„Eigentlich haben wir hier ein staatliches System der Schutzgelderpressung“, sagt Boris Titow, der Unternehmerbeauftragte des russischen Präsidenten 2011 in einer russische Zeitung. Er wurde ernannt im kurzen russischen Frühling unter Zwischen-Präsident Medwedew. Er nennt noch eine Zahl: Dass jährlich rund 70.000 Unternehmen Opfer von „Raids“ werden.
Ein „Raid“, darunter versteht man in Russland die gewaltsame Übernahme einer Firma durch maskierte Männer. Häufig wird die Übernahme mittels gefälschter Verträge begründet. Oder mittels konstruierter Rechtsverstöße. Die rechtmäßigen Besitzer landen im Gefängnis, und am Ende erkennen korrupte Justizbeamte die gefälschten Verträge als echt an. Das Management von Hewlett-Packard kannte die Gefahr, Opfer eines Raids zu werden. In dem Landesgericht in Leipzig liegt eine Anklageschrift, die detailreich Korruptionsgelder auflistet, die nach einem Geschäftsabschluss des amerikanischen Computerriesen mit der russischen Generalstaatsanwaltschaft ab 2004 an russische Beamten geflossen sein sollen. Auch Geheimdienstmitarbeiter und Staatsanwälte wurden bedacht. Nach Erkenntnissen deutscher Ermittler gerieten auch HP-Partnerfirmen in Russland ins Visier des russischen Geheimdienstes.
Erst als HP Schmiergeld an den Geheimdienst gezahlt hatte, konnten sich die Firmen halbwegs sicher fühlen. Es war, so gesehen, eine Art Schutzgeld. Der Pressesprecher von HP wollte sich auf Anfrage von CORRECTIV zu dem Fall nicht äussern, da man sich in einem laufenden Verfahren befinde. Das Landgericht Leipzig muss noch entscheiden, ob es die Anklage der Staatsanwaltschaft zulässt. In den USA dagegen wurde HP bereits 2014 der Korruption bei diesem Geschäft in Russland für schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe verurteilt.
Nur noch 17 Stunden – dann endet unsere größte Spendenaktion des Jahres.
Im Vergleich zum Vorjahr fehlen uns aktuell noch 40.000 Euro. Fehlen uns diese Einnahmen, dann können wir eventuell einige wichtige Recherchen im kommenden Jahr nicht umsetzen. Wir finanzieren unsere Recherchen aus Spenden. Ohne Verlag, Werbung oder Investoren. Das Geld aus dieser Aktion sichert, dass unsere Redaktion im kommenden Jahr recherchieren und berichten kann. Wenn Sie können: Bitte übernehmen Sie eine der fehlenden Spenden und helfen Sie, unsere Redaktion für das kommende Jahr zu sichern.
Ein anderer Fall dieser Raids hat es in Deutschland zu einiger Prominenz gebracht: Franz Sedelmayer, einem bayerischen Geschäftsmann, gelang es als einem der ganz wenigen, sich erfolgreich gegen einen „Raid“ zu wehren. Sedelmayer hatte sich Mitte der 1990er Jahre geweigert, Schutzgeld zu zahlen, und verlor daraufhin seine Firma in St. Peterburg.
20 Jahre lang kämpfte er vor Gerichten in Schweden und Deutschland um sein Recht – und um eine Entschädigung. Einmal tauchte er mit einem Gerichtsvollzieher auf einer Berliner Flugshow auf, um eine Aeroflot-Maschine pfänden zu lassen. Die russischen Piloten konnten mit einem vorzeitigen Start die Flugzeuge vor dem Zugriff retten. Am Ende ließ er das Gebäude der ehemalige russischen Handelskammer in Köln – früher ein wichtiger Stützpunkt des KGB – zu seinen Gunsten versteigern. Sedelmayer erhielt rund 5 Millionen Euro.
Geschäftsleute aus dem Ausland können das Land zur Not immerhin verlassen. Russischen Geschäftleuten droht dagegen die vollständige Vernichtung. Nicht nur, dass sie ihr Hab und Gut verlieren, sie müssen auch damit rechnen, in Untersuchungshaft zu kommen. Im Gefängnis sind sie der Gewalt ihrer Mithäftlinge schutzlos preisgegeben.
Immerhin das versuchte der russische Übergangspräsident Dimitrij Medwedjew zu ändern, alarmiert von den erschreckenden Zahlen. 2011 wurde gesetzlich verankert, dass Menschen bei Wirtschaftsdelikten nicht mehr in Untersuchungshaft kommen dürfen.
Doch seither hat sich wenig verbessert. Andreij Yakovlev von dem Moskauer Institut für Industrie und Marktstudien kam in einer Studie im Oktober 2014 zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Reformbemühungen würden keineswegs nur von kleineren Beamten ausgebremst. Vor allem die leitenden Beamten der Staatsorgane hielten an der sowjetischen Ideologie fest, jede Art von Unternehmertum zu bekämpfen. Allen voran die Generalstaatsanwaltschaft und der Geheimdienst FSB. CORRECTIV hat das russische Präsidialamt, den FSB und die russische Generalstaatsanwalt zu den Vorwürfen befragt. Bis zur Veröfftentlichung sind keine Antworten eingegangen.
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns, damit wir mehr solcher Recherchen leisten können. Werden Sie Mitglied von CORRECTIV.
Putin-Woche bei CORRECTIV. Dies ist der dritte Text in der Recherchereihe. Alle Texte:
Textchef: Ariel Hauptmeier
Veröffentlicht in Kooperation mit RTL und Mediapart.
Nur noch wenige Stunden – dann endet unsere größte Spendenaktion des Jahres.
Im Vergleich zum Vorjahr liegen wir zurück. Fehlen uns diese Einnahmen, dann können wir eventuell einige wichtige Recherchen im kommenden Jahr nicht umsetzen. Wir finanzieren unsere Recherchen aus Spenden. Ohne Verlag, Werbung oder Investoren. Das Geld aus dieser Aktion sichert, dass unsere Redaktion im kommenden Jahr recherchieren und berichten kann. Wenn Sie können: Bitte übernehmen Sie eine der fehlenden Spenden und helfen Sie, unsere Redaktion für das kommende Jahr zu sichern.
Was uns in diesen Tagen besonders bewegt, sind die Stimmen der Menschen, die uns bisher unterstützt haben. Sie zeigen, was vielen Menschen unsere Arbeit bedeutet und warum jetzt jede Spende zählt:
➡️ „in einer Medienwelt voller Falschinformationen, Verschwörungsmythen und Populismus sind Fakten und Wahrheit das einzige Bollwerk gegen Autokratie und Diktatur.“
➡️ „Weil investigativer Journalismus und Faktenchecks die Grundlage für echte und gesunde Meinungsbildung ist.“
➡️ „unabhängiger Journalismus war noch nie so wichtig wie heute!“
Diese Stimmen zeigen, dass unsere Arbeit wirkt. Möglich ist sie aber nur, wenn jetzt viele mitziehen. Mit Ihrer Spende decken wir Desinformation und Machtmissbrauch auf. Sie bringt unsere Faktenchecks und Recherchen zu Tausenden Menschen und hilft, unsere Medienbildung für Jung und Alt auszubauen.
Noch wenige Stunden verbleiben. Jede Spende in den letzten Momenten entscheidet darüber, welche Recherchen wir im kommenden Jahr angehen können. Schon 3, 5, 10 Euro helfen. Seien Sie dabei!