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Immanuel Wolf. Als Kind wollte er nicht zur Schule gehen.© David Wünschel

Unterrichtsausfall

Schulfrei – für immer

Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass Kinder zuhause genauso gut lernen können wie in der Schule. Sogar eine Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages kommt zu dem Schluss, dass Kinder, die daheim bleiben, sich mindestens so gut entwickeln wie normale Schüler. CORRECTIV hat mit Experten und Schulverweigerern gesprochen. Ist die Schulpflicht überholt?

von David Wünschel

Es gibt Werte, die elementar sind für unser Zusammenleben. Bildung, Freiheit und Toleranz zum Beispiel. Diese Begriffe stehen im Zentrum einer Debatte, in der sich Eltern und Staat darüber streiten, wer in diesem Land für die Erziehung zuständig ist. Der Staat sagt, um Kinder zu mündigen Bürgern zu erziehen, sei Unterricht in der Schule unerlässlich. Manche Eltern sagen, daheim könnten sich Kinder mindestens genauso gut entwickeln.

In Deutschland gibt es mehrere hundert Eltern, die die Schulpflicht ablehnen. Beide Seiten, Staat und Familien, haben für ihre Sichtweisen gute Gründe. Aber wer hat die besseren?

Eindeutig die Familien, glauben Juri und Immanuel Wolf. Die Brüder waren früher notorische Schulverweigerer. Statt die Schulbank zu drücken, spielten sie lieber im Garten ihrer Eltern. Bis der Druck der Behörden zu groß wurde und die beiden doch zur Schule gehen mussten. Immanuel stieg seinem Alter gemäß in der neunten Klasse ein, Juri in der fünften. Heute sind sie 29 und 25 Jahre alt und noch immer der Meinung, dass sie auch ohne Schule ganz gut zurechtgekommen wären. „Eigentlich hätte ich mir alles bis zur zehnten Klasse schenken können“, sagt Juri. „Daheim hätte ich, glaub ich, das gleiche gelernt, nur mit mehr Freude und Selbstbestimmung.“

Dass Juri und Immanuel nicht zur Schule gingen, wollten die Eltern – und auch die Jungs selbst. Mitte der neunziger Jahre besucht Immanuel zunächst eine Waldorf-Schule, wehrt sich jedoch mit Händen und Füßen gegen den Gang ins Klassenzimmer. In einem Brief an die Behörden schreibt die Mutter: „Wir haben unseren Sohn Immanuel schon schreiend und strampelnd zur Schule getragen. Das weigere ich mich zu wiederholen. (…) Es kann nicht sein, dass ich als Mutter meiner Kinder dazu missbraucht werde, staatliche Zwangsmaßnahmen gegen meine Kinder durchzusetzen.“

Wildkräuter sammeln statt Mathe lernen

Die Eltern von Immanuel und Juri hatten sich in der Friedensbewegung kennengelernt und gemeinsam gegen Atomwaffen demonstriert. Die Mutter ist gelernte Landwirtin, der Vater Zimmermann. Als Immanuel den Schulbesuch verweigert, setzen sich die Eltern intensiv mit alternativer Pädagogik auseinander. Von der zweiten Klasse an lassen sie ihren Sohn zuhause. Später wird auch Juri nicht mehr eingeschult. Ersatzunterricht gibt es nicht. Stattdessen verfolgen die Eltern den Bildungsansatz der sogenannten Freilerner-Bewegung, der besagt, dass Kinder sich das Wissen, das sie brauchen, selbst aneignen. Statt Mathe und Englisch zu pauken, beschäftigen sich die Brüder also zunächst lieber mit Wildkräutern und Ameisen.

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Die Brüder Immanuel und Juri Wolf waren Freilerner.

David Wünschel

Lesen, schreiben und rechnen lernen sie trotzdem. Immanuel erinnert sich, wie sein Großvater aufhörte, ihm aus einer Geschichte vorzulesen. Also versuchte er, die Buchstaben selbst zu entziffern. Und Juri weiß noch, wie er begann, sich mit einem alten Computer zu beschäftigen. Ab 1999 wohnt die Familie in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt. Schnell spricht sich herum, dass die Kinder der Familie Wolf nicht zur Schule gehen. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit Schulamt und Behörden. Zunächst werden Bußgelder ausgesprochen, schließlich landet der Fall vor dem Familiengericht. Weil die Eltern mittlerweile getrennt leben, ziehen die Brüder zu ihrem Vater nach Bremen, wo sie von nun an eine Gesamtschule besuchen.

Der Stoff bereitet ihnen laut Immanuel wenig Probleme. Es ist eher das Umfeld, in dem sie sich unwohl fühlen. „Ich wurde zwar geduldet, aber Freunde habe ich keine gefunden“, sagt Immanuel. „Ich glaube, durch den Notendruck und die Peergroup ist die Schule eine Situation, in der häufig Mobbing stattfindet.“ Zwei Jahre später schließt Immanuel die Schule mit der Mittleren Reife ab. Juri wird zunächst sogar Klassenbester und legt später sein Abitur ab.

Heute leben die beiden zwischen Wäldern und Pferdekoppeln rund eine Fahrstunde nördlich von Berlin. Immanuel wohnt in einem knallroten Wohnwagen, gestaltet eine Zeitschrift und engagiert sich in einem solidarischen Landwirtschaftsprojekt. Juri hat gemeinsam mit drei Freunden ein Haus renoviert, studiert Interfacedesign in Potsdam und verdient nebenher etwas Geld mit von ihm gestalteten Softwares. Beide haben jeweils eine Freundin, Juri einen Sohn. Während Katze Frida mit einer toten Maus im Maul durch das wuchernde Gras tigert, sitzen die Brüder barfuß auf einer Bierbank in ihrem Garten und unterhalten sich über Flüchtlingspolitik und mögliche Koalitionen nach der Bundestagswahl. Trotz ihrer ungewöhnlichen Erziehung sind Juri und Immanuel keine Außenseiter geworden.

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Immanuel Wolf lebt in seinem roten Wohnwagen nördlich von Berlin und engagiert sich in einem Landwirtschaftsprojekt. Sein Bruder studiert in Potsdam.

David Wünschel

 

Niemand weiß, wie viele Kinder und Eltern in Deutschland die Schule verweigern. Schätzungen reichen laut einer Studie der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages von 500 bis 3000 Kindern. Dazu zählt auch die Gruppe der sogenannten Homeschooler. Im Gegensatz zu den Freilernern erhalten sie daheim Unterricht, die Inhalte orientieren sich oftmals an der Weltanschauung der Eltern. Wie es den Schulverweigerern ergeht, weiß niemand so genau. Denn aufgrund der Illegalität gibt es in Deutschland keine aussagekräftigen Erhebungen.

Schulpflicht und Chancengleichheit

Wer nicht zur Schule geht, begeht in einigen Bundesländern eine Ordnungswidrigkeit, in anderen eine Straftat. Einzelfälle und Ausnahmen von der Schulpflicht sieht das Gesetz nur in besonderen Lebensumständen wie bei Diplomaten, Schaustellern oder Schwerkranken vor. Der Staat begründet dies unter anderem damit, dass Schule für die Entwicklung unerlässlich sei. In einer Stellungnahme des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Schule und Weiterbildung heißt es: Die Schule „soll die Kinder und Jugendlichen zu mündigen Staatsbürgern erziehen, die sich in einer Gemeinschaft mit Anderen zurechtfinden und behaupten können. (…) Mit dem regelmäßigen Schulbesuch können soziale Kompetenz im Umgang auch mit Andersdenkenden, gelebte Toleranz, Durchsetzungsvermögen und Selbstbehauptung effektiver eingeübt werden.“

In der UN-Menschenrechtserklärung steht unter Artikel 26/3: Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll. Auch in Deutschland können Eltern wählen, ob sie ihr Kind auf eine staatliche, eine Montessori-, Waldorf- oder Privatschule schicken.

