Zwei Düsseldorfer Praxen bezogen ihre Medikamente aus der Alten Apotheke von Peter S.. Sie versorgten über 900 Krebspatienten mit diesen Arzneien. Bis heute wissen viele dieser Patienten das nicht – so ergeben es unsere Recherchen.

Das Medical Center in Düsseldorf und die Alte Apotheke in Bottrop haben von außen nichts miteinander zu tun. Das Medical Center erhebt sich vor den Besuchern zum Himmel und wirft ihnen ein Spiegelbild aus Glas und Stahl entgegen. Die Alte Apotheke, etwa 50 Kilometer weit entfernt, sieht verschlafen aus. In der Alten Apotheke mit dem rosa Anstrich und den Schnörkeln an der Fassade panschte Peter S. Infusionen mit Krebsmedikamenten. Von dort lieferte er sie nach Düsseldorf, ins Medical Center – an den anerkannten Brustkrebs-Spezialisten Mahdi Rezai.

Wir nennen hier erstmals den Namen eines Arztes, der die gepanschten Medikamente aus Bottrop an seine Patienten weitergab. Warum – das erklären wir weiter unten. Zunächst erklären wir den Fall:   

Der anerkannte Brustkrebs-Spezialist Mahdi Rezai leitet das Europäische Brustzentrum, das ans Düsseldorfer Luisenkrankenhaus angegliedert ist. Peter S. mischte die Infusionen für etwa 900 von Rezais Patientinnen, etwa seit 2011. Die Krebsmedikamente wurden aus der Alten Apotheke in Bottrop nach Düsseldorf geliefert. Zeugen berichten von regelmäßigen Botenfahrten – denn die Medikamente müssen genau auf den Patient abgestimmt und kurzfristig verabreicht werden.

Die Staatsanwaltschaft Essen wirft Peter S. vor, über 60.000 Krebsmedikamente gepanscht zu haben. Die Arzneien sollen keinen oder viel zu wenig Wirkstoff enthalten haben. Seine Lieferungen gingen in fünf Bundesländer.

Lieferungen nach Düsseldorf

Und eben auch nach Düsseldorf – zu den Patientinnen des Brustkrebs-Spezialisten Mahdi Rezai und an die Urologie am Malkasten. In der Urologie sind allerdings nur etwa 33 Patienten betroffen. Die Namen dieser Praxen bestätigte uns auf Anfrage auch die Stadt Düsseldorf. Das örtliche Gesundheitsamt sei erst Anfang September über die Namen der belieferten Praxen informiert worden, sagte ein Sprecher der Stadt.

Peter S. sitzt bereits seit November 2016 in Untersuchungshaft. Die Dimension des Falles ist seit Monaten bekannt. Doch noch immer wissen Patienten nicht, dass sie von den Panschereien des Alten Apothekers aus Bottrop betroffen sein könnten. Die Autos, die die Krebsmedikamente aus Bottrop ins Medical Center lieferten, waren wahrscheinlich selten länger als eine Stunde unterwegs. Die Informationen über die betroffenen Praxen haben ein Dreivierteljahr gebraucht, bis sie Düsseldorf erreichten. Das sind Monate, in denen betroffenen Patienten ihr Recht auf Gewissheit verwehrt blieb.

Dass es eine Verbindung zwischen Düsseldorfer Ärzten und dem Bottroper Apotheker geben könnte, war bis jetzt nicht öffentlich bekannt. Auch die Ärztekammer Nordrhein, die für Düsseldorf zuständig ist, habe die Liste der Ärzte erst Anfang September erhalten, sagt ein Sprecher. Man befände sich noch in Beratungen, wie mit der Information umzugehen sei. Daher könne die Ärztekammer den Fall noch nicht kommentieren.

Verantwortung bei Ärzten

Für die Patienten ist die Unwissenheit fatal. Sie können sich keinen medizinischen Rat holen, sie können sich nicht juristisch zur Wehr setzen. Sie müssen wissen, was los ist.

Doch offenbar hat die meisten Patienten bis heute, niemand ausreichend informiert.

Das Gesundheitsamt sagt, die Namen und die Zahl „der möglicherweise betroffenen Patienten” seien nicht bekannt. Man habe keine Rechtsgrundlage, um mögliche Betroffene zu benachrichtigen: „Eine Information der Patienten ist aus hiesiger Sicht nur durch die behandelnden Ärzte möglich.”

