Volkswagen

Vorstand will Sparpaket auch gegen Nein von Aufsichtsrat durchdrücken

Der Vorstand um VW-Chef Blume will bei einer Ablehnung des rigiden Umbauplans durch den Aufsichtsrat eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen.

von Martin Murphy

Volkswagen-Werk Wolfsburg - Volkswagen-Werk Wolfsburg
Aussenansicht, Volkswagen-Werk Wolfsburg, Volkswagen-Werk Wolfsburg, am 18. May 2026 in Wolfsburg, Deutschland. (Foto von Marco Steinbrenner/DeFodi Images) Exterior view, Volkswagen-Werk Wolfsburg, Volkswagen-Werk Wolfsburg, , May 18, 2026 in Wolfsburg, Germany. (Photo by Marco Steinbrenner/DeFodi Images)

Der Autobauer Volkswagen steuert auf den größten Konflikt seiner Geschichte zu. Der Aufsichtsrat soll am 9. Juli über ein Sparpaket abstimmen, das bis zum Jahr 2035 die Schließung von vier Werken sowie den Abbau von über 100.000 Arbeitsplätzen vorsieht. Sollten die Aufseher dem Plan nicht zustimmen, dann will der Vorstand die Einschnitte gegen den Willen der Kontrolleure durchdrücken, erfuhr CORRECTIV von mehreren mit den Planungen vertrauten Personen. Dazu soll eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen werden, auf der die Aktionäre über den Umbau entscheiden sollen.

Ein solcher Schritt wäre für die deutsche Industrie äußerst ungewöhnlich und zeigt, als wie dramatisch die Führung um VW-Chef Oliver Blume die Lage einstuft. Das Unternehmen lehnte auf Anfrage einen Kommentar dazu ab. Ein Sprecher verwies darauf, dass Sitzungen des Aufsichtsrats vertraulich seien.

Nach dem Aktiengesetz kann der Vorstand bei einem negativen Votum des Aufsichtsrats ein außerordentliches Aktionärstreffen einberufen, wenn er die Existenz eines Unternehmens gefährdet sieht. Laut Insidern fürchtet der Vorstand um Blume, dass Europas größter Autohersteller ab dem Jahr 2030 dauerhaft in die Verlustzone rutschen könnte. Ohne das Umbaukonzept könnte der Bestand des VW-Konzerns demnach nicht gesichert werden.

Fährt der Autobauer gegen die Wand, dann wären die Folgen für die Bundesrepublik massiv. VW ist der größte industrielle Arbeitgeber, an dem letztlich das Schicksal der Autoindustrie hängt. Zulieferer wie Bosch, Conti und ZF lasten ihre Werke mit den Aufträgen der Wolfsburger aus. Bei einem Aus würden ganze Regionen wirtschaftlich abstürzen. Extremistische Parteien wie die AfD würden dann weiteren Auftrieb erhalten, fürchten Vertreter des Managements und des Betriebsrats im Gespräch mit CORRECTIV.

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Sparplan sieht Werksschließungen vor

Um den Absturz zu verhindern, will der Konzern massiv sparen. Der Vorstand hat dazu ein Paket ausarbeiten lassen, das einen Stellenabbau, eine Verringerung der Modellvielzahl sowie den Verkauf von Tochterfirmen vorsieht. Vorgesehen ist unter anderem ein Verkauf der Motorradmarke Ducati sowie der Autovermietung Europcar. Die Beteiligung an der Lkw-Sparte Traton soll von 87 auf 75 Prozent reduziert werden. Über den Weg will VW Geld ins Haus holen.

VW-Chef Oliver Blume drängt auf massive Einsparungen.

Das Paket umfasst zudem eine Schließung der vier Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm bis zum Jahr 2035, sollten sich die Arbeitskosten dort nicht senken lassen. Zudem soll das Stammwerk der Tochter Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen deutlich verkleinert werden.

Die Produktion soll nach CORRECTIV-Informationen nach Osteuropa verlagert werden. Die Lohnkosten seien in den Werken dort deutlich geringer, hieß es in Konzernkreisen.

Zudem sollen bis zu 65.000 Arbeitsplätze zusätzlich gestrichen werden. Das Unternehmen baut gruppenweit bereits 50.000 Stellen ab. Es wären also in Summe über 100.000 der weltweit 660.000 Beschäftigten betroffen. CORRECTIV hatte am vergangenen Freitag über die Pläne berichtet.

Bundesland und Betriebsrat gegen die Sparmaßnahmen

Entscheidend wird nun die Sitzung des Aufsichtsrats am 9. Juli sein. Die Vertreter der Arbeitnehmer wie auch des Landes Niedersachsen in dem Gremium haben bereits Kritik an den Plänen geäußert. „Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte sind unverantwortliche Drohungen“, sagte ein Sprecher des Betriebsrats. Sollten solche Pläne vorangetrieben werden, würden die Arbeitnehmervertreter diese mit aller Macht verhindern.

Ein Sprecher des niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies (SPD) erklärte: Die Zukunft von VW werde nicht dadurch gewonnen, dass der Vorstand Werksschließungen oder ein Stellenabbauprogramm in den Fokus stelle.

Niedersachsen ist der zweitgrößte Aktionär nach der Familie Porsche/Piëch und verfügt durch das sogenannte VW-Gesetz über ein Mitspracherecht bei Standort-Entscheidungen, also auch über Schließungen. Im Aufsichtsrat kommen Land und Betriebsrat auf 12 der 20 Stimmen, sie können also den Umbau blockieren. In der Vergangenheit hatten beide Fraktionen häufig ihr Votum abgestimmt.

