echtjetzt-faktencheck

Faktencheck

Fakten für die Demokratie

Falschmeldungen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar. Unsere Faktenchecker gehen Gerüchten nach und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse auf dieser Seite. Mehr erfahren

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, Frau von Storch, Deutschland ist nicht unsicherer geworden

weiterlesen 5 Minuten

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch behauptet in einem BBC-Interview, Deutschland sei unsicherer geworden.© Philipp Guelland / AFP

von Cristina Helberg

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch behauptet in einem BBC-Interview, Deutschland sei unsicherer geworden, Morde, Vergewaltigungen und Gewaltverbrechen hätten zugenommen. Das stimmt im langfristigen Vergleich nicht.

„Die Zahl von Fahrraddiebstählen nimmt dramatisch ab. Deshalb gehen die allgemeinen Zahlen runter. Morde und Vergewaltigungen nehmen aber zu“, behauptete Beatrix von Storch in einem Interview mit dem britischen Fernsehsender BBC am 19. Juni 2018. Darauf beharrt die AfD-Politikerin auch, als BBC-Journalistin Emily Maitlis sie mit den Zahlen aus der im Mai vorgestellten deutschen Kriminalstatistik für das Jahr 2017 konfrontiert. Im Mai 2018 hatte Innenminister Horst Seehofer (CSU) die niedrigste Zahl an verübten Straftaten seit 1992 für das vorherige Jahr vermeldet.

„Das sind Fake News, zu sagen die Zahlen seien insgesamt gesunken. Damit wird so getan, als sei unser Land sicherer geworden und das ist es nicht“, wirft Beatrix von Storch der BBC-Journalistin Emily Maitlis vor, die sich auf die Kriminalstatistik beruft. Bei der Pressekonferenz hatte Innenminister Horst Seehofer im Mai 2018 jedoch genau das deutlich gesagt: „Deutschland ist sicherer geworden“.

Seehofer betonte außerdem: „Die Zahl der in Deutschland verübten Straftaten ist mit etwa 5,76 Millionen Fällen die niedrigste seit 1992. Noch deutlicher zeigt sich die sinkende Kriminalität bei Betrachtung im Verhältnis zur Bevölkerungszahl: Die Häufigkeit von unter 7.000 Fällen pro 100.000 Einwohner wurde sogar im 30-jährigen Vergleich nie erreicht.”

Auch ein Blick in die Tabellen der Kriminalstatistik belegt: Beatrix von Storch hat im langfristigen Vergleich unrecht.

Gewaltverbrechen nehmen um 2,4 Prozent ab

Gewaltkriminalität nahm laut der Kriminalstatistik 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 2,4 Prozent ab. 188.946 Fälle wurden 2017 registriert. Zu Gewaltkriminalität zählen unter anderem Mord, Totschlag, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Raub und Körperverletzung.

Um die Zahl verschiedener Straftaten über Jahre zu vergleichen, veröffentlicht das Bundeskriminalamt außerdem jährlich sogenannte Zeitreihen der Polizeilichen Kriminalstatistik. Über einen längeren Zeitraum wird dort die Häufigkeit einzelner Straftaten verglichen – seit 1987 bis heute. Insgesamt war 2017 mit 5.761.984 erfassten Straftaten das Jahr mit den wenigsten verübten Straftaten insgesamt seit 1992.

Bildschirmfoto 2018-06-21 um 20.24.56.png

Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

Dieses Argument möchte Beatrix von Storch jedoch nicht gelten lassen. Sie behauptet, die allgemeinen Zahlen seien nur durch einen deutlichen Rückgang der Fahrraddiebstähle und Diebstähle gesunken. Die Zahl von verübten Morden, Vergewaltigungen und allgemeinen Gewaltverbrechen sei dagegen angestiegen.

Auch diese Straftaten vergleicht das BKA in seiner Statistik seit 1987. Wie hat sich die Häufigkeit dieser Taten seit 1987 entwickelt?

Straftat: Mord und versuchter Mord

Für versuchte Morde und Morde bewegt sich die Zahl der registrierten Fälle seit 1987 zwischen 630 (niedrigster Wert im Jahr 2012) und 1.299 (höchster Wert 1993). 2017 lag die Zahl bei 785 Fällen, davon waren 443 versuchte Morde. Zwischen 1993 und 1996 lag sie durchweg deutlich höher. Es ist zu beachten, dass der Anteil der versuchten Morde an diesen Zahlen durchweg zwischen 45,9 und 59,5 Prozent liegt.

Seit 2015 ist die Zahl der Morde und versuchter Morde gestiegen. Sie liegt aber noch immer deutlich unter den Höchstwerten von 1993 bis 1996.

Grafik Mord und versuchter.png

Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

 

Straftat: Morde im Zusammenhang mit Sexualdelikten

Die Zahlen zu Morden im Zusammenhang mit Sexualdelikten widersprechen deutlich den Aussagen von Beatrix von Storch. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt acht Fälle registriert, davon waren drei versuchte Morde. Das ist der niedrigste Wert seit 2013 mit sechs Fällen (davon 4 Versuche).

Grafik Sexualmorde.png

Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

Straftat: Sonderfall Vergewaltigungen

Bei Vergewaltigungen stieg die Zahl im Jahr 2017 deutlich auf 11.282 Fälle. Das ist der höchste Wert seit 1987. In diesem Fall stimmt die Aussage von Beatrix von Storch. Es gibt aber eine Erklärung für den Anstieg.  

