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Jugend & Bildung

Unterrichtsausfall: Wie Schulen den Personalmangel managen

Stundenpläne und Unterrichtsausfall beschäftigen Eltern und Schüler, naturgemäß aber auch Schulleiter und Lehrer. Nicht immer lässt sich Unterrichtsausfall vermeiden. Das sagt ein Lehrer, der bereit ist, aus der Praxis zu erzählen, wenn wir seinen Namen nicht schreiben – und auch nicht den seiner Realschule.

von Susanne Riese (Ruhr Nachrichten)

Der Lehrer – wir nennen ihn Herrn L. – ist gern Lehrer. Und das seit vielen Jahren. Er könnte sich inzwischen aber auch andere Aufgaben vorstellen. Die Kinder seien schwieriger geworden. Viele Schüler mit Hauptschul-Empfehlung landeten an der Realschule. Manche seien dumm, andere seien nicht dumm, aber auffällig. Und einige könnten kaum Deutsch.

28 Stunden muss er in der Schulzeit wöchentlich unterrichten. „Nach oben gibt es keine Grenze“, sagt er zu seiner Arbeitszeit. Gesetzlich gedeckt ist eine vorübergehende Über- oder Unterschreitung der wöchentlichen Pflichtstunden um bis zu sechs Stunden. „Die zusätzlich oder weniger erteilten Unterrichtsstunden sind innerhalb des Schuljahres auszugleichen“, heißt es im Schulgesetz.

Für Zusatzaufgaben räumen die Schulen einen Stundenausgleich ein. Für den Einsatz als SV-Lehrer beispielsweise, für AGs, für Verantwortungsbereiche wie Stundenplan, Lehrerrat, Umweltschutz, Fahrradkeller. Offiziell entscheidet die Lehrerkonferenz über diese Entlastung, das offizielle Kontingent hängt von der Stellenzahl ab. Einige bezeichnen die sogenannten Anrechnungsstunden aber als „heimliche Währung der Schule“. Allzu freizügig verteilte Ausgleichsstunden fehlen dann im Plan.

Hinzu kommt der gesetzlich vorgesehene Altersausgleich für Lehrer: eine Wochenstunde ab dem 55. Lebensjahr, drei ab dem 60. Bei Krankheitsfällen wird es dann eng. „Das ist dann oft nicht mehr aufzufangen“, sagt Lehrer L. Wenn nicht absehbar ist, dass jemand längere Zeit ausfällt, gebe es keine Vertretung.

Die Schulleitung sei stark daran interessiert, dass möglichst wenig Unterricht ausfällt. „Die Eltern rufen sofort an.“ Das wirke. Sonst falle häufiger etwas aus. Oder es werde improvisiert: Ein Lehrer beaufsichtige zwei Klassen, eine bekomme Aufgaben, male Mandalas oder dürfe mit den Smartphones spielen. „Nicht immer gibt es passende Aufgaben. Wenn jemand krank ist, schafft er es nicht unbedingt, Material zusammenzustellen.“

Es fehlt das Personal

Das sei nicht sehr befriedigend, meint Herr L. dazu. Sein Chef habe keine Chance, gegen die Mangelsituation anzukämpfen. Letztendlich laufe es darauf hinaus, möglichst wenig aufzufallen. Es stünden schlicht zu wenig Lehrer zur Verfügung, obwohl die Schule auf dem Papier fast vollzählig besetzt sei. „Wir brauchen zehn Prozent mehr Personal“, schätzt der Lehrer.

„Schon im Stundenplan stehen weniger Stunden, als es eigentlich sein müssten“, sagt Herr L. – meist werde so hin- und hergeschoben, dass eher Sport, Kunst oder Religion ausfallen als Hauptfächer. Binnenstunden würden möglichst vertreten, in den 5. und 6. Klassen sowieso. „Oft bedeutet das aber reine Betreuung.“

Es werde auch mit „Tricks“ gearbeitet. Wenn beispielsweise wegen einer Konferenz nach der vierten Stunde Schluss sei, dann würden sechs Kurzstunden à 30 Minuten gegeben. Somit fällt kein Fach komplett weg. Und rein statistisch gesehen nichts aus. 

