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Die falschen Syrer

Wer mit einem syrischen Pass reist, ist vielerorts nicht gern gesehen. Doch für eine kleine Gruppe ist er ein begehrter Türöffner: südamerikanische Profifußballer. Denn ein syrischer Pass verwandelt sie in Asiaten. Und das eröffnet lukrative Möglichkeiten.

von Bassel Alhamdo

„Er kann heute fertig sein. 200 Dollar ohne meinen Anteil“, sagt uns der Mann am Telefon.

Er ist ein Syrer, der in Istanbul lebt, spezialisiert auf die Vermittlung von syrischen Pässen.  

Wir haben seine Telefonnummer von einem brasilianischen Spielerberater in Dubai erhalten. Dieser Geschäftsmann ist wiederum darauf spezialisiert, südamerikanische Fußballer an den Golf und nach Fernost zu vermitteln.

Wie ein echter Käufer zweifeln wir, ob der Preis nicht zu hoch ist. „Mein Partner muss einen neuen Pass besorgen und mit Deinen Angaben ausfüllen“, erklärt der Mann. „Du kannst Dich selber erkundigen. Der Pass wird in Azaz gemacht.“

Schmuggelhochburg Azaz

Azaz: eine Kleinstadt im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei. Die Stadt ist ein Umschlagplatz für die berühmten Oliven aus den umliegenden Bergen. In der kleinen Stadt in der Nähe von Aleppo wird noch mehr gehandelt: seit jeher passieren Waffen und Drogen den Grenzort. Und eben gefälschte Pässe.

Die syrische Regierung verlor im Bürgerkrieg die Kontrolle über Gebiete im Norden Syriens. Regierungsgebäude mitsamt Druckmaschinen für Pässe fielen in die Hände von Aufständischen. Professionelle Fälscher verkaufen seitdem syrische Pässe. Sie haben viele Kunden: Iraker oder Palästinenser, die nach Europa fliehen wollen und sich von einem syrischen Pass bessere Chancen auf Asyl erhoffen. Syrer, die ihre Pässe auf der Flucht verloren haben und etwa in der Türkei einen Führerschein beantragen wollen. Und eben: südamerikanische Fußballer.

Syrien zählt zum asiatischen Fußballverband, dem AFC. Der Verband hat den Vereinen Beschränkungen auferlegt: sie dürfen neben Spielern aus dem eigenen Land drei Nicht-Asiaten und einen Asiaten unter Vertrag nehmen. Und dank der Fälscher aus Azaz reichen 200 US-Dollar, um Asiate zu werden.

In der Stadt des Glücks

Zum Beispiel Andres Tunez. Der Nationalspieler aus Venezuela spielt für den thailändischen Verein Buriram United, benannt nach der Stadt des Vereins: Buriram, Stadt des Glücks. Zwei Jahre hintereinander hat der Verein die thailändische Meisterschaft gewonnen, auch dank Tunez. Beim Eröffnungsspiel der Saison 2016 gegen den Hauptstadtclub Bangkok United steuerte er einen Hattrick zum 5-3 bei.

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Drei Tore, drei Staatsbürgerschaften: Andres Tunez in Aktion.

WATTHANA CHANCHAROEN / AFP

Die lokale Presse war nicht nur über seine Tore, sondern auch von seiner Nationalität begeistert: „Tunez wird AFC-Spieler, da er einen syrischen Pass erhält!“ titelte die Buriram Times. Es ist der dritte Pass von Tunez: er besitzt bereits die Staatsbürgerschaften von Venezuela und Spanien. Mit einem spanischen Pass spielte Tunez vor seiner Zeit in Asien vier Jahre lang bei dem spanischen Verein Celta Vigo in der Primera Division.

Die Begründung für den syrischen Pass, wie sie der Presse zu entnehmen ist, ist einigermaßen kurios: Tunez habe einige Jahre mit seinem Vater in Syrien gelebt, deswegen sei er syrischer Staatsbürger geworden. Doch nach Recherchen von CORRECTIV ist der Pass von Tunez eine Fälschung, erworben vermutlich von dem Netzwerk von Fälschern rund um die kleine syrische Stadt Azaz.

Kein Treffer in der Passdatenbank

Das Olympische Komitee Syriens teilt auf Anfrage mit, dass der Pass von Tunez gefälscht sein muss. Das Komitee beruft sich dabei auf die Auskunft syrischer Behörden, die es zur Beantwortung unserer Anfrage einholte. Insgesamt hat CORRECTIV sieben Spieler, die in Asien mit syrischen Pässen spielen, überprüft: fünf Südamerikaner und ein afrikanischer Spieler. Für keinen von ihnen gibt es laut Olympischem Komitee einen echten syrischen Pass. Die Spieler wie die Vereine reagierten nicht auf Anfragen. Laut AFC droht einem Spieler, der mit gefälschten Dokumenten aufläuft, eine Geldstrafe von mindestens 5.000 US-Dollar und eine Sperre von mindestens sechs Spielen.

200 US-Dollar reichen also, um Asiate zu werden. Eine kleine Summe, mit der sich der Marktwert der Spieler enorm steigert, weil die Spieler zwei Eigenschaften vereinen: sie sind nun formal Asiaten, aber solche mit den Ballkünsten von Südamerikanern. Ihre Berater haben Kontakt zu den syrischen Passfälschern.

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Am Telefon erklärt uns der syrische Makler in Istanbul, wie es funktioniert: „Wir bekommen die Originalpässe ohne Eintragung, unterschrieben vom Chef der Abteilung Einwanderung und Pässe, in Zusammenarbeit mit einigen Händlern, die mit denen arbeiten. Wir drucken die Einträge mit den persönlichen Daten dann in Azaz.“

Geld macht alles möglich

Wir probieren es aus: wir beauftragen den Makler, uns einen syrischen Pass auszustellen. Und zwar mit dem Namen einen Fußballfunktionärs, den jeder auf der Welt kennt. Von dem jeder weiß, dass er kein Syrer ist. Es funktioniert: einen Tag später bekommen wir über WhatsApp ein Foto des Passes. „Geld macht das Unmögliche möglich“, sagt der Makler.

Mit uns treffen will sich der Makler nicht. Das sei nicht nötig. Die Übergabe der Ware soll in Istanbul stattfinden. Dort könnten wir von einem Boten den Pass erhalten und ihm im Gegenzug die 200 US-Dollar geben. Diese Information genügt uns, zu der Transaktion lassen wir es nicht kommen.

Ein weiteres Beispiel für Spieler, deren syrische Nationalität nur ein Fake ist: Sergio Paulo Filho, auch genannt Serginho. Vier Tore hat der brasilianische Mittelfeldspieler in der Korean League Challenge Spielen für die Vereine Daegu FC und Gangwon geschossen.

Zwischendurch spielte auch er in Thailand.