Großteil der Patienten nicht informiert

Allerdings ist unklar, ob die Ärzte in den beiden Praxen wirklich alle möglicherweise betroffenen Patienten in Düsseldorf informiert haben. Denn anders als in Bottrop, sind die Menschen in Düsseldorf auf eine aktive Information durch die Ärzte dringend angewiesen. In Bottrop wissen die Menschen, welche Ärzte die gepanschten Mittel verabreicht haben. Die Patienten können sich aus eigenem Antrieb bei ihrer Praxis melden.

In Düsseldorf ist das anders. Ein unbedachter Patient wird nicht wissen, wo seine Medikamente herkamen. Er wird nicht einmal ahnen, dass er möglicherweise betroffen ist.

Die Menschen sind darauf angewiesen, dass die Praxen von sich aus die Patienten informieren.

Aus Gesprächen mit Mitarbeitern des Europäischen Brustzentrums, das Mahdi Rezai leitet, wissen wir, dass sich tatsächlich einzelne Patienten an die Praxis Rezai gewandt haben. Sie wussten aus eigener Erinnerung, dass sie eine Chemotherapie aus der Alten Apotheke bekommen hatten. Vielleicht hatten sie die Rechnungen der Krankenkasse im Kopf. Oder sie haben sich daran erinnert, was auf den Beuteln stand, deren Inhalt in ihre Blutbahn floss – mit dem Auftrag, sie von Krebs zu heilen. Mit diesen Patienten, die sich erinnern konnten, habe Rezai dann auch Gespräche geführt.

Es heisst aus der Praxis von Rezai auch, dass die Staatsanwaltschaft seine Praxis am 29. November, dem Tag der Festnahme von Peter S., kontaktiert habe. Es sei eine Liste von fünf Mitteln genannt worden, die unter dem Verdacht standen, gepanscht zu sein. Das Zentrum von Rezai habe die Patienten, die mit diesen Mitteln behandelt wurden, aber nicht aus eigenem Antrieb heraus informiert. Nur wer gefragt hat, bekam eine Antwort. Der Grund für diese zurückhaltende Information sei gewesen, die betroffenen Frauen nicht unnötig aufzuregen.

Viele wissen also gar nicht, dass sie betroffen sind.

Wir haben Rezai mehrmals telefonisch und per Email zu dem Sachverhalt befragt, aber er hat nicht reagiert.

Die zweite Praxis in Düsseldorf, deren Patienten Infusionen aus Bottrop bekamen, ist die Urologie am Malkasten. Dort haben mindestens 33 Patienten möglicherweise gepanschte Medikamente erhalten, wegen derer Peter S. heute in Untersuchshaft sitzt. Als wir nachfragten, ob die Urologie die 33 betroffenen Personen bereits darüber informiert hat, blockte eine Vertreterin die Anfrage ab. Die Praxis wolle auf eine „solche Anfrage nicht reagieren”, schrieb sie und bat darum, sie in dieser Angelegenheit nicht mehr „zu kontaktieren”.

Keine Gewissheit oder Transparenz

Wir von CORRECTIV haben lange überlegt, ob wir Informationen über Ärzte veröffentlichen sollen, die gepanschte Arzneien aus der Alten Apotheke bekommen haben. Am Ende haben wir uns dafür entschieden.

Nach unseren Recherchen sind viele Patienten oder Angehörige von Verstorbenen der beiden Düsseldorfer Praxen nicht aktiv informiert worden. Bei Zebra, einer Beratungsstelle für Brustkrebspatientinnen, haben die Mitarbeiterinnen nichts davon gehört, dass Praxen aus Düsseldorf Krebsmedikamente aus Bottrop bezogen hätten. Das sagt die Leiterin von Zebra, die Ärztin Ingrid Resch.

Sie müsste es wissen. Ihre Organisation ist eine Erstanlaufstelle für Frauen mit Brustkrebs. Nach eigenen Angaben suchen jährlich rund tausend Frauen das Beratungsangebot von Zebra auf. In der Beratungsstelle treffen sich auch Selbsthilfegruppen. Die meisten Patientinnen, die hier beraten werden, kommen aus NRW, vor allem aus Düsseldorf.

