

Die vielen Mehrbettzimmer könnten langfristig zum Problem werden. Zuletzt hatte Baden-Württemberg beschlossen, bis 2019 alle Zimmer in Einzelzimmer umzubauen. Würde diese Politik auf ganz Deutschland übertragen, müssten in den kommenden drei Jahren 160.000 Zimmer umgebaut werden. Dabei würden viele Betten wegfallenDabei sind die Pflegeheime in einigen Bundesländern schon jetzt stark ausgelastet. In Baden-Württemberg waren bei der letzten Zählung nur ein Prozent der Betten für vollstationäre Pflege im Heim frei. Vor allem in ländlichen Gebieten kann dies zu langen Wartezeiten führen. Oder dazu, dass Pflegebedürftige Heime fern der Heimat wählen müssen.

Im Enzkreis und in Reutlingen haben die Statistiker zuletzt sogar gut zehn Prozent mehr Pflegebedürftige als Pflegeplätze gezählt. Einige Pflegebedürftigen müssen hier also sogar auf Nachbarkreise ausweichen. In Nordrhein-Westfalen waren zuletzt nur drei Prozent der Plätze nicht belegt. In anderen Bundesländern wie Schleswig-Holstein oder Bayern standen dagegen deutlich mehr freie Betten zur Verfügung, hier war jeder siebte Platz nicht belegt.

Viel Teilzeit, kaum Azubis

Auch ein Blick auf das Personal in Pflegeheimen zeigt: Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind zum Teil riesig. Ein Beispiel sind in Teilzeit beschäftigte Pflegekräfte. Ein hoher Anteil an Teilzeitkräften kann gute Pflege schwierig machen. Bewohner haben mehrere Bezugspersonen, es bedarf mehr Zeit für Abstimmung und Übergaben. Häufig werden Pflegekräfte von den Heimbetreibern aber trotzdem nur in Teilzeit beschäftigt, damit sie für eventuelle Überstunden und spontanes Einspringen flexibel bleiben.

Deutschlandweit arbeiten 60 Prozent aller Pflegekräfte in Teilzeit, doch die Spannbreite ist groß. In Bremen arbeiten fast vier von fünf Pflegekräften nicht in Vollzeit, im Saarland sind es dagegen weniger als halb so viele. In manchen Landkreisen, wie dem Saale-Orla-Kreis in Thüringen, arbeiten nach Daten der statistischen Landesämter sogar 90 Prozent der Pflegekräfte in Teilzeit.

Deutschland benötigt mehr Pfleger, keine Berufsgruppe wird nach Statistiken des Arbeitsamtes im Frühjahr 2016 so händeringend gesucht. Doch die Zahl der Auszubildenden in den Bundesländern schwankt extrem. Den Statistiken zufolge kommen auf jede fünfte Arbeitskraft im Saarland, in Bayern und in NRW ein Auszubildender, in anderen Ländern kommt nur auf jede 20. Arbeitskraft ein Azubi. Interessant dabei: In den Ländern, in Pflegeschüler für ihre Ausbildung zahlen müssen, gibt es die wenigsten Azubis.


CORRECTIV recherchiert seit Anfang 2015 zu den Problemen der Pflege. Unsere Reporter haben mit Hunderten Menschen gesprochen und Daten zu allen Pflegeheimen Deutschlands ausgewertet. Auf unserer Themenseite findet Ihr alle Ergebnisse unserer Recherchen.

uig2-_zw_xg

Pflege

Die TV-Reportage: Undercover im Pflegeheim

von Benedict Wermter , Daniel Drepper , Michael Schomers , Gita Datta

Die Undercover-Dokumentation läuft am 3. Juni 2016 um 21:15 Uhr im NDR-Fernsehen bei „Die Reportage“. CORRECTIV recherchiert seit Anfang 2015 zu den Problemen der Pflege. Unsere Reporter haben mit Hunderten Menschen gesprochen und Daten zu allen Pflegeheimen Deutschlands ausgewertet. Auf unserer Themenseite findet Ihr alle Ergebnisse unserer Recherchen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!


© Ivo Mayr

Pflege

Black Box Pflegeheim

Wie es in deutschen Pflegeheimen aussieht, kann man als Patient kaum erkennen. Und das, obwohl häufig genügend Informationen vorliegen. Der Staat schafft es seit Jahren nicht, Transparenz herzustellen.

weiterlesen 15 Minuten

von Daniel Drepper , Vanessa Wormer , Benjamin Knödler , Anette Dowideit

Diesen Text veröffentlichen wir in Kooperation mit der „Welt am Sonntag“. Alles zur Pflege gibt es auf unserer Themenseite.

Als seine Kinder Stephan M. aus dem Heim nahmen, war er nicht wieder zu erkennen: Seit Wochen war er nicht richtig gewaschen worden, manchmal hatte er über Stunden im eigenen Kot und Urin gelegen. Der 91-Jährige lag nur noch wimmernd im Bett, die Hände zu Fäusten geballt, der Körper übersäht mit blauen Flecken. Was mit ihm geschehen war, konnte er seinen Kindern nicht erzählen, M. war schwer dement.

Die Kinder hatten ihren Vater jedoch mehrere Monate lang bei jedem Besuch genau angeschaut und das Gesehene dokumentiert. Ihre Aufzeichnungen stellten sie der „Welt am Sonntag“ zur Verfügung. Darin stehen zum Beispiel Äußerungen, die Pfleger ihnen gegenüber gemacht hatten: „Nu lassen Sie den alten doch in Ruhe, der liegt doch schon im Sterben!“. Und es gibt Fotos, auf denen zu sehen ist, dass der alte Mann geschlagen worden sein muss.

In den offiziellen Bewertungen der Einrichtung nahe Bremens ist von alledem nichts erkennen: Die Note des Heims, die man im Internet einsehen kann, ist eine 1,2. Sehr gut.

Seit fast sieben Jahren gibt es dieses System der Pflegenoten, mit dem die gesetzlichen Kassen versuchen, die in den Pflegeheimen geleistete Qualität sichtbarer zu machen: Werden die Bewohner – vor allem jene, die selbst nicht mehr berichten können – wirklich gut versorgt? Reicht man ihnen Essen und Trinken an, wechselt man regelmäßig ihre Inkontinenzeinlage, redet jemand mit ihnen – oder werden sie vielleicht mit starken Beruhigungsmitteln sediert und im Bett vergessen?

Schulnote 1,2 – im Durchschnitt

So lange es das System der Pflegenoten gibt, so alt ist auch die grundlegende Kritik von Pflegeexperten daran. Denn die Noten vermögen nicht, ein Bild der tatsächlichen Qualität der Pflege zu zeichnen. Stattdessen können Heime ein schlechtes Abschneiden bei medizinisch zentralen Kriterien wie der Wundversorgung durch banale Dinge wie einen gut lesbaren Speiseplan ausgleichen. Ob das Essen schmeckt — oder reicht — wird dagegen nicht geprüft. Deshalb liegt der bundesweite Durchschnitt der Pflegeheime bei einer unrealistischen Note 1,2.

Die Verantwortlichen, auch in der Bundespolitik, sind sich seit Jahren einig, dass es so nicht weitergehen kann – und dennoch hat sich bisher nichts getan. Eine Initiative des Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), scheiterte im vergangenen Jahr. Erst 2018 soll es nun ein neues Benotungssystem geben. Viel zu spät, findet etwa die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher. „Die derzeitige Ausgestaltung der Pflegenoten verschleiert die vorhandenen Qualitätsunterschiede, anstatt sie sichtbarer zu machen“, sagt Mascher.

Folgt man ihrer Argumentation und der anderer Pflegeexperten, versagt in Deutschland der Staat dabei, den Pflegemarkt für die Betroffenen beurteilbar zu machen.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat CORRECTIV in den vergangenen Monaten eine umfangreiche Auswertung gemacht, die an diesem Freitag auch die Tageszeitung „Welt“ vorstellte. Ein halbes Dutzend Reporter und Programmierer trugen alle verfügbaren Daten über die Qualität der stationären Pflegeeinrichtungen zusammen: Wie viele Heime in welchen Landkreisen versagen bei den medizinisch relevanten Versorgungsfaktoren? Wie teuer sind Heimplätze in welchem Bundesland? Und wie viele Zweibettzimmer gibt es noch immer?

Die Ergebnisse sind auf unserer Themenseite sichtbar. Auch eine andere unabhängige Institution hat jüngst versucht, eine Schneise in den Pflegedschungel zu schlagen: Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte Ende Mai ebenfalls ein neues Internetportal. Auch die Experten dort haben aus den blumigen Gesamtnoten diejenigen extrahiert, die für schwer Pflegebedürftige tatsächlich relevant sind.

Unsere Berechnungen kommen zu einem erschreckenden Ergebnis: 60 Prozent aller Pflegeheime fallen bei den Prüfungen der gesetzlichen Kassen negativ auf: Bewohner liegen sich wund, weil sie nicht fachgerecht gelagert wurden; alte Menschen sind ausgetrocknet (dehydriert), weil niemand Zeit hat, ihnen Getränke zu reichen. Selbst wenn man bedenkt, dass die Prüfer häufig mehr Zeit bei der Durchsicht der Dokumentation als am Bewohner selbst verbringen und nicht jeder Fehler bei der Prüfung gleich ein lebensbedrohlicher Mangel ist – es fallen erstaunlich viele Heime bei den Prüfungen auf.

Missstände nur auf zweiten Blick erkennbar

Sogar beim Spitzenverband der Medizinischen Dienste der Krankenkassen, dem MDS – also den Organen, die die Prüfungen machen – hält man dies für ein Resultat eines Systems, das nicht funktioniert. „Das Problem liegt bislang darin, dass die vom MDK festgestellten Prüfergebnisse beschönigend in den Pflegenoten dargestellt werden und festgestellte Missstände nur auf den zweiten Blick erkennbar sind“, sagt MDS-Geschäftsführer Peter Pick.

Zwar erstellen die Prüfer der Krankenkassen detaillierte, aussagekräftige Berichte über den Zustand der Bewohner – doch diese ausführlichen Berichte sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, aus Datenschutzgründen. CORRECTIV und die „Welt am Sonntag“ haben explizit in allen Bundesländern um die Herausgabe dieser Berichte angefragt, doch keine einzige Behörde wollte die Berichte veröffentlichen.

Auch die staatlichen Heimaufsichten, die ebenfalls Heime kontrollieren und diese theoretisch sogar schließen können, schaffen es nicht, den Markt durchsichtiger zu machen. Denn auch diese Berichte werden häufig nicht veröffentlicht.

Heimaufsichtsberichte oft unter Verschluss

CORRECTIV hat in den vergangenen Monaten versucht, Heimaufsichtsberichte aus allen Bundesländern zu bekommen. In acht von 16 Ländern ist es den Reportern gelungen. Einige Behörden, wie in Schleswig-Holstein, haben mehr als ein halbes Jahr dafür benötigt, beraten sich bis heute oder verlangen 50 Euro für jeden Bericht. Andere, wie die in Sachsen-Anhalt, haben die Berichte innerhalb weniger Tage zugeschickt – kostenfrei.

