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Neuigkeiten zu CORRECTIV

Wir informieren Sie hier regelmäßig über Veränderungen und News zu unserer Arbeit, berichten Neuigkeiten aus unserem Team oder weisen auf interessante Events und Veranstaltungen hin.

Das ist nicht rumänisch: Die Trileptal-Packung, die wir dem Patienten mitgebracht haben, stammt von einem deutschen Importeur.© RTL/Nachtjournal

In eigener Sache

Kohlpharma hat in einem Punkt recht – und in allen anderen nicht

Der Arzneimittelimporteur Kohlpharma wehrt sich mit einer PR-Offensive gegen unsere Recherche zum Medikamentenhandel. Hier unsere Antwort

von Marta Orosz

In dieser Woche haben wir gemeinsam mit dem RTL Nachtjournal über Re-Importeure berichtet, also Pharmahändler, die Medikamente in Süd- oder Osteuropa billig aufkaufen, sie umpacken und an deutsche Apotheken liefern. In Deutschland erzielt man mit diesem Geschäftsmodell einen deutlichen Gewinn. Der größte dieser Pharmahänder ist Kohlpharma mit Sitz im Saarland. Die Firma war mit unserer Berichterstattung nicht einverstanden. Bereits vor der Veröffentlichung schickten uns die Anwälte von Kohlpharma ein Schreiben und warnten uns, die TV-Doku zu veröffentlichen.

Nachdem unsere Recherche auf CORRECTIV erschienen war, schickte Kohlpharma einen „Offenen Brief“ an verschiedene Medien in Deutschland. In diesem Brief behaupteten sie, uns viele Fehler nachzuweisen, außerdem sei unsere Berichterstattung „interessegeleitet konstruiert“. Wir würden Partei für die Pharmakonzerne ergreifen – ein Vorwurf, den wir bisher eher selten hören. 

Weil wir nicht wissen, ob die PR-Kampagne von Kohlpharma bei Leserinnen und Lesern verfängt, die sich mit der Sache nicht auskennen, wollen wir hier auf die gegen unsere Berichterstattung erhobenen Vorwürfe antworten. Wir nehmen dabei Bezug auf die am 28. Juli von Kohlpharma-Sprecher Karsten Wurzer verbreitete Pressemitteilung „Falsche und unseriöse Berichterstattung auf RTL/CORRECTIV“: 

1. Kohlpharma behauptet, „schon der Ausgangspunkt der konstruierten Geschichte ist schlicht falsch. Die im Beitrag genannten Präparate Trileptal, Humira und Avastin waren (,,,) in den letzten Monaten voll lieferfähig“. 

Richtig ist: Trileptal wurde auf der Website des rumänischen Gesundheitsministerium von Patienten als Mangelmedikament gemeldet, hier der Beleg. Auch bei der Recherche in Sozialen Medien sind wir auf viele Patienten und Angehörige gestoßen, die auf der Suche nach Trileptal waren. Eine Apotheke, die wir in Rumänien zur Stichprobe aufsuchten, konnte Trileptal bei keinem ihrer vier Lieferanten ordern. Außerdem haben sich bei Patientenvereinigungen Betroffene gemeldet, die auf der Suche nach Trileptal waren.

Humira oder Avastin hatten wir überhaupt nicht als Beispiel für ein Mangelpräparat erwähnt, sondern als Beispiel für den Preisunterschied.

2. Kohlpharma schreibt, bei unserem Besuch bei dem Patienten, dem wir Trileptal mitgebracht haben, „liegt dann aber eine rumänische Packung Trileptal auf dem Tisch, das dann wohl doch verfügbar war.“

Richtig ist: Es liegt keine rumänische Packung Trileptal auf dem Tisch. Die Packung stammte aus Estland und war von einem deutschen Reimporteur. 

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RTL/Nachtjournal

3. Kohlpharma schreibt, dass auf dem Rezept, mit dem wir in der Apotheke in Rumänien waren, „Trileptal in zwei Wirkstärken, nämlich 300mg und 600mg für denselben Patienten verordnet war. Das ist keine sinnvolle Medikation und läßt vermuten, dass es sich um ein Fake-Rezept handelt.“

Richtig ist: Es handelt sich um ein echtes Rezept und die Verordnung unterschiedlicher Wirkstärken ist bei Mangelpräparaten nicht unüblich. Der jugendliche Patient brauchte eine 300mg Wirkstärke. Wenn die Apotheke z.B. keine 300mg vorrätig hat, aber eine 600mg-Packung, kann der Patient die 600mg-Packung bekommen und die Tablette dann halbieren. Deshalb verordnen Ärzte bei Mangelpräparaten auch abweichende Wirkstärken. 

4. Kohlpharma schreibt, „dass wir Trileptal nicht in Rumänien einkaufen und auch keine Zulassung für dieses Einkaufsland besitzen.“

Richtig ist, dass wir beides auch an keiner Stelle behauptet hatten. Wie so häufig in seiner Pressemitteilung bestreitet Kohlpharma Dinge, die wir gar nicht geschrieben hatten. Ein PR-Trick.

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5. Kohlpharma schreibt: „Herr Jörg Geller ist zwar seit knapp 20 Jahren bei Kohlpharma beschäftigt, jedoch erst seit 2010 als Geschäftsführer“. 

In diesem Punkt hat Kohlpharma recht. Wir hatten in einer ursprünglichen Version geschrieben, dass Geller seit 20 Jahren Geschäftsführer ist. Das haben wir korrigiert. 

6. Kohlpharma schreibt, dass der FDP-Politiker Oliver Luksic nicht für Kohlpharma tätig ist. „Tatsächlich arbeitet er für den EAEPC“.

Richtig ist, dass wir Oliver Luksic mehrfach zu seinen Beratertätigkeiten für Kohlpharma befragt haben. Er hat dabei zu keinem Zeitpunkt bestritten, für Kohlpharma zu arbeiten. Bis zur Veröffentlichung unseres Artikels hatte er damit sogar auf seinem LinkedIn-Profil geworben. Erst nach der Veröffentlichung hat Luksic diese Angaben gelöscht.       

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LinkedIn Profil von Oliver Luksic bis zur Veröffentlichung unserer Recherche

Screenshot, Marta Orosz

7. Kohlpharma schreibt, dass die in unserem Text wiedergegebene Zahl von 91 Millionen Euro Einsparvolumen durch Reimporte zu niedrig sei. Wörtlich heißt es in der Pressemitteilung des Pharmaunternehmens: „Die den Redakteuren vorliegende Prognos Studie zeigt deutlich höhere Einsparungen. Beide Beiträge (gemeint sind RTL und Correctiv, d.Red.) ignorieren die dort errechneten direkten Einsparungen in Höhe von 240 Mio. Euro.“

Richtig ist, dass wir die Prognos-Studie nicht nur erwähnen und schreiben, dass sie von Kohls Verband VAD beauftragt wurde, sondern wir verlinken die Studie sogar. Wir haben sie also nicht „ignoriert“, wie Kohlpharma behauptet.

So viel zu den irreführenden Behauptungen, die Kohlpharma heute an andere Medien geschickt hat, um unsere Recherchen unglaubwürdig zu machen. Das ist das Geschäft von PR-Leuten und das ertragen wir.

Was wir aber für einen schweren Verstoß halten ist etwas anderes: Der jugendliche Patient, den wir in Rumänien besuchten und der an schwerer Epilepsie leidet, bat darum, seinen Namen in unserem Beitrag nicht zu nennen. Wir haben dieser Bitte selbstverständlich entsprochen.

Kohlpharma dagegen hat den vollen Namen des Jugendlichen in seiner „Pressemitteilung“ veröffentlicht. Wie es mit den ethischen Standards eines Pharmaunternehmens vereinbar ist, einen jugendlichen Patienten gegen seinen Willen öffentlich zu nennen, hat Kohlpharma nicht verraten.

Wir fordern die Firma auf, den Namen aus der Pressemitteilung zu löschen und sich für diesen schwerwiegenden Verstoß zu entschuldigen.  

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Symbolbild: ein weiterer weißer Mann der vor Gericht stand und durchgekommen ist
Journalismus ist kein Verbrechen

Ermittlungsverfahren gegen CORRECTIV-Chefredakteur eingestellt

Die Akte 7101 Js 439 /18 ist geschlossen Nach 423 Tagen hat die Staatsanwaltschaft Hamburg aufgehört gegen den CORRECTIV-Chefredakteur Oliver Schröm zu ermitteln: Das „Ermittlungsverfahren wurde gemäß § 170 Abs. 2 der Strafprozessordnung eingestellt“, teilte die Behörde in einem Einzeiler mit. Es bestehe kein hinreichender Tatverdacht, der eine weitere Ermittlung oder gar Anklage rechtfertige.

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Auslöser für die Ermittlungen war eine Anzeige der Schweizer Privatbank Sarasin. Anfang 2014 hatte Oliver Schröm, damals Investigativ-Chef des stern, die millionenschweren CumEx-Geschäfte der Privatbank zulasten deutscher Steuerzahler aufgedeckt. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Zürich III gegen ihn wegen des Verdachts der Wirtschaftsspionage. Schröm soll einen hochbezahlten Compliance-Chef der Bank Sarasin mit 3000 Euro angestiftet haben, ihm interne Unterlagen zu geben, die die Verwicklungen des Geldinstitutes in dubiose CumEx-Geschäfte dokumentierten. (Mittlerweile wurde die Privatbank Sarasin in Deutschland wegen ihrer CumEx-Geschäfte zu ersten Schadenersatzzahlungen in Höhe von 45 Millionen Euro verurteilt.)

Im März 2018 wendete sich die Schweizer Justizbehörde an die Hamburger Staatsanwaltschaft und ersuchte um die Übernahme des Verfahrens. Die Staatsanwaltschaft in Hamburg übernahm das Verfahren. Der Vorwurf lautete nun: „Verdacht der Anstiftung zum Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen“.