Hintergrund zum Unterrichtsausfall – der Check:

Auswertung: In Dortmund fallen doppelt so viele Stunden aus wie das Land behauptet (CORRECTIV.Ruhr)

Nach dem Check ist vor der Auswertung (CORRECTIV.Ruhr)

Einwände und Entgegnungen (Ruhr Nachrichten)

52 Kleine Anfragen zum Unterrichtsausfall in NRW (CORRECTIV.Ruhr)

Arnsberg legt Schreiben offen (CORRECTIV.Ruhr)

Wir wollen das Schreiben der Bezirksregierung (CORRECTIV.Ruhr)

Alarm in Arnsberg (Ruhr Nachrichten/CORRECTIV.Ruhr)

Halbzeit! Zeit den Helfern zu helfen (CORRECTIV.Ruhr)

Warum das Projekt Unterrichtsausfall so wichtig ist (CORRECTIV.Ruhr)

Zwischenstand: Tag 3 – über 370 ausgefallene Stunden (CORRECTIV.Ruhr)

Die wichtigsten Fragen und Antworten (CORRECTIV.Ruhr)

Die ersten Stimmen  (CORRECTIV.Ruhr)

Der Check: Dortmunds Schulen auf dem Prüfstand (CORRECTIV.Ruhr)

Dossier: Unterrichtsausfall in Dortmund (Ruhr Nachrichten)

Dossier: Unterrichtsausfall – der Check (CORRECTIV.Ruhr)

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Jugend & Bildung

Unterrichtsausfall – der Check: Empörung, Wut, Sorge und Zynismus

Mit unserem Check zum Unterrichtsausfall konnten wir eine Menge Daten zusammentragen. Wichtig sind aber nicht allein nackte Zahlen, sondern auch das, was dahintersteht: die Situation an den Schulen, die Qualität des Unterrichts, das Erleben der Menschen vor Ort. Hier zeigen wir eine – teilweise gekürzte – Auswahl von Kommentaren aus der Crowd.

von Susanne Riese (Ruhr Nachrichten) , Simon Wörpel , Bastian Schlange

Die Kommentare bewegen sich zwischen Empörung, Wut, Sorge und Zynismus. Es melden sich vor allem jene zu Wort, die unzufrieden sind. Schulen, bei denen alles gut läuft – vielleicht ist das sogar die Mehrheit – bleiben daher unberücksichtigt. Die Kommentare und die große Beteiligung geben aber Hinweise darauf, dass es Probleme und Missstände während unserer Erhebung gab und auch weiterhin gibt. Unserer Stichprobe an Dortmunder Schulen kam zu dem Ergebnis, dass der Anteil der ersatzlos gestrichenen Schulstunden am nicht planmäßig erteilten Unterricht doppelt so hoch ist, wie vom Schulministerium behauptet

Den angemeldeten Helfern in unserem CrowdNewsroom, den wir zur Datenerhebung genutzt haben, wurde zugesichert, dass ihr Name und die Angaben zur jeweiligen Schule nicht veröffentlicht werden. Deshalb erscheinen die Kommentare hier anonym. Ob die Schilderungen und Vorwürfe richtig sind, haben wir nicht kontrolliert. Allerdings hatten alle Schulen die Möglichkeit, zu jeder als ausgefallen gemeldeten Stunde Stellung zu nehmen. Dieses Angebot wurde praktisch nicht angenommen.

1. April, Realschule: „Am Donnerstag, 30.3.2017, wurden in der Schule wegen eines Lehrerausflugs nur ,Kurzstunden‘ abgehalten, die anstatt 45 Minuten nur 30 Minuten lang gehen. Dadurch haben die Schüler dann früher frei.“

1. April, Gymnasium: „Eine 28-Stunden-Woche für eine 5. Klasse auf dem Gymnasium liegt unter dem Durchschnitt.“

31. März, Gymnasium: „In der gesamten Woche fiel der Lateinunterricht aus. Die Lehrerin hat drei Arbeitsblätter ausgeteilt. Die Kinder sollten sich mit der Lektion alleine auseinandersetzen. Da fachfremd vertreten wurde, konnten keine Fragen gestellt werden. Für einige Kinder ist es dann schwer, alles alleine zu erarbeiten.“