Der Deutsche Bundestag beschloss im Juli 2016 eine Verschärfung des Sexualstrafrechts. Seit Herbst 2016 gilt nun die „Nein-heißt-Nein“-Regelung. Seitdem wird bestraft, wer gegen den erkennbaren Willen einer Person handelt.  Ein „erkennbarer Wille“ muss verbal oder beispielsweise durch Weinen oder Körpersprache ausgedrückt werden.

Zuvor hätte der Täter Gewalt anwenden oder androhen müssen, damit es zu einer Verurteilung wegen eines Sexualdeliktes gekommen wäre. Neu eingeführt wurde außerdem der Straftatbestand der sexuellen Belästigung. Strafbar macht sich nun auch, wer eine andere Person zum Beispiel begrapscht. Das bedeutet konkret: Mittlerweile sind Fälle erfasst, die vorher nicht geahndet wurden.

„Das Delikt der Vergewaltigung eignet sich derzeit mit Abstand am schlechtesten für eine Trendaussage“, erklärt der Kriminologe Dirk Baier gegenüber EchtJetzt. Die Gesetzesänderung bedeute, dass Verhaltensweisen kriminalisiert werden, die es früher nicht waren und dies wiederum erhöht die Fallzahlen in der Kriminalstatistik.

Hinzu kommt laut Baier ein weiteres Problem. Vergewaltigungen seien ein Delikt mit niedriger Anzeigerate. Steige die Anzeigenbereitschaft der Opfer, etwa weil sie sich durch gesellschaftliche Debatten öfter trauen Anzeige zu erstatten, dann steigen auch die Fallzahlen in der Kriminalstatistik. Das muss im Umkehrschluss jedoch nicht bedeuten, dass es tatsächlich zu mehr Übergriffen gekommen ist.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!
Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Jetzt spenden!

Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer betont, dass die steigenden Fallzahlen bei Vergewaltigungen und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung nur logisch seien. „Das Sexualstrafrecht ist radikal verschärft worden. Das führt zwangsläufig zu einem Anstieg der Fallzahlen. 2017 ist mit 2016 deshalb in diesem Fall überhaupt nicht zu vergleichen“, sagt der Kriminologe Pfeiffer im Gespräch mit EchtJetzt.  

Grafik Vergewaltigungen und sexuelle Nötigung LETZTE.png

Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

Straftat: Überfallartige Vergewaltigung durch Einzeltäter

Bei den überfallartigen Vergewaltigungen von Einzeltätern war die Zahl 2017 mit 946 Fällen so niedrig wie nie zuvor seit 1987.

Grafik Überfallvergewaltigung Einzeltäter.png

Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

Straftat: Überfallartige Gruppenvergewaltigungen

Auch für überfallartige Gruppenvergewaltigungen lässt sich kein außergewöhnlicher Anstieg in den letzten Jahren nachweisen. Im Gegenteil. 2017 wurden 122 Fälle registriert. Zuletzt war die Zahl nur im Jahr 1987 niedriger.

Grafik Gruppen Überfallvergewaltigungen.png

Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

„Leider geht diese geschilderte positive Entwicklung nicht einher mit dem subjektiven Sicherheitsgefühl der Bevölkerung“, bemerkte Innenminister Horst Seehofer, als er die Kriminalstatistik im Mai auf einer Pressekonferenz vorstellte. Dass das so ist, dafür sorgen auch Aussagen wie die von Beatrix von Storch.

Unsere Bewertung:
Die Aussage ist teilweise falsch. Insgesamt waren die Zahlen von Straftaten im Jahr 2017 auf dem niedrigsten Niveau seit 1992. Die Zahl registrierter Sexualstraftaten stieg jedoch deutlich an, wegen einer Verschärfung des Sexualstrafrechts im Jahr 2016.

Bewertung: größtenteils falsch

Keine Belege für Gruppenvergewaltigung nach Oktoberfest 

weiterlesen 4 Minuten
Polizisten beim Oktoberfest im Jahr 2017 (Symbolbild: Günter Schiffmann / AFP)

Die Seite Truth24 bezeichnet einen mutmaßlichen sexuellen Übergriff in München als Gruppenvergewaltigung, obwohl dazu keine Hinweise vorliegen. Zudem stellt der Artikel falsche Behauptungen zur Statistik bei Vergewaltigungen auf. 

Die Webseite Truth24 behauptete am 2. Oktober: „Gruppenvergewaltigung nach Wiesn: Afrikanermob versucht US-Madel zu schänden“. Der Artikel wurde laut Daten von Facebook mehr als 1.700 Mal geteilt.  

Im Text wird aus einer Meldung der Polizei München vom 2. Oktober zitiert. Darin heißt es, am 29. September sei eine 30-jährige Amerikanerin nach dem Besuch des Oktoberfestes in München Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden. Die Schilderung der Tat stammt von einem Zeugen, der die Polizei verständigte – das Opfer selbst habe später angegeben, sich an nichts erinnern zu können. Die Frau sei offenbar betrunken gewesen und von drei Männern hinter eine Hecke gedrängt worden. Die Tatverdächtigen seien wegen der „unklaren Sachlage“ am Folgetag entlassen worden, die Amerikanerin sei bereits wieder nach Hause geflogen. 

Auf Nachfrage teilte die zuständige Staatsanwaltschaft München uns mit, es gebe in diesem Fall „keine Hinweise für eine erfolgte oder versuchte Vergewaltigung oder Gruppenvergewaltigung“. Auch der Zeuge habe eine solche nicht beobachtet. Die Tatverdächtigen seien nicht in Haft. „Die betroffene US-Amerikanerin konnte sich schon vor Ort nicht an den Vorfall erinnern, wollte sich nicht medizinisch untersuchen lassen und ist wieder in die USA zurückgekehrt.“

Die E-Mail der Pressesprecherin der Münchener Staatsanwaltschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gibt also keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung oder versuchte Gruppenvergewaltigung. 