Viele Heimaufsichten halten die Prüfberichte dagegen bis heute unter Verschluss, obwohl ein Gesetz seit Jahren die Veröffentlichung verlangt. In Hessen zum Beispiel heißt es im Gesetz über Betreuungs- und Pflegeleistungen seit März 2012: Über die Prüfungen „sind durch die zuständige Behörde Prüfberichte zu erstellen und in geeigneter Weise zu veröffentlichen.“ Doch die Behörden folgen dem nicht. Die Begründung: „Da der Gesetzgeber in Hessen die geforderte Rechtsverordnung bis heute nicht verfasst und beschlossen hat, dürfen alle Prüfberichte der Betreuungs- und Pflegeaufsichten in Hessen nicht veröffentlich werden.“ Die Politik arbeitet extrem langsam – und die Behörde ist fein raus. Das Gesetz, dass die Veröffentlichung fordert, läuft Ende 2016 aus.

Dazu kommt, dass die Berichte in einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich gestaltet und kaum untereinander vergleichbar sind. Seit der Föderalismusreform im Jahr 2008 regeln die Länder die Heimaufsicht selbst, geben diese zum Teil an Bezirke oder sogar Kommunen ab. Ein Vergleich der Heime wird so unmöglich.

Die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern etwa stellen kurze Zusammenfassungen ins Netz, die noch nutzloser sind als die Transparenzberichte des MDK. Auch viele andere Heimaufsichten begnügen sich mit Ankreuz-Listen und wenigen Notizen, die für Bewohner kaum Mehrwert bieten. Die Heimaufsicht in Düsseldorf dagegen reagiert vorbildlich und veröffentlicht auf Anfrage ausführliche Berichte zu den einzelnen Heimen.

Klebriger Boden, Personausfälle, Zeitdruck

In den Düsseldorfer Berichten, die CORRECTIV vorliegen, ist von klebrigen Fußböden und feucht-modrigem Gestank in der Küche die Rede oder von mit Insekten verschmutzten Lampenschirmen. In einem Bericht über das Düsseldorfer Phönix Haus St. Hedwig von März 2015 schreibt die Heimaufsicht von zahlreichen Personalausfällen, nicht eingearbeiteten Zeitarbeitskräften und starkem Zeitdruck bei der Essensvergabe. Der Bericht liest sich grauenhaft – und ist genau das, was Angehörige als Information bekommen sollten, bevor sie ein Heim auswählen.



Prüfbericht eines AWO-Heimes in Düsseldorf (3,1 MB)



Prüfbericht eines Phönix-Heimes in Düsseldorf (7,2 MB)

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

In Bayern ist die einst vorbildliche Transparenz vor wenigen Jahren sogar wieder abgeschafft worden. Mehrere Heimbetreiber hatten gegen die lange Zeit bereits öffentlichen Heimaufsichtsberichte geklagt und 2012 vor dem bayerischen Verfassungsgerichtshof Recht bekommen. Angebliche Geschäftsgeheimnisse waren dem Gericht wichtiger als das Informationsinteresse der Bewohner und Angehörigen. Das Urteil wurde bisher nicht angefochten. Die Behörden haben stattdessen die alten Berichte wieder aus dem Netz genommen und keine neuen mehr veröffentlicht.

Viele Heimaufsichten sind unterbesetzt. Neben den Heimprüfungen müssen die Mitarbeiter zum Beispiel Heime vor der Neugründung beraten, zudem sind sie Ansprechpartner für Angehörige, die Fragen oder Beschwerden haben. Das führt dazu, dass die Heimaufsicht ihrem eigentlichen Job manchmal kaum noch nachkommen kann. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin (Lageso) zum Beispiel führt die meisten seiner Prüfungen nur angekündigt durch und prüft oft nicht alle relevanten Kriterien. Das ergibt eine Auswertung der Prüfberichte durch correctiv.org. Der zuständige Heimaufsichtsleiter sagt, er habe nicht genügend Personal, um jedes Mal eine vollständige Prüfung durchzuführen.

Unterbesetzte Heimaufsicht

Wer die Heimaufsichtsprüfungen der Berliner Behörde mit den Pflegenotenprüfungen vergleicht, sieht schnell, wie problematisch dieser Personalmangel ist. So hat der MDK zum Beispiel Ende August 2014 das Casa Reha Seniorenpflegeheim „Gartenstadt“ in Berlin geprüft. Die Prüfung ergab die alarmierende Note 3,9 im Bereich Pflege und medizinische Versorgung. Nur fünf Monate zuvor hatte die Berliner Heimaufsicht das Heim überprüft und dabei keine Mängel festgestellt. Die Heimaufsicht hatte beim ersten Mal pflegerelevante Kriterien gar nicht in die Prüfung einbezogen.

In Berlin ist ein Mitarbeiter der Heimaufsicht neben seiner täglichen Arbeit jedes Jahr für die Prüfung von mehr als 20 Heimen zuständig. In vielen anderen Bundesländern ist die Belastung ähnlich hoch, in Brandenburg muss jeder Mitarbeiter sogar mehr als 40 Heime pro Jahr prüfen.

Die Zahlen zeigen, wie wenig vergleichbar die Arbeit der Heimaufsichten ist. Zudem sind immer noch zu viele Prüfungen angekündigt. In Berlin sind es etwa 90 Prozent. Wie soll so ein realistisches Bild von den Zuständen vor Ort entstehen? Denn einen echten Einblick bekommen die Prüfer meist nur bei unangekündigten Besuchen.

Anzeige bei der Polizei

Wie viel von dem, was im Pflegealltag geschieht, tatsächlich im Dunklen bleibt, zeigt auch das Beispiel einer Seniorenresidenz in Berlin-Friedrichshain. Ein Ehepaar, das in der Nähe von Berlin lebt, hatte im vergangenen Frühjahr während seines Urlaubs den demenzkranken Vater zur Pflege in der Einrichtung untergebracht, die zu einem der größten privatwirtschaftlichen Heimbetreiber bundesweit gehört. Als sie den damals noch rüstigen Vater nach drei Wochen abholten, war dieser in einem erschreckenden Zustand – das zumindest berichtet sein Sohn, der daraufhin Anzeige bei der Polizei erstattete: Der Vater war abgemagert, lethargisch, reagierte kaum noch. Er starb wenige Tage später im Krankenhaus. Das Heim teilte dem Sohn lapidar per Brief mit, sein Vater habe die Nahrungsaufnahme verweigert. Und außerdem, teilte die Justiziarin des Heimkonzerns mit, habe der Sohn noch über tausend Euro Heimkosten zu begleichen. Die aktuelle Note der Seniorenresidenz: 1,1.

Besonders schwierig ist für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen häufig, bei der Wahl des Heimplatzes Auskunft darüber zu bekommen, wie viel Personal tatsächlich auf den Stationen arbeitet. Dabei ist diese Information für jedes deutsche Pflegeheim vorhanden. Der MDK notiert die exakte Personalbesetzung bei seinen jährlichen Besuchen, sogar die Ausbildung der Mitarbeiter notieren sich die Prüfer. Wie viele Mitarbeiter mit welcher Ausbildung sind für wie viele Pflegebedürftige verantwortlich? Das könnte sofort veröffentlicht werden. Auf Anfrage weigern sich die Behörden jedoch auch, diese Informationen freizugeben.

In vielen Heimen ist es ein großes Problem, dass die Personaldecken sehr knapp kalkuliert sind und es häufig zu Unterbesetzungen kommt. Das liegt zum einen daran, dass zu wenige Menschen Pfleger werden wollen und viele Heime händeringend nach Personal suchen. Es liegt aber immer öfter auch daran, dass die Heime sparen wollen.

So zum Beispiel in einem bayerischen Heim eines gemeinnützigen Trägers. Einer der Altenpfleger dort berichtet, dass in seinem Heim fast immer zu wenige Pfleger da sind. Wie viel Personal ein Heim von den Kassen bezahlt bekommt, richtet sich danach, wie viele Bewohner mit welcher Pflegestufe dort zurzeit untergebracht sind. Die Hälfte aller Pfleger müssen zudem per Gesetz in den meisten Bundesländern ausgebildete Pfleger sein. Nur sie dürfen medizinische Aufgaben wie das Verabreichen von Medikamenten übernehmen. In Bayern schreibt zudem seit einem knappen Jahr eine Verordnung den Heimbetreibern vor, wie viel Personal sie vorhalten müssen.

Zwei Pfleger für 140 Bewohner

Dies aber scheint nicht überall umgesetzt zu werden. Martin D. etwa, Pfleger in dem bayerischen Heim des gemeinnützigen Treibers, sagt, in der Nachtschicht seien meistens nur zwei Pfleger für das ganze Haus da, für 140 Bewohner – dabei müssten es laut Verordnung eigentlich drei sein. „Es sind eigentlich drei Leute dafür eingestellt, aber davon ist fast immer einer krank oder im Urlaub. Und dafür gibt es keinen Ersatz.“ Der Kreisgeschäftsführer des Verbandes sagt, es stimmt, dass sich Nachtschichten „bei kurzfristigen Ereignissen“ zuweilen nicht voll besetzen ließen, aber „wir versuchen unser Bestes“.

Für die Bewohner kann eine solche Unterbesetzung gefährlich sein: Wenn die beiden Pfleger gerade bei einem Bewohner im Zimmer sind und ein weiterer mit einem Notfall klingelt, bekommt das niemand mit. Über die Pflegenoten lassen sich solche Unterbesetzungen aber nicht darstellen.

In derselben Einrichtung scheint die Intransparenz auch noch andere Blüten zu treiben. Pfleger D. berichtet, dass die Bewohner teilweise noch nicht einmal genug zu Essen auf den Tellern hätten. Und das käme so: „Der Heimleiter öffnet die Cafeteria mittags wie eine Kantine. Da kommen dann ältere Leute aus dem Ort, bezahlen ein paar Euro und essen mit. Dafür bestellt der Chef aber keine Portionen extra, sondern teilt das bestellte Essen für die Bewohner einfach unter mehr Leuten auf.“ Was aus Sicht des Heimleiters wohl eine kreative Idee ist, die Bilanzen der Einrichtung aufzubessern, kostet die Bewohner und die Pflegekassen – beide zahlen den Heimplatz gemeinsam – bares Geld. Überprüft wird so etwas nicht.

Werbung mit Schulnote „sehr gut“

Dass die Pflegenoten des MDK eine falsche Qualität der Heime suggerieren, ist gefährlich. Immer wieder berufen sich Betreiber, Funktionäre und Politiker auf die Noten und behaupten, der Pflege könne es so schlecht ja nicht gehen, wenn die Noten so herausragend seien. Außerdem sorgt das Feigenblatt, dass diese Noten den schlechten Betreibern geben, für eine Verzerrung des Wettbewerbs. Wenn jedes Pflegeheim mit „sehr gut“ abschneidet, egal wie schlecht die Qualität ist, und wenn fast alle übrigen Informationen geheim gehalten werden, dann können die Kunden am Ende nur noch den Preis vergleichen. Die Qualität ist unbekannt, der Preis bekannt. Davon profitieren die billigsten Anbieter. Und das sind ganz sicher nicht die mit der besten Pflege.

