Jugend & Bildung

Schulen im Ruhrgebiet: Region ohne Sonderstatus

Schüler im Ruhrgebiet haben mit schlechteren sozialen Bedingungen zu kämpfen als der Rest von NRW. Viele zeigen in den Hauptfächern unterdurchschnittliche Leistungen. CORRECTIV.RUHR hat die aktuellen Lernstandserhebungen für die Städte der Region ausgewertet und verglichen. Das Ergebnis ist mehr als beunruhigend. Doch spezielle Schul- oder Förderprogramme für die Sonderregion Ruhrgebiet gibt es laut Schulministerium nicht. Folge 3 von 3: Was wird fürs Revier getan?

von Hendrik Schulze Zumhülsen

© Illustration: Charlotte Hintzmann

Ein hoher Anteil an Risikoschülern, schlechte soziale Bedingungen – so sieht die Schullandschaft im Ruhrgebiet aus. Ein Ausgleich muss her, damit die benachteiligten Kinder im Revier nicht auf der Strecke bleiben. Bildungsforscher und Sozialarbeiter fordern deshalb, dass Bildung besonders im Ruhrgebiet besser unterstützt werden sollte. Schließlich haben alle Kinder das Recht auf faire Bedingungen.

Gelsenkirchen – nirgends spürt man die Bildungsbenachteiligung so wie hier. Jeder Fünfte wird hier wird mit Hartz-4-Leistungen unterstützt. Fast jeder zweite Schüler hat einen Migrationshintergrund. Bei etwa zwölf Prozent der Gelsenkirchener Schüler wird im Elternhaushalt kein Deutsch gesprochen.

Die Folgen sieht man deutlich in den Ergebnissen der Lernstandserhebung. Gelsenkirchener Schüler schneiden dort am schlechtesten ab. Das soziale Umfeld hat nachweislichen Einfluss auf den Lernerfolg der Kinder.  

Bildungsstandort Ruhrgebiet

Folge 1: Wie gut sind die Schüler im Revier? 

Jeder dritte Achtklässler nicht auf Arbeitsmarkt vorbereitet

Folge 2: Wie gut sind die Schulen im Revier? 

Schulen in Herne und Gelsenkirchen kämpfen mit den größten Problemen

Folge 3: Was wird fürs Revier getan? 

Region ohne Sonderstatus

„Hilft ja nichts, da muss man anpacken“, sagt Bernhard Südholt, Direktor für die untere Schulaufsichtsbehörde in Gelsenkirchen. Er ist für die Steuerung der Grundschulen und Förderschulen im Stadtgebiet verantwortlich. Seiner Meinung nach können die Bildungschancen von Migranten und Geringverdienern in Gelsenkirchen ausgeglichen werden. Eine gute Zusammenarbeit von Schule und Stadt sei die Basis dafür.       

Ein Baustein ist die sogenannte Präventionskette, quasi ein Komplettpaket für Kinder bis zum 16. Lebensjahr. Schon bei der Geburt des ersten Kindes kommt ein Stadtmitarbeiter zu Hause vorbei, um die Eltern auf Förderangebote aufmerksam zu machen. Dann folgen Elternschulen, Sprachförderkurse und am Ende schließlich eine Berufsberatung. Eines dieser Programme ist die mobile Kita. Das ist ein Wohnwagen mit Kita-Ausrüstung, der in den sozial benachteiligten Vierteln Gelsenkirchens die Kinder betreut.

Grundschulen entlasten

Auch sonst bemüht sich Gelsenkirchen gegen die soziale Benachteiligung und die Ungleichheit vorzugehen. Die Stadt kauft im verarmten Süden Schrottimmobilien auf, damit marode Viertel nicht noch mehr verkommen. Zugewanderte Flüchtlingskinder und EU-Armutseinwanderer werden mit Schulbussen vom ärmeren Süden in den wohlhabenderen Norden gefahren. So sollen die eh schon belasteten Grundschulen nicht noch mehr belastet werden.

Für ihre Bildungs- und Sozialarbeit hat die Stadt mehrere Preise abgeräumt. Unter anderem den Unesco-Learning-City-Award im Jahr 2017. Elternvertreter wie der Vorsitzende der Stadtschulpflegschaft, Jan Klug, sind mit der Schulpolitik Gelsenkirchens zum größten Teil zufrieden.  

Es fehlen die Mittel

Allerdings kommen die schönen Programme und nachhaltigen Bemühungen der Stadt nicht bei jedem an. Nicht jedes Kind bekommt die Sprachförderung, die es eigentlich braucht. Nötige Erziehungskurse gibt es nicht für jedes Elternteil, das Probleme hat. Teilweise sitzen zwei Erzieherinnen in den Familienzentren, die sich neben der Kinderbetreuung auch um die zahlreichen Angebote kümmern müssen.

„Eigentlich braucht es dazu ein gut ausgestattetes Team. Dafür fehlen uns aber die Mittel“, sagt Annette Berg, Dezernentin für Kultur, Bildung, Jugend, Sport und Integration der Stadt Gelsenkirchen. Auch an Schulsozialarbeitern fehle es in der Stadt. 62 Stellen, teilweise vom Land, teilweise vom Bund und teilweise von der Stadt selbst bezahlt, verteilen sich auf die 99 Schulen Gelsenkirchens. In den wenigsten Fällen ist ein Schulsozialarbeiter für eine Schule zuständig. Meist kümmert sich ein Mitarbeiter um ein ganzes Bündel. „Angesichts der großen Herausforderungen könnte Gelsenkirchen mehr Kräfte in diesem Bereich gebrauchen“, sagt die Schuldezernentin.

