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Euros für Ärzte

Nur jeder vierte Arzt legt Zahlungen offen, die er von Pharmafirmen erhält

Im Jahr 2016 haben die Pharmakonzerne 562 Millionen Euro an Mediziner und Kliniken in Deutschland gezahlt. Als die Firmen anschließend gefragt haben, ob sie diese Zuwendungen veröffentlichen dürfen, hat nur jeder vierte Arzt zugestimmt. Im Jahr zuvor waren noch 31 Prozent mit einer Veröffentlichung einverstanden. In unserer Datenbank könnt ihr ab jetzt suchen, ob euer Arzt transparent ist oder zu den Heimlichtuern gehört – oder ob er Zahlungen der Industrie grundsätzlich ablehnt.

von Stefan Wehrmeyer , Irene Berres , Christina Elmer , Patrick Stotz , Heike Le Ker , Markus Grill

Link direkt zur Datenbank „Euros für Ärzte“

Wenn ein Arzt einem kranken Menschen helfen möchte, verschreibt er häufig Medikamente. Der Patient erwartet, dass sein Arzt nötige Präparate nach bestem Wissen und Gewissen auswählt. Doch Mediziner können in einen Interessenkonflikt geraten, wenn sie zugleich finanzielle Verbindungen zu Herstellern bestimmter Medikamente haben.

2016 finanzierten die Pharmaunternehmen Tausenden Ärzten Besuche auf Kongresse, bezahlten sie für ihre Vorträge bei Tagungen, erstatteten ihnen Hotelrechnungen und zahlten Honorare für Studien. Bei der freiwilligen Initiative FSA legen 54 Pharmafirmen, die nach eigenen Angaben 75 Prozent des Gesamtmarktes abdecken, ihre Zahlungen offen.

Sie allein haben 2016 insgesamt rund 66.000 Ärzte, Apotheker und andere Gesundheitsberufler sowie rund 6020 Institutionen wie Kliniken und Praxen finanziell unterstützt. Die Zahlungen beliefen sich auf insgesamt 562 Millionen Euro.

  • 356 Millionen Euro erhielten die Empfänger für sogenannte Anwendungsbeobachtungen (AWB) und klinische Studien.
  • 105 Millionen Euro bekamen einzelne Ärzte, Apotheker und Heilberufler für Vorträge, Fortbildungen und Beratung.
  • 101 Millionen Euro empfingen Krankenhäuser und andere Einrichtungen für Sponsoring, Beratung und Veranstaltungen.

Nicht jede Verbindung zwischen der Industrie, Kliniken und Ärzten ist zu verteufeln. So ist es zum Beispiel wichtig, dass praktizierende Ärzte Unternehmen bei der Entwicklung neuer Medikamente beraten. Anders als bei Medizinern steht bei den Firmen jedoch nicht allein das Wohl der Patienten im Mittelpunkt, sondern auch das Streben nach einem möglichst großen Gewinn.

Diese verschiedenen Interessen können die unabhängige Urteilskraft von Ärzten beeinflussen, müssen es aber natürlich nicht. Studien haben allerdings gezeigt, dass Mediziner mit vielen Verbindungen zur Pharmaindustrie Gefahr laufen, Nebenwirkungen eher herunterzuspielen oder eher teure Medikamente verschreiben.

Die US-Regierung reagierte bereits 2010 auf die Problematik und schuf ein Gesetz, das die Offenlegung aller Pharma-Zahlungen an Mediziner vorschreibt. Um eine solche Regelung in Deutschland zu verhindern, starteten die Lobbyorganisationen VfA und FSA 2015 den Transparenzkodex. Dieser sieht vor, dass die 54 Mitgliedsunternehmen neben Gesamtsummen jeweils eine Liste mit den Namen einzelner Ärzte und den an sie gezahlten Leistungen veröffentlichen.

Das Problem: Die Firmen nennen die Namen nur, wenn Zahlungsempfänger der Veröffentlichung zugestimmt haben. Im vergangenen Jahr waren dazu 31 Prozent der Empfänger bereit, in diesem Jahr lag die Quote nur noch bei 25 Prozent — also nur bei jeder vierten Person, die Pharmaleistungen empfangen hat. Anders gesagt: Drei Viertel aller Betroffenen wollen die Zahlungen geheim halten. Trotz des geringen Anteils liefern die Dokumente die Namen von mehr als 16.500 Personen, die zusammen Leistungen im Wert von knapp 24 Millionen Euro erhalten haben.