Im Oktober 2018 veröffentlichte CORRECTIV mit 18 europäischen Medienpartnern unter Leitung von Oliver Schröm die gemeinsamen Rechercheergebnisse zu den CumEx Files. Banker, Broker und Berater hatten zusammen mit schwerreichen Investoren die Staatskassen von elf europäischen Ländern geplündert. Der Schaden des Steuerraubzuges: mehr als 55 Milliarden Euro.

In dieser Zeit erfuhr Oliver Schröm von den Ermittlungen der Hamburger Staatsanwaltschaft. Unter dem Slogan „Journalismus ist kein Verbrechen“ machte CORRECTIV im Dezember 2018 die Ermittlungen gegen seinen Chefredakteur öffentlich. Binnen weniger Tage unterschrieben mehr als 26.000 Menschen einen „öffentlichen Brief“ an die damalige Justizministern Katarina Barley und Finanzminister Olaf Scholz und erklärten sich mit Oliver Schröm solidarisch.

Viele Unterstützer wendeten sich direkt an die Staatsanwaltschaft Hamburg: „Ich habe heute in der Presse lesen können, dass in ihrem Hause gegen den Chefredakteur von CORRECTIV, Oliver Schröm, Ermittlungen eingeleitet wurden. Ich bin darüber sehr verwundert und muss mich außerdem fragen, wem die Staatsanwaltschaft Hamburg gegenüber verpflichtet ist?“, schreibt Ginger C. „Statt gegen die beteiligten Finanzdienstleiter wegen schwerem Betrug zu ermitteln wird gegen die ermittelt, die diesen Betrug aufgedeckt und publik gemacht haben.“

Andreas J. wollte von den Hamburger Ermittlern wissen: „Warum lässt sich die Staatsanwalt Hamburg vor den Karren der Kriminellen spannen?“ Und kurz vor Weihnachten fragte Rainer P.: „Habt Ihr eigentlich noch alle im Christbaum, gegen jemanden zu ermitteln, der hilft, die Cum-Ex-Geschäfte aufzudecken?“

Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat die vielen E-Mails unter der Bezeichnung „Reaktionen“ im Sonderband Nr. 3 der Ermittlungsakte über Oliver Schröm gesammelt. Die komplette Akte umfasst zwei Haupt- und vier Sonderbände mit insgesamt 463 Seiten.

Darunter befindet sich die Einstellungsverfügung. Die Hamburger Staatsanwaltschaft geht darin hart ins Gericht mit der Schweizer Justiz: Die Staatsanwaltschaft Zürich habe Akten offensichtlich nur unvollständig nach Hamburg übersandt, mit der Begründung, sie würden in großem Umfang „Geschäftsgeheimnisse enthalten“. Die Hamburger Behörde schenkte auch den Aussagen des Belastungszeugen der Schweizer Justiz keinen Glauben, der wegen Weitergabe von CumEx-Unterlagen an einen deutschen Rechtsanwalt in der Schweiz in Untersuchungshaft saß.

Insgesamt sei der deutsche Ex-Banker auch 13 Mal zu Oliver Schröm von Schweizer Staatsanwälten vernommen worden, habe sich dabei wiederholt widersprochen und schließlich behauptet, Oliver Schröm habe ihm 3000 Euro für Informationen gegeben: „Ich weiß, dass ich wiederholt unglücklich ausgesagt und nicht nur Ihnen, sondern auch anderen Zeit gestohlen habe. Und dies vor dem Hintergrund Ihrer Begründung, dass sie mich unter Umständen aus der Haft entlassen würden, wenn sie mich nicht mehr brauchen“, zitiert die Hamburger Staatsanwaltschaft in ihrer Einstellungsverfügung aus den Schweizer Vernehmungen des Ex-Bankers. Ihr Urteil dazu: „Insgesamt bestehen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen.“

Die Staatsanwaltschaft hat sich damit der Stellungnahme von Schröms Rechtsanwalt angeschlossen: Der Belastungszeuge der Schweizer Justiz habe „den Sachverhalt keinesfalls unbeeinflusst eingeräumt“, kritisierte der Hamburger Strafverteidiger Jes Meyer-Lohkamp. Zudem habe die Staatsanwaltschaft Zürich ihren Hamburger Kollegen „nur einige wenige Auszüge aus verschiedenen (zum Teil geschwärzten) Vernehmungsprotokollen übersandt.“ (…) „Zudem ist zu bemerken, dass die Vernehmungen überwiegend unter Haftbedingungen stattfanden, bei denen Herr (…) unter dem Eindruck von bewusstseins-trübenden Medikamenten (Opioiden) vernommen worden ist.“

Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat auf Grundlage des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) gegen Schröm ermittelt. Es war das erste Mal, dass dieses Gesetz gegen einen Journalisten angewendet wurde. Mittlerweile gab es eine Novelle dieses umstrittenen Gesetzes. Der Fall Oliver Schröm diente auch bei Debatten im Bundestag als Beispiel, dass dieses Gesetz novelliert werden muss, damit es nicht so einfach missbräuchlich gegen Journalisten und Whistleblower angewendet werden kann. Ein neues Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen trat im April 2019 in Kraft und die Hamburger Staatsanwaltschaft hat dies berücksichtig und nun das „mildere Gesetz“ gegen Schröm angewendet, wie sie in ihrer Verfügung schreibt.

Und wie geht es mit den Ermittlungen gegen Oliver Schröm in der Schweiz weiter?

Anfang 2019 hatte die Zürcher Staatsanwaltschaft dem CORRECTIV-Chefredakteur schriftlich mitgeteilt: Das Verfahren gegen ihn sei „sistiert“, ausgesetzt. Allerdings würden die Vorwürfe „Wirtschaftlicher Nachrichtendienst“ (Wirtschaftsspionage) erst 2024 verjähren. Solange wolle man im Halbjahresrhythmus prüfen, ob es neue Erkenntnisse gebe, die eine Wiederaufnahme rechtfertigen.

Am Rande des Prozesses in Zürich gegen den Ex-Banker und Belastungszeugen sowie zwei weitere Deutsche interviewte eine CORRECTIV-Reporterin den Schweizer Staatsanwalt, der die Ermittlungen gegen Oliver Schröm führt. Falls die Hamburger Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellt, versicherte er, würde er das auch tun: „Wir haben den Fall sistiert, warten den Ausgang des deutschen Verfahrens ab. Aber eigentlich egal, wie die Deutschen den Fall erledigen, ist es für uns bindend.“

Es bleibt abzuwarten, ob der Schweizer Staatsanwalt Wort hält.

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Post von Olaf Scholz

Der Finanzminister hat sich bei CORRECTIV gemeldet. In einem zweiseitigen Schreiben nimmt der Finanzminister Stellung zu unserem offenen Brief „Journalismus ist kein Verbrechen“.

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Der Finanzminister hat sich bei CORRECTIV gemeldet. In einem zweiseitigen Schreiben nimmt Scholz Stellung zu unserem offenen Brief „Journalismus ist kein Verbrechen“.

Im Dezember 2018 hatten wir das Verfahren gegen unseren Chefredakteur Oliver Schröm öffentlich gemacht. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn im Zusammenhang mit seinen CumEx-Recherchen.

Außer an den Finanzminister haben wir auch an damalige Justizministerin Katarina Barley appelliert, gegen die eigentlichen Täter dieses milliardenschweren Steuerraubes vorzugehen. Die offenen Briefe haben binnen weniger Tage mehr als 26.000 Menschen unterzeichnet und sich mit Oliver Schröm solidarisiert.

Während Katharina Barley bislang nicht reagierte, schrieb uns Olaf Scholz:

Ich kann Ihnen (…) versichern, dass ich Ihr Anliegen, betrügerische Steuerpraktiken nicht länger zu dulden, vollumfänglich teile. Ich habe daher bereits mehrere Initiativen ergriffen, die dazu führen werden, dass aggressiven Steuervermeidungspraktiken zukünftig ein Riegel vorgeschoben wird.

Weiter heißt es:

Für die Bürgerinnen und Bürger ist es nicht hinnehmbar, wenn sich einzelne finanzkräftige Akteure der solidarischen Finanzierung unseres Gemeinwesens durch Tricksereien entziehen. Deshalb ist die Bekämpfung dieser Praktiken ein Schwerpunkt der Arbeit des Bundesministeriums der Finanzen in dieser Legislaturperiode und mir persönlich ein zentrales Anliegen.

Auf den ersten Blick ist dieser Brief durchaus erfreulich. Bei genauer Lektüre stolpert der Leser jedoch über eine Ungereimtheit:

Ich bin aber persönlich davon überzeugt, dass wir engagierte Bürgerinnen und Bürger, die ihre berufliche Zukunft riskieren, um auf Missstände aufmerksam zu machen, unbedingt besser schützen müssen. Deshalb ist es gut, dass wir zuletzt – auch dank des Einsatzes von Bundesjustizministerin Katarina Barley – auf EU-Ebene einen wichtigen Schritt vorangekommen sind, um Whistleblower besser zu schützen.

Hier ein paar Fakten zu der wenig rühmlichen Rolle von Katarina Barley: Die damalige Bundesjustizministerin hatte sich weder auf EU-Ebene noch in Deutschland besonders hervorgetan, einen besseren Schutz für Whistleblower zu organisieren. Im Gegenteil. Für Deutschland plante sie ein Gesetz, das die Pressefreiheit und Informationsfreiheiten der Bürger einschränken sollte. Wir berichteten ausführlich.

Obwohl damals die Europawahl mit Barley als Spitzenkandidatin vor der Tür stand, sah sie sich sogar aus der eigenen Partei massiver Kritik ausgesetzt.
Das Ministerium von Barley hat dennoch bis kurz vor der Abstimmung für eine Gesetzesverschärfung zum Nachteil von Whistleblowern und Journalisten gekämpft. Der Entwurf der damaligen SPD-Ministerin wurde durch die Stimmen ihrer Genossen kassiert. Nicht wenige sprachen nach der Abstimmung von einer Sternstunde des Parlaments.

