Profil

Marta Orosz

Reporterin
Internationaler Handel, sexuelle Belästigung, Pharma, Osteuropa, Neue Rechte

Es ist nicht ganz zufällig, dass Marta als erste entdeckte, wie das ungarische Fernsehen systematisch AfD-Politiker als vermeintlich normale deutsche Bürger ins Programm einbindet. Sieben Jahre lang hat sie für den ungarischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk als freie Deutschlandkorrespondentin gearbeitet. 2017 kündigte sie, weil Ungarns Regierung in kritischen Journalisten keine notwendige Kontrollinstanz sieht, sondern eine Bedrohung. Bei CORRECTIV hat Marta zuletzt mit ihren Recherchen über sexuelle Belästigung beim WDR für Aufruhr gesorgt und die flächendeckende Aufarbeitung in Gang gesetzt. Am liebsten recherchiert sie zu Handels- und Wirtschaftsthemen, von lebensbedrohlichen Versorgungsengpässe durch Medikamentenhandel in der EU bis hin zum damals geplanten Freihandelsabkommen TTIP. Auch die Methoden der Populisten und die Verbreitung ihrer Politik behält sie europaweit im Auge. Zuvor arbeitete sie mehrere Jahre bei der Kurt Lewin Stiftung für Toleranz und Demokratie in verschiedenen Forschungsprojekten.

E-Mail: marta.orosz(at)correctiv.org
Twitter: @martiorosz

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Prestoner Jungs: Imran Ahmed (links) und Adam U. (Quelle: Fahndungsfoto HMRC)
Grand Theft Europe

Deutsche Konzerne kauften bei Karussellbetrügern

ThyssenKrupp und andere namhafte Unternehmen kauften von einer Krefelder Firma von notorischen Umsatzsteuerbetrügern. Den Hintermann beobachteten Ermittler seit den 1990ern – wegen massivem Karussellbetrug und Verbindungen zur Terrororganisation al-Qaida.

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von Marta Orosz

Als Imran Ahmed im Frühjahr 2010 nach Deutschland kommt, übernachtet er im Düsseldorfer Hotel Radisson Blu. Knapp eine halbe Stunde Fahrt ist es bis ins Industriegebiet am Rheinhafen, wo das 70.000 Quadratmeter große Firmenareal der Metallwerke Bender liegt. Ahmed, ein britischer Staatsbürger, ist zu dem Zeitpunkt schon seit mehr als zehn Jahren im Visier der Fahnder. 1998 observierte eine Spezialeinheit, zuständig für die nationale Sicherheit, Firmen in seiner Heimatstadt Preston, im Nordwesten Englands, die „mögliche Verbindungen zu Kriminalität und Terrorismus“ haben. Eine dieser Firmen war damals die Preston Laundry – eine Wäscherei im Besitz von Imran Ahmed. Auch Ermittler der britischen Steuerfahndung HMRC fürchteten, dass die Karussellgeschäfte mit Terrorismus verbunden sein könnten.

35 Redaktionen aus 30 Ländern haben diesen größten laufenden Steuerbetrug in Europa unter der Leitung von CORRECTIV recherchiert und sind dabei mehrmals auf den Namen von Imran Ahmed gestoßen. Durch die sogenannten Umsatzsteuerkarusselle verlieren deutsche Steuerzahler Jahr für Jahr zwischen fünf und 14 Milliarden Euro, schätzen Experten. Insgesamt beträgt der Schaden in der EU 50 Milliarden Euro pro Jahr. 

Doch 2010 kann Imran Ahmed in Krefeld seelenruhig die Bender-Werke inspizieren. Die Metallwerke Bender waren ein angesehener mittelständischer Betrieb. 1931 gegründet von ehrgeizigen Ingenieuren als Hütten- und Schmelzwerk für Aluminium und Kupfer. Imran Ahmed ist dabei nicht allein, zwei langjährige Geschäftspartner begleiten ihn, Abid B. und Adam U. Die Metallfirma hat zu diesem Zeitpunkt noch etwa 100 Beschäftigte. Mitarbeiter erinnern sich, dass sie anfangs einen guten Eindruck von den angereisten Interessenten hatten. Vielleicht ließen sie sich auch von der Hoffnung blenden, dass ihr Unternehmen eine neue Überlebenschance bekommen würde.

Erst Marktführer, dann Betrugsvehikel (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

2004 waren die Metallwerke erstmals insolvent gewesen und dann über einen österreichischen Strohmann an einen Investor aus Kasachstan gefallen. Die Produktion wurde zum Schein aufrechterhalten, die Hälfte der Belegschaft musste gehen. Tatsächlich diente die Firma zur Geldwäsche, wie die Zeit berichtete. Schlüsselfigur dieser Phase war Rachat Alijew, Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten, ehemaliger Vize-Geheimdienstchef und Botschafter des Landes in Österreich. 2015 stirbt er in einem Wiener Gefängnis. Den vorgetäuschten Suizid entlarvt ein Gutachten der Berliner Charité als Mord. Alijew wurde ausgeschaltet, kurz bevor der Prozess begann, in dem er unter anderem wegen eines Doppelmords angeklagt war und in dem seine Verbindungen unter die Lupe genommen werden sollten, außerdem seine Praktiken der Geldwäsche.

Imran Ahmed, der Mann aus Preston, hat mit den Metallwerken Bender anderes vor. Schon in England war er vom Wäscherei-Business auf ein neues, lukrativeres Geschäftsmodell umgestiegen: auf Umsatzsteuerkarusselle. Akten, die CORRECTIV einsehen konnte, hielten fest, dass in Ahmeds Heimatregion „eine bestens organisierte und hochentwickelte Gruppe von Kriminellen massiven Umsatzsteuerbetrug betreibt“. In einem internen Bericht aus dieser Zeit warnte ein Ermittler: „Wenn wir jetzt nichts tun, stehen hier extrem hohe Erträge auf dem Spiel.“ Und weiter: „Ich bin der Meinung, dass Imran Ahmed die zentrale Figur hinter dem Karussellbetrug im Nordwesten ist. Ich empfehle dringend strafrechtliche Ermittlungen.“ Auch der Verdacht der Terror-Finanzierung besteht weiter.

Die Betrüger operierten in einem größeren Netzwerk, das anfangs mit Textilien, später mit Handys handelte. Durch trickreiche Käufe und Weiterverkäufe verschleierten die Beteiligten, dass sie die bei Ankauf fällige Umsatzsteuer umgangen hatten. Zwischenhändler kassierten die nicht gezahlte Umsatzsteuer und tauchten ab. Im Mittelpunkt des undurchsichtigen Geflechts: Imran Ahmed. Doch in Großbritannien kommt es nie zu einem Verfahren gegen ihn.

Der massive Umsatzsteuerbetrug gerät ins Visier der bayerischen Steuerfahndung und Kriminalpolizei. Im Februar 2005 leiten Beamte aus Nürnberg bundes- und europaweite Durchsuchungen ein: Es geht um den Verdacht auf ein international agierendes Umsatzsteuerkarussell mit Handys. Geschätzter Steuerschaden damals: 200 Millionen Euro.

Als Hintermänner werden laut Akten, die CORRECTIV vorliegen, Imran Ahmed und Abid B. identifiziert. Ahmed behauptet, nichts davon zu wissen und dass es nie einen Grund gab ihn in Deutschland anzuklagen. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg beruft sich nach unserer Anfrage auf das Steuergeheimnis und gibt keine Auskünfte darüber, ob die notorischen Steuerbetrüger jemals gefasst oder verurteilt worden sind.

Auf ihren bisherigen Geschäftsfeldern wird es für die Karussellbauer ohnehin eng. Handy-Deals gelten zusehends als verdächtig und der Handel mit CO2-Zertifikaten – einer der ganz großen Betrugsmaschen – wird in immer mehr Ländern von der Umsatzsteuer befreit. 

Als sich Ermittler des BKA im Frühjahr 2010 in Deutschland für die Durchsuchung von über 150 Büros und Wohnungen rüsten, sind ihnen die Steuerjongleure schon wieder einen Schritt voraus. In den Metallwerken Bender operieren Ahmed und seine Helfer zunächst auf legalem Boden. Sie treten als Sanierer des Unternehmens auf. „Kapitalgeber aus den Vereinigten Arabischen Emiraten“, meldete die Rheinische Post, stellten „einen Millionenbetrag zur Verfügung“.

Damit ist für die Drahtzieher der Weg frei, mit der Reputation eines angeschlagenen, in der Branche aber immer noch angesehenen deutschen Unternehmens, ein neues Karussell des Umsatzsteuerbetrugs anzuschieben. Die Verantwortlichen in Krefeld ahnen nichts von der dubiosen Vergangenheit des Investors und auf welch verschlungenen Pfaden seine Wege ins Rheinland führten. 

Es ist die Staatsanwaltschaft Mailand, die später Licht in dieses düstere Kapitel bringt. Ein ehemaliger Immobilienbroker, der Imran Ahmeds Italiengeschäfte koordinierte, sagt dort 2012 vor den Ermittlern aus. Er beschreibt Ahmed als einen „gutaussehenden Mann, gemacht fürs Geschäft“, „sehr nett und entgegenkommend“. Ahmed lebe zwar erst seit wenigen Jahren in Dubai, habe aber schon „wirtschaftliche Beziehungen zum Sheikh gehabt“ – also Zugang zur Machtelite. 

Der Immobilienbroker, ein Brite mit Wohnsitz in Dubai, sollte Ahmed und dessen Partnern helfen, Unternehmen auf dem europäischen Energiemarkt zu kaufen: „Ein Markt, von dem sie sich ein großes Geschäftspotenzial versprochen hatten.“ Der Broker sollte ein ganzes Firmennetzwerk auf diesem Markt aufbauen.

In Italien übernimmt er 2009 eine Firma, die mit Emissionszertifikaten handelt – zu dem Zeitpunkt noch die heiße Ware der Karussellbetrüger. Weitere Firmen mit gleichem Namen werden in Österreich, in der Schweiz und später auch in Deutschland registriert. Der Broker muss sich um die Formalitäten kümmern, Bankkonten eröffnen und offizielle Papiere unterschreiben. Ahmed und sein Geschäftspartner begleiten den Strohmann mehrmals nach Mailand. Das Tagesgeschäft führt meist Ahmeds Büro von Dubai aus.

Als sich Anfang 2010 die drohenden Probleme beim bisherigen Betrugsmodell abzeichnen sinnt der Immobilienbroker auf Abhilfe. „Alle Bad Boys im Handel mit Emissionszertifikaten kommen nach Italien“, berichtet der in einem überwachten Telefonat. „Ich habe also entschieden, dass wir jeglichen Handel mit Emissionszertifikaten beenden“, sagt er stolz, „und sie haben es auch genehmigt“. Ahmed und Adam U. haben dem Mann, der für sie den Kopf hinhalten soll, offenbar gestattet, sich einmal wichtig zu fühlen.

Ein neues Standbein soll in Deutschland etabliert werden. Durch einen Vermittler werden die Betrüger auf die Metallwerke Bender aufmerksam. „Wir dachten, dass die Investoren Geld reinbringen und wir die Produktion wieder in Fahrt bringen“, erzählt ein ehemaliger Angestellter. 

Die Metallwerke Bender wurden immer wieder von Betrügern infiltriert (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

Formeller Geschäftsführer ist anfangs auch hier der Immobilienbroker, der schon fürs Italiengeschäft gerade stehen muss. Bald nimmt das Karussell Fahrt auf. Hauptziel ist wieder, Umsatzsteuern erstattet zu bekommen, die nie zuvor bezahlt wurden.

Im abgehörten Telefonat, das später in Italien als Beweismittel dient, erklärt der Broker die Strategie: „Wir wollen mit dem Bender weitermachen. Ich denke, dass das Metallgeschäft sauberer… und weniger volatil ist. Längerfristig ein gesünderes Geschäft.“

Als Mittelsmann dient ein selbstständiger Schrotthändler. Er tritt als Käufer von Kupferkathoden auf, die dann über den Hafen in Rotterdam importiert und an die Endabnehmer geliefert werden. „Der Schrotthändler“, ein Ein-Mann-Unternehmen, „agierte jedoch nicht selbst, sondern die Hintermänner und deren Gehilfen wickelten Ein- und Verkauf ab“, erklärt der ehemalige Angestellte aus Krefeld. Der Schrotthändler kaufte zum Nettopreis ein, also ohne Umsatzsteuer, und verkaufte dann mit Umsatzsteuer an die Metallwerke Bender. Die wiederum verkauften das Kupfer ordnungsgemäß mit Umsatzsteuer weiter. „Auf dem Gelände von Bender wurde nichts zwischengelagert“, erinnert sich der ehemalige Angestellte. Wertvoller als die Ware waren die Rechnungen selbst, die nach Übernahme der Metallwerke durch die Dubaier Hintermänner in einem verschlossenen Raum gelagert wurden.

