Klimawandel

Sind wir gerettet?

Das Paris-Abkommen ist ein Meilenstein – aber nur, weil sich erstmals alle Länder der Welt gemeinsam zum Klimaschutz bekannt haben. Nicht, weil der Vertrag die Erderwärmung wirksam aufhalten wird. Die im Abkommen formulierten Ziele sind wachsweich

von Annika Joeres

© Paris marches for climate justice as COP21 concludes von Takver unter Lizenz CC BY-SA 2.0

Die kleine stämmige Frau von der Pazifikinsel trug auf der Pariser Klimakonferenz Gummistiefel. Feuerrote Stiefel, um allen zu zeigen, dass Kiribati, ihre Heimat, im Meer zu versinken droht. Während der letzten Trockenzeit sei ihre Bamsbushütte mehrfach unter Wasser gesetzt worden, erzählte sie, heftig anrollende Wellen hätten ihre Kokospalmen entwurzelt. Auf einem Holztisch zeigte sie den Delegierten bedrückende Fotos. Bis 2050, so die Prognose, könnten Teile von Kiribati im Meer versinken.

Und dann wurde wenige Tage später, unweit von ihrem Tischchen, von 195 Staaten einstimmig das „Paris-Abkommen“ beschlossen, eine Vereinbarung zur Minderung von klimaschädlichen Treibhausgasen. Wird es ihre Heimat vor dem Untergang bewahren?

Tränen der Freude

Laurent Fabius jedenfalls, französischer Außenminister und Präsident der Klimakonferenz, vergoss Tränen der Freude, als er mit einem Holzhammer auf sein Pult haute und das „agreement“ für verabschiedet erklärte. Die Tränen waren echt. Denn in gewisser Weise war die Konferenz ja ein Erfolg. Weil tatsächlich zum ersten Mal alle Staaten der Welt anerkennen, dass sich das Klima menschengemacht wandelt. Weil sie sich zum ersten Mal in der Geschichte gemeinsam engagieren, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren, um die Erwärmung bestenfalls auf 1,5 Grad zu begrenzen. Weil die Länder alle fünf Jahre neue Ziele vorlegen müssen und diese immer anspruchsvoller werden.

Und so begrüßten viele wissenschaftliche Institute und Nichtregierungsorganisationen das Paris-Abkommen. Vom klimaschädlichen Öl abhängige Staaten wie Venezuela und Saudi-Arabien, von der Gletscherschmelze bedrohte Länder wie Bangladesch und industrielle Länder wie die der Europäischen Union einig an einem Tisch zu versammeln, ist unbestritten ein historischer Moment und eine Freudenträne wert.

Wobei die entscheidende Frage bleibt: Beschert uns der Vertrag von Paris eine bessere Zukunft? Verhindert er, dass wir künftig in unseren Häusern von übertretenden Flüssen überschwemmt werden? Dass unsere Felder von monatelanger Hitze versengt werden?

Gute Absichten, nichts Konkretes

Nein, das tut dieser Vertrag nicht. Er ist weich wie Wachs, das zu lange in der Sonne gelegen hat. Denn die Unterzeichner willigen lediglich ein, ihre Emissionen „sobald wie möglich“ zu begrenzen. Geben aber weder eine Deadline noch eine genaue, nachvollziehbare Zahl an Einsparungen an.

Dabei ist dies der Dreh- und Angelpunkt für den Klimaschutz: Um die Aufheizung der Erde auf 2 Grad zu begrenzen, müssten wir alle unsere klimaschädlichen Emissionen um 70 bis 95 Prozent bis 2050 reduzieren. Wissenschaftler aus aller Welt sind sich hierin erstaunlich einig. Aber genau diese Zusagen fehlen. Die Diskrepanz zwischen Überzeugung und Handlung ist enorm.

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Du musst dein Leben ändern

Die Pariser Delegierten wollten nicht festschreiben, dass sich unser bisheriges Leben drastisch ändern muss, wenn wir das  Zwei-Grad-Ziel ernst nehmen wollen. 70 Prozent weniger Auto fahren zum Beispiel, 70 Prozent weniger Energie aus Kohle nutzen, 70 Prozent weniger Flüge buchen, und auch unsere Lebensmittel müssten mit 70 Prozent weniger Transportkilometern und Pestiziden auskommen, genauso wie wir 70 Prozent weniger Fleisch essen dürfen. Den technischen Wandel nicht eingerechnet – es ist ja nicht ausgeschlossen, dass schon in naher Zukunft eine ganz neue Art von Energie zur Verfügung steht.

Wobei es ja nicht nur ein Verzicht ist, dieses Weniger an Klimagasen – gleichzeitig hätte die UNO ja eine positive Vision entwerfen können, dass weniger auch mehr heißen kann. Denn weniger Autos bedeuten auch weniger Lärm, weniger Kohle bedeutet bessere Luft, weniger Pestizide bedeuten gesündere Lebensmittel.

Realistisch: 3 Grad Erwärmung

Waren die Staaten, die sich vor 20 Jahren auf das Kyoto-Protokoll geeinigt haben, noch die klimapolitische Avantgarde, hinkt der Vertrag heute hinter den wissenschaftlichen Erkenntnissen hinterher. Alle Vorschläge der jeweiligen Länder, genannt INDCs, zusammengerechnet ergeben noch immer so viel Emissionen, dass es am Ende des Jahrhunderts drei Grad heißer wird. Also um doppelt so viel, wie die internationale Gemeinschaft gerade fest geschrieben hat.

Drei Grad beinhalten unkalkulierbare Risiken, denen mit Gummistiefeln nicht mehr beizukommen ist. So werden Menschen am Mittelmeer so stickig-heiße Luft einatmen wie bislang nur in afrikanischen Regionen, werden die Menschen in Flensburg und München wohl regelmäßig von Starkregen und Dürren heimgesucht werden.

„Beabsichten“ statt „sollten“

Einige widersprüchliche Fortschritte enthält der Text dennoch. Zum ersten Mal verpflichtet das Abkommen alle Länder zur „Bewahrung und Erweiterung“ von Wäldern, weil diese der Atmosphäre Treibhausgase entziehen können. Zudem erkennen die Staaten an, dass sie sich für „loss and damage“, also Verluste und Schäden in gefährdeten Nationen verantwortlich zeigen müssen. Wobei jenen Ländern kein Recht zugestanden wird, Entschädigungen einzuklagen. Und jene 100 Milliarden Dollar an Entschädigungsleistungen, die die Industrieländer den ärmeren Staaten ab 2020 versprochen haben, dürften nach wenigen Überschwemmungen und Wirbelstürmen aufgebraucht sein. Auch der Satz, die Industriestaaten „should/sollten“ ihre Emissionen reduzieren, wurde in allerletzter Minute zum viel weicheren „shall/beabsichtigen“ umgemünzt.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon brachte die Kompromiss-Linie am sechsten Tag der Konferenz auf den Punkt: „Das Bessere ist der Feind des Guten. Wir leben nicht in einer idealen Welt.“ Und daher versucht der Präsident Kiribatis bereits, neues Land auf den Fidschi-Inseln zu kaufen. Auf die Erfolge des Klimaabkommens kann er nicht warten.