Die Schulpflicht führt zwar zu relativer Chancengleichheit, nimmt manchen Kindern aber auch die Möglichkeit, zuhause zu bleiben und dort zu lernen. Die Frage ist: Wo soll die Grenze gezogen werden, die die Eltern bei ihrer Wahl nicht überschreiten dürfen? Welche Bildungsformen sollten erlaubt sein und welche nicht?

Im Ausland sind diese Grenzen oft weniger eng. Statt der Schulpflicht gibt es in vielen Ländern nur eine Bildungspflicht. Eltern haben das Recht, ihre Kinder von der Schule zu befreien, müssen aber dafür sorgen, dass sie sich das Wissen anderweitig aneignen. In vielen europäischen Ländern ist Heimbildung erlaubt — unter der Bedingung, dass die Kinder in regelmäßigen Abständen ihr Wissen in Tests beweisen.

In den USA, wo Homeschooling weit verbreitet ist, wurden Studien mit mehreren tausend Probanden durchgeführt. Sie ergaben, dass die Homeschooler im Vergleich zu ihren Altersgenossen weder schlechter gebildet waren noch sozial abfielen. Zahlreiche andere Studien bestätigen diesen Eindruck. Das Problem: Die Auftraggeber sind meist Pro-Homeschooling-Organisationen. Es gibt keine Studie, die den Erfolg von Homeschooling wissenschaftlich einwandfrei belegt. Bei Freilernern ist die Studienlage noch dünner.

Berühmte Freilerner und Homeschooler:

Trotzdem gibt es in Deutschland einige Forscher, die sich für die Legalisierung von Schulverweigerung einsetzen. Der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin von der Universität Bonn ist einer von ihnen. Seit 15 Jahren beschäftigt er sich mit Homeschooling. „Natürlich können Eltern den Kindern die Dinge nicht genauso gut beibringen wie Lehrer. Aber dafür kennen sie die Interessen und den Charakter ihrer Kinder viel besser“, sagt Ladenthin.

In Bildungshaushalten sei Homeschooling bis in die Mittelstufe problemlos zu bewältigen. Erst danach würden die Anforderungen das Wissen der Eltern übersteigen. Ladenthin plädiert daher dafür, Homeschooling zu erlauben – unter der Bedingung, dass „die Familien begründet vortragen können, warum sie es machen wollen und nachweisen können, dass es vernünftig abläuft“. Soziale Erfahrungen könnten die Kinder indes auch in Vereinen oder im Umgang mit Freunden sammeln.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages. Dort steht: „Ob nun Homeschooling-Kinder andere Kinder hinsichtlich ihrer sozialen Kompetenzen übertreffen, muss (…) dahingestellt bleiben. Unumstritten ist unter Wissenschaftlern aber die Aussage, dass sie ihnen in ihrem Sozialverhalten zumindest keineswegs nachstehen.“ Die Skepsis gegenüber Homeschooling sei dennoch berechtigt. Denn bisher seien es hauptsächlich streng religiöse Eltern, die ihre Kinder daheim unterrichteten und sie so von anderen Weltanschauungen abschirmten.

Auf dem Weg in Parallelgesellschaften?

Alternative Weltanschauungen sind in Homeschooling- und Freilernerkreisen keine Seltenheit. Wer durch Foren und Webseiten stöbert, stößt oft auf harmlose, esoterische Inhalte, aber hier und da auch auf christlichen Fundamentalismus und Verschwörungstheorien. Staatliche Schulen gelten manchmal als freiheitsraubende Zwangsanstalten, die Kindern elitefreundliche Inhalte indoktrinieren. Im schlimmsten Fall könnte Heimbildung manchen Eltern dazu dienen, ihren Kindern solch krude Thesen zu vermitteln — oder sie von bestimmten Erkenntnissen wie beispielsweise der Evolutionstheorie oder Verhütungsmethoden fernzuhalten.

Könnte eine Lockerung des Bildungssystems also Parallelgesellschaften befördern? Ja, sagt der Rechtswissenschaftler Johannes Rux: „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Eltern ihre Kinder zu den Werten erziehen, die der Verfassung zugrunde liegen.“ Rux beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Schulrecht und Schulpflicht. Er sieht sie als notwendig an, um allen Kindern den Wertkonsens des Grundgesetzes und das Minimum an Bildung beizubringen, auf dem die Demokratie fußt. „Die Konfrontation mit Menschen mit anderem Glauben, Weltanschauungen oder Hautfarbe führt dazu, dass man sich mit dem Fremden auseinandersetzt und das Menschliche hinter dem anderen sieht“, sagt Rux.

Eine Segregation des Schulsystems könne deshalb dazu führen, dass Randgruppen sich noch weiter von der Gesellschaft entfernten. Beispielhaft dafür ist die Geschichte einer christlichen Sekte namens Zwölf Stämme. Deren Mitglieder hatten bis 2013 ihre Kinder in Absprache mit dem bayerischen Kultusministerium selbst unterrichtet – bis bekannt wurde, dass die Kinder mit Weideruten gezüchtigt worden waren. Die Prügelstrafe galt in der Sekte als probates Erziehungsmittel. Hätten die Kinder regelmäßig eine Schule besucht, wäre der Missbrauch wohl kaum so lange unentdeckt geblieben.

Der Fall wirft die Frage auf, ob Behörden im Falle einer Legalisierung von Homeschooling oder Freilernen die betroffenen Familien ausreichend kontrollieren könnten. Denn zusätzlich zu religiösen könnten beispielsweise auch Migrantenfamilien Heimbildung als Vorwand nutzen, um Kinder von anderen Kulturen und Ansichten abzuschotten. Oder weniger gebildete Eltern sich dazu entscheiden, ihre Kinder daheim zu unterrichten, obwohl sie gar nicht in der Lage sind, die Lehrinhalte angemessen zu vermitteln. Diese Familien zu überprüfen würde neue Strukturen, geschultes Personal und somit viel Zeit und Geld erfordern.

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Trotzdem ist Rux der Meinung, dass Ausnahmen von der Schulpflicht erlaubt sein sollten – sofern diese nicht von den Eltern, sondern vom Kind selbst initiiert werden. „Wenn ein Kind gegenüber dem Schulleiter begründen kann, wieso es daheim besser lernen kann und wie es sich in die Gesellschaft eingliedern möchte, dann ist es an der Zeit, nachzudenken“, sagt der Rechtswissenschaftler. Bei vielen Freilerner-Kindern, die freiwillig zuhause bleiben, sei er daher unbesorgt. „Wenn Kinder der Ausgangspunkt für diese Entscheidung sind, kann man sicher sein, dass es selbständige Menschen sind, die nicht indoktriniert und abgeschottet werden.“

Nicht nur die pädagogische, auch die rechtliche Lage der Schulpflicht ist umstritten. Der Rechtsanwalt Andreas Vogt hat schon einige Dutzend Eltern vor Gericht vertreten, die ihre Kinder daheim unterrichten wollten. Obwohl die Schulpflicht das Erziehungsrecht der Eltern (GG Art. 26 Abs. 2) und die Selbstbestimmung der Kinder einschränkt, ist es bisher Vogt vor Gericht nicht gelungen durchzusetzen, dass Eltern ihre Kinder legal zuhause unterrichten dürfen. Auch wenn manche Richter die Familien nur zu symbolischen Geldstrafen verurteilten, argumentieren die meisten Familiengerichte, dass ein Nicht-Schulbesuch automatisch das Kindeswohl gefährde. Vogt gelang es jedoch, in einigen Fällen den Entzug des elterlichen Sorgerechts abzuwenden und Bescheide von Schulbehörden und Bußgeldverfahren aufzuheben.

