Profil

E-Mail: correctiv.ruhr+179(at)correctiv.org

© Illustration: Charlotte Hintzmann

Jugend & Bildung

Schulen im Ruhrgebiet: Region ohne Sonderstatus

Schüler im Ruhrgebiet haben mit schlechteren sozialen Bedingungen zu kämpfen als der Rest von NRW. Viele zeigen in den Hauptfächern unterdurchschnittliche Leistungen. CORRECTIV.RUHR hat die aktuellen Lernstandserhebungen für die Städte der Region ausgewertet und verglichen. Das Ergebnis ist mehr als beunruhigend. Doch spezielle Schul- oder Förderprogramme für die Sonderregion Ruhrgebiet gibt es laut Schulministerium nicht. Folge 3 von 3: Was wird fürs Revier getan?

von Hendrik Schulze Zumhülsen

Ein hoher Anteil an Risikoschülern, schlechte soziale Bedingungen – so sieht die Schullandschaft im Ruhrgebiet aus. Ein Ausgleich muss her, damit die benachteiligten Kinder im Revier nicht auf der Strecke bleiben. Bildungsforscher und Sozialarbeiter fordern deshalb, dass Bildung besonders im Ruhrgebiet besser unterstützt werden sollte. Schließlich haben alle Kinder das Recht auf faire Bedingungen.

Gelsenkirchen – nirgends spürt man die Bildungsbenachteiligung so wie hier. Jeder Fünfte wird hier wird mit Hartz-4-Leistungen unterstützt. Fast jeder zweite Schüler hat einen Migrationshintergrund. Bei etwa zwölf Prozent der Gelsenkirchener Schüler wird im Elternhaushalt kein Deutsch gesprochen.

Die Folgen sieht man deutlich in den Ergebnissen der Lernstandserhebung. Gelsenkirchener Schüler schneiden dort am schlechtesten ab. Das soziale Umfeld hat nachweislichen Einfluss auf den Lernerfolg der Kinder.  

Bildungsstandort Ruhrgebiet

Folge 1: Wie gut sind die Schüler im Revier? 

Jeder dritte Achtklässler nicht auf Arbeitsmarkt vorbereitet

Folge 2: Wie gut sind die Schulen im Revier? 

Schulen in Herne und Gelsenkirchen kämpfen mit den größten Problemen

Folge 3: Was wird fürs Revier getan? 

Region ohne Sonderstatus

„Hilft ja nichts, da muss man anpacken“, sagt Bernhard Südholt, Direktor für die untere Schulaufsichtsbehörde in Gelsenkirchen. Er ist für die Steuerung der Grundschulen und Förderschulen im Stadtgebiet verantwortlich. Seiner Meinung nach können die Bildungschancen von Migranten und Geringverdienern in Gelsenkirchen ausgeglichen werden. Eine gute Zusammenarbeit von Schule und Stadt sei die Basis dafür.       

Ein Baustein ist die sogenannte Präventionskette, quasi ein Komplettpaket für Kinder bis zum 16. Lebensjahr. Schon bei der Geburt des ersten Kindes kommt ein Stadtmitarbeiter zu Hause vorbei, um die Eltern auf Förderangebote aufmerksam zu machen. Dann folgen Elternschulen, Sprachförderkurse und am Ende schließlich eine Berufsberatung. Eines dieser Programme ist die mobile Kita. Das ist ein Wohnwagen mit Kita-Ausrüstung, der in den sozial benachteiligten Vierteln Gelsenkirchens die Kinder betreut.

Grundschulen entlasten

Auch sonst bemüht sich Gelsenkirchen gegen die soziale Benachteiligung und die Ungleichheit vorzugehen. Die Stadt kauft im verarmten Süden Schrottimmobilien auf, damit marode Viertel nicht noch mehr verkommen. Zugewanderte Flüchtlingskinder und EU-Armutseinwanderer werden mit Schulbussen vom ärmeren Süden in den wohlhabenderen Norden gefahren. So sollen die eh schon belasteten Grundschulen nicht noch mehr belastet werden.