Kriminalstatistik liefert keine Grundlage für Behauptungen

Zudem behauptet der Truth24-Artikel: „Überfalls [sic!] und Gruppenvergewaltigung werden hauptsächlich durch „Moslems und Afrikaner“ begangen, das ist statistisch belegt. Deutsche sind nur selten Täter.“ 

Diese statistischen Belege gibt es nicht. 

Die Religionszugehörigkeit wird bei Tatverdächtigen nicht erfasst, nur die Nationalität. Zu Gruppenvergewaltigungen gibt es eine Studie des Bundeskriminalamtes, die 2019 veröffentlicht wurde. Als Grundlage dienen die Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017. Diese weist 380 Fälle von Gruppenvergewaltigungen aus, davon waren 63 versuchte Fälle. Insgesamt seien 467 Tatverdächtige ermittelt worden. Manche Tatverdächtige waren an mehreren Taten beteiligt und wurden nur einmal gezählt. 54,8 Prozent seien keine deutschen Staatsbürger. 

Die Aussage, Deutschen begingen solche Taten „selten“ ist also falsch – sie stellen etwas weniger als die Hälfte aller Tatverdächtigen. 

Das BKA schreibt allerdings in seiner Studie, Ausländer seien gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung bei Gruppenvergewaltigungen überrepräsentiert. Das könne verschiedene Gründe haben: „So ist der Anteil der Jugendlichen und Heranwachsenden an den in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländern höher als in der deutschen Bevölkerung. Das gleiche gilt für den Anteil derer, die prekären wirtschaftlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Beides führt herkunftsunabhängig zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden […]“.  

Nein, Gruppenvergewaltigungen werden nicht „hauptsächlich durch Moslems und Afrikaner“ begangen

Über die genaue Nationalität gibt die Tatverdächtigen-Tabelle der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017 (Excel-Tabelle 62) Aufschluss. Demnach waren unter den 467 Tatverdächtigen bei den Straftaten „Vergewaltigung überfallartig durch Gruppen“ (Schlüssel 111200) und „Vergewaltigung durch Gruppen“ (Schlüssel 111300) folgende Nationalitäten am häufigsten vertreten, das heißt mit mehr als fünf Personen:

  • Deutsche: 211 Personen
  • Afghanistan: 33 Personen
  • Türkei: 22 Personen
  • Eritrea: 18 Personen
  • Syrien: 18 Personen
  • Polen: 12 Personen
  • Kosovo: 12 Personen
  • Iran: 12 Personen
  • Sudan: 11 Personen
  • Rumänien: 10 Personen
  • Bulgarien: 8 Personen
  • Libanon: 7 Personen
  • Marokko: 7 Personen
  • Irak: 6 Personen
  • Russland: 6 Personen

Hier zeigt sich, dass auch die Aussage, es seien hauptsächlich Afrikaner, die Gruppenvergewaltigungen begehen, falsch ist. 

Truth24 schreibt außerdem von „Überfalls-Vergewaltigungen“. Diese Kategorie gibt es in der PKS nicht, allerdings gibt es „überfallartige Vergewaltigungen“ durch Einzeltäter (Schlüssel 111100). Hier weist die Statistik für 2017 587 Tatverdächtige aus – davon waren 322 Deutsche, also rund 54,9 Prozent. 

Neuere Zahlen gibt es nicht. Seit 2018 werden Gruppenvergewaltigungen nicht mehr gesondert erfasst, weil die Schlüssel nach der Änderung des Sexualstrafrechts angepasst wurden, schreibt uns eine Sprecherin des BKA auf Nachfrage per E-Mail. 

Die E-Mail der Sprecherin des Bundeskriminalamtes. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung. Die Behauptung, dass hauptsächlich Muslime und Afrikaner solche Straftaten begehen, ist zudem statistisch falsch.

Bewertung: völlig falsch

Nein, Martin Schulz hat nicht gesagt, dass tote Deutsche ein kleiner Preis für die Sicherheit tausender Syrer seien

GERMANY-POLITICS
weiterlesen 3 Minuten
GERMANY-POLITICS
Der SPD-Politiker Martin Schulz am 6. Februar 2018 in Berlin. (Symbolbild: Adam Berry / AFP)

von Cristina Helberg

Im Netz teilen Menschen ein gefälschtes Wahlplakat der SPD mit einem angeblichen Zitat des Politikers Martin Schulz. Es ist frei erfunden.

Am 13. September veröffentlichte eine Nutzerin bei Facebook eine Text-Bild-Collage mit einem Foto des SPD-Politikers Martin Schulz. Durch das Zusammenspiel von Bild und Text wird suggeriert, Martin Schulz habe den Satz „Der Tod von einigen Deutschen ist ein kleiner Preis für die Sicherheit tausender Syrer“ gesagt, oder die SPD habe ein offizielles Wahlplakat mit diesem Spruch veröffentlicht. Das ist beides falsch. Der Beitrag wurde bisher mehr als 470 Mal geteilt. 

Die Falschmeldung bei Facebook. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt das Büro von Martin Schulz: „Das Zitat stammt nicht von Herrn Schulz.“ Der Fälschung liege ein Original-Wahlplakat zugrunde, das aus dem Europawahlkampf 2014 stamme. 

In einer Google-Books-Vorschau einer Studie mit dem Titel „Europawahlkampf 2014: Internationale Studien zur Rolle der Medien“ von der Autorin Christina Holtz-Bacha ist das ursprüngliche Europawahl-Plakat von Martin Schulz mit dem Satz „Ein Europa der Menschen. Nicht des Geldes“ zu sehen.