Staatliche Stellen argumentieren, dass der Staat eine Aufsicht über das gesamte Schulwesen habe und leiten daraus einen Erziehungsauftrag für alle Kinder ab. Aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen ziehen laut Vogt deshalb immer mehr Homeschooler und Freilerner ins Ausland. „Die Eltern gehen diesen Weg notgedrungen, weil ihre Kinder in der Schule unglücklich sind. Und zuhause wieder aufblühen, weil die Lust am Lernen zurückkommt.“

Eines der beliebtesten Exilländer ist Kanada. Wer seine Kinder zuhause unterrichtet, erhält dort Bildungsgutscheine, denn wenn Schüler nicht zur Schule gehen, spart der Staat Geld. Trotzdem sind in Kanada nur etwa ein Prozent der Kinder Homeschooler. Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass auch in Deutschland bei einer Legalisierung nicht mit einer großen Austrittswelle aus den Schulen zu rechnen wäre.

Freilernen und Homeschooling könnten Alternativen zum aktuellen Schulsystem sein, die überprüft und diskutiert werden müssten. Dieser Debatte verweigern sich die deutschen Politiker und Gerichte bisher aber weitgehend. In großen Teilen der Welt ist Heimbildung erlaubt. Auch in Deutschland könnte eine regulierte Variante, in der die Familien regelmäßig überprüft werden, sinnvoll sein.

Juri und Immanuel Wolf sehen es heute als Glücksfall an, dass sie viele Jahre lang daheim bleiben durften. Sie glauben, dass diese Zeit sie geprägt und in ihrer Entwicklung begünstigt hat. Einen ähnlichen Weg wünscht Juri sich für seinen einjährigen Sohn. Er will ihn zwar nicht zuhause lassen, aber statt auf eine staatliche will er ihn auf eine anerkannte Freilerner-Schule schicken, in der es keine Klassen, keinen Unterricht und keine Lehrpläne gibt. „Schule wird immer der Standard sein und ich bin froh, dass es Schule gibt“, sagt Juri. „Aber wir müssen eine Alternative schaffen, die auch möglich ist.“

Aktualisierung, eingefügt am 2.9.2017.: Wir haben den fünftletzten Absatz leicht ergänzt. 

Ein Seniorenheim des Diakoniewerkes Bethel: Einblicke von außen sind unerwünscht. Das kann den Konzern jetzt teuer zu stehen kommen.© David Wünschel (correctiv.org)

Wirtschaft

Sind 700.000 Euro Jahresgehalt angemessen für den Leiter eines Diakoniewerkes?

Offenbar bezieht ein Vorstand des Diakoniewerkes Bethel ein Jahresgehalt von rund 700.000 Euro. Viel zu viel, urteilen Experten. Nun droht der Verlust der Gemeinnützigkeit.

weiterlesen 8 Minuten

von David Wünschel , Frederik Richter

CORRECTIV hat berichtet, wie trickreich Karl Behle das Diakoniewerk Bethel unter seine Kontrolle gebracht – und wie er dem von ihm beherrschten Werk eine Villa zu einem erstaunlich niedrigen Preis abgekauft hat. Offenbar bezieht Behle ein Jahresgehalt von rund 700.000 Euro. Hinzu kommen Pensionsansprüche von rund 5,6 Millionen Euro. Diese Informationen stammen aus der Stellungnahme eines Wirtschaftsprüfers und sind bisher unbestätigt. Behle und das Diakoniewerk schweigen bisher zu den Vorwürfen.

Jetzt stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Vorgänge auf die Gemeinnützigkeit des Unternehmens haben.

Es ist nicht festgelegt, wie viel die Chefs gemeinnütziger Organisationen höchstens verdienen dürfen. Laut Paragraph 55/3 der Abgabenordnung dürfen gemeinnützige Einrichtungen niemanden durch „unverhältnismäßig hohe Vergütungen begünstigen“. Am Ende beurteilt das jeweilige Finanzamt, ob das Gehalt vereinbar ist mit dem steuerbegünstigten Status. Doch von uns kontaktierte Experten sind sich einig: Verdient Karl Behle tatsächlich 700.000 Euro pro Jahr, dann ist das unvereinbar mit der Gemeinnützigkeit des Diakoniewerks.

„Wenn das Finanzamt sich das anschaut, kann die Gemeinnützigkeit aberkannt werden“, sagt Rupert Strachwitz, Direktor des Maecenata-Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft. „Es ist ganz eindeutig gegen das Gewinnausschüttungsverbot verstoßen worden.“ Das Finanzamt, die staatliche Stiftungsaufsicht und der Bund Evangelischer Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) hätten früher eingreifen müssen. „Die haben Behle über viele, viele Jahre machen lassen.“

Auch Christoph Glaser, Rechtsanwalt aus Heidelberg und Experte für Gemeinnützigkeitsrecht, hält finanzielle Konsequenzen für das Diakoniewerk für möglich. „Wenn die Verstöße schwer genug sind, kann die Gemeinnützigkeit rückwirkend aberkannt werden“, sagt Glaser. Dies kann in extremen Fällen bis zu zehn Jahre zurückreichen. „Dann können Sie davon ausgehen, dass für diese Zeit grob die Hälfte der Gewinne weg ist.“ Weil es Steuernachzahlungen in Millionenhöhe geben könnte.

Sollte das Finanzamt auf Steuernachzahlungen pochen, könnte das Diakoniewerk versuchen, Behle grobe Fahrlässigkeit oder Vorsatz nachzuweisen. Und ihn so haftbar zu machen. Zudem hätte die Stiftungsaufsicht die Möglichkeit, Behle als Stifter abzuberufen und ihn ebenfalls in Regress zu nehmen.

Gehalt mehr als vier Mal so hoch

Im Sinne der Gründer des Diakoniewerkes sind die Vorgänge sicher nicht. Der Pastor Eduard Scheve und seine Frau Berta gründeten im Jahr 1887 das Diakonissenhaus Bethel, um Armen und Schwachen zu helfen. Heute arbeiten rund 1.700 Mitarbeiter in 13 Krankenhaus- und Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland. Das Unternehmen erzielt einen Jahresumsatz von etwa 75 Millionen Euro.

„Das Gehalt ist immer ein Spagat“, sagt Manfred Lehmann von der Kanzlei Schomerus und Partner und Experte für Gemeinnützigkeit. Einerseits müssen gemeinnützige Organisationen Top-Personal rekrutieren. Andererseits müssen sie Spenden und öffentliche Gelder besonders sorgfältig einsetzen. Lehmann verweist auf ein Gerichtsurteil aus Mecklenburg-Vorpommern vom Dezember 2016: Dort entzog das Finanzamt einem Unternehmen die Gemeinnützigkeit, weil der Geschäftsführer zu viel verdiente. Und zwar bis zu 346.000 Euro.

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Das Finanzgericht Mecklenburg-Vorpommern bestätigte die Entscheidung. Nach einer Revision liegt der Fall jetzt beim Bundesfinanzhof. Eine Studie, auf die sich das Gericht stützte, gab an: Das durchschnittliche Gehalt eines Geschäftsführers im Gesundheitswesen liegt bei etwa 170.000 Euro. Karl Behle soll mehr als vier Mal so viel verdienen.

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Der Vorstand Karl Behle dominiert das Diakoniewerk Bethel.

Charlotte Hintzmann

Schon lange mahnen Experten mehr Transparenz im gemeinnützigen Sektor an. Denn dort fehlt ein wichtiges Korrektiv: Kein Eigentümer, kein Aktionär beschwert sich, wenn ein Vorstand ein zu hohes Gehalt bezieht. Birgit Weitemeyer, Expertin für Steuerrecht an der Bucerius Law School in Hamburg, kritisiert, dass es keine verbindlichen Regeln gibt, die Transparenz in gemeinnützigen Organisationen vorschreiben. Oder Ämterhäufungen verhindern.

„Transparenz ist in diesem Bereich in Deutschland unterentwickelt“, sagt Weitemeyer. Anders als etwa in den USA und in Großbritannien. Weitemeyer: „Nur auf Basis von Freiwilligkeit, das zeigt die Erfahrung, funktioniert es nicht. Aber damit die Politik etwas unternimmt, braucht es wohl mehrere Großskandale.“

Die politische Macht des e.V.