In der Politik sieht man sich für all dies nicht in der Verantwortung. Der Patientenbeauftragte Karl-Josef Laumann (CDU) sagt auf Anfrage, schuld am Pflegedschungel sei nicht die Politik, sondern die „Selbstverwaltung“, also die Kassen und die Heimbetreiber, bei denen laut Gesetz die Verantwortung für ein aussagekräftiges Qualitätstransparenzsystem liegt. „Die Vertreter konnten sich nicht auf ein wirklich aussagekräftiges System verständigen. Herausgekommen sind deshalb die noch immer geltenden Pflegenoten, die in die Irre führen.“

Im vergangenen Jahr hatte er die Aussetzung des Notensystems gefordert. Während man sich in der Pflegebranche bereits Gedanken darüber machte, wie das System verbessert werden könne, steuerte die SPD gegen – und verhinderte die Aussetzung. Mit dem Argument, es bestehe dann die Gefahr, dass es am Ende gar kein Bewertungssystem mehr gebe.

Selbst entwickelte Prüfkriterien

In der Konsequenz bedeutet das aber wiederum, dass es erst 2018 neue, bessere Bewertungsstandards geben soll. Auch dann bleibt es aber dabei: Pflegekassen und Heime werden sich darüber einigen dürfen, wie in Zukunft geprüft und was davon veröffentlicht wird – nicht der Staat. Pflegeexperten kritisieren, damit bleibe der Bock Gärtner. „Die Betreiber wollen natürlich nicht, dass schlechte Pflegequalität wirklich öffentlich wird und damit ihr Geschäft in Gefahr gerät“, sagt etwa Manfred Stegger, der Vorsitzende der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA).

Laumann zeigt sich dennoch zuversichtlich. Er sagt, diesmal würden sich Kassen und Heimvertreter nicht wieder gegenseitig blockieren können, da er in diesem Fall als unparteiischer Vorsitzender die Macht bekäme, „den Knoten zu durchschlagen“.

Bis zu einer Einigung scheint es jedoch noch ein weiter Weg zu sein. Wohin die herrschende Undurchsichtigkeit führt, zeigt das Beispiel von Stephan M., dem demenzkranken Heimbewohner aus der Nähe von Bremen, der schließlich von seinen Kindern aus der Einrichtung genommen wurde. Nämlich dazu, sagt seine Tochter heute, dass man der Heimleitung vertrauen müsse – und dabei bitter enttäuscht werden könne.

Im neuen Heim, erzählt seine Tochter heute, blühte er von Tag zu Tag spürbar auf. Seine Hände entkrampften sich, er lächelte wieder, und sagte sogar manchmal „danke“. Eine bessere Note, sagt seine Tochter, hatte das neue Heim aber nicht.


wzodenzjk4k

Pflege

Video-Anleitung: Der CORRECTIV Pflege-Wegweiser

Im Pflege-Wegweiser von CORRECTIV findet Ihr Daten zu 13.000 Heimen in Deutschland. In einer Videoanleitung erklären wir, wie Ihr die Daten am sinnvollsten nutzen könnt und wie Ihr weitere Informationen bekommt.

von Christian Ruffus , Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Wer für sich oder Angehörige das richtige Heim sucht, kann unseren Pflege-Wegweiser nutzen. Die Bedienung ist ganz einfach.

  1. Gebt in der Suche einen Ort oder eine Polstleitzahl ein.
  2. Ihr bekommt eine Liste mit Heimen angezeigt, die in einem Radius von 30 Kilometer rund um das eingegebene Ziel liegen. Davon wählt Ihr ein Heim aus.
  3. Jedes Pflegeheim hat eine eigene Seite mit individuellen Daten. Dort findet Ihr detaillierte Informationen.

In diesem Artikel erklären wir Euch ausführlich die Methodik hinter den Daten: Was sagen diese Daten aus – und was nicht? Die Informationen in unserer Datenbank stammen aus den Prüfberichten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). In unserer Video-Anleitung führen wir Euch von oben nach unten durch die Seite.

Helft uns, weitere Prüfberichte anzufragen

Wir hoffen, dass durch unsere Arbeit eine Diskussion angeregt wird. Was muss sich ändern? Und wie kann die Pflege transparenter werden? Es wird frühestens in drei Jahren einen neuen Pflege-TÜV geben. Erst dann werden die Pflegenoten abgeschafft, erst dann soll es angeblich mehr Transparenz geben. Solange müssen wir das Maximale herausholen, was mit den verfügbaren Informationen möglich ist. Ihr könnt dabei helfen. 

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Eine Möglichkeit sich über die öffentlichen Transparenzberichte des MDK hinaus Informationen zu besorgen, sind die zusätzlichen Prüfberichte, die von der Heimaufsicht erstellt werden. Auf der Seite jedes Heims sagen wir Euch, welche Behörde, welche Heimaufsicht für dafür verantwortlich ist, das jeweilige Heim zu prüfen. Wir von CORRECTIV haben zum Start Berichte aus acht Bundesländern auf der Seite zur Verfügung gestellt. Aber wir können diese häufig bislang unveröffentlichten Berichte nicht für 13.000 Pflegeheime einzeln abfragen. Das geht nur mit Eurer Unterstützung. Deswegen findet Ihr unter der für die Prüfung zuständigen Behörde einen Link zu FragDenStaat.de.

Auf der Seite unseres Kooperationspartners könnt Ihr die Prüfberichte automatisiert anfragen. Wir würden uns sehr freuen, wenn möglichst viele Menschen mitmachen und Ihr Berichte für Heime anfragt, die Euch besonders interessieren. Die ersten Nutzer haben bereits Berichte angefragt. Alle eingegangen Berichte stellen wir im Pflege-Wegweiser online.

Daten verbessern

Für unseren Pflege-Wegweiser nutzen wir die Daten aus den Prüfberichten des MDK. Diese Daten hat uns der Bundesverband der AOK zur Verfügung gestellt. Die Daten sind vom 7. April 2016. Wir wissen, dass sich in den Daten der AOK Fehler befinden können. Wir können die Quelldaten jedoch nicht selber ändern, das kann nur die AOK. Deshalb freuen wir uns über jeden, der uns hilft, die AOK auf Fehler hinzuweisen. Ihr könnt die AOK direkt per Mail erreichen.


pflege_rollis

Pflege

Reaktionen auf die Pflege: Und was nun?

Gegenwind von Heimbetreibern und Politik, viele Reaktionen von Betroffenen und ein Pflegegipfel in Rheinland-Pfalz. Eine Woche nach dem Auftakt unserer Pflege-Berichterstattung kommt Bewegung in das Thema. Und Ihr könnt weiter mitdiskutieren.

weiterlesen 4 Minuten

von Daniel Drepper

Pflegeheime sollen sich stärker öffnen und transparenter werden. Pflegekräfte sollen weniger dokumentieren und wieder mehr pflegen. Und der neue Pflege-TÜV zur Bewertung von Pflegeheimen soll endlich wirklich gut werden. Das sind die Ergebnisse eines Pflegegipfels, zu dem sich gestern die wichtigsten Pflege-Politiker und -Funktionäre aus Rheinland-Pfalz getroffen haben.

Schon vergangene Woche Freitag, am Tag unserer Veröffentlichung, hatte Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler einen Pflegegipfel angekündigt. Gleichzeitig hatte die CDU angekündigt, die von uns aufgezeigten Mängel in einem Ausschuss des Landtages zum Thema zu machen. Zu einem Pflegegipfel trafen sich gestern nun neben der Politik auch die Pflegegesellschaft, die Pflegekammer, die AOK, die Ersatzkassen, die privaten Krankenversicherungen, die Prüfbehörde MDK, die Gewerkschaft verdi und die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Weniger Bürokratie, mehr Transparenz?

Die Beteiligten weisen zurück, dass die Pflegeheime in Rheinland-Pfalz schlechte Arbeit leisten würden. Unsere Methodik sei nicht belastbar. Trotzdem wollen sie die Pflege transparenter machen, indem Pflegeheime sich stärker nach außen öffnen. Pflegekräfte sollen mehr Zeit für die Pflege bekommen, indem alle Heime in Rheinland-Pfalz an einem Programm zum Abbau der Bürokratie in der Pflege teilnehmen. Außerdem will das Bundesland sich aktiv in die nationale Diskussion um den neuen Pflege-TÜV einschalten, der endlich eine sinnvolle, transparente Bewertung von Heimen möglich machen soll.

In der Pressemitteilung des Sozialministeriums wird nicht erwähnt, ob die Pflegeheime in Rheinland-Pfalz in Zukunft mit mehr Personal ausgestattet werden sollen – eine der zentralen Maßnahmen, um bessere Pflege anbieten zu können. Oder ob die Heimaufsichtsberichte der Heime in Rheinland-Pfalz in Zukunft öffentlich gemacht werden, um den Bewohnern und Angehörigen alle bereits jetzt in den Behörden verfügbaren Informationen zur Verfügung zu stellen.

Kritik der Kritik

Auch die privaten Heimbetreiber sind wenig überraschend überhaupt nicht glücklich mit unserer Auswertung. Einziges Ziel unserer „Recherche“ (Anführungszeichen im Original) sei es, einen ganzen Berufsstand an den Pranger zu stellen, schreibt der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste, der größte Vertreter privater Heimbetreiber. Präsident Bernd Meurer nennt unsere Recherche „eine würdelose Behandlung durch eine auf Skandalisierung sowie Quote und Auflage abzielende Berichterstattung“.  Meurer schreibt weiter: „Wenn jetzt ‚Hinz und Kunz‘ ohne fachliche Eignung beginnen, eigene Kriterien für die Bewertung von Pflegeheimen festzulegen und damit unsachliche Zerrbilder in der Öffentlichkeit zu zeichnen, ist das kein Gewinn für unsere Gesellschaft.“

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Auch der VDAB, ein weiterer Verband privater Heimbetreiber, kritisiert unseren Pflegewegweiser. Gleichzeitig sagt Bundesgeschäftsführer Thomas Knieling, dass seit fünf Jahren klar sei, dass der Pflege-TÜV gescheitert ist. Pflegekassen und Sozialhilfeträger hätten dies aber seit Jahren ignoriert. 

Unsere Methodik – transparent

Die Methodik unserer Bewertung haben wir von Beginn an offen gelegt. Diese beruht nicht nur auf den von Heimbetreibern, Pflegekassen und Sozialhilfeträgern selbst mit festgelegten Prüfkriterien. Wir nutzen für unsere Auswertung auch einen offiziellen Evaluationsbericht der Pflegeselbstverwaltung von 2010. Seitdem haben sich die Kriterien trotz der anhaltenden Kritik nicht geändert. 