Der höchste Gewinn in diesem Handel entstand durch die Umsatzsteuer, die der Schrotthändler kassierte, aber nicht an den Fiskus abführte.

Führende Unternehmen auf dem europäischen Markt zählten zu den Abnehmern des Kupfers, darunter der Stahlkonzern ThyssenKrupp, der börsennotierte Buntmetallgigant Aurubis so wie Nexans, einer der großen Kabelhersteller. Mehrere Monate lang lief das Geschäft der Betrüger wie geschmiert – dank des Umsatzsteuerbetrugs waren sie nicht auf die übliche Handelsspanne angewiesen und konnten Preise unter Marktniveau anbieten. 

Nexans bestätigt auf CORRECTIV-Anfrage, dass die Metallwerke Bender den Liefervertrag bekamen, weil sie „das wirtschaftlich attraktivste Angebot“ hatten. Die Firma der Karussellbetrüger konnte zwei andere Bewerber aus dem Rennen werfen. Auch ThyssenKrupp bestätigt auf CORRECTIV-Anfrage, dass mindestens eine Konzerngesellschaft Kontakt zu den Metallwerken Bender hatte. Der gute Name der Firma überzeugte – und eine Kreditversicherung, mit der das Geschäft abgesichert wurde. Ansonsten seien seitdem die Einkäufer für Auffälligkeiten sensibilisiert, dazu gehörten auch Preise, die deutlich unter Marktniveau liegen. Aurubis verweist darauf, nur geringe Mengen von den Metallwerken Bender gekauft zu haben. Wie der Kontakt zu Metallwerke Bender zustande kam, lasse sich rückwirkend nicht mehr nachvollziehen.

Ende 2010 bricht das Geschäft in Krefeld ein. Zur gleichen Zeit sorgt sich der Broker, der formell auch als Geschäftsführer für Ahmeds italienische Aktivitäten agiert, um seine Zukunft: „Mir ist sehr schnell klar geworden, dass ich allein geblieben bin“, sagt er später in seiner Zeugenaussage bei der Mailänder Staatsanwaltschaft. 

Im November 2010 wird Imran Ahmed am Flughafen von Manchester wegen des Verdachts auf Geldwäsche festgenommen. Beamte sichern Handys und Datenträger, die Einblicke in Ahmeds Vermögen bieten: Zum damaligen Zeitpunkt soll er Einkaufszentren in England und in Dubai besitzen, und mindestens 20 Wohneinheiten in England. Zu seinem Portfolio zählen ein Grundbesitz im Wert von 40 Millionen Pfund in Indien und zwei Etagen im Burj Khalifa in Dubai, dem höchsten Gebäude der Welt. Er selbst streitet jeden Immobilienbesitz ab. 

In den Notizen auf seinem Handy findet sich auch die Adresse der Firma Bender und die Anschrift eines Hotels in Krefeld. 

Die Metallwerke Bender steuern Anfang 2011 auf eine erneute Insolvenz zu. Das Werk muss schließen, die Dubaier Aufseher verschwinden. Sie haben die Metallwerke mit ihrer Investition zu einer Ruine gemacht – zu einem weißen Elefanten, wie es im Jargon der Finanzjongleure heißt. Mehmet Aydin, der nach 16 Jahren bei Bender seinen Job verliert, zieht ein bitteres Fazit: „Was hinterher mit uns passiert, das interessiert die gar nicht“, sagt er gegenüber ZDF/Frontal21.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt aktuell im Fall der Metallwerke Bender gegen 40 Beschuldigte wegen der Umsatzsteuerkarusselle. Bei drei Beschuldigten geht man davon aus, dass sie als Hintermänner die bandenmäßige Steuerhinterziehung orchestriert haben: Einer von ihnen ist Imran Ahmed, der selbst zugibt, aktuell im Mittelpunkt der Ermittlungen zu stehen, er bestreitet aber die Vorwürfe. Der Zweite ist Abid B., der schon an Ahmeds Seite war, als sie 2005 mit Handy-Geschäften bei der Nürnberger Steuerfahndung aufgefallen sind. In Krefeld hat man ihn später öfter gesehen: Er hat mit dem Verkäufer der Metallwerke verhandelt und sich später auch regelmäßig vor Ort um die Geschäfte gekümmert. Der Dritte ist Adam U., der junge Mann, der inzwischen auf der Liste von Englands meistgesuchten Steuerflüchtlingen steht. Die britische Steuerbehörde HMRC bestätigt, dass er im Oktober 2018 in Abwesenheit zu 12 Jahren Haftwegen Umsatzsteuerbetrug verurteilt wurde. Adam U. soll sich, laut HMRC, in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufhalten.

Ob sie je belangt werden können? Imran Ahmed, der heute 45 Jahre alt ist, wurde kurz nach der Festnahme am Flughafen Manchester wieder freigelassen und reiste nach Dubai. 

Die Komplexität des Falls und mangelnde Ressourcen bei den britischen Steuerbehörden HMRC hätten dazu geführt, dass es gegen Ahmed nie zu einer Anklage kam, stellen die britische Wochenzeitung The Sunday Times und The Bureau of Investigative Journalism fest, die im Rahmen der Grand Theft Europe zu den Hintermännern der größten Umsatzsteuerkarusselle recherchierten. 

Die britische Steuerbehörde HMRC hat den Umsatzsteuerbetrug erfolgreich reduziert – die Prestoner Drahtzieher konnte sie nicht stoppen (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

Und der Terrorismus-Verdacht? Schon früh hatte einer der Ermittler bei den Untersuchungen in Ahmeds englischer Heimatstadt Preston notiert: „Nach meinem Verständnis gibt es bekannte terroristische Verbindungen zu al-Qaida.“

Später machte ein Fund im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet die Fahnder europaweit hellhörig. Auf der Suche nach Osama bin Laden waren Kollegen des britischen Geheimdienstes MI5 zusammen mit US-Einsatzkräften im Spin Ghar Gebirge auf Datenträger mit Unterlagen über die Finanzierung des Terrornetzwerks von al-Qaida gestoßen. In diesen Daten gibt es Hinweise auf Imran Ahmeds Geschäfte. 

Die Route des ergaunerten Geldes über die Börse an der Wall Street in New York, dann nach Dubai und von dort nach Pakistan hatten Ermittler schon zuvor in mehreren Betrugsketten entdeckt. „Dieses Geld wird hauptsächlich an Pakistan transferiert, aber auch nach Hong Kong und Dubai und es ist sehr wahrscheinlich verbunden mit Terrorismus“, heißt es in einem Bericht. Aber stichhaltige Beweise fanden sie nicht, und Imran Ahmed lehnt nachdrücklich ab, jemals direkt oder indirekt in Terrorismusfinanzierung involviert gewesen zu sein. Er hält es für abscheulich mit solchen gegenstandslosen Vorwürfen konfrontiert zu werden.

Einen wichtigen Effekt hat die Aufdeckung von den al-Qaida-Dateien immerhin. Es ist diese Information, die Staatsanwälte in Mailand einige Jahre später auf die Spuren Imran Ahmeds führt. Sie werfen ihm vor, zusammen mit seinen Mittätern durch Karussellbetrug mit Emissionszertifikaten im Zeitraum von 2009 bis Juli 2012 über 1 Milliarde Euro Steuergeld gestohlen zu haben. 

Ihre Beweise reichen zum ersten Mal für eine Anklage. Und sogar für ein Urteil.

Mit der Strafe allerdings dürfte Imran Ahmed mehr als glücklich sein. Da er in Dubai für die europäische Justiz so gut wie unerreichbar ist, hat man sich mit seinen Anwälten auf zwei Jahre Haft auf Bewährung geeinigt. Vom Steuerschaden, anfangs auf eine Milliarde Euro geschätzt, blieb bei der Urteilsverkündung Ende 2017 eine Rückforderung von 80 Millionen. Tatsächlich zurückgeholt wurden lediglich die rund vier Millionen Euro, die auf dem italienischen Konto von Ahmeds Firma noch rechtzeitig gesichert werden konnten. 

Imran Ahmed weist darauf hin, dass er nie wegen Terrorismus-bezogener Taten angeklagt oder verurteilt wurde. Darüber hinaus behauptet er, nie mit irgendeiner Gruppe von organisierter Kriminalität involviert oder verbunden gewesen zu sein. Er wurde auch nie für Straftaten in Deutschland oder England angeklagt oder verurteilt. Er behauptet auch, nie nach Dubai geflüchtet zu sein.

In Krefeld hat Anfang dieses Jahres das 70.000 Quadratmeter große Gelände der Metallwerke Bender den Besitzer gewechselt. Es gehört nun der Rheinhafen GmbH. „Der Notartermin war das vorläufige Ende eines überaus komplizierten Immobiliengeschäfts, das bis hin in die Vereinigten Arabischen Emirate reichte“, schreibt die örtliche Zeitung. „Wir wollten uns nicht selbst um die in Dubai eingetragenen Grunddienstbarkeiten kümmern“, wird Geschäftsführer Odermatt zitiert. „Deshalb sei das Areal zunächst von einer Firma aus Duisburg erworben und dann weiterverkauft worden.“ Zum Preis machen die Hafen-Geschäftsführer keine Angaben.

 

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Bundesfinanzminister Olaf Scholz beim Treffen der EU-Finanzminister in Brüssel: Fortschritte bei der Digitalsteuer, Schneckentempo bei der Bekämpfung des Umsatzsteuerbetrugs © European Union
Grand Theft Europe

Milliardenverluste zum Frühstück

In Brüssel suchen die Finanzminister der EU nach Mitteln gegen den Mega-Betrug über Umsatzsteuerkarusselle. Bei technischen Lösungen gibt es Fortschritte. Sobald es an die Substanz geht, schieben die Verantwortlichen sich gegenseitig den schwarzen Peter zu.

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von Marta Orosz

Den Finanzministern der EU wurden heute beim Frühstück die Milliardenverluste durch Umsatzsteuerbetrug serviert. Nach der europaweiten Recherche „Grand Theft Europe” unter Leitung von CORRECTIV hat Steuerkommissar Pierre Moscovici sie aufgerufen, beim Europäischen Rat am Freitag einen Lösungsvorschlag der Kommission zu diskutieren: „Die Bürger werden nicht akzeptieren, dass die EU nichts gegen Kriminelle unternimmt, die enorm von den Schwachstellen des EU-Mehrwertsteuersystems profitieren, während ehrliche Steuerzahler die Kosten tragen.“

Auf der offiziellen Agenda des heutigen Treffens im Europäischen Rat standen andere Themen: Die Besteuerung der digitalen Wirtschaft oder die Frage, ob und wie man selbstgebrannten Schnaps künftig besteuern soll. Das enorme Problem, das nun seit über 25 Jahren jedes einzelne EU-Land betrifft, wurde erstmal nur in einer informellen Runde besprochen. „Die EU-Finanzminister verschleppen seit langem eine Lösung des Betrugs bei der Umsatzsteuer durch organisierte Kriminalität.“, sagte Fabio De Masi, stellvertretender Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, gegenüber CORRECTIV.

Vor einer Woche haben unter der Leitung des Recherchezentrums  CORRECTIV 35 Redaktionen in 30 europäischen Ländern über die aktuelle Dimension und Folgen des Karussellbetrugs berichtet. Durch Umsatzsteuerkarusselle verlieren die Staaten der EU jährlich 50 Milliarden Euro, schätzt die EU-Kommission. In Deutschland liegt der Schaden zwischen 5 und 14 Milliarden Euro pro Jahr. Der grenzüberschreitende Betrug ist seit 1993 bekannt und konnte bisher nicht effektiv bekämpft werden.

Eine Woche nach der Veröffentlichung unserer Recherche zum Karussellbetrug in 30 europäischen Ländern nimmt nun das sogenannte TNA (Transactional Network Analysis) auf EU-Ebene die Arbeit  auf. Es handelt sich um ein Betrugs-Frühwarnsystem, das eine automatisierte Datenanalyse zwischen den EU-Ländern ermöglicht und seit zwei Tagen operationell ist. Vielen Experten zufolge ist das TNA die einzige praktikable Lösung um die Milliardenverluste durch Umsatzsteuerbetrug zu reduzieren. „Dank des neuen Instruments können die Behörden verdächtige Aktivitäten schneller aufdecken”, sagt auch Moscovici.

