Sicherheit und Verteidigung

Früherer BND-Chef Hanning festgenommen: Geschäfte mit fremden Mächten

Der ehemalige BND-Präsident August Hanning wurde wegen des Verdachts auf Spionage festgenommen. Nach CORRECTIV-Recherchen handelte er über mehrere Firmen jahrelang mit Informationen – unter anderem mit Russland und China.

von Max Bernhard, Till Eckert, Alexej Hock, Martin Murphy

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August Hanning war von 1998 bis 2005 Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) und war im Anschluss als Berater tätig geworden. Jetzt wurde er festgenommen. (Foto: DPA / Collage: Mohamed Anwar)

August Hanning, der frühere Präsident des Bundesnachrichtendiensten (BND), soll sich über einen engen Mitarbeiter geheime Informationen beschafft und diese wirtschaftlich verwertet haben. Das teilte der Generalbundesanwalt am Dienstag mit. Ermittler nahmen Hanning und seinen ehemaligen Büroleiter Manfred D. am frühen Morgen fest.

Hanning wird versuchter Landesverrat sowie geheimdienstliche Agententätigkeit vorgeworfen. Nach CORRECTIV-Informationen soll er für eine „dritte Macht“ tätig gewesen sein. Er stand demnach in einem „intensiven Austausch“ mit einem Angehörigen eines anderen staatlichen Nachrichtendienstes. Einem Mitarbeiter eines weiteren „fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparates“ soll er eine Analyse erstellt haben. 

Hanning war von 1998 bis 2005 Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) und war im Anschluss als Berater tätig geworden. Nach Angaben der Ermittler soll Manfred D. seinem früheren Chef in den Jahren 2010 bis Juni 2022 bis zu 2.000 Dokumente übergeben haben. Diese Unterlagen seien ausschließlich für die interne Arbeit des BND vorgesehen gewesen. Sie waren etwa Grundlage für die wöchentliche Unterrichtung der Bundesregierung. 

Laut einem Bericht der Tagesschau soll es sich um sensible Berichte gehandelt haben, etwa zum iranischen Atomprogramm oder der russischen Armee. Manfred D. war bis März 2026 auch als Büroleiter für spätere Präsidenten des BND tätig. Inzwischen ist er nach Informationen von CORRECTIV pensioniert. 

Auf Hannings Spur kamen die Ermittler durch das sorgenannte Block-Verfahren in Hamburg. Im September 2025 hatte das Landeskrimalamt Räume in Büros sowie seines Hauses nach Beweisen in dem Entführungsfall durchsucht. Dabei waren die Beamten auf Material gestoßen, durch die der Spionage-Fall in Gang gebracht worden war, wie die Bundesanwaltschaft mitteilte.

In Kreisen des BND und in anderen Sicherheitsbehörden hatte das Engagement des inzwischen 80-Jährigen schon lange für Unmut gesorgt, da ein Abfluss von geheimen Informationen befürchtet worden war. Belegt waren diese nicht. 

Hanning verdiente viele Jahre lang Geld mit Informationshandel

Im Jahr 2005, während der ersten Amtszeit von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), wurde Hanning zum Staatssekretär im Bundesinnenministerium berufen. 

Nach seiner Versetzung in den Ruhestand gründete Hanning im Juli 2010 mit seiner Frau die Unternehmensberatung Hanning Consult. Damit machte Hannig sein Wissen und seine Verbindungen zu Geld. Zu seinen Kunden gehörte unter anderem Kasachstan. Seine wirtschaftlichen Tätigkeiten erstreckten sich nach CORRECTIV-Recherchen auch auf Russland und China.

Der Spiegel berichtete 2017, dass Hanning sich in seinem alten Ministerium bei der Neuvergabe für den Digitalfunk der Bundespolizei für den Hersteller Motorola stark gemacht hatte. 

Im Jahr 2018 wurde Hanning zudem Präsident des Verwaltungsrats der Pluteos AG mit Rechtssitz im schweizerischen Luzern. Zu den Kunden zählten nach eigener Aussage Unternehmen, private Organisationen sowie Regierungsbehörden auf der ganzen Welt. 

Das Angebot reicht demnach von „rechtmäßig beschafften exklusiven Informationen“ im Bereich der Wirtschaft, über Cyber-Sicherheitslösungen bis hin zu „geopolitischen Lageberichten“. 

„Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist die zeitnahe Herausgabe von Red Flags, der schnellen Bereitstellung von Lagebewertungen, die für unsere Kunden von Bedeutung sind“, heißt es auf der Website des Unternehmens.

Parallel zu seiner Tätigkeit für die Pluteos AG heuerte Hanning bei dem britischen Beratungsunternehmen G3 an – erst als „Senior Advisor“, dann als Regionalleiter für Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken. Auf der Unternehmenswebsite wurde Hannings Expertise auch für den Mittleren Osten hervorgehoben. 