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Das CORRECTIV-Team bei der Preisverleihung des Grimme Online Awards © Grimme-Institut/Rainer Keuenhof/Gina Wetzler
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CORRECTIV gewinnt den Grimme Online Award

Bei „Wem gehört Hamburg?“ haben wir gemeinsam mit den Bürgern die Besitzverhältnisse auf dem Wohnungsmarkt recherchiert. Vergangenen Mittwoch erhielten wir dafür den Grimme Online Award in der Kategorie „Information“.

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von Jonathan Sachse

In der Begründung der Jury heißt es: Das Projekt zeichne sich neben der „Relevanz des Themas vor allem durch die interaktive Recherche über den extra eingerichteten Newsroom aus“. Fernsehmoderator Michel Abdollahi rief in seiner Laudatio in Köln die Medien-Branche dazu auf, solchen Recherchen mehr Reichweite zu verschaffen.

Aus 1.200 Vorschlägen hatte die Nominierungskommission 28 Angebote ausgesucht, von denen acht prämiert wurden. In der Kategorie „Information“ wurden neben CORRECTIV auch die Krautreporter ausgezeichnet.

Das Recherche-Projekt „Wem gehört Hamburg?“ führt zu mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt. Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Mieterinnen und Mieter. Um diese zu beteiligen, hat CORRECTIV eine Plattform entwickelt, den CrowdNewsroom. Dort können sie den Eigentümer der eigenen Wohnung mitteilen und Belege hochladen. Die Daten waren Grundlage für die Recherchen der Journalisten.

Hamburg war das Pilotprojekt, mit dem CORRECTIV im Frühjahr 2018 zusammen mit dem Hamburger Abendblatt startete und im November die Ergebnisse veröffentlichte. Neben einer großen Artikelserie hat CORRECTIV eine mobile Lokalredaktion in einem Hamburger Stadtteilzentrum auf St. Pauli eröffnet, um zu Gesprächen und Debatten zum Thema Wohnungsmarkt einzuladen. Mehrere Initiativen und Medien unterstützten den Aufruf, neben dem Mieterverein zu Hamburg auch das Studentenmagazin Fink.Hamburg oder die Obdachlosenzeitung Hinz&Kunzt.

CORRECTIV setzt das Projekt mittlerweile in weiteren fünf Städten mit unterschiedlichen Medienpartnern um: in Berlin mit dem Tagesspiegel, in Düsseldorf mit der Rheinischen Post, in Heidenheim mit der Heidenheimer Zeitung, in Minden mit dem Mindener Tageblatt und in Lüneburg mit der Landeszeitung. Weitere Städte sind in Planung. Bisher haben über 5.000 Bürger teilgenommen.

Im Rahmen von „Wem gehört Berlin“ berichtete CORRECTIV kürzlich über einen verdeckten Groß-Eigentümer, der kaum Steuern zahlt, weil er ein geschicktes Firmenkonstrukt bis in die British Virgin Islands aufbaute.

Der Grimme Online Award gilt als wichtigster deutscher Preis für Onlinepublizistik. CORRECTIV gewann den Preis bereits zum zweiten Mal. Im Jahr 2015 wurde unsere Webreportage „MH17 – Die Suche nach der Wahrheit“ über den Absturz des Passagierflugzeugs in der Ostukraine ausgezeichnet.

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Reise durch Deutschland: Abmahnanwalt verklagt CORRECTIV und Spiegel Online. © Ivo Mayr
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Euros für Ärzte: CORRECTIV wehrt sich gegen Prozesswelle

Mit der Datenbank „Euros für Ärzte“ will CORRECTIV zu Transparenz im Gesundheitssektor beitragen. Das passt nicht jedem. Ein Berliner Anwalt überzieht CORRECTIV, unseren Partner Spiegel Online und deutsche Gerichte mit einer beispiellosen Prozesswelle. Diese urteilen bislang ausnahmslos zu Gunsten der beiden Redaktionen. Das kümmert den Anwalt wenig. Die finanziellen Risiken sind enorm.

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von Frederik Richter

Auf seiner Deutschlandreise bekommt der Anwalt Marc-Oliver Srocke auch die Kleinode unter den deutschen Gerichtsgebäuden zu sehen. Am Landgericht Passau, untergebracht in einer fürstbischöflichen Residenz aus dem 13. Jahrhundert, lud ihn der Richter zu einem unverhofften Rundgang durch das Gebäude ein.

„Der Vorsitzende Richter hat gesagt: ’Ich gebe Ihnen eine Führung, weil Sie extra aus Hamburg hergekommen sind wegen dieser Sache’”, erinnert sich Srocke.

Diese Sache: Das ist eine Klagewelle, die ein Medizinrechtler im Stile eines Abmahnanwalts gegen CORRECTIV losgetreten hat und die Srocke und sein Team durch das Land reisen lässt. Srocke vertritt CORRECTIV und unseren Kooperationspartner Spiegel Online. Gemeinsam legten wir 2015 die Datenbank „Euros für Ärzte“ an, in der Zahlungen von Pharmaunternehmen an Ärztinnen und Ärzte aufgeführt sind. Dabei geht es um Transparenz im Gesundheitssystem, das Beitrags- und Steuerzahler jedes Jahr viele Milliarden Euro kostet. In anderen Ländern wie den USA sind derartige Datenbanken üblich.

In der Datenbank können Patienten anhand des Namens oder der Postleitzahl nachschlagen, welche Vortragshonorare, Reise- oder Hotelkosten ihr Arzt von welchem Pharmakonzern erhalten hat. Die Datenbank versammelt dabei ausschließlich Daten, welche die Pharmaindustrie im Rahmen einer eigenen Transparenzinitiative veröffentlicht hat. Die Pharmakonzerne veröffentlichen nur Zuwendungen an diejenigen Ärzte, die der Veröffentlichung zugestimmt haben.

Mit anderen Worten: In der Datenbank sind also vor allem die Mediziner zu finden, die ein reines Gewissen haben. Die Ärzte, die über die Maßen von der Pharmaindustrie profitieren, dürften hingegen in den Daten nicht zu finden sein.

Die Akten der Prozesswelle füllen mehrere Regalmeter in der Essener Redaktion von CORRECTIV. Foto: Hanna Wollmeiner/ CORRECTIV.

Der Medizinrechtler Udo von Langsdorff geht trotzdem im Namen von Ärzten gegen die Datenbank vor. Gegen CORRECTIV hat er bisher 132 Klagen eingereicht. Gegen Spiegel Online sind es bereits 174 Klagen. Die Schriftsätze und die Argumente der Kanzlei sind in jedem Fall nahezu identisch. Auch das Ergebnis ist bisher immer gleich: alle 136 Urteile von Landgerichten in ganz Deutschland sind bislang zugunsten den Redaktionen ausgefallen. Und zwar 53 Urteile für CORRECTIV und 83 für Spiegel Online.

Trotzdem entstehen für CORRECTIV erst einmal Kosten. Wer einen zivilrechtlichen Streit verliert, muss nicht nur den eigenen, sondern auch den gegnerischen Anwalt bezahlen. Das kommt auf die Ärzte zu, die vor Gericht unterliegen. Doch bis dahin muss CORRECTIV Rechtsanwalt Marc-Oliver Srocke und sein Team von der Hamburger Kanzlei Schultz-Süchting vorfinanzieren. Die Kosten für einen Prozess können sich je nach Streitwert und Höhe von anfallenden Reisekosten auf bis zu 2.000 bis 3.000 Euro für einen Anwalt belaufen.

„Fast jeden Tag eine Verhandlung“

Dieser Betrag muss normalerweise vorgestreckt  werden, wenn der Anwalt auf Zahlung bei Leistung besteht. Im Falle einer Niederlage liegt das Risiko für CORRECTIV bei weit über 5.000 Euro, da dann auch der gegnerische Anwalt und die Gerichtskosten zu zahlen sind. Bei den bisher 132 gegen CORRECTIV eingereichten Klagen liegt das finanzielle Risiko für CORRECTIV bei über 660.000 Euro.

„Fast jeden Tag gibt es irgendwo in Deutschland eine Verhandlung,“ sagt Srocke. Derzeit sind bis zum 12. Dezember Termine angesetzt. In vier CORRECTIV-Fällen ist von Langsdorff in Berufung gegangen. Der Anwalt dürfte die deutschen Gerichte also noch bis ins kommende Jahr beschäftigen.

„Manchmal ist die Verhandlung in wenigen Minuten beendet,“ sagt Srocke. „Nur wenn ein Arzt auch tatsächlich anwesend ist, nimmt sich ein Gericht ein bisschen Zeit, ihm die Sache zu erklären.“

Häufig jedoch erscheinen die Ärzte gar nicht vor Gericht. Wie jüngst vor dem Landgericht Münster. Srocke stoppte die Dauer der Verhandlung: 2 Minuten, 40 Sekunden. Srocke musste auch nichts weiter beitragen, also lobte er wenigstens das Gericht für seinen schönen tropischen Garten im Atrium.

Der Hamburger Anwalt Marc-Oliver Srocke vertritt CORRECTIV und Spiegel Online und lernt gerade mehr Gerichte in Deutschland kennen als ihm lieb ist.

Einige Gerichte haben vorgeschlagen, über den Streit ohne mündliche Verhandlung zu entscheiden. Schließlich sind die Wartezeiten bei den überlasteten Gerichten mitunter lang. Der Anwalt lehnt das jedoch ab. Also reist Srocke seit Monaten quer durch Deutschland. „Zwar werde ich am Hamburger Hauptbahnhof und am Flughafen mittlerweile per Handschlag begrüßt, aber meine Ökobilanz ist definitiv im Keller,“ sagt Srocke.

Von Langsdorff behauptet unter anderem, dass die Datenbank „Euros für Ärzte“ das Persönlichkeitsrecht der Ärzte verletze. Die Gerichte folgen dem nicht. Denn die Informationen der Datenbank haben sich bislang als zutreffend erwiesen – im Presserecht eine sogenannte wahre Tatsachenbehauptung – und beziehen sich nur auf die Berufsausübung der Ärzte. Damit beziehen sie sich auf ihre sogenannte Sozialsphäre und nicht etwa ihre Privat- oder gar Intimsphäre. Wenn ein Journalist über diese berichten will, sind die Hürden deutlich höher.

