Der designierte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat kein Verständnis für die Inhaftierung des deutschen Journalisten Deniz Yücel in der Türkei. „Er ist lediglich ein Journalist, der seine Arbeit getan hat“, sagte Schulz in einem Interview mit dem Chefredakteur der türkischen Exilredaktion ÖZGÜRÜZ, Can Dündar. „Die Türkei sollte uns erklären, warum das ein Verbrechen ist.“
Wenn Erdogan nach Deutschland kommen möchte, sei er frei, das zu tun, sagte Schulz. Er müsse sich aber entscheiden: Repräsentiert er die Türkei gegenüber Deutschland oder die AKP in einer Kampagne. „Wenn Erdogan als Wahlkämpfer zu uns kommen möchte, steht er nicht unter dem politischen und diplomatischen Schutz wie ein Staatsoberhaupt“, sagt Schulz in dem Gespräch. „Wenn Erdogan als Wahlkämpfer kommt, muss er auch akzeptieren, in der Mitte eines politischen Konflikts zu stehen, kritisiert und attackiert zu werden. Wir Deutschen würden ihn gern als höchsten Repräsentant der Nation respektieren. Aber als Kampagnenfüherer muss er der Realität ins Auge sehen. Und die Realität ist, dass er als Kampagnenführer kritisiert wird.“
Referendum wird „Kopf-an-Kopf-Rennen“
Schulz verweist darauf, dass er Erdogan seit längerem kenne. Er sei nicht „außer Kontrolle“. „Ich kenne ihn gut und er ist ein sehr intelligenter Mensch mit einer klaren Strategie. So wie ich das sehe, ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Referendum und jede Stimme zählt. Auch die Stimmen von Wählern in Deutschland. Daher verstehe ich, dass auch hier eine Kampagne stattfindet.“
Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit.
Nachrichten und Recherchen sind unerlässlich, damit Sie sich eine Meinung bilden können. Aber die derzeitigen Bedrohungen der freien Presse und der Medienlandschaft sind alarmierend.
Wir fordern die Bundesregierung auf, Pressefreiheit und die Medienvielfalt in Deutschland umfangreich zu schützen. Machen Sie mit.
Schulz plädiert dafür, weiter den Dialog mit der Türkei zu suchen und auch weiter über einen EU-Beitritt zu verhandeln. „Es wäre in meinen Augen falsch, unsere Beziehungen abzubrechen. Ich würde es vorziehen, mit der Türkei über verschiedene Kapitel des EU-Beitrittsverfahrens zu diskutieren, über fundamentale Rechte und Meinungsfreiheit“, sagte Schulz. „Ich denke nicht, dass es zu spät ist. Wenn wir Klarheit haben — nach dem Referendum — haben wir auch die Chance, zu besseren Beziehungen zurückzufinden.“ Gleichzeitig legt Schulz aber auch den Punkt fest, an dem diese Gespräche zu Ende wären: „Wenn es eine Mehrheit dafür gibt, die Todesstrafe wieder einzuführen, dann sind die Beziehungen zur EU am Ende. Das ist definitiv eine rote Linie.“
Nazideutschland? „Das ist zuviel.“
Mit scharfen Worten weist Schulz auch jeden Vergleich des heutigen Deutschlands mit der Nazizeit zurück. „Der Vergleich deutscher Institutionen mit dem Naziregime ist in meinen Augen absolut unzulässig. Unsere heutige, offene, demokratische Gesellschaft mit einer der modernsten Verfassungen in ganz Europa ist exakt das Gegenteil von dem, als was Erdogan uns bezeichnet hat. In meinen Augen ziemt es sich nicht für einen Präsidenten (so einen Vergleich zu ziehen). Viele Deutsche, auch ich, haben sich für volle EU-Mitgliedschaft der Türkei eingesetzt. Aber das ist zu viel“, sagte Schulz.
Offenlegung: Die türkische Exilredaktion ÖZGÜRÜZ (dt. „Wir sind frei“) ist ein Teil von correctiv.org. Sie arbeitet von Berlin aus und sucht Fördermitglieder, um langfristig existieren zu können. Weitere Informationen unter ozguruz.org.
Welche Recherche sollen wir im kommenden Jahr nicht machen?
Vier Wochen unserer aktuellen Spendenaktion sind vorbei. Im vergangenen Jahr haben uns innerhalb der ersten vier Wochen bereits 8.000 Menschen unterstützt. In diesem Jahr sind es bisher leider erst um die 6.900. Um unser Ziel zu erreichen fehlen uns noch knapp 800.000 Euro.
Wir sind sehr dankbar für jede Spende. Gleichzeitig bedeutet das aber: Wenn uns diese Einnahmen fehlen, wird das unsere Arbeit im kommenden Jahr einschränken. Dann müssen wir entscheiden, welche Recherchen wir finanzieren können und welche wir auslassen müssen.
Eine gesellschaftlich relevante Recherche sollte nicht daran scheitern, dass sie aufwendiger wird als zunächst erwartet. Hinter journalistischer Unabhängigkeit stehen am Ende ziemlich konkrete Zahlen. Planen können wir dabei nur mit dem Geld, das uns zur Verfügung steht. Und im Moment reicht das, was während dieser Spendenaktion zusammenkommt, noch nicht.
Diese Spendenaktion ist für unsere Arbeit im kommenden Jahr sehr wichtig. Das heißt: Wirklich jeder Betrag, ob 5, 10, 15 Euro, hilft uns für unsere weitere Arbeit. Wenn Sie können: Bitte unterstützen Sie heute unsere Aktion.