Ein neuer Pflege-TÜV soll frühestens 2018 etabliert werden. Wir haben deshalb alle verfügbaren Daten genommen und in einer Auswertung die Hinweise auf mögliche Mängel hervorgehoben. Damit geben wir Bewohnern und Angehörigen die Möglichkeit, bei den einzelnen Heimen gezielte Fragen zu stellen und sich umfassend zu informieren. Zudem helfen wir dabei, sich die Heimaufsichtsberichte zu den einzelnen Heimen zu besorgen und verlinken einen Ratgeber mit den wichtigsten Fragen sowie zahlreiche Kontaktadressen – wir stellen also all das zusammen, was verfügbar ist.

Behörden halten Informationen zurück

Bereits jetzt sind viele Informationen in den Behörden bekannt, die bei der Wahl eines Heimes helfen könnten. Die Zahl der Pflegekräfte zum Beispiel oder deren Ausbildung wird detailliert erfasst. Dazu gibt es ausführliche Prüfberichte der Heimaufsichten. Wir haben Behörden deutschlandweit um diese detaillierten Informationen gebeten. Bislang sind diese in den meisten Fällen jedoch nicht öffentlich.

Angehörigenvertreter sehen unsere Recherchen als Bestätigung ihrer Arbeit. Oft würden Missstände in der Pflege als Einzelfälle abgetan, es sei nun endlich an der Zeit zu handeln. Ähnlich äußerte sich zum Beispiel auch die Kaufmännische Krankenkasse KKH. Vor dem Hintergrund unserer Recherchen spotte es jeder Beschreibung, „dass laut Pflege-TÜV der bundesweite Notendurchschnitt aller Pflegeheime bei 1,2 liegt“, sagt Ingo Kailuweit, Vorstandschef der KKH. Kailuweit nennt es ein Armutszeugnis, dass ein Benotungssystem mit einer solch falschen Aussagekraft seit sieben Jahren unverändert besteht. „Im Sinne der Pflegebedürftigen und deren Angehörigen sollte diese Augenwischerei endlich beendet werden.“ 

Auch von vielen Bürgern haben wir in den vergangenen Tagen Rückmeldungen bekommen. Diese arbeiten wir weiter auf. Am Mittwochabend haben wir in einem Facebook Livestream erste Fragen beantwortet, das Video gibt es weiterhin als Re-Live auf unserer Seite. In den kommenden Wochen werden wir auf correctiv.org/pflege weiter zur Pflege in Deutschland veröffentlichen. Wer mit uns und schon knapp 300 weiteren Menschen diskutieren will, kann dies in unserer extra eingerichteten Facebook-Gruppe „Pflege in Deutschland“ tun.

Autor Michael Schomers bei seinem einzigen, betreuten Ausflug aus dem Bremer Pflegeheim Sodenmattsee. Ausnahmsweise mal selbst vor der Kamera. Mit Eis.© privat

Pflege

Undercover im Pflegeheim: Wo ist Charlotte?

Michael Schomers ist 66 Jahre alt, hatte vor zwei Jahren Speiseröhrenkrebs – und hat jahrelang als investigativer Journalist mit versteckter Kamera gearbeitet. Perfekt. Für uns ist er in ein ganz normales, sehr gut bewertetes Heim gezogen. Wie ist der Alltag in deutschen Pflegeheimen?

weiterlesen 20 Minuten

von Benedict Wermter , Daniel Drepper , Michael Schomers

Diese Recherche findet Ihr in einer Langversion auch in unserem Buch „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“, das Ihr unter shop.correctiv.org bestellen könnt. Die Aufnahmen aus dem Heim zeigen wir mit dem NDR in einer halbstündigen Reportage.


In Bremen entdecken wir ein Heim, das passt: das Haus Sodenmattsee 1. Es gehört zur privaten Residenz-Gruppe, die in Deutschland 36 solcher Heime betreibt. Wir hören uns um.

Der Geschäftsführer Rolf Specht wird in Bremen gefeiert. Vom Sohn einfacher Gemüsebauern mit Plumpsklo zum Immobilien-König. 2010 wird er Bremens „Unternehmer des Jahres“. Specht ist kein Wohltäter, er macht Geld mit seinen Heimen. Aber, sagen Insider, Specht macht seinen Job ordentlich. Sollten wir uns seine Pflegeheime anschauen, wären das keine Ausreißer nach unten. Wir würden das erleben, was in Pflegeheimen Alltag ist.

Im Werbeprospekt wirkt das Anwesen idyllisch: im Garten ein Teich, auf dem Enten schwimmen, man kann sie füttern. Kinder kämen häufig zu Besuch, schreibt die Residenz-Gruppe, es gebe eine Theatergruppe, einen Chor, Gymnastik, Basteln und Singen. „Wir bieten den Bewohnern unseres Hauses die Möglichkeit, ein weitestgehend selbstständiges und aktives Leben zu fuhren.“

Bei der aktuellsten Prüfung hat das Heim Anfang Juni 2015 die Pflegenote 1,2 bekommen, also „sehr gut“. Das Magazin „Focus“ hat Sodenmattsee 1 mehrfach als eines der besten Pflegeheime Deutschlands ausgezeichnet. „Wir wissen, dass unsere Mitarbeiter hier Tag für Tag gute Arbeit für unsere Bewohner leisten“, schreibt die Residenz-Gruppe in einer Pressemitteilung. „Umso mehr freuen wir uns, dass es jetzt von unabhängigen Experten bestätigt wird.“

Das wollen wir uns ansehen. Sodenmattsee 1 ist unser Heim.

„Guten Tag, mein Name ist Benedict R.“ Unser Reporter Benedict Wermter ruft unter falschem Namen in Bremen an. „Ich habe am Wochenende meinen Onkel Michael besucht. Der wohnt im Rheinland, allein. Ich habe gemerkt, dass das so nicht mehr geht.“

Das ist die Legende, die wir der Verwalterin erzählen. Sie schluckt den Köder. Und lädt uns zu einem Vorstellungsgespräch ein.

Michael Schomers – Onkel Michael – ist 66 Jahre alt, arbeitet als investigativer Journalist und hat viel Erfahrung mit Undercover-Projekten. Er war Rechtsradikaler, Fernfahrer, Bestattungshelfer, Sozialhilfeempfänger. Seit zwei Jahren hat er Speiseröhrenkrebs. Er wurde operiert, bekommt noch immer eine Chemotherapie, hat 50 Kilo abgenommen.

Soweit die Realität. Wir haben sie ein wenig ausgeschmückt. Und behaupten zusätzlich: Dass Onkel Michael seit dem Tod seiner Frau Charlotte zunehmend depressiv sei und immer unselbstständiger werde. Dass er nicht mehr auf seinen Neffen hört und häufig einen verwirrten Eindruck mache. Niemand kümmere sich darum, ob er genug esse und trinke und seine Medikamente nehme.

Für seinen Aufenthalt im Heim hat sich Michael Schomers vorgenommen, immer mal wieder verwirrt und desorientiert herumzulaufen und nach seiner verstorbenen Ehefrau zu rufen: Wo ist Charlotte?

Auch die medizinische Seite haben wir gut vorbereitet. Der Hausarzt von Michael Schomers hat eine medizinische Verordnung geschrieben, in der alle Medikamente aufgeführt sind, die er nehmen muss. Es sind einerseits – real – die typischen Mittel gegen die Nebenwirkungen einer Chemotherapie. Und darüber hinaus – fiktiv – auch Psychopharmaka, zur Beruhigung einzunehmen. Tatsächlich sind es Placebos, Tabletten ohne Wirkstoff.

Zusätzlich hat der Hausarzt folgende Maßnahmen festgelegt, sie seien unbedingt zu befolgen:

  • Bei Unruhe zusätzlich 20 mg Citalopram, aber insgesamt max. 4 / Tag.
  • Auf ausreichende Trinkmenge achten.
  • Bitte täglich wiegen wegen Wassereinlagerung nach Chemotherapie.
  • Bitte einmal täglich Temperatur messen wegen der Infektgefahr nach Chemotherapie.

So präpariert, fahren wir Ende August 2015 zum Vorstellungsgespräch. Michael Schomers hat sich seit Wochen nicht rasiert, sein weißer Bart sprießt in alle Richtungen. Er trägt alte Kleider, sicher fünf Nummern zu groß, und war lange nicht beim Frisör. Neffe Benedict hat sich ebenfalls nicht gekämmt, auch er ist schließlich gestresst.

Vor dem Aufnahmegespräch sind die beiden nervös. Wird man ihnen ihre Rolle abnehmen? Fummeln am Hörgerät, abwesendes Nicken mit dem Kopf, störrische Nachfragen, ein paar Tränen wegen der Einsamkeit – Michael Schomers spielt die Rolle eines leicht verwirrten älteren Herrn perfekt. Problemlos meistern sie das 45-minütige Aufnahmegespräch und den anschließenden Rundgang über die Zimmer. Am Ende schiebt ihnen die Verwalterin die Unterlagen zur Anmeldung über den Tisch.

Aufnahmegespraec.jpg

Beim Aufnahmgespräch unterschrieben wir einen Vertrag mit dem Heim – und filmen mit versteckter Kamera. Das monatelange Warten hat sich gelohnt.

Michael Schomers

Sie stehen nun auf der Warteliste. Ein volles Heim ist ein gutes Zeichen. Das spricht für einen guten Ruf. Für Qualität.

Dann heißt es: warten. Einen Monat lang, zwei Monate lang. Benedict ruft immer wieder im Heim an und fragt nach. Doch die Verwalterin am Sodenmattsee wiederholt stoisch: „Wir müssen warten, bis jemand stirbt.“

Derweil recherchieren wir weiter. Es scheint, als seien „Pflege“ und „Skandal“ in den Medien untrennbar verbunden. Fast jede Woche gerät ein anderes Heim, ein anderes Problem in den Blick. Geschlagene und ans Bett gegurtete Großmütter. Verzweifelte Angehörige. Die Russen-Mafia. Von den Behörden geschlossene Heime. Eine Pflegerin, die allein ihre Bewohner nicht mehr versorgen kann, zum Telefonhörer greift und aus lauter Verzweiflung die Berliner Feuerwehr zu Hilfe ruft.

Was ist die gemeinsame Ursache all dieser Skandale? Warum lesen wir seit Jahren hauptsächlich Schlechtes über die Pflege? Warum halten es Pfleger im Schnitt nur gut acht Jahre in ihrem Beruf aus, bevor sie krank werden, ausbrennen, die Pflege verlassen? Warum fürchten wir alle uns so sehr davor, am Ende unseres Lebens ins Heim zu müssen?

Was muss sich ändern, damit wir Pflege nicht mehr nur mit Vernachlässigung, Gewalt und Tod verbinden, sondern mit Freundlichkeit, Güte, Geborgenheit?

Anfang November 2015 ist es endlich soweit: Onkel Michael darf in das Heim Sodenmattsee 1 einziehen. Die verdeckte Recherche beginnt.

Eine weitere Woche später wird Michael Schomers in seinem Tagebuch notieren: „Ich frage mich, ob ich in einem solchen Seniorenheim meinen Lebensabend verbringen möchte. Nein, möchte ich nicht. Auf gar keinen Fall. Es ist ein trister, schleichender Abschied aus einem am Ende unwürdigen Leben.“

Aber der Reihe nach.