„Es ist seit Jahrzehnten höchstrichterlich gesichert, dass eine wahre Angabe aus der Sozialsphäre nur in krassen Ausnahmefällen verboten werden kann,“ sagt Srocke. So eine Ausnahme wäre, wenn eine Behauptung eine Person stigmatisieren, sozial ausgrenzen oder an den Pranger stellten würde.

Juristisch eindeutig

Das ist aber laut den Urteilen nicht der Fall. Auch weil die begleitende Berichterstattung von CORRECTIV und Spiegel Online klar macht, dass ein Arzt nicht korrupt ist, nur weil er Zahlungen von Pharmakonzernen in Form von Reisekosten oder Honoraren für die Teilnahme an medizinischen Studien erhält. Weder Ärzte noch Konzerne verstoßen gegen Gesetze.

Hinzu kommt noch, dass das Grundgesetz eine freie Berichterstattung der Presse garantiert und erhebliches öffentliches Interesse an Verflechtungen zwischen Ärzten und der Pharmaindustrie besteht.

Juristisch ist die Sache im Grunde eindeutig. Ob in Köln und Hamburg oder in Lüneburg, Oldenburg oder Bückeberg: die Landgerichte weisen die Klagen gegen CORRECTIV und Spiegel Online reihenweise ab.

CORRECTIV richtete die Datenbank „Euros für Ärzte“ ein, um zu mehr Transparenz in dem Beziehungsgeflecht zwischen Ärzten und der Pharmaindustrie beizutragen. Denn einige wissenschaftliche Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen den Zuwendungen der Pharmakonzerne und der Verschreibungspraxis von Ärzten. 2016 zahlte die Industrie deutschen Ärzten, Apothekern, Heilberufler und Kliniken 562 Millionen Euro. Trotzdem wird in der Berichterstattung mehrfach darauf hingewiesen, dass dies erst einmal nur die abstrakte Möglichkeit eines Interessenkonflikt ist.

Wo bleibt der Gesetzgeber?

In der Datenbank „Euros für Ärzte“ sind ohnehin nur diejenigen Mediziner aufgeführt, die den Pharmakonzernen eine Veröffentlichung der Daten gestattet haben. Das waren im Jahr 2016 mit 16.500 Personen nur ein Viertel der in Deutschland praktizierenden Ärzte und Heilberufler. Gegenüber 2015 sank die Zahl der Ärzte, die mit einer Veröffentlichung der Zuwendungen einverstanden war.

Das führt zu der Kritik, dass nur die Ärzte, die sich um Transparenz bemühen, in der Öffentlichkeit stehen und von ihren Patienten auf die Zuwendungen angesprochen werden. Auch um dieser Kritik zu begegnen, ergänzte CORRECTIV die Datenbank um die „Null-Euro-Ärzte“: Ärzte, die nach eigenen Angaben keinerlei Zuwendungen erhielten, können sich hier eintragen.

Eine gesetzliche Regelung könnte dieses Dilemma klären und für Transparenz sorgen und die unterschiedlichen Interessen ausbalancieren. Die Pharmaindustrie hat die Transparenzinitiative wohl auch deswegen ins Leben gerufen, um eine gesetzliche Regelung, die nicht in ihrem Sinne ist, zu verhindern.

Schwieriger Kontakt

Auf seiner Reise durch Deutschland lernt Marc-Oliver Srocke nicht nur schöne Gerichtsgebäude wie die Residenz in Passau kennen, sondern trifft auch auf manch juristische Absurdität.

In der standardisierten Klageschrift des Anwalts von Langsdorff heißt es an einer Stelle beispielsweise, die Ärzte bestritten den Erhalt der Zahlungen. An anderer Stelle heißt es, die Angaben der Pharmakonzerne zu den Zuwendungen seien nur „möglicher Weise“ falsch. Vor Gericht wird dann jedoch häufig sofort eingestanden, dass die veröffentlichten Angaben zutreffen seien. „Hierzu wird dann vor Gericht häufig erklärt, dass der Kontakt zu den Ärzten sehr schwierig sei,“ sagt Srocke.

Vielleicht hat der Mediziner-Anwalt von Langsdorff vor den Verfahren mit einigen der von ihm vertretenen Ärzte keinen intensiven Kontakt gehabt. Sondern sich eine Vollmacht geben lassen und die Klageschrift eingereicht. Das Einreichen von standardisierten Klageschriften in großem Umfang – das erinnert an die Vorgehensweise von Abmahnanwälten.

Von Langsdorff will mit seinen Klagen auch Schadenersatz für die Ärzte erstreiten. Und behauptet, die Einträge in der Datenbank „Euros für Ärzte“ hätten den Wert der jeweiligen Arztpraxis um 5.000 Euro gemindert. Angeblich hätten die Praxen seit der Veröffentlichung in jedem Quartal 1.000 Euro weniger Umsatz erzielt. Wie das berechnet ist? Das will der Anwalt erst erklären, wenn er einmal ein Verfahren gewonnen hat.

Genervte Richter

Das Landgericht Konstanz schrieb dazu in einem Urteil vom 22. Februar 2019: „Die Angaben zu den angeblichen Umsatzverlusten sind offensichtlich ins Blaue hinein behauptet. Hierbei war auffällig, dass die Angaben in allen bei der Kammer zur Entscheidung anstehenden Parallelverfahren gleich hoch sind.“ Es scheint, als seien auch die Richter von der Klagewelle genervt.

Der Ärzte-Anwalt von Langsdorff schert sich darum nicht weiter. Er zieht seine Klagen nicht zurück. Vor Gericht sagt er zu seinen Motiven, er wolle auf die Situation der Ärzte aufmerksam machen, die gegenüber der Pharmaindustrie einer Veröffentlichung zugestimmt haben und sich anschließend nicht gegen Presseberichterstattung wehren können. Das könnte laut von Langsdorff dazu führen, dass immer weniger Ärzte einer Veröffentlichung zustimmen und letztlich der Gesetzgeber zu einer Regelung kommt.

Doch zu den Motiven könnte auch gehören, dass von Langsdorff in jedem Fall sein Geld erhält. Die Ärzte – oder ihre Rechtsschutzversicherungen – müssen ihn schließlich trotz der Niederlagen vor Gericht bezahlen. Die Klagen sind für den Anwalt damit wohl ein gutes Geschäft. Mit immer den gleichen Argumenten kann er viele Male kassieren.

Auf eine CORRECTV-Anfrage zu seinen Motiven für diesen Artikel äußerte sich von Langsdorff nicht. Vielleicht war er ja gerade irgendwo in Deutschland bei einer Verhandlung.

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Pressefreiheit

Wir fordern eine Antwort auf unseren offenen Brief

Mit der Unterstützung von 26.896 Unterzeichnenden wiederholt CORRECTIV die Forderungen an Justizministerin Katarina Barley und Finanzminister Olaf Scholz

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Im Oktober 2018 haben wir in Zusammenarbeit mit 18 internationalen Medien den größten Steuerraub Europas aufgedeckt. Anstatt unverzüglich gesetzliche Lücken im europäischen Finanzsystem zu schließen und wirkungsvoll gegen Steuerräuber vorzugehen, finden Ermittlungen gegen den Journalisten statt, der den Missstand öffentlich gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt – auf Ersuchen der Schweizer Justiz, die auf Anzeige einer in die Cum-Ex-Geschäfte involvierten Schweizer Bank agiert – seit Frühjahr gegen CORRECTIV-Chefredakteur Oliver Schröm in Zusammenhang mit den Cum-Ex-Recherchen. Der Vorwurf: Anstiftung zum Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen.

Insbesondere vor dem Hintergrund eines aktuellen Gesetzgebungsverfahrens ist dieser Fall von besonderem Interesse: Der aktuelle Entwurf für das Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen (GeschGehG) gefährdet den Informantenschutz und somit die Grundlage investigativer journalistischer Arbeit.

Wenn Journalisten und Whistleblower regelmäßig strafrechtliche Ermittlungen befürchten müssen, ist dies ein Angriff auf die Pressefreiheit. Sie erfüllen als Teil der Öffentlichkeit eine konstituierende Rolle für die Demokratie und müssen geschützt werden.

Dagegen wehren wir uns und veröffentlichten im Dezember 2018 einen offenen Brief. Wir fordern:

    • “Sehr geehrte Frau Justizministerin Katarina Barley,

    • wir fordern Sie auf, investigative Recherchen von Journalisten nicht zu kriminalisieren. Sorgen Sie dafür, dass Journalisten nicht wegen Verrats von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen strafrechtlich verfolgt werden können.
    • Sehr geehrter Herr Finanzminister Olaf Scholz,
      wir fordern Sie auf, gemeinsam mit Ihren Kollegen in Europa endlich unsere Staatskassen vor Ausplünderung zu schützen.”

Uns unterstützen heute 26.896 Unterzeichnende in dieser Forderung. Wir ersuchen Justizministerin Katarina Barley und Finanzminister Olaf Scholz daher nachdrücklich erneut, sich gegenüber den Unterzeichnenden und uns zu diesem Fall zu äußern.

Gleichzeitig danken wir allen Unterstützenden, die uns in dieser Sache den Rücken stärken und sich für eine freie und unabhängige Presse in unserem Land einsetzen.

Steuerraub ist ein Verbrechen. Journalismus nicht.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Jetzt spenden!

Jahresrückblick
In eigener Sache

Ein kurzer Rückblick auf das Jahr 2018

Wir hatten ein aufregendes Jahr. CORRECTIV konnte in mehreren großen Recherchen Missstände in unserer Gesellschaft aufdecken und Veränderungen anstoßen.

