Profil

Marta Orosz

Reporterin
Internationaler Handel, sexuelle Belästigung, Pharma, Osteuropa, Neue Rechte

Es ist nicht ganz zufällig, dass Marta als erste entdeckte, wie das ungarische Fernsehen systematisch AfD-Politiker als vermeintlich normale deutsche Bürger ins Programm einbindet. Sieben Jahre lang hat sie für den ungarischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk als freie Deutschlandkorrespondentin gearbeitet. 2017 kündigte sie, weil Ungarns Regierung in kritischen Journalisten keine notwendige Kontrollinstanz sieht, sondern eine Bedrohung. Bei CORRECTIV hat Marta zuletzt mit ihren Recherchen über sexuelle Belästigung beim WDR für Aufruhr gesorgt und die flächendeckende Aufarbeitung in Gang gesetzt. Am liebsten recherchiert sie zu Handels- und Wirtschaftsthemen, von lebensbedrohlichen Versorgungsengpässe durch Medikamentenhandel in der EU bis hin zum damals geplanten Freihandelsabkommen TTIP. Auch die Methoden der Populisten und die Verbreitung ihrer Politik behält sie europaweit im Auge. Zuvor arbeitete sie mehrere Jahre bei der Kurt Lewin Stiftung für Toleranz und Demokratie in verschiedenen Forschungsprojekten.

E-Mail: marta.orosz(at)correctiv.org
Twitter: @martiorosz

© WDR Mikrofon von Maik Meid unter Lizenz CC BY-SA 2.0 (Foto wurde leicht retuschiert)
WDR #metoo

WDR: Neue Details beleuchten Probleme mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch

Der Abschlussbericht ist da, der Intendant gibt sich demütig. Doch abgeschlossen ist nach den Me-too-Enthüllungen beim WDR wenig. Das zeigt auch der Vermerk eines Falles, der für den Beschuldigten glimpflich ausging

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Er hatte sich schon entschuldigt, „im Namen des WDR und persönlich“ und bei allen Frauen, die im WDR Opfer sexueller Belästigung geworden sind. Er hatte auch allen Frauen für ihren Mut gedankt, sich dem Sender anzuvertrauen. Tom Buhrow, Intendant des größten ARD-Senders, lobte am Mittwoch auf der Pressekonferenz zur sexuellen Belästigung und den Folgen Besserung. Er ertrug auch, dass die externe Prüferin und ehemalige EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies nichts weniger als einem Kulturwandel beim WDR einforderte. Buhrow wirkte dabei so freundlich und zugewandt, wie man ihn als Moderator der „Tagesthemen“ in Erinnerung hat. Aber irgendwann schien es ihm dann doch zu reichen.

Gegen Ende der Pressekonferenz in Bonn unterstellte er einem Journalisten, eine Entscheidung des WDR „infrage“ zu stellen. Das hatte dieser Journalist mit keinem Wort getan. Der nächste Fragesteller musste sich vom Intendanten vorwerfen lassen, er wolle zwei Führungskräfte des WDR „jagen“. Dabei hatte der Journalist sich – eine genauso berechtigte wie sinnvolle Frage – nur nach der Verantwortung etwa von WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn erkundigt.

Buhrows Souveränität: Jetzt war sie aufgebraucht.

Das Oberhaupt des WDR wird allerdings in den nächsten Monaten noch einiges an Gelassenheit brauchen. Das Thema sexuelle Belästigung sei nur „die Spitze des Eisbergs“, erklärte die Prüferin Monika Wulf-Mathies. Darunter verbergen sich laut ihres Abschlussberichts strukturelle Probleme in der Betriebskultur. Es geht demnach auch, aber längst nicht nur, um die „subtilen und verdeckten Formen von Diskriminierung, mit der vorwiegend männliche Dominanz gefestigt wird“.

Ein Fall ist noch gar nicht geklärt

Viel Arbeit bekam Tom Buhrow da aufgebrummt, und der Personalrat des WDR wird sich auf den Wulf-Mathies-Bericht berufen. Doch auch die Klärung der Vorwürfe im WDR-Kosmos ist noch nicht abgeschlossen. Zwei Angestellten hat der WDR wegen sexueller Belästigung bereits gekündigt. Aber da ist etwa noch ein ranghoher Mitarbeiter, dem Frauen in einem Papier Machtmissbrauch und „Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre“ vorwarfen – ein Fall, der während Tom Buhrows Intendanz vorgekommen ist. Es seien insgesamt noch ein paar Gespräche zu führen, sagte Buhrow auf Nachfrage. Bei Gesprächen allerdings dürfte es in diesem Fall wohl kaum bleiben.

In einem anderen Fall hat der Sender Gespräche geführt. Und er hat auch entschieden: Dieser Journalist, beschuldigt von fünf Frauen, verbleibt an seinem Arbeitsplatz. Seine Geschichte erzählt einiges über die Möglichkeiten, die ein Mann hat, der von Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt wird. Sie gewährt außerdem einen Einblick in die Kultur beim WDR.

Dort hat man all die Gespräche und Recherchen in einem Dokument zusammengefasst. Das Papier heißt „Prüfung arbeitsrechtlicher Maßnahmen gegenüber Peter Schmidt“ (Name geändert). Vorwürfe gegen Schmidt sind nichts Neues beim WDR. Bereits 2010 äußerten mehrere Mitarbeiterinnen, dass sie sich von Schmidt sexuell belästigt fühlten. Schmidts Vorgesetzte waren damals involviert, bis weit hinauf in die Senderspitze. Sie machten keine gute Figur. Das räumte Tom Buhrow bereits selbst ein. Die externe Prüferin Monika Wulf-Mathies sagte allgemein, ein „größerer Ermittlungseifer“ sei „nötig gewesen“.

Fünf Frauen, teilweise ähnliche Vorwürfe

Nachdem CORRECTIV und stern Schmidts Fall recherchiert und im April veröffentlicht hatten, meldeten sich laut des WDR-Vermerks mehrere Frauen beim Sender. Hinzu komme „ein Fall, der bereits 2010 berichtet wurde“. Von „Grenzüberschreitungen in fünf konkreten Fällen“ ist dann über Schmidt zu lesen und von „mehreren Hinweisen, dass er sich im alltäglichen Umgang mit Kollegen regelmäßig unangemessen verhalten hat“.

Bis auf eine der Frauen hätten alle anonym bleiben wollen, steht weiter in dem Vermerk. Der Sender durfte Schmidt aber mit den Vorwürfen konfrontieren. Das tat er auch, im Juli. Schmidt brachte seinen Rechtsanwalt mit, der WDR erschien mit einer ranghohen Journalistin, einem Juristen und zwei Vertretern der Personalabteilung.

Der Vermerk widmet sich den Einlassungen der verschiedenen Frauen, die Schmidt Vorwürfe machten. Eine von ihnen hat Schmidt demnach versucht zu küssen. Auf ihren Einwurf, sie sei verheiratet, habe er: „ich auch“ geantwortet und den Übergriff dann mit dem Satz beendet: „Schade, ich hätte Dir sonst eine große Karriere beim WDR ermöglichen können.“ Karriere gegen Sex? Schmidt bestritt die Äußerung und auch den versuchten Kuss.

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Schmidt sei „häufig Frauen nachgestiegen“, heißt es im WDR-Vermerk

Danach hielt ihm sein Arbeitgeber dem Vermerk zufolge einen Bericht einer anderen Frau vor: Schmidt habe sie auf dem Weg nach Hause abgepasst, zu küssen versucht und sich dafür eine Ohrfeige eingefangen. Überhaupt sei er dieser Frau zufolge „häufig Frauen nachgestiegen“. Schmidt, so steht es im Vermerk, habe sich an den 25 Jahre zurück liegenden Fall nicht erinnern können.

Fall drei handelt von einer WDR-Mitarbeiterin, mit der sich Schmidt auch abends habe verabreden wollen, die er zuvor gefördert, die ihm aber für einen Drink nach Feierabend abgesagt habe. Danach habe er sie im Arbeitsalltag gemobbt und schließlich ihren Zeitvertrag nicht verlängert. Auch habe Schmidt ihr immer auf die Brüste gestarrt. Dieser Fall ist wie die beiden ersten in dem Vermerk als anonym eingestuft.

Schmidt konnte bei diesem Fall offenbar glaubhaft darlegen, dass er selbst nicht dafür verantwortlich gewesen sei, dass der Zeitvertrag der damaligen Kollegin nicht verlängert wurde. Zu dem Vorwurf, stets auf die Brüste gestarrt zu haben, äußerte er sich laut Vermerk auch. Seine Erklärung: Sein Blick schweife häufig ab, wenn er in Gedanken sei.

Sex gegen Karriere? Schmidt streitet das ab

Die Vorwürfe im vierten Fall sprach eine Frau aus, die ausdrücklich nicht auf Anonymität besteht und in dem Vermerk auch namentlich genannt wird. Sie arbeitet heute als Führungskraft in einem anderen Fernsehsender. Diese Frau erklärte, dass Schmidt sie zu einem Treffen abends eingeladen und ihr dann angeboten habe, bei weiteren Schritten in ihrer Karriere behilflich zu sein. „Als Herr Schmidt dann unumwunden sexuelle Gegenleistungen für den offerierten Praktikumsplatz eingefordert habe, sei ihr schlagartig ein Licht aufgegangen und sie habe zügig das Lokal verlassen“, wird die Frau in dem Vermerk wieder gegeben.