Diese Expertise versuchte der umtriebige Geschäftsmann nach Recherchen von CORRECTIV offenbar mit einer weiteren Firma zu verwerten. Ebenfalls im Jahr 2018 wurde die GSC4 GmbH gegründet. Laut der Handelsdaten-Plattform Sayari ist Hanning zusammen mit anderen Familienmitgliedern an der Firma beteiligt – zum Teil über eine zwischengeschaltete Holdinggesellschaft. 

Laut der Webseite von GSC4 handelt es sich um eine Beratungsgesellschaft „spezialisiert auf Business Intelligence und investigative Ermittlungen“ mit den Kernmärkten „Russland, die GUS, Osteuropa, China & der arabische Raum“. Im letzten verfügbaren Jahresbericht von 2024 verzeichnete die Firma einen Umsatz von rund 2,2 Millionen Euro. Ende Juni 2026 wurde sie aufgelöst.   

Ähnliche Umsätze verzeichnete die Familien-Firma Hanning Consult. Fast alle seine Anteile übertrug Hanning im Oktober 2019 an seine Frau und drei Töchter und behielt lediglich 0,5 Prozent. Gegenüber Bundesbehörden trat er dennoch weiter im Namen der Firma auf. Im letzten verfügbaren Jahresabschluss für 2024 wies die Firma ein Eigenkapital von knapp 3 Millionen Euro auf. 

Beratungstätigkeiten des Top-Beamten schon lange kritisch beobachtet – Sicherheitspolitiker fordern Konsequenzen

Dass ein früherer BND-Chef auch Jahre nach seinem Ausscheiden noch immer Zugriff auf geheime Unterlagen gehabt haben soll, könnte etwa Skepsis von Partnerdiensten anderer Länder gegen den BND nähren. Ein Vertreter eines Sicherheitsdienstes erklärte im Gespräch mit CORRECTIV indes, dass die Beratertätigkeit von Hanning schon länger kritisch beobachtet worden sei.

Nach Informationen von CORRECTIV rechnen die Ermittler derzeit nicht, dass sich die Affäre Hanning auf weitere Personen ausweiten könnte. 

Parlamentarier sind ob der Vorwürfe gegen Hanning alarmiert. „Wir erwarten sofortige Aufklärung der ungeheuerlichen Vorwürfe“, sagt etwa Konstantin von Notz (Grüne), stellvertretender Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag, das die Arbeit der Nachrichtendienste überwacht. „Auch der gegebenenfalls entstandene nachrichtendienstliche Schaden muss ebenso umgehend wie umfassend ab- und aufgeklärt werden.“ 

Der Grünen-Politiker pocht zudem auf Konsequenzen: „Die dubiosen wie vielfältigen Lobbytätigkeiten ehemaliger Spitzenbeamter und höchster Geheimnisträger der Bundesrepublik kritisieren wir seit Jahren immer wieder.“ Solche Aktivitäten seien „ein Einfallstor für gegenerische Geheimdienste“. Die Bundesregierung müsse solche „illegitimen Praktiken“ laut von Notz sofort unterbinden. 

Ähnlich äußert sich der Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter (CDU) gegenüber CORRECTIV. „Es geht hier insgesamt um die Betätigung ehemaliger Beschäftigter des öffentlichen Dienstes in sicherheitsrelevanten Feldern wie der Bundeswehr, Polizei oder Nachrichtendienste“, sagt der Bundestagsabgeordnete. „Dies kann eine Bedrohung für unsere freiheitlich demokratische Gesellschaft werden, wenn spezifisches Wissen in falsche Hände gerät oder bewusst oder gezielt weitergegeben wird, um beispielsweise fragwürdige oder gar verfassungsfeindliche Organisationen oder eben ausländische Staaten zu unterstützen.“ 

Kiesewetter fordert bessere Kontrollmechanismen und Sicherheitsüberprüfungen, um solche Vorgänge künftig zu verhindern.

Der Fall Henning kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Der Nachrichtendienst plant derzeit den wohl größten Umbau seiner Geschichte. 

Der BND ist neben dem Verfassungsschutz die zentrale Behörde, um das Land zu schützen. Erst am Montag hatte Jäger in einer öffentlichen Anhörung vor einem gewaltsamen Konflikt mit Russlands gewarnt. Er verwies dabei auf einen versuchten Drohnenanschlag auf den Flughafen Leipzig, der ein Drehkreuz für die Nato ist. Russische Agenten agieren „hochprofessionell und rücksichtslos“. Die Nachrichtendienste seien die erste Verteidigungslinie.

Wachgerüttelt durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die hybriden Angriffe auf die Bundesrepublik soll der BND jetzt, 70 Jahre nach seiner Gründung, mit neuen Befugnissen ausgestattet werden.

Sie gehen weit über das hinaus, was ihm bisher möglich war: Neben einer besseren Lagebilderstellung und einer wiederbelebten Gegenspionage-Abteilung steht sogar Sabotage im Raum. Ein neues Gesetz dazu wird derzeit im Bundestag verhandelt.

Redigatur und Faktencheck: Silvia Stöber

Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!

Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.

Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.