Profil

E-Mail: hristio.boytchev+220(at)correctiv.org

Methadon – Wundermittel oder Betrug?

weiterlesen 7 Minuten

Mammographie im Krankenhaus© Joel Saget / AFP

von Hinnerk Feldwisch-Drentrup

Lässt sich mit Methadon, bislang bekannt aus der Drogentherapie, das Wachstum von Tumoren bremsen oder gar stoppen? Forschungen stehen dazu stehen aus. Doch immer wieder wird über das vermeintliche Wundermittel berichtet. Ein Überblick über die unbeantworteten Fragen.

Es ist wohl zu schön, um wahr zu sein. Aufgrund von Forschungsarbeiten der Ulmer Chemikerin Claudia Friesen machen sich derzeit zehntausende Krebspatienten Hoffnungen auf ein vermeintliches Wundermittel: Methadon, das ansonsten zur Drogenersatztherapie verwendet wird, soll Krebszellen bekämpfen und Tumore schrumpfen lassen. Doch da die Herstellung des Betäubungsmittels nicht mehr durch Patente geschützt ist, ist es sehr günstig erhältlich – und Pharmafirmen unterdrücken es, da sie kein Interesse an der Konkurrenz für ihre teuren Chemotherapeutika haben: So oder so ähnlich lauten Verschwörungstheorien, die derzeit tausendfach in den sozialen Medien geteilt werden. „Methadon gegen Krebs – Ich bin dafür“ oder „Methadon gegen Krebs kann Menschenleben retten“ heißen Facebook-Gruppen, in denen verzweifelte Patienten nach Hilfe suchen – „Methadon, das Ende von Krebs?“ lautet das Motto einer anderen Gruppe.

Nachdem schon zuvor verschiedene Medien über den Einsatz des Mittels in der Krebstherapie berichtet hatten, lenkten Fernsehbeiträge des ARD-Magazins „PlusMinus“ sowie von „Stern TV“ die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen auf das Thema. Seitdem stehen die Telefone von Friesen sowie dem Palliativmediziner Hans-Jörg Hilscher nicht mehr still, die in den Beiträgen von ihren positiven Erfahrungen mit der Verwendung von Methadon in der Krebstherapie berichten. „Wie es aussieht, können alle Arten therapiert werden, die auch einer Chemotherapie zugänglich sind“, zitiert „PlusMinus“ Hilscher auf Facebook. Dabei gibt es keine verlässlichen Hinweise dafür, dass Methadon bei Menschen überhaupt gegen Tumore wirkt. Und noch weniger, dass eine große Verschwörung Patienten ein wirksames Krebsmittel vorenthalten möchte.

Zwar betonen die Beiträge, dass aussagekräftige Studien derzeit fehlen. Doch dürften viele Betroffene dies so verstehen, dass die Wirksamkeit ja eigentlich schon klar sei und nur der letzte Beweis noch aussteht. Bislang gibt es nur Zellversuche sowie Daten von Tierversuchen, bei denen laut wenigen Studien Methadon das Wachstum von Tumoren verlangsamt oder auch Krebszellen zum Absterben gebracht hat. Ein Artikel beschreibt die Anwendung am Menschen – doch die Beobachtungen an nur gut zwei Dutzend Patienten ist nicht aussagekräftig, da eine Vergleichsgruppe fehlt.

Nur positiv dargestellt

Dennoch wird Methadon in den Fernsehbeiträgen praktisch nur positiv dargestellt. „Es kann so sein, dass eine Zelle zu zehn Prozent anspricht mit einem Chemotherapeutikum, und gebe ich Methadon hinzu, kann ich einen hundertprozentigen Zelltod erreichen“, erklärt Friesen in der ARD. „Ich glaube, ohne Methadon wäre ich nicht mehr da“, sagt eine Patientin. Mehr als 350 Patientenfälle habe sie gesammelt, erklärt Friesen auf „Stern TV“. „Alles positive Ergebnisse des Krankheitsverlaufes schwer erkrankter Tumorpatienten“, betont sie – Metastasen seien deutlich zurückgegangen oder sogar verschwunden.