Für einen stärkeren Informationsaustausch zwischen den EU-Behörden sprach sich das Bundesfinanzministerium schon im Finanzausschuss des Bundestages aus, doch die Praxis sieht anders aus: Das TNA-System startet zunächst ohne deutsche Teilnahme. Bundesfinanzminister Olaf Scholz sagte im Europäischen Rat in Brüssel, dass die Bundesregierung dieses Instrument auch einführen wird – momentan prüfe man noch mit den 16 Bundesländern die Strukturen, die dieses Instrument ermöglichen. Solche Verzögerungen kosten den deutschen Fiskus jeden Tag Geld.

Prof. Marie Lamensch, Expertin für europäische Steuersysteme von der Freien Universität Brüssel, sieht im TNA-System eine Möglichkeit, verfügbare Technologien und Netzwerke zu nutzen, um den Umsatzsteuerbetrug zu bekämpfen. Umso unverständlicher sei es, dass die Bundesregierung immer noch nicht aktiv am Netzwerk teilnimmt: „Wenn die Menschen in Deutschland das wüssten, wären sie wirklich sauer auf die Regierung“, sagte Lamensch dem ZDF-Magazin Frontal21.

Der Bundesfinanzminister will den Umsatzsteuerbetrug eher durch neue Regulierungen stoppen. „Die Steuerkarusselle müssen auch durch die rechtliche Regelung und nicht nur durch Überwachung besser bekämpft werden,“ sagte Olaf Scholz CORRECTIV.

Das aktuelle System, wonach der Handel zwischen EU-Mitgliedsstaaten umsatzsteuerfrei ist, war 1993 nur als Übergangslösung eingeführt worden. Der Reformvorschlag der EU-Kommission sieht vor, auch den grenzüberschreitenden Handel innerhalb der EU zu besteuern. Es würde der Satz des Landes gelten, in dem die Ware gekauft wird. Die meisten EU-Finanzminister wünschen sich eine europäische Lösung. Unklar ist jedoch, wie viele Länder dem Vorschlag von Moscovici folgen würden.

Scholz zufolge würde diese endgültige Lösung in den nächsten Jahren nicht erreicht. Bei einigen Vorschlägen befürchtet der Finanzminister zudem, dass sie das Problem vergrößern oder neue Betrugsmöglichkeiten schaffen. „Die sind ja gleich in Zehnmilliarden-Größenordnung, und das muss man ja verhindern.“

Der Spitzenkandidat der Grünen im Europawahlkampf, Sven Giegold, kritisierte diese Woche in der Neuen Osnabrücker Zeitung, dass Deutschland die Verhandlungen auf EU-Ebene bremst: „Allein mit den aktuellen Reformvorschlägen des Europäischen Umsatzsteuersystems würden zwischen 4 und 11 Milliarden Euro mehr in die deutsche Steuerkasse fließen,“ sagte Giegold. Der Spitzenkandidat fordert in seinem Wahlprogramm eine grenzüberschreitende Finanzpolizei, die den Umsatzsteuerbetrug bekämpfen soll.

Im europäischen Ausland waren die politischen Stimmen dezidierter als hierzulande. In Dänemark wurde der Minister für Steuern nach den Veröffentlichungen einbestellt, Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki sucht verbündete Mitgliedstaaten für eine europäische Betrugsbekämpfung, und die Finanzministerin Schwedens bezeichnete das Finden einer Lösung als Top-Priorität.

Die Frage nach den Prioritäten wäre in allen Mitgliedsstaaten angebracht. Während sich Scholz und seine europäischen Kollegen mit viel Elan an der Besteuerung von Digitalkonzernen abarbeiten, von der sie sich Steuereinnahmen von jährlich 5 Milliarden Euro europaweit erhoffen, kosten Umsatzsteuerkarusselle seit über 25 Jahren das Zehnfache dieses Betrags.

Die aktuelle rumänische Ratspräsidentschaft scheint vom Aufruf des Steuerkommissars kaum Kenntnis zu nehmen: Auf die Frage von CORRECTIV, was im Europäischen Rat die nächsten Schritten zu einer Lösung seien, spielte Eugen Teodorovici, Vorsitzender des Rates für Wirtschaft für Finanzen, den Ball wieder an die EU-Kommission zurück: „Wir hoffen, dass die nächste Kommission das Problem löst.“

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Rod Stone spürte 40 Jahre lang Karussellverbrechern nach © Ivo Mayr
Grand Theft Europe

Englands eiserne Faust

Großbritannien konnte oft die Betrugswellen mit Umsatzsteuerkarussellen viel früher stoppen als andere Mitgliedsstaaten. Wie haben die Briten das gemacht? Und was können andere Staaten von ihnen lernen? Ein Interview mit dem Top-Fahnder des Vereinten Königreiches.

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von Marta Orosz

Wenn es um Umsatzsteuerkarusselle geht, ist Rod Stone einer der Top-Experten weltweit. 40 Jahre hat er beim britischen Finanzamt und Zoll (“Her Majesty´s Revenue and Customs”, HMRC) gedient und die Strategie für die Bekämpfung von Umsatzsteuerkarussellen entwickelt. Seine Maßnahmen haben dazu geführt, dass der Betrug mit Emissionszertifikaten in England im Vergleich zu anderen Ländern früh erkannt und gestoppt wurde. Seit 2015 berät er mit seiner Firma Behörden und andere Organisationen.

CORRECTIV: Großbritannien hat den Schaden durch Karusselbetrug von 3,5 Mrd. Pfund auf 500 Mio. Pfund im Jahr reduziert. Wie haben Sie das geschafft?

Stone: Im Jahr 2005 scheiterten mehrere Versuche der Steuerbehörde, strafrechtlich gegen Karussellbetrug vorzugehen. Also bekam ich etwa drei Monate Zeit, um einen zivilrechtlichen Mechanismus zu entwickeln. Der Zoll konnte bei Betrugsverdacht die Anträge auf Rückerstattung der Umsatzsteuer verweigern. Dieses Prinzip des Missbrauchsrechts führten wir im Januar 2006 ein, und bis Juni hatten wir bereits 3,2 Mrd. Pfund an missbräuchlichen Steuererstattungen gestoppt.

CORRECTIV: Das war alles – Auszahlungen einfach stoppen, und der Betrug geht weg?

Stone: Nein. Wir haben im Vereinigten Königreich eine ganzheitliche Strategie angewandt. Gelder auf verschiedenen Wegen einzufrieren, war ein Instrument, um ein feindliches Umfeld für Betrüger zu schaffen. Über Insolvenzverfahren haben wir auch Missing Trader, also Importeure, die keine Steuern abführen und dann verschwinden, identifiziert und das ausstehende Steuergeld eingefordert. Natürlich hatte meistens nur noch das letzte Glied in der Kette, der Exporteur, Geld. Von dem haben Insolvenzverwalter versucht, es zurückzubekommen. Sie konnten auch Geld von Geschäftsführern persönlich zurückfordern. Das war recht erfolgreich. Und zu einem feindlichen Umfeld gehören natürlich auch abschreckende Strafen.

CORRECTIV: Wie sehen die in Großbritannien aus?

Stone: Karussellbetrug ist in den meisten Ländern attraktiv, weil er nicht so hart bestraft wird wie Drogenhandel oder Banküberfall. Die Verbrecher müssen meistens nicht mehr als fünf Jahre Gefängnis fürchten und sind nach der Hälfte der Zeit wieder draußen. In Großbritannien können wir Leute für Betrug am öffentlichen Einkommen anklagen. Darauf steht eine lebenslängliche Haftstrafe. Die längste bisher verhängte Haftstrafe war 17 Jahre, aber 12 bis 14 Jahre waren für Karussellbetrug recht üblich. Und wer das Geld nicht zurückzahlt, kann wieder vor Gericht landen und nochmal zehn Jahre draufbekommen.

CORRECTIV: Was konnten die britischen Steuerfahndern tun, wenn sie irgendwo einen Karussellbetrug witterten?

Stone: Anders als in vielen anderen EU-Mitgliedsstaaten ermöglichte unsere Gesetzgebung es uns, jederzeit und ohne Vorwarnung Firmenbüros aufzusuchen. Ich schickte also einen Fahnder dorthin und bekam alle Belege zu Käufen und Verkäufen und so auch die Kundendaten. So ließ sich der Missing Trader ausfindig machen. Wenn man den dann besucht, ist natürlich niemand da, es gibt nur ein Firmenschild. In dem Fall löschten wir seine Steuerregistrierung. Unsere Fahnder besuchten täglich solche Firmen.

Und jede verdächtige Firma musste die Details zu ihren Handelspartnern mit einer Spezialeinheit in der Steuerbehörde teilen und jeden neuen Kunden und Lieferanten melden. So konnte die Behörde ein Profil über alle Unternehmen, die vermutlich in Karussellbetrug involviert waren, erstellen. Denn wir wussten, dass innerhalb von drei, vier Tagen, nachdem wir eine Firma gelöscht haben, wieder eine neue Firma registriert würde. Deshalb mussten wir neue Registrierungen kontinuierlich beobachten, und wer hinter ihnen steckte.

Wir verfizierten außerdem die monatlichen Forderungen nach Steuererstattungen der Händler. Niemand bekam Geld bis wir nicht sicher waren, dass es in der Kette keinen Missing Trader gab.

Ich muss sagen, dass es viele rechtliche Herausforderungen dabei gab und wir oft vor Gericht mussten. Aber die Gerichte waren sich der Komplexität des Problems und der vielen Ressourcen, die die Steuerbehörde in die Bekämpfung steckte, ohne ehrlichen Händlern zu schaden, bewusst und sehr unterstützend.

Die Zentrale der britischen Steuerbehörde HMRC in London © Ivo Mayr

CORRECTIV: Warum gehen andere EU-Mitgliedsstaaten nicht genau so vor?

Stone: Teile ihrer Gesetzgebung ist antiquiert. Sie ist auf Steuervermeider ausgelegt, auf den Mann auf der Straße, der kleine Beträge vermeidet. Sie wurde nie aktualisiert, um mit Organisiertem Verbrechen umzugehen. Der große Teil Europas hat Schwierigkeiten, seine Gesetze zu erneuern. Man muss sie durch Parlament bekommen, die Leute müssen dem zustimmen. Auch die Gerichte müssen verstehen, womit sie es zu tun haben. Bei unseren ersten Strafverfahren hatten viele Richter Mühe, den Betrug zu verstehen. Wir mussten ihn vereinfachen. Große Steuerberatungen versuchten Karussellbetrug zudem als eine Art Steuervermeidungsmodell darzustellen. Aber es ist ein Betrug,und die Steuerbehörden mussten all die großen Steuerberatungen kontaktieren und umerziehen.

CORRECTIV: Wie laufen die Ermittlungen bei Karussellbetrug ab?

Stone: Um eine Razzia bei allen Beteiligten eines Karussells durchzuführen, braucht man schnell mal 250 bis 500 Beamte, da stellt sich also die Ressourcenfrage. Bis es zu einem Gerichtsurteil kommt, braucht es im Schnitt 3 bis 5 Jahre ab dem ersten Verdacht. Deshalb ermittelten wir nicht in allen Fällen, sondern nur in denen mit den größten Auswirkungen. Manche der großen Betrugsketten verfolgten wir nie strafrechtlich, die verloren ihr Geld durch die zivilrechtlichen Methoden, die ich oben beschrieben habe.

Die britische Steuerbehörde kann mitreden, welche Fälle verfolgt werden. Manche EU-Mitgliedsstaaten bestehen hingegen darauf, jeden Fall von Karussellbetrug an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. So kommt es, dass die Fälle dort 10 Jahre oder älter sind, bis sie vor Gericht kommen. Wir wollten keine abgestandenen Fälle, bei denen man wahrscheinlich kein Geld mehr zurückbekommt und die kein abschreckendes Signal mehr an aktuelle Betrüger senden. Du willst soviel wie möglich in Echtzeit machen.

Die britische Steuerbehörde hat auch ihre eigenen Strafverfolger, und die haben zwischen 80 und 120 Prozesse gegen Karussellbetrüger geführt und weitere potentielle Kriminelle abgeschreckt. Die Fahnder müssen nicht zur Polizei gehen und sie bitten, Ermittlungen aufzunehmen.