29. März, Gymnasium: „In der ersten Stunde wurde fachbezogen unterrichtet, aber ein völlig veraltetes Thema, das nichts mit der in der nächsten Stunde angekündigten Klassenarbeit zu tun hatte. Die zweite Sunde wurde fachfremd vertreten.“

28. März, Gymnasium: „Die Lehrerin, die den Unterricht regelmäßig zehn Minuten nach offiziellem Stundenbeginn startet, einigte sich für diese Schulstunde mit den Schülern auf einen Beginn um 8.15 Uhr, somit 30 Minuten nach Stundenbeginn. Nach meinem Empfinden ist eine Unterrichtsstunde, von der zwei Drittel geplant und grundlos nicht erteilt werden, ausgefallen.“

24. März, Gymnasium: „Betreuungslehrer war über den gesamten Zeitraum nicht anwesend. Betreuung nur deshalb, weil der Lehrer sagte: ,Die Stunden dürfen im Unterrichtsausfall – Der Check nicht auftauchen.‘ Ansonsten wäre ersatzloser Ausfall gewesen.“

23. März, Gymnasium: „Die Referendarin weigerte sich, Unterricht abzuhalten, da nur sechs Schüler anwesend waren. Die anwesenden Schüler baten darum, den Lehrstoff mit Übungen zu vertiefen, was jedoch von der Referendarin abgelehnt wurde.“

22. März, Gymnasium: „Die Lehrer sind angewiesen worden, aufgrund der aktuellen Stundenzählungen keine Stunden mehr unbetreut zu lassen. Somit wird ein Bild verfälscht. Unter normalen Umständen war das durchaus nicht so. Hier entsteht eine Verwahrhaltung, die keinem Schüler nutzt.“

22. März, Gymnasium: „Unsere Schule hat die ,Nebenaufsicht‘ eingeführt. Das heißt, dass ein fachfremder Lehrer in die Klasse kommt, man eine Anwesenheitsliste machen muss, und dann kann man alles machen, was man will. Das nenne ich nicht Vertretung, vor allem nicht, wenn der Lehrer einen Unterricht und drei Nebenaufsichten gleichzeitig hat.“

20. März, Gymnasium: „Im Moment fallen eher weniger Stunden aus, als in den beiden Monaten zuvor! Kommentar unserer Tochter: Es wird jetzt darauf geachtet, dass so viel wie möglich stattfindet, wegen der momentan laufenden Aktion! Originalton: So viel Unterricht hatte ich noch nie!“

17. März, Gymnasium: „Der offizielle Vertretungsplan weist diese Stunden als ,Vertretung‘ aus, da die Anzeige offiziell zurzeit nicht richtig funktioniert. Die Schüler erhielten eine Rundmail, dass die Stunden ausfallen.“

17. März, Gymnasium: „Diese Woche stand der Ausfall wieder auf dem Vertretungsplan, obwohl die Stunde laut unserem Lehrer gestrichen wurde.“

16. März, Gymnasium: „Eigentlich war eine Lehrerin als ,Nebenaufsicht‘ eingeteilt, jedoch ist die Lehrerin nach einer Wartezeit von 30 Minuten nicht aufgetaucht. Es ist zu bemerken, dass die Lehrerin selber wahrscheinlich zeitgleich planmäßigen Unterricht halten musste. Letzteres ist öfters der Fall.“

16. März, Realschule: „Zu Beginn des Schuljahres laut Stundenplan am Donnerstag sechs Schulstunden. Das wurde aber vor zwei Wochen abgeändert! Es wurde die erste Stunde gestrichen, der Stundenplan auf fünf Schulstunden abgeändert! Für mich ist das ganz klar eine Fehlstunde, die nur schönmanipuliert wurde.“

14. März, Gymnasium: „Vertretungslehrer hatten noch anderen Unterricht zu betreuen (sog. Nebenaufsicht), deshalb nur Anwesenheitsliste in der zweiten Stunde angefertigt. Ansage der Rektorin ist, es fällt keine Unterrichtsstunde aus. Doch so ist das wohl eher ein ,Verwahrverhalten‘ und bringt weder dem Schüler noch der Schule etwas. Zumal es in diesem Fall Eckstunden sind.“