Doch die in den Beiträgen wenig hinterfragten Angaben täuschen leicht – und wurden von den Sendern nach Recherchen von CORRECTIV kaum überprüft. So berichtet Hilscher, er habe 3.000 sterbenskranke Patienten in seinem Hospiz mit Methadon behandelt. Im Laufe der Zeit habe sich herausgestellt, dass sie länger gelebt haben als in den Nachbarhospizen, erklärt Hilscher. „Das ist mir kundgetan worden vom Medizinischen Dienst, der die anderen Hospize auch alle besucht hat“, betont er auf „Stern TV“ – und meint damit den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), der im Auftrag von Kassen Gutachten zur Gesundheitssituation ihrer Versicherten erstellt. Dieser habe gesagt: „Irre, Hugo, bei Dir überleben die Patienten viel viel länger und viel viel besser als woanders, das kann nur an dem Methadon liegen“, erklärt Hilscher.

Hat tatsächlich eine seriöse Institution einen Nachweis gebracht, dass Methadon das Leben schwerkranker Personen verlängert? „Es gibt keine Stellungnahme des MDK Westfalen-Lippe zu dem Thema“, sagt ein Sprecher auf Nachfrage von CORRECTIV. Weder „PlusMinus“ noch „Stern TV“ hätten in dieser Sache nachgefragt. Er könne sich nicht erklären, wie Hilscher zu der Behauptung kommt.

Wie kam es, dass die Medien dennoch die Aussage ausgestrahlt haben? Der Pressekodex, in dem der Deutsche Presserat journalistische Standards festgehalten hat, sagt klar: „Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben.“ Da viele Substanzen verfrüht als mögliches Krebsmittel gefeiert wurden, Menschen am Ende aber nicht halfen, verlangt der Pressecodex bei Berichten über medizinische Themen auch, eine Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Hoffnungen beim Leser erwecken könnte.

CORRECTIV hat bei der zuständigen Redakteurin von „Stern TV“, Anne Gaffron, nachgefragt. „Zunächst einmal muss ich meinen Protagonisten grundsätzlich vertrauen“, sagt sie. „Ich kann nicht alle Aussagen anzweifeln und überprüfen.“ Hilscher habe ihr versichert, dass ein Angestellter des medizinischen Dienstes ihm die Auskünfte so gegeben habe. Dass der MDK diese Aussagen nicht kennt sei „klar“, erklärt sie. „Darüber gibt es ja nichts Schriftliches“, erklärt Gaffron. „Ich hatte ebenfalls mit dem medizinischen Dienst gesprochen“, betont die Redakteurin. Doch war dies nach Aussage des MDK erst nach der Anfrage von CORRECTIV der Fall, und damit lange nach der Sendung.

Es handelte sich nicht um offizielle Analysen des MDK, sondern um „persönliche Mitteilungen“ gegenüber Hilscher, erklärt ein Pressesprecher des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), welcher die „PlusMinus“-Sendung produziert hat. Der Arzt habe in der ARD nur gesagt, dass dem MDK aufgefallen sei, dass Patienten länger leben würden, als ihre Diagnose zuließe – dies stelle keinen wissenschaftlichen Beweis im Sinne einer klinischen Studie dar. Der MDR beruft sich auf Nachfrage auf den Quellenschutz, die Mitarbeiter des MDR hätten ihre Aussagen Hilscher vertraulich mitgeteilt. Dies stellte die Redaktion jedoch in der Sendung nicht entsprechend dar. Ähnlich argumentiert auch Hilscher: Er würde die Kollegen vom MDK „reinreiten“, daher könne er dazu nichts mehr sagen, erklärt er. In einem neuen Beitrag zu Methadon, den „PlusMinus“ im August nach der Correctiv-Anfrage sendete, fehlt der Hinweis auf den MDK nun.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!
Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Jetzt spenden!

„Den Leuten die Hoffnungen nehmen“

Hilscher ist der bei Krebspatienten wohl gefragteste „Methadon-Arzt“. Auf Nachfrage von CORRECTIV räumt er ein, dass die Euphorie überzogen sei. „Ich würde nicht allen Krebspatienten raten, Methadon zu nehmen“, betont er. „Es gibt ganz ganz viele Patienten, bei denen es relativ wenig bringt“, sagt der Mediziner. Bei einigen könne die Kombination mit einer Chemotherapie sinnvoll sein – alles andere sei „völlig überzogen“. Doch in weiteren Punkten bleibt Hilscher widersprüchlich. Seine Aussagen in den Fernsehbeiträgen findet der Mediziner „in Ordnung“ – und beschwert sich gleichzeitig über etwas, was er wohl auch selber zu verantworten hat. „Das Problem ist, dass ich jetzt die Arbeit habe, den Leuten die Hoffnungen zu nehmen“, sagt Hilscher.