Nicht einmal nach der Affäre beim ADAC habe es ein Umdenken gegeben, kritisiert Weitemeyer. Bei dem Autoverband hatten Führungskräfte nicht sauber zwischen Ehrenamt, privaten und geschäftlichen Interessen getrennt.

Die Politik scheue sich, den 600.000 eingetragenen Vereinen in Deutschland mehr Transparenz aufzuerlegen, weil sie damit unweigerlich Wählern auf die Füße treten würde, sagt Weitemeyer.

Dem Diakoniewerk drohen auch so schon Konsequenzen: Die Dachorganisation Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (DWBO) stellte dem Diakoniewerk ein Ultimatum: Bis Monatsende soll es vier Forderungen erfüllen. Eine davon: der sofortige Rücktritt von Karl Behle aus dem Vorstand. Sonst geht der DWBO davon aus, dass das Diakoniewerk nicht länger Mitglied im DWBO sein will. Angesichts der Kürze der Frist gleichen diese Forderungen einem Rausschmiss.

Illustration: Charlotte Hintzmann

In eigener Sache

Reportage als Comic: Von Kalaschnikows und Kriegsverbrechen

Zwei Stipendiaten bereichern neuderdings die Berliner Redaktion – Diala aus Syrien und Greg aus Burkina Faso. Sie zeichnen bei uns zwei buchlange Comic-Reportagen. Und suchen eine Wand für ihre Wolkenkinder.

von David Wünschel

Wenn Diala Brisly erzählt, dass sie als Mädchen in der Schule Kalaschnikows zusammenbaute, sind die meisten Menschen geschockt.

Wenn Greg G. erzählt, dass ein ruandischer Rebellenführer von Deutschland aus bei Massakern im Kongo half, sind die meisten Menschen geschockt.

Beides ist wahr. Aber kaum jemand kennt diese Geschichten. Diala und Greg wollen, dass sich das ändert.

Ein halbes Jahr arbeiten die beiden in der CORRECTIV-Redaktion in Berlin. Sie zeichnen, unterstützt von unseren Redakteuren, eine grafische Reportage. 2016 hat CORRECTIV zwei Stipendien der Open Society Foundation für Künstler aus dem Mittleren Osten und der Subsahara ausgeschrieben. Am Ende fiel die Wahl auf Diala – die aus Syrien stammt ­– und auf Greg aus Burkina Faso.

Dialas dokumentarischer Comic handelt davon, wie Kinder in Syrien manipuliert wurden, sowohl unter dem Assad-Regime als auch in den IS-Gebieten. Bassel Al-Hamdo, ein CORRECTIV-Redakteur aus Aleppo, hat vor einigen Jahren verdeckt in IS-Schulen recherchiert und Unterrichtsmaterialien des IS ausgewertet. Er unterstützt Diala jetzt dabei, ein Buch über das Leben im Bürgerkrieg zu zeichnen, über irregeführte Kinder und darüber, wie Kunst ihnen helfen kann, ihre Traumata zu verarbeiten.

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Bassel und Diala besprechen in der Redaktion das Konzept für ihre grafische Reportage.

David Wünschel

Dialas Geschichte beginnt im Syrien der 1990er Jahre, als der alte Assad das Land unterjochte. Die Kinder gingen damals in Militäruniform zur Schule. Dort lernten sie, wie man eine Kalaschnikow auseinandernimmt und wieder zusammenbaut. So sollten sie zu Kriegern erzogen werden. „Ich habe in jeder Stunde Militärunterricht gezittert“, sagt Diala. Sie und ihre Freundinnen sprangen aus dem Toilettenfenster, um aus der Schule zu fliehen.

Die Militärlehrerin durfte die Schülerinnen sogar schlagen. Auf ihrer Brust prangte ein Abzeichen mit Assads Konterfei, auf Dialas Hausaufgabenheft ebenso. Sie erinnert sich, wie sie trotz Verbot mit Kopftuch zur Schule ging. Nicht, weil sie religiös war, sondern weil sie rebellieren wollte.

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Von Syrien über die Türkei, den Libanon und Frankreich nach Deutschland: CORRECTIV-Stipendiatin Diala Brisly

David Wünschel

Nach der Schule arbeitete Diala als Illustratorin. Sie half bei Fernsehproduktionen und gestaltete Kinderbücher. Als Anfang 2011 die Syrische Revolution begann, stand sie auf Seiten der Opposition. Sie packte Lebensmittel und Medikamente in ihr Auto und schmuggelte sie durch Checkpoints des syrischen Militärs zu den Rebellen.

Einmal wäre sie fast erwischt worden. Ein Soldat stoppte sie an einem Checkpoint, und sie hatte unter dem Fahrersitz Medikamente versteckt. Doch sie hatte Glück. Der Soldat winkte sie durch. Das war 2013. Wenig später floh Diala in die Türkei.

Warum hat sie gegen das Assad-Regime gekämpft? „Freiheit ist unglaublich wichtig für mich. Wir haben unsere Namen nicht gewählt, wir haben unsere Eltern nicht gewählt. Dann sollten wir wenigstens den Rest wählen dürfen.“

Über Istanbul kam sie in den Libanon. Dort erreichte sie die Nachricht, dass CORRECTIV mit ihr gemeinsam eine grafische Reportage produzieren will. Wenig später bekam sie Zuflucht in Südfrankreich. Und nun sitzt sie seit drei Wochen jeden Tag bei uns der Berliner Redaktion und zeichnet ihre Geschichte.

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Ihr junges Ich als Protagonistin: Ein Blick auf den Schreibtisch von Diala Brisly

David Wünschel

Greg G., der zweite Stipendiat, ist in Frankreich aufgewachsen. 2009 zog er nach Burkina Faso, in die  Hauptstadt Ouagadougou. Dort arbeitete er als Illustrator, etwa für Hilfsorganisationen, verkaufte T-Shirts mit seinen Motiven und zeichnete für Zeitungen Karikaturen, die die Unruhen und den gescheiterten Militärputsch in den Jahren 2014 und 2015 kommentierten.

Weil ihm die Zusammenarbeit mit Journalisten gefiel, bewarb er sich für das Stipendium bei CORRECTIV. Greg kam schon im März nach Berlin, wo er zusammen mit unserem Reporter Frederik Richter zur Rolle Deutschlands bei Genoziden und Kriegsverbrechen in Afrika recherchiert.

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Seit März in Berlin: Greg G.

David Wünschel

Im Mittelpunkt seiner Geschichte steht Ignace Murwanashyaka. Der Politiker der ruandischen Rebellengruppe FDLR lebt seit den 1980er Jahren in Deutschland. Murwanashyaka wurde 2015 wegen seiner führenden Rolle in der FDLR in Stuttgart zu 13 Jahren Haft verurteilt – wegen Rädelsführerschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Beihilfe zu vier Kriegsverbrechen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Murwanashyaka äußerte sich vor Gericht nicht zu den Vorwürfen.

Murwanashyaka wurde 2001 zum Anführer der FDLR gewählt – und betrieb von Mannheim aus jahrelang deren Propaganda. Während der Massaker kaufte er Guthaben für die Satellitentelefone der lokalen Kommandeure.

Diese Geschichte will Greg erzählen. Für seine Recherche reiste er durch Deutschland, besuchte Murwanashyakas früheren Wohnort und interviewte Insider. „Ich habe Freunde aus Ruanda“, sagt Greg, „und fühle mich dieser Geschichte verbunden, weil ich lange in Afrika gelebt habe“. Bis Ende August zeichnet er an diesem Projekt.

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Recherchereise durch Deutschland: Einige Entwürfe auf Gregs Schreibtisch

David Wünschel

Wir von CORRECTIV legen großen Wert darauf, besondere Erzählformate zu fördern – und kennen uns aus mit Comic-Reportagen. „Weiße Wölfe“, in dem CORRECTIV-Gründer David Schraven von seinen Recherchen zu rechten Terrorbanden im Ruhrgebiet erzählt, gewann den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie „Innovation“.