13. März, Gymnasium: „Oberstufenschüler haben sich bei dem Stufenkoordinator beschwert, dass sie so viel Vertretung haben und Randstunden nicht mehr ausfallen, sondern sie ohne Aufgaben die Zeit ,abhängen‘ müssen. Daraufhin hat er im Unterricht gesagt, sie sollen sich nicht aufregen, in zwei Wochen wäre die Abfrage der Ruhr Nachrichten vorbei und alles würde wieder sein wie vorher.“

12. März, Gymnasium: „Es gibt eine Unterrichts-Ausfall-App. Diese funktioniert in der Regel ganz toll, nämlich gar nicht! Die App wird aktualisiert, wenn der Unterricht schon begonnen hat oder auch gerne mal fünf Minuten vorher. (…)“

11. März, Gymnasium: „An einem anderen Tag, in einer anderen Klasse, kam der Unterrichtsausfall so zustande: Der Unterricht wurde verlegt in eine Rand-Doppelstunde, nur ca. die Hälfte der Schüler erschien, der Lehrer wartete noch etwas und ließ dann die Anwesenden abstimmen, ob der Unterricht stattfinden soll. Natürlich stimmte die Mehrheit dagegen und der Unterricht fiel aus. Ich finde das unglaublich, möchte aber den Lehrer persönlich nicht nennen, da dieses Vorgehen laut Schülerinfo so üblich sei.“

9. März, Gymnasium: „Wohl als Reaktion auf die laufende Erhebung von Ausfallstunden wird der Vertretungsplan bis auf Weiteres nicht mehr veröffentlicht.“

7. März, Gymnasium: „Ich möchte Sie als Schülerin eines Gymnasiums über die Unterrichtsausfälle an unserer Schule informieren. Prinzipiell ist die Idee ja nicht schlecht, eine Art Befragung zu machen, aber das Ergebnis entspricht wahrscheinlich nicht direkt der Wahrheit.

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In den letzten Monaten hatte ich jede Menge ausfallende Stunden, auch in meinen Abiturfächern. Teilweise gab es Tage, an denen ich nur zwei von sechs Stunden am Tag Unterricht hatte. Seit dem 1. März wird bei uns jede Stunde, die eigentlich ausfallen würde, als Nebenaufsicht angezeigt. Das hatte ich davor vielleicht einmal im Jahr, jetzt besteht der gesamte Vertretungsplan nur noch aus Nebenaufsichten. Nebenaufsicht bedeutet so viel wie: Der Lehrer, der gerade eine andere Klasse unterrichtet, kommt für fünf Minuten in den Raum, geht die Anwesenheitsliste durch und gibt im besten Fall Aufgaben, die im Endeffekt keiner (zumindest nicht in dieser Stunde) bearbeitet, da man ja auch nach Hause gehen oder Musik hören kann.

Ich gehe stark davon aus, dass spätestens nach diesem Monat keine Nebenaufsicht mehr stattfinden wird.“

6. März, Gymnasium: „Die Stunde wurde fachfremd vertreten. Der Lehrer musste drei Klassen gleichzeitig beaufsichtigen. Es wurde eine Aufgabe in Chemie verteilt, danach konnten die Kinder sich selbst beschäftigen.“

2. März, Gymnasium: „Die Schule hat seit gestern den Vertretungsunterricht neu organisiert. In der Oberstufe fällt kein Unterricht mehr aus, sondern die Kurse werden auf andere Kurse aufgeteilt.“

1. März: „Als pensionierter Lehrer weiß ich, dass in der offiziellen Schulstatistik der Landesregierung nur solcher Unterrichtsausfall aufgeführt ist, der als solcher erfasst worden ist. Hierbei sind z.B. Unterrichtsstunden, die von einem einzelnen Lehrer gleichzeitig in vier Klassen unterrichtet werden, nicht erfasst. (…)

Die Berufskollegs mit den Klassen mit allgemeinbildenden Abschlüssen sind nicht erfasst. Eine zuweilen zu findende Praxis bei der Gestal- tung von Stundenplänen ist die Erstellung von Phantomstundenplänen. Hierbei gibt es zwei Stundenpläne: einen für die Schüler und einen inoffiziellen mit mehr Unterrichtsstunden, als den Schülern bekannt, bei denen der Unterricht tatsächlich gar nicht erfolgt. Da diese nicht erteilten Unterrichtsstunden den Schülern nicht bekannt sind, können diese auch nicht bei diesen Schülern erfragt werden.“ 