Für ihre Bildungs- und Sozialarbeit hat die Stadt mehrere Preise abgeräumt. Unter anderem den Unesco-Learning-City-Award im Jahr 2017. Elternvertreter wie der Vorsitzende der Stadtschulpflegschaft, Jan Klug, sind mit der Schulpolitik Gelsenkirchens zum größten Teil zufrieden.  

Es fehlen die Mittel

Allerdings kommen die schönen Programme und nachhaltigen Bemühungen der Stadt nicht bei jedem an. Nicht jedes Kind bekommt die Sprachförderung, die es eigentlich braucht. Nötige Erziehungskurse gibt es nicht für jedes Elternteil, das Probleme hat. Teilweise sitzen zwei Erzieherinnen in den Familienzentren, die sich neben der Kinderbetreuung auch um die zahlreichen Angebote kümmern müssen.

„Eigentlich braucht es dazu ein gut ausgestattetes Team. Dafür fehlen uns aber die Mittel“, sagt Annette Berg, Dezernentin für Kultur, Bildung, Jugend, Sport und Integration der Stadt Gelsenkirchen. Auch an Schulsozialarbeitern fehle es in der Stadt. 62 Stellen, teilweise vom Land, teilweise vom Bund und teilweise von der Stadt selbst bezahlt, verteilen sich auf die 99 Schulen Gelsenkirchens. In den wenigsten Fällen ist ein Schulsozialarbeiter für eine Schule zuständig. Meist kümmert sich ein Mitarbeiter um ein ganzes Bündel. „Angesichts der großen Herausforderungen könnte Gelsenkirchen mehr Kräfte in diesem Bereich gebrauchen“, sagt die Schuldezernentin.

Ein Sozialarbeiter für 22 Klassen

Etwa 3500 Fachkräfte seien, so die Schätzung von Wolfgang Foltin, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit, in den Schulen Nordrhein-Westfalens unterwegs. Bei den 2,3 Millionen Kindern und Jugendlichen in den NRW-Schulen käme also ein Schulsozialarbeiter auf mehr als 650 Schulkinder –  das sind etwa 22 vollgepackte Schulklassen.

„Es heißt immer, wir wären ein Staat, der in die Bildung investiert. Dabei machen wir zu wenig“, sagt er. Ideal wäre es seiner Meinung nach, wenn ein Schulsozialarbeiter auf etwa 150 Schüler käme. „Als Schulsozialarbeiter muss man auch eine Beziehung zum Schüler aufbauen. Wenn man alleine für sechs Grundschulen verantwortlich ist, dann geht das nicht“, sagt Foltin.

Auf Anfrage gaben das Schulministerium und das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales an, dass 962 Schulsozialarbeiterstellen vom Land NRW und etwa 1700 Stellen von Bund gefördert seien. Der Rest werde, so Wolfgang Foltin, von Kommunen, Stiftungen oder sonstigen Organisationen bezahlt.  

Viele Ruhrgebiets-Städte sind, wenn auch nicht so ausgeprägt, in einer ähnlichen Lage wie Gelsenkirchen. In Essen, Dortmund, Duisburg, Herne, Oberhausen und Hagen beziehen mehr als 15 Prozent der Bevölkerung Sozialleistungen. Das wird durch den Sozial- und Armutsbericht 2016 deutlich. Mehr Schulsozialarbeiter könnten diese Städte wohl sicherlich gebrauchen.  

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

Investitionen unklar 

Bisher ist aber nicht klar, ob die Landesregierung weiter in Schulsozialarbeit investiert. Im Jahr 2013 lief eine Förderung des Bundes aus, die im gesamten Bundesgebiet 6000 Stellen förderte. Bis 2015 reichten die Restgelder noch aus. Ab da mussten Kommunen und das Land in die Bresche springen. Laut den letzten Erkenntnissen von Wolfgang Foltin werden die Stellen bis 2018 weiter finanziert. „Keine Landesregierung kann es sich leisten, in diesem Bereich Stellen einzusparen“, sagt Wolfgang Foltin.