Eine Minute vor dem Elfmeterschießen

In Südkorea erregten die ausländischen Spieler mit syrischen Pässen zwischendurch das Interesse der Behörden. Die Polizei befragte Serginho zu seiner syrischen Nationalität. Der Spieler sagte, er habe den Pass 2013 auf legale Weise erhalten, weil sein Großvater Syrer sei – einer der fünf Millionen Syrer, die nach Nord- und Südamerika ausgewandert sind. Doch auch von Serginho ist in Damaskus im Passregister keine Spur zu finden. Konsequenzen hatte das keine: nachdem er drei Jahre ohne gültigen Pass gespielt hatte, lief sein Vertrag Anfang 2017 aus.

Im Oktober 2017 ist für den syrischen Fußball das Unmögliche plötzlich zum Greifen nah: Das seit Jahren vom Bürgerkrieg gebeutelte Land hat nicht nur eine Fußballmannschaft zusammen bekommen. Sie spielt sogar gut genug, um gegen den ewigen Endrundenteilnehmer Australien die letzte Qualifikationsrunde für die Weltmeisterschaft in Russland zu erreichen.

Das Hinspiel, wegen des Bürgerkriegs nicht in Syrien, sondern in Malaysia ausgetragen, endet 1:1. Auch im Rückspiel steht es nach regulärer Spielzeit 1:1. Erst eine Minute vor dem Elfmeterschießen trifft Australien zum entscheidenden 2:1.

Gut möglich also, dass das Spiel einen anderen Verlauf genommen hätte, wären die wahrscheinlich besten syrischen Spieler ebenfalls ihrer patriotischen Pflicht nachgekommen. Tunez, Serginho und die anderen Südamerikaner, die in Asien ihr Glück suchen.

Mitarbeit: Hossam Alhummada und Mazen Alhindi.

Helfer kümmern sich nach dem Giftgasangriff auf den syrischen Ort Khan Scheichun um Verletzte.© Bashar Diab

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„Wie der jüngste Tag“

Im syrischen Ort Khan Scheichun kamen etwa 100 Menschen bei einem Chemiewaffenangriff ums Leben. Wir haben mit einigen der Helfer und Überlebenden gesprochen.

weiterlesen 12 Minuten

von Bassel Alhamdo

Der 4. April begann für Bashar Diab wie jeder andere Tag. Luftangriff in Khan Scheichun, einem Ort in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens. Der Mitarbeiter der Zivilschutzorganisation Weißhelme machte sich auf den Weg.

„Wir dachten, dass es ein normaler Angriff ist, wie immer sind wir zum Angriffsort gegangen, um die zivilen Opfer zu retten“, erzählt Diab.

„Normalerweise helfen uns immer viele zivile Freiwillige, aber was uns überraschte, einer nach dem anderen sind einfach umgefallen, die Kollegen von den Weißhelmen auch.“ Nach anderthalb Stunden Rettungsarbeiten sei ihnen klar gewesen, dass es ein Chemiewaffenangriff gewesen sein musste, der Dorf traf.

Windel im Gesicht

Diab und andere Helfer erzählen vor allem, wie sie mangels Ausrüstung und Medikamenten schnell Hilflosigkeit überkam. „Was sollten wir tun, wir habe dafür keine Ausbildung. Die UN und die Länder, die uns ausgebildet haben, haben uns gesagt, dass Al-Assad keine Chemiewaffen mehr hat und wir deswegen keine Ausbildung bräuchten.“ Von dreißig Helfern hätte nur zwei einmal einen fünftägigen Kurs zur Behandlung von Opfern von Chemiewaffen mitgemacht. Diab erzählt von einer alten Frau, die nur überlebt habe, weil sie sich eine Windel ihrer Enkelkinder vors Gesicht gehalten habe.

Der erste Angriff auf den Ort richtete keine große Zerstörung an. Doch laut Zeugen vor Ort zog das Gas dann mit dem Wind vom nördlichen Rand der Stadt nach Süden, wo es auch Opfer gegeben haben soll.

Mohamed Rahmun, ein Jugendlicher aus Khan Scheichun hat den Angriff überlebt. Er schlief noch, als der Angriff auf den Ort begann.

„Ich konnte nicht atmen, ich konnte die Leute um mich herum nicht sehen. Es war wie ein Alptraum.“ Später wachte er in einem Krankenhaus auf. „Meine Eltern erklärten mir dann, was passiert war.“

Codename Quds 1

Die Angaben von Augenzeugen des Angriffs sowie der Helfer sind schwer zu überprüfen. Bisher ist nicht klar, wer für den Chemiewaffenangriff verantwortlich ist. Als gesichert gilt lediglich, dass das Nervengas Sarin eingesetzt wurde. Laut Augenzeugen vor Ort sowie nach Aussagen des US-Verteidigungsministerium fand zeitgleich ein Luftwaffenangriff auf den Ort statt. Wenn das Giftgas von der Luft aus eingesetzt wurde, ist dies ein deutlicher Hinweis auf das Assad-Regime. Syrien sowie sein Bündnispartner Russland streiten das ab.

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Die französische Regierung erklärte am Dienstag, dass das Assad-Regime für den Angriff verantwortlich sei. Die Regierung veröffentlichte eine sechs-seitigen Analyse des Angriffs. Darin stützt sie sich vor allem auf eine chemische Analyse des in Khan Scheichun eingesetzten Kampfstoffs. Dieser sei in seiner Zusammensetzung dem Regime zuzuordnen.

Laut Augenzeugen wurde der Angriff auf Khan Scheichun gegen 6.30 Uhr geflogen. Die syrische Opposition hat Beobachtungsstellen eingerichtet, mit denen sie den Funkverkehr der Luftwaffe Assads verfolgt. Auch, um sich auf Bombenangriffe vorbereiten zu können.

CORRECTIV hat mit einem der Beobachter gesprochen, der an jenem Tag Dienst hatte. Er möchte anonym bleiben. Nach seinen Angaben hob am 4. April um 6.30 Uhr ein Kampfflugzeug vom Typ Suchoi 22 von der Luftwaffenbasis Al Shayrat in der Nähe der syrischen Stadt Homs ab. Der Pilot wies sich mit dem Rufnamen Quds 1 aus. Zehn Minuten später bombardierte das Flugzeug den Ort Khan Scheichun.

Warnung über WhatsApp

Gegen 9 Uhr verbreiteten die Helfer über eine WhatsApp-Gruppe, die zur Koordinierung der Rettung eingerichtet ist, eine Warnung. „Achtung, Achtung, das waren Chemiewaffen, ich warne die Retter, nicht zum Angriffsort zu kommen.“ Auch die Moscheen des Orts verbreiteten die Warnung.

„Die Situation war außer Kontrolle“, erinnert sich Diab. Das kleine Krankenhaus in Khan Scheichoun habe weder genug Sauerstoff, noch ausreichend Medikamente, geschweige denn Ausrüstung zur Behandlung von Chemiewaffenopfern gehabt. „Wir haben die Verletzten mit normalen Autos oder Lkws in anderen Krankenhäuser in der Nähe transportiert, die meisten starben unterwegs.“

Im Laufe des Vormittags, laut Augenzeugen gegen 10 Uhr, bombardieren Flugzeuge dann das Krankenhaus von Khan Scheichoun. Zum Schutz vor Luftangriffen ist es teilweise unterirdisch angelegt. Das Regime von Bashar Al-Assad bombardiert oft gezielt Krankenhäuser und medizinische Infrastruktur in Oppositionsgebieten, um deren Widerstand zu brechen.

