Chemiecocktail aus dem Rhein könnte in Bergbauseen landen
CORRECTIV-Recherchen zu unerforschten Stoffen im Rhein lassen an einem der größten Projekte vom Braunkohleriesen RWE zweifeln. Denn die geplanten Seen könnten mit potentiell gefährlichen Schadstoffen geflutet werden.
Unbekannte Chemikalien im Rhein stellen den Bau eines der größten Pipeline-Projekte Deutschlands infrage: Eine CORRECTIV-Recherche zu rund 30 000 – zum Großteil unerforschten – Schadstoffen im Rhein könnte die Genehmigung der geplanten Tagebau-Flutungen im rheinischen Braunkohlerevier beeinflussen. Die Bezirksregierung Arnsberg kündigte auf Anfrage von CORRECTIV an, sie werde prüfen, diese potentiell giftigen Stoffe bei der ausstehenden Genehmigung zu berücksichtigen. „Voraussichtlich“ würden auch diese Stoffe analysiert.
Anwohnerinnen und Bürgerinitiativen hatten in Reaktion auf die Recherche gefordert, die Pipeline zu stoppen. „Die unbekannten Stoffe stellen eine noch größere Gefahr für das Grundwasser und nachfolgend für unser Trinkwasser dar“, sagt Werner Link, Sprecher des Wasserbündnis Rheinisches Revier.
Das Rheinwasser in den Seen würde über die Uferstreifen versickern, dann durch Sand und Kies wandern, sich mit Grundwasser vermischen und letztendlich über das Uferfiltrat wieder für die Trinkwassergewinnung hochgepumpt. Auf potentiell gefährliche, unbekannte Stoffe wird das Wasser von den Behörden bislang nicht standardmäßig getestet.
CORRECTIV hatte vor wenigen Tagen aufgedeckt, dass der Rhein mit tausenden chemischen Stoffen belastet ist, von denen nur ein Bruchteil reguliert und erforscht ist. Grundlage der Recherche waren Daten der Landesumweltämter aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Zusätzlich nahmen CORRECTIV, CORRECTIV.Schweiz und das niederländische Investigativmedium Pointer drei eigene Wasserproben am Rhein.
Eine davon direkt am Startpunkt der Pipeline in Köln-Leverkusen, kurz hinter dem Chemiepark Currenta. Dort fanden sich Hinweise auf knapp zweihundert unbekannte Substanzen. „Viele der heute unbekannten Stoffe könnten sich bald als toxikologisch bedenklich erweisen“, sagt Werner Brack, Ökotoxikologe am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Brack ist überzeugt: Der Chemiecocktail im Flusswasser kann die menschliche Gesundheit massiv beeinflussen.
Eventuell kann der Cocktail auch die Gesundheit von Anwohnerinnen und Anwohnern rund um die Tagebauen Hambach und Garzweiler schädigen. Die Befürchtung: Das verschmutzte Rheinwasser könnte aus den geplanten Tagebauseen in das umliegende Grundwasser und damit auch in Trinkwasserbrunnen sickern.
Das Mammutprojekt Tagebau-Flutung soll täglich große Mengen Rheinwasser in die Tagebaugebiete pumpen – das kann laut RWE rund 40 Jahre dauern und den Rhein-Pegel um einen Zentimeter absenken. Schon jetzt rollen Züge, um die mehr als 9000 Rohrteile aus der Türkei und Algerien ins Rheinland zu transportieren.

Die Bezirksregierung Arnsberg hat zwar bereits den Bau der sogenannten Rheinwassertransportleitung und die Entnahme des Wassers genehmigt – nicht aber das Fluten der gigantischen Gruben. Dafür braucht es eine weitere Umweltverträglichkeitsprüfung. Dabei soll auch die Wasserqualität erneut geprüft werden. Offen ist bislang, ob die dabei auch die unbekannten und teils unerforschten Substanzen im Rhein berücksichtigen werden.
Offenbar läuft dazu gerade eine Debatte innerhalb der zuständigen Behörden. „Die Liste der zu untersuchenden Stoffe wird gerade in Gremien diskutiert“, schreibt die Bezirksregierung Arnsberg auf Anfrage. Im Verfahren werde geprüft, ob die Pipeline trotz der Schadstoffe genehmigt werden könne. „Der Bau ist nicht nur zu verantworten, er ist ökologisch notwendig“, sagt ein Sprecher des NRW-Umweltministeriums gegenüber CORRECTIV.