Auch Annette Berg, Bildungsdezernentin von Gelsenkirchen, würde sich wünschen, dass für bereits vorhandene Stellen wenigstens Planungssicherheit herrschte. Auf Anfrage verwiesen Schulministerium und Sozialministerium darauf, dass die Einstellung von Schulsozialarbeitern eigentlich aus Bundesmitteln erfolgen sollte. Der schwarze Peter wird also weitergegeben. Ein Antrag der Piraten-Fraktion, der sich um die Weiterbeschäftigung der Schulsozialarbeiter kümmern wollte, wurde vom Parlament abgeschmettert.

Das Problem der Bildungspolitik

Was die restliche Bildungspolitik des Landes angeht, verlässt sich das Schulministerium vor allem auf den Ausbau von Ganztagsschulen. Das soll auch die schlechten Startbedingungen von Schülern ausgleichen. Zudem gebe es zahlreiche Programme wie „Kein Kind zurücklassen“, die Schülern mit schwierigen sozialen Bedingungen helfen sollen. Lehrer in sozial benachteiligten Schulen werden teilweise speziell gecoacht.

Allerdings weiß man, im Kleinen wie im Großen, nicht, welche Wirkungen diese Programme haben werden. Dies konnte weder die für Gelsenkirchen zuständige Annette Berg noch Barbara Löcherbach, Pressesprecherin des Schulministeriums, genau sagen. „Das ist das Problem in der Bildungspolitik. Wenn man etwas umstellt, dauert es Jahre, bis man die Ergebnisse sieht“, so die Pressesprecherin.

Ein schwacher Trost für das Ruhrgebiet und die Kinder, die hier zur Schule gehen. Die Schulen in der ehemaligen Kohleregion haben zum Großteil schlechte Bedingungen. Armut und fehlende Integration verringern die Bildungschancen der Pott-Schüler erheblich. Ihre Leistungen sind nachweislich unter dem Landesdurchschnitt. Dennoch wird das Revier vom Schulministerium nicht als Region mit Sonderstatus wahrgenommen.

„Ich finde schon, dass wir dem Ruhrgebiet viel Beachtung schenken, und man darf nicht vergessen, dass auch andere Regionen Probleme haben“, sagt Barbara Löcherbach, Sprecherin des Schulministeriums. Auf Anfrage verwies das Ministerium zwar auf die Arbeit der Stiftung Mercator und Netzwerkprogramme. Programme, die konkret auf das Ruhrgebiet zugeschnitten sind, konnte man aber nicht nennen.

© Illustration: Charlotte Hintzmann

Jugend & Bildung

Schulen in Herne und Gelsenkirchen kämpfen mit den größten Problemen

Schüler im Ruhrgebiet haben mit schlechteren sozialen Bedingungen zu kämpfen als der Rest von NRW. Viele zeigen in den Hauptfächern unterdurchschnittliche Leistungen. CORRECTIV.RUHR hat die aktuellen Lernstandserhebungen für die Städte der Region ausgewertet und verglichen. Das Ergebnis ist mehr als beunruhigend. Doch spezielle Schul- oder Förderprogramme für die Sonderregion Ruhrgebiet gibt es laut Schulministerium nicht. Folge 2 von 3: Wie gut sind die Schulen im Revier? (mit Datenbank zu den einzelnen Schulen)

von Hendrik Schulze Zumhülsen , Simon Wörpel

Sprachschwierigkeiten und gering verdienende Eltern gehören zu den großen Bildungshürden im Ruhrgebiet. Mehr als 40 Prozent der weiterführenden Schulen, die in Nordrhein-Westfalen die denkbar schlechtesten sozialen Bedingungen haben, liegen im Pott. Das geht aus einer CORRECTIV.Ruhr-Auswertung der Lernstandserhebungen des Schulministeriums NRW hervor.

Die schlechten sozialen Bedingungen wirken sich auf die Leistungen der Schüler und dementsprechend ihre Zukunftsperspektiven aus. 

Bildungsstandort Ruhrgebiet

Folge 1: Wie gut sind die Schüler im Revier? 

Jeder dritte Achtklässler nicht auf Arbeitsmarkt vorbereitet

Folge 2: Wie gut sind die Schulen im Revier? 

Schulen in Herne und Gelsenkirchen kämpfen mit den größten Problemen

Folge 3: Was wird fürs Revier getan? 