Doch es gibt noch weitere Auffälligkeiten in der Methadon-Story und der Berichterstattung über sie. So die Frage, warum es bislang keine aussagekräftigen klinischen Studien zu dem Arzneimittel gibt. „Wenn Methadon seine zwölf Euro kostet für vier bis sechs Wochen und vielleicht in Konkurrenz zu einem Medikament mit 20.000 oder 25.000 Euro steht, kann ich mir schon vorstellen, dass Methadon keine Chance hat“, sagt Friesen in der ARD. Obwohl die Ulmer Forscherin schon 2014 ihre „hoffnungsvollen Ergebnisse“ der Fachwelt zugänglich gemacht habe, hätten weder Ärzte noch Pharmaunternehmen Interesse an einer Studie gezeigt, heißt es weiter.

Es ist tatsächlich ein großes Problem, dass Studien fast nur von Pharmafirmen finanziert werden, während die Bundesregierung nur wenig Mittel für unabhängige Forschung bereitstellt. Doch wie eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag kürzlich ergab, wurde in den vergangenen Jahren kein einziger Förderantrag beim Bundesforschungsministerium eingereicht. Die Deutsche Krebshilfe, die vor einigen Jahren ein Projekt von Friesen mit 300.000 Euro gefördert hat, lehnte später ein weiteres Projekt wegen wissenschaftlicher Zweifel ab.

Diese kann Friesen nicht nachvollziehen, wie sie auf Nachfrage erklärt. Gleichzeitig kritisiert sie, dass die Krebshilfe Inhalte zu Methadon von ihrer Internetseite entfernt habe. „Die Löschungen aller Pressemitteilungen zum Thema Methadon auf der Homepage der Krebshilfe zeigten mir auch, dass die Krebshilfe sich von dem Thema Methadon distanziert hatte und eine Einreichung einer klinischen Studie nicht erwünscht ist“, sagt Friesen. Doch hierfür gibt es einen einfachen Grund, wie die Krebshilfe erklärt: Aufgrund einer grundlegenden Überarbeitung wurden alle alten Mitteilungen entfernt, nur einige aus den vergangenen Jahren fügte die Krebshilfe wieder hinzu. So eine, die in Sachen Methadon sogar äußerst positiv ist: „Allroundtalent gegen Hirntumoren“, lautet die Überschrift.

Auch kam eine geplante Studie laut Kooperationspartnern Friesens erst jetzt zustande, da zuvor „die präklinische Rationale für die Durchführung einer klinischen Studie gefehlt hat“, wie das pharmakritische „Arznei-Telegramm“ im Mai schrieb. Friesen erklärt, die nötigen Daten stünden schon lange zur Verfügung – doch der Krebsforscher Thomas Seufferlein von der Uniklinik Ulm sagt, dass er sie erst seit kurzem von ihr erhalten habe.

Er plant daher nun eine Studie zu Darmkrebs und Methadon, auch der Heidelberger Onkologe Wolfgang Wick will mit Unterstützung der Krebshilfe Effekte auf Hirntumore untersuchen. Friesen soll hier als Beraterin eingebunden werden. Doch es wird Jahre dauern, bis Ergebnisse vorliegen. In der Zwischenzeit werden wohl viele Krebspatienten trotz der fehlenden Daten zum „letzten Strohhalm“ Methadon greifen wollen. Dabei setzen sie nach Medienberichten ihre Ärzte teils erheblich unter Druck – und verzichten offenbar auch manchmal auf wirksame Chemotherapien.

Wie steht es zu guter Letzt um die Theorie, die Pharmaindustrie unterdrücke Methadon – beispielsweise durch Einflussnahme auf Ärzteverbände, die vor dem Mittel gewarnt haben? Angesichts der positiven Patienten-Erfahrungen stelle sich die Frage, „wie unabhängig die Warnungen vor dem Schmerzmittel Methadon wirklich sind“, erklärt „PlusMinus“ – und führt Zahlungen von Firmen an Ärzte an, zu denen auch CORRECTIV recherchiert hat. Doch die Mediziner haben offenbar nicht das Gefühl, dass sie etwas zu verbergen haben: Jedenfalls haben sie wie beispielsweise Wick die Honorare freiwillig offengelegt, die sie für Beratungen oder Reisen erhalten haben.

Am Beispiel Methadon ließe sich dennoch deutlich erkennen, welchen Einfluss Pharmaunternehmen auf die Krebsforschung haben, behauptet Friesen. Gleichzeit gibt sie Entwarnung. „Es gibt keine Hinweise, dass Pharmaunternehmen Methadon als Krebsmedikament ‚aktiv‘ unterdrücken“, erklärt sie. Doch dieser Eindruck dürfte sich bei vielen Patienten inzwischen eingebrannt haben – zu Unrecht.  