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Offengelegte Zahlungen an HCPs 2016

Um auf Basis dieser Daten eine größtmögliche Transparenz zu schaffen, hat CORRECTIV gemeinsam mit dem Datenteam von „Spiegel Online“ die Informationen aus den Dokumenten zusammengefasst und die Datenbank „Euros für Ärzte“ 2016 erstellt. Darin lassen sich die Summen für jene Ärzte und Fachkreisangehörige suchen, die einer Namensnennung zugestimmt haben. Auch die Institutionen, Organisationen und Kliniken sind auffindbar samt erhaltener Summe. Außerdem gibt es so genannte „Null-Euro-Ärzte”, die Pharmazahlungen laut eigenen Angaben ablehnen

Die meisten der aufgeführten Ärzte und sogenannten Fachkreisangehörigen bekamen weniger als 1000 Euro, wie die folgende Auflistung verdeutlicht:

  • Anteil der Personen, die unter 100 Euro erhalten haben: 9,1 Prozent 
  • Anteil der Personen, die unter 500 Euro erhalten haben: 47,4 Prozent 
  • Anteil der Personen, die unter 1000 Euro erhalten haben: 70,4 Prozent 

Daneben gab es jedoch auch Einzelpersonen mit enorm hohen Beträgen. Rund 1,3 Prozent der Ärzte kam auf mehr als 10.000 Euro. Dem Spitzenreiter der Liste ließen Pharmafirmen sogar eine Summe von knapp 200.000 Euro zukommen. Er ist allerdings der einzige Arzt in der Datenbank, bei dem die Summe die 100.000-Euro-Marke überstieg. Gezahlt wurden die Gelder vor allem für Beratungs- und Dienstleistungshonorare sowie Reise- und Übernachtungskosten im Zusammenhang mit Fortbildungen.

Diese Pharmafirmen zahlten 2016 die größten Geldsummen an Mediziner, Fachkreisangehörige und Institutionen: 

  1. Novartis Pharma: 23,6 Millionen Euro
  2. Bayer: 17 Millionen Euro 
  3. MSD: 12,1 Millionen Euro
  4. Berlin-Chemie: 11,7 Millionen Euro 
  5. Bristol-Myers-Squibb: 11,2 Millionen Euro

Die im vergangenen Jahr zum ersten Mal aufgeschlüsselten Daten bedeuten eine Zäsur. Noch nie erhielt die Öffentlichkeit einen so detaillierten Einblick in die finanziellen Verbindungen von Medizinern, Kliniken und der Industrie. Dennoch krankt das aktuelle System neben dem Prinzip der Zustimmung für eine Offenlegung noch an einem weiteren Punkt: Es klammert einen Großteil der Zahlungen aus.

Firmen mit den schlechtesten Veröffentlichungsquoten bei Fachkreisangehörigen

Veröffentlichungsquoten Pharmafirmen 2016

Umstrittene Anwendungsbeobachtungen

Die detailliert aufgeschlüsselten Angaben umfassen aktuell nur Leistungen im Zusammenhang mit Beratung, Fortbildung oder etwa Sachspenden. Welche Personen und Institutionen wie viel Geld im Zusammenhang mit Forschungsprojekten bekommen haben, halten die Unternehmen weiterhin geheim. Damit verschweigen sie Details über eine Summe von 356 Millionen Euro — mehr als 60 Prozent der Gesamtzahlungen.

Kritiker sehen darin Kalkül, da die Unternehmen so Ausgaben für eine umstrittene Praxis verschweigen können. Neben wichtigen klinischen Studien, bei denen potenzielle neue Medikamente vor ihrer Zulassung erprobt werden, enthält die Summe von 356 Millionen auch Zahlungen für sogenannte Anwendungsbeobachtungen. Dabei erhalten Mediziner Geld, wenn sie ihren Patienten ein bestimmtes Medikament verordnet haben und anschließend einen Fragebogen etwa zur Verträglichkeit ausfüllen.

Die wissenschaftliche Qualität der Anwendungsbeobachtungen sei äußerst schlecht, wird oft kritisiert. Statt dem Wohl der Patienten dienen sie demnach vor allem dazu, die Ärzte für die Verordnung des neuen Mittels zu bezahlen und die Behandelten langfristig an das Präparat zu binden. Die Unternehmen hingegen rechtfertigen die Untersuchungen als wichtige Praxisprobe — und wollen deshalb auch bei der Veröffentlichung der Zahlen keine Unterscheidung zwischen diesen und gesetzlich vorgeschriebenen klinischen Studien machen.

Link direkt zur Datenbank „Euros für Ärzte“

Irene Berres, Christina Elmer, Heike Le Ker und Patrick Stotz sind Redakteure von „SpiegelOnline”.

© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Seid umschlungen, Millionen!

Pharmakonzerne zeigen sich gern großzügig gegenüber Ärzten: Sie bezahlen sie für Vorträge, laden sie zu Kongressen ein, erstatten ihnen Hotelübernachtungen, honorieren sie für Anwendungsbeobachtungen. 575 Millionen Euro flossen auf diese Weise im vergangenen Jahr an mehr als 71.000 Ärzte und medizinische Einrichtungen in Deutschland. Nur 20.000 Ärzte sind aber einverstanden, dass ihr Name veröffentlicht wird.

von Christina Elmer , Markus Grill , Stefan Wehrmeyer

Link direkt zur Datenbank.

