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Unterrichtsausfall – der Check: Einwände und Entgegnungen

Unvermindert hoch ist die Zahl der ausgefallenen Schulstunden, die beim Unterrichtsausfall-Check eingetragen werden. Das ist kein Grund zum Feiern, auch nicht für uns. Denn es geht nicht um Recht haben und nicht um Anschwärzen. Es geht um eine Verbesserung der Situation an unseren Schulen.

von Susanne Riese (Ruhr Nachrichten)

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(Dieser Text ist ursprünglich bei den Ruhr Nachrichten erschienen.)

Die Datensammlung zum Unterrichtsausfall an Dortmunder Schulen zeigt: Die Eltern, die sich verärgert und besorgt bei den Pflegschaften, den Stadteltern oder auch in unserer Redaktion melden, liegen richtig mit ihrem Eindruck, dass Unterricht oft nicht wie geplant stattfindet. Reaktionen auf das Projekt machen aber auch die unterschiedlichen Sichtweisen deutlich. Viele Lehrer reagieren zurückhaltend auf den Unterrichtsausfall-Check, manche Schulleitungen fühlen sich zu Unrecht kritisiert.

Hier zum besseren gegenseitigen Verständnis einige Entgegnungen zu den Vorwürfen, die uns auf unterschiedlichen Wegen erreicht haben:

1. „Man redet nicht mit uns, sondern über uns.“

Wir haben lange vor Projektbeginn die übergeordneten Behörden informiert und um Mitwirkung gebeten. Ebenso haben wir Lehrer-Gewerkschaft, Eltern- und Schülervertreter sowie Schulverwaltung angesprochen und versucht deutlich zu machen, dass es uns um eine gemeinsame Sache geht.

2. Das Projekt dient dem Landtagswahlkampf der CDU.

Unterrichtsausfall ist ein Dauerthema. Dass wir es jetzt in dieser Form aufgreifen, hat nichts mit der bevorstehenden Landtagswahl zu tun. Wir haben nachweislich die gleiche Kritik an der Statistik geäußert, als noch die CDU regiert hat.

3. Die Vielschichtigkeit des Themas wird zu wenig berücksichtigt. Sie greifen das Phänomen zu einseitig auf.

Wir versuchen, differenziert auf die Ergebnisse der Abfrage einzugehen. Dazu gehört auch, dass wir uns bemühen, aus den Daten Ansätze für Hintergrundberichte abzulesen.

4. Eltern, die Stunden eintragen, können nicht beurteilen, ob der Unterricht wirklich ausgefallen ist oder ein sinnvoller Ersatz oder Alternativprojekt stattgefunden hat.

Wir versuchen, das abzubilden, indem wir fragen, was anstelle des geplanten Unterrichts gelaufen ist und dafür eine Auswahl anbieten von „Eigenverantwortlichem Lernen“ bis „Ersatzloser Ausfall“. Aber es bleibt natürlich das Problem, dass Eltern – sie bilden die größte Gruppe der Eintragenden – auf die Informationen ihrer Kinder angewiesen sind. Dieses Problem können wir nicht lösen. Es wäre hilfreich, wenn sich Lehrer beteiligen würden, die diese Eingaben ergänzen oder auch korrigieren können.

5. Die Schulen haben kein Interesse am Unterrichtsausfall, allein wegen der Konkurrenzsituation. Wo trotzdem Unterricht ausfällt, ist das nicht zu ändern.

Das mag sein, aber es ist niemandem geholfen, wenn das totgeschwiegen wird. Nur, wenn wir die Probleme – beispielsweise eine Unterversorgung mit Lehrern – erkennen und aufzeigen, kann sich etwas ändern.

6. Es wird nur das Negative berichtet. Die Bemühungen der Schulleitungen und Lehrer, den Unterrichtsausfall möglichst gering zu halten, werden zu wenig beachtet.

Das stimmt. Das war zunächst nicht der Fokus. Wir werden das aber möglichst bald nachholen und beispielhaft den Umgang der Schulen mit dem Thema und erfolgreiche Vertretungskonzepte vorstellen.

7. Es wird ein reines Defizit-Bild gezeichnet. Nicht die Quantität sollte im Vordergrund stehen, sondern die Qualität.

Die Abfrage der Ausfallstunden zielt zunächst auf die Quantität. Wir haben aber den gesamten Projektzeitraum über Hintergrundberichte zu verschiedenen Aspekten des Schullebens veröffentlicht, von der digitalen Ausstattung über Inklusion bis zum Schulbau. Wenn die Ergebnisse der Erhebung vorliegen, wollen wir daraus weitere Themen ableiten.

8. Einzelne Schulen werden an den Pranger gestellt.

Das war und ist nicht unser Ziel. Berichte über einzelne Schulen haben sich ergeben, weil Eltern oder Schüler an uns herangetreten sind und uns auf eigene Aktionen oder besondere Probleme aufmerksam gemacht haben. Themen, die wir auch ohne das Projekt Unterrichtsausfall-Check aufgegriffen hätten, weil es die Aufgabe einer lokalen Tageszeitung ist, darüber zu berichten. Uns geht es nicht nur darum, Daten zu sammeln, sondern auch um spannende Geschichten. Wir werden kein Ranking veröffentlichen. Wenig Einträge an einer Schule müssen nicht wenig Ausfallstunden bedeuten; vielleicht haben sich einfach nur wenige beteiligt.

9. Die Erhebung ist manipulierbar.

Ja, das ist sie. Je mehr sich aber beteiligen, desto größer sind die gegenseitige Kontrolle und Aussagekraft. Und: Wer sollte ein Interesse daran haben, falsche Daten einzugeben?

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10. Die Landesregierung hat doch eine eigene Untersuchung gestartet. Was soll das Ganze also?

In der Vergangenheit wichen die von der Landesregierung erhobenen Zahlen deutlich ab von denen, die vom Landesrechnungshof oder Elternvertretern erfasst wurden. Sie standen auch im Widerspruch zur Wahrnehmung vieler Eltern und Schüler. Deshalb wollten wir mit einer eigenen, neutralen und ergebnisoffenen Abfrage beispielhaft für eine Stadt einen Überblick gewinnen. Repräsentativ ist das nicht, aber es lässt sich eine Menge aus den Ergebnissen ablesen. Wir können daraus vielleicht erfolgreiche Strategien ableiten oder auch Fehlentwicklungen. Beides kann helfen, die Schulen besser zu machen. Das ist das Ziel. 

Hintergrund zum Unterrichtsausfall – der Check:

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