 

Homöopathie-Anhänger schwören auf kleine Zuckerkügelchen, in denen häufig kein Wirkstoff nachweisbar ist© Ivo Mayr / Correctiv

Euros für Ärzte

„Es ist nicht gut, Kinder mit Hilfe von Globuli an Pillen zu gewöhnen“

Vom 14. bis 17. Juni findet in Leipzig der Homöopathische Weltkongress statt. Der Leiter des Medizin-Prüfinstituts IQWiG, Jürgen Windeler, ärgert sich, dass viele Krankenkassen inzwischen alternativmedizinische Verfahren bezahlen. Sie glauben zwar selbst nicht an den Nutzen, wollen damit aber bestimmte, medizinkritische Kunden anlocken. Diese Doppelbödigkeit sei unglaubwürdig, sagt Windeler: „Menschen verstehen nicht, warum sie ihre Brille selber zahlen müssen – und gleichzeitig erstatten die Kassen Homöopathie.“

weiterlesen 5 Minuten

von Hinnerk Feldwisch-Drentrup

CORRECTIV: Was stört sie an der so genannten Alternativmedizin, Herr Windeler?

Windeler: Ich habe mich seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema beschäftigt. Mein Anliegen ist, dass die Forderung nach Evidenz in der Medizin überall in gleicher Weise gelten muss. Bereiche, die sich der Überprüfung entziehen oder Ergebnisse der Überprüfung ignorieren, sind heute nicht mehr akzeptabel – nirgendwo in der Medizin.  Und Begriffe wie alternativ, komplementär oder integrativ markieren eine angebliche Sonderstellung, die nicht zu rechtfertigen ist und die ich nicht akzeptiere.

Portrait von Prof_Dr_med_Juergen Windeler

Jürgen Windeler leitet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

Iqwig

Krankenkassen bewerben ja gerne derartige Leistungen.

Windeler: Das ist richtig. Doch Krankenkassen glauben ja selber nicht an den Nutzen dieser Verfahren, sondern machen das in einem missverstandenen Wettbewerb oder zur „Kunden“-Bindung. Aber diese Form von Wertschätzung von Therapien, über die man entweder wenig weiß oder von denen man inzwischen sehr wohl weiß, dass sie keinen Nutzen haben, ist schädlich, und daher stört sie mich generell – sowohl bei Krankenkassen als auch bei Ärzten, Apothekern oder Politikern.

Welcher Schaden entsteht durch die Übernahme derartiger Therapien Ihrer Meinung nach?

Windeler: Da muss man natürlich unterscheiden: Es gibt zweifellos Therapien, die direkt schaden können. Bei Homöopathika oder Bachblüten muss man sich in Bezug hierauf normalerweise keine Gedanken machen. Doch bekannt und belegt ist wie beim aktuellen Todesfall in Italien, dass teils andere, wichtige Behandlungen unterlassen werden. Wenn ich anfange, Hirnhautentzündung oder Ebola mit Homöopathika zu behandeln oder Herzinfarkt mir „Rescue“-Tropfen, dann wird es lebensgefährlich. Auch werden viele Kinder mit Homöopathie behandelt, zum Beispiel, wenn sie sich nur gestoßen haben. Selbst wenn das vielleicht nicht direkt schadet, ist es nicht gut, Kinder in dieser Weise an Pillen zu gewöhnen. Es bringt zum Ausdruck, dass Probleme primär mit Pillen gelöst werden können – diesen Eindruck sollte man nicht vermitteln.

In der Bevölkerung gibt es ja eine recht große Nachfrage nach Homöopathie und Co.

Windeler: Diese Nachfrage ist ein erstaunliches und faszinierendes Phänomen – insofern ist der politische Wille, daran etwas zu ändern, bisher sehr begrenzt gewesen. Im Moment scheint es ein gewisses Interesse zu geben – vom Ärztetag, der sich zu Heilpraktikern geäußert hat, aber auch von Seiten der Politik. Irgendwann müssen wir aufhören, mit zweierlei Maß zu messen. Wir können nicht einerseits das hohe Lied der evidenzbasierten Medizin singen und sagen, wir orientieren uns an Daten und Wissenschaft – und andererseits zum Beispiel mit der Homöopathie einen Bereich dulden, wo jeder wissen kann, dass da wissenschaftlich nichts zu holen ist. Der fehlende Nutzen ist vielfach nachgewiesen: Da kann man die Bücher drüber schließen. Meines Erachtens sollte man sich weitere Forschung sparen.

