Spielerberater im Fußball: Macht, Geld und Gewalt

Das Image von Profifußballern muss sauber sein, davon hängt ein Milliardengeschäft ab. Frauen, die Vorwürfe von Gewalt und Machtmissbrauch erheben, können zum Risikofaktor werden. Einblicke in ein verschlossenes System, in dem Vereinsmanager, Berater und Anwälte Probleme diskret beseitigen.

11. November 2022

Da hat ein Mann ein Problem, eine Frau ist schwanger, und er will nichts mehr von ihr wissen. Nun wird die Sache für ihn riskant: Er ist Fußballprofi, ein bekannter Name, also nicht irgendwer. Wenn es hart auf hart kommt, könnte sie an die Öffentlichkeit gehen.

„Ich hoffe, sie macht nichts, sonst mach’ ich sie kaputt“, schreibt er in einer Textnachricht an eine Person in seinem privaten Umfeld. Diese versucht, auf ihn einzuwirken: „Wirst du nicht. Du wirst es ehrenvoll ertragen wie ein Mann. Und Schaden begrenzen.“

Der Nachrichtenverlauf liegt CORRECTIV vor. Der Spieler geht darin seine Optionen durch, offenbar hatte er zunächst einen Plan, die Frau zu einer Abtreibung zu bewegen. Daraus wurde nichts. Und nun? Kurz wirkt der Spieler ratlos, dann schreibt er: „Ich rede mit Roger und den Anwälten.“

Roger, das ist offenbar Roger Wittmann, sein Berater. Wittmann gilt im deutschen Profifußball als mächtiger Akteur, manche, mit denen CORRECTIV sprach, sagen: ein „gefürchteter“ – und offenbar der Mann, von dem sich der Fußballer eine Lösung erhofft.

Wittmann lässt auf Anfrage hierzu seine Anwältin mitteilen, er mische sich grundsätzlich nicht in das Privatleben von Spielern ein. Auf konkrete Bitten hin spreche er den in dem angefragten Bereich tätigen Beratern allenfalls Empfehlungen aus. Die Anwältin geht nicht auf jede Frage ein und weist Vorwürfe pauschal zurück. Die übermittelten Fragen zeigten, schreibt sie, dass CORRECTIV von falschen Sachverhalten ausgehe.

Der Spieler selbst äußert sich nicht zu dem Chatverlauf. Seine Anwältin schreibt, die Darstellung träfe in wesentlichen Teilen nicht zu und entbehre jeglicher Grundlage, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Die betroffene Frau sprach nicht mit CORRECTIV.

Ein System, das Profifußballer und ihr Image schützt

Der Nachrichtenwechsel deutet an, welche Mechanismen greifen können, wenn Frauen von Fußballprofis sich für die Männer als unbequem erweisen. Eine Recherche von CORRECTIV und Süddeutscher Zeitung (SZ) deckte im Oktober auf, wie einige Spieler ihre Ex-Partnerinnen zum Schweigen bringen, unter anderem, um Hinweise auf physische und psychische Gewalt zu vertuschen. Bei den Vorwürfen geht es unter anderem um Schläge, Tritte, Psychoterror. Die Frauen beschreiben ein System, das die Männer und ihr Image schützt und die Frauen subtil kaltstellt.

Nun liegen neue Hinweise vor, die aufzeigen, welche Rolle Geschäftsmänner im Hintergrund spielen, um Fußballer vor Vorwürfen abzuschirmen. Aus den Aussagen betroffener Frauen sowie von Branchenkennern, Sportmarketing-Fachleuten und früheren Mitarbeitern in Beraterfirmen entsteht das Bild eines Machtapparats, der die Männer nicht nur stützt, sondern Probleme diskret beseitigt. All das ist nicht illegal. Für Berater ist die Rückendeckung für den Spieler in brenzligen Situationen Teil ihres Jobs.

Nach Recherchen von CORRECTIV gilt der Markt für Profispieler generell als knallhart, manche sagen: ein „Haifischbecken“. Auch das ZDF Magazin Royale berichtet in dieser Woche darüber, wie Berater wie Wittmann Einfluss auf die Geschicke vielversprechender Fußballer nehmen. Auch Menschen, die selbst in dem Bereich gearbeitet haben oder es aktuell noch tun, kritisieren die Rücksichtslosigkeit und Profitgier der Branche.