Ein Tagebuch von Michael Schomers

Tag 1

November, es ist kalt, auf den Sträuchern liegt Raureif. Gegenüber vom Eingang des Pflegeheims eine Sitzgruppe, wie ein Wartezimmer. Fünf, sechs Frauen und Männer sitzen dort. Sie schweigen und starren uns Neuankömmlinge an.

Nach einem kurzen Begrüßungsgespräch mit der Heimleiterin zeigt man mir mein Zimmer. Es liegt im Erdgeschoss, nur ein paar Stufen hoch. Das schaffe ich wohl, ich kann aber auch den kleinen Aufzug nehmen. Es ist eines von zwei Zimmer, die von einem kleinen Flur abgehen. Im Flur hängt ein Spiegel, an der Seite ein Desinfektionsgerät.

Eine ältere, nette Pflegerin stellt sich vor: Sie sei Lea* und habe noch bis 21.00 Uhr Dienst und werde sich um mich kümmern.

Das Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Das Pflegebett, ein Schrank, eine Kommode, auf dem der Fernseher steht, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, ein Nachttisch. Würde ich hier einziehen, müsste nur das Bett drin bleiben, alles andere könnte ich mit meinen eigenen Möbeln bestücken. Ich räume meine Sachen ein.

SMS Mittagessewn auf em Zimmer.jpg

Kartoffeln, Spinat, Ei. Ohne Geschmack. Unser Autor isst allein auf seinem Zimmer.

Michael Schomers

Von einer Küchenhelferin bekomme ich um 18 Uhr im Speisesaal das Abendbrot serviert: Graubrot, Weißbrot, zwei Sorten Wurst und etwas Käse. Dazu etwas Tee. So, wie früher im Schullandheim.

Bei Tisch schweigen fast alle, im ganzen Saal. Die Küchenhelferinnen sehen ihre Aufgabe offenbar nur darin, etwas zu essen auf den Tisch zu stellen und es nach einer Weile wieder abzuräumen. Einsam kauen alle vor sich hin.

Nach dem Essen, wenn alle Bewohner auf ihre Zimmer geschlichen sind oder dorthin gerollt wurden, ist das Heim so gut wie tot. Es ist 18.30 Uhr.

Ich hatte erwartet, dass man sich länger mit mir unterhält. Über meine Lebensumstände, meine Biographie, meine Krankheit, meinen Alltag. Aber bisher ist das nicht geschehen. Später, nach dem Auszug, bekomme ich die Kopien der Dokumentation zugeschickt. Jeder Bewohner hat einen Rechtsanspruch auf seine Akten als Kopie. Darin wird auf der ersten Seite ein Einführungsgespräch „dokumentiert“, das nicht stattgefunden hat. Jemand hat vieles frei erfunden. „Zum Frühstück isst er gerne Brötchen mit Auflage oder Marmelade“, oder: „Herr S. isst gerne Hausmannskost“. Woher wollen sie das wissen?

Wir haben die Residenz-Gruppe mit unseren Recherchen konfrontiert. Die Geschäftsführung schreibt, dass sich das Haus in der Zeit unserer Recherche in einer „Audit- und Diagnosephase“ befunden habe, da der Betrieb erst kurz vorher an den französischen Konzern Orpea übergeben wurde. Mittlerweile würde das Haus einen Qualitätsprozess mit höheren Standards implementieren. „Ihre Recherchearbeiten nehmen wir daher sehr ernst, da sie uns anhand des Beispiels von Herrn Somers konkrete Hinweise zu unserem Verbesserungspotenzial liefern.“ Ein Erstgespräch könnte nach neuen Dokumentationsregeln auch innerhalb der ersten sieben Tage stattfinden. „Zum Zeitpunkt des vorzeitigen Auszugs von Herrn Somers war das eigentliche,  zu protokollierende Erstgespräch zwar bereits geplant, hatte aber noch nicht stattgefunden.“

Tag 2

Auf dem Weg zurück zu meinem Zimmer lege ich mit meiner „Vorstellung“ los. Ich irre verwirrt und desorientiert auf dem Gang herum, finde mein Zimmer nicht und rufe nach meiner verstorbenen Ehefrau: „Charlotte? Charlotte — wo ist Charlotte?!“

Schwester Paula kommt mir entgegen. Ich blicke verwirrt in der Gegend herum: „Ich weiß gar nicht, wo ich bin. Charlotte muss doch kommen. Die war nicht beim Frühstücken. Wo ist die denn?“

Ziemlich cool antwortet sie: „Keine Ahnung. Vielleicht schläft sie ja noch?“

Zum Mittagessen gibt es eine Scheibe Leberkäse, Kartoffelpüree, Soße, Sauerkraut. Das Essen ist einfach nur fad. Es schmeckt und riecht nach nichts. Fertigpampe aus der Großküche. Niemand sagt ein Wort. Eine gespenstische Atmosphäre.

speisesaal2.jpg

Der Speisesaal in der Seniorenresidenz. Einsam kauen alle vor sich hin. DIe Stimmung ist kaum labhafter als auf Michael Schomers Zimmer.

Meine Tabletten habe ich regelmäßig bekommen. Aber die Verordnungen, die mir mein Arzt so ausdrücklich mit auf den Weg gegeben hat, werden ignoriert. Keiner hat mich gewogen oder meine Temperatur gemessen oder darauf geachtet, wie viel ich getrunken habe. Auch um das Blutdruckmessen — nach meinen vermeintlichen Schwindelanfällen — kümmert sich niemand.

Die Residenzgruppe schreibt: „Generell ist es so, dass wir ärztliche Hinweise, die wir beim Einzug von neuen Bewohnern erhalten, selbstverständlich beachten und diese entsprechend protokollieren.“

Tag 3

Das Essen ist wieder eine Katastrophe: Es gibt eine Frikadelle mit dem Kartoffelbrei und der Tüten-Soße von gestern und vorgestern, dazu etwas verkochtes Kohlgemüse. Das Dessert ist ein eklig nach Chemie schmeckender Kompott.

Wasser steht nicht auf dem Tisch. Im Hintergrund, am Ende des Speisesaals, gibt es zwar einen Rollwagen mit Flaschen, aber da geht niemand hin, und die Helferinnen reichen es nicht an.

Nach dem Essen darf ich zusammen mit einer Betreuerin eine nahegelegenes Einkaufscenter besuchen, um dort ein paar persönliche Sachen einzukaufen. Anke* begleitet mich. Eine Ausnahme!, betont die Pflegedienstleiterin, als wir uns bei ihr abmelden, normalerweise gebe es für Bewohner nur einmal im Monat eine solche Einkaufstour.

Ich unterhalte mich mit Anke und erfahre, dass sie eine „zusätzliche Betreuungskraft nach Paragraph 87b“ ist. Was diese 87b-Kräfte tun sollen und dürfen, ist gesetzlich geregelt. Sie dürfen mit den Bewohnern malen, basteln, singen und musizieren, spazieren gehen, spielen, vorlesen und so weiter. Sie dürfen nicht in der Küche arbeiten, Essen anreichen, bei Toilettengängen oder der Körperhygiene helfen und schon gar nicht ärztlich verordnete Maßnahmen durchführen, also Verbände wechseln, spritzen oder Medikamente ausgeben.

Die Realität sieht aber wohl meistens anders aus. Die Selbsthilfe-Initiative Heim-Mitwirkung (heimmitwirkung.de) hat dazu kürzlich eine nicht repräsentative Online-Umfrage gemacht. Bei der Frage: Welche Aktivitäten werden durch Betreuungskräfte unterstützt?, antworteten 60 Prozent, dass sie auch Essen und Trinken anreichen, rund 34 Prozent, dass sie auch Toilettengänge unterstützen, und fast 20 Prozent, dass sie sogar pflegerische Hilfstätigkeiten ausüben.

Auch Anke* erzählt mir, dass sie gleich beim Abendessen helfen muss.

Nach dem anstrengenden Abenteuer lege ich mich erst einmal hin. Später kommt Schwester Ursula vorbei und bringt mir Tee. „Und dann sind Sie heute die ganze Nacht hier?“, frage ich sie. „Nein, ich bin um 21.45 Uhr weg.“ Dann kämen die beiden Nachtschwestern.

Vor kurzem hat die Universität Witten-Herdecke eine Studie veröffentlicht, nach der in Heimen im Durchschnitt nachts eine einzige Pflegekraft für 52 Personen zuständig ist.

Auch an diesem Tag hat niemand kontrolliert, wie viel ich getrunken habe. Alte Menschen können leicht austrocknen. Sie bekommen dann trockene Haut und trockene Schleimhäute, verlieren an Gewicht, leiden unter Kopfschmerzen,Schwindel oder Verwirrtheit. Die Gefahr von Stürzen steigt.

Aber obwohl ich heute wiederholt von Schwäche und Schwindel gesprochen habe, ist niemand auf die Idee gekommen, dass ich zu wenig trinke.

Die Residenzgruppe schreibt: „Wir setzen Betreuungskräfte nach § 87 b SGB XI nicht außerhalb der im Gesetz geregelten Tätigkeitsbereiche ein.“ Allerdings blieben die Hygiene der Bewohner und die Sauberkeit der Räumlichkeiten eine ständige Priorität aller Mitarbeiter.

Tag 4

Ich habe lange geschlafen. Ich lasse mich voll in meine Rolle fallen, simuliere Schwäche und Schwindel, heute nochmals verstärkt. Ich sage, dass ich so schwach bin, dass ich nicht zum Speisesaal gehen kann, sondern auf dem Zimmer frühstücke.

Auch das Mittagessen bekomme ich allein auf dem Zimmer: etwas Spinat, verkochte Kartoffeln, ein Klatsch Rührei. Ich kann den Fraß schon jetzt nicht mehr sehen. Ich esse fast nichts, lasse den Teller fast unangetastet zurückgehen.

Hier im Sodenmattsee sind Bewohner gezwungen, sich zwei Wochen vorher zu entscheiden, welches Menü sie essen wollen. Offenbar geht dann die Bestellung an eine Bremer Großküche raus. Dabei ist der tägliche Verpflegungssatz – den jedes Heim mit den Pflegekassen und den Bewohnervertretern aushandelt – hier gar nicht mal so niedrig, er liegt bei 7,85 Euro pro Bewohner und Tag. Andere Heime veranschlagen deutliche weniger und servieren dennoch besseres Essen. Es sind diese Tricks, mit denen Heimbetreiber ihren Gewinn machen.

Ich trinke aus einer Flasche, die ich in meinem Schrank versteckt habe. Die Flasche Wasser, die offen auf meinem kleinen Tischchen steht, habe ich seit zwei Tagen nicht angerührt. Seit zwei Tagen hat sie exakt denselben Pegel.

Doch in der Dokumentation, die ich eine Woche nach meinem Auszug bekomme, steht für den heutigen Tag notiert, exakt um 11:02 Uhr: „Herr S. trinkt im Durchschnitt 1.500 ml Flüssigkeit in 24 Stunden“. Eine glatte Lüge. 

