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Machtmissbrauch im Profifußball: Bundestagsabgeordnete fordern Konsequenzen – Grundrechte-Verein erwägt Klage

Recherchen von CORRECTIV und SZ zu Vorwürfen von Gewalt gegen Spielerfrauen haben eine Debatte über Schweigeklauseln angestoßen. Politikerinnen und Juristen kritisieren die Verträge und verlangen mehr Schutz für betroffene Frauen.

von Jean Peters , Gabriela Keller , Maike Backhaus

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Illustration: Mohamed Anwar

In Folge der Recherchen von CORRECTIV und Süddeutscher Zeitung zu Gewalt und Machtmissbrauch gegenüber ehemaligen Lebenspartnerinnen von Profi-Fußballern fordert die Bundestagsabgeordnete Canan Bayram (Grüne) Aufklärung: „Der gesamte Komplex sollte im Zusammenhang mit Frauenrechten erneut in den Blick genommen werden.“

Vertragliche Verschwiegenheitserklärungen müssten unter dem Aspekt von Opferschutz, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit neu betrachtet werden, fordert Bayram: „Es kann nicht sein, dass Betroffene, insbesondere Frauen, schutzlos werden, indem sie zum Schutz ihrer Familien zeugenschaftliche Rechte als Geschädigte aufgeben.“

Die Vizepräsidentin für Gleichstellung und Diversität des Deutschen Fußball Bundes (DFB), Celia Šašić war am Montag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. CORRECTIV hatte bereits in den vergangenen Wochen mehrere Gesprächsanfragen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit an Šašić gestellt, die unbeantwortet blieben. Ein Mitarbeiter aus der Öffentlichkeitsarbeit des DFB teilte mit, eine Stellungnahme sei nicht innerhalb der gegebenen Frist möglich.

Vorwürfe von Gewalt sollen nicht an die Öffentlichkeit

CORRECTIV deckte gemeinsam mit der SZ auf, wie Spielerfrauen nach Fällen von körperlicher oder psychischer Gewalt unter Druck gesetzt und teilweise massiv bedroht werden. Die Recherche zeigt auf, dass Profispieler offenbar von einem Netzwerk aus Vereinen, Beratern, Anwälten und Managern geschützt werden, damit Vorwürfe von Gewalt oder Machtmissbrauch nicht an die Öffentlichkeit kommen. Zum Einsatz kamen hierbei in mehreren Fällen sogenannte Verschwiegenheitsverpflichtungen.

Das prominenteste Beispiel ist Jérôme Boateng, der sich ab kommenden Donnerstag vor dem Münchner Landgericht gegen Vorwürfe von vorsätzlicher Körperverletzung gegen seine frühere Partnerin Sherin S. verteidigen muss. Boateng weist diese zurück. Seine Ex-Freundin Kasia Lenhardt soll er ebenfalls misshandelt und geschlagen haben; auch dies ließ er in der Vergangenheit über Anwälte dementieren. Auch Lenhardt hatte kurz vor ihrem Suizid im Februar 2021 eine Verschewiegenheitsverpflichtung unterzeichnet.

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Die Verträge sind juristisch umstritten. Der Grundrechte-Verein Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) kündigte in Folge der Recherche an, „notfalls gerichtlich klarstellen lassen, dass solche Vereinbarungen sittenwidrig und damit unwirksam sind“, sagt Joschka Selinger, Rechtsanwalt der GFF.  Schweigeklauseln dürften nicht dazu missbraucht werden, Betroffene von häuslicher Gewalt einzuschüchtern und die Aufklärung von Straftaten zu verhindern. „Der Zugang zur Justiz und das Recht auf effektive Strafverfolgung sind Grundprinzipien des Rechtsstaats“, sagt Selinger: „Sie schützen Betroffene auch, wenn Machtpositionen in Partnerschaften auf strafbare Weise ausgenutzt werden.“

Auch Elisabeth Winkelmeyer-Becker, Bundestagsabgeordnete und Rechtsexpertin der Union, hält die Verträge für fragwürdig. „Im konkreten Fall kann ich den Frauen nur raten, sich nicht einschüchtern zu lassen“, sagt sie. Schweigeklauseln hätten Grenzen, etwa bei familienrechtlichen Interessen oder Strafanzeigen. So dürften Vertragsstrafen, die oft Teil von Verschwiegenheitsverpflichtungen sind, Frauen nicht davon abhalten, vor Gericht auszusagen.

Bild distanziert sich von Boateng-Interview

Die Recherche löste in den Sozialen Netzwerken und einigen Medien eine Debatte über Machtmissbrauch im Profifußball aus. Zeit Online schreibt: „Die #MeToo-Debatte hat den Fußball erreicht.“ Die taz verweist in einem Beitrag zu dem Thema auf den voyeuristischen Blick der Boulevardmedien, dem Spielerfrauen ausgesetzt sind.

Die Bild-Zeitung hatte bereits am Freitag auf die Recherche reagiert und sich von einem Interview mit Jérôme Boateng von Anfang Februar 2021 distanziert: „Wir würden heute dieses Interview nicht mehr veröffentlichen“, sagt Chefredakteur Johannes Boie zu CORRECTIV und SZ. In dem Interview hatte Boateng Kasia Lenhardt gravierende Vorwürfe gemacht und damit eine mediale Hetzkampagne gegen sie ausgelöst. Inzwischen gibt es erhebliche Zweifel an Boatengs Behauptungen über Lenhardt. Seit September ist der Beitrag nicht mehr auf der Bild-Website abrufbar.

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