Verteilung von Hilfe als Waffe

Im mörderischen Bürgerkrieg ist die medizinische Hilfe sowie die Versorgung mit Hilfsgütern längst auch eine Waffe geworden. Während die Vereinten Nationen ihre Hilfsgüter vor allem in Gebieten verteilen, die unter der Kontrolle des Assad-Regimes stehen, arbeitet die Zivilschutzorganisation Weißhelme vor allem in Oppositionsgebieten. Sie wird finanziert von den USA sowie Großbritannien und ist wegen ihrer Zugänglichkeit für westliche Medien zu einer gewissen Bekanntheit gelangt. Ein Film über sie bekam einen Oscar verliehen, die Organisation selbst gewann den alternativen Nobelpreis.

Auch Mazen Al Sayed arbeitet als Retter bei den Weißhelmen. Er ist ausgebildet, den Opfern von Luftangriffen zu helfen, doch der Chemiewaffenangriff war zu viel für ihn. „Ich hörte, dass meine Familie vergast worden sei. Ich habe sie gesucht, aber nicht gefunden.“ Al Sayed erzählt, wie er einen Nervenzusammenbruch erlitt, während er durch die Spuren des Angriffs stolperte. Einen Tag später erhielt er Nachricht, dass seine sieben Monate alte Tochter in der Türkei behandelt wurde. Auch die anderen Familienmitglieder waren in den Norden Syriens in Sicherheit gebracht. Die Türkei nahm einen Teil der etwa 500 bei dem Angriff Verletzten auf.

Der Journalist Fouad Basbus aus der Provinzhauptstadt Idlib berichtete über den Angriff und erlebte das Chaos in den Stunden nach dem Angriff hautnah mit. „Wer seine verletzten Kinder und seine Familie suchte, musste alle Krankenhäuser in der Region absuchen.“ Bei vielen Opfern habe nur eine Nummer und das Wort „anonym“ auf der Stirn gestanden. „Wenn Du die Leute siehst, wie sie umherirren und ihre Familien suchen, dann denkst Du, das ist der jüngste Tag.“

Grafik aus der TV-Dokumentation „Die schwarze Flotte“ (Correctiv/RTL)

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„Konjunkturprogramm für Schleuser“

Die Fluchtroute über die Ägäis nach Griechenland wird derzeit dicht gemacht. Prompt reaktivieren die Schleuser im Mittelmeer bisherige Routen. Über Facebook-Gruppen kontaktieren sie Flüchtlinge – und bieten ihnen Überfahrten von der Türkei direkt nach Italien an.

von Bassel Alhamdo , Frederik Richter

Ein typischer Dialog aus einer der Facebook-Gruppen, geführt in dieser Woche:

„4000 Dollar von Mersin nach Italien“, so das Angebot eines Schleusers. Mersin, der türkischen Hafenstadt.

Rückfrage: „Wann geht es los?“

Antwort des Schleusers: „Am Samstag, so Gott will.“

Frage: „Wo zahlt man?“

„Im Versicherungsbüro.“

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Der Hafen von Mersin, nahe an Syrien gelegen, war vor allem im Jahr 2014 ein Knotenpunkt der Schleuser. Kaufleute aus der syrischen Schifffahrt, teilweise selbst vor dem Krieg geflohen, organisierten von hier aus sogar große Frachtschiffe für hunderte Flüchtlinge. Flüchtlinge konnten in einem Versicherungsbüro die Überfahrt buchen wie die Reise auf einem Kreuzfahrtschiff. Die Schleuser organisierten die Fahrt zum Hafen und das Übersetzen auf die vor der Küste wartenden Frachter. CORRECTIV deckte die Hintergründe und die Verbindungen der Schleuser in den Drogen- und Waffenschmuggel in einer monatelangen Recherche auf.

Auf Druck durch die EU schloss die Türkei diese Route Anfang 2015 und die Flüchtlinge konzentrierten sich fortan auf die Überfahrt über die Ägäis nach Griechenland. Für die kurze Überfahrt von der türkischen Küste auf die griechische Insel Lesbos benötigten die Flüchtlinge so wenig Logistik, dass die Schlepper am Seeweg kaum noch Geld verdienten. Durch den Deal zwischen der Türkei und der EU kommen sie wieder ins Geschäft. Für beide Routen sind größere Schiffe nötig.

„Der Deal zwischen der EU und der Türkei ist ein Konjunkturprogramm für Schleuser“, beschrieb es Ruben Neugebauer von der Hilfsorganisation Seawatch. Sie rettete in den vergangenen Monaten mit ihrem Schiff in der Ägäis Flüchtlinge in Seenot vor dem Ertrinken. Die Helfer wurden so unfreiwillig zu Experten für das Schleusergeschäft. Neugebauer sagt, dass sich der Flüchtlingsstrom immer sofort an die Verschärfungen der Kontrollen anpasse.

Die Schleuser beobachten genau die Beschlüsse der Politik. Anfang März, als sich die Schließung der Ägäis-Route abzeichnete, kontaktieren wir über Facebook einen syrischen Schleuser in der Türkei. Wir tun so, als ob wir Familienangehörige nach Deutschland nachholen wollen und fragen, wie das nach dem Schließen der Balkanroute noch möglich sei. Der syrische Schlepper bestätigt uns, dass die alten Routen wieder vorbereitet werden. Er nennt uns das Büro, in dem wir die Überfahrt bezahlen können. 

4000 Dollar solle die Route direkt nach Italien kosten. „Wir warten bis Anfang April, wir versuchen die Route zwischen Mersin und Italien wieder zu öffnen, wir warten nur auf ein paar Neuigkeiten und Zeichen“, sagt er.

Dieses Zeichen hat die Politik jetzt gegeben.

Erst im Krieg, dann vor dem Kölner Dom: vermeintliche Assad-Schergen stellen freizügig Fotos ins Internet. Aktivisten stellen die Bilder gegenüber.© Facebook-Gruppe „Mörder, nicht Flüchtlinge”

Flucht & Migration

Schergenjagd auf Facebook

Früher posierten die Gewalttäter des Assad-Regimes mit ihren Kalaschnikows auf Facebook. Heute lichten sie ihre Flüchtlingspässe ab und zeigen der Welt, wie sie durch deutsche Städte flanieren. Syrische Aktivisten enttarnen sie.

von Bassel Alhamdo , Frederik Richter

Schreie, Rennen und immer wieder Schläge: Ein verwackeltes Handy-Video zeigt, wie Uniformierte eine Gruppe von Assad-Gegnern in der Aamna-Moschee in Aleppo zusammenschlagen. Auch Männer in zivil stürmen über den Gebetsteppich und schlagen zu: die so genannten Schabiha, Milizen ohne Uniform. Einer von ihnen trägt ein auffällig quergestreiftes Hemd und einen langen Knüppel.

