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Wo ist der ominöse Freund des Fußball-Scheichs?

Im Februar landete der bahrainische Sportfunktionär Scheich Salman Alkhalifa bei der Wahl zum Fifa-Präsidenten auf Platz zwei. Beim nächsten Mal wird er womöglich erneut kandidieren. Doch der Mann ist umstritten. Nach Recherchen von CORRECTIV und dem Schweizer Magazin „Beobachter” verbürgte sich der Scheich in seiner Heimat für einen mutmasslichen Finanzbetrüger. Den suchen Schweizer Staatsanwälte bis heute.

von Sylke Gruhnwald , Bassel Alhamdo , Frederik Richter

Gruppenbild am Strand: im Kreis stehen Fußballfunktionär Scheich Salman Alkhalifa und der mutmassliche Kreditbetrüger Ahsan Ali Syed einträchtig nebeneinander.© Screenshot www.westerngulfadvisory.com

Ahsan Ali Syed ist seit fast zehn Jahren ein gesuchter Mann. Zunächst standen Firmen rund um den Globus Schlange bei seiner Investmentgesellschaft „Western Gulf Advisory“ (WGA). Der indische Unternehmer bot maroden Firmen Kredite in Millionenhöhe gegen Vorausgebühr an. Doch Geld sahen viele von ihnen nie. Nachdem die Vorausgebühr bezahlt war, ließ Ali Syed nichts mehr von sich hören.

Seit mehr als fünf Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Zürich gegen den untergetauchten Ali Syed. In der Schweiz ist er zur Verhaftung ausgeschrieben. Seine Konten sind eingefroren. Sein beschlagnahmtes Vermögen soll an die Gläubiger verteilt werden. Wo aber steckt Ali Syed?

Eine Spur führt in den kleinen Inselstaat Bahrain zu Fußballfunktionär Scheich Salman Al Khalifa. Der unterlag bei der Wahl zum Präsidenten des Weltfußballverbands Fifa am 26. Februar 2016 seinem Rivalen Gianni Infantino nur knapp und landete auf Platz zwei. Salman ist als Präsident der Asiatischen Konföderation (AFC) und Vize-Präsident der Fifa weiterhin einer der mächtigen Funktionäre im Fußball. Ein neuer Versuch, bei der nächsten Wahl doch noch Fifa-Chef zu werden, ist nicht ausgeschlossen. Im Weg stehen könnte allerdings sein bisher nicht beachteter Einsatz für den mutmasslichen Kreditbetrüger Ahsan Ali Syed.

Privatjets, Pferde und Personenschützer

Salman ist ein Cousin des Königs von Bahrain. Die Königsfamilie der Alkhalifas dominiert Politik und Wirtschaft. Bahrain zählt neben Dubai zu den wichtigsten Finanzzentren im Nahen Osten. Schon einige Betrüger konnten von den glitzernden Bürotürmen der Hauptstadt Manama aus ihre Unwesen treiben. Auch für Ali Syed stellte Bahrain einen sicheren Ort dar, vermutlich bis heute.

Ali Syed taucht etwa 2008 in Bahrain auf. Am 11. Februar des Jahres wird seine Investmentfirma WGA im dortigen Handelsregister angemeldet. Sieben Monate später gründet er einen Schweizer Ableger.

Öffentlichkeitswirksam inszeniert sich Ali Syed als solventer und spendabler Milliardär. Mit seinem Privatjet pendelt er zwischen Bahrain und dem Kanton Zug in der Schweiz, begleitet von Personenschützern. Er gibt vor, Pferdeliebhaber zu sein, wie viele Mächtige in der Golfregion; das Unternehmenslogo seiner „Western Gulf Advisory“ ziert ein Pferdekopf.

Sein bestes Argument aber ist sein vermeintlicher Reichtum: Im WGA-Geschäftsbericht von 2009 schreibt Ali Syed, 850 Millionen Dollar stünden für Investitionen bereit. Die Staatsanwaltschaft in Zürich geht von folgender Masche aus: Er bietet verzweifelten Unternehmern Kredite in Millionenhöhe an – und verlangt dafür eine Vorausgebühr. Zahlreiche Firmen von Australien bis Brasilien überweisen die verlangte Gebühr auf WGA-Konten bei der Credit Suisse in Zürich. Den Kredit bekommen viele aber nie ausgezahlt. Die Verluste der Opfer sollen im zweistelligen Millionenbereich liegen, schätzen die Schweizer Ermittler.