Das Original-Plakat in einer Google-Books-Vorschau (Screenshot: CORRECTIV)

Belege oder Quellen für das angebliche Zitat über Deutsche und Syrer nennt der Facebook-Beitrag nicht. Während unserer Recherche konnten wir keine Hinweise auf ein solches Zitat von Martin Schulz finden.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Das Zitat ist frei erfunden.

Bewertung: falsch

Nein, der tatverdächtige Attentäter von Halle ist kein „Migrant aus Kasachstan“, sondern Deutscher

GERMANY-CRIME-SHOOTING
weiterlesen 3 Minuten
GERMANY-CRIME-SHOOTING
Ein Mann legt am 10. Oktober, dem Tag nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle, Blumen für die Verstorbenen nieder. (Foto: Axel Schmidt / AFP)

von Till Eckert

In mehreren Facebook-Beiträgen wird behauptet, der tatverdächtige Attentäter von Halle, Stephan B., sei nicht in Deutschland geboren. Das ist falsch. B. ist in Eisleben geboren, wie das örtliche Standesamt uns gegenüber bestätigt.

Mehrere Nutzer behaupten auf Facebook, Stephan B., der verdächtigt wird am 9. Oktober in Halle aus antisemitischen und rechtsextremistischen Motiven einen Anschlag auf eine Synagoge und einen Imbiss verübt und zwei Menschen ermordet zu haben, komme ursprünglich aus Kasachstan. Die Behauptung findet sich in einer Text-Bild-Collage, die von zahlreichen Nutzern verbreitet wird. Zum Beispiel hier und hier.

Einer der Beiträge auf Facebook, in denen fälschlicherweise behauptet wird, der mutmaßliche Attentäter von Halle sei ein „Migrant aus Halle“. (Screenshot / Verpixelung: CORRECTIV)

Standesamt: Stephan B. ist in Eisleben geboren

Laut einer Mitteilung des Generalbundeanwalts zum Haftbefehl vom 10. Oktober ist B. deutscher Staatsangehöriger.

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Auch unsere Faktencheck-Kollegen der DPA haben die Identität des Tatverdächtigen für einen Artikel überprüft. Laut ihrer Recherche waren auch Behauptungen im Umlauf, nach denen Stephan B. im Iran geboren worden sei. Die DPA kam zu dem Ergebnis: „Der Attentäter ist nach Angaben aus Sicherheitskreisen 1992 in Eisleben (Sachsen-Anhalt) geboren.“

Das Standesamt in Eisleben bestätigte gegenüber CORRECTIV, dass B. dort geboren wurde. Eine Sprecherin sagte uns am 16. Oktober telefonisch: „Ja, das stimmt.“ Sie bestätigte das später noch einmal per E-Mail:

Aus der E-Mail vom Standesamt in Lutherstadt Eisleben. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Stephan B. ist laut Generalbundesanwalt deutscher Staatsbürger und laut Standesamt in Eisleben geboren.

Bewertung: richtig

Missbrauch in einer Dating-App gestanden? Ja, die Polizei Detmold fahndet mit Fotos nach einem jungen Mann

RS3386__71B8329
weiterlesen 3 Minuten
RS3386__71B8329
Auf Facebook verbreitet sich ein Fahndungsaufruf der Polizei. Er ist echt. (Bild: Ivo Mayr/CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Im Netz teilen viele Nutzer einen Fahndungsaufruf samt Fotos eines jungen Mannes. Manche Nutzer vermuten eine Falschmeldung. Doch die Meldung stammt tatsächlich von der Polizei und ist noch aktuell.

Am 9. Oktober veröffentlichte die Polizei Detmold eine Öffentlichkeitsfahndung samt Fotos. Gesucht wird seitdem „nach einem möglichen Tatverdächtigen wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern“. 

Der Unbekannte habe im August auf einer Dating-App einem anderen Nutzer geschrieben, er habe seinen jüngeren Bruder missbraucht, so die Polizei. Die in seinem Dating-App-Profil genutzten Bilder veröffentlichte die Polizei für die Fahndung. Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigte die Polizei Detmold am Nachmittag des 15. Oktober, die Fahndung sei weiterhin aktuell. 

Das hatten Facebook-Nutzer zuvor angezweifelt und einen Artikel über die Öffentlichkeitsfahndung von der Webseite Owl24 mit dem Fahndungsaufruf bei Facebook gemeldet. Der Beitrag wurde mehr als 6.500 Mal bei Facebook geteilt. 

Der Fahndungsaufruf der Polizei vom 9. Oktober 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Unsere Bewertung:
Richtig. Ja, die Polizei fahndet seit dem 9. Oktober mit Fotos eines Nutzerprofils nach einem Unbekannten, der in einer Dating App einen Missbrauch gestanden haben soll.

Bewertung: falsch

Nein, Sicherheitsbehörden erwarten keine „Terrorwelle in ganz Deutschland“

GERMANY-DEFENCE-EXERCISE
weiterlesen 4 Minuten
GERMANY-DEFENCE-EXERCISE
Soldaten bei einer Bundeswehrübung im Oktober 2017. Vom 17. bis 19. Oktober 2019 soll in Stetten am Kalten Markt ebenfalls eine Übung der Polizei und Bundeswehr stattfinden. (Symbolfoto: Patrik Stollarz / AFP)

von Till Eckert

Aufgrund einer großen Polizei- und Bundeswehrübung diese Woche wird in einem Youtube-Video behauptet, Sicherheitsbehörden rechneten mit einer „landesweiten Terrorwelle“. Das stimmt nicht, wie das baden-württembergische Innenministerium uns mitteilt.