Das von dem Grünen Oliver Krischer geführte Ministerium verwies darauf, für den Wasserhaushalt im Rheinischen Revier die Anforderungen verschiedener deutscher und europäischer Richtlinien einzuhalten. Zum Kern unserer Anfrage – ob die tausenden unbekannten Stoffe im Rhein nicht eine besondere Gefahr für die Anwohner darstellen – wollte sich das Ministerium trotz mehrfacher Nachfrage nicht äußern. Viele der nachgewiesenen Substanzen aber sind bislang nicht reguliert – sie werden also nach geltendem Gesetz nicht obligatorisch beachtet.
Rheinwasser soll riesige Löcher füllen
Seit über hundert Jahren wird in Hambach und Garzweiler Braunkohle abgebaut. Damit ist 2030 Schluss. Was bleibt, sind riesige Löcher in der Landschaft, die sich mehrere tausend Hektar erstrecken und bis zu 400 Meter tief gegraben worden sind. Diese will RWE nach dem Ende des Bergbaus mit Rheinwasser fluten.
Es sollen Tagebauseen entstehen, die Erholung bieten und zugleich den Grundwasserhaushalt stabilisieren sollen. Denn für den Braunkohleabbau wurde der Grundwasserspiegel großflächig abgesenkt, um die Gruben trocken zu halten.
Auf natürlichem Weg würde das Grundwasser nur langsam wieder steigen. Dabei sollen die künstlichen Seen helfen. Soweit der Plan. Aber was passiert mit den unbekannten Stoffen im Rheinwasser? Die Sorge: Sie könnten ungefiltert in das Grundwasser und damit auch ins Trinkwasser gelangen.
RWE hält Rheinwasser für sauber
RWE bewertet das Rheinwasser hingegen als sauber und gut geeignet für das Vorhaben. Auf die Frage, ob bei der Qualitätsbeurteilung des Wassers auch die unbekannten und unregulierten Stoffe beachtet wurden, antwortet ein Sprecher von RWE nur ausweichend: „Die abschließende Bewertung der Qualität des Seewassers wird in den nun hierfür folgenden wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren geregelt.“
Das Wasserbündnis Rheinisches Revier bezeichnet das Vorgehen von RWE als „Salami-Taktik“: Erst würde der Konzern Fakten durch Teilgenehmigungen schaffen und anschließend von Sachzwängen reden, so die Bürgerinitiative. Ihr Sprecher weist darauf hin, dass die Einleitung nach geltendem EU-Recht, der Wasserrahmenrichtlinie, nicht erlaubt werden dürfe. Denn sie werde die Qualität des Wassers in der Umgebung des Tagebaus verschlechtern.
Gibt es Alternativen zur Flutung?
Zwar kritisieren auch die Naturschutzverbände BUND, Nabu und die Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt Nordrhein-Westfalen die geplante Flutung der Tagebauseen – allerdings sehen die Verbände keine Alternative, mit der sich der Wasserhaushalt im Rheinischen Revier wieder in einen naturnahen Zustand bringen ließe.
In einem gemeinsamen Schreiben an die Bezirksregierung Arnsberg aus dem August 2024 hatten die Naturschutzverbände den Startpunkt der Pipeline bemängelt: Das Rheinwasser sei in Köln-Leverkusen mit besonders hohen Konzentrationen von Schadstoffen aus der Industrie belastet. „Ein ungünstigerer Entnahmestandort für die Transportleitung hätte schwerlich gefunden werden können“, heißt es weiter.
Die Naturschutzverbände fordern daher, das Rheinwasser besser aufzubereiten. „Das Vorsorgeprinzip erfordert es, nur solches Wasser ins Grundwasser einzuleiten, das Trinkwasserqualität hat.“
Bei Niedrigwasser wird der Chemiecocktail noch giftiger
Im brandenburgischen Kohlerevier der Lausitz stand der Konzern Leag vor dem gleichen Problem, wie CORRECTIV 2023 berichtete. Auch dort ist das Wasser massiv mit Schadstoffen belastet, in diesem Fall allerdings vom Bergbau selbst.
Die Entscheidung darüber, welche Wasserqualität die Pipeline im Rheinland sicherstellen muss, wird sich über Jahrzehnte auf die ganze Region auswirken. Sollte der Rhein aufgrund des Klimawandels zeitweise deutlich weniger Wasser führen, könnte es noch länger als 40 Jahre dauern, die geplanten Mengen umzuleiten. Bei Niedrigwasser verschärft sich außerdem die Gefahr, die von den Schadstoffen ausgehen könnte: Der Chemiecocktail wird weniger verdünnt – und dadurch potentiell noch giftiger.
Redaktion: Marius Münstermann, Justus von Daniels
Faktencheck: Marius Münstermann