Sex gegen Karriere, so lautet auch hier der Vorwurf. Und auch hier stritt Peter Schmidt ab. Glaubt man Schmidt, war alles ganz anders. Dann muss man die Sache so betrachten, dass sich beim WDR mehrere Frauen meldeten, die Dinge erfanden, nur um ihm zu schaden. Darunter wäre sogar eine Frau, die bei einem anderen Sender Karriere machte und die bereit ist, ihre – laut Schmidt erfundenen –Vorwürfe auch vor Gericht zu wiederholen.

Der Vermerk kommt schließlich in der Gegenwart an. Eine Maskenbildnerin habe sich beschwert: Herr Schmidt bitte nach dem Abschminken bevorzugt junge Kolleginnen, „ihn im Gesicht einzucremen und ihm den Kopf zu massieren“. Dies sei ein absolut unüblicher Vorgang.

Was der Fall Schmidt über die Kultur beim WDR sagt

Mehrere Frauen, denen man beim WDR offenbar durchaus glaubte, eine, die auch vor Gericht ausgesagt hätte. Und andererseits Taten, die länger schon zurück liegen oder – wie die Forderung nach Kopfmassage – nicht justiziabel sind: Das war die Gemengelage im Fall Peter Schmidt. Der WDR sah sich aufgrund der vorliegenden Vorwürfe nicht imstande, Schmidt zu kündigen oder wenigstens abzumahnen. Die Mobbing- und Belästigungsvorwürfe seien alt und eben großenteils anonym, heißt es in dem Vermerk. Eine Abmahnung oder Kündigung hielt man daher für zu riskant.

Es wäre möglicherweise anders gekommen, wenn sich mehr Frauen entschlossen hätten, auch für eine Aussage vor Gericht zur Verfügung zu stehen. Dass dies nicht geschah, spiegelt das Problem des WDR. Die externe Prüferin Wulf-Mathies schreibt in ihrem Abschlussbericht von einer „Frage des Vertrauens“. Die meisten Frauen hätten sich nach Übergriffen auch aus dem Grund nicht beim WDR gemeldet, „weil sie Angst vor negativen beruflichen Konsequenzen hatten. Insbesondere bei freien Mitarbeiterinnen und ‚Externen’ wie Schauspielerinnen oder Praktikantinnen ist diese Angst sehr ausgeprägt. Sie befürchten, im WDR keine Chance mehr zu haben, wenn sie entsprechende Vorgänge melden.“ Und, fügt Wulf-Mathies hinzu: „Selbst bei festangestellten Mitarbeiterinnen ist die Unsicherheit groß.“

Der Fall Schmidt zeigt, dass die Frauen dem WDR auch im Jahr 2018 noch nicht vertrauen. Sonst hätten sich im Fall Schmidt wohl alle fünf Anklägerinnen entschlossen, ihre Erlebnisse notfalls auch vor Gericht zu schildern. Tom Buhrow wies bei der Vorstellung des Abschlussberichts mehrfach darauf hin, dass viele Fälle sexueller Belästigung sich ja schon in den 90er Jahren ereignet hätten. Doch bis heute konnte der WDR vielen Frauen ihre Angst nicht nehmen.

© Oliver Berg / picture alliance / dpa

WDR #metoo

Prüferin Wulf-Mathies über MeToo-Skandal beim WDR: „eine sehr hässliche Form von Machtmissbrauch“

Es geht um Vorwürfe sexueller Belästigung beim WDR, Enthüllungen von CORRECTIV und stern haben die Aufarbeitung notwendig gemacht. Nun äußerte sich die externe Prüferin Monika Wulf-Mathies auf einer internen Veranstaltung vor WDR-Mitarbeitern. Die frühere EU-Kommissarin fand klare Worte.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Es ist voll in der Kantine des WDR-Funkhauses in Köln, die Mitarbeiter sind gespannt. Die Veranstaltung heißt „Sonder-Dialog“, sie ist intern. Das Thema: sexuelle Belästigung. Nicht in Hollywood, sondern hier im größten Sender der ARD.

Gemeinsam mit dem stern hatte CORRECTIV im Frühjahr insgesamt drei Fälle enthüllt, in denen Männern aus dem WDR-Kosmos Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Ein vierter Mann, der Spielfilmchef Gebhardt Henke, machte seinen Fall danach selbst bekannt. Die Autorin Charlotte Roche und andere Frauen warfen ihm im Spiegel vor, sie sexuell belästigt zu haben.

Nun steht also Monika Wulf-Mathies vor der WDR-Belegschaft. Die 75-Jährige war Gewerkschaftschefin, später EU-Kommissarin. Auf Bitten des WDR hatte sie sich bereit erklärt, als unabhängige Prüferin zu wirken. Wulf-Mathies sollte herausfinden, wie der WDR mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen ist. Ihre Einschätzung, zusammengefasst: alles andere als angemessen.

„Angst, nicht ernst genommen zu werden und berufliche Nachteile zu erleiden“

Gleich zu Beginn fallen deutliche Worte: „Machtmissbrauch, Diskriminierung, Frust“. Wulf-Mathies habe „erfahren, wie entwürdigend es sein muss, Opfer von sexueller Belästigung zu werden“. Und „wie groß die Angst ist, nicht ernst genommen zu werden und berufliche Nachteile zu erleiden“.

Die Prüferin beschreibt mit ihren Sätzen schonungslos das Klima, das demnach über Jahrzehnte beim WDR herrschte. Der Intendant Tom Buhrow hatte vorher gesagt, man haben einen „völlig unabhängigen und auch ungeschönten Blick“ auf den WDR haben wollen. Jetzt bekommt er ihn.

Selbst wenn einige Fälle lange zurück lägen, fährt Wulf-Mathies fort, „viele Betroffene leiden darunter heute noch“. Sie spricht von einer „sehr hässlichen Form von Machtmissbrauch“, von einem „Machtgefälle zwischen in der Regel männlichen Chefs und weiblichen Untergebenen“. Und sie sagt: „Die Fälle sexueller Belästigung im WDR werfen auch ein Schlaglicht darauf, dass wir weit im Berufsleben ziemlich weit von Chancengleichheit entfernt sind. Es gibt subtile und verdeckte Formen von Diskriminierung, um männliche Dominanz zu demonstrieren, zu rechtfertigen und zu festigen.“

Porno für die Praktikantin

Die Fälle: Da ist ein selbsternanntes „Alphatier“, ein früherer Korrespondent des Senders, der längst nicht nur schlüpfrige Emails an Kolleginnen schrieb, der nicht nur nachts im Hotel eine Praktikantin auf sein Zimmer lud und ihr dann einen Pornofilm zeigte. Ihn hat der WDR bis zu den Recherchen von CORRECTIV und stern nicht einmal abgemahnt. Dann aber, nach der Veröffentlichung, empörten sich etliche weitere Frauen und berichteten, wie sich der Mann ihnen gegenüber verhalten hatte. Der WDR kündigte dem Angestellten, der klagt dagegen.

Zu den Fällen zählt auch ein ranghoher Mitarbeiter aus dem WDR-Kosmos, dem Mitarbeiterinnen in einem Papier, das sie auch in den WDR einspeisten, Machtmissbrauch und Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre vorwarfen. In der Beschwerde sind Zitate zu lesen, die von höchster Frauenfeindlichkeit zeugen und davon, dass eine Frau regelrecht Angst vor dem Mann hatte. Der Mann weilt nach Informationen von CORRECTIV und stern weiterhin auf seinem gut dotierten Posten.

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Zu den Fällen zählt schließlich ein bekannter WDR-Journalist, über den mehrere Frauen ähnliche Verhaltensweisen berichten. Der Mann arbeitet weiterhin beim Sender.

Die Rolle der Verantwortlichen

„Es hätte eine befriedende Wirkung, wenn der WDR sich bei den Opfern entschuldigen würde“, sagt Monika Wulf-Mathies in der WDR-Kantine. Dann kommt sie auf die Verantwortlichen im Sender zu sprechen.

Monika Wulf-Mathies hat Gespräche im und außerhalb des Senders geführt. Und sie hat Akten gelesen. Das Ganze hat einige Monate gedauert, nun ist ihr Bericht fertig. Ihr sei klar geworden, sagt sie, dass die Verantwortlichen im WDR „Gerüchten und Beschwerden, die seit den Neunzigern kursiert haben, zwar nachgegangen“ seien, dass sie „aber wenig unternommen haben“. Es habe sich, erklärt Wulf-Mathies, meist um anonyme Hinweise gehandelt.

Eine Entschuldigung für Nichtstun? Nicht für Wulf-Mathies, denn: „Man hat sich meist darauf beschränkt, im Umfeld bei früheren Vorgesetzten oder Kollegen nachzufragen, aber weder haben die Verantwortlichen eigene Nachforschungen angestellt noch in den jeweiligen Bereichen, zum Beispiel in Dienstbesprechungen, darauf hingewiesen, dass sexuelle Belästigung bei WDR nicht geduldet“ werde.