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Die CumEx Files

Für großes Aufsehen sorgten die CumEx Files. CORRECTIV baute ein Netzwerk aus 19 Redaktionen auf und koordinierte über ein Jahr eine grenzüberschreitende Recherche in zwölf Ländern. Gemeinsam deckten wir auf, wie Banker, Anwälte und Investoren mindestens 55 Mrd. Euro Europas Staatskassen raubten. Steuergelder, die unserer Gesellschaft zu Gute kommen sollten, ob für Kitas, Krankenhäuser oder Bildungseinrichtungen.

In Folge der Recherchen diskutierte Deutschland über Verflechtungen von bekannten Politikern mit der Finanzindustrie und mögliche Fehler der Politik. Das Europa-Parlament beschäftigte sich mehrfach damit, hörte unseren Chefredakteur an und beauftragte schließlich die europäischen Finanzaufsichtsbehörden, die Systeme von Steuerdiebstahl und Steuerumgehung zu untersuchen. Die EU-Kommission soll eine europäische Finanzpolizei aufbauen. Auch das französische Parlament startete eine Untersuchung zu Cum Ex.

Wir stoßen Debatten für ein demokratisches, funktionierendes Europa an. Damit Bürgerinnen und Bürger dafür Sorge tragen können, dass in Deutschland und Europa der Rechtsstaat für ihre Interessen eintritt.

Wenn der Kapitalmarkt grenzenlos ist, muss es unser Journalismus auch sein.

Auf unser Projektseite cumex-files.com finden Sie ganze Geschichte, alle Veröffentlichungen, Making-ofs und ein 70-minütiges Interview mit dem Insider.

Black Sites Turkey

Der türkische Geheimdienst betreibt ein weltweites Entführungsprogramm, dass sich gegen Anhänger der Gülen-Bewegung richtet. Gemeinsam mit acht Medien aus Europa und Israel deckten wir das ganze Ausmaß des Programms auf. Außerdem recherchierten wir exklusiv Hinweise, dass die Türkei darüber hinaus geheime Folterstätten im eigenen Land betreiben soll. Die Recherche fand ein großes Echo in der deutschen Politik. Die regierungsnahe Presse in der Türkei startete eine tagelange Kampagne gegen CORRECTIV. Besonders die Zusammenarbeit von mehreren Medien in dieser Recherche löste die heftigen Reaktionen aus. Das zeigt uns: gemeinsam ist man stärker. Wir werden den Weg der Kooperation weiter gehen.

Zur Recherche

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

© picture alliance / Geisler-Fotopress

#MeToo beim WDR

Im April brachte CORRECTIV zusammen mit dem stern die deutsche #MeToo-Debatte ins Rollen. Wir berichteten erstmals über sexuelle Übergriffe eines Auslandskorrespondenten beim WDR. In der Folge meldeten sich viele Frauen mit weiteren Fällen und brachten ein strukturelles Defizit im Umgang mit Machtmissbrauch bei dem Sender ans Licht. Ein Korrespondent wurde entlassen, ein weiterer freigestellt. Eine externe Prüferin durchleuchtete den Umgang des Senders mit den Vorwürfen, Intendant Tom Buhrow geriet unter Druck. Er will Führungskräfte nun stärker für das Thema sensibilisieren und hat zwei Anwaltskanzleien als externe Anlaufstellen eingerichtet.

Wir bleiben dran und nehmen Hinweise auf sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz weiterhin ernst.

Unsere Recherchen zu #MeToo-Fällen beim WDR lesen Sie hier.

erntehelferinnen

Vergewaltigungen auf Spaniens Feldern

Sexueller Ausbeutung schutzlos ausgeliefert waren bislang marokkanische Erntehelferinnen auf andalusischen Erdbeerfeldern. Wochenlang reisten wir durch die Region und sprachen mit rund 100 Frauen. Die gemeinsame Recherchen von CORRECTIV, BuzzFeed News und dem RTL Nachtjournal haben in Spanien, wo das Thema bis dahin tabu war, eine Debatte in Gang gesetzt. Die Staatsanwaltschaft in der Region begann zu ermitteln, die nationale Justiz nahm den Faden im Sommer ebenfalls auf. In Deutschland wiederum beschloss ein großer Discounter, keine Erdbeeren mehr von dem genannten Produzenten zu kaufen. Viele Deutsche überlegen jetzt genau, von wo sie Erdbeeren kaufen.

Die Recherche wurde mit dem Otto-Brenner-Preis sowie dem Georg von Holtzbrinck-Preis ausgezeichnet.

Die ganze Recherchereihe lesen Sie hier.

wem gehört hamburg

“Wem gehört Hamburg?”

Um den Wohnungsmarkt transparenter zu machen, sind wir neue Wege gegangen: Wir haben Bürgerinnen und Bürger von Anfang an in eine Recherche einbezogen. Mithilfe von Hinweisen über ihre Vermieter, die über 1.000 Mieter auf unsere redaktionelle Plattform hochluden, konnten wir ca. 15.000 Wohnungen in Hamburg zuordnen. Auf Basis dieser Daten evaluierten wir zusammen mit dem Hamburger Abendblatt, wie Eigentümerstrukturen die Situation von Mietern beeinflussen.

Unsere Auswertungen der Grundstücksverkäufe der Stadt der letzten sieben Jahre warfen ein Schlaglicht darauf, wie leichtfertig Hamburg die Kontrolle über Wohnflächen aufgegeben hat. Der Senat plant daraufhin nun, Grundstücke zur Wohnbebauung seltener an Investoren zu verkaufen und häufiger in Erbpacht zu vergeben. Vergleichbare Bürgerrecherchen haben wir bereits in Berlin und Düsseldorf mit lokalen Partnern, dem Tagesspiegel und der Rheinischen Post, gestartet und werden sie 2019 auf weitere Städte ausweiten.

Mit CORRECTIV.Lokal, unserem Netzwerk für kollaborativen Lokaljournalismus, werden wir 2019 weitere Themen anstoßen, die eine nationale Bedeutung haben und gleichzeitig für die Bürgerinnen und Bürger vor Ort besonders relevant sind.

Mehr Informationen finden Sie hier.

FUNKE Foto Services / Fabian Strauch

Alte Apotheke

Der Fall von Peter Stadtmann ist schwer erträglich: ein Apotheker, der über Jahre in großem Stil Krebsmedikamente panscht und so tausende Menschen um lebensrettende Arzneien bringt. Wir machten die Verbrechen der Alten Apotheke in Bottrop nicht nur öffentlich, sondern begleiteten die Menschen auch direkt vor Ort: Wir informierten Betroffene über die Situation und ihre Möglichkeiten. In einer von uns gegründeten Facebook-Gruppe mit knapp tausend Mitgliedern vernetzten sich Betroffene und Angehörige. Sie treiben Veränderungen nun selbst weiter voran. Wir berichteten über ein Jahr lang über das Verfahren gegen Stadtmann, über nötige Kontrollen und die Schwächen im Gesundheitssystem.

Die gesamte Berichterstattung zum Fall der Alten Apotheke finden Sie hier.

CORRECTIV veranstaltungen

Campfire Festival

Mit unserem Campfire Festival tragen wir Journalismus näher an die Menschen heran. Wir wollen die Grenzen einreißen zwischen „den“ Medien und „den“ Konsumenten. Wir alle sind Teil einer Gesellschaft, in der wir gemeinsam über unsere Zukunft reden und entscheiden müssen. Bei schönstem Wetter kamen im August gut 11.000 Besucher in Düsseldorf zusammen, um Diskussionen für eine bessere Zukunft zu führen und positive Veränderung anzustoßen. Wir waren begeistert: Der direkte Austausch vor Ort funktioniert. Offen und transparent; zugänglich und freundlich – so soll auch das nächste Campfire Festival werden. Vom 30. August – 1. September 2019 kommen wir wieder auf dem Platz des Landtags zusammen.

Alle Informationen finden Sie unter campfirefestival.org.

pressekonferenz
Pressekonferenz zu den Ermittlungen mit Frank Überall, David Schraven, Oliver Schröm und Gerhard Schick (von links) Foto: Benjamin Schubert für CORRECTIV
In eigener Sache

Überwältigende Solidarität mit Oliver Schröm

Presseberichte in sämtlichen Medien, mehr als 15.000 Unterzeichner unseres Offenen Briefes nach nur einem Tag: Die Ermittlungen gegen unseren Chefredakteur wegen seiner Cum-Ex-Recherchen haben für Empörung gesorgt.

Gestern haben wir einen Offenen Brief an Justizministerin Katarina Barley und Finanzminister Olaf Scholz veröffentlicht. Wir forderten sie darin auf, Journalisten nicht  zu kriminalisieren und stattdessen die Staatskasse vor Dieben zu schützen. Hintergrund ist, dass die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen unseren Chefredakteur Oliver Schröm aufgrund seiner Recherchen zu Cum-Ex-Geschäften ermittelt.

Die Reaktionen auf unseren Brief haben uns überwältigt: Innerhalb von weniger als 24 Stunden haben über 15.000 Bürgerinnen und Bürger den Brief unterzeichnet. Jan Böhmermann, Dorris Dörrie, Klaas Heufer-Umlauf, Nikolaus Brender,  Sibylle Berg, Sophie Passmann und viele weitere haben sich mit Schröm solidarisiert,  Journalistenverbände forderten einen besseren Schutz für Investigativjournalisten und Whistleblower. Etliche Medien berichteten über die Ermittlungen (siehe Presseschau unten).

„Soviel Solidarität von unseren Leserinnen und Lesern sowie von Kollegen zu erfahren, tut enorm gut. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass es hier um mehr geht als um meine persönliche Situation: Die Pressefreiheit steht auch aufgrund anstehender Gesetzesänderungen auf dem Spiel”, sagte Schröm.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Oliver Schröm wird verdächtigt, im Zusammenhang mit seinen Recherchen zu Cum-Ex-Geschäften zum „Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen” nach §17 UWG (Gesetz gegen Unlauteren Wettbewerb) angestiftet zu haben.