Diala und Greg, die beiden Künstler von CORRECTIV, teilen eine Leidenschaft: die Wandmalerei. In Gregs Heimat Ouagadougou gibt es etwa zwei Dutzend Häuserwände mit seinen Zeichnungen, eine davon ist acht Meter hoch. Und Diala bemalte die Schulzelte in libanesischen Flüchtlingscamps, damit die Kinder gerne in den Unterricht gehen.

Vor einigen Wochen fuhren die beiden zum S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf. Daneben erhebt sich ein mächtiges, heruntergekommenes Gebäude. Die Fenster sind schon lange eingeschlagen, die Metallstreben verrostet und das Dach verfallen. Früher rangierte die Bahn in diesem Bau ihre Lokomotiven, heute hausen hier nur noch einige Obdachlose.

An diesem trostlosen Ort wollten Diala und Greg eine Wand bemalen. Mit Bottichen voller Farbe stapften sie dorthin, um zwei fröhliche, auf einer Wolke sitzende Kinder auf den Beton zu pinseln. Als die ersten Linien gezeichnet waren, kam ein Wächter und drohte, die Polizei zu rufen. Zwar werde die Halle nicht genutzt, Privateigentum sei sie aber trotzdem. Also packten Diala und Greg ihre Pinsel wieder ein und liefen mit den Bottichen in der Hand zurück zur S-Bahn-Station. Nun suchen die beiden eine andere Berliner Wand, auf der sie ihre Lust am Zeichnen ausleben können.

Wer eine Wand kennt oder hat – bitte melden bei
post@davidwuenschel.de.

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Sind mittlerweile befreundet: Diala und Greg

David Wünschel

Blick auf die Villa in Berlin-Lichterfelde, die das Ehepaar Behle im Jahr 2010 vom Diakoniewerk gekauft hat.© David Wünschel / Correctiv

Wirtschaft

Eine Villa für den Herrn

Karl Behle hat das Diakoniewerk Bethel im Lauf der Jahre unter seine Kontrolle gebracht. Jetzt zeigen Recherchen, dass er sich zudem eine Villa aus dem Besitz des Diakoniewerkes zugeschanzt hat – zu einem erstaunlich günstigen Preis.

weiterlesen 5 Minuten

von Jonathan Sachse , David Wünschel , Frederik Richter

Drei Stockwerke aus rotem Backstein, zwei Sonnenterrassen nach Süden, die auf einen großzügigen Garten blicken. In die idyllische Villa in Berlin-Lichterfelde mit einem 1500 Quadratmeter großen Grundstück würde jeder gern einziehen. Tatsächlich wohnt hier aber Karl Behle, Vorstand des Diakoniewerkes Bethel. Behle hat die Villa, die vor ein paar Jahren noch dem Diakoniewerk gehörte, elegant in seinen Besitz gebracht.

Vergangene Woche deckte CORRECTIV auf, dass Behle sich das Diakoniewerk Bethel einverleibt hat. Das Unternehmen betreibt bundesweit 13 Kliniken und Pflegeeinrichtungen und beschäftigt 1700 Mitarbeiter. Eigentümer des Diakoniewerkes (75 Millionen Euro Jahresumsatz) sind inzwischen zwei Stiftungen – die Behle gehören.

Bis 2011 war das Diakoniewerk noch ein eingetragener Verein. Dann wurden zwei Stiftungen als Gesellschafter eingetragen. Erst im Mai 2017 gab Behle zu, dass er selbst hinter den beiden Stiftungen steckt. Nach Recherchen von CORRECTIV könnte Behle vom Diakoniewerk ein Jahresgehalt von etwa 700.000 Euro beziehen. Zudem soll er sich Pensionsansprüche in Höhe von 5,6 Millionen Euro ausgezahlt haben.

Auch die hochherrschaftliche Villa des Diakoniewerkes am Marienplatz in Berlin-Lichterfelde hat sich Karl Behle geschickt angeeignet. Einen Tag nach Weihnachten 1995 – er war seit neun Jahren beim Diakoniewerk tätig – ließen sich Behle und seine Frau ein lebenslanges Wohnrecht in dem Prachtbau zusichern, ein „Nießbrauchrecht“. Das belegen die Grundbuchakten.

Aus den Akten geht auch hervor, dass die Villa danach zwei Mal verkauft wurde: Zuerst am 16. Dezember 2008 für 510.000 Euro an eine Tochterfirma des Diakoniewerkes namens Zentraler Service Bethel Berlin GmbH. Und auf den Tag genau zwei Jahre später direkt an Karl Behle und seine Ehefrau, für 530.000 Euro.

Auf beiden Seiten des Deals: Karl Behle. Als Vorstand des Diakoniewerkes verkaufte er die Villa an die Tochterfirma. Als Privatperson kaufte er sie der Tochterfirma wieder ab.

Diesen Vertrag unterzeichnete im Namen des Diakoniewerkes Behles Vorstandskollegin Katja Lehmann-Giannotti. Die Fachärztin für Chirurgie war zwei Monate vor dem Verkauf in den Vorstand gekommen und sitzt dort sowie in weiteren zentralen Gremien des Unternehmens bis heute zusammen mit Behle.

Private versus geschäftliche Interessen

Kauft ein Manager seinem Unternehmen etwas ab, stehen sich zwei unvereinbare Interessen gegenüber: Als Manager muss er einen guten Preis für das Unternehmen erzielen. Als Privatperson will er möglichst wenig zahlen. Ein unauflösbarer Widerspruch.

Hat Karl Behle das Haus zu einem angemessenen Preis erworben? Das Diakoniewerk kaufte die Immobilie im Jahr 1988 für umgerechnet etwa 700.000 Euro. Und 20 Jahre später soll sie knapp 200.000 Euro weniger wert sein? Seitdem sind in Berlin die Immobilienpreise nur gestiegen. Behle selbst beantwortete Fragen von CORRECTIV zu dem Fall nicht.  

Zwei Immobilienexperten aus Berlin gehen davon aus, dass Behle die Immobilie für einen Preis weit unter dem Marktpreis erwarb. Eine ortskundige Immobilienmaklerin schätzt, dass das Grundstück inklusive der Villa im Verkaufsjahr 2010 zwischen 1,3 bis 1,5 Millionen Euro wert gewesen sein müsste. Also knapp dreimal so viel wie Behle zahlte.

Blick auf die Front der Villa. Drei Gärtner arbeiten auf dem Grundstück.

Blick auf die Sonnenterassen der Villa am Marienplatz. Auf dem Grundstück sind mehrere Gärtner beschäftigt.

Jonathan Sachse (correctiv.org)

Für eine genaue Einschätzung fehlen Informationen über den Zustand des Gebäudes und die Größe der Wohnfläche. Entscheidend für die Einschätzung des Kaufpreises ist vor allem das lebenslange Wohnrecht, das Behle mit seiner Frau schon seit den 1990er Jahren genießt. Es ist unklar, warum Behle und seine Frau dieses Recht damals erhielten. Fragen dazu beantwortete das Diakoniewerk Bethel nicht.

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In regelmäßigen Abständen ermittelt ein Gutachterausschuss in Berlin die Bodenrichtwerte für alle Berliner Bezirke. Kostete ein Quadratmeter am Marienplatz 2010 noch 320 Euro, sind es heute 610 Euro. Allein der Wert des 1500 Quadratmeter großen Grundstücks ist demnach von 480.000 Euro auf 915.000 Euro gestiegen.

Weder das Diakoniewerk Bethel noch Karl Behle, noch seine Vorstandskollegin Lehmann-Giannotti reagierten auf schriftliche Anfragen. Bei einem Ortsbesuch hieß es sowohl bei seiner Villa als auch am Geschäftssitz, es sei niemand zu sprechen.