Ein „größerer Ermittlungseifer“ sei „nötig gewesen“, sagt die Prüferin

Man kann es wohl so sagen: Wenn eine Frau beim WDR nicht komplett aus der Deckung kam, wenn sie nicht ihren Namen nannte und nicht versprach, auch öffentlich zu wiederholen, dass ihr Vorgesetzter X sie zu küssen versucht oder ihr angeboten habe, gegen sexuelle Leistungen ihre Karriere zu fördern – dann wurde der Fall dieser Frau nicht weiter verfolgt. Dann war das eben so. „Ein größerer Ermittlungseifer“, sagt Monika Wulf-Mathies, wäre „nötig gewesen“. Und fügt hinzu, wohl mit Blick auf alle Führungskräfte, die in der Vergangenheit argumentierten, es habe sich doch immer bloß um „Gerüchte“ gehandelt: „Das gilt besonders in den Fällen, wo sich die Beschwerden häuften und der Flurfunk nicht verstummte.“

Die unabhängige Prüferin kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass es beim WDR „ein großes Misstrauen gegenüber Vorgesetzten und Führungskräften“ zu geben scheine, „außerdem Angst vor negativen beruflichen Konsequenzen und Sorgen, dass die Vertraulichkeit ihrer Angaben nicht gewährleistet“ ist. Sie fordert, dass der Sender eine „externe Beschwerdestelle“ einrichte. Eine Dienstvereinbarung, die Intendant Tom Buhrow einführte und auf die er nach den CORRECTIV- und  stern-Recherchen gegenüber Mitarbeitern immer wieder verwies, habe „nicht die erwünschte Wirkung“ gehabt, sagt Wulf-Mathies.

Man habe zu wenig auf den Personalrat gehört, gibt der Intendant Tom Buhrow zu

Der Intendant Tom Buhrow, schlägt sie dann vor, solle sich an die Spitze der Bewegung stellen. Es müsse sich viel ändern beim WDR. Mitarbeiter würden die Kommunikation als „wenig offen und wertschätzend“ erleben. „Meine Gesprächspartner vermissten vor allem ein respektvolles und wertschätzendes Betriebsklima.“ Die Personalabteilung könne die Beschwerden von sexueller Belästigung nicht allein aufarbeiten. Eine Feedback-Kultur müsse eingeübt werden. Es gehe „um mehr als Me too: Es geht um die Qualität der Zusammenarbeit zwischen Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“. Es brauche einen „Kulturwandel“

Der Intendant Tom Buhrow erweckt am Ende der Veranstaltung den Eindruck, dass er bereit ist, das zu tun. Er habe gar nicht gewusst, was gemeint gewesen sei, als in der Presse von „Angst“ beim WDR die Rede gewesen sei, beteuert er. Und, ja, man habe vielleicht zu wenig auf den Personalrat als allgemeiner Fiebermesser gehört. Zu den einzelnen Fällen äußert er sich auf der Versammlung nicht.

Zwei der vielen Besucher auf dem Campfire-Festival für Journalismus und digitale Zukunft.© Ivo Mayr / Correctiv

In eigener Sache

Sonne, Zelte, Journalismus: unser Festival

Wochenlang starrten wir auf die Wetter-App. Es half: es gab Sonne satt bei unserem zweiten Campfire-Festival in Düsseldorf. Gut 11.000 Besucher kamen, um über Journalismus und unsere digitalisierte Gesellschaft zu diskutieren. Wir sind beigeistert: Der direkte Austausch funktioniert.

von David Schraven , Marta Orosz

Wir sitzen im Kreis in einem der 18 Zelte am Düsseldorfer Landtag und wollen eigentlich über uns selbst reden: Über die Konkurrenz im Mediengeschäft. Zwei Journalistinnen vom Collectext, ein junges Kollektiv von freien Reporterinnen, suchen den richtigen Umgang mit dem harten Wettbewerb in der Branche. Menschen bleiben stehen, die beruflich nichts mit Journalismus zu tun haben.

Sie beschäftigen sich mit ganz anderen Fragen. „Wie kann man denn noch der Berichterstattung trauen, wenn Journalisten doch auch durch ihren eigenen politischen Präferenzen geprägt sind?“ fragt ein Herr. Die Frage regt zur Debatte an. Hier im kleinen Kreis in einem Festivalzelt unter dem Rheinturm können wir auf Augenhöhe reden.

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Das Campfire-Zeltdorf auf der Rheinwiese vor dem Düsseldorfer Landtag

Ivo Mayr / Correctiv

„Natürlich gibt es eine persönliche Haltung oder sogar einen eigenen Bezug zu vielen Themen, die wir bearbeiten – wie in jedem anderen Beruf auch“, sind wir uns einig. „Doch im guten Journalismus stellen eindeutige handwerkliche Regeln sicher, dass nicht die persönliche Präferenzen der Reporter die Berichterstattung prägt“, sagen die Journalisten im Kreis.

Es ist eine Gesprächssituation, wie wir sie sonst in den Kommentaren unter unsere Artikel oder in sozialen Medien führen – doch hier können wir direkt mit den Menschen sprechen. Die Gräben werden zugeschüttet. Vertrauen aufgebaut.

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In achtzehn Zelten gab es drei Tage lang Diskussionen, Workshops und Lesungen für alle, die Interesse am Journalismus, digitale Themen oder einfach am Austausch haben

Ivo Mayr / Correctiv

„Den Besuchern gefällt die Mischung und der Blick hinter die Kulissen“, berichtet der Deutschlandfunk später über das Festival und findet, dass mit dem Campfire Festival einen ersten Schritt zur Wiederannäherung von Medien und Gesellschaft erfolgt ist. Es ist das Wochenende, an dem am anderen Ende der Republik, in Chemnitz, Journalisten von rechten Demonstranten angegriffen werden.

In den achtzehn Zelten am Platz des Landtags an den drei Spätsommertagen passiert genau das, was wir Medienmacher unter uns an Podiumsdiskussionen und in Feuilletons seit Jahren für den Weg aus der Vertrauenskrise halten: Das Gespräch zu unserem Publikum zu suchen und mit ihnen einen ehrlichen Austausch führen.

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Der Künstler El Marto aus Burkina Faso zeichnete mit Schülern

Ivo Mayr / Correctiv

Der Einladung gefolgt sind auch Medienmacher, wie der Ex-BILD-Chef Kai Dieckmann oder der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Steingart erinnert im Gespräch gleich zum Auftakt des Festivals daran, dass die Menschen viel mehr Transparenz von den Medien verlangen – und das bedeutet auch zu wissen, wer hinter den einzelnen Veröffentlichungen als Autor steht. „Das sind wir den Lesern schuldig“, sagt er.

Wie viel Verantwortung tragen die Medien für den Aufstieg der AfD? Auch diese Frage wurde diskutiert. „Journalisten müssen näher an die Leute rangehen und sich der inhaltlichen Auseinandersetzungen stellen“, sagte dazu CORRECTIV-Geschäftsführer David Schraven.

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Daniel Moßbrucker von Reporter ohne Grenzen gibt Tipps zur sicheren digitalen Kommunikation – nicht nur für Journalisten

Ivo Mayr / Correctiv

Viele Reporter kamen zum Festival, um genau über solche Erlebnisse zu berichten: Wie etwa über die Gangsta-Rap-Szene, die im Kulturjournalismus kaum Beachtung bekommt, während die Jugendliche in diesem Land die oft umstrittenen Zeilen der Rapper millionenfach streamen. Oder wie Hüdaverdi Güngör, Volontär bei CORRECTIV, der für eine Video-Serie „Auf eine Shisha mit…“ Menschen trifft, die über ihre eigene Erfahrungen mit Integration berichten.

Auf dem Festival traten nicht nur im Medienzirkus bekannte Gesichter auf, sondern auch Ali Can, Gründer der „Hotline für besorgte Bürger“ oder Volker Huß, von der Gewerkschaft der Polizei NRW. Er diskutierte mit Tania Röttger, Leiterin der Faktencheckredaktion CORRECTIV von CORRECTIV und mit dem Spiegel-Reporter Jörg Diehl über Panikmache, Fake News in den sozialen Medien und über die gefühlte und tatsächliche Sicherheit in Deutschland – Themen, die in den vergangenen Jahren die Öffentlichkeit stark polarisiert haben. Die Gespräche blieben laut unserem Medienpartner Rheinischen Post „ruhig, sachlich, konstruktiv und stets mit einem zuversichtlichen Blick nach vorne.“

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Eine gute Mischung aus Festival-Stimmung und Zukunftsthemen

Ivo Mayr / Correctiv

Dass der digitale Wandel nicht nur für den Journalismus, sondern für alle eine alltägliche Herausforderung darstellt, zeigte auch das große Interesse am Gespräch mit Guido Bülow, der Europa-Chef für Medien bei Facebook über die Verantwortung eines des größten und einflussreichsten Internetkonzerns.

Vor einem Jahr hatten wir Pech: die erste Ausgabe des Journalismus-Festival war nach tagelangem Regen im Schlamm versunken. Vielleicht hatte dieses Jahr El Marto die Sonne mitgebracht. Der Künstler reiste aus Ouagadougou in Burkina Faso an, um seine Graphic Novel „Made in Germany: Ein Massaker im Kongo“ vorzustellen und Workshops im Zeichnen anzubieten. Eine nicht ganz so weite Anreise hatte Zubeyde Sarı, die Co-Chefredakteurin unserer türkischsprachigen Redaktion #ÖZGÜRÜZ. Sie erzählte, wie sie erst Tage zuvor im Tränengas über eine Demonstration in Istanbul berichtet hatte.