Milliardenumsätze und alte Weltbilder im Profifußball

Die Erlöse im Fußball explodieren seit einigen Jahren. Für die Vor-Corona-Saison 2018/19 meldeten die Bundesligaclubs Rekordumsätze von insgesamt über vier Milliarden Euro – doppelt so viel wie noch 2010. „Beim Fußball geht es inzwischen um weit mehr als nur um den Sport – es geht um sehr viel Geld. Vereine sind zu millionenschweren Wirtschaftsunternehmen avanciert, es fließen unvorstellbare Summen für Medienrechte“, sagt ein Sportwissenschaftler, der seit knapp 20 Jahren in verschiedenen Positionen im Sport- und Fußball-Business arbeitet. „Das hat sich in den letzten Jahren gedreht.“

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Vom Image der Fußballer hängt eine Milliardenindustrie ab, an dem nicht nur Vereine, Manager und Berater verdienen, sondern auch Marketingfirmen, Sponsoren, Verbände, Medien und Sportrechteagenturen. Das Bild der Spieler in der Öffentlichkeit habe daher Priorität, sagt der Experte: „Die Vereine präsentieren ja ein Bild von sich, das traditionellen Werten entspricht, um sich vermarkten zu können und Sponsoren zu finden.“

Es herrsche ein Weltbild, das in fast allen anderen Bereichen als überkommen gilt: Homosexualität sei dort noch ein Tabu. Affären sorgten für Unruhe, „auf dem Platz und in der Kabine“, Skandale schadeten dem Ansehen der ganzen Mannschaft und „dann hat man schwups eine richtige Krise.“ Natürlich, sagt er, sei es daher „nicht im Interesse der Vereine, wenn bestimmte Geschichten an die Öffentlichkeit kommen.“

Berater taucht als möglicher Problemlöser in Chatnachrichten auf

Vorwürfe gegen einen Profispieler gefährden also nicht nur dessen Karriere, sondern auch millionenschwere Geschäfte, die damit verknüpft sind. Das bedeutet auch: Wenn der Mann betrügt, fremdgeht oder ungewollte Kinder zeugt, kann die Frau zum Risikofaktor werden; das zeigt auch der Chat des Spielers, der einen Weg sucht, seine schwangere Ex-Freundin unter Kontrolle zu bringen. Wie er schreibt, wolle er vermeiden, dass die Angelegenheit negativ auf ihn zurückfällt. Darauf kommt die Antwort:

Im Ernst, rufe Roger oder deinen Anwalt an. Wenn sie das veröffentlicht, bist du im Arsch.

Davor habe ich keine Angst. Ich kann immer noch sagen, sie hat es mir untergejubelt. Oder mich erpresst.

Das darf gar nicht an die Öffentlichkeit!!!

Ok, ich kümmer mich drum.

Wittmann und die Anwälte sollen den brisanten Fall offenbar aus der Öffentlichkeit halten; das ist der Eindruck, den die Chatnachrichten vermitteln. Ob der Berater sich tatsächlich eingeschaltet hat, ist damit nicht gesagt. Fest steht, dass er als möglicher Problemlöser in den Nachrichten auftaucht. Weder der Spieler noch der Berater äußern sich zu den Hintergründen.

Wittmanns Anwältin teilt mit, die Vorwürfe gegen ihn seien unwahr und substanzlos: Er spreche allenfalls Empfehlungen aus, meist ohne Einzelheiten zu kennen. Es gehöre „nicht zum Tagesgeschäft” Wittmanns, Konflikte mit Spielerfrauen zu lösen oder zu besprechen.

Frauen sprechen von emotionalem und juristischen Druck

Berater wie Wittmann gelten als heimliche Herrscher des Profifußballs und einflussreicher als manche Manager der großen Vereine. Seine Agentur Rogon ist ein global agierendes Unternehmen mit rund 70 Beschäftigten und Büros in China und Brasilien; die Agentur betreut derzeit weit mehr als 100 Spieler, darunter hochprofitable Profis, Roberto Firmino, Marcel Sabitzer, Julian Draxler.

Wie weit der Einfluss und die Macht von Beratern und Anwälten gehen kann und welche Methoden eingesetzt werden, um die millionenschweren Spieler und ihre sauberen Images zu schützen, zeigte die Recherche von CORRECTIV und SZ im Oktober. Die Frauen fühlten sich der Macht ihrer Ex-Partner ausgeliefert. Manche wagen es nicht, sich zu wehren. Diejenigen, die es versuchen, machen sich gefährliche Feinde. Viele fühlen sich massiv emotional, juristisch und medial unter Druck gesetzt, unter anderem mit fragwürdigen Verschwiegenheitsverpflichtungen.