Region ohne Sonderstatus

Das Schulministerium teilt die Schulen bei den Lernstandserhebungen in sogenannte Standorttypen ein. Sie zeigen an, wie hoch der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund und der Anteil von Hartz-IV-Empfängern im Schulumfeld ist. Dies soll bei den Lernstandserhebungen, die die Leistungen von Schülern der dritten und achten Klasse messen, einen „fairen Vergleich“ ermöglichen, sagt Projektleiter Kevin Isaac. So werden Schulen in sozial schwachen Gegenden nicht direkt mit einem vermeintlichen Edelgymnasium in Konkurrenz gesetzt.

Der Einfluss des Umfeldes aufs Lernen

Das soziale Umfeld „macht einen großen Unterschied aus“, sagt Sozialwissenschaftler Jörg-Peter Schräpler von der Ruhr-Universität Bochum. Er hat 2009 bei der Entwicklung des Standorttypenkonzepts in NRW mitgearbeitet und die amtlichen Schuldaten ausgewertet. Betrachtet man die zugewiesen Standorttypen, zeigt sich eine deutliche Benachteiligung des Ruhrgebiets. Dort hat die Mehrzahl der weiterführenden Schulen mit sozialen Belastungen zu kämpfen.

„Die Unterschiede betragen maximal 20 Prozent“, sagt Isaac. Benachteiligte Schüler hängen also den Schülern mit den besten sozialen Bedingungen im Lernstoff hinterher. „Diese standortbezogene Unterschiede können aber mit der standorttypenbezogenen Ergebnisrückmeldung der entsprechenden Schulen berücksichtigt werden.“ 

Schlechte Voraussetzungen im Pott

Die günstigste Kategorie für das gesellschaftliche Umfeld ist im Revier leider sehr selten vertreten. Der Standorttyp 1 deutet auf geringe soziale Belastungen hin, eine vermeintlich heile Welt für Schüler und Lehrer. Nur fünf Prozent der 331 weiterführenden Schulen, die in NRW diese besten sozialen Voraussetzungen mitbringen, befinden sich im Ruhrgebiet.   

Die meisten weiterführenden Schulen im Ruhrgebiet sind den Standorttypen 4 oder 5 zugeordnet. 5, die höchste Stufe in der Skala besagt, dass mehr als die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund hat. An manchen Schulen im Ruhrgebiet liegt laut Schräpler der Wert sogar bei über 80 Prozent. Eine weitere Voraussetzung für Standorttyp 5: Im Schulumfeld, heißt im Fünf-Kilometer-Radius um die Schule, ist jeder fünfte Anwohner im Durchschnitt Hartz-IV-Empfänger.

Standorttypen von ausgewählten weiterführenden Schulen in NRW

Besonders betroffen sind die Ruhrgebietsstädte Gelsenkirchen und Herne. Mehr als die Hälfte aller Schulen in diesen Gebieten müssen mit den schlechtesten Bedingungen auskommen. In Gelsenkirchen sind sogar 19 von 26 weiterführenden Schulen dem Standorttyp 5 zugeordnet. Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Lernstandserhebungen wider. In Mathe ist mindestens jeder dritte Schüler in Gelsenkirchen ein Risikoschüler, in Deutsch jeder vierte. Risikoschüler haben bei der Lernstandserhebung gerade mal die erste von fünf Niveaustufen erreicht.

Deutlich hinter den ländlichen Kreisen

Vergleicht man die Schulen Gelsenkirchens mit denen des ländlichen Kreises Olpe, dann wird das Gefälle zum Ruhrgebiet noch deutlicher. Der Anteil der Risikoschüler im Fach Mathematik ist in Gelsenkirchen doppelt so hoch wie im Kreis Olpe. Im Fach Deutsch gibt es in Gelsenkirchen sogar fünfmal so viele Problemschüler. Betrachtet man dagegen die sozialen Voraussetzungen der Schulen, dann zeigt sich: Im Kreis Olpe hat ein Großteil der Schulen die besten – der Standorttyp 1 dominiert dort die Schullandschaft.      