CORRECTIV hat ein zweites Grundstücksgeschäft des Diakoniewerkes unter der Ägide von Karl Behle überprüft. 2015 verkaufte das Diakoniewerk sein Mutterhaus, den damaligen Wohnort der Diakonissen in Berlin, für 7,5 Millionen Euro. Aus den Unterlagen ergeben sich keine Hinweise, dass das Werk das Haus unter Wert verkauft haben könnte.

Ein Weg für Behles Auto

Als Behle die Villa am Marienplatz gekauft hatte, gab es noch ein Problem: Dem Grundstück fehlt eine Garage. Also ließ er sich und seiner Frau die Nutzung einer Garage auf dem Nachbargrundstück, auf dem sich der Verwaltungssitz des Diakoniewerkes befindet, vertraglich zusichern.

Auf einer Skizze ist ein Weg eingezeichnet.

Links die Geschäftsstelle des Diakoniewerkes (P5a). Rechts die Villa der Behles (M7). Der Weg führt um die Geschäftstelle zur Garage und von dort zum privaten Grundstück.

Foto aus der Grundbuchakte

Darüber hinaus ließ er sich ein genau markiertes „Geh- und Fahrrecht“ in den Kaufverträgen zusichern. Damit er und seine Frau über das Grundstück zu ihrer Garage gehen dürfen.

Das Problem: Sollte das Diakoniewerk dieses Grundstück einmal verkaufen wollen, mindern die Rechte von Behle seinen Wert. Denn welcher Käufer will schon einen derart gerissenen Manager täglich bei sich über das Grundstück laufen lassen.


Haben Sie Hinweise zum Diakoniewerk Bethel oder zu anderen Einrichtungen, die wir uns genauer anschauen sollten? Schreiben Sie uns gerne. Die CORRECTIV-Reporter Frederik Richter und Jonathan Sachse können Sie über verschiedene Wege für einen vertraulichen Austausch erreichen, die Sie auf dieser Seite finden. 

Mitarbeit: Florian Farken

© Johannes Eisele / AFP

Ungerechte Arbeit

Warum die Arbeitslosenquote nur einen Teil der Wahrheit erzählt

Der Erfolg von Arbeitsagentur und Jobcentern wird fast ausschließlich daran gemessen, wie niedrig die Arbeitslosenquote ist. Dabei ist das eine rein quantitative Zahl. Über die Nachhaltigkeit der Beschäftigungsverhältnisse gibt sie keine Auskunft. Hier hilft eine Quote, die kaum jemand kennt.

weiterlesen 6 Minuten

von David Wünschel

K2E3, oder auch Nachhaltigkeit der Integrationen: So heißt im Behördensprech eine Kennzahl, die misst, wie viele Menschen ein Jahr nach einer Jobvermittlung weiterhin sozialversicherungspflichtig arbeiten. Für die Controller der Bundesagentur für Arbeit, die die Finanzen steuern, ist sie nach eigenen Angaben eine der wichtigsten Quoten, um den nachhaltigen Erfolg in der Arbeitsvermittlung zu messen.

CORRECTIV hat diese Quote für alle Jobcenter in Deutschland ausgewertet. Die Daten aktualisiert das Arbeitsministerium monatlich auf seiner Webseite. Um den Vergleich unter den Jobcentern zu vereinfachen, veröffentlichen wir die Quoten für alle 407 Jobcenter in einer Tabelle. Das Ergebnis: Bundesweit steigt die nachhaltige Integrationsquote seit fünf Jahren stetig an. Den jüngsten Erhebungen zufolge lag sie im November 2016 für Hartz-IV-Empfänger bei 67,1 Prozent. Immerhin zwei Drittel der Menschen, die morgen aus der Arbeitslosigkeit heraus eine neue Stelle antreten, haben gute Chancen, auch noch in einem Jahr beschäftigt zu sein.

Doch es gibt wesentliche Unterschiede zwischen den Jobcentern:

  • Die Quote schwankt zwischen 56,4 und 75,5 Prozent.

  • Die Jobcenter Hamm (56,4), Lindau (58,5) und Sonneberg (58,6) haben aktuell den geringsten nachhaltigen Vermittlungserfolg. Etwas mehr als die Hälfte der Vermittelten ist hier auch nach einem Jahr noch beschäftigt.

  • In elf von 407 Jobcentern ist die Quote innerhalb von zwei Jahren gesunken, entgegen dem bundesweiten positiven Trend. Im Jobcenter St. Wendel hat sich die Quote mit 4,5 Prozent am stärksten verschlechtert und liegt jetzt bei 62,2 Prozent.

K2E3 — Nachhaltigkeit der Integration

 

Wie sind diese Unterschiede zu erklären? Vermitteln manche Jobcenter die Arbeitslosen lieber schnell in einen neuen Job, statt auf Stellen zu setzen, die langfristige Beschäftigung versprechen?

Der nachhaltige Erfolg ist nicht nur von der Leistung der Jobcenter, sondern auch von äußeren Umständen abhängig, sagt Michael Preisendanz. Er leitet das Jobcenter Lindau am Bodensee. In der Stadt empfangen nur sehr wenige Männer und Frauen Hartz IV (1,0 Prozent), die Nachhaltigkeit der Integrationen liegt aber mit 58,5 Prozent deutschlandweit auf dem vorletzten Platz.

Preisendanz begründet dies damit, dass es in seinem Verwaltungsgebiet „oftmals nur befristeten Einstellungsbedarf für weniger gut qualifizierte Menschen“ gebe. Sprich: Viele Menschen werden als Zeitarbeiter eingestellt. Weil Lindau außerdem eine touristische Stadt ist, gibt es viele Stellen, die nur saisonal besetzt werden. Dadurch können viele Arbeiter in der Region nur selten langfristig beschäftigt werden.

Noch deutlich schlechter war der Wert des Jobcenters Kusel. Dort waren nur 42,5 Prozent der Ende 2013 vermittelten Kunden ein Jahr später noch beschäftigt — der mit Abstand niedrigste Wert aller Jobcenter. „Wir waren mitten im Umbruch“, sagt Jobcenter-Leiter Harald Trautmann. Bis Ende 2011 wurde das Jobcenter gemeinsam von Arbeitsagentur und Kommune geführt, seitdem ist die Kommune alleiniger Betreiber. Mittlerweile hat Kusel einen mittelmäßigen K2E3-Wert von 67,3 Prozent. Trautmann zufolge liegt dies daran, dass seine Mitarbeiter sich nun auf mehr die Stärken der Arbeitssuchenden fokussieren und jedem von ihnen individuelle Stellenangebote unterbreiten. Während der Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur habe dies nicht so gut geklappt.

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Forscher weisen jedoch auf die Schwachstellen der Quote hin. „Sie gibt nicht an, ob sich die Arbeitskraft im gleichen Arbeitsverhältnis befindet wie bei der Einstellung“, sagt Lena Becher, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung. So kann ein Betroffener laut Statistik zwar als nachhaltig integriert gelten, zwischen zwei Arbeitsverhältnissen aber monatelang arbeitslos gewesen sein. Hinzu kommt, dass die Quote weder Arbeitsverhältnisse im Ausland noch Selbstständige berücksichtigt.

Um Arbeitssuchende tatsächlich nachhaltig zu integrieren, plädiert Becher dafür, Hartz-IV-Empfänger stärker zu unterstützen und in florierende Wirtschaftszweige zu vermitteln.

Integrationen und ihre Nachhaltigkeit

 

Die nachhaltige Integrationsquote zeigt also nur eine Tendenz. Einige Arbeitskräfte, die als nachhaltig integriert gelten, sind es tatsächlich nicht. Aber die positive Tendenz ist unbestreitbar. Während im September 2014 fast genauso viele Arbeitslose angestellt wurden wie im November 2016, stieg die Zahl der nachhaltigen Integrationen von 554.000 auf 638.000. Dass die Arbeitslosenquote sich auf einem historisch niedrigen Stand befindet, liegt auch daran, dass es den Jobcentern gelingt, immer mehr Menschen langfristig zu vermitteln.