„Fußball sieht von außen immer heiter und schön aus“, sagt die frühere Ehefrau eines Profispielers, „aber was da hinten dran hängt, ist hässlich.“ Lisa Mattern, ihr Name ist zu ihrem Schutz geändert, ist seit einigen Jahren von ihrem Ex-Partner getrennt. Der war nicht gewalttätig. Vielmehr zeigt ihr Fall auf, wie Spieler bei Untreue und hässlichen Trennungen ihre Vorkehrungen treffen und die Frauen aus dem Bild drängen.

Rückendeckung vom Verein für den Fußballer

Die Hochzeit der beiden lag gerade ein Jahr zurück, die gemeinsame Tochter war noch ein Baby, und lange Zeit merkte Lisa Mattern nicht, dass ihr Mann eine Affäre hatte – mit einer Hostess seines Vereins. Mattern sagt, der Spieler habe sich zunächst im Verein Rückendeckung geholt, auch die Leitung informiert; alle hätten Angst gehabt, dass sie zur Presse gehen könnte, in einer großen Boulevardzeitung war wenige Monate zuvor eine Homestory erschienen, ihr Familienglück, das junge Paar mit Baby, eine häusliche Idylle.

Und plötzlich stand alles Kopf. Die Ehe war am Ende. Lisa Mattern wurde zu verstehen gegeben, dass sie sich fügen muss und am besten leise verschwindet. „Alle, die an einem Fußballer mitverdienen, sind daran interessiert, dass die in einem harmonischen, guten Licht stehen“, sagt sie. „Und alles, was dagegen geht, ist unerwünscht.“ Vor allem der Berater des Spielers habe Einfluss geltend gemacht: „Der hat mir versucht zu vermitteln: Denk an seine Karriere! Was hast du davon, wenn das noch in der Bild-Zeitung steht?“

Mattern war zu der Zeit vor allem damit beschäftigt, die Trennung zu verkraften. Und zugleich schien sie in der Öffentlichkeit auf einmal als die Schuldige dazustehen. Zeitweise habe sie sich kaum noch aus dem Haus getraut: „Ich muss damit leben, dass ich als Geldgeile und die Rachsüchtige dargestellt werde“, sagt sie. Über soziale Medien habe sie anonyme Nachrichten erhalten, wie sie ihren Mann nur so habe sitzen lassen können: „Was bist du für eine Frau. Ehrenlos. Mit Kind. Wie kann man nur.“

Der Spieler kam einige Zeit später wieder auf sie zu; er tat, als wolle er es noch einmal mit ihr versuchen. Sie ließ sich darauf ein. Aber sie spürte immer wieder, dass etwas nicht stimmt: Ihr Mann habe ihr mehrfach Dokumente zum Unterschreiben gegeben, einen Ehevertrag mit rückwirkender Geltung, Kontovollmachten. Mattern sagt, ums Finanzielle habe sich bei ihnen ein Steuerberaterbüro gekümmert, dieses habe der Berater vermittelt.

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Der Spielerfrau wurde klar gemacht: Einen Rechtsstreit würde sie nicht durchstehen

Nach einer Weile dämmerte ihr, dass ihr Ex-Partner offenbar versuchte, sie um ihre Ansprüche zu bringen. Ob dieser Eindruck zutrifft, lässt sich nicht prüfen. Jedenfalls kam es zum Bruch, endgültig. „Er sagte: Entweder du nimmst das, was ich dir gebe, und hältst die Schnauze. Oder du wirst sehen, was du davon hast.“ Einen Rechtsstreit gegen ihn, das habe er ihr klar gemacht, könne sie finanziell nicht durchstehen.

Tatsächlich zieht sich der Rechtsstreit zwischen den beiden bis heute hin; es geht vor allem um den Unterhalt für die Tochter, den er mehrfach eigenmächtig gekürzt haben soll. Lisa Mattern arbeitet heute als Büroangestellte. Bisher, sagt sie, habe sie mehr als 50.000 Euro für Anwälte und Gerichtskosten ausgegeben.