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„Tut was!“ – Can Dündar von #ÖZGÜRÜZ fordert von Europa mehr Engagement für die Demokratie.

Ivo Mayr / Correctiv

Das Campfire-Festival. Das waren drei Tage vor dem Landtag am Rhein. Friedlich, ruhig und freundlich. Wir hatten über 250 Speaker, Workshops, Diskussionen und Gesprächsrunden.

Es war ein Aufbruch. Für uns bei CORRECTIV ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Genauso hatten wir uns das Leben in unserem kleinen Zeltdorf vorgestellt: offen und transparent; zugänglich und freundlich.

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Ivo Mayr / Correctiv

Wir sind sehr froh, dass wir für diesen Traum Partner gefunden haben. Allen voran ist sipgate zu nennen. Direkt bei dem ersten Gespräch hat es gefunkt. Wir haben die gleiche Vision: Wir wollen eine offene, transparente und selbstbestimmte Welt. Als Hauptsponsor hat sipgate das Festival möglich gemacht. Als Partner etliche Panel bespielt. Wir sagen: DANKE!

Dann müssen wir auch der Rheinischen Post danken. Als wir aus Dortmund weggegangen sind, hat Michael Bröker spontan zugesagt, in Düsseldorf mitzumachen. Und es ist toll geworden. Die Rheinische Post hat sich reingehängt. Ein Zirkuszelt auf den Platz gestellt, eine Liveredaktion aufgebaut und etliche spannende Talks organisiert. DANKE!

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Und dann möchten wir der Stadt Düsseldorf danken! Unkompliziert und entgegenkommend hat sie dem Campfire-Festival den Ort gegeben: Oberbürgermeister Thomas Geisel hat den Weg zum Bürgerpark spontan frei gemacht. DANKE!!

Dann noch ein großes DANKE! an all die anderen Partner und Freunde, wie den Ankerherz-Verlag, mit dem wir den Namen ausgeknobelt haben.

Das Campfire-Festival gehört uns, es gehört Euch allen. Wir freuen uns auf das nächste Jahr!

DANKE AN EUCH ALLE!!

Eine verbotene Liebe: Für die AfD gilt der Rechtspopulist Orbán als Leitfigur, doch Orbán will die Sympathie nicht offen erwidern© Collage von Ivo Mayr ( Foto - Vorlage AFP)

Neue Rechte

Ungarn: Die geheime AfD-Show

Der ungarische Rundfunk vermittelt ein verzerrtes Deutschlandbild: Das ganze Land habe vor Flüchtlingen und Zuwanderung kapituliert. Das bezeugen vermeintlich zufällig ausgewählte Bürger, Anwälte und Experten in den Berichten. Tatsächlich sind viele der Befragten AfD-Lokalpolitiker.

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von Marta Orosz

In deutschen Städten verdrängt die stark steigende Zahl der Ausländer die Deutschen aus ihren Wohnungen – um diese kaum zu haltende These zu belegen, besucht die Reporterin des ungarischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens das Schanzenviertel in Hamburg. Der am 20. März gesendete Beitrag der Hauptnachrichtensendung zeigt Klingelschilder an den Häusern, auf denen kaum noch deutsche Namen zu sehen sind. „Wenn der Ausländeranteil 30 Prozent überschreitet, werden die Migranten gewalttätiger und vertreiben die Deutschen“, sagt vor der Kamera ein ortskundiger Bürger namens Michael Poschart. So beschreibt er die Folgen von Zuwanderung, um die es in dem Bericht geht. „Wir verlieren ein Haus, ein Wohnblock, eine Straße, ein Straßenviertel – und auf einmal ganze Städte.“

Dass es hier angeblich nicht um einen Einzelfall geht, bezeugt in dem Bericht ein anderer Betroffener aus Baden-Württemberg, Olaf Grohnwald. Über ihn erzählt die Reporterin, dass er seine Wohnung aufgeben musste, „weil in seiner unmittelbaren Nachbarschaft Migranten angesiedelt wurden.“

Grohnwald sagt selbst, dass die vier unbegleitete Minderjährige, die ins Nachbarhaus gezogen seien, „sich sehr schlecht anpassen können.“ Als Beweis dienen Fotos von überfüllten Mülltonnen.

Die Bilder und O-Töne zeichnen ein klares Bild: Deutsche fühlen sich im Alltag existenziell bedroht und verdrängt von Migranten und sind gegen diesen Zustand wehrlos. Ein Deutschlandbild, das mittlerweile jeden Fernsehbericht über Deutschland prägt. Was die Zuschauer nicht erfahren: Die beiden Interviewpartner sind mehr als nur zufällig von der Reporterin ausgewählten Passanten.

Michael Poschart ist Kreisvorsitzender der AfD in Pinneberg, Olaf Grohnwald ist Mitglied im Ortsverband Schönbuch der AfD in Baden-Württemberg. Dass diese Menschen sich in der Politik engagieren und ihre Äußerungen die Interessen einer rechtspopulistischen Partei wiedergeben, wird weder eingeblendet noch in der Moderation erwähnt. Auf Anfrage sagt Olaf Grohnwald, dass er als Bürger und nicht als Parteimitglied befragt wurde. Er sieht also keine Notwendigkeit, Bezug auf sein Amt zu nehmen. Poschart reagierte auf eine Anfrage nicht.

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Für die ungarischen Zuschauern tritt der Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes Pinneberg einfach als ortskundiger Bürger auf.

Screenshot aus dem Nationalen Archiv nava.hu

Es gibt keine Hinweise, dass die AfD den ungarischen Journalisten die Kontakte zu den Lokalpolitikern vermittelt. Die Pressestelle der AfD unterhalte keine wie auch immer geartete Verbindung zum ungarischen Fernsehen, teilt die Partei auf Anfrage mit.

Das Phänomen ist auf jeden Fall auffällig. Nach der Übernahme der Regierungsmacht hatte die rechtskonservative Fidesz-Partei von Viktor Orbán die öffentlich-rechtlichen Medien in eine PR-Maschinerie der Regierung verwandelt. Mit der verzerrten Berichterstattung über Deutschland durch den ungarischen Rundfunk konsolidiert Orbán seine Macht: Die Berichte gaukeln vor, dass die Position der Rechtspopulisten auch in der deutschen Gesellschaft auf großen Zuspruch stoße, dass seine Haltung Ungarn also keineswegs in Europa isoliere.

Den Rechtspopulisten Orbán und die AfD verbinden die Ablehnung von Flüchtlingen und Zuwanderung. Die AfD sieht das politische Wirken Orbáns als Vorbild. Orbán ist der „Gegen-Merkel“: aus Sicht der AfD hat Orbán Europa vor den Flüchtlingen bewahrt, er hat für Nationalismus und Abschottung der Grenzen in Europa wieder eine Schneise geschlagen. Wenn Orbán – auch dank seiner Kontrolle der öffentlich-rechtlichen Medien – fest im Sattel sitzt, hilft das also der AfD.

Das Maß der Realitätsverzerrung überschreitet im ungarischen Fernsehen dabei oft die bekannten Merkmale der Staatspropaganda. In 88 ausgewerteten Fernsehberichten seit Februar 2018 interviewte das ungarische Fernsehen mindestens sieben Mal einen AfD-Politiker, ohne ihn als solchen zu benennen. Damit ist klar, dass es hier nicht um einzelne redaktionelle Fehler geht – sondern um eine Täuschung der ungarischen Zuschauer. Eine Anfrage dazu ließ der ungarische öffentlich-rechtliche Rundfunk unbeantwortet.

„Die Deutschen gewöhnen sich daran, dass Migranten sie im Alltag in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße belästigen“, lautet die Anmoderation eines Beitrags vom 15. März. Anlass ist der Mord an einer 17-Jährigen in Flensburg – ein Afghane soll seine deutsche Freundin umgebracht haben.

Eine gute Story für die täglichen Berichte über Kriminalität und Migration im ungarischen Fernsehen. Die Reporterin interviewt dafür eine der Organisatorinnen von Demonstrationen gegen angebliche Gewalttaten durch Flüchtlinge.

„Solche Gewalttaten gab es bisher nicht in Deutschland – und das ist nur durch die kulturellen Unterschiede zu erklären“, sagt Christina Baum. Sie sagt auch, dass die Täter meistens Menschen mit Migrationshintergrund seien – eine häufige Behauptung von AfD-Verantwortlichen, die sich aber mit einem Blick in die Statistiken des Bundeskriminalamtes widerlegen lässt.

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Im Interview mit dem ungarischen Fernsehen fehlt der Hinweis darauf, dass Christina Baum stellv. Sprecherin des Landesvorstands der AfD in Baden-Württemberg ist.