Das soll Anwar S. sein. Ende 2015 wurde er in Deutschland als Flüchtling anerkannt. Auf Facebook postete er ein Foto seines Flüchtlingspasses, ausgestellt in Potsdam.

Anwar S. ist einer von hunderten Fällen dieser Art, die syrische Aktivisten auf Facebook dokumentiert haben. Die Schergen machen es ihnen leicht: Früher veröffentlichten sie Fotos von sich mit ihren Waffen, aufgenommen im Kreis ihrer Miliz. Heute lichten sie sich ab vor europäischen Sehenswürdigkeiten oder fotografieren ihre Flüchtlingspässe. Die Aktivisten stellen die Fotos dann einfach nur nebeneinander. 

„Mörder, nicht Flüchtlinge“

Einer dieser Aktivisten ist Ahmed Abu Hisham (Name geändert), Administrator der Facebook-Gruppe „Mörder, nicht Flüchtlinge“. Abu Hisham hat in Syrien Informatik studiert und gehörte zu den Internetaktivisten des arabischen Frühlings. Ein loses Netzwerk von Aktivisten betreibt die Facebook-Gruppe. Auch ein syrischer Anwalt, der eine unter anderem von den USA finanzierte Datenbank über Kriegsverbrechen aufbaut, nutzt ihre Informationen.

Abu Hisham glaubt, dass das Regime Gewalttäter aus den eigenen Reihen nach Europa geschickt hat, damit sie dort Gegner eliminieren und mit Verbrechen auffallen – um die Flüchtlinge insgesamt in ein schlechtes Licht zu rücken. „Am Ende denkt Europa, dass alle Syrer Kriminelle sind.“ Abu Hisham will aufklären, um den Ruf der syrischen Asylbewerber zu schützen.

Mehr als eine Million Flüchtlinge haben im vergangenen Jahr Europa erreicht. Kriegsverbrecher unter ihnen dürften eine verschwindend geringe Minderheit darstellen.

Ein Milizionär in Niedersachsen

Von seinem Computer aus verfolgt er seit Jahren den Weg von Angehörigen des Assad-Regimes. So beschreibt er den Fall eines hochrangigen Offiziers aus dem Militärgeheimdienst von Assad, der mit seiner Familie nach Schweden geflohen sein soll. Die Aktivisten glauben, dass er von dort aus weiter die kriminellen Geschäfte des Assad-Regimes betrieb. Der Offizier soll versucht haben, Gelder von nach Europa geflüchteten Syrern zu erpressen, deren Angehörige in der Heimat im Gefängnis sitzen.

Ein anderer Fall ist der jenes Irakers, der zusammen mit einer schiitischen Miliz Verbrechen an der syrischen Zivilbevölkerung haben soll. Auf Facebook erkannten ihn die Internetaktivisten, in der Uniform jener Miliz, mal mit einem Maschinen-, mal mit einem Scharfschützengewehr. Heute soll er sich in Niedersachsen aufhalten.

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Die Angehörigkeit zu einer Assad-Miliz allein ist noch kein Verbrechen. Deserteure aus diesen Einheiten mögen zu Recht in Europa Schutz gefunden haben. In einem Krieg arbeiten alle Seiten mit Lügen und Propaganda. Die Aktivisten stellen eindrücklich die Fotos gegenüber. Ihre Angaben zu den angeblich begangenen Verbrechen lassen sich aber kaum überprüfen.

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Erst Angriff auf die Opposition in einer syrischen Moschee, dann Asyl in Deutschland. Bildnachweis: Facebook-Gruppe „Mörder, nicht Flüchtlinge“

Warum der Knüppel?

Anwar S. hat am Telefon gegenüber CORRECTIV die Echtheit des Videos bestätigt. Er bestreitet allerdings, in der Moschee in Aleppo jemanden geschlagen zu haben. „Ich weiß selber nicht, warum ich da den Knüppel in der Hand hielt.“

Vor einigen Monaten habe ihn bereits die Polizei in Deutschland dazu befragt. Anwar S. sagte weiter, er habe bereits wenige Monate nach Beginn des Aufstands gegen Baschar Al-Assad im Jahr 2011 das Land verlassen. Seine ehemalige Frau habe das Foto von ihm verbreitet, weil sie Gegnerin von Assad sei.

Abu Hisham, der Internetaktivist, ist in ein anderes Land im Nahen Osten geflohen und lebt jetzt dort mit seiner Familie. Er hat selbst einen Antrag auf Flüchtlingsstatus beim Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen gestellt, aber noch keine Antwort bekommen. Nur der Geheimdienst seines Gastlandes hat ihm schon regelmäßig Besuch abgestattet.

Deutsche Ermittler suchen unter den nach Deutschland geflüchteten Syrern nach Hinweisen und Zeugen von Kriegsverbrechen. Das Bundeskriminalamt (BKA) sagte auf Anfrage von Correctiv.org, dass die ankommenden Flüchtlinge zusammen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge systematisch überprüft würden. Das habe bisher etwa 3000 Hinweise auf Verbrechen nach dem Völkerrecht ergeben. Deutschlandweit hätten sich daraus bisher 13 Ermittlungsverfahren gegen einzelne Personen ergeben.

Für die Internet-Recherchen von Abu Hisham interessieren sich die europäischen Polizeibehörden allerdings bisher kaum. Aus Deutschland antworteten nur einmal Ermittler. Die Beamten fragten nach einem in Moskau ausgebildeten Sprengstoffexperten der syrischen Armee, der nach Deutschland eingereist sein soll.

Gruppenbild am Strand: im Kreis stehen Fußballfunktionär Scheich Salman Alkhalifa und der mutmassliche Kreditbetrüger Ahsan Ali Syed einträchtig nebeneinander.© Screenshot www.westerngulfadvisory.com

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Wo ist der ominöse Freund des Fußball-Scheichs?

Im Februar landete der bahrainische Sportfunktionär Scheich Salman Alkhalifa bei der Wahl zum Fifa-Präsidenten auf Platz zwei. Beim nächsten Mal wird er womöglich erneut kandidieren. Doch der Mann ist umstritten. Nach Recherchen von CORRECTIV und dem Schweizer Magazin „Beobachter” verbürgte sich der Scheich in seiner Heimat für einen mutmasslichen Finanzbetrüger. Den suchen Schweizer Staatsanwälte bis heute.

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von Sylke Gruhnwald , Bassel Alhamdo , Frederik Richter

Ahsan Ali Syed ist seit fast zehn Jahren ein gesuchter Mann. Zunächst standen Firmen rund um den Globus Schlange bei seiner Investmentgesellschaft „Western Gulf Advisory“ (WGA). Der indische Unternehmer bot maroden Firmen Kredite in Millionenhöhe gegen Vorausgebühr an. Doch Geld sahen viele von ihnen nie. Nachdem die Vorausgebühr bezahlt war, ließ Ali Syed nichts mehr von sich hören.