Es war ein Kulturbruch: Ende Juni legten 54 Pharmakonzerne erstmals offen, wie viel Geld sie an Ärzte in Deutschland zahlen. 575 Millionen Euro flossen demnach im vergangenen Jahr an mehr als 71.000 Ärzte, Fachkreisangehörige und medizinische Einrichtungen. Ein knappes Drittel dieser Ärzte hat zugestimmt, dass die an sie geleisteten Zahlungen veröffentlicht werden dürfen. Nach einer gemeinsamen Auswertung der Daten veröffentlichen CORRECTIV und „Spiegel Online“ nun erstmals eine Datenbank mit den Namen von 20.489 Mediziner, die im vergangenen Jahr Geld von der Pharmaindustrie erhalten haben. Jeder Internetnutzer kann in dieser Datenbank nun Ärzte nach Namen, Ort und Postleitzahl suchen.

Spitzenreiter unter den namentlich bekannten Geldempfängern war ein Arzt in Essen: Dr. Hans Christoph Diener hat im vergangenen Jahr mehr als 200.000 Euro für Vorträge, Fortbildungen, Beratungshonorar und Spesen erhalten. Auf Platz zwei folgt der Bonner Mediziner Dr. Jürgen Rockstroh mit 148.000 Euro, auf Platz drei der Diabetologe Dr. Michael Albrecht Nauck aus Bochum mit 128.000 Euro und auf Platz vier der Diabetologe Dr. Thomas Forst aus Mainz mit 100.000 Euro. 

Dass diese Ärzte an der Spitze stehen, heißt nicht, dass sie deutschlandweit auch die meisten Zuwendungen bekommen haben. Sie sind nur die Ranglistenführer jener Ärzte, die sich freiwillig an der Initiative beteiligen.

Der Internist Jens Schreiber aus Magdeburg, erhielt Zuwendungen von elf verschiedenen Pharmaunternehmen im vergangenen Jahr, auch dies ein Rekord. Am meisten erhielt Schreiber von Novartis: 24.000 Euro.

Überhaupt ist Novartis Spitzenreiter bei den Zuwendungen an Ärzte: Insgesamt 12,2 Millionen Euro zahlte der Konzern im Jahr 2015 an Ärzte allein für Vorträge, Fortbildungen, Spesen oder als Beratungshonorar.

Das Transparenzprojekt hat einen Haken

„Die Veröffentlichung wird das Verständnis für die Zusammenarbeit zwischen Arzneimittelherstellern und Ärzten und ihre Akzeptanz in der Öffentlichkeit erhöhen“, lobte Birgit Fischer anlässlich der Vorstellung der Daten. Sie ist Hauptgeschäftsführerin der Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), der Lobby von Big Pharma in Berlin. „Auf Basis allgemein zugänglicher Zahlen kann die Öffentlichkeit nun nachvollziehen, wie Ärzte und Pharmaunternehmen im Gesundheitssystem zusammen arbeiten.“

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VfA-Chefin Birgit Fischer und FSA-Geschäfsfrüher Holger Diener (li.): „Mehr Vertrauen in die Pharmaindustrie“

Markus Grill

Das Transparenzprojekt hat allerdings einen Haken: Die Daten sind für Patienten nahezu unlesbar. Die 54 Unternehmen stellten die Dokumente mit zum Teil mehreren tausend Ärztenamen einfach irgendwo auf ihre Websites. In vielen Fällen waren die PDFs nicht computerlesbar, waren die Ärzte nur nach Vornamen sortiert, wurden die Orte ohne Postleitzahlen angegeben. Zusammengeführt wurden die Daten nirgends, durchsuchbar sollten sie nicht sein. „Eine solche Datenbank ist nicht geplant“, bestätigte FSA-Geschäftsführer Holger Diener. 

Manche Firmen verbieten sogar ausdrücklich, die Daten zu nutzen. Das Pharmaunternehmen Grünenthal etwa, einst Hersteller des schädlichen Contergan, schreibt auf seiner Webseite: „Die Veröffentlichung dieser Daten stellt keine Erlaubnis für Sie als Leser dar, diese Daten zu verarbeiten oder zu nutzen.“ Auch UCB Pharma warnt: „Die Veröffentlichung stellt unsererseits keine Erlaubnis für den Besucher der Website dar, die Daten weiterzuverarbeiten.“

Eine Datenbank mit 20.000 Namen

CORRECTIV und „Spiegel Online“ haben sich davon nicht abschrecken lassen – und die Daten der 54 Pharmaunternehmen aufbereitet, eingelesen und in eine frei durchsuchbare Datenbank überführt. Es ist die erste derartige Datenbank in Deutschland, die Zahlungen der Pharmaindustrie an mehr als 20.000 Ärzte mit Namen und genauen Summen auflistet.

