Automobilkrise

Machtprobe im VW-Aufsichtsrat: Arbeitnehmer legen Alternativplan vor

Der VW-Vorstand legt dem Aufsichtsrat erneut einen Plan für Werksschließungen und einen Stellenabbau vor. Auf dem Tisch liegt nun auch ein Alternativvorschlag von Arbeitnehmerseite, der die Sparpläne in Frage stellt.

von Martin Murphy

Volkswagen Werk in Wolfsburg
Im Werk Wolfsburg will der Vorstand um VW-Chef Oliver Blume seine Sparpläne vorstellen.

Der Konflikt um das milliardenschwere Sparpaket für den Autobauer Volkswagen verschärft sich. Ende vergangener Woche hat der Vorstand um Konzernchef Oliver Blume erneut seine Pläne für eine Umstrukturierung beim Aufsichtsrat eingereicht, wie CORRECTIV von drei mit den Vorgängen vertrauten Personen erfahren hat. Wenn der Aufsichtsrat am 4. September zusammenkommt, werden die Mitglieder aber nicht nur über den Vorschlag beraten: Zur Abstimmung steht „mindestens“ ein weiteres Konzept.

Vertreter der Arbeitnehmerseite hätten einen alternativen Vorschlag eingereicht, der einen Umbau von VW ohne radikale Einschnitte vorsehe, wie zwei Beteiligte berichten. So soll auf eine Schließung von Standorten verzichtet werden.

VW-Vorstand: 50.000 Arbeitsplätze sollen abgebaut werden

Nach den Plänen des Vorstands sollen die Werke in Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau geschlossen und mindestens 50.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Zudem soll die Marke VW verselbständigt werden. Der VW-Betriebsrat und das Land Niedersachsen als zweitgrößter Aktionär lehnen die Abspaltung strikt ab.

Bei einer Aufsichtsratssitzung im Juli hatte das Gremium mit den Stimmen der Arbeitnehmer und des Landes die Sparpläne des Vorstands durchfallen lassen. VW-Chef Blume will es nun erneut zur Abstimmung stellen. Er betonte in einem am vergangenen Freitag im Intranet veröffentlichten Interview, dass die Pläne weiterentwickelt worden seien. „In den vergangenen Wochen ging es vor allem darum, Themen weiter zu konkretisieren, zu vertiefen, einzelne Punkte detaillierter auszuarbeiten und zusätzliche Maßnahmen zu entwickeln“, erklärte Blume.

Vorstand muss Pläne vor Belegschaft erklären

Der Vorstand will seine Pläne in den kommenden beiden Wochen auf Betriebsversammlungen an den deutschen Standorten erklären; Auftakt für die Tour ist am Dienstag im Stammwerk Wolfsburg. Die Kritik dürfte vor allem in den Fabriken groß sein, die vor dem Aus stehen, wie ein Top-Manager sagte, der ungenannt bleiben wollte.

VW steckt in einer tiefen Krise, weil die Nachfrage in China eingebrochen ist und der Konzern zu langsam seine Modellpalette elektrifiziert und digitalisiert hat. Zudem schmälern die US-Zölle auf Autoimporte das Ergebnis um einen Milliardenbetrag. Der Vorstand fürchtet in einer internen Analyse, die CORRECTIV vorliegt, dass der Konzern ab dem Jahr 2030 ohne Einschnitte in die Verlustzone abrutschen könnte.

Diese Analyse zweifelt unter den Beteiligten niemand ernsthaft an. Allerdings gehen den Arbeitnehmervertretern die Vorschläge zu weit. IG-Metall-Chefin Christiane Benner sagte gegenüber  der Wirtschaftswoche: „Werksschließungen gehen mit uns nicht“. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) lehnt dies ab. Benner und Lies sind Mitglieder des Aufsichtsrats.

Alternativ-Konzept der Arbeitnehmer

Mit dem nun vorgelegten Gegenkonzept der Arbeitnehmerseite dürfte die Chance gering sein, dass das vom Vorstand vorgeschlagene Sparkonzept im Aufsichtsrat auf eine Mehrheit trifft. Betriebsrat und IG Metall stellen 10 der regulär 20 Aufseher. In der Regel votieren die beiden Vertreter von Niedersachsen mit den Arbeitnehmern, sodass die beiden Fraktionen auf insgesamt zwölf Stimmen kommen würden.

Aus Kreisen des Aufsichtsrats erfuhr CORRECTIV, dass der Vorstand sein Sparkonzept im Kern unverändert gelassen habe. Weiterhin sei geplant, zehntausende Stellen zu streichen und die Werke zu schließen, hieß es.

Ohne Details zu nennen, sprach Blume in dem im Intranet veröffentlichten Interview davon, es habe einen „engen Austausch“ mit dem Aufsichtsrat gegeben. „Wir haben bei der Sitzung im Juli im Aufsichtsrat breite Unterstützung wahrgenommen – für unsere Analyse der Lage, den Handlungsbedarf und den Weg nach vorn.“

Sprecher von VW, des Landes sowie des Betriebsrats lehnten einen Kommentar zu der anstehenden Aufsichtsratssitzung ab.

Redaktion & Faktencheck: Gesa Steeger