Seit mehr als fünf Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Zürich gegen den untergetauchten Ali Syed. In der Schweiz ist er zur Verhaftung ausgeschrieben. Seine Konten sind eingefroren. Sein beschlagnahmtes Vermögen soll an die Gläubiger verteilt werden. Wo aber steckt Ali Syed?

Eine Spur führt in den kleinen Inselstaat Bahrain zu Fußballfunktionär Scheich Salman Al Khalifa. Der unterlag bei der Wahl zum Präsidenten des Weltfußballverbands Fifa am 26. Februar 2016 seinem Rivalen Gianni Infantino nur knapp und landete auf Platz zwei. Salman ist als Präsident der Asiatischen Konföderation (AFC) und Vize-Präsident der Fifa weiterhin einer der mächtigen Funktionäre im Fußball. Ein neuer Versuch, bei der nächsten Wahl doch noch Fifa-Chef zu werden, ist nicht ausgeschlossen. Im Weg stehen könnte allerdings sein bisher nicht beachteter Einsatz für den mutmasslichen Kreditbetrüger Ahsan Ali Syed.

Privatjets, Pferde und Personenschützer

Salman ist ein Cousin des Königs von Bahrain. Die Königsfamilie der Alkhalifas dominiert Politik und Wirtschaft. Bahrain zählt neben Dubai zu den wichtigsten Finanzzentren im Nahen Osten. Schon einige Betrüger konnten von den glitzernden Bürotürmen der Hauptstadt Manama aus ihre Unwesen treiben. Auch für Ali Syed stellte Bahrain einen sicheren Ort dar, vermutlich bis heute.

Ali Syed taucht etwa 2008 in Bahrain auf. Am 11. Februar des Jahres wird seine Investmentfirma WGA im dortigen Handelsregister angemeldet. Sieben Monate später gründet er einen Schweizer Ableger.

Öffentlichkeitswirksam inszeniert sich Ali Syed als solventer und spendabler Milliardär. Mit seinem Privatjet pendelt er zwischen Bahrain und dem Kanton Zug in der Schweiz, begleitet von Personenschützern. Er gibt vor, Pferdeliebhaber zu sein, wie viele Mächtige in der Golfregion; das Unternehmenslogo seiner „Western Gulf Advisory“ ziert ein Pferdekopf.

Sein bestes Argument aber ist sein vermeintlicher Reichtum: Im WGA-Geschäftsbericht von 2009 schreibt Ali Syed, 850 Millionen Dollar stünden für Investitionen bereit. Die Staatsanwaltschaft in Zürich geht von folgender Masche aus: Er bietet verzweifelten Unternehmern Kredite in Millionenhöhe an – und verlangt dafür eine Vorausgebühr. Zahlreiche Firmen von Australien bis Brasilien überweisen die verlangte Gebühr auf WGA-Konten bei der Credit Suisse in Zürich. Den Kredit bekommen viele aber nie ausgezahlt. Die Verluste der Opfer sollen im zweistelligen Millionenbereich liegen, schätzen die Schweizer Ermittler.

In Europa stilisiert sich Ali Syed derweil als Retter maroder Fußballclubs. Im Sommer 2010 versucht er, den englischen Premier-League-Club Blackburn Rovers für rund 300 Millionen Pfund zu übernehmen.

2010 will Ali Syed den britischen Fussballclub Blackburn Rovers kaufen

Doch die BBC recherchiert und veröffentlicht am 30. August 2010 einen Bericht über die mangelnde Kreditwürdigkeit Syeds. Die Journalisten listen unbezahlte Strafzettel, Steuer- und Mietschulden auf, die seit seinem Umzug nach Großbritannien im Jahr 2001 aufgelaufen sind. Das aufwändig geschaffene Hochglanz-Image bekommt Risse. Der Deal mit den Blackburn Rovers platzt im Oktober.

Daraufhin versucht Ali Syed sein Glück in Spanien. Im Januar 2011 erhält er den Zuschlag, den Fußballverein Racing Santander zu übernehmen. Die Fans feiern ihn bei seinem ersten Besuch im Stadion. Doch der sportliche Erfolg bleibt aus: Ende der Saison 2011/12 steigt der Fußballclub ab. Die Spieler können nicht mehr bezahlt werden. Ein Gericht in Spanien spricht den Verein später wieder den vorherigen Besitzern zu.

Zur gleichen Zeit beginnen Ali Syeds Gläubiger, ihr Geld zurückzufordern. Unterstützung finden sie in dem neuseeländische Privatdetektiv Mark van Leewarden. Der tönt im April 2011 in der Presse, dass im Auftrag seiner Klienten die Konten der WGA bei der Credit Suisse in Zürich eingefroren seien. Im Mai 2011 meldet die Credit Suisse einen Geldwäscheverdacht an die Schweizer Behörden. Die Staatsanwaltschaft Zürich nimmt die Ermittlungen gegen Ali Syed auf. Der Fall zählt zu einem der ältesten Fälle auf dem Schreibtisch von Staatsanwalt Marcel Scholl: „Opfer von Ali Syed finden sich auf der ganzen Welt verstreut. Das erschwert unsere Ermittlungsbemühungen massiv.“

Der Trick mit der Vorausgebühr

Einer, der gegen Ali Syed öffentlich auftritt, ist der australische Immobilienunternehmer Keith Johnson. In der Hoffnung auf einen Kredit von Ali Syed überwies er eine Vorausgebühr in Höhe von 3,6 Millionen Dollar, ohne danach den versprochenen Kredit zu erhalten. Im Dezember 2011 entscheidet ein privates Schiedsgericht in Bahrain immerhin, dass Ali Syed die Vorausgebühr an den Immobilienunternehmer zurück zahlen muss. Begleitet von Berichten in der internationalen Presse reist Johnson Anfang 2012 nach Bahrain, um auch den dortigen Strafverfolgern Papiere zu übergeben.

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Stolz präsentiert Ahsan Ali Syed das Trikot der Fußballnationalmannschaft Bahrains mit dem Logo seiner Firma.

Quelle: Screenshot von www.westerngulfadvisory.com

Just in dem Moment, als die Gläubiger Ali Syed in Bahrain unter Druck setzen, stellt sich Fußballfunktionär Scheich Salman öffentlich auf seine Seite. Im April 2012 veröffentlicht die staatliche Nachrichtenagentur „Bahrain News Agency“ (BNA) ein Loblied Salmans auf Ali Syed. Man habe „volles Vertrauen“ in dessen Firma WGA. Außerdem lobte er Ali Syeds Bemühungen um den bahrainischen Fussball. Die Einlassung Salmans wirkt wie eine wohl platzierte Botschaft an Kunden und Geschäftspartner: man werde weiter mit Ali Syed arbeiten. „Wir wollen noch stärker mit WGA arbeiten, an Sponsoring in anderen Feldern arbeiten und noch größere Partnerschaften eingehen“, heißt es in der staatlichen Nachrichtenagentur.