Auch der Berater, der Lisa Mattern beschwichtigt haben soll, gehörte zu den Großen der Branche. Er spielt in einem weiteren, von CORRECTIV recherchierten Fall eine Rolle: Eine Frau, die mit einem Bundesliga-Fußballer zusammen war, übermittelte dessen Berater deutliche Belege für häusliche Gewalt: Per SMS schickte sie ihm Fotos, die große Hämatome an ihren Armen zeigen. „Ich fahre jetzt ins Krankenhaus“, schreibt sie. Der Berater scheint die Sache zu relativieren und die Schuld umzukehren: „Das geht nicht mit euch beiden“, schreibt er. „Und ich will gar nicht werten, wer ’der Böse und der Gute‘ ist.“

Spielerberater waren offenbar über Vorwürfe von Gewalt informiert

Auch bei Berater Roger Wittmann scheint es, dass er über Fälle von häuslicher Gewalt bei seinen Spielern informiert war – und hinzugezogen wurde, um Schaden von ihnen fernzuhalten. CORRECTIV liegen Informationen vor, dass zwei Frauen mit ihm Gespräche über den Umgang mit den Konflikten geführt haben sollen.

Einen Fall räumt Wittmann ein: Eine Spielerfrau habe ihn von sich aus kontaktiert und um Hilfe gebeten. Daraufhin habe er mit ihr gesprochen und versucht zu vermitteln. Die Kommunikation sei „von Höflichkeit und gegenseitigem Respekt“ geprägt gewesen. Weiter gehende Vorwürfe seien falsch und substanzlos.

Aber es gibt offenbar weitere Fälle, in denen Berater sich in das Privatleben der Spieler eingeschaltet haben. Im Juni 2019 berichtete die Bild-Zeitung von einem Fußballprofi, dessen Berater ihm mit einem „geheimen Drehbuch“ geholfen habe, eine von ihm schwangere Ex-Freundin abzuwimmeln. Ein Anwalt habe ihm dazu noch Ratschläge und vorformulierte Antworten an die Hand gegeben: „Generell gilt: Ruhig sprechen. Langsam sprechen“, wie bei einem 90-minütigen Spiel, müsse man „den Gegner erst müde machen, bevor man offensiv werden kann.“

Einsilbige Antworten von Fußballvereinen und -verbänden

Vereine und Verbände äußern sich bislang kaum zu den Recherchen von CORRECTIV. Auf Anfrage gibt es nur einsilbige Antworten. Wie gehen die Vereine mit Vorwürfen von Gewalt gegen Frauen um? Was tun sie, um Anlaufstellen zu schaffen oder Betroffenen Hilfestellungen zu geben? CORRECTIV hat alle 18 Bundesliga-Vereine dazu befragt. Nur sieben haben überhaupt reagiert; der VfL Bochum geht als einziger auf alle Fragen ein, fühlt sich offenbar aber nicht zuständig; auf die Frage nach dem Einsatz möglicher Verschwiegenheitsverpflichtungen teilt der Verein mit: „Privatangelegenheiten der Spieler sind qua Definition privat und dementsprechend uns nicht bekannt.“

Drei Vereine teilten pauschal und ähnlich formuliert mit, sie distanzierten sich von allen Formen von Gewalt, darunter der FC Bayern München und Borussia Dortmund. Bei beiden Clubs spielte jeweils ein Fußballprofi, gegen den Vorwürfe öffentlich wurden: Beim FC Bayern München geht es um deren früheren Spieler Jérôme Boateng, der gerade in München zu einer Geldstrafe von 1,2 Millionen Euro wegen Körperverletzung gegen eine frühere Partnerin verurteilt wurde. Der Spieler hat die Vorwürfe zurückgewiesen und Revision gegen das Urteil eingelegt.

Beim BVB geriet der Spieler Nico Schulz im August in die Schlagzeilen, gegen ihn wird ermittelt – ebenfalls wegen häuslicher Gewalt. Auch er streitet dies ab.

Beide Vereine schreiben fast wortgleich dazu, sie seien bei den Prozessen nicht verfahrensbeteiligt. Der BVB verweist noch auf eine Stellungnahme, aus der hervorgeht, dass ein Gespräch mit Schulz geführt worden sei; zum Inhalt äußert sich der Verein nicht.

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Auch der Deutsche Fußball Bund (DFB) belässt es bei einer allgemeinen Verurteilung von Gewalt. Dazu gehöre, „im Rahmen unserer Möglichkeiten Beiträge zu liefern für positive Veränderungen.“ So wie aktuell im Zusammenhang mit der Fußball-WM in Katar mit Blick auf die Menschenrechte, die Frauenrechte „sowie der Rechte der LGBTIQ+-Gemeinde.“ Fragen zu den CORRECTIV-Recherchen zu Gewalt gegen Spielerfrauen lässt der DFB offen.