119 Millionen Euro haben die Pharmafirmen im vergangenen Jahr für Vortragshonorare, Fortbildungen und Reisespesen an Ärzte bezahlt. Allein aus diesem Topf flossen im Schnitt 1646 Euro an jeden der Ärzte. 

Dazu kommen insgesamt 366 Millionen Euro als Honorar für Anwendungsbeobachtungen und andere medizinische Studien, zu denen die Firmen aber alle detaillierten Angaben verweigern. „Man differenziert nicht weiter im Forschungsblock“, rechtfertig Birgit Fischer vom VfA auf Nachfrage die bestehende Intransparenz bei Anwendungsbeobachtungen. „Das ist eine Entscheidung, die gemeinsam getroffen wurde.“

Die Pharmaindustrie argumentiert immer wieder, dass es sich bei AWBs um Forschung handelt. Doch Arzneimittelprüfer wie Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) können darüber nur milde lächeln. „Diese Studien sind wissenschaftlich wertlos“, sagt der IQWiG-Chef. „Sie liefern uns keinerlei Informationen über den Nutzen und die Wirksamkeit eines Medikaments. Deshalb schauen wir sie uns auch gar nicht an.“

Die Zahlungen beeinflussen Ärzte

Seit Jahren streiten Experten darüber, welchen Einfluss die Zahlungen der Pharmaindustrie auf die Mediziner haben. Die meisten Ärzte glauben, dass sie unbestechlich seien, auch wenn sie sich von der Industrie sponsern lassen. Legendär ist mittlerweile eine Studie aus einem Krankenhaus in Kalifornien. Dort wurden die Ärzte gefragt, ob sie bei der Auswahl von Medikamenten durch Pharmareferenten beeinflusst werden. 61 Prozent gaben an, sie ließen sich „gar nicht“ beeinflussen. Dann wurden die gleichen Ärzte gefragt, ob sich ihre Kollegen durch Pharmavertreter beeinflussen lassen. Diesmal waren 84 Prozent der Ansicht, dass sich die anderen gelegentlich bis häufig beeinflussen lassen.

In Deutschland untersucht unter anderem Klaus Lieb den Einfluss der Zahlungen. Er ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Mainz und sagt: „Wir Ärzte haben bezüglich Interessenskonflikten einen blinden Fleck. Wir lassen uns von der Pharmaindustrie einladen und glauben dennoch, wir seien unabhängig.“

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Klaus Lieb, Uniklinik Mainz: „Ärzte, die auf pharma-gesponserte Fortbildungen gehen, verordnen im Schnitt höherpreisige Präparate.“

Peter Pulkowski

In der Fachzeitschrift „Plos One“ hat Lieb eine Untersuchung veröffentlicht, die zeigt, dass Ärzte, die häufig Pharmareferenten empfangen, auch mehr Medikamente verschreiben. „Dazu kommt, dass Ärzte, die auf pharma-gesponserte Fortbildungen gehen, im Schnitt höherpreisige Präparate verordnen.“ Zudem betonten industrienahe Ärzte die Vorteile von Medikamenten und neigten dazu, Risiken herunterzuspielen. „Für all diese Erkenntnisse gibt es mittlerweile eine ganz gute Datenbasis“, sagt Lieb.

Vorbild: ein Gesetz aus den USA

Nach Berechnungen von CORRECTIV und „Spiegel Online“ haben nur 29 Prozent der Ärzte einer Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt. Lieb bedauert diese geringe Zahl. „Transparenz sieht anders aus“, sagt er. „Damit kann man auf der individuellen Ebene im Vergleich zum Sunshine Act nicht viel anfangen.“

Der „Physician Payments Sunshine Act“ ist ein Gesetz der US-Regierung unter Barack Obama aus dem Jahr 2010. Es verpflichtet alle Pharmaunternehmen, Summe und Namen der Ärzte zu veröffentlichen, an die sie im vergangenen Jahr Geld gezahlt hatten – und zwar ohne, dass die Ärzte zustimmen müssen.

„Keine Gesetze geplant“

Auf die Frage, ob der geringe Anteil von offenlegungswilligen Ärzten in Deutschland irgendwelche Konsequenzen haben sollte, lässt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mitteilen: „Neben den bereits bestehenden gesetzlichen Regelungen zur Transparenz und Korruptionsbekämpfung sind zurzeit keine weiteren Gesetze geplant.“ Obamas Sunshine-Act lehnt Gröhe für Deutschland ab: „Die Regelungen in den USA stoßen teilweise auf Kritik. Es wird angeführt, dass sie geeignet seien, aufgrund der kontextlosen Darstellung der Zahlungen, Ärzte und Unternehmen grundsätzlich unter den Verdacht der Korruption zu stellen“, teilt das Ministerium auf Anfrage mit.