Nachdem wir unsere Strategie eingeführt hatten, sind die Betrüger in andere EU-Staaten abgewandert. Der Karussellbetrug war so minimal geworden, dass wir uns mit anderen Themen befassten. Zumindest bis 2009, als die Betrüger den CO2-Markt entdeckten und der Betrug wieder ausbrach.

CORRECTIV: Was war geschehen?

Stone: Wir wussten, dass die Betrüger Unternehmen in Frankreich aufbauten und sich dort für den Handel mit CO2-Zertifikaten registrierten. Ende 2007 und 2008 begannen sie, große Mengen an CO2-Zertifikaten über die Börse zu handeln. Wir wussten von dem Markt noch nichts, beobachteten aber weiter potenzielle Betrugswaren und Unternehmen, die schon eine gewisse Historie hatten. Im Januar fiel uns auf, dass eine bestimmte Firma in den UK CO2-Zertifikate im Wert von vielen Millionen Euro an französische Firmen verkaufte und informierten die französischen Behörden über den verdächtigen Händler. Wir wissen, dass auf diese Information keine Taten folgten. Das französische Gesetz erlaubt es der Steuerbehörde nicht, einen Händler aufzusuchen, bevor dessen Zahlungsfrist nicht abgelaufen ist. Dadurch konnte der Betrug wachsen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis er Großbritannien erreichen würde. Diese Dinge sind wie das Meer. Sie bewegen sich in Wellen durch Europa. Wir antizipierten den Betrug. Einen Tag, nachdem Frankreich die Zertifikate von der Umsatzsteuer befreite und so das Karussell stoppte, besuchten wir 30 bis 40 Händler und löschten ihre Umsatzsteuer-ID. Das heißt nicht, dass wir den Betrug verhinderten. Großbritannien hat über die Zertifikate 250 Mio. Pfund verloren, von denen wir wahrscheinlich etwa die Hälfte wiederbekommen.

CORRECTIV: Nach den UK wanderte der CO2-Betrug weiter nach Deutschland und wurde erst im Juli 2010 gestoppt. Wusste die Bundesregierung nicht Bescheid?

Stone: Spätestens im Juli 2009 wussten alle Mitgliedsstaaten von dem CO2-Betrug. Er war Thema bei der EU-Polizeibehörde Europol und im Netzwerk Eurofisc, in dem sich alle europäischen Experten zu Steuerfragen treffen. 90 Prozent des CO2-Handels war betrugsbehaftet. Es lag dann in der Verantwortung der jeweiligen Staaten, ihn zu stoppen. Italien hat dafür sogar drei Jahre gebraucht.

CORRECTIV: Warum tun manche Staaten sich so viel schwerer mit der Bekämpfung als andere?

Stone: Jeder Mitgliedsstaat hat ein anderes Justizsystem, andere Gesetze, andere Prozesse, um die Erfüllung der Steuerpflicht zu verbessern oder gegen Betrug zu ermitteln. Und das meiste davon erschien mir, ehrlich gesagt, antiquiert und unzusammenhängend. Die meisten waren nicht in der Lage, in Echtzeit zu reagieren, hatten zu wenig Leute mit den richtigen Fähigkeiten, und große Schwierigkeiten, neue Gesetze einzuführen. In den UK müssten die Steuerbehörden nur beweisen, dass die Unternehmen von dem Betrug wussten oder hätten wissen müssen. Aber die anderen Steuerbehörden hatten Probleme, Beweismaterial zusammenzutragen, den Gerichten zu präsentieren und von ihnen Akzeptanz zu erlangen. Wir haben uns stark darum bemüht, jeden Teil unserer Justiz über das Problem und die möglichen Gegenmittel aufzuklären.

CORRECTIV: Was macht es Regierungen so schwer, neue Gesetze zu formulieren und umzusetzen?

Stone: Steuerfragen sind komplex, deshalb scheint es ein großes Bedürfnis zu geben, alles genau ins Gesetzbuch zu schreiben. In Großbritannien steht „wusste oder hätte davon wissen müssen” in keinem Gesetzbuch. Es ist ein akzeptiertes Prinzip. Man argumentiert, dass es sich um einen Missbrauch des Mehrwertsteuersystems handelt. Die Zivilgerichte akzeptieren das. In Frankreich musste die gleiche Begründung im Steuergesetz stehen, und das braucht Zeit. Ich konnte das Prinzip quasi am nächsten Tag umsetzen.

Rod Stone im Interview mit Marta Orosz (CORRECTIV)  © Ivo Mayr

CORRECTIV: Gibt es einen Weg, die Umsatzsteuerkarusselle komplettt zu verhindern?

Stone: Meiner Meinung nach kann man keine Form von Steuerbetrug ganz stoppen, solange man Steuererleichterungen hat. Das einzige, was Karussellbetrug stoppen würde, wäre ein einheitlicher Mehrwertsteuersatz auf die gleichen Waren in ganz Europa. Das wird nicht passieren, weil jedes einzelne Land Steuern auf unterschiedliche Waren anders erhebt. Ein einheitlicher Satz würde auf nationaler Ebene nicht akzeptiert. Wenn man ein föderales Europa hätte, in dem Brüssel die Zentralbank hat und die Erhebung der Steuern organisiert und an die Mitgliedsstaaten verteilt, würde es funktionieren. Aber viele Länder wollen nicht Teil eines föderalen Europas sein.

Die EU-Kommission hat eine Lösung vorgeschlagen, das sogenannte „Endgültige Mehrwertsteuersytem“. Danach soll auch auf den grenzüberschreitenden Handel innerhalb der EU Umsatzsteuer erhoben werden. Würde das zumindest die Betrugssummen mindern?

Nicht wirklich, nein. Man hat wieder unterschiedliche Steuersätze auf verschiedene Waren und kann darauf Karusselle aufbauen. Der Betrug hört auch nicht mit dem innereuropäischen Handel auf. Angenommen, Großbritannien verlässt die EU und wird zum Drittland. Dann hat man plötzlich eine verzögerte Buchhaltung auf Importe. Der Missing Trader-Betrug kann auch mit Ländern außerhalb der EU funktionieren.

CORRECTIV: Diese Tür bleibt für Betrüger also immer offen?

Stone: Ja. Das einzige, was du meiner Meinung nach tun kannst, ist Leute abzuschrecken. Wenn du 15, 16 Jahre eingesperrt wirst und all dein Vermögen verlierst, hören sie damit auf. Man muss die Möglichkeiten der Steuerbehörden stärken, zum frühestmöglichen Zeitpunkt Geld einzusammeln, die Assets der Betrüger wegzunehmen, die sie mit dem geraubten Geld erworben haben und sie für eine sehr lange Zeit ins Gefängnis zu stecken.

CORRECTIV: Sollte also jeder Mitgliedsstaat solch ein feindliches Umfeld für Betrüger schaffen?

Stone: Die EU-Kommission hat eine Verantwortung, die Mitgliedsstaaten dazu zu ermutigen, ihre Gesetze entsprechend zu ändern. Aber sie stößt dabei auf kulturelle Hürden. Die Nationalstaaten sagen: „Aber wir machen das seit 100 Jahren so. Unsere Steuerzahler erwarten es so von uns und wir werden das nicht ändern können.“ Du brauchst Politiker, die die Gesetze ändern. Aber vielleicht muss man auch den Steuerzahler erziehen und ihm klarmachen: „Die Gesetzgebung, die wir einführen, richtet sich nicht an dich, den Steuerzahler, sondern an Organisiertes Verbrechen.“ Es ist alles eine Frage der Bildung. Man muss die Justiz erziehen und seinen Steuerzahler erziehen, damit er die Veränderungen versteht.

In Großbritannien haben wir versucht, proaktiver auf Leute zuzugehen, die ihre Steuereinnahmen oder ihre Mehrwertsteuereinnahmen nicht angegeben haben. Jetzt machen wir die Steuern digital und ermutigen die Leute, das digitale System zu nutzen. So könnten auch Missing Trader schneller zum Vorschein treten. Aber du musst nur einen Tag lang Missing Trader sein, um 10 Mio. Pfund zu verdienen. Und da ist auf jeden Fall kein Robin Hood dabei: Sie stehlen nicht Geld von der Steuerbehörde und geben es den Armen. Sie stehlen von der Steuerbehörde und haben richtig viel Spaß damit.

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© WDR Mikrofon von Maik Meid unter Lizenz CC BY-SA 2.0 (Foto wurde leicht retuschiert)
WDR #metoo

WDR: Neue Details beleuchten Probleme mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch

Der Abschlussbericht ist da, der Intendant gibt sich demütig. Doch abgeschlossen ist nach den Me-too-Enthüllungen beim WDR wenig. Das zeigt auch der Vermerk eines Falles, der für den Beschuldigten glimpflich ausging

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Er hatte sich schon entschuldigt, „im Namen des WDR und persönlich“ und bei allen Frauen, die im WDR Opfer sexueller Belästigung geworden sind. Er hatte auch allen Frauen für ihren Mut gedankt, sich dem Sender anzuvertrauen. Tom Buhrow, Intendant des größten ARD-Senders, lobte am Mittwoch auf der Pressekonferenz zur sexuellen Belästigung und den Folgen Besserung. Er ertrug auch, dass die externe Prüferin und ehemalige EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies nichts weniger als einem Kulturwandel beim WDR einforderte. Buhrow wirkte dabei so freundlich und zugewandt, wie man ihn als Moderator der „Tagesthemen“ in Erinnerung hat. Aber irgendwann schien es ihm dann doch zu reichen.

Gegen Ende der Pressekonferenz in Bonn unterstellte er einem Journalisten, eine Entscheidung des WDR „infrage“ zu stellen. Das hatte dieser Journalist mit keinem Wort getan. Der nächste Fragesteller musste sich vom Intendanten vorwerfen lassen, er wolle zwei Führungskräfte des WDR „jagen“. Dabei hatte der Journalist sich – eine genauso berechtigte wie sinnvolle Frage – nur nach der Verantwortung etwa von WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn erkundigt.

Buhrows Souveränität: Jetzt war sie aufgebraucht.

Das Oberhaupt des WDR wird allerdings in den nächsten Monaten noch einiges an Gelassenheit brauchen. Das Thema sexuelle Belästigung sei nur „die Spitze des Eisbergs“, erklärte die Prüferin Monika Wulf-Mathies. Darunter verbergen sich laut ihres Abschlussberichts strukturelle Probleme in der Betriebskultur. Es geht demnach auch, aber längst nicht nur, um die „subtilen und verdeckten Formen von Diskriminierung, mit der vorwiegend männliche Dominanz gefestigt wird“.

Ein Fall ist noch gar nicht geklärt

Viel Arbeit bekam Tom Buhrow da aufgebrummt, und der Personalrat des WDR wird sich auf den Wulf-Mathies-Bericht berufen. Doch auch die Klärung der Vorwürfe im WDR-Kosmos ist noch nicht abgeschlossen. Zwei Angestellten hat der WDR wegen sexueller Belästigung bereits gekündigt. Aber da ist etwa noch ein ranghoher Mitarbeiter, dem Frauen in einem Papier Machtmissbrauch und „Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre“ vorwarfen – ein Fall, der während Tom Buhrows Intendanz vorgekommen ist. Es seien insgesamt noch ein paar Gespräche zu führen, sagte Buhrow auf Nachfrage. Bei Gesprächen allerdings dürfte es in diesem Fall wohl kaum bleiben.

In einem anderen Fall hat der Sender Gespräche geführt. Und er hat auch entschieden: Dieser Journalist, beschuldigt von fünf Frauen, verbleibt an seinem Arbeitsplatz. Seine Geschichte erzählt einiges über die Möglichkeiten, die ein Mann hat, der von Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt wird. Sie gewährt außerdem einen Einblick in die Kultur beim WDR.

Dort hat man all die Gespräche und Recherchen in einem Dokument zusammengefasst. Das Papier heißt „Prüfung arbeitsrechtlicher Maßnahmen gegenüber Peter Schmidt“ (Name geändert). Vorwürfe gegen Schmidt sind nichts Neues beim WDR. Bereits 2010 äußerten mehrere Mitarbeiterinnen, dass sie sich von Schmidt sexuell belästigt fühlten. Schmidts Vorgesetzte waren damals involviert, bis weit hinauf in die Senderspitze. Sie machten keine gute Figur. Das räumte Tom Buhrow bereits selbst ein. Die externe Prüferin Monika Wulf-Mathies sagte allgemein, ein „größerer Ermittlungseifer“ sei „nötig gewesen“.