Am Mittwoch Nachmittag wird in einem Bundestagsausschuss ein umstrittener Gesetzentwurf beraten. Das Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen (GeschGehG) Gefahr erhöht in seiner aktuellen Form  die Gefahr, dass investigative Journalisten für das Aufdecken von Missständen strafrechtlich verfolgt werden.

Auswahl Social Media

Das darf doch nicht wahr sein: Die Banker haben uns um 52 Milliarden geprellt, und der Journalist, der diesen Skandal…

Gepostet von Politik und Zeitgeschehen am Dienstag, 11. Dezember 2018

Pressespiegel

Cum-Ex-Files: Ermittlungen gegen “Correctiv”-Chef (tagesschau.de)
Staatsanwälte ermitteln wegen Cum-Ex-Recherchen gegen Correctiv-Chef (Zeit.de)
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen “Correctiv”-Chefredakteur (Spiegel Online)
Nach Cum-Ex-Recherchen im Visier der Behörden (Deutschlandfunk)
“Keine akademische Diskussion, sondern eine konkrete Bedrohung” (Süddeutsche Zeitung)
Ritter im Unterhemd (Süddeutsche Zeitung)
Ermittlungen gegen Correctiv-Chefredakteur (NDR)
Ermittlungen wegen CumEx-Files: Angriff auf die Pressefreiheit? (Das Erste/Panorama)
Wegen CumEx-Enthüllungen: Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen Correctiv-Chefredakteur Oliver Schröm (Meedia)
Oliver Schröm: Angriff auf die Pressefreiheit (Gabor Steingarts Morning Briefing. Der Podcast.)
Ermittlungen gegen Rechercheorganisation Correctiv (Tagesspiegel)
Geschäftsgeheimnisse und Cum/Ex: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Correctiv-Chefredakteur (Netzpolitik)
Tysk anklager vil straffe Politikens samarbejdspartner i afsløringer om udbytteskat (Politiken, Dänemark)
Journalistisk hovedperson i udbyttesamarbejde efterforskes af tysk politi (DR, Dänemark)
La Fiscalía de Hamburgo investiga a Oliver Schröm por el caso de los dividendos black (El Confidenciál, Spanien)
Brottsmisstänkt för stort svindelavslöjande (Göteborgs Posten, Schweden)
Duitse justitie vervolgt journalist voor publicatie CumEx Files (Follow the Money, Niederlande)
Ermittlungen gegen Oliver Schröm einstellen und Journalisten vor Strafverfolgung schützen! (Netzwerk Recherche)
#CumEx: Sie wollen uns zum Schweigen bringen! (Medium)
Journalist deckte 55-Milliarden-Steuerbetrug auf – jetzt wird gegen ihn ermittelt (Focus online)
Hinweisgeber und Journalisten brauchen gesetzlichen Schutz (Transparency International Deutschland e.V.)
„Quellen vertrauen sich nur an, wenn sie geschützt bleiben“ (Deutschlandfunk)
Staatsanwalt gegen „Correctiv“ (tageszeitung)
Ermittlungen gegen “Correctiv”: “Pressefreiheit stößt manchmal an Grenzen” (Spiegel Online)
Presse unter Beschuss (neues deutschland)
„Keine illegalen Geheimnisse schützen“ (Deutschlandfunk Kultur; Interview mit Heribert Prantl)
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen “Correctiv”-Chef – Journalisten sprechen von Angriff auf Pressefreiheit (stern.de)
Recherchen zu „Cum-Ex“-Deals: Ermittlungen gegen Netzwerk „Correctiv“ – Quelle: https://www.shz.de/21938122 ©2018 (shz)
Vorwurf: Wirtschaftsspionage (Badische Zeitung)
Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Cum-Ex-Recherche gegen Correctiv-Chefredakteur (Ostsee-Zeitung)
“Angriff auf die Pressefreiheit” Ermittlungen gegen Journalisten wegen Cum-Ex-Enthüllungen (t-online)
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Correctiv-Chefredakteur (Welt)
Cum-ex-Affäre: Strafverfahren gegen deutschen Journalisten (NZZ, Schweiz)
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen “Correctiv”-Chefredakteur (Der Standard, Österreich)

 

verfassungsgericht
Uli Deck / POOL / AFP
In eigener Sache

CORRECTIV und Spiegel erwirken Waffengleichheit für Medien vor Gericht

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass Medien angehört werden müssen, bevor eine Klage gegen sie anlaufen kann.

weiterlesen 4 Minuten

von Anna Mayr

Waffengleichheit – das klingt nach einem Ehrenkodex bei Duellen im Wilden Westen. Das Wort steht aber auch im Gesetzbuch: Bei einem Gerichtsverfahren müssen die zwei Parteien, die sich streiten, Waffengleichheit besitzen. Niemand darf bevorzugt oder benachteiligt werden. Heute, am 26. Oktober, beschloss das Bundesverfassungsgericht, dass auch Medien vor Gericht nicht mehr benachteiligt sein dürfen. Bis jetzt war das nämlich so.

Bisher konnten Personen und Firmen, die meinten, dass in einem Artikel ihre Rechte verletzt werden, bei Gericht einen Antrag stellen: auf eine einstweilige Verfügung gegen das Medium, das den Artikel veröffentlichte. Wenn das Gericht den Antrag bewilligte, bekamen die Medien einen Brief. Manchmal stand in diesen Briefen keine ausführliche Begründung, sondern lediglich der Hinweis, jemand fühle sich „in seinen Rechten verletzt“.  Danach ging die Sache üblicherweise vor Gericht, in Berufungsverfahren, die bis zu zwei Jahre dauern können. Erst dort konnten die Journalisten und Verlage sich rechtfertigen.

„Ab jetzt müssen die Gerichte die Medien vor dem Erlass einer einstweiligen Verfügung anhören“, sagt Thorsten Feldmann, Rechtsanwalt von CORRECTIV. Und die Gerichte müssen Medien informieren, wenn sie einem Antragssteller Hinweise geben oder mit ihm sprechen. „Das bedeutet Waffengleichheit, weil alle Parteien die gleichen Informationen bekommen“, sagt Feldmann.

Medien können jetzt zeigen, dass die Recherche legal ablief

Konkret ging es bei der Recherche von CORRECTIV um Protokolle aus Sitzungen der Firma Ferrostaal, eine Geschichte unseres Reporters Frederik Richter. Die Argumentation von Ferrostaal vor dem Landgericht in Köln: CORRECTIV habe die Aufzeichnungen aus den Sitzungen illegal bekommen, etwa durch Diebstahl oder Erpressung. Das Gericht gab CORRECTIV nicht die Möglichkeit, sich dazu zu äußern.

Auch das Magazin Spiegel hatte eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt. Der Spiegel hatte über die Steuertricks eines Fernsehmoderators berichtet. Der Moderator stellte drei Anträge auf eine einstweilige Verfügung gegen das Magazin. Das Gericht wies alle Anträge ab – aber den Journalisten sagte man von der ganzen Sache nichts. Erst, als der vierte Antrag erfolgreich war, und sie direkt zum Abdruck einer Gegendarstellung verpflichtet wurden.

In Zukunft müssen Gerichte den Medienhäusern sagen, wenn gegen sie Beschwerden vorliegen. Dann haben sie eine Möglichkeit, sich zu rechtfertigen. „So sollten Zivilprozesse sein”, sagt Thorsten Feldmann. Die Verfahren würden auch „ökonomischer”, weil sich einige Fälle direkt bei der ersten Anhörung klären könnten.

Zwei der vielen Besucher auf dem Campfire-Festival für Journalismus und digitale Zukunft.© Ivo Mayr / Correctiv

In eigener Sache

Sonne, Zelte, Journalismus: unser Festival

Wochenlang starrten wir auf die Wetter-App. Es half: es gab Sonne satt bei unserem zweiten Campfire-Festival in Düsseldorf. Gut 11.000 Besucher kamen, um über Journalismus und unsere digitalisierte Gesellschaft zu diskutieren. Wir sind beigeistert: Der direkte Austausch funktioniert.

von David Schraven , Marta Orosz

Wir sitzen im Kreis in einem der 18 Zelte am Düsseldorfer Landtag und wollen eigentlich über uns selbst reden: Über die Konkurrenz im Mediengeschäft. Zwei Journalistinnen vom Collectext, ein junges Kollektiv von freien Reporterinnen, suchen den richtigen Umgang mit dem harten Wettbewerb in der Branche. Menschen bleiben stehen, die beruflich nichts mit Journalismus zu tun haben.

Sie beschäftigen sich mit ganz anderen Fragen. „Wie kann man denn noch der Berichterstattung trauen, wenn Journalisten doch auch durch ihren eigenen politischen Präferenzen geprägt sind?“ fragt ein Herr. Die Frage regt zur Debatte an. Hier im kleinen Kreis in einem Festivalzelt unter dem Rheinturm können wir auf Augenhöhe reden.

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Das Campfire-Zeltdorf auf der Rheinwiese vor dem Düsseldorfer Landtag

Ivo Mayr / Correctiv

„Natürlich gibt es eine persönliche Haltung oder sogar einen eigenen Bezug zu vielen Themen, die wir bearbeiten – wie in jedem anderen Beruf auch“, sind wir uns einig. „Doch im guten Journalismus stellen eindeutige handwerkliche Regeln sicher, dass nicht die persönliche Präferenzen der Reporter die Berichterstattung prägt“, sagen die Journalisten im Kreis.

Es ist eine Gesprächssituation, wie wir sie sonst in den Kommentaren unter unsere Artikel oder in sozialen Medien führen – doch hier können wir direkt mit den Menschen sprechen. Die Gräben werden zugeschüttet. Vertrauen aufgebaut.