In Europa stilisiert sich Ali Syed derweil als Retter maroder Fußballclubs. Im Sommer 2010 versucht er, den englischen Premier-League-Club Blackburn Rovers für rund 300 Millionen Pfund zu übernehmen.

2010 will Ali Syed den britischen Fussballclub Blackburn Rovers kaufen

Doch die BBC recherchiert und veröffentlicht am 30. August 2010 einen Bericht über die mangelnde Kreditwürdigkeit Syeds. Die Journalisten listen unbezahlte Strafzettel, Steuer- und Mietschulden auf, die seit seinem Umzug nach Großbritannien im Jahr 2001 aufgelaufen sind. Das aufwändig geschaffene Hochglanz-Image bekommt Risse. Der Deal mit den Blackburn Rovers platzt im Oktober.

Daraufhin versucht Ali Syed sein Glück in Spanien. Im Januar 2011 erhält er den Zuschlag, den Fußballverein Racing Santander zu übernehmen. Die Fans feiern ihn bei seinem ersten Besuch im Stadion. Doch der sportliche Erfolg bleibt aus: Ende der Saison 2011/12 steigt der Fußballclub ab. Die Spieler können nicht mehr bezahlt werden. Ein Gericht in Spanien spricht den Verein später wieder den vorherigen Besitzern zu.

Zur gleichen Zeit beginnen Ali Syeds Gläubiger, ihr Geld zurückzufordern. Unterstützung finden sie in dem neuseeländische Privatdetektiv Mark van Leewarden. Der tönt im April 2011 in der Presse, dass im Auftrag seiner Klienten die Konten der WGA bei der Credit Suisse in Zürich eingefroren seien. Im Mai 2011 meldet die Credit Suisse einen Geldwäscheverdacht an die Schweizer Behörden. Die Staatsanwaltschaft Zürich nimmt die Ermittlungen gegen Ali Syed auf. Der Fall zählt zu einem der ältesten Fälle auf dem Schreibtisch von Staatsanwalt Marcel Scholl: „Opfer von Ali Syed finden sich auf der ganzen Welt verstreut. Das erschwert unsere Ermittlungsbemühungen massiv.“

Der Trick mit der Vorausgebühr

Einer, der gegen Ali Syed öffentlich auftritt, ist der australische Immobilienunternehmer Keith Johnson. In der Hoffnung auf einen Kredit von Ali Syed überwies er eine Vorausgebühr in Höhe von 3,6 Millionen Dollar, ohne danach den versprochenen Kredit zu erhalten. Im Dezember 2011 entscheidet ein privates Schiedsgericht in Bahrain immerhin, dass Ali Syed die Vorausgebühr an den Immobilienunternehmer zurück zahlen muss. Begleitet von Berichten in der internationalen Presse reist Johnson Anfang 2012 nach Bahrain, um auch den dortigen Strafverfolgern Papiere zu übergeben.

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Stolz präsentiert Ahsan Ali Syed das Trikot der Fußballnationalmannschaft Bahrains mit dem Logo seiner Firma.

Quelle: Screenshot von www.westerngulfadvisory.com

Just in dem Moment, als die Gläubiger Ali Syed in Bahrain unter Druck setzen, stellt sich Fußballfunktionär Scheich Salman öffentlich auf seine Seite. Im April 2012 veröffentlicht die staatliche Nachrichtenagentur „Bahrain News Agency“ (BNA) ein Loblied Salmans auf Ali Syed. Man habe „volles Vertrauen“ in dessen Firma WGA. Außerdem lobte er Ali Syeds Bemühungen um den bahrainischen Fussball. Die Einlassung Salmans wirkt wie eine wohl platzierte Botschaft an Kunden und Geschäftspartner: man werde weiter mit Ali Syed arbeiten. „Wir wollen noch stärker mit WGA arbeiten, an Sponsoring in anderen Feldern arbeiten und noch größere Partnerschaften eingehen“, heißt es in der staatlichen Nachrichtenagentur.