Fünf Frauen, teilweise ähnliche Vorwürfe

Nachdem CORRECTIV und stern Schmidts Fall recherchiert und im April veröffentlicht hatten, meldeten sich laut des WDR-Vermerks mehrere Frauen beim Sender. Hinzu komme „ein Fall, der bereits 2010 berichtet wurde“. Von „Grenzüberschreitungen in fünf konkreten Fällen“ ist dann über Schmidt zu lesen und von „mehreren Hinweisen, dass er sich im alltäglichen Umgang mit Kollegen regelmäßig unangemessen verhalten hat“.

Bis auf eine der Frauen hätten alle anonym bleiben wollen, steht weiter in dem Vermerk. Der Sender durfte Schmidt aber mit den Vorwürfen konfrontieren. Das tat er auch, im Juli. Schmidt brachte seinen Rechtsanwalt mit, der WDR erschien mit einer ranghohen Journalistin, einem Juristen und zwei Vertretern der Personalabteilung.

Der Vermerk widmet sich den Einlassungen der verschiedenen Frauen, die Schmidt Vorwürfe machten. Eine von ihnen hat Schmidt demnach versucht zu küssen. Auf ihren Einwurf, sie sei verheiratet, habe er: „ich auch“ geantwortet und den Übergriff dann mit dem Satz beendet: „Schade, ich hätte Dir sonst eine große Karriere beim WDR ermöglichen können.“ Karriere gegen Sex? Schmidt bestritt die Äußerung und auch den versuchten Kuss.

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Schmidt sei „häufig Frauen nachgestiegen“, heißt es im WDR-Vermerk

Danach hielt ihm sein Arbeitgeber dem Vermerk zufolge einen Bericht einer anderen Frau vor: Schmidt habe sie auf dem Weg nach Hause abgepasst, zu küssen versucht und sich dafür eine Ohrfeige eingefangen. Überhaupt sei er dieser Frau zufolge „häufig Frauen nachgestiegen“. Schmidt, so steht es im Vermerk, habe sich an den 25 Jahre zurück liegenden Fall nicht erinnern können.

Fall drei handelt von einer WDR-Mitarbeiterin, mit der sich Schmidt auch abends habe verabreden wollen, die er zuvor gefördert, die ihm aber für einen Drink nach Feierabend abgesagt habe. Danach habe er sie im Arbeitsalltag gemobbt und schließlich ihren Zeitvertrag nicht verlängert. Auch habe Schmidt ihr immer auf die Brüste gestarrt. Dieser Fall ist wie die beiden ersten in dem Vermerk als anonym eingestuft.

Schmidt konnte bei diesem Fall offenbar glaubhaft darlegen, dass er selbst nicht dafür verantwortlich gewesen sei, dass der Zeitvertrag der damaligen Kollegin nicht verlängert wurde. Zu dem Vorwurf, stets auf die Brüste gestarrt zu haben, äußerte er sich laut Vermerk auch. Seine Erklärung: Sein Blick schweife häufig ab, wenn er in Gedanken sei.

Sex gegen Karriere? Schmidt streitet das ab

Die Vorwürfe im vierten Fall sprach eine Frau aus, die ausdrücklich nicht auf Anonymität besteht und in dem Vermerk auch namentlich genannt wird. Sie arbeitet heute als Führungskraft in einem anderen Fernsehsender. Diese Frau erklärte, dass Schmidt sie zu einem Treffen abends eingeladen und ihr dann angeboten habe, bei weiteren Schritten in ihrer Karriere behilflich zu sein. „Als Herr Schmidt dann unumwunden sexuelle Gegenleistungen für den offerierten Praktikumsplatz eingefordert habe, sei ihr schlagartig ein Licht aufgegangen und sie habe zügig das Lokal verlassen“, wird die Frau in dem Vermerk wieder gegeben.

Sex gegen Karriere, so lautet auch hier der Vorwurf. Und auch hier stritt Peter Schmidt ab. Glaubt man Schmidt, war alles ganz anders. Dann muss man die Sache so betrachten, dass sich beim WDR mehrere Frauen meldeten, die Dinge erfanden, nur um ihm zu schaden. Darunter wäre sogar eine Frau, die bei einem anderen Sender Karriere machte und die bereit ist, ihre – laut Schmidt erfundenen –Vorwürfe auch vor Gericht zu wiederholen.

Der Vermerk kommt schließlich in der Gegenwart an. Eine Maskenbildnerin habe sich beschwert: Herr Schmidt bitte nach dem Abschminken bevorzugt junge Kolleginnen, „ihn im Gesicht einzucremen und ihm den Kopf zu massieren“. Dies sei ein absolut unüblicher Vorgang.

Was der Fall Schmidt über die Kultur beim WDR sagt

Mehrere Frauen, denen man beim WDR offenbar durchaus glaubte, eine, die auch vor Gericht ausgesagt hätte. Und andererseits Taten, die länger schon zurück liegen oder – wie die Forderung nach Kopfmassage – nicht justiziabel sind: Das war die Gemengelage im Fall Peter Schmidt. Der WDR sah sich aufgrund der vorliegenden Vorwürfe nicht imstande, Schmidt zu kündigen oder wenigstens abzumahnen. Die Mobbing- und Belästigungsvorwürfe seien alt und eben großenteils anonym, heißt es in dem Vermerk. Eine Abmahnung oder Kündigung hielt man daher für zu riskant.

Es wäre möglicherweise anders gekommen, wenn sich mehr Frauen entschlossen hätten, auch für eine Aussage vor Gericht zur Verfügung zu stehen. Dass dies nicht geschah, spiegelt das Problem des WDR. Die externe Prüferin Wulf-Mathies schreibt in ihrem Abschlussbericht von einer „Frage des Vertrauens“. Die meisten Frauen hätten sich nach Übergriffen auch aus dem Grund nicht beim WDR gemeldet, „weil sie Angst vor negativen beruflichen Konsequenzen hatten. Insbesondere bei freien Mitarbeiterinnen und ‚Externen’ wie Schauspielerinnen oder Praktikantinnen ist diese Angst sehr ausgeprägt. Sie befürchten, im WDR keine Chance mehr zu haben, wenn sie entsprechende Vorgänge melden.“ Und, fügt Wulf-Mathies hinzu: „Selbst bei festangestellten Mitarbeiterinnen ist die Unsicherheit groß.“

Der Fall Schmidt zeigt, dass die Frauen dem WDR auch im Jahr 2018 noch nicht vertrauen. Sonst hätten sich im Fall Schmidt wohl alle fünf Anklägerinnen entschlossen, ihre Erlebnisse notfalls auch vor Gericht zu schildern. Tom Buhrow wies bei der Vorstellung des Abschlussberichts mehrfach darauf hin, dass viele Fälle sexueller Belästigung sich ja schon in den 90er Jahren ereignet hätten. Doch bis heute konnte der WDR vielen Frauen ihre Angst nicht nehmen.

© Oliver Berg / picture alliance / dpa

WDR #metoo

Prüferin Wulf-Mathies über MeToo-Skandal beim WDR: „eine sehr hässliche Form von Machtmissbrauch“

Es geht um Vorwürfe sexueller Belästigung beim WDR, Enthüllungen von CORRECTIV und stern haben die Aufarbeitung notwendig gemacht. Nun äußerte sich die externe Prüferin Monika Wulf-Mathies auf einer internen Veranstaltung vor WDR-Mitarbeitern. Die frühere EU-Kommissarin fand klare Worte.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Es ist voll in der Kantine des WDR-Funkhauses in Köln, die Mitarbeiter sind gespannt. Die Veranstaltung heißt „Sonder-Dialog“, sie ist intern. Das Thema: sexuelle Belästigung. Nicht in Hollywood, sondern hier im größten Sender der ARD.

Gemeinsam mit dem stern hatte CORRECTIV im Frühjahr insgesamt drei Fälle enthüllt, in denen Männern aus dem WDR-Kosmos Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Ein vierter Mann, der Spielfilmchef Gebhardt Henke, machte seinen Fall danach selbst bekannt. Die Autorin Charlotte Roche und andere Frauen warfen ihm im Spiegel vor, sie sexuell belästigt zu haben.

Nun steht also Monika Wulf-Mathies vor der WDR-Belegschaft. Die 75-Jährige war Gewerkschaftschefin, später EU-Kommissarin. Auf Bitten des WDR hatte sie sich bereit erklärt, als unabhängige Prüferin zu wirken. Wulf-Mathies sollte herausfinden, wie der WDR mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen ist. Ihre Einschätzung, zusammengefasst: alles andere als angemessen.

„Angst, nicht ernst genommen zu werden und berufliche Nachteile zu erleiden“

Gleich zu Beginn fallen deutliche Worte: „Machtmissbrauch, Diskriminierung, Frust“. Wulf-Mathies habe „erfahren, wie entwürdigend es sein muss, Opfer von sexueller Belästigung zu werden“. Und „wie groß die Angst ist, nicht ernst genommen zu werden und berufliche Nachteile zu erleiden“.

Die Prüferin beschreibt mit ihren Sätzen schonungslos das Klima, das demnach über Jahrzehnte beim WDR herrschte. Der Intendant Tom Buhrow hatte vorher gesagt, man haben einen „völlig unabhängigen und auch ungeschönten Blick“ auf den WDR haben wollen. Jetzt bekommt er ihn.

Selbst wenn einige Fälle lange zurück lägen, fährt Wulf-Mathies fort, „viele Betroffene leiden darunter heute noch“. Sie spricht von einer „sehr hässlichen Form von Machtmissbrauch“, von einem „Machtgefälle zwischen in der Regel männlichen Chefs und weiblichen Untergebenen“. Und sie sagt: „Die Fälle sexueller Belästigung im WDR werfen auch ein Schlaglicht darauf, dass wir weit im Berufsleben ziemlich weit von Chancengleichheit entfernt sind. Es gibt subtile und verdeckte Formen von Diskriminierung, um männliche Dominanz zu demonstrieren, zu rechtfertigen und zu festigen.“

Porno für die Praktikantin

Die Fälle: Da ist ein selbsternanntes „Alphatier“, ein früherer Korrespondent des Senders, der längst nicht nur schlüpfrige Emails an Kolleginnen schrieb, der nicht nur nachts im Hotel eine Praktikantin auf sein Zimmer lud und ihr dann einen Pornofilm zeigte. Ihn hat der WDR bis zu den Recherchen von CORRECTIV und stern nicht einmal abgemahnt. Dann aber, nach der Veröffentlichung, empörten sich etliche weitere Frauen und berichteten, wie sich der Mann ihnen gegenüber verhalten hatte. Der WDR kündigte dem Angestellten, der klagt dagegen.

Zu den Fällen zählt auch ein ranghoher Mitarbeiter aus dem WDR-Kosmos, dem Mitarbeiterinnen in einem Papier, das sie auch in den WDR einspeisten, Machtmissbrauch und Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre vorwarfen. In der Beschwerde sind Zitate zu lesen, die von höchster Frauenfeindlichkeit zeugen und davon, dass eine Frau regelrecht Angst vor dem Mann hatte. Der Mann weilt nach Informationen von CORRECTIV und stern weiterhin auf seinem gut dotierten Posten.

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Zu den Fällen zählt schließlich ein bekannter WDR-Journalist, über den mehrere Frauen ähnliche Verhaltensweisen berichten. Der Mann arbeitet weiterhin beim Sender.

Die Rolle der Verantwortlichen

„Es hätte eine befriedende Wirkung, wenn der WDR sich bei den Opfern entschuldigen würde“, sagt Monika Wulf-Mathies in der WDR-Kantine. Dann kommt sie auf die Verantwortlichen im Sender zu sprechen.

Monika Wulf-Mathies hat Gespräche im und außerhalb des Senders geführt. Und sie hat Akten gelesen. Das Ganze hat einige Monate gedauert, nun ist ihr Bericht fertig. Ihr sei klar geworden, sagt sie, dass die Verantwortlichen im WDR „Gerüchten und Beschwerden, die seit den Neunzigern kursiert haben, zwar nachgegangen“ seien, dass sie „aber wenig unternommen haben“. Es habe sich, erklärt Wulf-Mathies, meist um anonyme Hinweise gehandelt.

Eine Entschuldigung für Nichtstun? Nicht für Wulf-Mathies, denn: „Man hat sich meist darauf beschränkt, im Umfeld bei früheren Vorgesetzten oder Kollegen nachzufragen, aber weder haben die Verantwortlichen eigene Nachforschungen angestellt noch in den jeweiligen Bereichen, zum Beispiel in Dienstbesprechungen, darauf hingewiesen, dass sexuelle Belästigung bei WDR nicht geduldet“ werde.