Aber nicht nur zwischen Stadt und Land gibt es einen Unterschied. Auch innerhalb des Ruhrgebiets zeigen sich Ungleichheiten. „Die A40 ist sozusagen der Sozialäquator“, sagt Sozialwissenschaftler Schräpler. Im Norden des Ruhrgebiets gebe es einen höheren Anteil an Migranten und Hartz-IV-Empfängern, während im Süden in der Regel die Höherverdienenden sitzen. Und tatsächlich häufen sich Schulen mit schlechten sozialen Bedingungen auch in bestimmten Quartieren. Im Essener und Dortmunder Norden sieht man das deutlich.

Diese scharfe Unterteilung, die sozialen Grenzlinien haben sich über Jahre entwickelt. „Viele Viertel sind nach und nach gekippt, kann man sagen, und sind zu Problemvierteln geworden“, sagt Schräpler. Im Zuge des Strukturwandels mussten sich die Bergarbeiterkumpels anstatt mit „harter Arbeit und gutem Geld“ mit gering bezahlten Dienstleistungsjobs abfinden. Manche fanden auch gar keine Arbeit mehr. Die Miet- und Bodenpreise verringerten sich in den Gebieten. Höherverdienende zogen weg und machten Platz für Sozialleistungsempfänger. Quasi eine umgekehrte Gentrifizierung.

Standorttypen der Schulen in den Ruhrgebietsstädten und -kreisen*

*ohne Kreis Wesel, Duisburg. Die Daten für Unna und Recklinghausen beziehen sich jeweils auf den kompletten Landkreis.

Daten: Antworten auf kleine Anfragen, aggregiert in dieser CSV-Datei, eigene Berechnungen, gerundet.

Integrationsprobleme sind Lernhürde

Ein weiteres Problem aus den 60er Jahren, mit dem sich die Region auch heute noch auseinandersetzen muss und das sich auf die Ergebnisse der Lernstandserhebungen auswirkt: Jahrzehntelang hat man die Integration der Gastarbeiter ignoriert, die meist als ungelernte Arbeitskräfte nach Deutschland und vor allem auch in das Ruhrgebiet eingewandert sind.

„Dort, wo deutsche Arbeiterviertel waren, sind auch wegen der geringen Mietpreise Viertel entstanden, in denen vor allem Migranten mit geringem Einkommen wohnen“, sagt Schräpler. Dort gebe es teilweise Grundschulen, an denen acht von zehn Schülern einen Migrationshintergrund haben. Diese sind doppelt benachteiligt. Neben den Sprachschwierigkeiten müssen die Schüler meist auch mit einem geringen Einkommen der Eltern zurechtkommen. Laut Schräpler gibt es einen Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und dem Bezug von Sozialleistungen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

Obwohl die Abgängerquote, also der Prozentsatz der Schüler, die ohne Abschluss eine Schule verlassen, im gesamten Land in den vergangenen zwölf Jahren von 7,1 auf 6,2 Prozent fiel, stieg sie bei ausländischen Schülern an. Laut Chancenspiegel lag die Abgängerquote von ausländischen Schülern ohne Hauptschulabschluss im Land Nordrhein-Westfalen im Jahr 2014 bei 14,5 Prozent.  Im Jahr 2002 war die Abgängerquote noch fast zwei Prozentpunkte niedriger (12,8 Prozent).

NRW hat ein Schichtproblem

Haben die Schulen im Ruhrgebiet ein Integrationsproblem? Nein, meint Wilfried Bos, Mitautor des Chancenspiegels, und verweist darauf, dass NRW ein Schichtproblem habe, das viel weiter gefasst werden muss. Um es zu bekämpfen, müsse Geld in die Hand genommen werden – eine gezielte Förderung von benachteiligten Schülern sei unbedingt notwendig. Ansonsten müsse Deutschland, genauer: Nordrhein-Westfalen, mit den langfristigen Kosten leben. Und die seien – betrachtet man den erwartbaren Lebensweg eines Risikoschülers – extrem hoch.