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Die herrschenden Alkhalifas kontrollieren in Bahrain den Sport, die Mitglieder der Königsfamilie leiten die wichtigsten Verbände. Ali Syed stützte dieses System, indem seine Firma die Sportprojekte der königlichen Familie förderte. Unter anderem sponserte er die bahrainische Fußballnationalmannschaft. Bei Pferderennen mit den Königlichen, Besuchen bei Autorennen auf der bahrainischen Formel-1-Strecke, beim Beachsoccer am Strand – Ali Syed lässt keine Gelegenheit aus, seine Nähe zur Herrscherfamilie zu dokumentieren.

Es gibt ein Gruppenfoto aus dem Jahr 2010: Darauf legt Scheich Salman wohlwollend den Arm auf Ali Syeds Schulter. Auch dieses Bild veröffentlichte seine Firma WGA  stolz auf der Unternehmenswebseite. Und in Anzeigen von Flug-Magazinen rühmt sich WGA, man sei ein „zuverlässiger Berater für königliche Individuen und Familien“. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP lässt sich Ali Syed zitieren mit den Worten: „Ich bin stolz auf Bahrain. Ich bin stolz auf die Herrscherfamilie. Sie machen einen Superjob und Bahrain ist so stabil wie Spanien.“ Das ist im März 2011. Zu diesem Zeitpunkt hat der Arabische Frühling Bahrain längst erreicht. Demonstranten ziehen durch die Straßen und werden niedergeschossen. Dass Menschenrechte und Pressefreiheit in Bahrain nichts zählen, störte den windigen Unternehmer nicht.

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Ali Syeds Firma präsentierte sich gern als zuverlässiger Partner von Königsfamilien.

Screenshot www.westerngulfadvisory.com

Noch im Sommer 2012 treten Mitglieder der Königsfamilie öffentlich mit Ali Syed auf – zu einem Zeitpunkt als gegen Ali Syed auch in Bahrain schon Gläubiger bei Gericht Ansprüche angemeldet haben. So kommt Scheich Salman zu einer Feier, auf der Ali Syed den Erfolg des von ihm gesponserten Fußballvereins Muharraq feiert – der hat soeben die Champions League der Golfstaaten gewonnen.

Der australische Unternehmer Johnson rechnet inzwischen nicht mit einer Wiedergutmachung, weil noch heute Bahrain schützend seine Hand über Ali Syed hält: „Uns wurden Gelder zugesprochen, aber die Regierung Bahrains hat verhindert, dass wir sie mitnehmen konnten. Ich glaube, kein Gläubiger kann Geld aus Bahrain herausbekommen.“

Fifa-Vize Scheich Salman schweigt zu konkreten Fragen

Scheich Salman wollte gegenüber CORRECTIV Fragen über seine Beziehung zu dem mutmasslichen Betrüger nicht konkret beantworten. Die bahrainische Regierung reagierte nicht auf schriftliche Anfragen zu dem Fall.

Bis heute findet sich Ali Syed auf freiem Fuß. Als er am 9. Juli 2013 seinen Wohnsitz in der Schweiz offiziell abgemeldet hat, hinterließ er eine Adresse in Bahrain. Die Staatsanwaltschaft Zürich will ein Rechtshilfegesuch an Bahrain stellen. 

Viele vermuten, dass sich Ali Syed wegen seiner exzellenten Verbindungen zur Königsfamilie bis heute in Bahrain aufhält. Die Nachrichtenagentur BNA erwähnte ihn noch im März 2015 als Besitzer eines Rennpferdes. Überprüfen lässt sich das nicht, denn Bahrain lässt kaum ausländische Journalisten ins Land. Die Alkhalifas wollen sich bei ihren Geschäften nicht auf die Finger schauen lassen. Ganz wie die Fifa.

Die Recherche erscheint gleichzeitig bei unserem Kooperationspartner, dem Schweizer Magazin „Der Beobachter“.

Mitarbeit: Stefan Wehrmeyer, Giulio Rubino