Ein „größerer Ermittlungseifer“ sei „nötig gewesen“, sagt die Prüferin

Man kann es wohl so sagen: Wenn eine Frau beim WDR nicht komplett aus der Deckung kam, wenn sie nicht ihren Namen nannte und nicht versprach, auch öffentlich zu wiederholen, dass ihr Vorgesetzter X sie zu küssen versucht oder ihr angeboten habe, gegen sexuelle Leistungen ihre Karriere zu fördern – dann wurde der Fall dieser Frau nicht weiter verfolgt. Dann war das eben so. „Ein größerer Ermittlungseifer“, sagt Monika Wulf-Mathies, wäre „nötig gewesen“. Und fügt hinzu, wohl mit Blick auf alle Führungskräfte, die in der Vergangenheit argumentierten, es habe sich doch immer bloß um „Gerüchte“ gehandelt: „Das gilt besonders in den Fällen, wo sich die Beschwerden häuften und der Flurfunk nicht verstummte.“

Die unabhängige Prüferin kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass es beim WDR „ein großes Misstrauen gegenüber Vorgesetzten und Führungskräften“ zu geben scheine, „außerdem Angst vor negativen beruflichen Konsequenzen und Sorgen, dass die Vertraulichkeit ihrer Angaben nicht gewährleistet“ ist. Sie fordert, dass der Sender eine „externe Beschwerdestelle“ einrichte. Eine Dienstvereinbarung, die Intendant Tom Buhrow einführte und auf die er nach den CORRECTIV- und  stern-Recherchen gegenüber Mitarbeitern immer wieder verwies, habe „nicht die erwünschte Wirkung“ gehabt, sagt Wulf-Mathies.

Man habe zu wenig auf den Personalrat gehört, gibt der Intendant Tom Buhrow zu

Der Intendant Tom Buhrow, schlägt sie dann vor, solle sich an die Spitze der Bewegung stellen. Es müsse sich viel ändern beim WDR. Mitarbeiter würden die Kommunikation als „wenig offen und wertschätzend“ erleben. „Meine Gesprächspartner vermissten vor allem ein respektvolles und wertschätzendes Betriebsklima.“ Die Personalabteilung könne die Beschwerden von sexueller Belästigung nicht allein aufarbeiten. Eine Feedback-Kultur müsse eingeübt werden. Es gehe „um mehr als Me too: Es geht um die Qualität der Zusammenarbeit zwischen Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“. Es brauche einen „Kulturwandel“

Der Intendant Tom Buhrow erweckt am Ende der Veranstaltung den Eindruck, dass er bereit ist, das zu tun. Er habe gar nicht gewusst, was gemeint gewesen sei, als in der Presse von „Angst“ beim WDR die Rede gewesen sei, beteuert er. Und, ja, man habe vielleicht zu wenig auf den Personalrat als allgemeiner Fiebermesser gehört. Zu den einzelnen Fällen äußert er sich auf der Versammlung nicht.

Zwei der vielen Besucher auf dem Campfire-Festival für Journalismus und digitale Zukunft.© Ivo Mayr / Correctiv

In eigener Sache

Sonne, Zelte, Journalismus: unser Festival

Wochenlang starrten wir auf die Wetter-App. Es half: es gab Sonne satt bei unserem zweiten Campfire-Festival in Düsseldorf. Gut 11.000 Besucher kamen, um über Journalismus und unsere digitalisierte Gesellschaft zu diskutieren. Wir sind beigeistert: Der direkte Austausch funktioniert.

von David Schraven , Marta Orosz

Wir sitzen im Kreis in einem der 18 Zelte am Düsseldorfer Landtag und wollen eigentlich über uns selbst reden: Über die Konkurrenz im Mediengeschäft. Zwei Journalistinnen vom Collectext, ein junges Kollektiv von freien Reporterinnen, suchen den richtigen Umgang mit dem harten Wettbewerb in der Branche. Menschen bleiben stehen, die beruflich nichts mit Journalismus zu tun haben.

Sie beschäftigen sich mit ganz anderen Fragen. „Wie kann man denn noch der Berichterstattung trauen, wenn Journalisten doch auch durch ihren eigenen politischen Präferenzen geprägt sind?“ fragt ein Herr. Die Frage regt zur Debatte an. Hier im kleinen Kreis in einem Festivalzelt unter dem Rheinturm können wir auf Augenhöhe reden.

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Das Campfire-Zeltdorf auf der Rheinwiese vor dem Düsseldorfer Landtag

Ivo Mayr / Correctiv

„Natürlich gibt es eine persönliche Haltung oder sogar einen eigenen Bezug zu vielen Themen, die wir bearbeiten – wie in jedem anderen Beruf auch“, sind wir uns einig. „Doch im guten Journalismus stellen eindeutige handwerkliche Regeln sicher, dass nicht die persönliche Präferenzen der Reporter die Berichterstattung prägt“, sagen die Journalisten im Kreis.

Es ist eine Gesprächssituation, wie wir sie sonst in den Kommentaren unter unsere Artikel oder in sozialen Medien führen – doch hier können wir direkt mit den Menschen sprechen. Die Gräben werden zugeschüttet. Vertrauen aufgebaut.

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In achtzehn Zelten gab es drei Tage lang Diskussionen, Workshops und Lesungen für alle, die Interesse am Journalismus, digitale Themen oder einfach am Austausch haben

Ivo Mayr / Correctiv

„Den Besuchern gefällt die Mischung und der Blick hinter die Kulissen“, berichtet der Deutschlandfunk später über das Festival und findet, dass mit dem Campfire Festival einen ersten Schritt zur Wiederannäherung von Medien und Gesellschaft erfolgt ist. Es ist das Wochenende, an dem am anderen Ende der Republik, in Chemnitz, Journalisten von rechten Demonstranten angegriffen werden.

In den achtzehn Zelten am Platz des Landtags an den drei Spätsommertagen passiert genau das, was wir Medienmacher unter uns an Podiumsdiskussionen und in Feuilletons seit Jahren für den Weg aus der Vertrauenskrise halten: Das Gespräch zu unserem Publikum zu suchen und mit ihnen einen ehrlichen Austausch führen.

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Der Künstler El Marto aus Burkina Faso zeichnete mit Schülern

Ivo Mayr / Correctiv

Der Einladung gefolgt sind auch Medienmacher, wie der Ex-BILD-Chef Kai Dieckmann oder der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Steingart erinnert im Gespräch gleich zum Auftakt des Festivals daran, dass die Menschen viel mehr Transparenz von den Medien verlangen – und das bedeutet auch zu wissen, wer hinter den einzelnen Veröffentlichungen als Autor steht. „Das sind wir den Lesern schuldig“, sagt er.

Wie viel Verantwortung tragen die Medien für den Aufstieg der AfD? Auch diese Frage wurde diskutiert. „Journalisten müssen näher an die Leute rangehen und sich der inhaltlichen Auseinandersetzungen stellen“, sagte dazu CORRECTIV-Geschäftsführer David Schraven.

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Daniel Moßbrucker von Reporter ohne Grenzen gibt Tipps zur sicheren digitalen Kommunikation – nicht nur für Journalisten

Ivo Mayr / Correctiv

Viele Reporter kamen zum Festival, um genau über solche Erlebnisse zu berichten: Wie etwa über die Gangsta-Rap-Szene, die im Kulturjournalismus kaum Beachtung bekommt, während die Jugendliche in diesem Land die oft umstrittenen Zeilen der Rapper millionenfach streamen. Oder wie Hüdaverdi Güngör, Volontär bei CORRECTIV, der für eine Video-Serie „Auf eine Shisha mit…“ Menschen trifft, die über ihre eigene Erfahrungen mit Integration berichten.

Auf dem Festival traten nicht nur im Medienzirkus bekannte Gesichter auf, sondern auch Ali Can, Gründer der „Hotline für besorgte Bürger“ oder Volker Huß, von der Gewerkschaft der Polizei NRW. Er diskutierte mit Tania Röttger, Leiterin der Faktencheckredaktion CORRECTIV von CORRECTIV und mit dem Spiegel-Reporter Jörg Diehl über Panikmache, Fake News in den sozialen Medien und über die gefühlte und tatsächliche Sicherheit in Deutschland – Themen, die in den vergangenen Jahren die Öffentlichkeit stark polarisiert haben. Die Gespräche blieben laut unserem Medienpartner Rheinischen Post „ruhig, sachlich, konstruktiv und stets mit einem zuversichtlichen Blick nach vorne.“

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Eine gute Mischung aus Festival-Stimmung und Zukunftsthemen

Ivo Mayr / Correctiv

Dass der digitale Wandel nicht nur für den Journalismus, sondern für alle eine alltägliche Herausforderung darstellt, zeigte auch das große Interesse am Gespräch mit Guido Bülow, der Europa-Chef für Medien bei Facebook über die Verantwortung eines des größten und einflussreichsten Internetkonzerns.

Vor einem Jahr hatten wir Pech: die erste Ausgabe des Journalismus-Festival war nach tagelangem Regen im Schlamm versunken. Vielleicht hatte dieses Jahr El Marto die Sonne mitgebracht. Der Künstler reiste aus Ouagadougou in Burkina Faso an, um seine Graphic Novel „Made in Germany: Ein Massaker im Kongo“ vorzustellen und Workshops im Zeichnen anzubieten. Eine nicht ganz so weite Anreise hatte Zubeyde Sarı, die Co-Chefredakteurin unserer türkischsprachigen Redaktion #ÖZGÜRÜZ. Sie erzählte, wie sie erst Tage zuvor im Tränengas über eine Demonstration in Istanbul berichtet hatte.

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„Tut was!“ – Can Dündar von #ÖZGÜRÜZ fordert von Europa mehr Engagement für die Demokratie.

Ivo Mayr / Correctiv

Das Campfire-Festival. Das waren drei Tage vor dem Landtag am Rhein. Friedlich, ruhig und freundlich. Wir hatten über 250 Speaker, Workshops, Diskussionen und Gesprächsrunden.

Es war ein Aufbruch. Für uns bei CORRECTIV ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Genauso hatten wir uns das Leben in unserem kleinen Zeltdorf vorgestellt: offen und transparent; zugänglich und freundlich.

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Ivo Mayr / Correctiv

Wir sind sehr froh, dass wir für diesen Traum Partner gefunden haben. Allen voran ist sipgate zu nennen. Direkt bei dem ersten Gespräch hat es gefunkt. Wir haben die gleiche Vision: Wir wollen eine offene, transparente und selbstbestimmte Welt. Als Hauptsponsor hat sipgate das Festival möglich gemacht. Als Partner etliche Panel bespielt. Wir sagen: DANKE!

Dann müssen wir auch der Rheinischen Post danken. Als wir aus Dortmund weggegangen sind, hat Michael Bröker spontan zugesagt, in Düsseldorf mitzumachen. Und es ist toll geworden. Die Rheinische Post hat sich reingehängt. Ein Zirkuszelt auf den Platz gestellt, eine Liveredaktion aufgebaut und etliche spannende Talks organisiert. DANKE!

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Und dann möchten wir der Stadt Düsseldorf danken! Unkompliziert und entgegenkommend hat sie dem Campfire-Festival den Ort gegeben: Oberbürgermeister Thomas Geisel hat den Weg zum Bürgerpark spontan frei gemacht. DANKE!!

Dann noch ein großes DANKE! an all die anderen Partner und Freunde, wie den Ankerherz-Verlag, mit dem wir den Namen ausgeknobelt haben.

Das Campfire-Festival gehört uns, es gehört Euch allen. Wir freuen uns auf das nächste Jahr!

DANKE AN EUCH ALLE!!

Eine verbotene Liebe: Für die AfD gilt der Rechtspopulist Orbán als Leitfigur, doch Orbán will die Sympathie nicht offen erwidern© Collage von Ivo Mayr ( Foto - Vorlage AFP)

Neue Rechte

Ungarn: Die geheime AfD-Show

Der ungarische Rundfunk vermittelt ein verzerrtes Deutschlandbild: Das ganze Land habe vor Flüchtlingen und Zuwanderung kapituliert. Das bezeugen vermeintlich zufällig ausgewählte Bürger, Anwälte und Experten in den Berichten. Tatsächlich sind viele der Befragten AfD-Lokalpolitiker.

