System Putin

Unter Spionen

Einer der Hauptverdächtigen im HP-Korruptionsskandal ist der Deutsche Hilmar L., der Ende 2009 in Untersuchungshaft kommt - und beharrlich schweigt.

von David Crawford , Marcus Bensmann

© Nick Böse

Hilmar L. ist nicht einer jener Stasi-IMs, die sich durch einen dummen Zufall mit dem DDR-Geheimdienst einließen und das später bereuten. Hilmar L. hat, was man aus Stasiakten weiß, aus vollem Herzen gespitzelt.

1980 treten zwei Stasi-Offiziere an ihn heran, um seine Bereitschaft zu einer geheimen Zusammenarbeit auszuloten. L. zeigt „ein aufgeschlossenes, z.T. interessiertes Verhalten gegenüber allen an ihn herangetragene Probleme“, so steht es in seiner 750 Seiten dicken Stasi-Akte. „Er äußerte sogar Verwunderung, dass das MfS nicht früher Kontakt mit ihm aufgenommen habe.“

Fast zehn Jahre lang, bis zum Zusammenbruch der DDR, bleibt L. dem Geheimdienst treu ergeben. Er wird – unter dem Tarnnamen „Wolfgang Bley“ – nicht nur eingesetzt, um seine Kollegen im Zentralinstitut für Astrophysik in Babelsberg zu überwachen. Er soll auch mögliche Agenten im Ausland rekrutieren und Informationen über Wissenschaftler sammeln, die sich in den Westen abgesetzt haben.

Im August 1980 schreibt L. an seinen Führungsoffizier: „Über diese Zusammenarbeit werde ich Dritten gegenüber strenges Stillschweigen bewahren. Ich wurde mit Grundregeln der Konspiration vertraut gemacht.“

Wenig später wird seine Loyalität mit einem gefälschten Brief aus West-Berlin auf Probe gestellt — L. besteht die Probe. 1985 zeichnet ihn sein Stasivorgesetzter für seine erfolgreiche Arbeit aus und schenkt ihm einen Fotoapparat im Wert von 778,50 Ost-Mark. Reist er ins westliche Ausland, zahlt ihm die Stasi 100 West-Mark als Spesenpauschale.

Am 21. Januar 1986 wird „Wolfgang Bley“ wegen seiner guten Arbeit sogar zum IMB befördert zum „informellen Mitarbeiter mit Feindberührung“.

Tatsächlich sieht er überall Feinde: Einen Professor in Italien, der großzügig L.s Reisekosten übernommen hat, beschreibt er als möglichen Anwerber feindlicher Gegenspione.

Sogar seine Vorgesetzten bei der Stasi hintergeht er. In Bonn kopiert er eine 50-seitige Gedenkschrift über Astronomie in der BRD und einen Bericht über die Strategic Defense Initiative, mit der sich die USA gegen Atomraketen abschotten wollen. Beide Dokumente sind alles andere als geheim: Sie liegen aus in der öffentlichen Bibliothek der Bonner Sternwarte. Die Papiere verliert Hilmar L. auf dem Heimweg – und tischt seinem Agentenführer später glaubhaft die Geschichte auf, das konspirative Material sei ihm von der gegnerischen Abwehr aus seinem Gepäck gestohlen worden

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Die Wendejahre übersteht Hilmar L. glänzend. Er macht Karriere im IT-Bereich. 1996 ging er zu Hewlett-Packard Russland und stieg zu einem der leitenden Manager von Hewlett-Packard in Russland auf. Später fädelt er maßgeblich das Schmiergeldgeschäft mit der russischen Generalstaatsanwaltschaft mit ein.

Weiß der russische Geheimdienst FSB von seiner Stasi-Vergangenheit? Das ist gut möglich. Der FSB besitzt zahlreiche Stasi-Akten und kennt das Agentennetz.

CORRECTIV hat das russische Präsdialamt und Hilmar L. zu den Vorwürfen befragt. Aus Moskau kam keine Antwort, aber Hilmar L.s Anwalt erklärt telefonisch, dass sich sein Mandant nicht zu der Sache äußern werde.

Umgekehrt weiß der ehemalige Stasi-Agent Hilmar L. um die Macht der Spione. Er betont – laut den deutschen Ermittlern – gegenüber dem HP-Mutterhaus, dass neben der Generalstaatsanwaltschaft auch Mitarbeiter des FSB bedacht werden müssten. Andernfalls sei das Geschäft nicht zu machen. Später, in seiner Vernehmung durch deutsche Staatsanwälte, leugnet Hilmar L., diese Behauptungen gemacht zu haben.

2009 kehrt Hilmar L. nach Deutschland zurück.

Da sind die Ermittlungen im HP-Korruptionsskandal bereits in vollem Gang. Am 2. Dezember 2009 wird L. verhaftet, zusammen mit zwei weiteren ehemaligen Hewlett-Packard-Managern, und wird in Leipzig in Untersuchungshaft genommen. Die beiden Kollegen sind kurz nach Weihnachten wieder auf freiem Fuß, sie haben sich der Staatsanwaltschaft gegenüber bereit erklärt, in dem Fall auszusagen.

Hilmar L. aber schweigt. 16 Wochen lang, bis zum 25. März 2010. Da zahlt er 350.000 Euro Kaution und wird daraufhin auf freien Fuß gesetzt.

Wie schrieb er doch einst an seinen Stasi-Führungsoffizier? „Ich wurde mit Grundregeln der Konspiration vertraut gemacht.“

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