Psychische Tortur für Opfer

Wir arbeiten seit sechs Wochen in unserer mobilen Lokalredaktion in Bottrop. Da es keine offizielle Anlaufstelle für Betroffene gibt, kommen viele zu uns. Daher wissen wir, welche psychische Tortur die Ungewissheit für viele Menschen bedeutet. Alte Wunden, die der eigene Krebs oder der Verlust eines geliebten Menschen verursacht haben, reißen wieder auf.

Auf der anderen Seite wollen wir die Betroffenen nicht in Zweifel und Unsicherheit bringen. Eigentlich wäre es Aufgabe der Ärzte und der Behörden, die Menschen zu informieren und ihnen Hilfe anzubieten. Sie müssen jedem erklären, was diese Information für ihn individuell bedeutet. Was er medizinisch oder rechtlich tun kann. Ob vielleicht ein neuer Behandlungsversuch möglich ist für Patienten, die als therapieresistent galten, weil gepanschte Medikamente keine Heilung brachten.  

Laumann kommt Versprechen nicht nach

Aber genau diese aktive Information passiert nicht. Im Gegenteil. Nachdem wir die Dimension des Skandals gemeinsam mit dem ARD-Magazin Panorama enthüllt haben, versprach NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU): „Wir werden uns jetzt sofort darum kümmern, dass wir an die Adressen dieser Menschen kommen und dann werden wir sie selbstverständlich informieren.“ Dann schob Laumann die Verantwortung direkt weiter. „Wenn wir die Behörden, die Ärzte und Krankenhäuser, die die Medikamente verabreichten, informiert haben, dann ist es auch deren Aufgabe, ihre Patientinnen und Patienten zu informieren. Ich finde, das ist für einen Behandler schlicht die Pflicht, dieses zu tun.“

Laumann hat also versprochen, die Informationen zu den betroffenen Patienten zu besorgen und an die Ärzte weiterzuleiten. Diese sollten dann ihre Patienten informieren. Doch das ist bisher nicht ausreichend geschehen. Und Laumann kann den Ärzten nicht vorschreiben, was sie ihren Patienten zu sagen haben.

Ärzte schweigen

Ein betroffener Arzt sagt, dass es kaum möglich sei, über den Krankheitsverlauf darauf zu schließen, ob ein Patient seine Wirkstoffe in der richtigen Dosierung erhalten habe. Das liege an der „Schicksalhaftigkeit der Krebserkrankung”. Jeder Krebs verlaufe schließlich anders. Auch er hat die Medikamente aus der Alten Apotheke bezogen und auch er hat seine Patienten nicht von sich selbst heraus informiert. Nach Informationen von CORRECTIV bekamen zwischen 2009 und 2016 über 150 seiner Patienten Medikamente von Peter S. Der Arzt könne aber bis heute nicht mit Gewissheit sagen, ob die Medikamente im konkreten Fall gepanscht gewesen seien oder nicht. 50 Patienten haben von sich aus bei ihm nachgefragt, weil sie den Namen der Alten Apotheke auf ihren Rechnungen der Krankenkasse gefunden hatte. Mit diesen Patienten habe er auch Gespräche geführt. Mit den anderen nicht.

Ein Bottroper Arzt erklärte CORRECTIV, warum so viele Ärzte schweigen: Er allein könne in seiner Praxis gar nicht die notwendigen Gespräche mit allen Patienten führen. Es seien zu viele. Deswegen informiere er nicht von sich aus, sondern lade nur die Patienten zu einem Gespräch, die selbst auf ihn zukommen. Auch dieser Arzt will anonym bleiben.

Ratlosigkeit in Bottrop

Während unserer Arbeit in Bottrop haben wir keinen einzigen Betroffenen oder Angehörigen kennengelernt, der aktiv von seinem Arzt informiert wurde. Die meisten Ärzte informieren nur, wenn der betroffene Patient von sich aus fragt, ob er Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bezogen hat. Etliche Angehörige von verstorbenen Krebspatienten müssen geradezu Ärzte betteln, um verlässliche Informationen und Krankenakten zu den Behandlungen ihrer Lieben zu bekommen.    

In Bottrop ging der Skandal um Peter S. durch alle Medien, er ist Stadtgespräch. Hier wissen die Leute an wen sie sich wenden müssen.

