Bestechungsvorwürfe

Bestechungsvorwürfe: SAP soll in Südafrika Einnahmen zurückgeben

Als ein kriminelles Netzwerk südafrikanische Staatsfirmen plünderte, zeigten deutsche Konzerne wenig Berührungsängste. Auch der Softwarehersteller SAP soll Bestechung eingesetzt haben, um an Aufträge zu kommen. Interne Warnungen ignorierte der Konzern. Ermittler in Südafrika fordern nun Geld zurück.

von Frederik Richter

Logo SAP, Softwareunternehmen, an einem Schaufenster, Rosenthaler Str., Berlin, Deutschland, Europa
SAP ist einer von mehreren deutschen Konzernen, die in Südafrika in politische Korruption verstrickt waren. Jetzt soll der Softwarehersteller Einnahmen zurückgeben. (Foto: Siegra Asmoel / picture alliance / imageBROKER)

Die Aufarbeitung eines der größten Polit-Skandale in Afrika zeigte vor einigen Tagen erneut, wie tief die deutsche Wirtschaft in Bestechungsfälle verstrickt gewesen ist.

So teilten südafrikanische Ermittler mit, dass sie von dem Softwarehersteller SAP die Rückzahlung von 55 Millionen Euro verlangen. Das Geld hatte SAP von dem südafrikanischen Energieversorger Eskom für Softwarelizenzen und Dienstleistungen erhalten.

Eskom hatte SAP 2016 den Auftrag erteilt. Im gleichen Zeitraum zahlte SAP umgerechnet etwa vier Millionen Euro an eine unscheinbare südafrikanische Firma namens CAD, die dem deutschen Softwarehersteller als Vertriebspartner dabei helfen sollte, den Auftrag von Eskom zu gewinnen. Die südafrikanische Ermittlungsbehörde SIU betrachtet diese Zahlung als Schmiergeldzahlung.

Südafrikanische Ermittler werfen SAP Bestechung vor

„Ganz einfach ausgedrückt, zahlte SAP Bestechungsgeld an die Guptas, via CAD, um einen lukrativen Vertrag von Eskom zu erhalten“, heißt es in einem Dokument der südafrikanischen Justiz von Anfang des Monats, das CORRECTIV einsehen konnte.

Gupta – das ist ein Name, der für einen der größten Polit-Skandale Afrikas steht. Die Gupta-Brüder, drei aus Indien stammende Geschäftsleute, standen jahrelang im Mittelpunkt eines kriminellen Netzwerks, das vor allem während der Präsidentschaft des ANC-Politikers Jacob Zuma südafrikanische Staatsunternehmen aussaugte.

Wer Aufträge von Staatskonzernen wie dem Versorger Eskom oder der Eisenbahn Transnet außerhalb offizieller Wege erhalten wollte, zahlte zur Tarnung Gelder an ein Firmengeflecht unter Kontrolle der Guptas. Diese nutzten die Gelder dann, um ANC-Politiker und hochrangige Manager der südafrikanischen Staatswirtschaft in ihrem Sinne zu beeinflussen. In vielen Fällen mussten die Firmen, die Aufträge erhielten, die Leistungen nicht einmal vollständig erbringen. Im März 2022 hat sich SAP bereits mit Ermittlungsbehörden darauf verständigt, etwa 23 Millionen Euro im Zusammenhang mit Aufträgen staatlicher Wasserbehörden zurückzuzahlen.

SAP in Südafrika: Seltsame Zahlungswege

Spätestens im Jahr 2015 war der fragwürdige Einfluss der Guptas auf die damalige Regierung Thema in der südafrikanischen Öffentlichkeit. Trotzdem schloss SAP noch im August 2015 eine Vertriebsvereinbarung mit CAD, einem unscheinbaren Hersteller von 3D-Druckern. CAD sollte dabei helfen, einen bestehenden SAP-Vertrag mit dem Energieversorger Eskom vorzeitig zu verlängern. SAP wählte eine Firma, die zur Hälfte einem Geschäftsmann gehörte, den die Guptas in das Unternehmen geschickt hatten.

Unterlagen, in die CORRECTIV Einblick hatte, legen den Schluss nahe, dass SAP wusste, mit wem es der Konzern zu tun hatte – und die Geschäfte trotzdem weiter betrieb.