Wie hat sich die Akzeptanz der Homöopathie in den letzten Jahrzehnten verändert?

Windeler: Das ist schwer zu sagen. Es gibt immer wieder Umfragen, nach denen die Homöopathie im Kommen sei – aber ich glaube diesen Ergebnissen nicht. Wenn Menschen gefragt werden, ob sie Homöopathie oder andere alternativmedizinische Verfahren nutzen, wissen die meisten vermutlich nicht, was das jeweils überhaupt ist. Sie denken bei Homöopathie an wohlriechende Kräuter und nicht an zerquetschte Bienen oder Arsen. Ich sehe aktuell keinen besonderen Boom. Und das jemand sich mal Globuli einwirft, ist ja nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass er an Homöopathie glaubt oder dass er das bei ernsten Erkrankungen auch nehmen würde.

Wären von der Forderung nach mehr Evidenz nicht beispielsweise auch viele pflanzliche Arzneimittel oder andere traditionell angewandte Therapien betroffen, für die es kaum Studien gibt?

Windeler: Selbstverständlich. Die S3-Leitlinie zu Schlafstörungen stellt 2017 lapidar fest: „Für Baldrian und andere Phytopharmaka kann aufgrund der unzureichenden Datenlage keine Empfehlung zum Einsatz in der Insomniebehandlung gegeben werden“. Es gibt aber keine Gründe, warum man nicht Studien machen könnte, und keine Gründe, warum man nicht genauso nach Nutzen und Schaden fragen müsste wie bei anderen Verfahren.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Wie stehen Sie zu Heilpraktikern, die aktuell unter Beschuss stehen?

Windeler: Der Deutsche Ärztetag hat sich hier sehr gut und klar geäußert. Man sollte aber zwischen Verfahren der so genannten Komplementärmedizin und der Berufsausübung von Heilpraktikern unterscheiden – ich würde beides ungerne in einen Topf werfen. Beim einen geht es um den fehlenden oder nicht untersuchten Nutzen von Methoden, bei Heilpraktikern gibt es viel grundlegendere Qualifizierungsprobleme.

Würden Sie wie der Ärztetag Heilpraktikern invasive Methoden verbieten? 

Windeler: Ich kann mir eine Übergangsphase vorstellen, in der man die Möglichkeiten von Heilpraktikern einschränkt, wie es der Ärztetag beschrieben hat. Gleichzeitig sollte die Anbindung im Sinne einer Weisung durch Ärzte verstärkt werden. Aber mittelfristig gibt es für Heilpraktiker neben den anderen Gesundheitsberufen eigentlich überhaupt keinen Platz.

Diese Forderungen werden von Heilpraktikern wie auch vielen Patienten wohl scharf zurückgewiesen werden.

Windeler: Das kann sein. Aber man muss auf den Widerspruch und Anachronismus hinweisen. Wir können nicht sagen, dass wir die Evidenz, den Nutzen und auch die Qualität ganz wichtig finden – Krankenhäuser müssen zum Beispiel regelmäßig umfangreiche Berichte zu ihrer Qualität liefern. Und dann drehen wir uns um und drücken in einem anderen Bereich beide Augen zu. Das kann man nicht vertreten, ohne rot zu werden. Diese Doppelbödigkeit macht auch Krankenkassen unglaubwürdig, die einerseits auf Qualität bestehen und andererseits Therapien ohne nachgewiesenen Nutzen bezahlen. Menschen verstehen nicht, warum sie ihre Brille selber zahlen müssen, ohne die sie nicht Autofahren können – und gleichzeitig erstatten Kassen Homöopathie. Mir ist wichtig, dass wir in der Medizin mit einem Maß messen – das betrifft die Evidenz und den Nutzen. Und dann reden wir von einer Medizin und von Methoden und Mitteln, deren Nutzen belegt ist – oder eben nicht.


Weitere Informationen zum Thema

Beschluss des Deutschen Ärztetags, wonach „Heilpraktiker keinen Gesundheitsfachberuf ausüben“

Kassenärzte fordern Homöopathie-Verbot für Krankenkassen

Australische Gesundheitsbehörde findet keine Belege von Wirksamkeit der Homöopathie

„Die Unheiler“ – Unsere Undercover-Reportage über die Gefahren der Alternativmedizin