Datenanalyse und -visualisierung: Simon Wörpel


© Illustration: Charlotte Hintzmann

Jugend & Bildung

Hauptschulen im Ruhrgebiet: Jeder dritte Achtklässler nicht auf Arbeitsmarkt vorbereitet

Schüler im Ruhrgebiet haben mit schlechteren sozialen Bedingungen zu kämpfen als der Rest von NRW. Viele zeigen in den Hauptfächern unterdurchschnittliche Leistungen. CORRECTIV.RUHR hat die aktuellen Lernstandserhebungen für die Städte der Region ausgewertet und verglichen. Das Ergebnis ist mehr als beunruhigend. Doch spezielle Schul- oder Förderprogramme für die Sonderregion Ruhrgebiet gibt es laut Schulministerium nicht. Folge 1 von 3: Wie gut sind die Schüler im Revier? (mit Überblick zu den Städten und Schulformen)

von Hendrik Schulze Zumhülsen , Simon Wörpel

„Was ist die Hälfte von einer Million?“ Mit dieser einfachen Rechenaufgabe sind viele Schüler im Ruhrgebiet bereits überfordert. Bis zu 27 Prozent der Jugendlichen, die einen Hauptschulabschluss anstreben, können in der achten Klasse Aufgaben dieser Art nicht lösen. Ein Problem, das einen Großteil des Ruhrgebiets betrifft, wie die Ergebnisse der Lernstandserhebungen des Schulministeriums zeigen.

Eine CORRECTIV.Ruhr-Auswertung für 13 Revierstädte und -kreise belegt: Die Ruhrmetropolen schneiden schlecht ab – besonders im Vergleich zu den ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens.

Bildungsstandort Ruhrgebiet

Folge 1: Wie gut sind die Schüler im Revier? 

Jeder dritte Achtklässler nicht auf Arbeitsmarkt vorbereitet

Folge 2: Wie gut sind die Schulen im Revier? 

Schulen in Herne und Gelsenkirchen kämpfen mit den größten Problemen

Folge 3: Was wird fürs Revier getan? 

Region ohne Sonderstatus

„In manchen Schulen in herausfordernden Lagen des Ruhrgebiets kann es als Erfolg gewertet werden, wenn es Schülern gelingt, bereits sogenannte Basiskompetenzen zu zeigen“, sagt Kevin Isaac, Projektleiter der Lernstandserhebungen. Jedes Jahr überprüft Isaac Kinder der dritten und achten Klassen und gibt die Ergebnisse an ihre Schulen weiter – damit Lehrer gezielt auf Defizite ihrer Schülern reagieren können.

Alarmierende Ergebnisse

Die Tests prüfen die Fähigkeiten in den Hauptfächern Deutsch, Mathe und Englisch und lassen Rückschlüsse auf die Leistungsniveaus der Schüler zu. Die Aufgaben unterscheiden sich dabei kaum zwischen den Schulformen. Entsprechend häufig erreichen Gymnasiasten die oberen Niveaustufen, Hauptschüler finden sich dagegen eher in den unteren wieder.

Die Ergebnisse sind zum Teil alarmierend: So erreicht fast jeder dritte Hauptschüler in Essen, der in einem Grundkurs unterrichtet wird, nicht einmal das erste Leistungsniveau der Mathe-Tests und ist in der achten Klasse damit überfordert, ein Quadrat zu zeichnen oder ein Geodreieck richtig zu benutzen.

Die Niveauskala der Lernstandserhebung umfasst insgesamt fünf Stufen.

Fragen der ersten Kategorie sind recht einfach. Da geht es in Deutsch zum Beispiel darum, den Autor eines Textes benennen zu können, oder eben in Mathe um Grundkenntnisse in Geometrie. Um eine Frage der Niveaustufe zwei zu beantworten, müssen die Schüler Zahlentabellen wie etwa einen Bußgeldkatalog oder eine Dezibelanzeige richtig lesen können. Kinder, die Aufgaben der dritten Niveaustufe lösen, liegen im guten Mittelfeld. Aufgaben der Niveaustufen vier und fünf werden meist nur von überdurchschnittlich begabten Schülern gelöst.

Ergebnisse der Lernstandserhebungen in ausgewählten Städten und Kreisen in NRW

Daten: Antworten auf kleine Anfragen, aggregiert in dieser Tabelle, eigene Berechnungen, gerundet.

Wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Jeder siebte Ruhrgebietsschüler in Englisch, jeder sechste in Deutsch und jeder dritte in Mathe erreicht lediglich die erste Niveaustufe. Damit liegt das Ruhrgebiet bei allen Fächern unter dem Landesdurchschnitt. Und das ist ein Problem: Wenn Jugendliche gerade mal Aufgaben der Niveaustufe eins lösen können oder damit schon überfordert sind, dann spricht man von Risikoschülern.

„Von einem Großteil der Schüler sollte am Ende des Bildungsgangs mindestens das Kompetenzniveau zwei erreicht werden“, sagt Isaac. Ansonsten verfüge der Schüler nur über sehr grundlegende Fähigkeiten. Mit simplen Schlussfolgerungen oder dem Verbinden von Textteilen seien solche Schüler schon überfordert. „Diese Jugendlichen werden es später auf dem Arbeitsmarkt sehr schwer haben“, sagt Bildungsforscher Wilfried Bos von der Technischen Universität Dortmund.

Jeder vierte ein Risikoschüler

In Essen, Dortmund und Oberhausen fallen mehr als 15 Prozent der Achtklässler im Fach Deutsch in die Kategorie Risikoschüler. In Gelsenkirchen sind es sogar 25 Prozent, also jeder vierte Schüler. Mathe bereitet den Schülern im Ruhrgebiet noch mehr Probleme: In diesem Fach liegt ihr Anteil in Essen und Dortmund bei rund 30 Prozent, in Gelsenkirchen sogar bei 38 Prozent. Das heißt, sie versagen bei einfachen Bruchrechenaufgaben: „Passen ⅘ Liter Apfelsaft und ein halber Liter Wasser in eine 1,5 Liter Flasche?“

Im Vergleich zu den ländlichen Gegenden NRWs werden die Defizite des Ruhrgebiets nochmals deutlich. In den Kreisen Mettmann, Olpe und Minden-Lübbecke ist jeder zehnte Achtklässler im Fach Deutsch ein Risikoschüler. Im Märkischen Kreis und im städtischen Bielefeld muss, anders als im Ruhrgebiet, nichtmal ein Zehntel der Schüler um ihre berufliche Zukunft fürchten. Auch im Bereich Mathe schneiden die ländlichen Gegenden besser ab: Jeder fünfte Jugendliche zählt als Problemschüler, in vielen Ruhrgebietsstädte ist es jeder dritte. „Man muss in Bildung investieren“, sagt Bildungsforscher Wilfried Bos. „Besonders im Ruhrgebiet.“

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

Ergebnisse der Lernstandserhebungen pro Schulform für die Städte und Kreise des Ruhrgebiets*

Daten: Antworten auf kleine Anfragen, aggregiert in dieser Tabelle, eigene Berechnungen, gerundet.

* ohne Kreis Wesel und Duisburg

Datenanalyse und -visualisierung: Simon Wörpel


Jugend & Bildung

2016: Lehrer in NRW fehlen an 1,8 Millionen Schultagen

An wie vielen Tagen sind die Lehrer in Nordrhein-Westfalen krank? Aufschluss darüber gibt der aktuelle Krankenstandsbericht des Schulministeriums. Die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft reagierte prompt. Unter anderem fordert sie, dass das Land mehr Vertretungskräfte zur Verfügung stellt, um die Lehrer zu entlasten.

von Hendrik Schulze Zumhülsen

Ein Rechenbeispiel: Auf über 5000 Jahre kommt man, wenn man alle 1,78 Millionen Krankheitstage zusammenrechnet, die 2016 Lehrer in Nordrhein-Westfalen genommen haben. Einen von 16 Schultagen haben die Lehrer im Schnitt verpasst, weil sie krankgeschrieben waren. Das bedeutet meist Mehrarbeit für einen anderen Kollegen – oder der Unterricht fällt aus und die Schüler müssen es ausbaden.

Besonders an den Hauptschulen ist der Krankenstand der Lehrer hoch. Mindestens einmal in drei Wochen oder an jedem 13. Arbeitstag meldet sich dort ein Lehrer krank. Am wenigsten fehlen die Pädagogen am Gymnasium. Da fällt durchschnittlich nur jeder 20. Tag wegen Krankheit aus.    