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In achtzehn Zelten gab es drei Tage lang Diskussionen, Workshops und Lesungen für alle, die Interesse am Journalismus, digitale Themen oder einfach am Austausch haben

Ivo Mayr / Correctiv

„Den Besuchern gefällt die Mischung und der Blick hinter die Kulissen“, berichtet der Deutschlandfunk später über das Festival und findet, dass mit dem Campfire Festival einen ersten Schritt zur Wiederannäherung von Medien und Gesellschaft erfolgt ist. Es ist das Wochenende, an dem am anderen Ende der Republik, in Chemnitz, Journalisten von rechten Demonstranten angegriffen werden.

In den achtzehn Zelten am Platz des Landtags an den drei Spätsommertagen passiert genau das, was wir Medienmacher unter uns an Podiumsdiskussionen und in Feuilletons seit Jahren für den Weg aus der Vertrauenskrise halten: Das Gespräch zu unserem Publikum zu suchen und mit ihnen einen ehrlichen Austausch führen.

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Der Künstler El Marto aus Burkina Faso zeichnete mit Schülern

Ivo Mayr / Correctiv

Der Einladung gefolgt sind auch Medienmacher, wie der Ex-BILD-Chef Kai Dieckmann oder der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Steingart erinnert im Gespräch gleich zum Auftakt des Festivals daran, dass die Menschen viel mehr Transparenz von den Medien verlangen – und das bedeutet auch zu wissen, wer hinter den einzelnen Veröffentlichungen als Autor steht. „Das sind wir den Lesern schuldig“, sagt er.

Wie viel Verantwortung tragen die Medien für den Aufstieg der AfD? Auch diese Frage wurde diskutiert. „Journalisten müssen näher an die Leute rangehen und sich der inhaltlichen Auseinandersetzungen stellen“, sagte dazu CORRECTIV-Geschäftsführer David Schraven.

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Daniel Moßbrucker von Reporter ohne Grenzen gibt Tipps zur sicheren digitalen Kommunikation – nicht nur für Journalisten

Ivo Mayr / Correctiv

Viele Reporter kamen zum Festival, um genau über solche Erlebnisse zu berichten: Wie etwa über die Gangsta-Rap-Szene, die im Kulturjournalismus kaum Beachtung bekommt, während die Jugendliche in diesem Land die oft umstrittenen Zeilen der Rapper millionenfach streamen. Oder wie Hüdaverdi Güngör, Volontär bei CORRECTIV, der für eine Video-Serie „Auf eine Shisha mit…“ Menschen trifft, die über ihre eigene Erfahrungen mit Integration berichten.

Auf dem Festival traten nicht nur im Medienzirkus bekannte Gesichter auf, sondern auch Ali Can, Gründer der „Hotline für besorgte Bürger“ oder Volker Huß, von der Gewerkschaft der Polizei NRW. Er diskutierte mit Tania Röttger, Leiterin der Faktencheckredaktion CORRECTIV von CORRECTIV und mit dem Spiegel-Reporter Jörg Diehl über Panikmache, Fake News in den sozialen Medien und über die gefühlte und tatsächliche Sicherheit in Deutschland – Themen, die in den vergangenen Jahren die Öffentlichkeit stark polarisiert haben. Die Gespräche blieben laut unserem Medienpartner Rheinischen Post „ruhig, sachlich, konstruktiv und stets mit einem zuversichtlichen Blick nach vorne.“

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Eine gute Mischung aus Festival-Stimmung und Zukunftsthemen

Ivo Mayr / Correctiv

Dass der digitale Wandel nicht nur für den Journalismus, sondern für alle eine alltägliche Herausforderung darstellt, zeigte auch das große Interesse am Gespräch mit Guido Bülow, der Europa-Chef für Medien bei Facebook über die Verantwortung eines des größten und einflussreichsten Internetkonzerns.

Vor einem Jahr hatten wir Pech: die erste Ausgabe des Journalismus-Festival war nach tagelangem Regen im Schlamm versunken. Vielleicht hatte dieses Jahr El Marto die Sonne mitgebracht. Der Künstler reiste aus Ouagadougou in Burkina Faso an, um seine Graphic Novel „Made in Germany: Ein Massaker im Kongo“ vorzustellen und Workshops im Zeichnen anzubieten. Eine nicht ganz so weite Anreise hatte Zubeyde Sarı, die Co-Chefredakteurin unserer türkischsprachigen Redaktion #ÖZGÜRÜZ. Sie erzählte, wie sie erst Tage zuvor im Tränengas über eine Demonstration in Istanbul berichtet hatte.

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„Tut was!“ – Can Dündar von #ÖZGÜRÜZ fordert von Europa mehr Engagement für die Demokratie.

Ivo Mayr / Correctiv

Das Campfire-Festival. Das waren drei Tage vor dem Landtag am Rhein. Friedlich, ruhig und freundlich. Wir hatten über 250 Speaker, Workshops, Diskussionen und Gesprächsrunden.

Es war ein Aufbruch. Für uns bei CORRECTIV ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Genauso hatten wir uns das Leben in unserem kleinen Zeltdorf vorgestellt: offen und transparent; zugänglich und freundlich.

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Ivo Mayr / Correctiv

Wir sind sehr froh, dass wir für diesen Traum Partner gefunden haben. Allen voran ist sipgate zu nennen. Direkt bei dem ersten Gespräch hat es gefunkt. Wir haben die gleiche Vision: Wir wollen eine offene, transparente und selbstbestimmte Welt. Als Hauptsponsor hat sipgate das Festival möglich gemacht. Als Partner etliche Panel bespielt. Wir sagen: DANKE!

Dann müssen wir auch der Rheinischen Post danken. Als wir aus Dortmund weggegangen sind, hat Michael Bröker spontan zugesagt, in Düsseldorf mitzumachen. Und es ist toll geworden. Die Rheinische Post hat sich reingehängt. Ein Zirkuszelt auf den Platz gestellt, eine Liveredaktion aufgebaut und etliche spannende Talks organisiert. DANKE!

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Und dann möchten wir der Stadt Düsseldorf danken! Unkompliziert und entgegenkommend hat sie dem Campfire-Festival den Ort gegeben: Oberbürgermeister Thomas Geisel hat den Weg zum Bürgerpark spontan frei gemacht. DANKE!!

Dann noch ein großes DANKE! an all die anderen Partner und Freunde, wie den Ankerherz-Verlag, mit dem wir den Namen ausgeknobelt haben.

Das Campfire-Festival gehört uns, es gehört Euch allen. Wir freuen uns auf das nächste Jahr!

DANKE AN EUCH ALLE!!

Neues Führungsteam: Ruth Fend und Frederik Richter (oben) ergänzen die Chefredaktion, Anne-Lise Bouyer und Tania Röttger leiten das Tech-Team und die Faktencheck-Redaktion ECHT JETZT.© Ivo Mayr / CORRECTIV

In eigener Sache

CORRECTIV erweitert sein Führungsteam

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Das Recherchezentrum CORRECTIV baut sein Führungsteam aus.

Um die wachsende Anzahl an langfristigen und umfangreichen Recherchen bewältigen zu können, wird die Leitung der CORRECTIV-Redaktion erweitert. Ab dem 1. September 2018 werden Ruth Fend und Frederik Richter stellvertretende Chefredakteure. Ruth Fend kommt neu zu CORRECTIV. Anfang Februar war bereits Oliver Schröm als Chefredakteur bei CORRECTIV eingestiegen.

„Ich freue mich sehr, dass wir Ruth Fend für CORRECTIV gewinnen konnten. Zusammen mit Frederik Richter habe ich nun zwei erfahrene Journalisten an meiner Seite in der Chefredaktion. Das ist großartig!“, sagt Oliver Schröm.

Ruth Fend war zuletzt zwei Jahre lang Chefredakteurin der Gruner+Jahr-Magazine Neon und Nido. Zuvor führte sie die Redaktion des Wirtschaftsmagazins Business Punk. Davor war Ruth Fend für Capital und Financial Times Deutschland tätig, davon zweieinhalb Jahre als Korrespondentin in China. Ruth Fend hat in Boston und Genf Internationale Beziehungen studiert.

Frederik Richter ist seit drei Jahren bei CORRECTIV. Neben seiner Reportertätigkeit mit dem Schwerpunkt Korruption und internationale Recherchen nahm Frederik Richter seit Anfang des Jahres die Funktion als geschäftsführender Redakteur wahr.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

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Vor seiner Zeit bei CORRECTIV berichtete er zehn Jahre lang als freier Journalist und Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters aus dem Nahen Osten und aus Südostasien.

Neben der Chefredaktion stärkt CORRECTIV außerdem zwei seiner Schwerpunkte mit einer Teamleitung. CORRECTIV sieht den Kampf gegen Desinformationen und Fake News als wichtige Aufgabe an und hat dafür die Factchecking-Redaktion ECHT JETZT gegründet.

Seit wenigen Wochen leitet Tania Röttger diese Redaktion. Tania Röttger hat nach Studium der Sozial- und Kulturwissenschaften bei der Request Initiative in London gearbeitet. Nach anschließendem Volontariat bei CORRECTIV arbeitete sie als Redakteurin für das Recherchezentrum, mit dem Spezialgebiet Auskunftsrecht.

Seit Gründung spielen datenjournalistische Methoden eine zentrale Rolle bei den Recherchen von CORRECTIV. Anne-Lise Bouyer verantwortet seit kurzem als Leiterin des Tech-Team die datenjournalistischen Projekte und Entwicklungen bei CORRECTIV. Sie ist seit September 2017 bei CORRECTIV, zunächst als Projektmanagerin.

Nach ihrem Studium der Informatik arbeitete sie in verschiedenen Agenturen und Technologie-Start-Ups sowie bei OWNI.fr, dem Pariser News Start-Up und Pionier des Datenjournalismus in Frankreich. Anschließend war sie Mitgründerin der Agentur „Journalism++“ und koordinierte Projekte wie „Migrants Files“, Gewinner des European Press Prize und des Datajournalism Award.