Am 9. April kündigte das Staatsministerium Baden-Württemberg auf seiner Webseite mehrere bevorstehende Katastrophenschutz-Übungen an, darunter auch eine Anti-Terror-Übung mit dem Titel „Terrorismus-Abwehr Exercise BWTEX 2019“ vom 17. bis zum 19. Oktober 2019.

Mehrere Medien berichteten ebenfalls über die bevorstehende gemeinsame Anti-Terror-Übung von Polizei und Bundeswehr. In einem Youtube-Video des Kanals „News 23“ vom 14. Oktober wird ebenfalls darüber berichtet, bebildert mit mit verschiedenen Videos von vergangenen Polizei- und Bundeswehrübungen und Einsätzen. Außerdem wird ein angeblicher „Hintergrund“ angegeben: „Sicherheitsbehörden rechnen mit Terrorwelle in ganz Deutschland“, heißt es im Titel.

Im Video selbst wird behauptet, die baden-württembergische Terrorabwehr erwarte eine „landesweite Terrorwelle“. Es endet mit dem Satz „Offensichtlich rechnen die Sicherheitsbehörden mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Deutschland“. Für die Behauptung werden keine Belege genannt.

Das Youtube-Video mit der falschen Behauptung zu einer angeblich erwarteten „Terrorwelle“. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Video wurde bisher mehr als 12.000 Mal aufgerufen. Ein Facebook-Beitrag mit dem Video von „News 23“ auf der gleichnamigen Facebook-Seite wurde bisher mehr als 800 Mal geteilt. Wir haben dazu beim baden-württembergischen Innenministerium nachgefragt.

Innenministerium: „Wir erwarten keine Terrorwelle“

Sprecher Renato Gigliotti antwortete per E-Mail: „Wir erwarten keine Terrorwelle, dazu gibt es derzeit keinerlei Hinweise.“ 

Außerdem schickte uns Gigliotti Hintergrundinformationen zu der anstehenden Übung, die vom 17. bis 19. September auf dem Bundeswehr-Truppenübungsplatz in der Gemeinde Stetten am Kalten Markt stattfinden solle. Mit rund 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sei „diese Vollübung in der Art die größte und komplexeste in der Geschichte Baden-Württembergs“.

Aus der Antwort-E-Mail des baden-württembergischen Innenministeriums zu der geplanten Übung. (Screenshot: CORRECTIV)

Am Telefon sagte Sprecher Gigliotti CORRECTIV zusätzlich, der Grund für die Übung seien Vorschriften, nach denen die Polizei und Bundeswehr regelmäßig üben müssten: „Solche Übungen gibt es auch zu Cyberabwehr, zu Katastrophenschutz und eben auch zu Terrorabwehr.“ Die geplante Übung sei die Folge einer Übung von 2017, bei der Polizei und Bundeswehr erstmals gemeinsam das Vorgehen bei terroristischen Anschlägen geübt hatten. „Es handelt sich um einen ganz normalen Umstand, dass in der Form geübt wird“, sagt Gigliotti.

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Unsere Bewertung:
Falsch. Die geplante Anti-Terror-Übung gibt es. Sicherheitsbehörden erwarten aber keine „Terrorwelle in ganz Deutschland“.

Bewertung: richtig

Mann reicht Eisbär die Hand: Ja, dieses Bild ist echt

Eisbär Collgae2
weiterlesen 3 Minuten
Eisbär Collgae2
Kontrovers diskutiertes Bild aus einem Facebook-Beitrag. Das Foto ist echt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Eine Facebook-Seite veröffentlichte ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem ein Mensch einen Eisbär füttert. Viele Leser vermuten eine Fälschung. Doch das Bild ist echt.

Am 8. Oktober veröffentlichte die Facebook-Seite „Unser Planet“ ein Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigt einen Mann in einer Schneelandschaft, der seine Hand einem ausgewachsenen Eisbär reicht, während ein Eisbärenjunges sein Bein umklammert. Dazu schrieb die Seite: „Zur Info: Das Bild ist echt. Es wurde in den 70ern aufgenommen und zeigt einen Russen, wie er einen Eisbären füttert.“ Der Beitrag wurde bisher mehr als 1.490 Mal geteilt. 

Zahlreiche Nutzer halten das Bild offenbar für gefälscht. Das geht aus mehrere Kommentaren hervor. Wir haben das Bild geprüft. 

Auswahl von Kommentaren unter dem Facebook-Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

Bilder-Rückwärtssuche und russisches Reisemagazin

Eine Google-Bilder-Rückwärtssuche führt zu einem Faktencheck der US-amerikanischen Redaktion Snopes von August 2019. Die Redaktion kommt in dem Text zu dem Schluss, das Foto sei echt und schreibt auf Englisch: „Es wurde irgendwann in den 1970er Jahren in der Nähe der sibirischen Stadt Cape Schmidt vor der Küste der Tschuktschensee aufgenommen und zeigt einen Mann namens Nikolai Machulyak.“ 

Als Belege führen die Faktenchecker zwei Quellen an. Die erste ist ein Artikel im russischen Reisemagazin Вокруг света (Deutsch: Um die Welt) aus dem Jahr 1977. Auf Seite 19 im Heft ist eine ähnliche Szene wie im Facebook-Beitrag abgedruckt. Die Position der Eisbären ist jedoch etwas anders. Eine CORRECTIV-Anfrage an die Redaktion von Вокруг света nach dem Ursprung des Fotos blieb bis zur Veröffentlichung unbeantwortet.