Angst um Imageverlust, falls Gewalttaten bekannt werden

„Wovor der Fußball am meisten Angst hat, ist, dass eine Gewalttat öffentlich wird, und dass man sich und den Spieler nicht mehr schützen kann“, sagt der Anti-Mobbing-Coach und Gewaltpräventions-Experte Carsten Stahl, der auch im Nachwuchsbereich von Fußballvereinen mit Jugendlichen arbeitet „Wenn rauskommt, dass ein Fußballer eine Frau vergewaltigt oder geschlagen hat, dann war’s das. Dann kann der Verein diesen Spieler nicht mehr nehmen und verliert sein Investment.“

Die Umsätze im Fußball steigen massiv, und stets kassieren die Berater mit, bei Transfers, bei Vertragsverlängerungen. Medienberichten zufolge erhalten die Geschäftsmänner zwischen fünf und 15 Prozent vom Jahresgehalt der Fußballer.

Dafür leisten die Agenten eine Art All-inclusive-Service; sie fädeln die Transfers ein, sie kümmern sich um die Karriereplanung, die Vermarktung – aber offenbar auch um das alltägliche Klein-Klein: Eine umfassende Finanzberatung gehöre bei Rogon dazu, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin gegenüber CORRECTIV, die Agentur von Wittmann sorge dafür, dass die Spieler die nötigen Versicherungen abschließen und achte darauf, dass die Spieler „ausreichend Geld zur Seite gelegt haben“. Die Berater unterstützten die Spieler auch bei Eheverträgen. Das sei „gängige Praxis, weil es „dabei um viel Geld geht“.

„Haushaltshilfe, Lebenshilfe und persönlicher Butler“

Ein weiterer früherer Rogon-Mitarbeiter, mit dem CORRECTIV sprach, wirkt froh, nun nicht mehr im Fußballsektor tätig zu sein, er sagt: „Als Angestellter von Beratungsfirmen kann man auch, überspitzt gesagt, Haushaltshilfe, Lebenshilfe und persönlicher Butler sein.“

Er habe mitbekommen, dass Berater mitunter Einkäufe für Spieler übernommen hätten, er selbst sei einmal von einem Spieler gefragt worden, ob er Prostituierte organisieren könne: „Dafür muss man geboren sein“, sagt er. Denn generell handele es sich um eine Branche, in der man in „Grenzbereiche gehen müsse“ in der Wahl der Mittel, um an Spieler heranzukommen, sie für sich einzunehmen und Konkurrenten abzudrängen.

Fälle, bei denen sich Berater auch bei Hinweisen auf Gewalt gegen Spielerfrauen einschalten, habe er nicht mitbekommen. Als einfacher Mitarbeiter sei er bei solchen kritischen Dingen sowieso „auf Abstand gehalten“ worden. Dass Berater in juristisch heiklen Situationen Anwälte für die Spieler besorgen, davon gehe er aber aus.

Wittmann nimmt hierzu keine Stellung. Seine Anwältin verweist auf das Geschäfts- und Finanzgeheimnis. Generell weist sie Vorwürfe zurück und spricht von falschen Behauptungen.

Berater sollen Frauen abgewimmelt und Vorwürfe kleingeredet haben

Mehrere Frauen, mit denen CORRECTIV sprach, sagen, dass Berater bei Hinweisen auf häusliche Gewalt Partei für die Spieler ergriffen, ihre Vorwürfe klein redeten oder versuchten, sie von Anzeigen abzubringen. Eine frühere Spielerfrau sagt, der Berater ihres Ex-Freundes habe ihr sogar eine psychische Störung unterstellt.

Andere halten sich eher raus. Karlheinz Förster – ebenfalls Berater – sagt, um die Beziehungen seiner Spieler kümmere er sich normalerweise nicht. „Nur, wenn es ein Problem gibt, und der Spieler spricht einen darauf an, dann schon“, sagt er. „Das Privatleben ist immer Spielersache. Aber man ist jederzeit ansprechbar.“

Förster war früher selbst Fußballer. Er ist seit den 1980er-Jahren im Profifußball unterwegs: „Das Geschäft wird schwieriger“, sagt er. „Der Konkurrenzkampf wird härter. Die Firmen werden immer größer, da geht es in vielen Fällen zu früh ums Geld, aber ich lege Wert darauf, dass die sportliche Beratung des Spielers im Vordergrund steht.“

Der Markt konzentriert sich, der Einfluss einiger weniger und immer größerer Akteure nimmt stetig zu – ebenso die Gewinnmargen der Berater: Allein 2021 zahlten die Bundesligavereine insgesamt knapp 200 Millionen Euro an die Vermittler.