Screenshot aus dem Nationalen Archiv nava.hu

Außerdem organisiert Baum nicht nur die deutschlandweiten Demonstrationen – benannt nach dem Ort eines Mordes: Kandel ist überall. Sie ist auch die stellvertretende Sprecherin des Landesvorstands der AfD in Baden-Württemberg. Auf Anfrage antwortet Baum, sie sei als Mitorganisatorin der Initiative „Kandel ist überall“ angesprochen worden. Dabei habe ihre Parteizugehörigkeit „überhaupt keine Rolle gespielt.“

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Die Berichte zeichnen ein krudes Bild von Deutschland: Behörden geben bei Streitigkeiten immer den Ausländern Recht. Eine Stadt schafft neue Waschmaschinen an, weil Asylbewerber aus religiösen Gründen die alten nicht benutzen wollen. Immer ist es ein Politiker der AfD, der diese Thesen im ungarischen Fernsehen verbreitet und verstärkt. In den Beiträgen präsentiert werden sie stets als normale Bürger. Darunter  Benjamin Haupt, Vorsitzender des AfD-Kreisverband Speyer. Auf die Anfrage, warum er lediglich als ortskundiger Bürger dargestellt wurde, antwortet er nicht.

Dabei sind es nicht nur die vermeintlich zufällig ausgewählten Bürger in der Straße, die tatsächlich AfD-Politiker sind. In den Berichten kommen, wie es journalistischer Praxis entspricht, neben Bürgern auch eine Anwältin, Aktivisten und sogar eine ehemalige Mitarbeiterin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zu Wort. Doch die scheinbar große Bandbreite an Gesprächspartner täuscht: Auch diese Befragten haben Ämter bei der AfD oder besuchen ihre Veranstaltungen.

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Die Stadt Speyer soll neue Waschmaschinen für Asylbewerber beschafft haben, beschwert sich Benjamin Haupt. Dass er Vorsitzender im örtlichen AfD-Kreisverband ist, wird nicht erwähnt.

Screenshot aus dem Nationalen Archiv nava.hu

Und wenn neben Bürgern und Experten auch ein Politiker zu Wort kommt, dann sind es meistens nur solche von der AfD und der CSU. Andere Parteien kommen nicht zu Wort.

Zumindest ein AfD-Politiker stand dem ungarischen Fernsehen aber nicht nur als vermeintlich unbescholtener Bürger zur Verfügung, wie ein Bericht vom 2. April zeigt. Die Korrespondentin berichtet über einen Syrer, der mit seinen zwei Frauen und mehreren Kindern in Pinneberg in der Nähe von Hamburg lebt.

Das ungarische Kamerateam will anhand der Familie zeigen, wie machtlos der deutsche Staat angeblich gegenüber Traditionen aus anderen Ländern sei, in diesem Fall die Vielehe. Während das Kamerateam versucht, in das Haus der syrischen Familie zu kommen, erhält es sie Unterstützung von einem Mann, der links im Bild auftaucht und augenscheinlich zwischen der Familie und den Reportern vermittelt.

Der Mann, der dem ungarischen Kamerateam hilft, an den syrischen Flüchtling mit den zwei Frauen ranzukommen, ist ein bekanntes Gesicht: Michael Poschart, jener Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes Pinneberg, den die Reporterin schon einmal als Bürger interviewt hat. Beim Finden der syrischen Familie ist er vermutlich nur aus Versehen ins Bild gerutscht.

Marta Orosz hat als freie Deutschlandkorrespondentin für den ungarischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet.

Korrektur: In einer früheren Version haben wir Christina Baum als stellv. Landesvorsitzende der AfD in Baden-Württemberg vorgestellt. Richtig ist, dass Christina Baum die stellvertretende Sprecherin des Landesvorstands der AfD in Baden-Württemberg ist. 

Aus der Geschichte des verhafteten Journalisten in der Türkei wird eine globale Erzählung: Peter Hamilton Dyer spielt Can Dündar.© Royal Shakespeare Company

In eigener Sache

Verräter allerorten

Die Royal Shakespeare Company zeigt derzeit die Geschichte des türkischen Journalisten Can Dündar als Theaterstück. Dündar musste 2015 wegen kritischer Berichterstattung ins Gefängnis und lebt heute im Exil in Deutschland. Für die Theatermacher bietet sein Fall viel Stoff für provokante Fragen an die Gesellschaft.

von Marta Orosz

Die letzten drei Jahre waren für den türkischen Journalisten Can Dündar turbulent: er wurde wegen seiner Recherchen verhaftet, mit absurden Vorwürfen vor Gericht gezerrt und ins Exil vertrieben. Die traditionsreiche Royal Shakespeare Company hat Dündars Geschichte jetzt in Stratford-upon-Avon, dem Geburtsort von Shakespeare, auf die Bühne gebracht.

#WEAREARRESTED heißt das Stück, nach dem Tweet, den Dündar bei seiner Verhaftung noch absetzen konnte. Es ist noch bis zum 23. Juni auf dem Theaterfestival Mischief zu sehen.

Heute ist Dündar Chefredakteur der türkischsprachigen Redaktion des Recherchezentrums Correctiv, genannt Özgürüz, wir sind frei. Zu seiner Zeit als Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhürriyet enthüllte Dündar, wie die türkische Regierung Waffen und Sprengstoff an islamistische Gruppen in Syrien lieferte. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ließ ihn daraufhin verhaften, Dündar saß wegen des Vorwurfs der Spionage und Unterstützung von Terrorismus für drei Monate im Gefängnis.

„Wir erleben, wie sich die Demokratie verändert“

Für die Royal Shakespeare Company ist die Geschichte eine der großen Erzählungen, mit denen das Theater sein Shakespeare-Repertoire ergänzt und an den Debatten der Gegenwart teilnehmen will. Regisseurin Sophie Ivatts beobachtet im Zuge des EU-Austritts Großbritanniens, wie der Raum für öffentliche Debatten immer kleiner wird.

„Seit zehn Jahren erleben wir – vielleicht auf eine viel subtilere Weise als in der Türkei –, wie sich unsere Demokratie verändert, weg von einer sozialen Demokratie in Richtung eines sehr polarisierten Landes, sowohl was die politische Meinung als auch den Wohlstand betrifft“, sagt Ivatts.

Auf der Bühne des Royal Shakespeare Theaters wird weder der Name des türkischen Präsidenten Erdoğan noch die Türkei genannt. Die Dramaturgin Pippa Hill extrahierte aus der Geschichte Dündars die universelle, menschliche Geschichte eines verhafteten Journalisten. Der Hauptdarsteller begibt sich auf eine emotionale Reise und macht auf den politischen Kontext aufmerksam: „Die Verquickung des Politischen mit dem Emotionalen fanden wir sehr spannend: Unser Ziel war es, den politischen Kontext zusammen mit seinen persönlichen Konsequenzen zu zeigen.“ Für die Theaterkritikerin der britischen Tageszeitung „The Guardian“ ist das Stück „ein einfacher, direkter Weg, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass die Ereignisse in der Türkei überall eintreten könnten.“

Die Royal Shakespeare Company führt das Stück #WEAREARRESTED in ihrem Saal The Other Place auf. Die Einrichtung mit der Bühne in der Mitte, wie es zu Zeiten Shakespeares üblich war, lässt den Zuschauer intensiv an einer Redaktionskonferenz in Dündars ehemaliger Zeitung oder an seinem Alltag in Einzelhaft teilhaben.

Hauptdarsteller Peter Hamilton Dyer führt durch die Ereignisse: von der Entscheidung der Zeitung, die brisanten Filmaufnahmen der Waffenlieferungen nach Syrien zu veröffentlichen über die Verhaftung bis hin zum Exil des Journalisten in Deutschland. Szenen mit seiner Familie und aus der Haft färben die Erzählung, die sprachlich den Worten Dündars in seinem Buch „Wir sind verhaftet“ treu bleibt.

„Can Dündar ist ein unfreiwilliger Held in dieser Erzählung“, sagt der Schauspieler Dyer. „Wenn er könnte, würde er das Ganze anders haben.“

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Das Theater hat den Fall Dündar aus einer auf die Türkei bezogenen Geschichte in eine globale Erzählung verwandelt. Nach der Premiere des Stückes traf eine Besucherin auf den Hauptdarsteller und erzählte, dass ihr Vater ein politischer Gefangener im Sudan gewesen sei. „Die Frau wusste kaum etwas darüber, was ihr Vater vor Jahrzehnten im Gefängnis erlebt hat“, erzählt Dyer. „Und jetzt, viele Jahre später, schaute sie sich ein Stück an, basiert auf türkischen Erfahrungen, inszeniert von einem britischen Ensemble und porträtiert von einem englischen Schauspieler. Diese Geschichte half ihr, ihren Vater besser zu verstehen.“

Resonanz in Großbritannien

Das Stück betont die Bedeutung von Pressefreiheit und die Rolle von Journalisten als Gegengewicht zu den Mächtigen. Die würden viele in Großbritannien nicht in Frage stellen. Es ist aber eine andere Frage, die Regisseurin Ivatts an das heutige Großbritannien stellen möchte: „Was ist Dein persönlicher Bezug zum Patriotismus und was bedeutet Patriotismus für Dich?“

Denn viele seiner Landsleute sehen in Can Dündar einen Verräter wegen seiner Veröffentlichungen und seinem Kampf für die Pressefreiheit. Einen ähnlichen Fall gab es auch in der aufgeheizten politischen Atmosphäre rund um den Brexit.

Die Unternehmerin Gina Miller erstritt 2016 in einer Klage, dass das britische Parlament beim EU-Austritt des Landes ein Mitspracherecht hat. „Gina Miller hat vor dem Gericht Recht bekommen, das Parlament muss über den Brexit abstimmen – dennoch hat ein Großteil der britischen Presse sie als Verräterin bezeichnet“, sagt die Regisseurin Ivatts.