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Klaus Lieb von der Uniklinik Mainz sieht in der Veröffentlichung der Geldströme an die Ärzte immerhin einen Fortschritt. „Wenn man diese Zahlungen öffentlich macht, nimmt der Arzt seine eigenen Interessenskonflikte plötzlich wahr, er blickt auf sie drauf und hat dann eine gewisse Distanz. Das hilft ihm, aus dem Blinden-Fleck-Problem heraus zu kommen.“

Peter Sawicki, als Leiter des IQWiG viele Jahre lang Deutschlands oberster Arzneimittelprüfer, widerspricht. Er hält den Transparenzkodex der Pharmaindustrie für puren Aktionismus. „Das ist eine weitere Maßnahme, um sich der Öffentlichkeit als sauber zu präsentieren.“ Auch er betont, dass die Zahlungen der Pharmaindustrie die Ärzte massiv beeinflussten. Das sei durch eine Vielzahl von Studien erwiesen. „Es wird endlich Zeit, dass wir aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen ziehen und eine pharma-unabhängige Fortbildung für Ärzte begründen“, sagt er. „Aber dazu fehlt der politische Wille.“

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Seid umschlugen, Millionen!  71.000 Ärzte erhalten Geld von der Pharmaindustrie. Erstmals werden diese Interessenkonflikte nun öffentlich.

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Erstaunliche Unterschiede. Viele Zahlungen an Ärzte sind weiterhin ein schwarzes Loch. Wie ernst nehmen Pharmafirmen die Transparenz?

Warum Ärzte schweigen. Mehr als zwei Drittel der Mediziner wollen nicht offenlegen, dass sie Geld von der Pharmaindustrie bekommen.

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Franken für Ärzte. Die 2015er-Daten aus der Schweiz

Ihre Geldspritze, Herr Doktor. Die 2015er-Daten aus Österreich

Mitarbeit:  Hristio Boytchev, Ariel Hauptmeier, Christoph Henrichs, Simon Jockers, Ivo Mayr, Philipp Seibt, Patrick Stotz, Achim Tack.

In unserer neuen Datenbank werden erstmals die Interessenkonflikte von Ärzten öffentlich, die Geld von der Pharmaindustrie erhalten.© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Fragen & Antworten zu „Euros für Ärzte“

Mehr als 20.000 Ärzte und Fachkreisangehörige haben zugestimmt, dass Pharmafirmen ihre Zahlungen an sie offenlegen. In einer Datenbank kann sie jeder durchsuchen. Ist es schlimm, wenn ein Arzt Geld erhalten hat? Wer war der Bestverdiener? Wo sind Schlupflöcher? In einem FAQ beantworten wir Eure Fragen zu den Daten.

von Irene Berres , Christina Elmer

Ärzte sollten Entscheidungen auf der Grundlage von medizinischem Fachwissen treffen. Lassen sie sich von Pharmaunternehmen Honorare für Vorträge oder Reisekosten zahlen, ist diese Unabhängigkeit in Gefahr.

54 Pharmaunternehmen haben sich nun verpflichtet, einen Teil der Zahlungen an Ärzte im Detail offenzulegen. CORRETIV hat gemeinsam mit „Spiegel Online“ die Daten zusammengetragen und ausgewertet. In unserer Datenbank könnt Ihr suchen, wieviel Geld Euer Arzt von der Pharmaindustrie erhalten hat. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Ergebnissen.

Welche Firmen haben ihre Daten preisgegeben und warum?

Beim Transparenzkodex handelt es sich um eine Eigeninitiative des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VfA) und des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA). Die teilnehmenden Unternehmen decken nach eigenen Angaben 75 Prozent des deutschen Pharmamarkts für verschreibungspflichtige Medikamente ab. Ziel des Projekts sei, ein wachsendes Verständnis für die Zusammenarbeit von Ärzten und Unternehmen zu schaffen, erklärte der VfA.

Wie transparent ist der Kodex wirklich?

Noch bietet er zu viele Schlupflöcher. So mussten zwar alle teilnehmenden Unternehmen ihre Zahlungen an Ärzte offenlegen. Die Namen der Mediziner aber nannten sie nur, wenn diese der Veröffentlichung zugestimmt hatten. Grund dafür sei der Datenschutz, erklärten die Unternehmen. Stimmten Ärzte nicht zu, wurden ihre Daten zusammengefasst und anonymisiert veröffentlicht.

Transparenz mit Graubereich

Wie viele Mediziner haben der Veröffentlichung ihrer Daten zugestimmt?

Mehr als 71.000 Ärzte erhielten den Daten zufolge Zahlungen von Pharmaunternehmen. Davon stimmten 29 Prozent der Veröffentlichung ihres Namens zu, immerhin rund 20.000 Mediziner. Die Daten erlauben somit einen Einblick in finanzielle Verbindungen von Ärzten und Industrie, den es in Deutschland so noch nie gab.