Warum unliebsame Geschichten selten in der Presse erscheinen

Dabei haben die Berater selbst ein Imageproblem. Immer wieder ist von Mauscheleien und Betrug die Rede. Die Financial Action Task Force (FATF), eine internationale Organisation zur Bekämpfung von Finanzkriminalität, stellte in einem Bericht von 2009 bei den Beratern ein erhöhtes Risiko für illegale Aktivitäten wie Korruption, Menschenhandel, Geldwäsche und Steuerdelikte fest.

Die Macht der Berater über die Vereine sorgt für Kritik. Sie kontrollieren, welcher Fußballstar wohin wechselt. Auch der Einfluss der Branche auf die Medien ist erheblich: „Es gibt die Strategie, Medien gezielt zu informieren, immer auf der Basis: Gibst du mir was, geb ich dir was“, sagt einer der früheren Rogon-Mitarbeiter. „Vor allem mit Blick auf die Boulevardmedien, die zuerst über Transfers berichten wollen. Das funktioniert in der Regel gut.“

Ein Marketing-Fachmann aus dem Profifußball bestätigt derartige Praktiken. Wenn Hinweise auf Gewalt gegen Frauen durchzusickern drohten, riefen mitunter Manager großer Vereine in den Redaktionen an: „Da werden dann ein, zwei Telefonate geführt und man einigt sich auf einen Deal“, sagt er: „Wenn die und die Geschichte nicht kommt oder ihr aufhört, darüber zu berichten, dann bekommt Ihr in Zukunft mehr exklusive News.“ Zum Beispiel werde den Medien angeboten, dass sie dafür als Erstes über einen Neuzugang berichten können: „Und deshalb passieren bestimmte Geschichten einfach nicht.“

Gerade die Bild-Zeitung scheint enge Kontakte zu Beratern, Spielern und Vereinen zu pflegen. Ein Beitrag, der die massiven Probleme offen zutage treten ließ und der Zeitung bis heute nachhängt, ist ein Interview mit dem Fußball-Weltmeister Jérôme Boateng von Februar 2021: Wie CORRECTIV und SZ berichtet hatten, bot Bild dem Fußballer eine Bühne, um seine Ex-Freundin Kasia Lenhardt öffentlich zu demütigen.

Mächtige Männer, die sich hinter den Kulissen verbünden

In dem Interview verbreitete er fragwürdige und diffamierende Behauptungen über Lenhardt und löste damit eine Hass-Kampagne gegen sie aus; Lenhardt starb wenig später, offenbar Suizid. Als Reaktion auf die Recherche von CORRECTIV und SZ distanzierte sich Johannes Boie, aktueller Bild-Chefredakteur, im Oktober von dem Interview.

Die Geschichte des Interviews zeigt, wie mächtige Männer sich hinter den Kulissen offenbar verbünden – und Frauen unter die Räder geraten. Nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Bild-Mitarbeiter war das Interview sogar innerhalb der Redaktion umstritten.

Lenhardt kam in der Bild nicht zu Wort; sie hatte kurz zuvor eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterzeichnet, wie CORRECTIV berichtet hatte. Der Vertrag sah keine Geldzahlung an Lenhardt vor und war einseitig, verpflichtete also nur sie.

Boateng steht direkt nach seiner Verurteilung wieder auf dem Fußballplatz

Jérôme Boateng indessen wurde Anfang November im Berufungsprozess wegen des Vorwurfs der vorsätzlichen Körperverletzung gegen seine Ex-Freundin, Sherin S. verurteilt. Boatengs Anwälte wiesen dies zurück und forderten einen Freispruch. Das Münchner Landgericht aber sah es als erwiesen an, dass er S. während eines Urlaubs geschlagen, verletzt und beleidigt habe. Und wenige Tage nach seiner Verurteilung stand Boateng wieder für den Spitzenclub Olympique Lyon bei einem wichtigen Spiel gegen Marseille auf dem Platz; für seinen Verein scheint der Fall bisher kein Thema zu sein.