Sie verweist auch auf die Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox ebenfalls im Jahr 2016, die sich offen für den Verbleib des Landes in der EU und für liberale Werte aussprach. „Für mich ist das eine gewaltige Abkehr von der Demokratie, die quasi unbemerkt vonstatten geht.“

Die Wirtschaftszeitung „Financial Times“ geht in einer Kolumne über das Stück noch einen Schritt weiter und sieht bereits eine Gewöhnung an die neuen, repressiven Zustände.

„Die Botschaft scheint ja nicht zu sein, dass diese Ereignisse abscheulich wären, sondern eher, dass wir uns dieser Vorkommnisse auf noble und selbstgefällige Weise bewusst sind,“, schreibt die „Financial Times“ (Bezahlschranke).  FT.com.

Das Stück endet mit einer Szene in Berlin: Can Dündar sitzt in einem Cafe und merkt, dass er von Erdoğan-Anhängern umgeben ist. Auch in Deutschland muss Dündar noch um sein Leben fürchten.

„Am Ende wurde ich freigelassen – die Gesamtsituation hat sich aber keineswegs verändert, weil 150 weitere Personen immer noch im Gefängnis sind. Mir müssen also was tun!“, sagt Dündar.

Seit Wochen beschäftigen den größten öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland mehrere Fälle sexueller Belästigung.© picture alliance / Geisler - Fotoexpress

WDR #metoo

Konsequenz aus #metoo-Affäre: WDR kündigt TV-Korrespondenten

Er nannte sich „Alpha-Tier“ und wirkte im Ausland und von Köln aus für den WDR. Nach den Recherchen von CORRECTIV und „Stern“ zur sexuellen Belästigung hat der Sender seinen langjährigen Korrespondenten nun rausgeworfen.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Der WDR arbeitet derzeit etliche Fälle möglicher sexueller Belästigung auf. Nach der ersten Enthüllung, die CORRECTIV und das Magazin „Stern“ Anfang April veröffentlichten, geriet der Sender in Erklärungsnot. CORRECTIV und der „Stern“ dokumentierten dann zwei weitere Fälle, in denen hochrangigen Mitarbeitern aus dem WDR-Kosmos schwere Vorwürfe gemacht wurden. Der „Spiegel“ recherchierte ebenfalls einen Fall.

Der erste Beitrag mit dem Titel „Er nannte sich Alpha-Tier“ beschrieb, was sich ein Fernsehkorrespondent der ARD herausgenommen hatte, der seit vielen Jahren beim WDR angestellt ist. Einer Kollegin hatte er in mehreren Emails unzweideutige Angebote gemacht, einer Praktikantin hatte er nachts im Hotelzimmer Champagner angeboten und auf seinem Laptop einen Porno gezeigt.

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Dem WDR waren diese Vorwürfe bekannt. Nach Ansicht des Senders rechtfertigten die Vorwürfe aber keine Kündigung und auch keine Abmahnung. Der Korrespondent erhielt lediglich eine mündliche Ermahnung. Für den Fall, dass weitere Vorwürfe öffentlich würden, drohte ihm der Sender härtere Konsequenzen an.

Nach Informationen von CORRECTIV und „Stern“ hat der WDR diesen Korrespondenten nun entlassen. Das bestätigt der WDR heute. Der Fall sei sorgfältig geprüft worden, sagte ein Sprecher. Nach den Recherchen von CORRECTIV und „Stern“ hatten sich weitere Frauen beim WDR gemeldet und den Korrespondenten belastet – in einer Deutlichkeit, die den Sender zum Handeln zwang. Die Aussagen dieser Frauen seien glaubwürdig und gravierend gewesen, sagte der WDR-Sprecher. Der Korrespondent wurde zu den Vorwürfen angehört.

Der WDR lässt die verschiedenen Fälle sexueller Belästigung und die Kultur im Sender inzwischen von der früheren EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies untersuchen. Zuletzt machte in diesem Zusammenhang Gebhard Henke von sich reden, „Tatort“-Koordinator und einflussreicher Fernsehspiel-Chef des WDR. Sein Anwalt erklärte, dass Henke wegen Vorwürfen sexueller Belästigung freigestellt worden sei. Henke selbst ist sich nach Angaben seines Anwaltes keines Fehlverhaltens bewusst. Im „Spiegel“ schilderte allerdings daraufhin die Autorin Charlotte Roche detailliert, wie Henke sie vor einigen Jahren sexuell belästigt habe. Auch andere Frauen belasteten Henke.

Sexuelle Belästigung beim WDR: der Sender tut sich schwer im Umgang mit den Vorwürfen.© Collage von Ivo Mayr

WDR #metoo

Der #metoo-Skandal beim WDR: Was bisher geschah

Der WDR, der größte öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland, wird seit Wochen durch Vorwürfe sexueller Belästigung in Atem gehalten. Ein Überblick.

von Marta Orosz

  • 5. April 2018
    CORRECTIV und „stern“ berichten zum ersten Mal über einen WDR-Auslandskorrespondenten, der mehrere weibliche Mitarbeiterinnen sexuell belästigt hat. Der Korrespondent hatte intern die Vorwürfe teilweise eingeräumt, dennoch arbeitet er immer noch beim größten öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland.
     
  • 6. April 2018
    Die Chefin des Personalrats kritisiert die WDR-Führungsspitze und tritt aus dem Interventionsteam zurück, an das sich Opfer von sexueller Belästigung wenden können.
     
  • 8. April 2018
    Wie die „Bild am Sonntag“ berichtet, hat der WDR den Auslandskorrespondenten freigestellt, über den CORRECTIV und „stern“ zuvor berichtet haben.
     
  • 9. April 2018
    Die „Bild“ findet im eigenen Archiv einen Artikel aus dem Jahr 1991 über die sogenannte „Doppelzimmer-Affäre“ des WDR-Auslandskorrespondenten. Damit ist klar, dass Vorwürfe gegen den Auslandskorrespondenten schon seit 27 Jahren intern bekannt waren.
     
  • 11. April 2018
    CORRECTIV und „stern“ berichten über einen zweiten Fall von Vorwürfen von sexueller Belästigung beim WDR: Der Sender wusste spätestens seit 2010 über die Anschuldigungen gegen einen bekannten Fernsehreporter. Der Sender ließ ihn weiterarbeiten – ermahnte aber den Brüsseler Korrespondent Arnim Stauth, der auf die Vorwürfe intern aufmerksam machen wollte.
     
  • 12. April 2018
    Intendant Tom Buhrow beruft eine Personalversammlung ein, um die Fragen der WDR-Belegschaft zur aktuellen Berichterstattung über den Sender zu beantworten. Die Führungsspitze benennt die Anwaltskanzlei Küttner als Ombudsstelle für Betroffene von sexueller Belästigung.
     
  • 13. April 2018
    Redakteure wenden sich in einer internen Email „in tiefer Sorge“ an den Intendanten Tom Buhrow. Die WDR-Belegschaft kritisiert die Intransparenz und die Verschleppung im Umgang mit den Vorwürfen von sexueller Belästigung.
     
  • 18. April 2018
    Der WDR kündigt Sofortmaßnahmen an: Schulungen und Dialogveranstaltungen sollen auch Führungskräfte für das Thema sexuelle Belästigung sensibilisieren.
     
  • 19. April 2018
    CORRECTIV und „stern“ berichten über einen dritten Fall von sexueller Belästigung im WDR-Kosmos. In einer Email an die Belegschaft rät der Personalrat davon ab, sich an die  Kanzlei Küttner zu wenden. Denn die Anwälte, die nun als Ombudsstelle agieren sollen, haben bis dahin den WDR gegen die eigenen Mitarbeiter vertreten.
     
  • 20. April 2018
    Der „Spiegel“ berichtet über einen vierten Fall: Gegen einen Mitarbeiter der Revision sollen „massive Vorwürfe wegen sexueller Belästigung“ vorliegen. Diese Abteilung hatte seit einiger Zeit die zusätzliche Aufgabe, einen Überblick bei den Beschwerden über sexuelle Belästigung zu schaffen.
     
  • 22. April 2018
    In einem weiteren Brief an Tom Buhrow fordert die WDR-Redakteursvertretung die „notwendige Selbstkritik“ von dem Intendanten.
     
  • 26. April 2018
    Der Sender beauftragt Monika Wulf-Mathies, eine frühere Gewerkschaftsvorsitzende, die Vorwürfe zu prüfen. Intendant Tom Buhrow kündigt auf einer Pressekonferenz an, dass der WDR zwei weitere externe Anwaltskanzleien in die Aufarbeitung der Vorwürfe sexueller Belästigung eingeschaltet hat. Der Intendant entschuldigt sich erstmals öffentlich bei den Betroffenen.
     
  • 30. April 2018
    Ein zweiter, hochrangiger WDR-Mitarbeiter wird wegen Vorwürfe von sexueller Belästigung freigestellt, berichtet die „Bild“. Der Mitarbeiter macht am nächsten Tag über seinen Anwalt öffentlich, dass es um ihn geht. Er heißt Gebhard Henke, ist Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie beim WDR und ist damit der Koordinator der Serie „Tatort“. Henke bestreitet die Vorwürfe.

