Wirtschaft

Deutsche Forschungsgemeinschaft: Gelder flossen in Projekt mit chinesischem Militär

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat eine Arbeit zwischen Forschenden der Universität Bonn und einer chinesischen Militäreinrichtung mitfinanziert. Das widerspricht den internen Richtlinien der Einrichtung. Der Fall könnte laut der Präsidentin der Organisation vor Gericht landen.

von Till Eckert , Sophia Stahl , Olaya Argüeso

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Eigentlich vergibt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kein Geld für militärische Forschung. Das sagt zumindest Katja Becker, die Präsidentin dieser zentralen Organisation der Wissenschaft in Deutschland. In einem Interview zum Thema Forschungskooperationen zwischen Deutschland und China sagte sie Anfang Mai wörtlich: „Militärforschung ist von DFG-Förderung a priori sowieso ausgeschlossen.“ 

Recherchen von CORRECTIV und Deutsche Welle zeigen jedoch, dass in einem konkreten Fall durchaus Geld von der DFG in die Forschung der Universität Bonn mit der chinesischen National University of Defence Technology (NUDT) floss. Das ist eine militärische Spitzenuniversität. Sie war bereits von zentraler Bedeutung für militärische Forschungsprojekte in China, von Hyperschalltechnik bis zu Supercomputern.

In der von der DFG geförderten Arbeit von 2019 ging es darum, wie sich autonome Roboter mittels 3D-Laser und Kameras selbst navigieren können. Unbeteiligte Forschende, denen wir die Arbeit vorlegten, sagten übereinstimmend, dass das Papier sowohl militärische als auch zivile Anwendungen haben könne. Man spricht von sogenannten „Dual-Use“-Fällen.

DFG-Präsidentin deutet an, dass fragwürdige Fälle vor Gericht landen könnten

Im Interview mit CORRECTIV und Deutsche Welle sagte DFG-Präsidentin Becker, dass es für „Grauzonen“ einen Ausschuss gebe, der mögliche Verletzungen gegen die Leitlinien der „Guten wissenschaftliche Praxis“ prüfe. Forschende sind laut diesen angehalten, „ethische Aspekte“ abzuschätzen und sich immer wieder die Gefahr des Missbrauchs ihrer Forschungsergebnisse „bewusst zu machen“. „Dabei berücksichtigen sie insbesondere die mit sicherheitsrelevanter Forschung (dual use) verbundenen Aspekte“, schreibt die DFG in ihren Leitlinien.

Sollte der Ausschuss eine Verletzung dagegen feststellen, würde das einen Fall laut Becker „auf eine gerichtliche Ebene“ heben.

Forschende, die Antrag stellen, müssen auf möglichen „Dual-Use“ hinweisen

Konfrontiert mit unserem Recherche-Ergebnis zu möglicher „Dual-Use“-Forschung mit der NUDT, wiederholte die DFG nochmal schriftlich: „Die DFG fördert keine militärische Forschung.“ Als Begründung nennt sie den internen Vorgang der Fördervergabe: In den Antragsformularen für die Förderung würden „mögliche sicherheitsrelevante Aspekte systematisch abgefragt“. 

Erst wenn ein solcher Aspekt im Antrag angegeben werde, werde „gegebenenfalls“ der oben genannte Ausschuss eingeschaltet, der letztlich über die Förderung eines Antrags entscheide. 

Chinesischer Forscher hinter fraglicher Arbeit hat enge, anhaltende Verbindungen zur NUDT

Wir haben dazu auch den Bonner Forscher hinter der Arbeit kontaktiert, der laut eigener Aussage das Fördergeld erhalten hat. Auf die Frage, ob er in seinem Antrag auf einen möglichen sicherheitsrelevanten Aspekt hingewiesen habe, wollte sich er uns gegenüber nicht äußern – einen militärischen Hintergrund hätten seine Arbeiten nicht, auch einen möglichen „Dual-Use“ sieht er nicht. Er erläuterte jedoch weitere Details aus der Entstehungsgeschichte des wissenschaftlichen Papiers: Die akademische Veröffentlichung sei von einem chinesischen Forscher entwickelt worden, der 2018 an der Uni Bonn promovierte. 

Unsere Recherche zeigt, dass eben dieser chinesische Forscher vorher an der Militäreinrichtung NUDT war und dort seinen Master machte. Auch bei einer aktuellen Arbeit von 2021 gibt er eine Zugehörigkeit zur NUDT an. Mit dabei: der Bonner Forscher, der bei seinen Arbeiten keinen militärischen Hintergrund sehen will. 

Obwohl die Zugehörigkeit des chinesischen Forschers in der Arbeit von 2021 angegeben wird, schreibt die Uni Bonn auf unsere Konfrontation hin, dass ihr in den vergangenen fünf Jahren „keine vertraglich vereinbarten Forschungskooperationen“ zwischen der Uni Bonn mit der NUDT bekannt seien. Die Arbeit an gemeinsamen Veröffentlichungen mit Forschenden mit „einer Affiliation zu einer chinesischen Hochschule“ zählen sie offenbar nicht dazu. 

Fall wurde während Arbeit an internationaler Recherche „China Science Investigation“ bekannt

Der Fall wurde CORRECTIV und Deutsche Welle während der Arbeit an der „China Science Investigation“ bekannt, einer internationalen Recherche, die von CORRECTIV und Follow the Money koordiniert wurde. 

Diese zeigt, dass das chinesische Militär systematisch mit europäischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kooperiert, um seine Armee mit deren Wissen auszubauen. Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die DFG fördert jährlich zehntausende Forschungsprojekte. Im Jahr 2020 etwa flossen dafür rund drei Milliarden Euro Steuergelder.