Hintergrund zum Unterrichtsausfall – der Check:

Auswertung: In Dortmund fallen doppelt so viele Stunden aus wie das Land behauptet (CORRECTIV.Ruhr)

Nach dem Check ist vor der Auswertung (CORRECTIV.Ruhr)

Einwände und Entgegnungen (Ruhr Nachrichten)

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Arnsberg legt Schreiben offen (CORRECTIV.Ruhr)

Wir wollen das Schreiben der Bezirksregierung (CORRECTIV.Ruhr)

Alarm in Arnsberg (Ruhr Nachrichten/CORRECTIV.Ruhr)

Halbzeit! Zeit den Helfern zu helfen (CORRECTIV.Ruhr)

Warum das Projekt Unterrichtsausfall so wichtig ist (CORRECTIV.Ruhr)

Zwischenstand: Tag 3 – über 370 ausgefallene Stunden (CORRECTIV.Ruhr)

Die wichtigsten Fragen und Antworten (CORRECTIV.Ruhr)

Die ersten Stimmen  (CORRECTIV.Ruhr)

Der Check: Dortmunds Schulen auf dem Prüfstand (CORRECTIV.Ruhr)

Dossier: Unterrichtsausfall in Dortmund (Ruhr Nachrichten)

Dossier: Unterrichtsausfall – der Check (CORRECTIV.Ruhr)

3© Abegg/Ruhr Nachrichten

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Unterrichtsausfall: Sechstklässler schreibt Beschwerdebrief an Schulministerin

Noch bevor Ruhr Nachrichten und Correctiv den Unterrichtsausfall-Check ins Leben gerufen haben, hatte Anjo schon seine eigene Aktion gegen den Stundenausfall gestartet. Mit seinem Freund Justin (12) sammelte der Elfjährige an seiner Schule 347 Unterschriften und gab sie zusammen mit einem freundlichen Protestbrief im Düsseldorfer Schulministerium ab.

von Susanne Riese (Ruhr Nachrichten)

Anjo Horstmann geht in die 6. Klasse der Max-Born-Realschule in Asseln. Unterrichtsausfall ist für den Jungen schon lange kein Vergnügen mehr.  Es ärgert mich, sagt der Elfjährige. Mit der sechsten Klasse ging es richtig los.  In Mathe wechselte sich nach den Schilderungen von Anjo und seinem Freund Justin wochenlanger Ausfall mit ständig neuen Lehrerinnen und Lehrern ab, gleiches gilt für Deutsch. Auch bei anderen Fächern gab es lange Ausfallzeiten.

Am 7. Februar setzte sich Anjo hin und schrieb einen Brief an die Schulministerin. Er kennt ihn auswendig: 

Sehr geehrte Frau Löhrmann, wir ärgern uns darüber, dass Ihre Regierung an unserer Bildung spart. Es gibt einen schlimmen Mangel an Lehrern. (…)  Anjos Brief endet mit einer Bitte:  Geld ist genug da, bitte geben Sie es für die Schulen aus! 

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Die Hoffnung aufgegeben

347 Mitschüler der mit 435 Schülern vergleichsweise kleinen Schule haben den Brief unterschrieben. Dafür sind Anjo und Justin sogar morgens eine Stunde früher gekommen, um nach Absprache mit der Schulleiterin durch die Klassen zu gehen. Dr. Johanna Kahlert begrüßt die Aktion:  Wir hatten einen starken Unterrichtsausfall, bestätigt sie. Inzwischen seien aber acht Vertretungslehrer eingestellt worden.

Die beiden Freunde und ihre Eltern haben die Hoffnung auf Besserung aufgegeben:  Wir müssen alles nacharbeiten und viel schneller lernen, sagt Justin. Oft müssten die Schüler den Stoff zuhause erarbeiten.  Google ist Mamas bester Freund, scherzt Justins Mutter Karin Drost.  Helfen ist ja kein Thema, aber das Grundlegende muss doch in der Schule passieren.  Anjos Vater Dave Varghese ärgert es, dass die Kinder den Stoff oft sehr verdichtet lernen müssen und nach kürzester Zeit Arbeiten darüber schreiben,  manchmal schon nach ein, zwei Tagen.