Wie viel Geld erhalten Deutschlands Ärzte von der Industrie?

Den Angaben zufolge investierten die 54 Unternehmen 2015 rund 119 Millionen Euro in Honorare für Mediziner und andere Fachkreisangehörige wie Apotheker für Fortbildungen, Beratungen und Dienstleistungen. Im Schnitt erhielt jeder der über 71.000 Ärzte allein 1.600 Euro.

Die Spannweite war enorm: Der am besten bezahlte Mediziner, ein renommierter Neurologe, erhielt mehr als 200.000 Euro. Der Arzt mit dem geringsten Beitrag, ein Chefarzt aus einer Reha-Klinik, rechnete 2,10 Euro Reisekosten ab.

Erfassen diese Angaben wirklich alle Zahlungen der Industrie an Ärzte?

Nein, einen sehr großen und wichtigen Block haben die Organisatoren des Transparenz-Kodex ausgelassen: Honorare für die Durchführung von Anwendungsbeobachtungen und Studien für neue Medikamente. Statt auch diese Zahlungen aufzuschlüsseln, veröffentlichten die Firmen nur die Summe: 366 Millionen haben sie Ärzten und Institutionen für Forschungs- und Entwicklungsarbeit bezahlt. Welcher Anteil davon nur an Ärzte ging, ist nicht bekannt. Auch hier fehlt es noch an Transparenz.

Wofür zahlten die Unternehmen Ärzten sonst das Geld?

Der Transparenzkodex unterscheidet bei den offengelegten Zahlungen zwischen fünf Kategorien:

  • Die Übernahme von Reise- und Übernachtungskosten rund um Fortbildungsveranstaltungen. Den namentlich genannten Spitzenreiter in dieser Kategorie — den Urologen und Oberarzt Peter-Jürgen Goebell — unterstützten die Unternehmen 2015 mit Reisekosten im Wert von 25.357 Euro.
  • Die Zahlung von Tagungs- und Teilnahmegebühren für Fortbildungen. Hier erhielt die mit der Veröffentlichung einverstandene Spitzenreiterin, die selbstständige Münchner Gynäkologin Celia Oldenbüttel, im Jahr 2015 knapp 3600 Euro.
  • Bei Sponsoringverträgen finanzieren Firmen die Vorbereitung, Ausrichtung oder Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen. Der namentlich genannte Spitzenreiter in dieser Kategorie, der Münchner Dermatologe Matthias Volkenandt, erhielt 15.000 Euro.
  • Neben den Kosten für Fortbildungen bilden Honorare für Beratungen und Dienstleistungen den zweiten großen Block bei den offengelegten, finanziellen Verbindungen. Der Höchstverdiener in dieser Kategorie war der Essener Neurologe Hans Christoph Diener, der auch insgesamt die meisten Zahlungen erhielt. Allein für Beratungen und Dienstleistungen erhielt er 134.078 Euro.
  • Der letzte Punkt umfasst die Erstattung von Auslagen, die mit Beratungen oder Dienstleistungen zusammenhängen. Auch in dieser schwer fassbaren Kategorie erhielt Diener mit 50.820 Euro die höchste Summe.

Welche der Firmen zahlen Ärzten am meisten?

Die größten Geldgeber

Wie finde ich heraus, ob mein Arzt Zahlungen von Pharmaunternehmen erhalten hat?

Der Transparenzkodex sieht vor, dass jedes der 54 Unternehmen eine eigene Liste mit einem Überblick der Zahlungen auf seiner Homepage veröffentlicht (einen Teil der Listen finden Sie hier). Einen Überblick können Patienten so kaum gewinnen. Um die Suche nach dem eigenen Arzt zu vereinfachen, haben Correctiv.org und „Spiegel Online“ die Angaben der Pharmaunternehmen in einer Datenbank zusammengetragen und visualisiert.

Bei der Suche sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass die veröffentlichten Daten nicht vollständig sind. Taucht ein Arzt nicht auf, bedeutet das nicht automatisch, dass er keine finanziellen Verbindungen hat.

Was bedeutet es, wenn ein Arzt Geld von einem Pharmaunternehmen erhalten hat?

Jede finanzielle Verbindung von Ärzten zur Industrie birgt die Gefahr, dass die Mediziner nicht mehr unvoreingenommen urteilen können. Werden Mediziner gefragt, ob die Zusammenarbeit einen Einfluss auf ihr professionelles Urteilsvermögen habe, antworten sie zwar meistens mit nein. Mehrere Untersuchungen konnten jedoch zeigen, wie die Verbindungen das professionelle Urteilsvermögen beeinflussen können.

Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um das Diabetesmedikament Rosiglitazon. Eine Studie hatte darauf hingewiesen, dass das Medikament das Risiko für Herzinfarkte deutlich erhöht. Trotzdem setzten sich mehrere Mediziner weiter für das Mittel ein und hielten das Risiko für Nebenwirkungen für vertretbar. Eine Auswertung aus dem Jahr 2010 kam zum Schluss, dass diese Ärzte deutlich häufiger Zahlungen des Rosiglitazon-Herstellers erhalten hatten. In Deutschland ist der Einsatz des Medikaments mittlerweile verboten.