Weniger als der Durchschnitt

All das lässt sich im aktuellen Krankenstandsbericht des NRW-Schulministeriums nachlesen. Dort wurden alle Krankheitstage der Lehrer Nordrhein-Westfalens elektronisch erfasst. Insgesamt, auf alle Schulformen hochgerechnet, meldeten sich die Lehrer an 6,3 Prozent der Arbeitstage krank. Das ist weniger als der Durchschnittswert von anderen Mitarbeitern des Landes (etwa 7,8 Prozent), der 2015 erfasst wurde.      

Nicht berücksichtigt wurden in dem Bericht des Schulministeriums die Arbeitstage, an denen Lehrer mit anderen Arbeiten beschäftigt waren, aber keinen direkten Unterricht in der Schule gegeben haben. Denn ein Lehrer stellt sich in der Regel nicht einfach vor die Klasse und betet seinen Unterricht herunter. Experten schätzen, dass weniger als die Hälfte der Arbeitszeit auf den Unterricht entfällt. Den Rest ihrer Zeit verbringen sie zum Beispiel mit Unterrichtsvorbereitungen oder der Korrektur von Hausaufgaben und Klausuren.

Je älter, desto häufiger krank

Auch das Alter einer Lehrkraft steht – das ist nicht überraschend – mit den Krankheitstagen in Verbindung. Lehrer unter 36 meldeten sich an 4,8 Prozent ihrer Arbeitstage krank. Bis zum 55. Lebensjahr stieg der Durchschnitt der Krankentage auf etwa 5,9 Prozent an. Ein deutlicher Sprung ist bei den Lehrern ab 55 festzustellen. In dieser Altersgruppe fallen etwa 8,3 Prozent der Arbeitstage durch Krankheit aus.

Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung, kündigte Maßnahmen an, mit denen sie die Lehrergesundheit vorbeugend verbessern wolle. Konkrete Vorschläge fehlen aber in dem Bericht. In einer Stellungnahme forderte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW unter anderem, die Arbeitszeit deutlich zu reduzieren und eine Lehrkräfte durch Gesundheitsexperten und Arbeitspsychologen zu unterstützen.

Die Schulen brauchen mehr Lehrer!

Eine weitere Forderung: Das Land solle mehr Lehrer für Vertretungsunterricht einstellen. „Viel zu oft kann nur zusätzlich belastende und häufig unbezahlte Mehrarbeit von Lehrkräften Unterrichtsausfall bei Krankheit vermeiden“, heißt es in der Stellungnahme. Wären genügend zusätzliche Kräfte da, um bei Krankheit einzuspringen, müsse das nicht passieren.  

Correctiv.Ruhr beschäftigt sich weiter mit dem Thema Unterrichtsausfall. Schüler, Eltern und Lehrer haben in einer Crowd-Recherche die Möglichkeit, Unterrichtsausfall an den Dortmunder Schulen zu melden. Hier die Hintergrund-Berichte zum Projekt: www.unterrichtsausfall-check.de

52 Kleine Anfragen zum Unterrichtsausfall in NRW (CORRECTIV.Ruhr)

Arnsberg legt Schreiben offen (CORRECTIV.Ruhr)

Wir wollen das Schreiben der Bezirksregierung (CORRECTIV.Ruhr)

Alarm in Arnsberg (Ruhr Nachrichten/CORRECTIV.Ruhr)

Halbzeit! Zeit den Helfern zu helfen (CORRECTIV.Ruhr)

Warum das Projekt Unterrichtsausfall so wichtig ist (CORRECTIV.Ruhr)

Zwischenstand: Tag 3 – über 370 ausgefallene Stunden (CORRECTIV.Ruhr)

Die wichtigsten Fragen und Antworten (CORRECTIV.Ruhr)

Die ersten Stimmen  (CORRECTIV.Ruhr)

Der Check: Dortmunds Schulen auf dem Prüfstand (CORRECTIV.Ruhr)

Dossier: Unterrichtsausfall in Dortmund (Ruhr Nachrichten)

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!