Ein Loch nach dem anderen stopfen

Die Schulleiterin unternehme geradezu  akrobatische Versuche  Vertretungslösungen hinzubekommen. Nach Beschreibung von Karin Drost wird aber eher ein Loch mit dem anderen gestopft:  Wenn Lehrer Vertretung geben, füllt dafür ein anderer dann am nächsten Tag die Stunde des Vertretungslehrers aus.  So würden Freistunden überbrückt, Eckstunden aber ersatzlos gestrichen, weil Lehrer ihr Stundenpensum erfüllt hätten.

Auf ein bis drei Stunden täglich schätzen die Eltern den Stundenausfall. Im ersten Moment sei das ganz schön, geben die Jungs zu.  Aber wir müssen das dann ja alles nachholen.  Deshalb ist Anjo in der vergangenen Woche mit seiner Mutter nach Düsseldorf gefahren und hat seinen Beschwerdebrief mit 16 Seiten Unterschriften im Büro von Frau Löhrmann abgegeben. Jetzt wartet Anjo auf eine Antwort der Ministerin. Ist in Bearbeitung, hieß es dort bisher auf Nachfrage.

(Der Text ist ursprünglich bei den Ruhr Nachrichten erschienen.)

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Hintergrund zum Unterrichtsausfall – der Check:

Zu unserer Erhebung: Unterrichtsausfall-check.

Zwischenstand: Tag 3 – über 370 ausgefallene Stunden (CORRECTIV.Ruhr)

Die wichtigsten Fragen und Antworten (CORRECTIV.Ruhr)

Die ersten Stimmen  (CORRECTIV.Ruhr)

Der Check: Dortmunds Schulen auf dem Prüfstand (CORRECTIV.Ruhr)

Youtube: Die Playlist zum Unterrichtsausfall-Check

Dossier: Unterrichtsausfall in Dortmund (Ruhr Nachrichten)

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CORRECTIV.Ruhr

Unterrichtsausfall – der Check: Einwände und Entgegnungen

Unvermindert hoch ist die Zahl der ausgefallenen Schulstunden, die beim Unterrichtsausfall-Check eingetragen werden. Das ist kein Grund zum Feiern, auch nicht für uns. Denn es geht nicht um Recht haben und nicht um Anschwärzen. Es geht um eine Verbesserung der Situation an unseren Schulen.

von Susanne Riese (Ruhr Nachrichten)

(Dieser Text ist ursprünglich bei den Ruhr Nachrichten erschienen.)

Die Datensammlung zum Unterrichtsausfall an Dortmunder Schulen zeigt: Die Eltern, die sich verärgert und besorgt bei den Pflegschaften, den Stadteltern oder auch in unserer Redaktion melden, liegen richtig mit ihrem Eindruck, dass Unterricht oft nicht wie geplant stattfindet. Reaktionen auf das Projekt machen aber auch die unterschiedlichen Sichtweisen deutlich. Viele Lehrer reagieren zurückhaltend auf den Unterrichtsausfall-Check, manche Schulleitungen fühlen sich zu Unrecht kritisiert.

Hier zum besseren gegenseitigen Verständnis einige Entgegnungen zu den Vorwürfen, die uns auf unterschiedlichen Wegen erreicht haben:

1. „Man redet nicht mit uns, sondern über uns.“

Wir haben lange vor Projektbeginn die übergeordneten Behörden informiert und um Mitwirkung gebeten. Ebenso haben wir Lehrer-Gewerkschaft, Eltern- und Schülervertreter sowie Schulverwaltung angesprochen und versucht deutlich zu machen, dass es uns um eine gemeinsame Sache geht.

2. Das Projekt dient dem Landtagswahlkampf der CDU.

Unterrichtsausfall ist ein Dauerthema. Dass wir es jetzt in dieser Form aufgreifen, hat nichts mit der bevorstehenden Landtagswahl zu tun. Wir haben nachweislich die gleiche Kritik an der Statistik geäußert, als noch die CDU regiert hat.

3. Die Vielschichtigkeit des Themas wird zu wenig berücksichtigt. Sie greifen das Phänomen zu einseitig auf.

Wir versuchen, differenziert auf die Ergebnisse der Abfrage einzugehen. Dazu gehört auch, dass wir uns bemühen, aus den Daten Ansätze für Hintergrundberichte abzulesen.