In einer Stadt wie Düsseldorf, in einem Gebäude wie dem Medical Center, kommt niemand von alleine darauf, dass er selbst – oder der verstorbene Partner, die Mutter, der Vater – betroffen sein könnte. Wer nicht in Bottrop wohnt, hätte nach längst abgehefteten Abrechnungen suchen müssen, um sich Gewissheit zu verschaffen. Dass man darauf als Düsseldorfer Patient nicht kommt, ist verständlich.

Deshalb veröffentlichen wir hier erst einmal auch nur die Namen der Düsseldorfer Ärzte. Weil es dort für die Patienten unvorstellbar ist, dass ihre Medikamente aus Bottrop hätten kommen können.

Lediglich einen Arzt haben wir gefunden, der sagt, er habe seine Patienten von sich vollständig aus informiert. Roman Verfürth aus Rheinland-Pfalz hatte fünf Patienten, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen hatten. Zwei davon seien mittlerweile verstorben. Auch deren Angehörigen habe er von sich aus informiert. Das ist vorbildlich.

Verantwortung für den Fall will derzeit kaum jemand übernehmen. Es ist leicht, Peter S. zum Monster zu erklären, gegen das alle machtlos waren. Tatsächlich aber haben auch die Kontrollen massiv versagt.

Die Behörden verstecken sich nun hintereinander und tun zu wenig für eine umfassende Aufklärung. Dabei müssten die Patienten und die Angehörigen der bereits verstorbenen Patienten zumindest die Chance erhalten, sich juristisch zur Wehr zu setzen. Wenn es auch medizinisch keine Möglichkeiten mehr gibt, etwas zu ändern.

Der frühere Richter am Bundesverwaltungsgericht, Dieter Deiseroth, sagt: „Die mangelhaften Kontrollen der Behörden haben dazu beigetragen, dass der Skandal entstehen konnte. Durch die mangelhafte Informationspolitik der Behörden werden nun die Patienten ein zweites Mal in ihrem Recht verletzt: in ihrem Recht, sich zu wehren und mögliche Ersatzansprüche geltend machen zu können.”

Ärzte allein können Aufgabe nicht bewältigen

Nach Ansicht des bereits genannten Bottroper Arztes müsste eine Informationsstelle des Landes eingerichtet werden. Nur die Behörden können die notwendigen Kapazitäten bereitstellen, alle möglicherweise betroffenen Menschen im ganzen Land zu informieren. Von 2012 bis 2016 haben über 3700 Menschen Krebstherapien aus der Alten Apotheke erhalten.

Wir haben das Gesundheitsministerium in NRW gefragt, ob das Land eine Anlaufstelle für die rund tausend Betroffenen in Düsseldorf einrichten würde. Der Sprecher des Ministeriums sagte nein. Er verwies lediglich auf die Hotline, die das Gesundheitsamt in Bottrop eingerichtet hat. Man wolle keine Doppelstrukturen schaffen, sagte er.      

Diese Hotline hatte die Stadt Bottrop im Dezember vergangenen Jahres eingerichtet. Zunächst wurde hier sieben Monate lang eine Falschinformation verbreitet: Es seien nur fünf Wirkstoffe von den Panschereien betroffen. Viele Patienten, die aktiv nachfragten, wurden auf diese Weise fehlerhaft beruhigt. Dabei wusste das Gesundheitsamt der Stadt Bottrop seit mindestens Februar 2017, dass mehr Stoffe betroffen waren.

Tatsächlich wurden mindestens 49 Wirkstoffe gepanscht. Diese Information ergänzte die Stadt Bottrop allerdings erst nach der Berichterstattung von CORRECTIV im Sommer auf ihrer Internetseite. Die Stadt Bottrop selbst hatte sich zuvor monatelang nicht eigenständig um diese aktualisierte Liste bemüht.  

Keine spezielle Anlaufstelle für Düsseldorf

Die Düsseldorfer Patienten, ob sie nun betroffen oder nur verunsichert sind, sollen also in Bottrop anrufen, um sich Rat und Gewissheit zu holen.

Nach dem Willen von NRW-Gesundheitsminister Laumann soll die Ruhrgebietskommune Bottrop also einen der größten Medizinskandale in der Bundesrepublik alleine bewältigen.

Dass das nicht funktioniert, erleben wir derzeit.

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Hotline des Gesundheitsamtes in Bottrop: 0 20 41 / 70 44 88

 

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