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Die herrschenden Alkhalifas kontrollieren in Bahrain den Sport, die Mitglieder der Königsfamilie leiten die wichtigsten Verbände. Ali Syed stützte dieses System, indem seine Firma die Sportprojekte der königlichen Familie förderte. Unter anderem sponserte er die bahrainische Fußballnationalmannschaft. Bei Pferderennen mit den Königlichen, Besuchen bei Autorennen auf der bahrainischen Formel-1-Strecke, beim Beachsoccer am Strand – Ali Syed lässt keine Gelegenheit aus, seine Nähe zur Herrscherfamilie zu dokumentieren.

Es gibt ein Gruppenfoto aus dem Jahr 2010: Darauf legt Scheich Salman wohlwollend den Arm auf Ali Syeds Schulter. Auch dieses Bild veröffentlichte seine Firma WGA  stolz auf der Unternehmenswebseite. Und in Anzeigen von Flug-Magazinen rühmt sich WGA, man sei ein „zuverlässiger Berater für königliche Individuen und Familien“. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP lässt sich Ali Syed zitieren mit den Worten: „Ich bin stolz auf Bahrain. Ich bin stolz auf die Herrscherfamilie. Sie machen einen Superjob und Bahrain ist so stabil wie Spanien.“ Das ist im März 2011. Zu diesem Zeitpunkt hat der Arabische Frühling Bahrain längst erreicht. Demonstranten ziehen durch die Straßen und werden niedergeschossen. Dass Menschenrechte und Pressefreiheit in Bahrain nichts zählen, störte den windigen Unternehmer nicht.

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Ali Syeds Firma präsentierte sich gern als zuverlässiger Partner von Königsfamilien.

Screenshot www.westerngulfadvisory.com

Noch im Sommer 2012 treten Mitglieder der Königsfamilie öffentlich mit Ali Syed auf – zu einem Zeitpunkt als gegen Ali Syed auch in Bahrain schon Gläubiger bei Gericht Ansprüche angemeldet haben. So kommt Scheich Salman zu einer Feier, auf der Ali Syed den Erfolg des von ihm gesponserten Fußballvereins Muharraq feiert – der hat soeben die Champions League der Golfstaaten gewonnen.

Der australische Unternehmer Johnson rechnet inzwischen nicht mit einer Wiedergutmachung, weil noch heute Bahrain schützend seine Hand über Ali Syed hält: „Uns wurden Gelder zugesprochen, aber die Regierung Bahrains hat verhindert, dass wir sie mitnehmen konnten. Ich glaube, kein Gläubiger kann Geld aus Bahrain herausbekommen.“

Fifa-Vize Scheich Salman schweigt zu konkreten Fragen

Scheich Salman wollte gegenüber CORRECTIV Fragen über seine Beziehung zu dem mutmasslichen Betrüger nicht konkret beantworten. Die bahrainische Regierung reagierte nicht auf schriftliche Anfragen zu dem Fall.

Bis heute findet sich Ali Syed auf freiem Fuß. Als er am 9. Juli 2013 seinen Wohnsitz in der Schweiz offiziell abgemeldet hat, hinterließ er eine Adresse in Bahrain. Die Staatsanwaltschaft Zürich will ein Rechtshilfegesuch an Bahrain stellen. 

Viele vermuten, dass sich Ali Syed wegen seiner exzellenten Verbindungen zur Königsfamilie bis heute in Bahrain aufhält. Die Nachrichtenagentur BNA erwähnte ihn noch im März 2015 als Besitzer eines Rennpferdes. Überprüfen lässt sich das nicht, denn Bahrain lässt kaum ausländische Journalisten ins Land. Die Alkhalifas wollen sich bei ihren Geschäften nicht auf die Finger schauen lassen. Ganz wie die Fifa.

Die Recherche erscheint gleichzeitig bei unserem Kooperationspartner, dem Schweizer Magazin „Der Beobachter“.

Mitarbeit: Stefan Wehrmeyer, Giulio Rubino

Ein fast leerer Lastwagen: die syrische Opposition sagt, dass in Gebieten außerhalb der Kontrolle des Assad Regimes kaum Hilfe ankommt. Das Bild entstand im Juni in dem Ort Ghouta bei Damaskus.© Screenshot Youtube-Video

Flucht & Migration

UN-Hilfsgelder stärken Assad

Die Menschen in Syrien leiden. Trotz Milliarden von Hilfsgeldern kommt an vielen Orten in Syrien nichts an. Weil die Vereinten Nationen eng mit dem Assad-Regime zusammenarbeiten. Und weil Gelder versickern. Eine gemeinsame Recherchen von CORRECTIV und dem ARD Politmagazin Report München.

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von Hendrik Loven , Bassel Alhamdo , Bernhard Niebrügge , Frederik Richter

Die Recherche erscheint gleichzeitig bei unseren Regionalzeitungspartnern „Nürnberger Nachrichten“, „Münchner Merkur“, „Mannheimer Morgen“ und „Heilbronner Stimme“.

Zwei Episoden aus dem syrischen Bürgerkrieg. Die erste: Es ist der 26. August 2016, als sich die Rebellen aus Daraya zurückziehen, einem Vorort von Damaskus. Es ist ein symbolträchtiger Rückzug. Denn hier, in Daraya, begann fünf Jahre zuvor der Aufstand gegen das Regime, als einige Jugendliche sich trauten, Parolen gegen Assad auf Hauswände zu sprühen.

Nur Stunden, nachdem die Rebellen abgezogen waren, rückt ein Lastwagen der syrischen Armee nach Daraya ein, beladen mit Kisten, auf dem das blaue Logo des UN-Flüchtlingswerks prangt. Ein regimetreuer syrischer Fernsehsender überträgt die Szene, möglichst viele Menschen sollen das sehen. Die Botschaft des Assad-Regimes ist klar: Wer auf unserer Seite steht, wer sich lossagt von den Rebellen, dem wird geholfen. 

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Ein syrischer Armeelaster fährt mit UN-Hilfsgütern in den von Assads Truppen kontrollierten Ort Daraya.

Screenshot TV-Sender Alikhbaria

Die zweite Episode spielt rund einen Monat später: Am 19. September 2016 hat sich ein UN-Hilfskonvoi Aleppo genähert. Die Stadt ist von fast allen Seiten eingeschlossen. Das Regime, Rebellengruppen und der Islamische Staat ringen in blutigen Kämpfen um jeden Straßenzug. Bis heute sterben dort jeden Tag Menschen, das Assad-Regime bombardiert die Stadt, es gibt kaum noch Trinkwasser. Eine humanitäre Katastrophe ereignet sich hier vor den Augen der Welt. 

Der Hilfskonvoi, der Aleppo erreicht, besteht aus 31 Lastwagen, gerade haben Helfer begonnen, die Kisten und Säcke in einem Depot abzuladen. Das Mehl wird besonders dringend benötigt, es soll etwa 80.000 Menschen versorgen. Da tauchen Kampfflugzeuge am Himmel auf. Gezielt fliegen sie den Konvoi an, feuern Raketen ab und zerstören die Lastwagen komplett. Etwa 20 Menschen sterben. Die Hilfsgüter verbrennen. 


Türkei

Gaziantep

Über diesen Ort beliefern internationale Geber den Norden Syriens, der von der Opposition kontrolliert wird, mit Hilfsgütern.