Artikel in dem russischen Reisemagazin „Um die Welt“ von 1977. (Screenshot: CORRECTIV)

Der zweite Beleg für die Echtheit des Fotos, den Snopes anführt, ist ein archivierter Artikel auf der Webseite der Russischen Geographische Gesellschaft aus dem Jahr 2014. Darin sind mehrere Fotos ähnlicher Szenen zu sehen, darunter auch das Bild aus dem Facebook-Beitrag. Sie stammen laut der Webseite aus dem Archiv des oben genannten russischen Reisemagazins Вокруг света. Die Russische Geographische Gesellschaft schreibt dazu, es handele sich um Nikolai Machulyak, der Eisbären in der Region regelmäßig gefüttert habe. 

Auch in einer Google Book Vorschau der Zeitschrift Soviet Life taucht ein ähnliches Foto in einem Artikel des Autors Vladimir Filimonov über Nikolai Machulyak auf.  

Ähnliches Foto in einer Google Book Vorschau der Zeitschrift Soviet Life. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir konnten während unserer Recherche keine Hinweise finden, die dagegen sprechen, dass das Foto echt ist. Die Originalquelle lässt sich nicht verifizieren, jedoch gibt es zusätzlich weitere Fotos, die ähnliche Szenen mit dem Mann und den Eisbären zeigen. 

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Unsere Bewertung:
Richtig. Das russische Reisemagazin Вокруг света druckte 1977 eine Geschichte über die Szene mit einem ähnlichen Foto ab.

Bewertung: falsch

Nein, Lego stellt nicht die gesamte Produktion auf Hanfplastik um

Collage Hanf Lego
weiterlesen 3 Minuten
Collage Hanf Lego
In einem Artikel wird behauptet, Lego wolle auf Hanfplastik umsteigen. Das Unternehmen dementiert. (Fotos: Rick Proctor / Unsplash / Helloimnick / Unsplash / Collage: CORRECTIV)

von Till Eckert

In einem Artikel der Webseite Hanf-Magazin wird behauptet, Lego werde bis 2030 seine gesamte Produktion auf Hanfplastik umstellen. Dafür gibt es aber keinen Beleg – und der Spielzeughersteller dementiert uns gegenüber.

„LEGO will bis 2030 die gesamte Produktion auf Hanfplastik umstellen“, titelt die Webseite Hanf-Magazin in einem Artikel vom 10. Juli. Im Text steht weiter: „Jetzt investiert der größte Spielzeughersteller der Welt Millionen, um die Kunststoffsteine in Zukunft aus Hanf zu fertigen.“ Die Umstellung solle bis 2030 geschehen. Als Quelle wird eine Webseite namens Plastic News genannt.

Der Artikel auf der Webseite Hanf-Magazin mit der falschen Behauptung. (Screenshot: CORRECTIV)

In Texten, auf die sich das Hanf-Magazin offenbar bezieht, steht nichts von Hanf

Das Hanf-Magazin verlinkt die angebliche Quelle, die Webseite Plastic News, nicht im Artikel. Eine Google-Suche nach den Worten „Lego Hemp“ führt auf einen englischsprachigen Artikel der Webseite Real Cannabis Entrepreneur vom Juli. Auch dort wird behauptet, Lego werde bis 2030 die Produktion auf Hanfplastik umstellen. In einem Update wird der Artikel von Plastics-News (nicht Plastic News) verlinkt, der die Quelle sein soll.

Der Hanf-Magazin-Artikel bezieht sich wohl darauf, denn darin wird angekündigt, Lego wolle seine Produktion bis 2030 auf einen Biokunststoff umstellen. Zudem wird die Zahl von 6.000 Tonnen Plastik pro Jahr genannt, die das Hanf-Magazin zitiert. Allerdings steht im Text von Plastics News nirgends etwas von Hanfplastik. Allan Rasmussen, ein Projektmanager bei Lego, habe lediglich berichtet, dass das Unternehmen Legosteine auf Basis von Polymilchsäure getestet habe.  

Auch in einem späteren Artikel der Webseite Plastics News von 2015 mit der Überschrift „Lego investiert in die Herstellung nachhaltiger Plastiksteine“ geht es nicht um Plastik aus Hanf. 

Plastik auf Hanfbasis wird laut einem Artikel von Forbes vom Juni 2019 von verschiedenen Unternehmen für Produkte getestet, unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen dazu sind aber schwer zu finden oder veraltet

Lego dementiert die Meldung gegenüber CORRECTIV

Wir haben bei Lego angefragt, ob der Artikel des Hanf-Magazins auf Fakten basiert. Matt Whitby, Environmental Engagement Manager, antwortete per E-Mail: „Nein, wir planen nicht, Hanfkunststoffe in Produkten zu verwenden“.

Aus der Antwort von Lego an uns. (Screenshot: CORRECTIV)

Allerdings gebe es neue Produkte aus „biobasierten Quellen“, in diesem Fall aus Zuckerrohr.

Unsere Bewertung:
Falsch. Ein Beleg für die Behauptung lässt sich nicht finden und Lego plant nach eigenen Angaben nicht, die Produktion auf Hanfplastik umzustellen.

Bewertung: teilweise falsch

Nein, in Krefeld bekommt ein Asylbewerber nicht 1.400 Euro pro Tag

22743106555_17c89a072f_c
weiterlesen 4 Minuten
22743106555_17c89a072f_c
Das Rathaus in Krefeld (Archivfoto: Stadt Krefeld, Fachbereich Presse und Kommunikation)

von Alice Echtermann

Die Überschrift eines Artikels von PI-News führt Leser in die Irre: In Krefeld gebe es „mehr als 1.400 Euro für einen Asylbewerber – pro Tag“, heißt es darin. Diese Summe bezieht sich aber auf Kosten für einen Sicherheitsdienst in einer Unterkunft für Geflüchtete. 