Die Bundesagentur für Arbeit gibt jeden Monat die neuen Zahlen zur Arbeitslosenstatistik bekannt. So auch heute. Wir veröffentlichen zeitgleich, was sich hinter diesen Zahlen verbirgt und welche Zahlen es noch zur Arbeitsvermittlung gibt. Im letzten Monat berichteten wir, dass die echte Zahl der Arbeitslosen um eine Million höher liegt als bekannt gegeben.

Kojak, nicht Columbo: Dirk Winkelmann (hellblaues Hemd)

Kojak, nicht Columbo: Dirk Winkelmann (hellblaues Hemd)© David Wünschel

In eigener Sache

Was Rechercheure von Inspektor Columbo lernen können

Strategie statt Intuition: Frage-Profi Dirk Winkelmann zeigte in der CORRECTIV-Redaktion, wie Journalisten Lügen entlarven und besser kommunizieren können

von David Wünschel

Wenn Inspektor Columbo früher im Trenchcoat und mit zerzaustem Haar durch Los Angeles schlurfte, wirkte er immer ein wenig schusselig und zerstreut. Der TV-Ermittler besuchte seine Informanten am liebsten in ihrem Zuhause und redete über die Gemälde an der Wand oder die Hobbys seiner Frau. Trotzdem gelangte er stets an die Informationen, wegen derer er gekommen war. Wie machte er das nur?

Dirk Winkelmann nennt diese Technik den „Columbo-Effekt“: Indem der Kommissar über Alltägliches sprach, gab er den Informanten das Gefühl, mit einem interessierten und ungefährlichen Menschen zu reden — und eben nicht mit einem knallharten Ermittler. „Derrick stellte seine Fragen direkt und geradlinig, Columbo kam über Umwege ans Ziel“, sagt Winkelmann, der am Mittwoch den Workshop „Gesprächsführung für Rechercheure“ leitet.  Dr. Winkelmann schult Betrugsermittler in der Führung heikler Recherchegespräche, behauptet aber, seine Techniken funktionieren genauso gut, wenn es darum geht, vom eigenen Kind zu erfahren, was in der Schule los ist.

Rund 15 Teilnehmer haben sich in der CORRECTIV-Redaktion in Berlin zusammengefunden, um zu lernen, in Interview-Situationen besser kommunizieren zu können. Ein Teilnehmer arbeitet im Sozialheim mit Flüchtlingen, aber die meisten sind Journalisten in Print, Radio oder TV. Ich selbst bin hier, weil ich zukünftig bessere Beziehungen zu meinen Gesprächspartnern aufbauen will.

Nach einer kurzen Einführung stellt uns Winkelmann einen Persönlichkeitstest vor. Wir sollen acht Fragen beantworten, an deren Ende wir dann wissen, ob wir eher ein grüner, roter oder blauer Persönlichkeitstyp sind. Grün steht für Kontakt und Empathie, rot für Aktion und Dominanz und blau für Systematik und analytisches Denken. Nach dem Test ist kaum jemand vom Ergebnis überrascht. Eine Teilnehmerin mit roten Persönlichkeitsmerkmalen stellt fest, dass sie im Straßenverkehr doch eher forsch unterwegs ist. Ein Grüner erklärt, dass er auf Partys immer leicht in Gespräche findet, und ich als Blauer merke, dass ich mich manchmal in sinnlosen Gedankenspielen verliere. Der Umkehrschluss des Tests: Wenn man dem Gesprächspartner eine Farbe zuordnen kann, weiß man auch in etwa, in welchem Ambiente er sich wohlfühlt.

„Gerade die roten Typen, die manchmal etwas Narzisstisches haben, brauchen Belohnung in Form von Anerkennung“, sagt Peter Hornung, der beim NDR im Investigativ-Ressort arbeitet. Bisher habe er seine Interviews hauptsächlich intuitiv geführt. „So kommt man zwar auch zum Erfolg“, sagt Hornung: „Aber wenn man diese Techniken wissenschaftlich betrachtet und Struktur hineinbringt, ist das hilfreich.“ Bei ihm habe der Test einen rot-grünen Typus ergeben, was sehr gut zutreffe.

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Ich ertappe mich dabei, die anderen Teilnehmer den verschiedenen Farben zuzuordnen. Meist komme ich zu einem Ergebnis, bei Herrn Winkelmann fällt es mir jedoch schwer. Es gibt auch Menschen, bei denen rote, grüne und blaue Merkmale in etwa gleich ausgeprägt sind.

Nach der Mittagspause zeigt Winkelmann uns verschiedene Fragetechniken und erklärt Kennzeichen von wahren und erfundenen Aussagen. Besonders glaubwürdig ist eine Aussage beispielsweise, wenn Einzelheiten geschildert werden, die für das Kerngeschehen eher unnötig sind. Besonders unglaubwürdig ist eine Aussage, wenn bestimmte Teile formelhaft wiederholt werden.

Um diese Merkmale testen zu können, sollen einige Workshop-Teilnehmer Episoden aus ihrem Leben erzählen. Unklar ist, ob sie tatsächlich stattgefunden haben oder erfunden sind. Peter Hornung schildert, wie ihm ein Kosovo-Albaner vor 19 Jahren auf dem Karlsplatz in München in den Bauch schoss. Weil er Aussehen des Täters und Tathergang genau schildert, und sogar anbietet, seine Narbe zu zeigen, glaube ich ihm seine Geschichte aufs Wort. Erfunden ist sie trotzdem — zumindest teilweise. „Ich war nicht das Opfer, sondern der Sanitäter“, sagt Hornung.

Der Wahrheitsgehalt seiner Geschichte — Ort, Tat und Täter — war also sehr groß, der Anteil der Lüge sehr klein. Trotzdem hätte man ihn bei einer längeren Befragung entlarven können, glaubt Workshop-Leiter Winkelmann. „Irgendwann hört die Geschichte auf, vorbereitet zu sein. Das ist der Punkt, an den Sie hinkommen müssen.“

Mir schwirrt der Kopf. Ich weiß jetzt zwar allerhand über Fragetechniken und Lügenmerkmale, aber die Flunkerei konnte ich nicht durchschauen. Vielleicht hätte ich besser aufpassen müssen? Vielleicht ist mir ein wichtiges Detail entgangen? Da sind sie wieder, die typischen Gedankenspiele. Aber ich bin ja ein blauer, analytischer Denker. Es kann also nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die vielen Knoten in meinem Kopf wieder entwirren.

David Wünschel hat bei der F.A.Z. hospitiert und studiert an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus. In den Semesterferien geht er am liebsten auf Reisen. Seine Eindrücke hält er in Bild und Text auf dem Blog „Fernweh nach Welt“ fest.

© Ivo Mayr / Correctiv

Neue Rechte

AfD-Politiker ziehen in Kuratorien der Landeszentralen für politische Bildung ein

EXKLUSIV: Weil die AfD in mehreren Landtagen sitzt, darf sie nun auch Vertreter in die Kuratorien der Landeszentralen für politische Bildung entsenden. In MeckPomm kontrolliert nun ein wegen Volksverhetzung verurteilter Politiker die Landeszentrale und will den „ganz einseitigen“ Kampf gegen Rechts beenden. In Thüringen sitzt Björn Höcke in dem Aufsichtsgremium. Wie groß ist der Einfluss der AfD-Hardliner auf die politische Bildung?

weiterlesen 5 Minuten

von David Wünschel

Bildung ist Ländersache. Die Landeszentralen für politische Bildung sind daher auch in jedem Bundesland verschieden organisiert. Ihre Arbeit wird in den meisten Fällen von Kuratorien kontrolliert, die sich aus Sachverständigen oder Abgeordneten der jeweiligen Landtage zusammensetzen. Weil dort inzwischen oft die AfD vertreten ist, sitzen mittlerweile in sechs Kuratorien bereits AfD-Politiker. Demnächst werden es neun sein.