Aleppo

Um die Millionenstadt toben heftige Kämpfe zwischen verschiedenen Milizen, dem sogenannten Islamischen Staat und dem Assad-Regime.

Syrien

Daraya

In diesem Vorort von Damaskus hielten die Rebellen weitgehend abgeschnitten von internationaler Hilfe fünf Jahre aus.


Wieder ist die Botschaft des Assad-Regimes klar: Wer nicht zu uns gehört, dem wird nicht geholfen. Hilfslieferungen dulden wir nur in Gegenden, die zu uns gehören. In Rebellengebieten sollen die Leute ruhig verhungern, verdursten und verbluten.

Die beiden Episoden zeigen: Längst sind die Hilfsgüter der Vereinten Nationen im syrischen Bürgerkrieg zu einer Waffe geworden. Einer Waffe, die Syriens Diktator Bashar Al-Assad in der Hand hält und die er zu seinem militärischen Vorteil einsetzt. 

Eine gemeinsame Recherche von CORRECTIV und dem ARD-Politmagazin „Report München“ zeigt, wie sich die Hilfswerke der Vereinten Nationen von Assad benutzen lassen. Und dass Millionen an Hilfsgeldern in korrupten Kanälen schlicht verschwinden.

Die Hilfsgüter werden auch aus deutschen Steuermitteln finanziert. 2,3 Milliarden Euro hat Deutschland allein in diesem Jahr bei den Syrien-Geberkonferenzen versprochen.

Kritik von vielen Seiten

Ammar Al Salmo gehört zur Organisation „Weiße Helme“, jenen unerschrockenen Helfern, die in Syrien die Opfer von Bombenangriffen aus den Trümmern ziehen. In diesem Jahr war die unter anderem aus den USA finanzierte Zivilschutzorganisation für den Friedensnobelpreis nominiert. Im Frühjahr unterzeichneten die Weißen Helme, gemeinsam mit mehr als 70 weiteren Hilfsorganisationen, einen offenen Brief an die UN. Sie warfen den UN-Verantwortlichen darin vor, parteiisch zu sein, sich vor den Karren von Assad spannen zu lassen.

„Assad gebraucht die humanitäre Hilfe als Waffe“, unterstreicht Al Salmo. „Wir fordern die UN auf, nicht Partner von Assad zu sein.“ Er zählt mehrere Vorfälle auf, bei denen Laster mit Hilfsgütern zerbombt wurden. „Und wenn wir die nächsten bekommen, dann werden auch die zerstört“, sagt er.  

Die UN sei in ihrer Hilfe parteilich — dieser Vorwurf wird von vielen Seiten erhoben. Vertreter lokaler syrischer Hilfsorganisationen kritisieren, dass in den offiziellen humanitären UN-Hilfsplänen ihre Forderungen nicht auftauchen – um das Assad-Regime nicht zu brüskieren. Zudem würde die Zahl von Hilfsbedürftigen in Oppositionsgebieten von der UN zu niedrig angesetzt. Die Folge: Wieder blieben dort viele Teller leer.

Reinoud Leenders, der am King‘s College in London Politische Wissenschaften lehrt, unterstreicht die Vorwürfe. Während er an einer Studie über die Verwendung holländischer Steuergelder im UN-System arbeitete, stieß er auf die Hilfsorganisation Lamset Shifa, hinter der die Ehefrau von Assad steht. Ausgerechnet mit ihr arbeite das UN-Welternährungsprogramm zusammen.

Die britische Zeitung „The Guardian“ berichtete im August, dass die UN in Syrien zig Millionen US-Dollar an Firmen und Organisationen gezahlt habe, die dem Assad-Regime nahe stehen. Die UN habe sich nicht einmal an die Sanktionsliste der EU gehalten.

Auch der Brite Ben Parker stößt ins gleiche Horn. Er war 2012 für die UN in Syrien, um im beginnenden Bürgerkrieg ein humanitäres Büro der Vereinten Nationen zu eröffnen. Parker spricht überlegt, seine Kritik wirkt ausgewogen. Einerseits, sagt er, gebe es bei den Vereinten Nationen in Syrien viele Helfer, denen man keine Vorwürfe machen könne. „Sie versuchen, unter dem Druck von Assad zu manövrieren, sie versuchen, kreative Lösungen für dieses schwierige Umfeld zu finden.“

Andererseits sei der Vorwurf der Einseitigkeit nicht von der Hand zu weisen. „Auf politischer Ebene, wo die Entscheidungen getroffen werden, da gibt es Fragen zu beantworten“, sagt Parker. „An welcher Stelle sagt man nein, wo sagt man, wir können so nicht mehr weitermachen?“ Ein großes Problem sei, dass es keine Daten darüber gebe, wo in Syrien welcher Hilfsbedarf bestehe, sagt Parker. Alle Seiten würden versuchen, die Daten für eigene Zwecke zu manipulieren.

Parker sagt, dass einige der großen Hilfsorganisationen unter der Hand zugeben, in Syrien nicht unparteiisch sein zu können. Sie versuchten, so gut es ginge, mehr Gutes zu tun als Schaden anzurichten. Doch bei der UN gebe es diese Ehrlichkeit nicht, sagt Parker. „Die Vereinten Nationen behaupten, sie seien zu 100 Prozent unparteiisch. Sie behandeln die Öffentlichkeit wie Idioten.“

Die Rolle des Roten Halbmondes

Die wichtigste Rolle bei der Verteilung der UN-Hilfsgüter spielt der Rote Halbmond, das syrische Pendant zum Roten Kreuz. Geleitet wird die Hilfsorganisation von dem syrischen Unternehmer Abdelrahman Attar. Beobachter vor Ort sagen, Attar stehe auf Seiten des Assad-Regimes. Sie zählen ihn zu jenen Geschäftsleuten, die ihren Wohlstand der Loyalität gegenüber dem Regime verdanken. 

Die UN kooperieren mit dem Roten Halbmond auch bei Hilfslieferungen in Gebiete, die von der Opposition gehalten werden. Aus diesen Gebieten kommt regelmäßig der Vorwurf, dass die Lastwagen dort halb leer ankommen. 

In den vergangenen Monaten haben die Vereinten Nationen auf die scharfe Kritik reagiert und versucht, Hilfe auch vermehrt in Rebellengebiete zu liefern. Das Assad-Regime will das nicht. Es demonstrierte diesen Willen mit all seiner militärischen Macht und bombardierte am 19. September 2016 bei Aleppo die 31 Lastwagen voller UN-Hilfsgüter. 

Man nehme die Vorwürfe über die fehlende Unabhängigkeit der UN sehr ernst, sagt Jens Laerke von Unocha, der UN-Koordinierungsstelle für humanitäre Hilfe in Genf. Aber: Die Kritiker würden übersehen, wie schwierig und gefährlich die Lage in Syrien sei. Nachfrage: Könne die UN in Syrien denn überhaupt unparteiisch sein? „Es ist schwierig, aber ich glaube, wir sind es“, sagt Laerke. Er bestreitet auch, dass die Daten im offiziellen humanitären UN-Plan für Syrien manipuliert seien.