Die Seite PI-News veröffentlichte am 5. Oktober einen Artikel mit dem Titel „Krefeld: Mehr als 1.400 Euro für einen Asylbewerber – pro Tag!“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle von 19 Facebook-Seiten weiterverbreitet, unter anderem von PI-News selbst (mehr als 300 Mal geteilt) und der Seite „Keine weiteren Asylantenheime in Deutschland“ (160 Mal geteilt). Aus den Kommentaren der Nutzer unter dem Beitrag geht hervor, dass sie die Überschrift so verstehen, dass ein Asylbewerber pro Tag 1.400 Euro ausgezahlt bekomme. 

Kommentare unter dem Beitrag von „Keine weiteren Asylantenheime in Deutschland“. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch eine Facebook-Seite der AfD Mainz-Bingen verstärkte den Eindruck, es handele sich bei der genannten Summe um Geld für den Asylbewerber selbst, indem sie zu dem PI-News-Link am 5. Oktober schrieb: „Und was bekommt der arme Rentner, der vierzig Jahre geschuftet hat?“

Der Beitrag der AfD Mainz-Bingen mit dem Link zu dem Artikel. (Screenshot: CORRECTIV)

Und der Deutschland-Kurier titelte am 8. Oktober: „Die Durchschnittsrente für Frauen beträgt 622 Euro – aber dafür ist Geld da: 1.400 Euro für ‘Flüchtling’ – pro Tag!“ über einem Artikel zum selben Thema.  

Diese Schlussfolgerung ist falsch, wie auch beim Lesen des Artikels von PI-News deutlich wird. Dort steht weiter unten im Text: „Die Stadt Krefeld gibt für einen Asylbewerber gegenwärtig mehr als 1.400 Euro aus.“ Seit März 2019 lebe in einer Unterkunft für Asylbewerber ein Mann, der sich aggressiv verhalte. Es sei deshalb ein Sicherheitsdienst für die Unterkunft engagiert worden, der pro Tag 1.400 Euro koste, also im Monat 42.000 Euro.

Die Überschriften von PI-News und dem Deutschland-Kurier führen also stark in die Irre.

Den Fall mit dem Sicherheitsdienst gibt es allerdings wirklich. Auch andere Medien berichteten darüber – zum Beispiel die Neue Ruhr-Zeitung und RP-Online am 2. Oktober. Bei RP-Online heißt es: „Weil der Stadt Krefeld Ende 2018 ein Flüchtling zugewiesen wurde, der bereits in anderen Unterkünften ‘mit aggressivem Verhalten aufgefallen war’, hat sie zum Schutz ihrer Mitarbeiter ‘präventiv’ einen Sicherheitsdienst beauftragt. Allein von März bis einschließlich Juli beliefen sich laut Verwaltungsvorlage die Kosten auf 42.000 Euro monatlich.“ 

Stadt Krefeld bestätigt Einsatz des Sicherheitsdienstes

Auf Nachfrage von CORRECTIV wollte die Pressestelle der Stadt Krefeld nicht die genauen Kosten für den Sicherheitsdienst nennen, bestätigte aber, dass ein solcher Wachdienst in einer Unterkunft eingesetzt worden sei.

In einer öffentlichen Verwaltungsvorlage für den Stadtrat  stehen die Zahlen, die in den Medienberichten genannt werden. Die Kosten für den Monat Juli 2019 beliefen sich demnach auf „ca. 42.000 Euro“. 

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Der Anlass für den Einsatz des Sicherheitsdienstes sei die Zuweisung eines einzelnen Mannes im Oktober 2018 gewesen, heißt es in der Ratsvorlage. Die Situation in der Einrichtung sei vorher schon angespannt gewesen, unter anderem weil auch Familien in der eigentlich reinen Männerunterkunft wohnen mussten, erklärt die Pressesprecherin. Über den Geflüchteten sei angekündigt worden, dass er zur Gewalttätigkeit neige. „Daher wurde sofort der Sicherheitsdienst beauftragt.“ Inzwischen wohnten in der Einrichtung zwar keine Familien mehr, aber weil einige weitere Personen dort viel Aufmerksamkeit benötigten, werde der Sicherheitsdienst weiterhin nachts eingesetzt.

Die Asylbewerber in Krefeld erhielten die bundesweit einheitlichen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, erklärt die Sprecherin weiter. Der Regelsatz liege derzeit bei 310 Euro pro Monat

Die E-Mail der Pressesprecherin der Stadt Krefeld. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Überschrift ist irreführend – es geht nicht um Geld, das ein Asylbewerber bekommt, sondern um Kosten für einen Sicherheitsdienst in einer Unterkunft für Geflüchtete. 

Bewertung: völlig falsch

Nein, in Weilheim wurden keine Koran-CDs mit Chemikalien gefunden

Collage Brief
weiterlesen 3 Minuten
Collage Brief
Die Falschmeldung über angeblich gefährliche Briefsendungen mit Koran-CDs kursiert seit mehreren Jahren. Sie ist frei erfunden. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Seit Jahren teilen Menschen eine Falschmeldung über Briefe mit Weihnachts-CDs, die mit giftigen Chemikalien präpariert seien. Aktuell kursiert sie wieder auf Facebook.

