Rechtsextremismus

„Artgemeinschaft“: Razzia bei zwei AfD-Kandidaten wegen verbotener Neonazi-Vereinigung

Die AfD-Politiker Sebastian Koch und Simon Lansmann sollen an einer Feier im Dunstkreis der verbotenen „Artgemeinschaft“ teilgenommen haben. Beide wollen für die AfD in den Landtag Sachsen-Anhalt.

von Martin Böhmer

Razzien gegen völkische Siedler
Als die rechtsextremistische Vereinigung „Artgemeinschaft“ 2023 verboten wurde, waren bundesweit rund 700 Ermittler im Einsatz. Drei Jahre später gab es nun erneut Razzien in fünf Bundesländern (Archivbild). Foto: picture alliance/dpa | Jan-Philipp Strobel

Ermittler haben am Donnerstagmorgen in fünf Bundesländern Wohnungen von Anhängern und Sympathisanten der verbotenen Neonazi-Vereinigung „Artgemeinschaft“ durchsucht. Von den Durchsuchungen betroffen sind auch zwei AfD-Politiker, die sich in Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl am 6. September stellen. Der Spiegel hatte zuerst berichtet.

Die Staatsanwaltschaft Halle bestätigte gegenüber CORRECTIV am Donnerstag die Ermittlungen wegen des Vorwurfs des Verstoßes gegen das Vereinigungsverbot. „Bei den Durchsuchungen wurden keine Personen festgenommen, aber zahlreiche Dokumente sichergestellt, die nun gesichtet werden“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Halle auf CORRECTIV-Anfrage.

Verbotene Gruppe „Artgemeinschaft“: „Sektenartige, zutiefst rassistische und antisemitische Vereinigung“

Der Verein „Artgemeinschaft“ wurde im September 2023 verboten. „Wir verbieten eine sektenartige, zutiefst rassistische und antisemitische Vereinigung. Das ist ein weiterer harter Schlag gegen den Rechtsextremismus“, kommentierte die damalige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) die Entscheidung.

Die „Artgemeinschaft“ ist eine neonazistische, rassistische, fremden- und demokratiefeindliche Vereinigung mit rund 150 Mitgliedern. Sie richtet sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung und insbesondere aufgrund antisemitischer Inhalte auch gegen den Gedanken der Völkerverständigung.

Die „Artgemeinschaft“ verbreitete unter dem Deckmantel eines pseudoreligiösen germanischen Götterglaubens ihr gegen die Menschenwürde verstoßendes Weltbild. Zentrales Ziel war die Erhaltung und Förderung der eigenen „Art“, welche mit dem nationalsozialistischen Terminus der „Rasse“ gleichzusetzen ist. Neben der Ideologie der Rassenlehre weisen Symbolik, Narrative und Aktivitäten des Vereins zudem weitere Parallelen zum Nationalsozialismus auf. So gab der Verein seinen Mitgliedern Anweisungen zu einer richtigen „Gattenwahl“ innerhalb der nord- und mitteleuropäischen „Menschenart“, um das der rassistischen Ideologie des Vereins entsprechend „richtige“ Erbgut weiterzugeben. Menschen anderer Herkunft wurden dagegen herabgewürdigt.

Zweck der nun verbotenen Vereinigung war es, ihre rechtsextremistische Weltanschauung auszuleben und zu verfestigen. Dies erfolgte insbesondere durch die Weitergabe ihrer Ideologie an Kinder und Jugendliche mittels einschlägiger, zum Teil aus der NS-Zeit stammender und nur minimal abgewandelter Literatur. Durch das Betreiben eines vereinseigenen „Buchdienstes“, einer Webseite und von Präsenzen in sozialen Medien wurden auch Nicht-Mitglieder mit rechtsextremistischem Gedankengut ideologisiert, radikalisiert und auch geworben.

Die „Artgemeinschaft“ bildete auch die ideologische Grundlage weiterer rechtsextremer Organisationen wie der „Sturm-/Wolfsbrigade 44“ und der „Heimattreuen Deutschen Jugend e.V.“, die bereits vom Bundesinnenministerium verboten wurden und deren ehemalige Mitglieder daraufhin zum Teil in der „Artgemeinschaft“ aktiv geworden sind.

Bundesinnenministerium, 29.9.2023, zum Verbot der „Artgemeinschaft“

Laut Spiegel kam es aber im Juni 2026 zu einer sogenannten Sonnenwendfeier in Gardelegen (Altmarkkreis, Sachsen-Anhalt), an der Personen aus dem Dunstkreis der „Artgemeinschaft“ teilnahmen. Nach CORRECTIV-Informationen stellte AfD-Mann Simon Lansmann sein Grundstück für die Feier zur Verfügung. Bei dem Treffen sollen Zeremonien mit Tierhörnern abgehalten und Lieder der „Hitlerjugend“ gesungen worden sein. Alles erinnerte offenbar stark an die „Artgemeinschaft“.

An der Feier in Gardelegen nahmen laut Medienberichten auch die AfD-Politiker Sebastian Koch (AfD-Listenplatz 8) und Simon Lansmann (AfD-Listenplatz 19) teil. Beide treten für die AfD Sachsen-Anhalt auch bei der kommenden Landtagswahl an. Gegenüber CORRECTIV schweigt die AfD Sachsen-Anhalt zu den Razzien: „Die Berichterstattung ist bekannt, aber ich werde sie nicht kommentieren“, sagte Pressesprecher Patrick Harr, der früher selbst bei der 2009 verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) war, zu CORRECTIV. Verbindungen von Koch und Lansmann zu Personen der „Artgemeinschaft“ seien nicht bekannt, erklärte Harr.

Mehrere Männer stehen zusammen, Autos sind auch zu sehen. Das Bild zeigt Personen der rechtsextremen Neonazi-Szene im Juni 2009. Im Vordergrund zu sehen ist Sebastian Koch, der damals als Neonazi-Aktivist auftrat, und heute für die AfD in Sachsen-Anhalt im Landtag sitzt, wieder zur Wahl antritt und seit Jahren Feste für die radikale Jugend mitorganisiert.
AfD-Mann Sebastian Koch (r.) nahm 2009 noch bei einer Sonnenwend-Feier der rechtsextremen NPD teil – heute sitzt er im Landtag, stellt sich wieder zur Wahl und organisiert selbst seit Jahren Feiern für die rechtsextreme Jugend mit. Foto: RechercheNord

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Sebastian Koch ist seit Jahren in der rechtsextremistischen Szene vernetzt. So nahm er bereits 2009 bei einer Sonnenwendfeier der rechtsextremen NPD teil. Seit Jahren organisiert er „Sommerfeste“ im sachsen-anhaltischen Roxförde als Vernetzungstreffen für die rechtsextreme Jugend, etwa der mittlerweile aufgelösten AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA).

Ob die Staatsanwaltschaft Halle nach den Razzien auch Anklage gegen die AfD-Politiker erhebt, ist unklar. Zunächst müsste das gesicherte Material durchsucht werden, kommentierte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen dauern an.

Redigat & Faktencheck: Elena Müller