Korruption, wohin man schaut

Die direkt im Bürgerkrieg verteilten humanitären Gelder sind nur ein Teil der Mittel, die auf den sogenannten Syrien-Geberkonferenzen von der internationalen Staatengemeinschaft eingesammelt werden. Auch in den umliegenden Ländern Türkei, Libanon und Jordanien werden diese Gelder ausgegeben, um Millionen syrischen Flüchtlingen zu helfen. Doch wer versucht, im Berichtswesen der UN zu recherchieren, wo dieses ganze Geld landet, steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe.

Denn das System der Hilfe ist so organisiert, dass von den Beteiligten nie jemand für etwas verantwortlich gemacht werden kann. Die internationalen Geber wie Deutschland überweisen den Vereinten Nationen die Gelder für Hilfsprojekte. Diese verteilen sie an ihre Unterorganisationen wie das UN-Flüchtlingswerk oder die Kinderhilfsorganisation Unicef. Diese wiederum beauftragen internationale Hilfsorganisationen mit der Umsetzung von Projekten. Diese wiederum beauftragen lokale Organisationen mit Projekten. Erst diese kaufen dann Leistungen und Hilfsgüter bei lokalen Firmen ein.

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Es ist eine lange Kette des Delegierens von Verantwortung, bei der die Gefahr des Missbrauchs von Hilfsgeldern groß ist. Experten sagen, dass es innerhalb der UN keine ernstzunehmende Kontrolle über die Verwendung der Hilfsgelder gebe. Unocha kam in einer Evaluierung im vergangenen März selbst zu dem Schluss, dass man kaum prüfen könne, wo die Hilfsgüter am Ende eigentlich landeten.

In Deutschland hat der Bundesrechnungshof mangelnde Kontrollen in den Fördermaßnahmen der Bundesregierung kritisiert. So habe das Auswärtige Amt keine messbaren Ziele festgelegt und die Förderzwecke so allgemein gehalten, dass eine wirksame Erfolgskontrolle nicht möglich sei. Außerdem könne Auswärtige Amt laut Bundesrechnungshof nicht selbst feststellen, wie oft und auf welche Weise es seine Projekte  eigentlich kontrolliert hat. Das Auswärtige Amt äußerte sich in einer Stellungnahme nicht konkret zu dem Bericht. 

Mehr Hilfe — aus Angst vor der AfD

Obwohl der Bundesregierung diese Probleme bewußt sind, will sie noch mehr Geld in dieses UN-System stecken. Im vergangenen Monat erklärte CDU-Fraktionsvorsitzender Volker Kauder in der Bundestagsfraktion, es solle einen Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik geben. Auch damit der AfD nicht noch mehr Wähler zulaufen.

Kauder verteilt dazu ein Papier in der Fraktion, in dem es auch um den deutschen Beitrag zur UN-Flüchtlingshilfe vor Ort geht. Die These: Wenn den Flüchtlingen vor Ort besser geholfen wird, kommen sie nicht zu uns. 2,3 Milliarden Euro Hilfsgelder sollen dazu aus Deutschland fließen. es wäre eine der größten Zuwendungen in der Geschichte der Vereinten Nationen. 

Doch wo dieses Geld am Ende landen wird, wieviel davon in der Kriegsmaschinerie von Assad fließt, weiß in Berlin niemand. Die internationale Hilfe wirkt wie ein Ablasshandel: Wir wissen, dass sie nicht funktioniert – aber irgendetwas muss man ja tun.

Hilfe in einem rechtsfreien Raum

Die türkische Millionenstadt Gaziantep in der Nähe der syrischen Grenze ist das Nervenzentrum der humanitären Hilfe für den Norden Syriens, der in Teilen noch von den Rebellen kontrolliert wird. In der Stadt wimmelt es von Helfern. Große ausländische Hilfsorganisationen trauen sich nicht mehr nach Syrien, sie werden vom Assad-Regime dort auch nicht mehr geduldet. Damit sind die Helfer auf lokale Organisationen angewiesen. Und oft genug drücken sie einfach lokalen Treuhändern große Summen Bargeld in die Hände. In einem quasi rechtsfreien Gebiet, in dem es zwischen den vielen Hilfsorganisationen keinerlei abgestimmtes Monitoring gibt.

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Schlammiges Terrain: in einem Flüchtlingslager im syrisch-türkischen Grenzgebiet fehlt die Straße. Für die Geldgeber ist das Projekt dennoch abgeschlossen.

Al Resala Foundation

Es spricht vieles dafür, dass ein erheblicher Teil der Mittel nicht ankommen, sondern auf dem Weg zu den Projekten hier im Grenzgebiet in den Taschen von Profiteuren verschwindet. Wer sich in Gaziantep auf Spurensuche begibt, stößt schnell auf derartige Hinweise.

Zum Beispiel im Lager der lokalen Organisation Al Resala, nur einen Steinwurf von der Grenze entfernt. Tausende Flüchtlinge sollen hier untergebracht werden. Die weißen Zelte sind aufgebaut, doch was fehlt, sind die sanitären Anlagen, die Drainage für das Regenwasser, der Schotter, um die Wege zu befestigen. Schlammig ist es zwischen den Zelten, in riesigen Schlaglöchern steht das Wasser. Der Betreiber des Camps sagt, man habe sich mehrfach bei dem Geber, einer norwegischen Organisation beschwert. Doch diese beharrt darauf, dass das Projekt abgeschlossen sei. Mit anderen Worten: Einer schiebt dem anderen die Schuld zu. Während irgendwo in der Mitte offenbar jemand hockt, der sich Zehntausende Euro in die eigene Tasche gesteckt hat.

Die Hälfte der Hilfsgelder wird unterschlagen 

Muzaffer Baca, der Vizechef der türkischen Hilfsorganisation Internationaler Blauer Halbmond (IBC), schätzt, dass rund 50 Prozent der Hilfsgelder für Projekte in Syrien unterschlagen werden. Die internationalen Organisationen forcierten die Korruption, indem sie nicht den Mut hätten, selber in Syrien zu arbeiten. Bei der verworrenen Lage in beiden Ländern könne man weder in der Türkei noch in Syrien Unterschlagung in einer lokalen Organisation rechtlich verfolgen. „Eure Steuerzahler geben uns das Geld, um hier zu helfen, um den Syrern in Syrien zu helfen, aber die Hälfte des Geldes verschwindet unterwegs“, sagt Baca.


Hinweis, eingefügt am 12.10.2016: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Bundesrechnungshof habe die Syrien-Hilfe der Bundesregierung geprüft. Der Bundesrechnungshof weist darauf hin, dass man lediglich die Fördermaßnahmen des Auswärtigen Amts insgesamt untersucht habe, und nicht konkret die Syrien-Hilfe.

Diese Recherche ist eine Kooperation mit dem ARD Politikmagazin „Report München“. Bernhard Niebrügge und Hendrik Loven sind dort Redakteure.