Wie tief nicht nur Berater, sondern auch Vereinsmanager zum Teil in das Intimste der Frauen eingreifen, zeigt der Fall einer Ex-Verlobten eines Fußballers, der für einen großen Verein im Ausland spielte. Auch hierbei ging es um eine Schwangerschaft, die dem Spieler ungelegen kam. Die Frau freute sich zunächst; sie rief ihren damaligen Partner an und erzählte ihm, dass sie ein Kind bekommen. „Dann hat er einfach aufgelegt.“

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Später sei der Spieler nach Hause gekommen und habe gesagt: „Morgen ist Abtreibung.“ Bei seinem Verein habe es einen Mitarbeiter gegeben, der sich um die Belange der Spieler und ihrer Frauen kümmerte. Dessen Aufgabe sei gewesen, generell für das Wohlbefinden der Spieler und ihrer Partnerinnen zu sorgen, zum Beispiel habe er Treffen und gemeinsame Essen organisiert. Dieser sollte den Termin in der Abtreibungsklinik ausgemacht haben und sie am folgenden Morgen abholen und hinfahren.

„Ich habe geheult und geschrien“, sagt sie, „ich wusste nicht wohin.“ Trotzdem habe sie sich gefügt, weil sie keinen Ausweg sah, ließ sich aber von ihrer Mutter in die Klinik fahren, nicht vom Vereinsmanager. Die Mutter bestätigt die Vorfälle gegenüber CORRECTIV. Ein Beratungsgespräch gab es für die Frau nicht; sie musste nur unterschreiben, dass sie dem Eingriff zustimmt. In dem Land, in dem sie lebte, ist dies nicht zwingend vorgeschrieben. Nach deutschem Recht wäre die Abtreibung damit rechtswidrig.

Bei den Fußballvereinen gibt es oft Mitarbeiter, die sich um den Alltag der Spieler kümmern, damit sie selbst unbehelligt von Alltagsaufgaben bleiben: Auto, Wohnung, Bankkonto – solche banalen Dinge werden den Spielern abgenommen. Auch die Betreuung der Frauen gehört in einigen Fällen dazu. Im Umfeld des FC Bayern München zum Beispiel soll es einen Mann geben, der als „Frauenkoordinator“ bekannt ist. Zu dessen Aufgabenbereich gehöre, sagen Menschen, die den Verein von innen kennen, die Koordination von Escorts und Frauen für die Partys der Spieler. Auch hatten sie den Eindruck, er fühle sich zuständig, wenn es Probleme in diesem Kontext mit Frauen gibt. Weder der Mann noch der Verein antworteten auf Fragen zu dessen Aufgaben.

Es ist ein Milieu, das die Entwicklung von Verantwortungsgefühl und charakterlicher Reife nicht eben begünstigt. „Mir tun die Spieler leid“, sagt ausgerechnet die Frau, die sich die Abtreibung aufzwängen ließ. „Das sind junge Kerle, 16, 17, 18 Jahre, und die bekommen Menschen an die Hand, die alles für sie machen. Deswegen behandeln sie die Frauen so: Sie wissen, wie leicht die Sachen vertuscht werden können.“

Spielerberater kritisiert eigene Branche

Für die Berater ist ein Fußballer eine Wette auf die Zukunft. Den größten Profit werfen die Spieler ab, deren Marktwert steigt. Vorwürfe von Gewalt können die Kalkulationen zunichtemachen. Im Fall von Konflikten schützen viele Berater offenbar zunächst ihr Investment: „Die Spielervermittler sind häufig an der Seite der Spieler – und das total undifferenziert“, sagt ein Therapeut, der auch für Fußballvereine tätig ist und mit Spielerfrauen Kontakt hat. „Meistens ist es so, dass sie alle Vorwürfe dementieren.“

In Deutschland gibt es über 20 große Beraterfirmen und hunderte kleine; nicht alle von ihnen arbeiten mit fragwürdigen Methoden. Volker Struth, der mit seiner Firma Sports360 zu den großen Playern zählt, wehrt sich gegen das schlechte Image seiner Branche. Die Praktiken, mit denen Gewaltvorwürfe unter der Decke gehalten werden, kritisiert er: „Sollte es solche Fälle tatsächlich geben, was ich nicht ausschließe, würde ich das aufs Schärfste verurteilen – und ich würde das in meiner Agentur selbstverständlich nicht dulden.“

Auch den Einsatz von Verschwiegenheitsverpflichtungen in diesem Kontext lehne Struth ab. Wie er es sieht, schaden zweifelhafte Akteure nicht nur mit derartigen Praktiken der Branche: „Solche schwarzen Schafe machen unseren Job kaputt.“

Presseberichte über Gewaltvorwürfe verschwinden aus dem Netz

In großen Teilen der Fußballwelt gilt nach wie vor: Das Image der Spieler hat sauber zu bleiben, die Karriere der Männer geht vor. Hinweise auf Gewalt gegen Frauen werden den geschäftlichen Interessen untergeordnet. Auffällig ist, dass so auch Juristinnen und Juristen argumentieren: Auf die Anfrage zu Vorwürfen gegen einen Fußballprofi fordert dessen Rechtsanwaltskanzlei mit Blick auf die „gravierenden, auch wirtschaftlichen Folgen“ für den Spieler, „jegliche identifizierende Berichterstattung zu unterlassen.”