Ein Sozialarbeiter für 22 Klassen

Etwa 3500 Fachkräfte seien, so die Schätzung von Wolfgang Foltin, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit, in den Schulen Nordrhein-Westfalens unterwegs. Bei den 2,3 Millionen Kindern und Jugendlichen in den NRW-Schulen käme also ein Schulsozialarbeiter auf mehr als 650 Schulkinder –  das sind etwa 22 vollgepackte Schulklassen.

„Es heißt immer, wir wären ein Staat, der in die Bildung investiert. Dabei machen wir zu wenig“, sagt er. Ideal wäre es seiner Meinung nach, wenn ein Schulsozialarbeiter auf etwa 150 Schüler käme. „Als Schulsozialarbeiter muss man auch eine Beziehung zum Schüler aufbauen. Wenn man alleine für sechs Grundschulen verantwortlich ist, dann geht das nicht“, sagt Foltin.

Auf Anfrage gaben das Schulministerium und das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales an, dass 962 Schulsozialarbeiterstellen vom Land NRW und etwa 1700 Stellen von Bund gefördert seien. Der Rest werde, so Wolfgang Foltin, von Kommunen, Stiftungen oder sonstigen Organisationen bezahlt.  

Viele Ruhrgebiets-Städte sind, wenn auch nicht so ausgeprägt, in einer ähnlichen Lage wie Gelsenkirchen. In Essen, Dortmund, Duisburg, Herne, Oberhausen und Hagen beziehen mehr als 15 Prozent der Bevölkerung Sozialleistungen. Das wird durch den Sozial- und Armutsbericht 2016 deutlich. Mehr Schulsozialarbeiter könnten diese Städte wohl sicherlich gebrauchen.  

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Investitionen unklar 

Bisher ist aber nicht klar, ob die Landesregierung weiter in Schulsozialarbeit investiert. Im Jahr 2013 lief eine Förderung des Bundes aus, die im gesamten Bundesgebiet 6000 Stellen förderte. Bis 2015 reichten die Restgelder noch aus. Ab da mussten Kommunen und das Land in die Bresche springen. Laut den letzten Erkenntnissen von Wolfgang Foltin werden die Stellen bis 2018 weiter finanziert. „Keine Landesregierung kann es sich leisten, in diesem Bereich Stellen einzusparen“, sagt Wolfgang Foltin.

Auch Annette Berg, Bildungsdezernentin von Gelsenkirchen, würde sich wünschen, dass für bereits vorhandene Stellen wenigstens Planungssicherheit herrschte. Auf Anfrage verwiesen Schulministerium und Sozialministerium darauf, dass die Einstellung von Schulsozialarbeitern eigentlich aus Bundesmitteln erfolgen sollte. Der schwarze Peter wird also weitergegeben. Ein Antrag der Piraten-Fraktion, der sich um die Weiterbeschäftigung der Schulsozialarbeiter kümmern wollte, wurde vom Parlament abgeschmettert.

Das Problem der Bildungspolitik

Was die restliche Bildungspolitik des Landes angeht, verlässt sich das Schulministerium vor allem auf den Ausbau von Ganztagsschulen. Das soll auch die schlechten Startbedingungen von Schülern ausgleichen. Zudem gebe es zahlreiche Programme wie „Kein Kind zurücklassen“, die Schülern mit schwierigen sozialen Bedingungen helfen sollen. Lehrer in sozial benachteiligten Schulen werden teilweise speziell gecoacht.

Allerdings weiß man, im Kleinen wie im Großen, nicht, welche Wirkungen diese Programme haben werden. Dies konnte weder die für Gelsenkirchen zuständige Annette Berg noch Barbara Löcherbach, Pressesprecherin des Schulministeriums, genau sagen. „Das ist das Problem in der Bildungspolitik. Wenn man etwas umstellt, dauert es Jahre, bis man die Ergebnisse sieht“, so die Pressesprecherin.

Ein schwacher Trost für das Ruhrgebiet und die Kinder, die hier zur Schule gehen. Die Schulen in der ehemaligen Kohleregion haben zum Großteil schlechte Bedingungen. Armut und fehlende Integration verringern die Bildungschancen der Pott-Schüler erheblich. Ihre Leistungen sind nachweislich unter dem Landesdurchschnitt. Dennoch wird das Revier vom Schulministerium nicht als Region mit Sonderstatus wahrgenommen.

„Ich finde schon, dass wir dem Ruhrgebiet viel Beachtung schenken, und man darf nicht vergessen, dass auch andere Regionen Probleme haben“, sagt Barbara Löcherbach, Sprecherin des Schulministeriums. Auf Anfrage verwies das Ministerium zwar auf die Arbeit der Stiftung Mercator und Netzwerkprogramme. Programme, die konkret auf das Ruhrgebiet zugeschnitten sind, konnte man aber nicht nennen.