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Die Decke auf meinem kleinen Tisch ist immer voller Krümel, weil ich zum Tee Zwieback esse. Ich lasse sie bewusst dort liegen. Offensichtlich ist das kein Bereich, für den sich die Putzfrau zuständig fühlt. Bereits vor drei Tagen habe ich ein blutiges Papiertaschentuch hinter den Sessel geworfen. Es liegt immer noch da. Auf den Bildern unserer versteckten Kamera sehe ich später, dass die Putzfrau keine zwei Minuten für mein Zimmer braucht. Papierkorb leeren, einmal mit dem Feudel durchwischen, fertig.

Die Residenzgruppe schreibt, das Protokoll von Herrn Somers weise „eine tägliche Trinkmenge von 1250 bis 1700 ml aus“, woraufhin die Pfleger die Kontrolle am fünften Tag beendet hätten. Woher die tägliche Trinkmenge im Protokoll der ersten Tage stammt, schreibt die Residenz-Gruppe nicht. 

Tag 5

Schwester Paula schüttet mir ihr Herz aus: „Ich habe manchmal überhaupt keine Zeit, um einer Omi die Hand zu geben oder sie zu umarmen, weil sie traurig ist.“

Und: „Das Schlimme ist, wir müssen ja auch mit putzen, die Regale saubermachen. Sie können sich nicht vorstellen, was da zu machen ist. Da bleibt der Mensch zurück.“

Im Flur unseres Zweier-Bereichs hängt neben der Tür ein Desinfektionsmittelspender. Hygiene ist unerlässlich, um multiresistente Keime in Schach zu halten, die jedes Jahr tausende alter Menschen in Deutschlands Krankenhäusern und Pflegeheimen töten. Schade nur, dass der Spender leer ist, seit ich hier bin.

Ich setze mich zu einer Gruppe offensichtlich ziemlich dementer Bewohner, mit denen eine Betreuerin gerade ein Gedächtnistraining macht.

undervover_rolli2.jpg

Viele Bewohner leben in Bett und Rollstuhl. Acht Tage. Für unseren Autor wird die Zeit lang.

Michael Schomers

Sie reden über den Herbst. Die Betreuerin will mit Fragen oder Rätseln Erinnerungen bei den alten Leuten anstoßen. Sie fragt: „Ich bin ein Säugetier, habe ein rot-braunes Fell, wohne in einem Bau in der Erde und habe einen buschigen Schwanz. Wer bin ich?“ Erst nach zwei, drei Anläufen kommt die richtige Antwort.

Nach einer halben Stunde ist das Event beendet. Der Fernseher wird eingeschaltet. Alle werden in Richtung Bildschirm gedreht. Und dann schweigen alle wieder.

Tag 6

Als ich an diesem Morgen klingel, kommt eine Pflegerin herein, die ich bisher noch nicht gesehen habe. Sie heißt Margret* und erzählt, sie sei nicht hier im Haus angestellt, sondern von einer Leiharbeitsfirma geschickt worden. „Ich bin immer überall, immer da wo Not am Mann ist. Mir fehlt nur noch das Blaulicht auf dem Kopf.“

Wir unterhalten uns eine Weile, freimütig klagt sie mir ihr Leid: „Es gibt ja nur noch Jahresverträge“, sagt Margret-. Man wird nur noch ausgenutzt. In meinem letzten Heim hatte ich einen Arbeitsvertrag mit 174,9 Stunden also mehr als Vollzeit. Ich bin aber nie unter 200 Stunden rausgegangen. Ein Jahr war ich dort, und trotzdem hab ich einen Tritt in den Arsch gekriegt. Obwohl ich für das Haus, für die Bewohner immer da war.“

undervover_bett.jpg

Die Pflegerinnen geben sich im Sodenmattsee Mühe. Oft fehlt jedoch die Zeit. Die Pflegekräfte sind gestresst.

Michael Schomers

Für die Heimbesitzer haben befristete Verträge viele Vorteile. Man kann dann besser Druck machen, und ist unliebsame Mitarbeiter schnell wieder los. Zum Beispiel, wenn sie sich irgendwie gegen die Arbeitsbedingungen wehren.

Es ist Samstag. Mein vermeintlicher Neffe Benny kommt mich besuchen. Als er Schwester Ursula fragt, wie es mir gehe, sagt sie zu ihm: „Ihr Onkel ist verwirrt, er sucht und ruft nach seiner verstorbenen Frau.“ Ansonsten sei sie sehr zufrieden mit dem Onkel, der sich immerhin selber seinen Tee kocht und selbständig auf sie wirke. Sie erzählt ihm von dem „tollen Ausflug“, den ich ins Einkaufszentrum gemacht hat.

Danach fragt er, ob ich meine Medizin auch regelmäßig bekomme? „Da müssen wir ihn ein wenig pushen, aber er bekommt alle, natürlich.“ Ob ich genug trinke? Sie nickt mit dem Kopf: „Absolut.“

Es ist eine absolut falsche Auskunft. Niemand weiß, dass ich heimlich aus meiner Flasche im Schrank trinke. Offiziell habe ich seit Tagen nichts getrunken. Niemand hat es bemerkt. Meine Vitalwerte – Gewicht, Temperatur – werden seit Tagen nicht kontrolliert.

Ein Angehöriger muss sich darauf verlassen können, dass ihm die Pfleger die Wahrheit sagen. Dass er erfährt, was wirklich los ist, wenn er die ganze Woche über weg ist. In Sodenmattsee 1 ist das nicht der Fall.

„Trinkprotokolle werden immer anlassbezogen geführt. Wenn ein Bewohner ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt, werden die Protokolle wieder gelockert. Wir werden, wie alle Pflegeheimbetreiber regelmäßig kontrolliert. Auch in dem von Ihnen angesprochenen Haus ist dies der Fall und wir hatten hinsichtlich der Pflegedokumentation keine Beanstandungen.“

Tag 7

Das Highlight beim Frühstück am heutigen Tag ist ein kaltes, hartgekochtes Ei. Hurra! Es ist ja auch Sonntag. Da gönnt man den Heimbewohner etwas. Sogar das Mittagessen, Roulade mit Klößen und Rotkohl, schmeckt einigermaßen.

Beim Kaffeetrinken am Nachmittag höre ich von den Tischnachbarn, dass gleich Bingo gespielt wird. Ich mache mit. Es ist schon sein sehr merkwürdiges Gefühl, dort mit so vielen alten Menschen zu sitzen und so ein Spiel zu spielen. Auf einmal gewinne ich sogar. Bingo! Für die Sieger gibt es kleine Preise. Ich suche mir eine Rolle mit Vitamintabletten raus.

bingo.jpg

Bingo! Erfolgserlebnis im Pflegeheim.

Sonst passiert nichts an diesem Tag, wie wohl an den meisten Wochenenden. Wer keinen Verwandtenbesuch bekommt, sitzt allein herum. Wohl an jedem Wochenende.

Ich frage mich, ob ich in einem solchen Seniorenheim meinen Lebensabend verbringen möchte. Nein, möchte ich nicht. Auf gar keinen Fall. Es ist ein trister, schleichender Abschied aus einem am Ende unwürdigen Leben.

Tag 8

Am Montagnachmittag holt Benny mich ab, ich ziehe aus. Die Pflegedienstleiterin will zum Abschluss ein Gespräch mit uns führen. Sie kommt in mein Zimmer, setzt sich, ihre erste Frage klingt fast inquisitorisch: „Haben sie denn an den Veranstaltungen, die wir hier haben, auch teilgenommen?“ Eigentlich sollte sie das wissen, denn so etwas sollte ja in den Unterlagen dokumentiert sein.

Nach einem einleitenden: „Uns ist es wichtig, dass die Menschen hier ihr Leben selbst gestalten!“, wird sie anklagend: „Sie haben zum Beispiel das Heim nicht verlassen. Wir haben hier das Einkaufszentrum…“, – ich falle ihr ins Wort und sage: „Da war ich“, was sie etwas etwas aus dem Konzept bringt.

Sie kontert mit der Gegenfrage: „Mit der Betreuerin oder auch allein?“

„Allein kann ich nicht, daher war ich mit der Betreuerin dort“

„Sie hatten also eine Beschäftigungstherapeutin, die sie begleitet hat.“

„Ja.“ Das hatte ich ja gerade gesagt.

Ungetrübt von meiner Antwort findet sie schnell wieder in ihre offenbar vorbereitete Argumentationslinie. Ihre vernichtende Schlussbewertung: „Ich habe das Gefühl, Sie haben nichts gemacht! Sie haben nicht gesagt, ich will heute das, morgen das… Sie haben alles so über sich ergehen lassen.“

Innerlich empöre ich mich über dieses Gespräch. Ich habe alles mitgemacht, habe an allen Angeboten teilgenommen, war selbst aktiv. Wobei ich jedesmal gewartet habe, ob vielleicht jemand mich anspricht, jemand kommt, mich holt, motiviert. Das fehlte völlig.

Wir packen meine Sachen und gehen.

Vorher verabschiede ich mich von meinen beiden Pflegerinnen.

Die Residenzgruppe schreibt, sie hätte bereits Korrektivmaßnahmen ergriffen, um Pflegeanweisungen noch konsequenter zu prüfen und einzuhalten. Der Fall von Herrn Somers zeige, um welche Verbesserungen der Aufnahmeprozess ergänzt werden muss.

Bremen Schomers und Wermter mit 87b Kraft im Aufzug.jpg

Unser Reporter Benedict Wermter holt seinen angeblichen Onkel ab. Acht Tage Pflegeheim, geschafft.

Es war eine sehr spannende Zeit, die vor allem nicht ganz einfach war, weil sie mit den Themen Krankheit, Schwäche und Alter verbunden war. Wer in ein solches Heim zieht, merkt natürlich, dass er einsam und alleine ist. Und man muss sich erstmal hier in diesem ganzen Ablauf zurecht finden. Das war nicht so einfach. Vor allen Dingen dann auch der Umgang mit dem Thema Schwäche, die ja im Moment tatsächlich eines meiner gesundheitlichen Probleme ist.

Mir hat meine Erfahrung in Sodenmattsee gezeigt, dass die Noten, die öffentlich bekannt gegeben werden, eigentlich überhaupt kein Beleg für die Qualität eines Heims sind.

Ich bin froh, dieses Heim wieder verlassen zu können. Die Pflegerinnen waren sehr nett und freundlich, aber offensichtlich ziemlich überfordert. Das größte Problem aber ist, dass die medizinische Verordnungen einfach nicht befolgt wurden. Das kann lebensgefährlich sein.

In so einem Heim möchte ich auf jeden Fall meinen Lebensabend nicht verbringen.

Fazit

Gewiss: Michael Schomers Erlebnisse sind nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was Altenpflege im Jahr 2016 in Deutschland ausmacht. Aber unsere mehr als ein Jahr langen Recherchen bestätigen diesen Ausschnitt.