Auch Berichte, die bereits kursierten, verschwinden mitunter wieder: Im August berichtete die Bild am Sonntag groß über die Ermittlungen gegen BVB-Spieler Nico Schulz, gegen den die Staatsanwaltschaft Dortmund wegen des Vorwurfs häuslicher Gewalt ermittelt.

Schulz bestreitet die Taten, seine Anwälte gingen an vier Landgerichten gegen die Berichterstattung vor: In Köln konnten sie kein Verbot der Berichterstattung insgesamt erreichen, nur einige besonders schwere Vorwürfe untersagte das Gericht. Auch in Hamburg setzten sich die Juristen nur teilweise durch. Das Landgericht Frankfurt am Main aber stimmte dem Antrag auf eine einstweilige Verfügung im September zu. Auch in München erwirkten die Juristen Verbote. In der Folge löschte Bild alle Texte zu dem Thema und auch andere Medien tilgten ihre Beiträge aus dem Netz.

Manche Berater ködern Jugendliche mit teuren Geschenken

Der Fußball indessen verändert sich. Auch die Spieler sind letztlich eine Ware, die nur so lange von Interesse ist, wie sie mehr Profit als Ärger einbringt. Die Berater binden immer jüngere Spieler an sich, sie ködern die Jugendlichen mit teuren Handys oder Geld. Und offenbar gibt es Berater, die ihre Macht noch steigern wollen.

Nach Recherchen von ZDF Magazin Royale hat Roger Wittmann ein Büro in Maastricht eröffnet, offenbar auch, um Jugendspieler zu verpflichten. In den Niederlanden soll es demnach möglich sein, Spieler exklusiv an einen Berater zu binden. Das geht nach deutschem Gesetz nicht – damit stünden die Sportler noch stärker unter Kontrolle.

Wittmann äußert sich nicht zu Details und lässt alle Vorwürfe bestreiten. Seine Anwältin teilt hierzu mit, er sei international tätig und unterhalte Büros überall auf der Welt, auch in Maastricht.

Es ist nicht gesagt, dass Gewalt gegen Frauen bei Fußballern häufiger vorkommt als in anderen Bereichen. Die Statistiken zu dem Thema liefern generell erschreckende Zahlen: Im Schnitt wird in Deutschland eine von drei Frauen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt. Der Fußball wird aber nach wie vor von Männern bestimmt. Und je früher die Spieler Teil dieser Welt werden, desto mehr formt sie diese Umgebung.

„Das ist ein geschlossener Männerverein“, sagt eine Mutter, deren zwölf Jahre alter Sohn in der Nachwuchsauswahl des DFB Fußball spielt, in Bezug auf die Vereinskultur im Kinder- und Jugendfußball: „Das prägt ungemein.“ Zugleich werde den Kindern schon früh ein „völlig übersteigertes Selbstwertgefühl“ vermittelt. Und absoluter Gehorsam gegenüber den Regeln und Hierarchien; der Trainer habe als Vorbild großen Einfluss und impfe den Jungen mit seinen Parolen toxische Männlichkeit ein: „Ihr müsst stark sein, ihr müsst auf die Knochen gehen, ihr dürft euch nichts gefallen lassen.“

Wohin das führen kann, hat der Gewaltpräventionsexperte Carsten Stahl beobachtet: „Die haben es nie gelernt, selbstständig zu denken und zu handeln. Die sind auf dem Platz große Stars und im Leben zum Teil vollkommen überfordert.“ Viele würden zu jung und zu schnell reich und berühmt, und einige gerieten dann außer Kontrolle. „Aber das gibt ihnen nicht das Recht, Menschen zu benutzen, niederzumachen oder teilweise zu zerstören.“

Text und Recherche: Gabriela Keller, Maike Backhaus  Illustration: Mohamed Anwar Design: Friedrich Breitschuh  Redaktion: Justus von Daniels, Gesa Steeger  Social Media: Anne Ramstorf  Faktencheck: Katarina Huth

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