Aufspaltung soll Geschäftsführung mehr Macht geben

Das außerordentliche Aktionärstreffen könnte laut den Kreisen noch im August stattfinden. Zur Abstimmung würde dann auch eine Neugliederung des Konzerns stehen. Anders als Audi oder Porsche ist die Marke VW mit der Holding verschmolzen. Die Kernmarke soll den Planungen zufolge herausgelöst und in eine eigene Einheit überführt werden. Auch der Bereich Komponenten (also Autoteile) soll in einen eigenen Bereich abgespalten werden.

Mit diesem Umbau würden unter der Holding die Bereiche VW (mit Skoda und Seat/Cupra), Komponenten, Audi, Porsche und die Lkw-Sparte Traton gegliedert werden.

Ein Vorteil aus Sicht des Vorstands: Die im VW-Gesetz festgeschriebenen Sonderrechte für die Standorte würden dann nur für die eigentlichen VW-Werke gelten. Der Einfluss Niedersachsens wäre damit ein Stück weit zurückgedrängt. Dieses Szenario wurde CORRECTIV von mehreren Personen bestätigt, die mit den Vorbereitungen der Aufsichtsratssitzung vertraut sind.

Die Bildkombo zeigt die VW-Aufsichtsräte Wolfgang Porsche (links) und Hans Michel Piëch, die Sprecher ihrer Familie sind.
Foto: Jan Woitas / Britta Pedersen / picture alliance / dpa

Die Familie Porsche/Piëch ärgert sich schon länger über die Machtverhältnisse. Es könne nicht sein, dass die Familie die Stimmenmehrheit bei Volkswagen habe, aber nicht die Richtung bestimmen könne, sagten zwei Vertreter übereinstimmend im kleinen Kreis. Die Politik gebe eine Umstellung auf Elektroautos vor und blockiere dann im Bund mit dem Betriebsrat die nötigen Umbauten, mit denen VW auf die Veränderung reagieren müsse.

VW will Produktion zurückfahren 

Einige Betriebsräte teilen diese Sicht, wie sie im Gespräch mit CORRECTIV einräumten. Allerdings sei die Krise bei Volkswagen auch selbstverursacht, weil das Management zu spät auf Marktveränderungen reagiert habe.

Volkswagen liegt bei der Elektrifizierung und Digitalisierung seiner Modellpalette hinter der Konkurrenz zurück. Aufgrund des Rückstands sinkt die Nachfrage nach Fahrzeugen aus dem VW-Konzern. So haben heute Hersteller wie BYD oder Xpeng aus China E-Autos mit deutlich höheren Reichweiten, die auch noch über eine ausgefeiltere digitale Technik verfügen.

Die Wolfsburger haben zuletzt deutlich Marktanteile verloren und müssen sich auf einen weiteren Rückgang einstellen. Die Szenarien sehen bei der jährlichen Autoproduktion einen Rückgang auf acht Millionen Fahrzeuge vor – im Jahr 2025 waren es noch 8,9 Millionen. Ursprünglich hatte der Konzern mit seinen Marken Audi, Skoda, Seat/Cupra, VW, Bentley, Lamborghini und Porsche langfristig mit einer Jahresproduktion von zwölf Millionen Fahrzeugen geplant.

Mit den sinkenden Absatzzahlen sind die Kapazitäten in den Werken nicht ausgelastet, was die Kosten massiv in die Höhe treibt. Einen Standort in Brüssel sowie in China hat der Konzern bereits geschlossen – nun sollen vier weitere folgen.

Ein Stück weit ist der Plan überraschend. Im April hatte Blume noch in einem Interview mit dem Manager Magazin erklärt, „es gibt intelligentere Methoden, als gleich ein Werk zu schließen”.

Ein weiterer Teil des Umbauprogramms besteht in der Reduzierung des Angebots. Die Zahl der Modelle soll von 150 halbiert werden, hieß es in Konzernkreisen. Fahrzeuge wie der Jetta, der Q6 e-tron und der Porsche Taycan sollen den Informationen zufolge eingestellt werden.

VW droht Abstufung der Bonität

Die Einschnitte seien alternativlos, um den Konzern zu retten, sagte eine hochrangige Führungskraft. Die wirtschaftliche Perspektive lasse keinen anderen Weg mehr zu, als an das Fabriknetz und die Modelle zu gehen. Wenn VW sein Ergebnis nicht deutlich verbessere, dann drohe eine Verschlechterung der Bonität. Unternehmen werden von Moody’s, Fitch und Standard & Poor’s auf ihre Zahlungskraft geprüft. Das Vorgehen ist vergleichbar mit der Bewertung der Schufa für Privatpersonen.

Bei einer schlechteren Bonität würde eine Aufnahme neuer Kredite schwerer und teurer, da die Zinsen bei einer Herabstufung steigen würden. Die Folgen wären fatal: VW braucht das Geld auch für die Kreditvergabe an seine Kunden, um den Kauf von VW-Autos finanziell attraktiv zu machen.

Wie ernst es um den Autobauer steht, hat sich am vergangenen Mittwoch gezeigt. Vorstandschef Blume hatte seine Top-Führungskräfte zu einem Krisentreffen zusammengerufen. Dort mussten die etwa 35 Teilnehmer auf einem Plakat unterschreiben, dass sie bei dem nun anstehenden Umbauprogramm hinter Blume stehen. Ein Foto von der Unterschriftenaktion ließ Blume den Unterlagen für die Aufsichtsratssitzung anfügen, wie CORRECTIV aus VW-Kreisen erfuhr.

Diese Foto-Aktion ist ungewöhnlich – wie auch der Plan, den Umbau notfalls über eine außerordentliche Hauptversammlung durchzusetzen.

Redaktion & Faktencheck: Anette Dowideit und Sebastian Haupt