Denn damit die Nähe zu den Guptas nicht ganz so unauffällig war, wurde der SAP-Partner CAD im April 2016 verkauft. Eine Compliance-Mitarbeiterin von SAP Südafrika wandte sich im September 2016 an die globale Compliance-Beauftragte von SAP. Dabei wies sie auf den Gupta-Skandal hin und auch auf die Möglichkeit, dass die Guptas weiterhin aus dem Hintergrund bei CAD ihre Finger im Spiel hatten – schließlich war der neue Manager der Bruder einer Schlüsselfigur in anderen Gupta-Firmen.

Dennoch genehmigte das SAP-Hauptquartier die Vereinbarung mit CAD. „Exzellente Arbeit, es sieht so aus, dass alle Schritte unternommen sind, um die bestmögliche Validierung durchzuführen. Ich genehmige die Fortsetzung der Partnerschaften“, antwortete die globale Compliance-Chefin von SAP am 11. September 2016 in einer E-Mail. Über diese internen SAP-Warnungen berichtete bereits das südafrikanische Investigativ-Zentrum amaBhungane.

Am 1. Dezember 2016 stellte SAP eine Rechnung über 28 Millionen Euro an Eskom für Softwarelizenzen. Am 28. Dezember flossen dann die Gelder an CAD.

„SAP kooperiert weiterhin uneingeschränkt mit der SIU und anderen Behörden bei der laufenden Überprüfung von Eskom-Verträgen, die bis ins Jahr 2016 zurückreichen“, teilte der Softwarekonzern auf Anfrage von CORRECTIV mit. Eskom nutze weiterhin SAP-Produkte. „Wir sind sehr stolz darauf, Eskom dabei zu unterstützen, seinen Auftrag für die Menschen in Südafrika zu erfüllen.“

Vorwürfe auch gegen die Telekom wegen Bestechung in Südafrika

Das frühere Wegschauen von SAP ähnelt dabei dem Vorgehen der Deutschen Telekom in Südafrika. 2015 führte der Konzern eine interne Untersuchung der Geschäftspraxis der Telekom-Tochter T-Systems in Südafrika durch, wie CORRECTIV und Welt am Sonntag jüngst aufdeckten. Laut dem Untersuchungsbericht vom 24. Juni 2015 war sich der Konzern darüber im Klaren, dass diese gegen die eigenen Compliance-Regeln verstieß. Doch auch nach dem Bericht flossen weiter Telekom-Gelder an das Umfeld eines Gupta-Vertreters. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat wegen der Zahlungen vor einigen Monaten Ermittlungen eingeleitet.

In Südafrika hat eine Untersuchungskommission, die sogenannte Zondo-Kommission, seit 2018 den Gupta-Skandal aufgearbeitet. In diesem Jahr legte sie ihren Abschlussbericht vor. Laut Unterlagen der Kommission erhielt T-Systems von 2010 bis 2019 für Aufträge über 700 Millionen Euro von dem Energieversorger Eskom sowie der Eisenbahngesellschaft Transnet. Das soll ein Fünftel aller Ausgaben südafrikanischer Staatsunternehmen sein, die unter dem Einfluss der Guptas standen. T-Systems wäre damit einer der größten Profiteure des Skandals. Nur chinesische Unternehmen langten demnach noch kräftiger zu.

Neben Telekom und SAP sollen weitere deutsche Firmen in den Skandal involviert sein. So geht die Staatsanwaltschaft Mannheim dem Verdacht nach, dass Beschäftigte der deutschen Tochter des Schweizer Anlagenbauers ABB Schmiergeldzahlungen an einen früheren Eskom-Chef einsetzten, um Aufträge im Zusammenhang mit dem Bau eines Kohlekraftwerks in Südafrika zu erhalten.

Aus Unterlagen, in die CORRECTIV Einsicht hatte, geht zudem hervor, dass auch der deutsche Konzern Software AG im Jahr 2015 zwei kleinere Zahlungen von zusammen etwa 400.000 Euro an eine Gupta-nahe Firma namens Global Softech Solutions leistete. Der Konzern teilte dazu mit, dass eine interne Untersuchung nach Bekanntwerden der Vorwürfe keine Hinweise auf Bestechung ergeben habe.

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