Michael hat sich allein gefühlt, einsam sogar. Die Anweisungen von Michaels Arzt haben die Pflegerinnen nur teilweise befolgt, sie haben keine Vitalwerte geprüft. Einige Dinge tauchen nur in der Dokumentation auf, sind aber in Wahrheit nicht erledigt worden. Das erzählen viele Pfleger: Dass sie Dinge dokumentieren und unterschreiben, die nicht stattgefunden haben. Weil es vorgeschrieben ist, sie aber nicht genügend Zeit dafür haben.

Michaels Pflegerinnen waren unzufrieden. Sie hatten Stress. Sie hatten einfach keine Zeit für ihn. Das wundert uns nicht. Es sind einfach überall zu wenige Pfleger da.

Der Mangel ist Realität. Doch nach außen wird trotzdem so getan, als sei alles in Ordnung. Die „sehr gute“ Pflegenote des Haus am Sodenmattsee 1 sagt überhaupt nichts aus. 

Genauso wenig wie bei all den anderen Heimen, die mit „sehr gut“ bewertet werden oder sich andere Gütesiegel an die Eingangstür kleben. Oft sind diese Siegel sogar im Internet zu kaufen.

Pflege ist einer der körperlich anstrengendsten Berufe in Deutschland und hat seit Jahren eine der höchsten Burn-Out-Raten. Im Schnitt halten es Altenpfleger in ihrem Beruf nur gut acht Jahre lang aus. In keinem anderen Beruf gibt es so viele offene Stellen bei so wenig arbeitslosen Fachkräften. Fast fünf Monate dauert es mittlerweile im Schnitt, bis die Stelle einer Fachkraft wieder besetzt ist. Nach unseren Recherchen werden deshalb mittlerweile Handgelder von 3000 Euro bezahlt, für die vermittelnden Kollegen dazu noch eine Provision. Auch die Leiharbeit breitet sich aus. Das macht die Qualität der Pflege nicht besser. Auch Michael ist von einer Leiharbeiterin betreut worden.

Es ist ein Jammer. Und es ist höchste Zeit, dass sich etwas tut.


Warum die Altenpflege in Deutschland solche Probleme hat, beschreiben wir ausführlich in unserem Buch „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“, das Ihr unter shop.correctiv.org bestellen könnt. Darin findet sich auch eine längere Version dieser Undercover-Reportage, für die Michael Schomers noch eine weitere Woche in einem zweiten Altenheim verbracht hat. Mehr zur Pflege findet Ihr auf unserer Themenseite correctiv.org/pflege.

© Ivo Mayr

Pflege

Tod und Leben

Marcus Jogerst hat ein Altenheim gebaut, mit dem er beweisen will, dass pflegedürftige Menschen in Würde leben können. Er ist ein Visionär und ein Vordenker. Ein Dickschädel und ein Kämpfer. Sein Leben soll hier geschildert werden. Eine kostenlose Leseprobe.

weiterlesen 8 Minuten

von Daniel Drepper

Dies ist das erste Kapitel unseres seit heute erhältlichen Buches „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“. Das Buch könnt Ihr in unserem Shop bestellen.


Wer Marcus Jogerst begleitet, gerät mitten hinein in ein krank machendes System. Erlebt, wie in einem Brennglas gebündelt, die Probleme der deutschen Altenpflege. Jogerst kämpft mit verkrusteten Strukturen, mit knappem Geld, fehlendem Personal und einer Bürokratie, die ihm die Luft zum Pflegen nimmt. Er kämpft gegen dubiose Vermittlungsfirmen und gegen illegale Pflegekräfte. Er erlebt 25 Jahre lang hautnah, wie das deutsche Pflegesystem unter der Last einer immer älter werdenden Bevölkerung knarzt und ächzt und fast zusammenbricht. Bis er schließlich in Berlin mit denen an einem Tisch sitzt, die unsere Pflege in Deutschland gestalten.

Als Jogerst 13 Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern. Mutter Christa zieht aus, nimmt Marcus mit und redet schlecht über Lorenz, den Vater. Der bleibt mit Haus und Schulden zurück und bekommt eine chronische Darmentzündung. Es dauert ein halbes Jahrzehnt, bis sich Vater und Sohn wieder annähern.

Anfang Oktober 2003. Jogerst ist 28 Jahre alt und führt seit vier Jahren eine von ihm gegründete Unternehmensberatung für Pflegeheime. Nun will er sein eigenes Heim bauen. Aber er hat fast nichts gespart. Und ohne Eigenkapital gibt ihm die Bank keinen Kredit.

Er weiß, wie sparsam sein Vater ist. In welch bitterer Armut er in den Nachkriegsjahren aufgewachsen ist. Wie verbissen er sein Leben lang um finanzielle Sicherheit, um seine Altersvorsorge gekämpft hat. Er will ihn trotzdem fragen.

Vater und Sohn sitzen im elterlichen Wohnzimmer.

Papa. Ich frage Dich. Und ich bitte Dich. Du musst es nicht tun. Ich werde nicht böse sein, wenn Du Nein sagst. Kannst du dir vorstellen, deine Altersvorsorge in ein Pflegeheim zu investieren, das ich bauen will?

Der Vater bittet um Bedenkzeit. Er bespricht die Angelegenheit mit Iris, seiner neuen Frau.

Probier es doch, ermuntert ihn Iris. Ich brauche dein Geld nicht, sagt sie. Sorg lieber für deine Kinder. Und wenn etwas schief geht, dann muss der Marcus es halt zurückzahlen.

Lorenz Jogerst stimmt zu.

Vater und Sohn unterschreiben einen Vertrag. 

Zwei Jahre vergehen.

Die Grundsteinlegung in der Stadtmitte von Renchen. 7000 Einwohner im zufriedenen Baden, zwischen Freiburg und Karlsruhe. Alle sind da: der Bürgermeister, dessen Stellvertreter, beide Ortsvorsteher, ehemalige Kollegen, Freunde und Verwandte. Familie Jogerst lässt sich fotografieren. Marcus posiert im Rohbau, in grauem Anzug, mit weißem Hemd, rotem Schlips und roter Baskenmütze.

Jahrelang hat Jogerst für dieses Heim gekämpft. Erst lässt ihm seine Bank fast den Kredit platzen, dann gibt es Ärger mit den Nachbarn, schließlich schickt ihm der Bauunternehmer so gut wie jede Woche irgendwelche Nachforderungen. Jetzt kommt Jogerst seinem Ziel Tag für Tag näher. Endlich will er die Pflege möglich machen, die er sonst nirgendwo durchsetzen konnte. Endlich will er alte Menschen in Ruhe leben lassen – wie in einer großen Familie, ohne die sonst üblichen starren Regeln und Hierarchien. Ende Juni soll sein Heim eröffnen.

buch_pflege3.jpg

Unser Buch zur Pflege gibt es ab sofort unter shop.correctiv.org

Freitag, 9. Juni 2006.

Der Sommer beginnt, blauer Himmel, seidige 20 Grad. Jogerst hat sich den Tag frei genommen und fährt mit einem Freund an den Korker Baggersee bei Odelshofen.

Währenddessen holt Stiefmutter Iris seinen Vater Lorenz von der Arbeit ab. Lorenz setzt sich ans Steuer. Sie fahren über die Landstraße, passieren den Baggersee, an dem Marcus gerade in der Sonne liegt. Lorenz Jogerst fährt vorsichtig, wie immer, langsamer als die erlaubten 70 Stundenkilometer.

Ein Auto kommt ihnen entgegen, wird langsamer, will nach rechts abbiegen, da ist ein Erdbeerfeld zum Selbstpflücken.

Dahinter ein zweites Auto. Plötzlich beschleunigt es und schert zum Überholen aus. Das reicht nicht, schreit Iris. Dann krachen die Wagen frontal ineinander.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Auf der Rückfahrt vom Baggersee sieht Marcus einen Helikopter aufsteigen.

Wieder daheim, sind die Eltern nicht da. Er wartet. Warum kommen sie nicht? Die sind doch sonst immer pünktlich. Jogerst starrt auf sein Handy. Als das Telefon endlich klingelt, ist seine Stiefschwester dran.

Du, Marcus, bei Kork hat ein silberner Opel Zafira einen Unfall gehabt. Sind die Eltern zu Hause?

Der Schwager fährt Jogerst zur Unfallstelle. Stiefmutter Iris ist mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht worden. Vater Lorenz mit dem Helikopter unterwegs in die Uniklinik Freiburg.

Jogerst fährt sofort los. Als er ankommt, schieben die Ärzte gerade seinen Vater durch die Operationsschleuse. „Passen sie mir auf seinen Kopf auf „, sagt Jogerst zum Anästhesisten. Warum er das sagt, weiß er bis heute nicht. Dann verschwindet der Vater.

Samstag, 10. Juni.

Jogerst packt Wäsche zusammen, fährt nach Freiburg und läuft mit der Tasche auf die Intensivstation. Beim Betreten eilen Ärzte mit dem Bett des Vaters an ihm vorbei. Um Gottes Willen, was ist denn? Eine halbe Stunde später kommt der Arzt zurück. Alle Karten auf den Tisch, sagt Jogerst. Ich bin vom Fach. Was ist los? Der Vater habe einen Schlaganfall gehabt. In einer Not-OP setzen ihm die Ärzte zwei Stents, die seine Gefäße offen halten.

Als Jogerst den Raum betritt, ist er ganz Pfleger. Papa, du brauchst keine Angst haben. Wir schaffen das. Ich sorge für alles. Sein Vater schaut ihn an – und erbricht sich auf ihn und den behandelnden Arzt.

Jogerst ruft in Norddeutschland an, bei seiner ehemaligen Kollegin und Freundin Manuela Vallendor-Wedermann. Er sagt: Wenn ich jetzt nicht bei meinem Vater bleibe, kann ich mein Leben lang nicht mehr in den Spiegel schauen. Sie steigt ins Auto und übernimmt die Hoheit über die Baustelle.

Jogerst bleibt in Freiburg. Es geht auf und ab. Mal sagt der Anästhesist: Es sieht gut aus, die Schwellung geht zurück. Dann wird der Druck zu stark. Die Ärzte schneiden die Schädeldecke auf. Wieder bessert sich der Zustand.

Dienstag, 13. Juni.

Jogerst fährt aus Freiburg zurück. Zu Hause angekommen, fällt ihm auf, dass sein Handy nicht funktioniert. Vom Festnetz aus ruft er auf der Station seines Vaters an.

Ah, Sie wollten wir sowieso gerade anrufen. Ja? Wieso?

Können Sie vorbeikommen?

Warum soll ich kommen?

Sie müssen hier eine Entscheidung treffen.

Jogerst fliegt die Treppen hinunter, rennt über die Straße und wird fast von einem Auto überfahren. Hämmert auf die Motorhaube. Weiß nicht, warum er dort steht. Seine Tante fährt ihn so rasch wie möglich nach Freiburg.

Dort ist das Stammhirn des Vaters wieder unter Druck geraten. Stiefmutter Iris sitzt im Rollstuhl neben dem Bett. Alle Brüder und Schwestern sind gekommen. Sie weinen. Soll ihr Vater ein Pflegefall werden, mit Magensonde und Beatmungsgerät? Sollen sie die Apparate ausstellen und den Vater gehen lassen?