Trotzdem gilt grundsätzlich, dass sich ein Interessenkonflikt auf die Urteilskraft eines Mediziners auswirken kann — es aber nicht muss. Er beschreibt immer nur die Gefahr. Das macht ihn auch so schwer greifbar.

Warum gehen Ärzte trotz der bekannten Risiken Verbindungen mit der Industrie ein?

Das Risiko ist nur ein Teil, der bei der Bewertung finanzieller Interessenkonflikte eine Rolle spielen sollte. Der andere Teil ist der Nutzen, den die Gesellschaft aus den Verbindungen ziehen könnte. Hierbei gibt es große Unterschiede. So sind Pharmafirmen bei der Entwicklung und den Tests neuer Wirkstoffe oft auf die Unterstützung und Beratung praktizierender Ärzte angewiesen. Im Zweifel überwiegt hier der Nutzen, den Patienten daraus ziehen, das Risiko.

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Deutlich fragwürdiger sind zum Beispiel sogenannte Anwendungsbeobachtungen, die erst nach der Markteinführung eines Medikaments durchgeführt werden. Dabei verschreiben Mediziner ihren Patienten das Mittel und beantworten anschließend Fragen, etwa zur Verträglichkeit. Kritiker sehen darin eine Möglichkeit, Mediziner versteckt für die Verschreibungen zu bezahlen. Ebenfalls diskussionswürdig ist, ob Pharmaunternehmen für die Fortbildung von Ärzten aufkommen sollten.

Wer als Patient Bedenken hat, sollte seinen Arzt am besten darauf ansprechen.

Hier kannst Du nachschauen, ob auch Dein Arzt im vergangenen Jahr Geld von der Pharmaindustrie erhalten hat.

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Warum Ärzte schweigen. Mehr als zwei Drittel der Mediziner wollen nicht offenlegen, dass sie Geld von der Pharmaindustrie bekommen.

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Franken für Ärzte. Die 2015er-Daten aus der Schweiz

Ihre Geldspritze, Herr Doktor. Die 2015er-Daten aus Österreich

Mitarbeit: Hristio Boytchev, Markus Grill, Christoph Henrichs, Simon Jockers, Philipp Seibt, Patrick Stotz, Achim Tack, Stefan Wehrmeyer

© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Franken für Ärzte

Wie viel Geld haben Ärzte, Kliniken und andere Akteure des Gesundheitswesens von Pharmakonzernen erhalten? Ende Juni wurde dies erstmals im Detail bekannt – zumindest für einen Teil der finanziellen Verbindungen. Gemeinsam mit „Spiegel Online“ hat Correctiv die bundesweiten Daten in einer Datenbank zugänglich gemacht. Nun machen wir gemeinsam mit dem „Beobachter“ auch die Zahlungen an Schweizer Ärzte öffentlich.

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von Sylke Gruhnwald , Daniel Drepper , Christina Elmer , Stefan Wehrmeyer

Das Magazin „Beobachter“ hat die veröffentlichten Zahlungen von 59 Pharmafirmen aufbereitet, in Zusammenarbeit mit CORRECTIV und „Spiegel Online“. In unserer Datenbank können Patienten und interessierte Bürger nachschlagen, wohin im Jahr 2015 wie viel Geld geflossen ist – und wofür es gezahlt wurde.

Insgesamt gingen von den 59 Pharmaunternehmen rund 138 Millionen Franken (umgerechnet 127 Millionen Euro) an Ärzte und andere medizinische Fachleute sowie an Institutionen. Mit dem Geld wurden Honorare für Beratungen und Dienstleistungen gezahlt, Fortbildungen gesponsert und Auslagen erstattet, es wurden Reise- und Übernachtungskosten übernommen sowie Tagungs- und Teilnahmegebühren für Fortbildungen finanziert.

Gerade einmal 38 Franken hat der Pharmadienstleister Strongbones für Reisen und Übernachtungen erhalten, die gemeinnützige Organisation Excemed dagegen vier Millionen Euro. Die Spannweite der Zahlungen an Schweizer Einrichtungen, Ärzte und medizinische Fachleute ist riesig. Meist ist intransparent, wofür das Geld geflossen ist. Nur eins ist klar: Auch in der Schweiz spendieren Pharma-Firmen der Gesundheitsbranche jede Menge Reisen und Honorare. Studien zufolge kann das die Ärzte bei Ihren Entscheidungen beeinflussen.

