Zwei Bundeswehrsoldaten seien am 25. Juli in Bad Hersfeld von drei Männern beleidigt und angegriffen worden. So heißt es in einer Polizeimeldung. Zahlreiche Medien berichteten anschließend von dem Vorfall und auch prominente Politiker meldeten sich auf Twitter zu Wort. Ein paar Tage später stellt sich heraus: Der Angriff hat nie stattgefunden.

Angeblich hätten drei Täter einen der Soldaten beleidigt, ihn „Nazi“, „Hurensohn“ und „Kindermörder“ genannt. Danach bespuckten die Angreifer den 19-Jährigen, schlugen und traten ihn, meldet die Polizei am 26. Juli. Als der zweite Soldat zu Hilfe eilte, hätten die Unbekannten auch ihn angegriffen. Die Täter seien kurz darauf geflüchtet.

Leicht verletzt zeigten die beiden Soldaten diese Geschichte an und konnten die angeblichen Täter erstaunlich präzise beschreiben. Eine blaue H&M Jogginghose hätten sie erkannt und einen schwarzen Pullover mit Adidas Logo. Außerdem eine Goldkette mit auffällig großen Gliedern. Beide erinnerten sich laut Polizei auch an weitere Äußerlichkeiten, die alle Angreifer gemeinsam hatten: Braune Haut, schwarze Haare und Bärte.

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Screenshot der Polizeimeldung vom 26. Juli 2018

Viele Medien berichteten nach Veröffentlichung der Polizeimeldung von dem Fall. Artikel erschienen etwa bei der „Hessenschau“, „FAZ“ und „Focus“. Auch regionale Medien aus Bad Hersfeld und Umgebung griffen die Geschichte auf. Die Nachricht verbreitete sich in den sozialen Medien, der ehemalige CDU Generalsekretär Peter Tauber twitterte etwa: „Was für feige Angreifer! Unsere Soldaten haben jede Solidarität verdient. Wer sie angreift, greift uns alle an.“

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Der Tweet des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Tauber

Vier Tage später kommt dann die überraschende Wende und die Polizei vermeldet: „Übergriff auf zwei Soldaten war vermutlich vorgetäuscht“. Was ist genau passiert? EchtJetzt hat mit Christian Stahl, dem Pressesprecher der Polizei in Hessen gesprochen.

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Screenshot der Polizeimeldung vom 30. Juli 2018

Er erklärte, eines der angeblichen Opfer sei bereits vernommen worden. Während der Vernehmung „verstrickte sich der Soldat in Widersprüchen und musste dann zugeben, dass alles frei erfunden war.“ Sowohl die Beschreibung der Täter als auch der zeitliche Ablauf hätten nicht zueinander gepasst. Um die angeblichen Angreifer überhaupt derart ausführlich zu beschreiben, habe sich der Soldat wohl an Merkmalen von Personen orientiert, die er kennt. Die Schürfwunden an den Händen sowie Prellungen an Rücken und Bauch haben sich die Soldaten „selbst zugefügt, indem sie gegen Bäume und sich gegenseitig geschlagen haben“, sagte Polizeisprecher Stahl. Als Grund für die Tat hätte der befragte Soldat angegeben, dass beide sonst zu spät zum Dienst erschienen wären. Jetzt ermittle die Polizei wegen der Vortäuschung einer Straftat.

Entlassung der Soldaten möglich

Die beschuldigten Soldaten waren für das Jägerbataillon 1 in Schwarzenborn, nahe Bad Hersfeld stationiert. Der zuständige Pressesprecher Ingo Prieß erklärte gegenüber EchtJetzt, „ein bundeswehrinternes Disziplinarverfahren läuft derzeit.“ Zu konkreten Konsequenzen konnte Prieß keine Angaben machen.

In der Wehrdisziplinarordnung sind verschiedene Disziplinarmaßnahmen vorgesehen. Diese reichen von Kürzungen des Soldes bis zur Entlassung aus dem Dienst. Zu einem späteren Zeitpunkt kann der Fall laut Ingo Prieß auch für zivilrechtliche Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft übergeben werden. Mehrere Medien, wie etwa die „Welt“ und „Spiegel Online“ erwähnten außerdem einen möglichen fremdenfeindlichen Hintergrund. Diese Vermutungen wollte Prieß nicht kommentieren.

Die meisten Medien berichteten ausführlich über den vorgetäuschten Angriff. In vielen der ursprünglichen Online-Artikel zu dem Vorfall haben die Redaktionen auch einen Hinweis auf die vorgetäuschte Tat eingebaut. Allerdings ist das nicht überall der Fall. EchtJetzt hat die „Hessenschau“, „Focus“ und die „Osthessen News“ kontaktiert, weil Leser dort in den Ursprungsartikeln nicht über die Wende in dem Fall informiert wurden. Auf Facebook könnten diese Artikel also weiter geteilt werden. Während die „Hessenschau“ reagierte und den Text aktualisierte, blieben die Artikel von „Focus“ und „Osthessen News“ unverändert.

Fazit: Es handelt sich nicht um eine klassische Falschmeldung. Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Angriff vorgetäuscht war. Redaktionen sollten diesen Hinweis aber in ihre ursprünglichen Artikel einbauen, um Missbrauch in sozialen Medien zu verhindern.

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