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von Marta Orosz

In deutschen Städten verdrängt die stark steigende Zahl der Ausländer die Deutschen aus ihren Wohnungen – um diese kaum zu haltende These zu belegen, besucht die Reporterin des ungarischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens das Schanzenviertel in Hamburg. Der am 20. März gesendete Beitrag der Hauptnachrichtensendung zeigt Klingelschilder an den Häusern, auf denen kaum noch deutsche Namen zu sehen sind. „Wenn der Ausländeranteil 30 Prozent überschreitet, werden die Migranten gewalttätiger und vertreiben die Deutschen“, sagt vor der Kamera ein ortskundiger Bürger namens Michael Poschart. So beschreibt er die Folgen von Zuwanderung, um die es in dem Bericht geht. „Wir verlieren ein Haus, ein Wohnblock, eine Straße, ein Straßenviertel – und auf einmal ganze Städte.“

Dass es hier angeblich nicht um einen Einzelfall geht, bezeugt in dem Bericht ein anderer Betroffener aus Baden-Württemberg, Olaf Grohnwald. Über ihn erzählt die Reporterin, dass er seine Wohnung aufgeben musste, „weil in seiner unmittelbaren Nachbarschaft Migranten angesiedelt wurden.“

Grohnwald sagt selbst, dass die vier unbegleitete Minderjährige, die ins Nachbarhaus gezogen seien, „sich sehr schlecht anpassen können.“ Als Beweis dienen Fotos von überfüllten Mülltonnen.

Die Bilder und O-Töne zeichnen ein klares Bild: Deutsche fühlen sich im Alltag existenziell bedroht und verdrängt von Migranten und sind gegen diesen Zustand wehrlos. Ein Deutschlandbild, das mittlerweile jeden Fernsehbericht über Deutschland prägt. Was die Zuschauer nicht erfahren: Die beiden Interviewpartner sind mehr als nur zufällig von der Reporterin ausgewählten Passanten.

Michael Poschart ist Kreisvorsitzender der AfD in Pinneberg, Olaf Grohnwald ist Mitglied im Ortsverband Schönbuch der AfD in Baden-Württemberg. Dass diese Menschen sich in der Politik engagieren und ihre Äußerungen die Interessen einer rechtspopulistischen Partei wiedergeben, wird weder eingeblendet noch in der Moderation erwähnt. Auf Anfrage sagt Olaf Grohnwald, dass er als Bürger und nicht als Parteimitglied befragt wurde. Er sieht also keine Notwendigkeit, Bezug auf sein Amt zu nehmen. Poschart reagierte auf eine Anfrage nicht.

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Für die ungarischen Zuschauern tritt der Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes Pinneberg einfach als ortskundiger Bürger auf.

Screenshot aus dem Nationalen Archiv nava.hu

Es gibt keine Hinweise, dass die AfD den ungarischen Journalisten die Kontakte zu den Lokalpolitikern vermittelt. Die Pressestelle der AfD unterhalte keine wie auch immer geartete Verbindung zum ungarischen Fernsehen, teilt die Partei auf Anfrage mit.

Das Phänomen ist auf jeden Fall auffällig. Nach der Übernahme der Regierungsmacht hatte die rechtskonservative Fidesz-Partei von Viktor Orbán die öffentlich-rechtlichen Medien in eine PR-Maschinerie der Regierung verwandelt. Mit der verzerrten Berichterstattung über Deutschland durch den ungarischen Rundfunk konsolidiert Orbán seine Macht: Die Berichte gaukeln vor, dass die Position der Rechtspopulisten auch in der deutschen Gesellschaft auf großen Zuspruch stoße, dass seine Haltung Ungarn also keineswegs in Europa isoliere.

Den Rechtspopulisten Orbán und die AfD verbinden die Ablehnung von Flüchtlingen und Zuwanderung. Die AfD sieht das politische Wirken Orbáns als Vorbild. Orbán ist der „Gegen-Merkel“: aus Sicht der AfD hat Orbán Europa vor den Flüchtlingen bewahrt, er hat für Nationalismus und Abschottung der Grenzen in Europa wieder eine Schneise geschlagen. Wenn Orbán – auch dank seiner Kontrolle der öffentlich-rechtlichen Medien – fest im Sattel sitzt, hilft das also der AfD.

Das Maß der Realitätsverzerrung überschreitet im ungarischen Fernsehen dabei oft die bekannten Merkmale der Staatspropaganda. In 88 ausgewerteten Fernsehberichten seit Februar 2018 interviewte das ungarische Fernsehen mindestens sieben Mal einen AfD-Politiker, ohne ihn als solchen zu benennen. Damit ist klar, dass es hier nicht um einzelne redaktionelle Fehler geht – sondern um eine Täuschung der ungarischen Zuschauer. Eine Anfrage dazu ließ der ungarische öffentlich-rechtliche Rundfunk unbeantwortet.

„Die Deutschen gewöhnen sich daran, dass Migranten sie im Alltag in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße belästigen“, lautet die Anmoderation eines Beitrags vom 15. März. Anlass ist der Mord an einer 17-Jährigen in Flensburg – ein Afghane soll seine deutsche Freundin umgebracht haben.

Eine gute Story für die täglichen Berichte über Kriminalität und Migration im ungarischen Fernsehen. Die Reporterin interviewt dafür eine der Organisatorinnen von Demonstrationen gegen angebliche Gewalttaten durch Flüchtlinge.

„Solche Gewalttaten gab es bisher nicht in Deutschland – und das ist nur durch die kulturellen Unterschiede zu erklären“, sagt Christina Baum. Sie sagt auch, dass die Täter meistens Menschen mit Migrationshintergrund seien – eine häufige Behauptung von AfD-Verantwortlichen, die sich aber mit einem Blick in die Statistiken des Bundeskriminalamtes widerlegen lässt.

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Im Interview mit dem ungarischen Fernsehen fehlt der Hinweis darauf, dass Christina Baum stellv. Sprecherin des Landesvorstands der AfD in Baden-Württemberg ist.

Screenshot aus dem Nationalen Archiv nava.hu

Außerdem organisiert Baum nicht nur die deutschlandweiten Demonstrationen – benannt nach dem Ort eines Mordes: Kandel ist überall. Sie ist auch die stellvertretende Sprecherin des Landesvorstands der AfD in Baden-Württemberg. Auf Anfrage antwortet Baum, sie sei als Mitorganisatorin der Initiative „Kandel ist überall“ angesprochen worden. Dabei habe ihre Parteizugehörigkeit „überhaupt keine Rolle gespielt.“

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Die Berichte zeichnen ein krudes Bild von Deutschland: Behörden geben bei Streitigkeiten immer den Ausländern Recht. Eine Stadt schafft neue Waschmaschinen an, weil Asylbewerber aus religiösen Gründen die alten nicht benutzen wollen. Immer ist es ein Politiker der AfD, der diese Thesen im ungarischen Fernsehen verbreitet und verstärkt. In den Beiträgen präsentiert werden sie stets als normale Bürger. Darunter  Benjamin Haupt, Vorsitzender des AfD-Kreisverband Speyer. Auf die Anfrage, warum er lediglich als ortskundiger Bürger dargestellt wurde, antwortet er nicht.

Dabei sind es nicht nur die vermeintlich zufällig ausgewählten Bürger in der Straße, die tatsächlich AfD-Politiker sind. In den Berichten kommen, wie es journalistischer Praxis entspricht, neben Bürgern auch eine Anwältin, Aktivisten und sogar eine ehemalige Mitarbeiterin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zu Wort. Doch die scheinbar große Bandbreite an Gesprächspartner täuscht: Auch diese Befragten haben Ämter bei der AfD oder besuchen ihre Veranstaltungen.

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Die Stadt Speyer soll neue Waschmaschinen für Asylbewerber beschafft haben, beschwert sich Benjamin Haupt. Dass er Vorsitzender im örtlichen AfD-Kreisverband ist, wird nicht erwähnt.

Screenshot aus dem Nationalen Archiv nava.hu

Und wenn neben Bürgern und Experten auch ein Politiker zu Wort kommt, dann sind es meistens nur solche von der AfD und der CSU. Andere Parteien kommen nicht zu Wort.

Zumindest ein AfD-Politiker stand dem ungarischen Fernsehen aber nicht nur als vermeintlich unbescholtener Bürger zur Verfügung, wie ein Bericht vom 2. April zeigt. Die Korrespondentin berichtet über einen Syrer, der mit seinen zwei Frauen und mehreren Kindern in Pinneberg in der Nähe von Hamburg lebt.

Das ungarische Kamerateam will anhand der Familie zeigen, wie machtlos der deutsche Staat angeblich gegenüber Traditionen aus anderen Ländern sei, in diesem Fall die Vielehe. Während das Kamerateam versucht, in das Haus der syrischen Familie zu kommen, erhält es sie Unterstützung von einem Mann, der links im Bild auftaucht und augenscheinlich zwischen der Familie und den Reportern vermittelt.

Der Mann, der dem ungarischen Kamerateam hilft, an den syrischen Flüchtling mit den zwei Frauen ranzukommen, ist ein bekanntes Gesicht: Michael Poschart, jener Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes Pinneberg, den die Reporterin schon einmal als Bürger interviewt hat. Beim Finden der syrischen Familie ist er vermutlich nur aus Versehen ins Bild gerutscht.

Marta Orosz hat als freie Deutschlandkorrespondentin für den ungarischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet.

Korrektur: In einer früheren Version haben wir Christina Baum als stellv. Landesvorsitzende der AfD in Baden-Württemberg vorgestellt. Richtig ist, dass Christina Baum die stellvertretende Sprecherin des Landesvorstands der AfD in Baden-Württemberg ist. 

Aus der Geschichte des verhafteten Journalisten in der Türkei wird eine globale Erzählung: Peter Hamilton Dyer spielt Can Dündar.© Royal Shakespeare Company

In eigener Sache

Verräter allerorten

Die Royal Shakespeare Company zeigt derzeit die Geschichte des türkischen Journalisten Can Dündar als Theaterstück. Dündar musste 2015 wegen kritischer Berichterstattung ins Gefängnis und lebt heute im Exil in Deutschland. Für die Theatermacher bietet sein Fall viel Stoff für provokante Fragen an die Gesellschaft.

von Marta Orosz

Die letzten drei Jahre waren für den türkischen Journalisten Can Dündar turbulent: er wurde wegen seiner Recherchen verhaftet, mit absurden Vorwürfen vor Gericht gezerrt und ins Exil vertrieben. Die traditionsreiche Royal Shakespeare Company hat Dündars Geschichte jetzt in Stratford-upon-Avon, dem Geburtsort von Shakespeare, auf die Bühne gebracht.

#WEAREARRESTED heißt das Stück, nach dem Tweet, den Dündar bei seiner Verhaftung noch absetzen konnte. Es ist noch bis zum 23. Juni auf dem Theaterfestival Mischief zu sehen.

Heute ist Dündar Chefredakteur der türkischsprachigen Redaktion des Recherchezentrums Correctiv, genannt Özgürüz, wir sind frei. Zu seiner Zeit als Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhürriyet enthüllte Dündar, wie die türkische Regierung Waffen und Sprengstoff an islamistische Gruppen in Syrien lieferte. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ließ ihn daraufhin verhaften, Dündar saß wegen des Vorwurfs der Spionage und Unterstützung von Terrorismus für drei Monate im Gefängnis.

„Wir erleben, wie sich die Demokratie verändert“

Für die Royal Shakespeare Company ist die Geschichte eine der großen Erzählungen, mit denen das Theater sein Shakespeare-Repertoire ergänzt und an den Debatten der Gegenwart teilnehmen will. Regisseurin Sophie Ivatts beobachtet im Zuge des EU-Austritts Großbritanniens, wie der Raum für öffentliche Debatten immer kleiner wird.

„Seit zehn Jahren erleben wir – vielleicht auf eine viel subtilere Weise als in der Türkei –, wie sich unsere Demokratie verändert, weg von einer sozialen Demokratie in Richtung eines sehr polarisierten Landes, sowohl was die politische Meinung als auch den Wohlstand betrifft“, sagt Ivatts.

Auf der Bühne des Royal Shakespeare Theaters wird weder der Name des türkischen Präsidenten Erdoğan noch die Türkei genannt. Die Dramaturgin Pippa Hill extrahierte aus der Geschichte Dündars die universelle, menschliche Geschichte eines verhafteten Journalisten. Der Hauptdarsteller begibt sich auf eine emotionale Reise und macht auf den politischen Kontext aufmerksam: „Die Verquickung des Politischen mit dem Emotionalen fanden wir sehr spannend: Unser Ziel war es, den politischen Kontext zusammen mit seinen persönlichen Konsequenzen zu zeigen.“ Für die Theaterkritikerin der britischen Tageszeitung „The Guardian“ ist das Stück „ein einfacher, direkter Weg, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass die Ereignisse in der Türkei überall eintreten könnten.“

Die Royal Shakespeare Company führt das Stück #WEAREARRESTED in ihrem Saal The Other Place auf. Die Einrichtung mit der Bühne in der Mitte, wie es zu Zeiten Shakespeares üblich war, lässt den Zuschauer intensiv an einer Redaktionskonferenz in Dündars ehemaliger Zeitung oder an seinem Alltag in Einzelhaft teilhaben.