Spitzenreiter unter den Ärzten ist der Westschweizer Krebsspezialist Matti Aapro, tätig an der Waadtländer Privatklinik Genolier. Von Novartis hat er rund 97.000 Franken an „Beratungs- und Dienstleistungskosten“ erhalten, 32.281 Franken davon für Reise und Unterkunft. Aapro reagierte auch auf mehrfache Anfragen des Beobachters nicht. Weit weniger, nämlich 13,31 Franken, hat Otsuka Pharmaceutical aus Glattbrugg einem Chefarzt der Psychiatrie Baselland an Übernachtungs- und Reisekosten bezahlt. Weder die Pharmafirma noch der Arzt konnten den Betrag auf Anfrage erklären.

Datenbank legt 63 Millionen Franken offen

Mit rund 15,5 Millionen Franken erhielten Ärzte, Apotheker und andere Fachleute des Gesundheitswesens nur einen kleinen Teil der Zahlungen. Ein weitaus größerer Anteil entfiel auf Institutionen und den Bereich Forschung und Entwicklung, der klinische Studien und Anwendungsbeobachtungen umfasst. Zu dieser Kategorie enthalten die Transparenzlisten der Pharmafirmen allerdings keine detaillierten Angaben. Hier bleiben die Geldempfänger anonym. Auch in Deutschland bleibt unter Verschluss, welche Ärzte die Honorare für Anwendungsbeobachtungen bekommen – und wie viel.

Für Ärzte und Organisationen basiert die Initiative wie in Deutschland auf Freiwilligkeit. Rund 4200 Ärzte und andere medizinische Fachleute aus der Schweiz haben der namentlichen Veröffentlichung zugestimmt und damit einen Beitrag für mehr Transparenz geleistet. Zusammen haben sie 8,7 Millionen Franken von Pharmaunternehmen erhalten. Die nun veröffentlichte Datenbank zeigt diese Geldflüsse im Detail, ebenso wie die Zahlungen an medizinische Institutionen, die knapp 54 Millionen Franken umfassen.

Damit sind nun erstmals tiefe Einblicke in die finanziellen Verbindungen zwischen der Schweizer Pharmaindustrie und dem Gesundheitswesen möglich. Eine umfassende Analyse hingegen nicht, dafür haben noch zu wenige Akteure ihre Daten offengelegt. Daher endet die Suche in der Datenbank nicht selten mit offenem Ergebnis: Wer darin nicht auftaucht, hat der Veröffentlichung entweder widersprochen oder erst gar nichts erhalten. Warum in Deutschland zwei Drittel aller Ärzte und medizinischen Fachleute die Zahlungen der Pharmafirmen nicht offenlegen wollen, haben wir vor wenigen Wochen beschrieben

Correctiv.org, „Spiegel Online“ und „Beobachter“ haben die verfügbaren Daten in den vergangenen Wochen zusammengetragen, denn die versprochene Transparenz der Pharmafirmen ist bislang keine. Wer wissen will, ob sein Hausarzt oder Krankenhaus von der Pharmaindustrie Gelder für Reisen oder Kongresse erhält, musste diese Informationen bislang auf den Webseiten der Pharmafirmen zusammensuchen, in einzelnen PDFs, oft nicht einmal durchsuchbar. Deshalb haben wir diese Informationen in einer Datenbank zusammengetragen. Dort können Ärzte und Organisationen nach Namen, Ort oder Postleitzahl gefunden werden.

Alle Artikel zum Thema: 

Seid umschlugen, Millionen!  71.000 Ärzte erhalten Geld von der Pharmaindustrie. Erstmals werden diese Interessenkonflikte nun öffentlich.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Kommentar: Pseudo-Transparenz

Fragen und Antworten zu „Euros für Ärzte“. Was bedeutet es, wenn mein Arzt Geld erhält? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu unserer Datenbank über Pharmazahlungen an Ärzte.

Erstaunliche Unterschiede. Viele Zahlungen an Ärzte sind weiterhin ein schwarzes Loch. Wie ernst nehmen Pharmafirmen die Transparenz?

Warum Ärzte schweigen. Mehr als zwei Drittel der Mediziner wollen nicht offenlegen, dass sie Geld von der Pharmaindustrie bekommen.

Honorare, Reisen, Fortbildungen. So findest Du Pharmaverstrickungen Deines Arztes.

„Geld interessiert mich nicht“. Ein Neurologe am Klinikum Essen hat im vergangenen Jahr das meiste Geld von Pharmafirmen bekommen.

Keiner ist so nett wie der Pharmareferent. Manipuliertes Wissen: Warum es Patienten nicht egal sein kann, ob ihr Arzt Geld von der Pharmaindustrie erhält

Better Call Sascha. Eine Anwaltskanzlei ruft Ärzte dazu auf, uns zu verklagen, weil wir die Zahlungen der Pharmaindustrie an Mediziner veröffentlicht haben

Franken für Ärzte. Die 2015er-Daten aus der Schweiz

Ihre Geldspritze, Herr Doktor. Die 2015er-Daten aus Österreich