Marta Orosz erreichen Sie per Email unter marta.orosz(at)correctiv.org.

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Laut einer Umfrage haben 20 Prozent der befragten Unternehmen jemanden wegen sexueller Belästigung entlassen (Symbolbild).© Unsplash

WDR #metoo

Er nannte sich „Alpha-Tier“

Ein Auslandskorrespondent der ARD zeigte einer Praktikantin Pornos und schrieb einer Kollegin eindeutige E-Mails. Trotzdem sieht man ihn noch im Fernsehen. Eine gemeinsame Recherche mit dem Magazin „stern“.

zur Recherche 6 Minuten
Bewertung: größtenteils richtig

Wurde ein Pharma-Milliardär wegen Verschwörung angeklagt?

In den USA spricht man mittlerweile über eine Opioid-Epidemie: Vor allem fentanylhaltige Betäubungsmittel führten in den vergangenen Jahren immer öfter zur Überdosis.© Jonathan Perez on Unsplash

von Marta Orosz

Laut der Webseite „News-for-friends.de“ soll ein „Großer Pharma-Milliardär“ in den USA wegen „Verschwörung und Bestechung von Ärzten“ verhaftet und angeklagt worden sein. In dem Bericht gibt es allerdings Fehler.

In der Einleitung des Artikels vom 22. April 2018 schreibt „News-for-friends.de“, der Gründer und Besitzer von Insys Therapeutics sei verhaftet worden, „weil er ein kriminelles Drogenkartell geführt hat.“

Inhaltlich entspricht der Artikel zum Großteil der offiziellen Meldung des US Justizministeriums zu dem Fall. Einige Angaben sind allerdings falsch, was höchstwahrscheinlich der automatisierten Übersetzung geschuldet ist.

Zum Beispiel soll das US-Justizministerium John Kapoor „beauftragt“ haben – allerdings wurde er nicht beauftragt, sondern verhaftet. Kapoor ist der Pharma-Milliardär aus dem Titel.

Der deutschsprachige Artikel auf der Webseite „News for Friends“ ist eine Übersetzung eines Textes der englischsprachige Webseite „Urhealthguide.com“.

Drogenkartell? Vorschwörung?

Kapoor soll Ärzte bestochen haben, damit sie ein Fentanyl-Produkt des Unternehmens verschreiben. Fentanyl ist ein Opioid und steht gerade im Fokus der USA, denn es macht stark abhängig. 2016 sind dort laut US-Justizministerium 20.000 Menschen an einer Überdosis Opioide gestorben.

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Laut „News for Friends“ wird Kapoor Verschwörung vorgeworfen. Allerdings kommt das Wort „Verschwörung“ von einem juristischen Begriff, der im Englischen existiert, im Deutschen jedoch nicht. Vergleichbar wäre der Straftatbestand „Versuch der Beteiligung“, nämlich wenn ein Verbrechen geplant wurde. So soll Kapoor tatsächlich Ärzte bestochen haben, damit sie ein Medikament seines Unternehmens verstärkt verschreiben.

In der offiziellen Meldung des US-Justizministeriums stehen folgende Anklagen gegen Kapoor: Komplott/ kriminelle Geschäfte („RICO conspiracy“), andere Straftaten, wie Post- und Bankbetrug, sowie Komplott zum Missbrauch des Anti-Kickback-Gesetzes, dabei geht es um versteckte Provisionen.

Von einem „Drogenkartell“ ist keine Rede. Der Begriff „Drogenkartell“ kommt wohl von der fehlerhaften Übersetzung des englischen Wortes „drug“: Hier geht es aber nicht um Drogen, sondern um Medikamente. Die Kartellbildung steht ebenfalls nicht in der Anklage des US-Justizministeriums.

Falsche Statistik

Auch die Zeitangaben im Artikel sind ungenau: Die Meldung datiert die Verhaftung einfach auf Donnerstag – ohne genau zu sagen, um welches Datum es geht. Die Behörden verhafteten Kapoor am 26 Oktober 2017.

„News for Friends“ behauptet in einem ihrer Sätze in schwer verständlichem Deutsch: „Addictive Drogen, die Opioide einschließen, wissen wir, behaupten allein in den Vereinigten Staaten über 64.000 Leben pro Jahr.“

Die Behauptung, es gäbe jährlich 64.000 Tote durch suchterzeugenden Drogen in den USA, ist falsch. Die Zahl von 64.000 bezieht sich laut der Datenbank des US-Gesundheitsministeriums lediglich auf das Jahr 2016.

Unsere Bewertung:
Die Kernaussage des Artikels ist richtig. Die fehlerhafte Aussagen stammen höchstwahrscheinlich von der automatisierten Übersetzung.

WDR-Intendant Tom Buhrow: der erfahrene TV-Journalist muss jetzt interne Missstände angehen.© Oliver Berg / dpa

WDR #metoo

„In tiefer Sorge um den WDR“

Beim WDR nimmt der Unmut der Mitarbeiter über den Umgang von Intendant Tom Buhrow mit dem hauseigenen #metoo-Skandal zu. Der Sender reagiere nicht entschieden genug auf die Vorwürfe sexueller Belästigung. Das wichtigste Kontrollgremium des Senders zeigt sich unterdessen ob der Kritik an Buhrow ratlos.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Eigentlich sollte alles so schön werden. „Ich bring die Liebe mit“, hatte Tom Buhrow verkündet, als er vor fünf Jahren Intendant des Westdeutschen Rundfunks wurde. Heute ist von Liebe wenig zu spüren. Seit CORRECTIV und „stern“ Anfang April den ersten und anschließend zwei weitere Fälle sexueller Belästigung im WDR aufdeckten, taumelt die Anstalt von Vorwurf zu schlechtem Krisenmanagement zu Panik.

„Kühlen Kopf bewahren!“, gebot Tom Buhrow seiner Belegschaft vorigen Freitag im Intranet. Die Frage ist allerdings, ob er selbst nicht etwas zu cool bleibt.

Ein System der Vertuschung

Erst Ende März hatte der WDR-Rundfunkrat den Vertrag des Intendanten vorzeitig verlängert. Aus heutiger Sicht könnte man auch sagen: gerade noch rechtzeitig. Denn in diesen Wochen schlittert der meist jovial auftretende Buhrow durch die schwierigste Zeit seiner Intendanz. Vergangene Woche berichtete der „Spiegel“ von einem vierten Fall: Einem Mitarbeiter der Revisionsabteilung hätten Kollegin­nen massive Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gemacht. Damit wäre jemand, der WDR-intern ermittelt, selbst zum Fall für interne Aufklärung geworden.

Es scheint, als offenbare sich ein System der Verdrängung und Vertuschung. Ganze acht Jahre ist es her, dass sich der WDR-Korrespondent Arnim Stauth mit Hinweisen auf Vorwürfe sexueller Belästigung an die Senderspitze gewandt und auf deren Wunsch den Kontakt zu den betroffenen Kolleginnen hergestellt hat.

Doch warum wurde er danach von der Personalabteilung einbestellt und offiziell ermahnt? Und warum wurde wenig später bei einer WDR-Führungskraft, der man angeblich nichts nachweisen konnte, eine Glasscheibe in die Bürotür eingesetzt? Aus Sicherheitsgründen, sagt der WDR auf Anfrage, so wie in anderen Büros auch. Nichts habe das mit der Person zu tun.

Sein Krisenmanagement betreibt der Sender aus dem fünften Stock des sogenannten Vierscheibenhauses im Herzen von Köln. Hier residieren der Intendant und sein Büroleiter Rüdiger Paulert, ein Radiojournalist, den Buhrow aus gemeinsamen Tagen im ARD-Studio Washington kennt.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Ebenfalls in der Nähe der Macht sitzen die Vize-Intendantin Eva-Maria Michel, eine Juristin und als solche unter den vielen Journalisten in der Senderspitze eine Ausnahme, und der Fernseh­direktor Jörg Schönenborn.

Tiefe Sorgen

Der Umgang der Senderspitze mit dem Korrespondenten Stauth verstört heute weite Teile der Belegschaft. 2010, sagt ein Mitarbeiter, ging es um Einschüchterung, jetzt um persönliche Diskreditierung. Vorigen Donnerstag stellte sich der Personalrat hinter Stauth und ermahnte den Sender, „herabwürdigende Bemerkungen über den o. g. Korrespondenten zu unterlassen“.

Der Personalrat meinte damit Aussagen, Stauth habe „in allen Redaktionen Probleme“ gehabt. Zudem bezweifelte der Personalrat, dass Buhrow die Krise allein meistern könne. Die Forderung des Gremiums: „Hilfe von außen“.

CORRECTIV und „stern“ liegt auch eine interne E-Mail von 70 WDR-Journalisten vor. Gesendet wurde sie an Tom Buhrow „in tiefer Sorge um den WDR, für den in diesen Tagen großer Schaden entsteht“. Unterschrieben haben inzwischen weitere WDR-Kollegen. Statt „mit maximal möglicher Transparenz“ auf die Vorwürfe zu reagieren, „schweigt das Haus oder äußert sich allgemein und mit Verweis auf arbeitsrechtliche Beschränkungen ausweichend“, heißt es in der Mail.

