Jugend & Bildung

Unterrichtsausfall: Wie Schulen den Personalmangel managen

Stundenpläne und Unterrichtsausfall beschäftigen Eltern und Schüler, naturgemäß aber auch Schulleiter und Lehrer. Nicht immer lässt sich Unterrichtsausfall vermeiden. Das sagt ein Lehrer, der bereit ist, aus der Praxis zu erzählen, wenn wir seinen Namen nicht schreiben – und auch nicht den seiner Realschule.

von Susanne Riese (Ruhr Nachrichten)

© DSCF0494 von fileccia unter CC BY-NC 2.0

Der Lehrer – wir nennen ihn Herrn L. – ist gern Lehrer. Und das seit vielen Jahren. Er könnte sich inzwischen aber auch andere Aufgaben vorstellen. Die Kinder seien schwieriger geworden. Viele Schüler mit Hauptschul-Empfehlung landeten an der Realschule. Manche seien dumm, andere seien nicht dumm, aber auffällig. Und einige könnten kaum Deutsch.

28 Stunden muss er in der Schulzeit wöchentlich unterrichten. „Nach oben gibt es keine Grenze“, sagt er zu seiner Arbeitszeit. Gesetzlich gedeckt ist eine vorübergehende Über- oder Unterschreitung der wöchentlichen Pflichtstunden um bis zu sechs Stunden. „Die zusätzlich oder weniger erteilten Unterrichtsstunden sind innerhalb des Schuljahres auszugleichen“, heißt es im Schulgesetz.

Für Zusatzaufgaben räumen die Schulen einen Stundenausgleich ein. Für den Einsatz als SV-Lehrer beispielsweise, für AGs, für Verantwortungsbereiche wie Stundenplan, Lehrerrat, Umweltschutz, Fahrradkeller. Offiziell entscheidet die Lehrerkonferenz über diese Entlastung, das offizielle Kontingent hängt von der Stellenzahl ab. Einige bezeichnen die sogenannten Anrechnungsstunden aber als „heimliche Währung der Schule“. Allzu freizügig verteilte Ausgleichsstunden fehlen dann im Plan.

Hinzu kommt der gesetzlich vorgesehene Altersausgleich für Lehrer: eine Wochenstunde ab dem 55. Lebensjahr, drei ab dem 60. Bei Krankheitsfällen wird es dann eng. „Das ist dann oft nicht mehr aufzufangen“, sagt Lehrer L. Wenn nicht absehbar ist, dass jemand längere Zeit ausfällt, gebe es keine Vertretung.

Die Schulleitung sei stark daran interessiert, dass möglichst wenig Unterricht ausfällt. „Die Eltern rufen sofort an.“ Das wirke. Sonst falle häufiger etwas aus. Oder es werde improvisiert: Ein Lehrer beaufsichtige zwei Klassen, eine bekomme Aufgaben, male Mandalas oder dürfe mit den Smartphones spielen. „Nicht immer gibt es passende Aufgaben. Wenn jemand krank ist, schafft er es nicht unbedingt, Material zusammenzustellen.“

Es fehlt das Personal

Das sei nicht sehr befriedigend, meint Herr L. dazu. Sein Chef habe keine Chance, gegen die Mangelsituation anzukämpfen. Letztendlich laufe es darauf hinaus, möglichst wenig aufzufallen. Es stünden schlicht zu wenig Lehrer zur Verfügung, obwohl die Schule auf dem Papier fast vollzählig besetzt sei. „Wir brauchen zehn Prozent mehr Personal“, schätzt der Lehrer.

„Schon im Stundenplan stehen weniger Stunden, als es eigentlich sein müssten“, sagt Herr L. – meist werde so hin- und hergeschoben, dass eher Sport, Kunst oder Religion ausfallen als Hauptfächer. Binnenstunden würden möglichst vertreten, in den 5. und 6. Klassen sowieso. „Oft bedeutet das aber reine Betreuung.“

Es werde auch mit „Tricks“ gearbeitet. Wenn beispielsweise wegen einer Konferenz nach der vierten Stunde Schluss sei, dann würden sechs Kurzstunden à 30 Minuten gegeben. Somit fällt kein Fach komplett weg. Und rein statistisch gesehen nichts aus. 

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