In Mecklenburg-Vorpommern sind mit Holger Arppe, Ralph Weber und Dirk Lerche gleich drei Politiker vertreten, die alle als Vertreter des rechten Flügels der AfD gelten. Arppe wurde in erster Instanz wegen Volksverhetzung verurteilt, er legte jedoch Berufung ein und das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Weber sprach davon, dass „Biodeutsche“ sich für die „deutsche Leitkultur“ einsetzen müssten und Lerche unterzeichnete die Erfurter Resolution, in der Björn Höcke und André Poggenburg 2015 eine konservativere Ausrichtung der AfD forderten.

Auch in Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Sachsen sitzen AfD-Abgeordnete inzwischen in den Kuratorien der Landeszentralen für politische Bildung. In Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt wird dies der Fall sein, sobald die neuen Kuratorien sich erstmals nach den Landtagswahlen zusammenfinden. Und nach der Bundestagswahl könnten AfD-Abgeordnete auch ins Kuratorium der Bundeszentrale für politische Bildung einziehen.

Mitglieder sollen Überparteilichkeit sicherstellen

Die Mitglieder der Kuratorien haben Einfluss auf die Arbeit der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung. Die Aufgabe der Zentralen besteht darin, Veranstaltungen wie Diskussionsrunden oder Ausstellungen zu organisieren und politisch relevante Publikationen bereitzustellen. Sie sollen die Demokratie stärken und die politische Partizipation fördern.

Die Mitglieder der Kuratorien sollen sicherstellen, dass die Landeszentralen überparteilich, pluralistisch und unabhängig handeln. Dazu treffen sie sich mehrmals pro Jahr. Außerdem haben sie eine beratende Funktion und können in einzelnen Fällen auch thematische Schwerpunkte für die Arbeit der Landeszentralen festlegen. In manchen Bundesländern übernehmen dagegen andere Gremien oder der Hauptausschuss des Landtags diese Aufgabe. So sind auch in Hamburg und in Nordrhein-Westfalen AfD-Abgeordnete in den Kontrollorganen vertreten.

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Überall, wo die AfD als Fraktion im Landtag vertreten ist, darf sie nach Proporz eine bestimmte Anzahl an Abgeordneten für die jeweiligen Kontrollorgane nominieren. In Thüringen sitzt beispielsweise Björn Höcke als einziger AfD-Abgeordneter gemeinsam mit Politikern von CDU, SPD, der Linken und den Grünen im Kuratorium.

Kaum Zusammenarbeit mit AfD-Abgeordneten

Höcke selbst wollte sich auf Anfrage nicht zu seiner Arbeit in dem Kuratorium äußern. Seine Aufgabe scheint er jedoch nur teilweise zu erfüllen. Seit der Landtagswahl 2014 habe er nur einmal an einer Sitzung teilgenommen, sagt Ina Leukefeld, Abgeordnete der Linken und ebenfalls Mitglied des Thüringer Kuratoriums. Sie sagt: „Es gibt keine Zusammenarbeit mit Björn Höcke. Wir vermissen ihn nicht.“ Selbst wenn er Einfluss nehmen wolle, sagt Leukefeld, seien Höckes Möglichkeiten begrenzt. Schließlich sei er nur einer von zehn Abgeordneten, das Kuratorium entscheide aber stets nach dem Mehrheitsprinzip. „Er könnte höchstens seine Meinung sagen, aber das ist bisher noch nicht geschehen.“ Stattdessen sei Höcke bisher erst einmal in Erscheinung getreten, als er in wenigen Sätzen die Arbeit der Landeszentrale lobte.

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet Martina Weyrauch, Leiterin der Brandenburger Landeszentrale für politische Bildung. Steffen Königer, der einzige AfDler im Kuratorium, sei bisher hauptsächlich durch Nichtstun aufgefallen. Daher sieht Weyrauch der Zusammenarbeit mit der AfD „entspannt“ entgegen. Sie freue sich sogar über die Möglichkeit, den Oppositionellen öfter die eigene Sichtweise auf politische Themen erklären zu können. Auf Anfrage erklärte ein Mitarbeiter von Königer, dieser habe bisher vor allem die Finanzierung von Veranstaltungen der Landeszentrale hinterfragt und wolle zukünftig Jugendlichen die Idee der direkten Demokratie nahebringen.

Im Kuratorium von Mecklenburg-Vorpommern hingegen könnte es bald zu Auseinandersetzungen kommen. In einer Stellungnahme gegenüber CORRECTIV kündigte der AfD-Abgeordnete Holger Arppe an, gemeinsam mit seinen beiden Kollegen zukünftig die „Unwucht in den Zielstellungen der Landeszentrale für politische Bildung“ beheben zu wollen. Dort hätten sich viele Mitarbeiter „ganz einseitig dem Kampf gegen Rechts verschrieben“. Die AfD richte ihr Augenmerk jedoch „auf alle Formen des politischen und religiösen Extremismus“, schreibt Arppe: „Unsere Demokratie wird eben aus vielen Richtungen bedroht.“ Folglich müsse auch der wachsende Linksextremismus vehement bekämpft werden. „Dieser Tatsache muss auch die Landeszentrale für politische Bildung verstärkt Rechnung tragen“, kündigt Arppe an.

Mecklenburg-Vorpommern scheint jedoch eine Ausnahme zu sein. In den anderen Bundesländern halten sich die AfD-Politiker in den Kuratorien auffallend zurück. Keine der während dieser Recherche kontaktierten Personen hat von nennenswerten Spannungen berichtet. Man sagt den AfD-Abgeordneten nach, dass sie in den Parlamenten nicht durch besonderes Engagement auffallen. Gleiches scheint auch für die Mitglieder der Kuratorien zu gelten.

Übersicht: AfD-Politiker in den Kuratorien der Landeszentralen für politische Bildung

  • Baden-Württemberg: Kuratorium mit 24 Mitgliedern, darunter die AfD-Abgeordneten Rainer Balzer, Anton Baron, Rainer Podeswa
  • Bayern: Parlamentarischer Beirat ohne AfD-Abgeordnete
  • Berlin: Kuratorium mit zehn Mitgliedern, darunter der AfD-Abgeordnete Martin Trefzer
  • Brandenburg: Kuratorium mit neun Mitgliedern, darunter der AfD-Abgeordnete Steffen Königer
  • Bremen: Beirat ohne AfD-Abgeordnete
  • Hamburg: Beirat mit 21 Mitgliedern, darunter der AfD-Abgeordnete Jörn Kruse
  • Hessen: Kuratorium ohne AfD-Abgeordnete
  • Mecklenburg-Vorpommern: Kuratorium mit zwölf Mitgliedern, darunter die AfD-Abgeordneten Holger Arppe, Dirk Lerche und Ralph Weber
  • Niedersachsen: Kuratorium ohne AfD-Abgeordnete
  • Nordrhein-Westfalen: Die Arbeit der Landeszentrale für politische Bildung wird vom Hauptausschuss des Landtags kontrolliert. In ihm sitzen 13 Mitglieder, darunter der AfD-Abgeordnete Marcus Pretzell
  • Rheinland-Pfalz: Die AfD wird im neuen Kuratorium, das sich seit der Landtagswahl im März 2016 noch nicht zusammengesetzt hat, vertreten sein.
  • Saarland: Es gibt kein Kuratorium und auch kein vergleichbares Organ.
  • Sachsen: Kuratorium mit 23 Mitgliedern, darunter der AfD-Abgeordnete André Barth
  • Sachsen-Anhalt: Die AfD wird im neuen Kuratorium, das sich seit der Landtagswahl im März 2016 noch nicht zusammengesetzt hat, vertreten sein.
  • Schleswig-Holstein: Die AfD wird im neuen Kuratorium, das sich seit der Landtagswahl im Mai 2017 noch nicht zusammengesetzt hat, vertreten sein.
  • Thüringen: Kuratorium mit zehn Mitgliedern, darunter der AfD-Abgeordnete Björn Höcke