Hauptdarsteller Peter Hamilton Dyer führt durch die Ereignisse: von der Entscheidung der Zeitung, die brisanten Filmaufnahmen der Waffenlieferungen nach Syrien zu veröffentlichen über die Verhaftung bis hin zum Exil des Journalisten in Deutschland. Szenen mit seiner Familie und aus der Haft färben die Erzählung, die sprachlich den Worten Dündars in seinem Buch „Wir sind verhaftet“ treu bleibt.

„Can Dündar ist ein unfreiwilliger Held in dieser Erzählung“, sagt der Schauspieler Dyer. „Wenn er könnte, würde er das Ganze anders haben.“

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Das Theater hat den Fall Dündar aus einer auf die Türkei bezogenen Geschichte in eine globale Erzählung verwandelt. Nach der Premiere des Stückes traf eine Besucherin auf den Hauptdarsteller und erzählte, dass ihr Vater ein politischer Gefangener im Sudan gewesen sei. „Die Frau wusste kaum etwas darüber, was ihr Vater vor Jahrzehnten im Gefängnis erlebt hat“, erzählt Dyer. „Und jetzt, viele Jahre später, schaute sie sich ein Stück an, basiert auf türkischen Erfahrungen, inszeniert von einem britischen Ensemble und porträtiert von einem englischen Schauspieler. Diese Geschichte half ihr, ihren Vater besser zu verstehen.“

Resonanz in Großbritannien

Das Stück betont die Bedeutung von Pressefreiheit und die Rolle von Journalisten als Gegengewicht zu den Mächtigen. Die würden viele in Großbritannien nicht in Frage stellen. Es ist aber eine andere Frage, die Regisseurin Ivatts an das heutige Großbritannien stellen möchte: „Was ist Dein persönlicher Bezug zum Patriotismus und was bedeutet Patriotismus für Dich?“

Denn viele seiner Landsleute sehen in Can Dündar einen Verräter wegen seiner Veröffentlichungen und seinem Kampf für die Pressefreiheit. Einen ähnlichen Fall gab es auch in der aufgeheizten politischen Atmosphäre rund um den Brexit.

Die Unternehmerin Gina Miller erstritt 2016 in einer Klage, dass das britische Parlament beim EU-Austritt des Landes ein Mitspracherecht hat. „Gina Miller hat vor dem Gericht Recht bekommen, das Parlament muss über den Brexit abstimmen – dennoch hat ein Großteil der britischen Presse sie als Verräterin bezeichnet“, sagt die Regisseurin Ivatts.

Sie verweist auch auf die Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox ebenfalls im Jahr 2016, die sich offen für den Verbleib des Landes in der EU und für liberale Werte aussprach. „Für mich ist das eine gewaltige Abkehr von der Demokratie, die quasi unbemerkt vonstatten geht.“

Die Wirtschaftszeitung „Financial Times“ geht in einer Kolumne über das Stück noch einen Schritt weiter und sieht bereits eine Gewöhnung an die neuen, repressiven Zustände.

„Die Botschaft scheint ja nicht zu sein, dass diese Ereignisse abscheulich wären, sondern eher, dass wir uns dieser Vorkommnisse auf noble und selbstgefällige Weise bewusst sind,“, schreibt die „Financial Times“ (Bezahlschranke).  FT.com.

Das Stück endet mit einer Szene in Berlin: Can Dündar sitzt in einem Cafe und merkt, dass er von Erdoğan-Anhängern umgeben ist. Auch in Deutschland muss Dündar noch um sein Leben fürchten.

„Am Ende wurde ich freigelassen – die Gesamtsituation hat sich aber keineswegs verändert, weil 150 weitere Personen immer noch im Gefängnis sind. Mir müssen also was tun!“, sagt Dündar.

Seit Wochen beschäftigen den größten öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland mehrere Fälle sexueller Belästigung.© picture alliance / Geisler - Fotoexpress

WDR #metoo

Konsequenz aus #metoo-Affäre: WDR kündigt TV-Korrespondenten

Er nannte sich „Alpha-Tier“ und wirkte im Ausland und von Köln aus für den WDR. Nach den Recherchen von CORRECTIV und „Stern“ zur sexuellen Belästigung hat der Sender seinen langjährigen Korrespondenten nun rausgeworfen.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Der WDR arbeitet derzeit etliche Fälle möglicher sexueller Belästigung auf. Nach der ersten Enthüllung, die CORRECTIV und das Magazin „Stern“ Anfang April veröffentlichten, geriet der Sender in Erklärungsnot. CORRECTIV und der „Stern“ dokumentierten dann zwei weitere Fälle, in denen hochrangigen Mitarbeitern aus dem WDR-Kosmos schwere Vorwürfe gemacht wurden. Der „Spiegel“ recherchierte ebenfalls einen Fall.

Der erste Beitrag mit dem Titel „Er nannte sich Alpha-Tier“ beschrieb, was sich ein Fernsehkorrespondent der ARD herausgenommen hatte, der seit vielen Jahren beim WDR angestellt ist. Einer Kollegin hatte er in mehreren Emails unzweideutige Angebote gemacht, einer Praktikantin hatte er nachts im Hotelzimmer Champagner angeboten und auf seinem Laptop einen Porno gezeigt.

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Dem WDR waren diese Vorwürfe bekannt. Nach Ansicht des Senders rechtfertigten die Vorwürfe aber keine Kündigung und auch keine Abmahnung. Der Korrespondent erhielt lediglich eine mündliche Ermahnung. Für den Fall, dass weitere Vorwürfe öffentlich würden, drohte ihm der Sender härtere Konsequenzen an.

Nach Informationen von CORRECTIV und „Stern“ hat der WDR diesen Korrespondenten nun entlassen. Das bestätigt der WDR heute. Der Fall sei sorgfältig geprüft worden, sagte ein Sprecher. Nach den Recherchen von CORRECTIV und „Stern“ hatten sich weitere Frauen beim WDR gemeldet und den Korrespondenten belastet – in einer Deutlichkeit, die den Sender zum Handeln zwang. Die Aussagen dieser Frauen seien glaubwürdig und gravierend gewesen, sagte der WDR-Sprecher. Der Korrespondent wurde zu den Vorwürfen angehört.

Der WDR lässt die verschiedenen Fälle sexueller Belästigung und die Kultur im Sender inzwischen von der früheren EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies untersuchen. Zuletzt machte in diesem Zusammenhang Gebhard Henke von sich reden, „Tatort“-Koordinator und einflussreicher Fernsehspiel-Chef des WDR. Sein Anwalt erklärte, dass Henke wegen Vorwürfen sexueller Belästigung freigestellt worden sei. Henke selbst ist sich nach Angaben seines Anwaltes keines Fehlverhaltens bewusst. Im „Spiegel“ schilderte allerdings daraufhin die Autorin Charlotte Roche detailliert, wie Henke sie vor einigen Jahren sexuell belästigt habe. Auch andere Frauen belasteten Henke.

Sexuelle Belästigung beim WDR: der Sender tut sich schwer im Umgang mit den Vorwürfen.© Collage von Ivo Mayr

WDR #metoo

Der #metoo-Skandal beim WDR: Was bisher geschah

Der WDR, der größte öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland, wird seit Wochen durch Vorwürfe sexueller Belästigung in Atem gehalten. Ein Überblick.

von Marta Orosz

  • 5. April 2018
    CORRECTIV und „stern“ berichten zum ersten Mal über einen WDR-Auslandskorrespondenten, der mehrere weibliche Mitarbeiterinnen sexuell belästigt hat. Der Korrespondent hatte intern die Vorwürfe teilweise eingeräumt, dennoch arbeitet er immer noch beim größten öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland.
     
  • 6. April 2018
    Die Chefin des Personalrats kritisiert die WDR-Führungsspitze und tritt aus dem Interventionsteam zurück, an das sich Opfer von sexueller Belästigung wenden können.
     
  • 8. April 2018
    Wie die „Bild am Sonntag“ berichtet, hat der WDR den Auslandskorrespondenten freigestellt, über den CORRECTIV und „stern“ zuvor berichtet haben.
     
  • 9. April 2018
    Die „Bild“ findet im eigenen Archiv einen Artikel aus dem Jahr 1991 über die sogenannte „Doppelzimmer-Affäre“ des WDR-Auslandskorrespondenten. Damit ist klar, dass Vorwürfe gegen den Auslandskorrespondenten schon seit 27 Jahren intern bekannt waren.
     
  • 11. April 2018
    CORRECTIV und „stern“ berichten über einen zweiten Fall von Vorwürfen von sexueller Belästigung beim WDR: Der Sender wusste spätestens seit 2010 über die Anschuldigungen gegen einen bekannten Fernsehreporter. Der Sender ließ ihn weiterarbeiten – ermahnte aber den Brüsseler Korrespondent Arnim Stauth, der auf die Vorwürfe intern aufmerksam machen wollte.
     
  • 12. April 2018
    Intendant Tom Buhrow beruft eine Personalversammlung ein, um die Fragen der WDR-Belegschaft zur aktuellen Berichterstattung über den Sender zu beantworten. Die Führungsspitze benennt die Anwaltskanzlei Küttner als Ombudsstelle für Betroffene von sexueller Belästigung.
     
  • 13. April 2018
    Redakteure wenden sich in einer internen Email „in tiefer Sorge“ an den Intendanten Tom Buhrow. Die WDR-Belegschaft kritisiert die Intransparenz und die Verschleppung im Umgang mit den Vorwürfen von sexueller Belästigung.
     
  • 18. April 2018
    Der WDR kündigt Sofortmaßnahmen an: Schulungen und Dialogveranstaltungen sollen auch Führungskräfte für das Thema sexuelle Belästigung sensibilisieren.
     
  • 19. April 2018
    CORRECTIV und „stern“ berichten über einen dritten Fall von sexueller Belästigung im WDR-Kosmos. In einer Email an die Belegschaft rät der Personalrat davon ab, sich an die  Kanzlei Küttner zu wenden. Denn die Anwälte, die nun als Ombudsstelle agieren sollen, haben bis dahin den WDR gegen die eigenen Mitarbeiter vertreten.
     
  • 20. April 2018
    Der „Spiegel“ berichtet über einen vierten Fall: Gegen einen Mitarbeiter der Revision sollen „massive Vorwürfe wegen sexueller Belästigung“ vorliegen. Diese Abteilung hatte seit einiger Zeit die zusätzliche Aufgabe, einen Überblick bei den Beschwerden über sexuelle Belästigung zu schaffen.
     
  • 22. April 2018
    In einem weiteren Brief an Tom Buhrow fordert die WDR-Redakteursvertretung die „notwendige Selbstkritik“ von dem Intendanten.
     
  • 26. April 2018
    Der Sender beauftragt Monika Wulf-Mathies, eine frühere Gewerkschaftsvorsitzende, die Vorwürfe zu prüfen. Intendant Tom Buhrow kündigt auf einer Pressekonferenz an, dass der WDR zwei weitere externe Anwaltskanzleien in die Aufarbeitung der Vorwürfe sexueller Belästigung eingeschaltet hat. Der Intendant entschuldigt sich erstmals öffentlich bei den Betroffenen.
     
  • 30. April 2018
    Ein zweiter, hochrangiger WDR-Mitarbeiter wird wegen Vorwürfe von sexueller Belästigung freigestellt, berichtet die „Bild“. Der Mitarbeiter macht am nächsten Tag über seinen Anwalt öffentlich, dass es um ihn geht. Er heißt Gebhard Henke, ist Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie beim WDR und ist damit der Koordinator der Serie „Tatort“. Henke bestreitet die Vorwürfe.

Marta Orosz erreichen Sie per Email unter marta.orosz(at)correctiv.org.

Falls Sie Hinweise haben und anonym bleiben wollen, können Sie unseren elektronischen Briefkasten nutzen. Oder schicken Sie Ihre Hinweise per Post: CORRECTIV, Singerstraße 109, 10179 Berlin.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!