4. Eltern, die Stunden eintragen, können nicht beurteilen, ob der Unterricht wirklich ausgefallen ist oder ein sinnvoller Ersatz oder Alternativprojekt stattgefunden hat.

Wir versuchen, das abzubilden, indem wir fragen, was anstelle des geplanten Unterrichts gelaufen ist und dafür eine Auswahl anbieten von „Eigenverantwortlichem Lernen“ bis „Ersatzloser Ausfall“. Aber es bleibt natürlich das Problem, dass Eltern – sie bilden die größte Gruppe der Eintragenden – auf die Informationen ihrer Kinder angewiesen sind. Dieses Problem können wir nicht lösen. Es wäre hilfreich, wenn sich Lehrer beteiligen würden, die diese Eingaben ergänzen oder auch korrigieren können.

5. Die Schulen haben kein Interesse am Unterrichtsausfall, allein wegen der Konkurrenzsituation. Wo trotzdem Unterricht ausfällt, ist das nicht zu ändern.

Das mag sein, aber es ist niemandem geholfen, wenn das totgeschwiegen wird. Nur, wenn wir die Probleme – beispielsweise eine Unterversorgung mit Lehrern – erkennen und aufzeigen, kann sich etwas ändern.

6. Es wird nur das Negative berichtet. Die Bemühungen der Schulleitungen und Lehrer, den Unterrichtsausfall möglichst gering zu halten, werden zu wenig beachtet.

Das stimmt. Das war zunächst nicht der Fokus. Wir werden das aber möglichst bald nachholen und beispielhaft den Umgang der Schulen mit dem Thema und erfolgreiche Vertretungskonzepte vorstellen.

7. Es wird ein reines Defizit-Bild gezeichnet. Nicht die Quantität sollte im Vordergrund stehen, sondern die Qualität.

Die Abfrage der Ausfallstunden zielt zunächst auf die Quantität. Wir haben aber den gesamten Projektzeitraum über Hintergrundberichte zu verschiedenen Aspekten des Schullebens veröffentlicht, von der digitalen Ausstattung über Inklusion bis zum Schulbau. Wenn die Ergebnisse der Erhebung vorliegen, wollen wir daraus weitere Themen ableiten.

8. Einzelne Schulen werden an den Pranger gestellt.

Das war und ist nicht unser Ziel. Berichte über einzelne Schulen haben sich ergeben, weil Eltern oder Schüler an uns herangetreten sind und uns auf eigene Aktionen oder besondere Probleme aufmerksam gemacht haben. Themen, die wir auch ohne das Projekt Unterrichtsausfall-Check aufgegriffen hätten, weil es die Aufgabe einer lokalen Tageszeitung ist, darüber zu berichten. Uns geht es nicht nur darum, Daten zu sammeln, sondern auch um spannende Geschichten. Wir werden kein Ranking veröffentlichen. Wenig Einträge an einer Schule müssen nicht wenig Ausfallstunden bedeuten; vielleicht haben sich einfach nur wenige beteiligt.

9. Die Erhebung ist manipulierbar.

Ja, das ist sie. Je mehr sich aber beteiligen, desto größer sind die gegenseitige Kontrolle und Aussagekraft. Und: Wer sollte ein Interesse daran haben, falsche Daten einzugeben?

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10. Die Landesregierung hat doch eine eigene Untersuchung gestartet. Was soll das Ganze also?

In der Vergangenheit wichen die von der Landesregierung erhobenen Zahlen deutlich ab von denen, die vom Landesrechnungshof oder Elternvertretern erfasst wurden. Sie standen auch im Widerspruch zur Wahrnehmung vieler Eltern und Schüler. Deshalb wollten wir mit einer eigenen, neutralen und ergebnisoffenen Abfrage beispielhaft für eine Stadt einen Überblick gewinnen. Repräsentativ ist das nicht, aber es lässt sich eine Menge aus den Ergebnissen ablesen. Wir können daraus vielleicht erfolgreiche Strategien ableiten oder auch Fehlentwicklungen. Beides kann helfen, die Schulen besser zu machen. Das ist das Ziel. 

Hintergrund zum Unterrichtsausfall – der Check:

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