Die WDR-Journalisten schreiben von „Verschleppung“ und „Intransparenz“. Sie fragen: „Wie sollen wir künftig über den Splitter im Auge des anderen berichten, wenn in unserem ein Balken steckt?“ Es werde der Eindruck in Kauf genommen, „dass etwas vertuscht werden soll oder beteiligte Personen geschützt werden sollen“. Zielt der Vorwurf auf Jörg Schönenborn? Buhrows Vertrauter spielte bei der internen Aufklärung der ersten zwei Fälle eine fragwürdige Rolle. Sein Vertrag als Fernsehdirektor wurde noch nicht vorzeitig verlängert.

Auch die Redakteursvertretung mailte kürzlich an den Intendanten. Das Gremium mahnte Buhrow zur „notwendigen Selbstkritik“. Es stellte fest, dass immer mehr Kollegen „persönliche Nachteile befürchten“, wenn sie Kritik äußern. Ein „Klima des Vertrauens“ fehle im WDR.

Viel Unmut von unten bekommt Tom Buhrow zu spüren, aber immerhin läuft es nach oben hin gut. Der WDR-Verwaltungsrat, der die Geschäftsleitung kontrolliert, befasste sich am Freitag mit den Vorgängen. Ludwig Jörder, der Vorsitzende des Gremiums, sagte dem „stern“ zum Krisenmanagement des Intendanten: „Ich wüsste nicht, was er sonst noch machen sollte.“

Über „tiefe Sorge für den WDR“ berichtet die eigene Belegschaft© WDR yet again at Cologne von R/DV/RS unter Lizenz CC BY 2.0

WDR #metoo

Recherche: Interne Mails zeigen, wie WDR-Intendant Buhrow bei der Aufarbeitung des #metoo-Skandals unter Druck gerät

Nach unseren Recherchen über mehrere Fälle von sexueller Belästigung fordern nun WDR-Mitarbeiter Konsequenzen und besseres Krisenmanagement vom Intendant Tom Buhrow. In den internen Emails sorgen sich Redakteure, dass der Sender beschädigt wird. Die Geschichte von CORRECTIV und „stern“ lesen Sie am Donnerstag, den 26. April 2018.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

In der Belegschaft des Westdeutschen Rundfunks wächst die Kritik am Krisenmanagement des Intendanten Tom Buhrow. Das zeigen interne Emails an Buhrow, die CORRECTIV und dem Magazin „stern“ vorliegen. CORRECTIV und „stern“  hatten vor drei Wochen den ersten und danach zwei weitere Fälle sexueller Belästigung im WDR aufgedeckt.

70 NRW-Reporter der Programmgruppe Aktuell des Programmbereichs IV des WDR drücken in einem elektronisch übermittelten Brief ihre „tiefe Sorge um den WDR, für den in diesen Tagen großer Schaden entsteht“ aus. Sie schreiben: „Statt mit maximal möglicher Transparenz darzulegen, was geschah, was der Sender unternommen hat, als die Vorwürfe erstmals bekannt wurden, und was er nun unternimmt, schweigt das Haus oder äußert sich allgemein und mit Verweis auf arbeitsrechtliche Beschränkungen ausweichend. Auf diese Weise wird der Eindruck in Kauf genommen, dass etwas vertuscht werden soll oder beteiligte Personen geschützt werden sollen.“

Die Reporter befürchten auch, dass ihre eigene Arbeit von den offenbar unzureichend aufgeklärten Belästigungsvorwürfen beeinträchtigt wird. Sie fragen: „Wie sollen wir künftig über den Splitter im Auge des anderen berichten, wenn in unserem ein Balken steckt?“

Die WDR-Journalisten warnen ihren obersten Dienstherrn. „Wenn wir nun durch Zögerlichkeit, Verschleppung und Intransparenz in eigener Sache versagen, geben wir unseren Wesenskern auf und werden Glaubwürdigkeit und Vertrauen verlieren“, heißt es in dem Brief.

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Buhrow wird aufgefordert, Fakten zu liefern und „wo nötig auch die Konsequenzen“ zu ziehen. „Tun Sie dies auch aus Respekt vor allen Frauen, die den Mut fanden, über das zu berichten, was ihnen widerfahren ist“, schließen die Reporter ihren Brief, den nach Informationen von CORRECTIV und „stern“ inzwischen weitere WDR-Mitarbeiter aus anderen Abteilungen unterzeichnet haben.

Auch die Redakteursvertretung des WDR hat Tom Buhrow geschrieben und den Intendanten zur „notwendigen Selbstkritik“ aufgerufen. Das Gremium stellte fest, dass immer mehr Kollegen „persönliche Nachteile befürchten“, wenn sie Kritik äußern. Ein „Klima des Vertrauens“ fehle im WDR. Vergangene Woche hatten CORRECTIV und „stern“ schon über einen Brief des Personalrats berichtet. Die Vertreter der Belegschaft misstrauen darin dem Intendanten, die Krise allein zu meistern und fordern „Hilfe von Außen“.

Bei dem wachsenden Unmut von unten kann Tom Buhrow sich freuen, dass Ludwig Jörder, der Vorsitzende des WDR-Verwaltungsrats, hinter ihm steht. Jörder sagte dem „stern“ zum Krisenmanagement des Intendanten: „Ich wüsste nicht, was er sonst noch machen sollte.“ Der Verwaltungsrat habe sich vergangenen Freitag mit der Causa befasst.

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Dritter WDR-Fall: Hat der Sender die Stimme der Betroffenen wieder nicht gehört?© WDR Mikrofon in der Tasche von Maik Meidunter Lizenz CC BY-SA 2.0

WDR #metoo

Recherche über sexuelle Belästigung beim WDR: Weiterer ranghoher Mitarbeiter belastet

Die Vorwürfe sexueller Belästigung beim WDR hören nicht auf. Ein Mann in Führungsposition soll mehrere Frauen bedrängt haben. Einige Frauen wurden auch aus bedeutenden Entscheidungen ausgeschlossen, ihre Beschwerden blieben ohne Folgen. Unsere gemeinsame Recherche mit dem Magazin „stern“ lesen Sie am Donnerstag, den 19. April 2018.

von Marta Orosz , Wigbert Löer

Nachdem CORRECTIV und der „stern“ zwei Fälle sexueller Belästigung und des Machtmissbrauchs enthüllt haben, will der WDR jetzt alte Fälle aufarbeiten. Neue Recherchen von CORRECTIV und „stern“ zeigen, dass vor eineinhalb Jahren einem weiteren ranghohen Mitarbeiter im WDR-Kosmos schwere Vorwürfe gemacht wurden. Ein entsprechendes Beschwerdepapier liegt CORRECTIV und „stern“ vor.

Darin ist zu lesen, dass „im direkten Arbeitsumfeld“ des Mannes „mind. sieben Frauen“ bekannt seien, „die er bedrängt hat“. Es wird auch von einem Abendtermin mit dem Mann in Köln berichtet, bei dem eine Frau Kolleginnen des Mannes bat, mit bei ihr im Hotel zu schlafen, „damit sie nicht alleine mit ihm an der Bar sitzen musste“.

Dem Beschwerdepapier zufolge äußerte sich der hochrangige Mitarbeiter auch über eine Kollegin, die „heute wieder ein sexy Strickkleid“ angehabt habe. „Man konnte alles durchsehen.“ – „Sie steht auf mich, das weiß ich.“ Eine Äußerung des Mannes einer Kollegin gegenüber wird so wiedergegeben: „‚Na, hattest Du ein schönes Wochenende mit Deinem Freund, oder warum kannst Du Dich nicht mehr bewegen?‘ (Die Mitarbeiterin hatte einen Hexenschuss.)“

In anderem Zusammenhang sagte der Mann dem Beschwerdepapier nach: „Ich habe keine Lust mehr auf die Diskussionen mit den Frauen. Nur mit Männern ist es viel einfacher und schöner.“ Damit erklärte er laut des Papiers, warum er Frauen für eine bestimmte Aufgabe nicht berücksichtigt habe.

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Der Inhalt des Dokuments, in dem „sexuelle Diskriminierung“ und ein „Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre“ beklagt wird, wurde Ende 2016 an verschiedenen Stellen des WDR persönlich vorgetragen. Das Papier ist nicht unterzeichnet. Zum Schutz der betroffenen Frauen“, steht am Ende, seien diese nicht genannt.

Nach Informationen von CORRECTIV und „stern“ war mit der Beschwerde beim WDR auch die stellvertretende Intendantin befasst. Der Sender bestätigte das auf Nachfrage, nach Redaktionsschluss der „stern“-Printausgabe. Eine Sprecherin schrieb, die Vize-Intendantin habe den Mann „in einem kurzfristig angesetzten Gespräch“ mit den Vorwürfen konfrontiert. Dieser habe sie mit aller Deutlichkeit zurückgewiesen. Die stellvertretende Intendantin habe in dem Gespräch deutlich gemacht, das „jegliches Fehlverhalten solcher Art“ nicht geduldet werde.

Der ranghohe Mitarbeiter ließ CORRECTIV und „stern“ auf Anfrage wissen, dass er sich so nicht geäußert beziehungsweise nicht entsprechend gehandelt habe. Die Zitate entsprächen auch nicht seinem Sprachstil.

Marta Orosz erreichen Sie per Email unter marta.orosz(at)correctiv.org.

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