Lorenz Jogerst hat immer betont, dass er kein Pflegefall werden will. Und so entscheiden sie es. Die Ärzte setzen die Medikamente ab. Die Familie bleibt über Nacht. Marcus Jogerst liest eine Geschichte über das Loslassen vor. „Illusionen“ von Richard Bach. Er legt die Hände des Vaters auf seinen eigenen Kopf. Der fühlt sich an, als schrumpfe er auf Kindergröße. Jogerst verabschie- det sich. Dann hört der Vater auf zu atmen.

Donnerstag, 15. Juni.

Bis zur Eröffnung des Pflegeheims sind es noch 15 Tage.


Hat Euch das erste Kapitel unseres Buches „Jeder pflegt allein“ gefallen? Dann könnt Ihr das ganze Buch (inklusive ausführlichem Ratgeber) hier in unserem Shop bestellen.

Pflege

Füttern. Waschen. Weiter.

Über die Zustände in deutschen Pflegeeinrichtungen gibt es viele Schauergeschichten. Eine Reporterin der Rheinischen Post wollte wissen, wie es wirklich ist, und hat ein Praktikum in einem Altenheim gemacht. Schon am zweiten Tag stieß sie an ihre Grenzen.

weiterlesen 15 Minuten

von Saskia Nothofer

Die Rheinische Post kooperiert mit uns zum Thema Pflege. Dieser Beitrag ist zuerst in der Rheinischen Post erschienen.


Am Eingang erinnert eine Gedenkwand an die Verstorbenen. Vor wenigen Tagen hat es einen Mann getroffen. Jetzt gibt es nur noch ein Foto von ihm: Das Gesicht ist faltig, er lächelt müde. Angehörige gibt es nicht. In wenigen Tagen wird sein Zimmer mit einem neuen Pflegebedürftigen belegt.

Ich bin als verdeckte Reporterin unterwegs und arbeite elf Tage im Düsseldorfer Awo-Seniorenzentrum Ernst-Gnoß-Haus. Altenpflege ist ein Dauerthema. Ich möchte wissen, wie es wirklich aussieht. In dem Heim leben 80 Pflegebedürftige, verteilt auf vier Wohneinheiten.

Eine Woche zuvor habe ich mich für ein Praktikum beworben. Nach einem Anruf im Heim gegen 10 Uhr stand ich drei Stunden später mit meinen Bewerbungsunterlagen vor der Tür. Ein kurzes Bewerbungsgespräch, und ich hatte das Praktikum. Dass ich keinerlei Erfahrung in der Pflege mitbringe, spielte keine Rolle. Täglich habe ich eine Schicht von sieben bis 14.30 Uhr. Auch am Samstag und Sonntag. Als Ausgleich gibt es einen freien Tag in der zweiten Woche. „Wenn, dann müssen Sie die Pflege auch so erleben, wie sie wirklich ist“, sagte die Pflegedienstleiterin.

Montag, Tag 1 

Ich betrete das Heim. Sofort steigt mir ein Geruch in die Nase, der mich die kommenden Tage begleiten wird. Es riecht nach Krankheit und Körperflüssigkeiten.

Für die 20 Bewohner sind pro Schicht je drei Pfleger zuständig, schon wenige Tage später werde ich einer von ihnen sein. Bei mindestens einem muss es sich um eine examinierte Pflegefachkraft handeln. Diese haben eine dreijährige Ausbildung hinter sich und sind für die medizinische Versorgung der Bewohner verantwortlich. Die übrigen Kräfte sind meist Pflegehelfer mit einjähriger Ausbildung.

Herr Schmidt*, der Wohnbereichsleiter, erklärt mir die wichtigsten Regeln — etwa die Hände-Desinfektion. „Nach jedem versorgten Bewohner musst du dir die Hände desinfizieren.“ Zudem seien Handschuhe während der Pflege Pflicht.

Neben Herrn Schmidt, der auch Fachkraft ist, sind eine Auszubildende sowie ein Pflegehelfer im Dienst.

Ich begleite Pflegehelfer Max. Vor dem Frühstück waschen wir die Bewohner, reinigen ihr Gebiss, rasieren sie, ziehen sie an und wechseln ihre Pflaster. Geduscht werden die 20 Bewohner einmal pro Woche. Sie leben in sieben Doppel- und sechs Einzelzimmern.

Als Erstes kümmern wir uns um einen dementen, körperlich noch fitten Bewohner. Er wäscht sich selbst, dann zieht der Pflegehelfer ihn an. Von der Unterhose bis zum Pullover. Ich mache das Bett und hole Handtücher. Dann bringe ich den Mann in den Frühstückssaal. Alleine würde er nicht dorthin finden.

Ein infizierter Patient

Wir gehen weiter zu einem bettlägerigen Bewohner. Er ist kaum ansprechbar, durch einen Schlauch fließt bräunlicher Urin in einen Plastikbeutel am Bett. Der Katheter führt aus dem Bauchnabel, die Stelle ist entzündet und mit MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus)-Bakterien infiziert, wie mir Max erklärt. Diese sind resistent gegen die meisten Antibiotika, was es schwieriger macht, durch den Erreger ausgelöste Infektionen zu behandeln.

Nach Angaben des Landeszentrums Gesundheit (LZG) NRW, das als fachliche Leitstelle die Landesregierung und die Kommunen in allen gesundheitlichen Fragen unterstützt, wurden 1456 MRSA-Fälle im Jahr 2012 gemeldet. 2013 waren es 1354, 2014 dann 1204 und 2015 schließlich 1160 Fälle (Stand Februar 2016). Die Zahl der MRSA-Infektionen ist rückläufig, aktuelle Zahlen zu Altenheimen liegen nicht vor. Während Max die Wunde saubermacht und desinfiziert, trägt er Mundschutz und Schürze. Herr Schmidt hatte mir erklärt, dass das bei allen mit MRSA infizierten Bewohnern Pflicht ist. Zudem wird die dreckige Wäsche des Bewohners in einem gesonderten Behälter gesammelt. Trotz der Infektion liegt der Mann in einem Doppelzimmer. Es gibt weitere solcher Fälle in dem Heim.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Melanie Pothmann vom LZG: „Eine Einzelzimmerunterbringung von Bewohnern mit MRSA oder anderen resistenten Erregern ist in Altenpflegeeinrichtungen nach der Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention ,Infektionsprävention in Heimen’ nicht erforderlich.“ Das Robert-Koch-Institut ergänzt, dass mit multiresistenten Keimen infizierte Bewohner ihr Zimmer mit anderen Personen teilen können, wenn bei den anderen keine offenen Wunden, Katheter oder Sonden vorliegen und das Risiko einer Infektion nicht erhöht ist.

Später räumen wir das Zimmer des verstorbenen Bewohners aus. Wir leeren die Schränke. Stopfen Kleidung und angebrochene Kosmetikartikel sowie Kamm, Rasierer und Zahnbürste in Müllsäcke, beziehen das Bett und kleben neue Namensschilder an die Möbel. Obwohl ich den Verstorbenen nicht kannte, fühle ich mich unwohl. Es kommt mir vor, als würde ein ganzes Leben innerhalb weniger Minuten in großen blauen Säcken verschwinden. Ich frage die Kollegen, ob es ihnen auch so geht. „Man gewöhnt sich daran“, antworten sie.

Medikamente vom Pflegehelfer

Während einer Pause stellt Max die Medikamente für die Bewohner zusammen. „Inoffiziell mache ich das oft“, sagt der Helfer. Eigentlich müsse eine Fachkraft diese Aufgabe erledigen. „Fragt die Heimaufsicht nach, hat das natürlich die Fachkraft gemacht.“

Drei Monate später haben wir die Awo-Seniorendienste Niederrhein gGmbH, die für das Heim verantwortlich ist, und das Heim selbst mit den Ergebnissen der Recherche konfrontiert, unter anderem zur Frage der Verteilung der Medikamente sowie den hohen Arbeitsdruck. Peter Herzog, Leiter des Heims, schreibt: „Das Stellen, Verteilen und Verabreichen von Medikamenten ist im Ernst-Gnoß-Haus klar geregelt und ausschließlich Fachkraftaufgabe. Für diese Aufgaben sind zu jeder Tages- und Nachtzeit Fachkräfte im Haus verfügbar. Das Einhalten der gesetzlichen Vorgaben wird kontrolliert und angepasst. Bei festgestellten Abweichungen werden umgehend durch den Einrichtungsleiter Maßnahmen eingeleitet.“

Beim Mittagessen bekommen einige Bewohner pürierte Erbsen, pürierte Schweinelendchen und pürierte Dosenpfirsiche. Einige werden gefüttert. Ich helfe einer Bewohnerin beim Essen, da sie das Besteck kaum halten kann. Die Dame isst alles auf, spricht aber nicht viel. Was sich über die kommenden Tage verändert.

Duschen ohne Pflegekittel

Herr Schmidt und ich duschen nach dem Mittagessen eine Frau. Auch sie ist mit MRSA infiziert. Erkennbar ist es an einem roten Punkt auf dem Türschild. Einen Mundschutz oder eine Schürze trägt Herr Schmidt nicht. „Warum nicht?“, frage ich. Er geht kaum darauf ein. Man könne sich ja auch in der U-Bahn oder an anderen öffentlichen Orten damit anstecken. Die Hände zu desinfizieren sei das Wichtigste. Die Pfleger tun das auch. Gefühlte 30 Mal am Tag.

Pothmann vom LZG dazu: „Bei den Pflegern ist eine gut etablierte und konsequent durchgeführte Basishygiene Grundlage der Infektionsprävention in Altenpflegeeinrichtungen. Die Händehygiene ist die wichtigste Maßnahme der Basishygiene.“ Trotzdem rät das LZG zum Tragen von Schutzkitteln: „Bei Pflegemaßnahmen am Betroffenen sollte das Pflegepersonal einen Schutzkittel tragen.“

Heimleiter Herzog: „Um eine Verbreitung von Keimen so weit wie nur möglich auszuschließen, sind die Beschäftigten im Ernst-Gnoß-Haus angehalten, die Hygienerichtlinien konsequent einzuhalten. Die Umsetzung wird durch ein Qualitätsmanagementsystem und eine Vielzahl flankierender Maßnahmen gestützt und das Einhalten der Richtlinien kontrolliert.“

Die Pfleger gehen gut mit den Pflegebedürftigen um. Sie nehmen sich Zeit, soweit das zu dritt bei 20 Bewohnern möglich ist.

Um 14.30 Uhr ist Feierabend. Der erste Tag war anstrengend. Am nächsten Tag werde ich an meine Grenzen stoßen.


Saskias Erlebnisse an den Tagen zwei bis elf könnt Ihr bei unserem Kooperationspartner Rheinische Post lesen.

Alles zur Pflege findet Ihr auf unserer Themenseite. Das Buch zur Pflege „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“ könnt Ihr in unserem Shop bestellen.

*Die Namen der Mitarbeiter des Awo-Heimes haben wir geändert.