Die aktuellen Veränderungen kommentiert Simon Kretschmer, Geschäftsführer CORRECTIV: „Wir stehen für einen unabhängigen und datenorientierten investigativen Journalismus, der die Bürger einbezieht, aufklärt und ausbildet. Jetzt konnten wir unser Team ideal ergänzen und organisatorisch so aufstellen, dass wir mit großer Leidenschaft und den passenden Kompetenzen unseren Ansatz verfolgen können.“ 

Aus der Geschichte des verhafteten Journalisten in der Türkei wird eine globale Erzählung: Peter Hamilton Dyer spielt Can Dündar.© Royal Shakespeare Company

In eigener Sache

Verräter allerorten

Die Royal Shakespeare Company zeigt derzeit die Geschichte des türkischen Journalisten Can Dündar als Theaterstück. Dündar musste 2015 wegen kritischer Berichterstattung ins Gefängnis und lebt heute im Exil in Deutschland. Für die Theatermacher bietet sein Fall viel Stoff für provokante Fragen an die Gesellschaft.

von Marta Orosz

Die letzten drei Jahre waren für den türkischen Journalisten Can Dündar turbulent: er wurde wegen seiner Recherchen verhaftet, mit absurden Vorwürfen vor Gericht gezerrt und ins Exil vertrieben. Die traditionsreiche Royal Shakespeare Company hat Dündars Geschichte jetzt in Stratford-upon-Avon, dem Geburtsort von Shakespeare, auf die Bühne gebracht.

#WEAREARRESTED heißt das Stück, nach dem Tweet, den Dündar bei seiner Verhaftung noch absetzen konnte. Es ist noch bis zum 23. Juni auf dem Theaterfestival Mischief zu sehen.

Heute ist Dündar Chefredakteur der türkischsprachigen Redaktion des Recherchezentrums Correctiv, genannt Özgürüz, wir sind frei. Zu seiner Zeit als Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhürriyet enthüllte Dündar, wie die türkische Regierung Waffen und Sprengstoff an islamistische Gruppen in Syrien lieferte. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ließ ihn daraufhin verhaften, Dündar saß wegen des Vorwurfs der Spionage und Unterstützung von Terrorismus für drei Monate im Gefängnis.

„Wir erleben, wie sich die Demokratie verändert“

Für die Royal Shakespeare Company ist die Geschichte eine der großen Erzählungen, mit denen das Theater sein Shakespeare-Repertoire ergänzt und an den Debatten der Gegenwart teilnehmen will. Regisseurin Sophie Ivatts beobachtet im Zuge des EU-Austritts Großbritanniens, wie der Raum für öffentliche Debatten immer kleiner wird.

„Seit zehn Jahren erleben wir – vielleicht auf eine viel subtilere Weise als in der Türkei –, wie sich unsere Demokratie verändert, weg von einer sozialen Demokratie in Richtung eines sehr polarisierten Landes, sowohl was die politische Meinung als auch den Wohlstand betrifft“, sagt Ivatts.

Auf der Bühne des Royal Shakespeare Theaters wird weder der Name des türkischen Präsidenten Erdoğan noch die Türkei genannt. Die Dramaturgin Pippa Hill extrahierte aus der Geschichte Dündars die universelle, menschliche Geschichte eines verhafteten Journalisten. Der Hauptdarsteller begibt sich auf eine emotionale Reise und macht auf den politischen Kontext aufmerksam: „Die Verquickung des Politischen mit dem Emotionalen fanden wir sehr spannend: Unser Ziel war es, den politischen Kontext zusammen mit seinen persönlichen Konsequenzen zu zeigen.“ Für die Theaterkritikerin der britischen Tageszeitung „The Guardian“ ist das Stück „ein einfacher, direkter Weg, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass die Ereignisse in der Türkei überall eintreten könnten.“

Die Royal Shakespeare Company führt das Stück #WEAREARRESTED in ihrem Saal The Other Place auf. Die Einrichtung mit der Bühne in der Mitte, wie es zu Zeiten Shakespeares üblich war, lässt den Zuschauer intensiv an einer Redaktionskonferenz in Dündars ehemaliger Zeitung oder an seinem Alltag in Einzelhaft teilhaben.

Hauptdarsteller Peter Hamilton Dyer führt durch die Ereignisse: von der Entscheidung der Zeitung, die brisanten Filmaufnahmen der Waffenlieferungen nach Syrien zu veröffentlichen über die Verhaftung bis hin zum Exil des Journalisten in Deutschland. Szenen mit seiner Familie und aus der Haft färben die Erzählung, die sprachlich den Worten Dündars in seinem Buch „Wir sind verhaftet“ treu bleibt.

„Can Dündar ist ein unfreiwilliger Held in dieser Erzählung“, sagt der Schauspieler Dyer. „Wenn er könnte, würde er das Ganze anders haben.“

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Das Theater hat den Fall Dündar aus einer auf die Türkei bezogenen Geschichte in eine globale Erzählung verwandelt. Nach der Premiere des Stückes traf eine Besucherin auf den Hauptdarsteller und erzählte, dass ihr Vater ein politischer Gefangener im Sudan gewesen sei. „Die Frau wusste kaum etwas darüber, was ihr Vater vor Jahrzehnten im Gefängnis erlebt hat“, erzählt Dyer. „Und jetzt, viele Jahre später, schaute sie sich ein Stück an, basiert auf türkischen Erfahrungen, inszeniert von einem britischen Ensemble und porträtiert von einem englischen Schauspieler. Diese Geschichte half ihr, ihren Vater besser zu verstehen.“

Resonanz in Großbritannien

Das Stück betont die Bedeutung von Pressefreiheit und die Rolle von Journalisten als Gegengewicht zu den Mächtigen. Die würden viele in Großbritannien nicht in Frage stellen. Es ist aber eine andere Frage, die Regisseurin Ivatts an das heutige Großbritannien stellen möchte: „Was ist Dein persönlicher Bezug zum Patriotismus und was bedeutet Patriotismus für Dich?“

Denn viele seiner Landsleute sehen in Can Dündar einen Verräter wegen seiner Veröffentlichungen und seinem Kampf für die Pressefreiheit. Einen ähnlichen Fall gab es auch in der aufgeheizten politischen Atmosphäre rund um den Brexit.

Die Unternehmerin Gina Miller erstritt 2016 in einer Klage, dass das britische Parlament beim EU-Austritt des Landes ein Mitspracherecht hat. „Gina Miller hat vor dem Gericht Recht bekommen, das Parlament muss über den Brexit abstimmen – dennoch hat ein Großteil der britischen Presse sie als Verräterin bezeichnet“, sagt die Regisseurin Ivatts.

Sie verweist auch auf die Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox ebenfalls im Jahr 2016, die sich offen für den Verbleib des Landes in der EU und für liberale Werte aussprach. „Für mich ist das eine gewaltige Abkehr von der Demokratie, die quasi unbemerkt vonstatten geht.“

Die Wirtschaftszeitung „Financial Times“ geht in einer Kolumne über das Stück noch einen Schritt weiter und sieht bereits eine Gewöhnung an die neuen, repressiven Zustände.

„Die Botschaft scheint ja nicht zu sein, dass diese Ereignisse abscheulich wären, sondern eher, dass wir uns dieser Vorkommnisse auf noble und selbstgefällige Weise bewusst sind,“, schreibt die „Financial Times“ (Bezahlschranke).  FT.com.

Das Stück endet mit einer Szene in Berlin: Can Dündar sitzt in einem Cafe und merkt, dass er von Erdoğan-Anhängern umgeben ist. Auch in Deutschland muss Dündar noch um sein Leben fürchten.

„Am Ende wurde ich freigelassen – die Gesamtsituation hat sich aber keineswegs verändert, weil 150 weitere Personen immer noch im Gefängnis sind. Mir müssen also was tun!“, sagt Dündar.

Simon Kretschmer

Simon Kretschmer© Christoph Neumann

In eigener Sache

CORRECTIV baut Führung aus

Das Recherchezentrum CORRECTIV erweitert seinen Führungskreis: Simon Kretschmer wird ab Mai 2018 weiterer Geschäftsführer von CORRECTIV. David Schraven bleibt ebenfalls Geschäftsführer. Anfang Februar war bereits Oliver Schröm als Chefredakteur bei CORRECTIV eingestiegen.

weiterlesen 3 Minuten

von David Schraven

„Wir sind sehr froh, Simon Kretschmer für CORRECTIV gewonnen zu haben. Simon ist ein erfahrener Medienmanager und hat renommierte Medienmarken sehr erfolgreich geführt, er kann Organisationen groß machen“, sagt David Schraven.

CORRECTIV wird sich in Zukunft sowohl auf lokale als auch internationale Themen fokussieren, die für die gesamte Gesellschaft wichtig sind. Von internationalen Steuerverbrechen über die Auswirkungen des Klimawandels vor Ort bis hin zur Frage bezahlbaren Wohnraums in deutschen Städten. „Wir wollen uns um Aspekte kümmern, die Auswirkungen auf die Entwicklung der Freiheit und Demokratie in Deutschland und Europa haben“, sagt Simon Kretschmer. „Das ist alles nicht voneinander zu trennen. Dabei soll CORRECTIV nicht nur die Probleme beschreiben, die vor uns liegen, sondern auch dabei helfen, Lösungen zu finden.“

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Als Geschäftsführer von CORRECTIV wird sich Simon Kretschmer um die Geschäftsentwicklung sowie den strategischen und organisatorischen Ausbau des Recherchezentrums kümmern. David Schraven bleibt Publisher und zeichnet für die inhaltliche Strategie verantwortlich.

Simon Kretschmer hat in Kassel, London und Kapstadt Wirtschaftswissenschaften studiert und in Sydney und Seoul gearbeitet. Seine Karriere bei Gruner+Jahr führte ihn in die Verlagsleitung des stern, wo er für unterschiedliche print und digitale Marken zuständig war. Im Oktober 2013 ging Simon Kretschmer für G+J nach Berlin und war zuletzt als Publisher und Geschäftsführer für Capital, Business Punk, 11Freunde und NoSports tätig. CORRECTIV ist Simon Kretschmer bereits seit Sommer 2017 als Mitglied des Kuratoriums verbunden.