Ein Facebook-Beitrag vom 7. Oktober schürt im Netz Angst vor einer chemischen Substanz in Briefsendungen. Eine Nutzerin veröffentlichte ein Foto eines Briefs, der angeblich eine CD enthalte, samt der Warnung: „Die CD ist mit chemischer Substanz bearbeitet, die die Attemwege [sic!] lähmen. […] In Weilheim sind betroffene schon im Krankenhaus.“ Die CD enthalte Lieder und Aussagen aus dem Koran. Der Beitrag wurde mehr als 280 Mal geteilt. 

Wir haben die Behauptung überprüft. 

Facebook-Beitrag vom 7. Oktober mit falschen Behauptungen. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete die zuständige Polizeibehörde für Weilheim, Oberbayern Süd: „Bei dieser Meldung handelt es sich mit eindeutiger Sicherheit um eine Falschmeldung. In Weilheim und dem restlichen Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd gab es keinerlei dieser Vorfälle.“ Zudem kursierte die Meldung laut Polizei schon 2016 und 2017 im Netz und über Whatsapp. 

Die Antwort des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Medien wiesen bereits 2016 auf die Falschmeldung hin 

Auf dem verbreiteten Foto des Briefumschlags ist das Logo der Stiftung „Menschen für Menschen“ zu erkennen. Die Stiftung wies schon im Dezember 2016 auf ihrer Webseite auf die Falschmeldung hin. Bei dem Foto handelte es sich demnach offenbar um einen echten Brief der Stiftung, mit dem im November 2016 eine CD mit Weihnachtsmusik verschickt wurde.

Zwischenzeitlich kursierten laut Medienberichten auch Warnungen vor dem Brief für die baden-württembergische Stadt Weinheim und den Rhein-Neckar-Kreis. Die zuständigen Polizeibehörden haben 2016 sowohl für Weilheim als auch für Weinheim in Facebook-Beiträgen auf die Falschmeldung aufmerksam gemacht.  

Facebook-Beitrag der Polizei Oberbayern Süd von 2016. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto mit den falschen Behauptungen war außerdem Thema mehrerer richtigstellender Medienberichte. Im November 2016 berichtete die Hessische Niedersächsische Allgemeine Zeitung, im Dezember 2016 die Schleswig-Holsteinische Zeitung und der Merkur und im Oktober 2017 das Schwäbische Tagblatt. Auch die österreichischen Faktenchecker von Mimikama veröffentlichten im Dezember 2016 und Dezember 2018 je einen Artikel zum Thema. 

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Die Meldung von CD-Briefsendungen mit chemischen Substanzen in Weilheim ist frei erfunden.

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, Grippe-Impfstoffe in Deutschland enthalten kein Quecksilber

hyttalo-souza-a1p0Z7RSkL8-unsplash
weiterlesen 5 Minuten
hyttalo-souza-a1p0Z7RSkL8-unsplash
Impfstoffe in Deutschland enthalten nach Angaben des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts kein Quecksilber. (Symbolfoto: Hyttalo Souza / Unsplash)

von Alice Echtermann

Ein Artikel behauptet, Grippe-Impfungen enthielten Quecksilber in giftigen Mengen und führt damit in die Irre. In den USA wird teilweise eine Art Quecksilber als Konservierungsmittel eingesetzt, es gilt aber in so geringen Mengen als unbedenklich. In Deutschland enthalten normale Grippe-Impfstoffe kein Quecksilber.

Die Seite Unsere Natur behauptet in einem Artikel vom 4. Oktober, in Grippe-Impfstoffen sei 25.000 Mal mehr Quecksilber enthalten, als im Trinkwasser erlaubt sei. Als angeblichen Beweis bezieht der Text sich auf einen Impfstoff in den USA namens FluLaval: „In Impfstoffampullen des britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline fanden sich mehr als 51 Teile pro Million (ppm) Quecksilber, das ist 25.000 Mal mehr als die von der US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) für das Trinkwasser festgelegte Obergrenze.“

Unsere Natur behauptet weiter, dies sei zuvor nicht bekannt gewesen, da „Aufsichtsbehörden des Landes“ bisher selbst keine Sicherheitstests durchgeführt hätten. Somit würden sich weltweit jedes Jahr „Millionen Menschen“ unwissend „giftiges Metall“ spritzen lassen, „schwangere Frauen, kleine Kinder und ältere Menschen“ würden dazu sogar ermuntert. 

 

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mindestens 7.000 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. 

Eine Form von Quecksilber dient teilweise als Konservierungsmittel in Impfstoffen

Tatsächlich kann eine Form von Quecksilber in Grippe-Impfstoffen enthalten sein. Es handelt sich um den Stoff Thiomersal, der Ethyl-Quecksilber enthält. Er wird als Konservierungsmittel eingesetzt, um das Wachstum von Bakterien zu verhindern.

Die Food and Drug Administration (FDA), die Lebens- und Arzneimittelbehörde in den USA, hat den Beipackzettel des Grippe-Impfstoffes FluLaval veröffentlicht. Auf diesen verweist auch Unsere Natur. In dem Beipackzettel steht, dass Thiomersal (Englisch: thimerosal) nur in Behältern mit mehreren Dosen Impfstoff enthalten sei. Also in Flaschen, aus denen mehrere Personen geimpft werden. Im Gegensatz dazu enthielten die Einzel-Spritzen kein Quecksilber: „The prefilled syringe is formulated without preservatives and does not contain thimerosal. Each 0.5-mL dose from the multi-dose vial contains 50 mcg thimerosal (<25 mcg mercury) […].“ (Deutsch: Die vorgefüllte Spritze wird ohne Konservierungsmittel angemischt und enthält kein Thiomersal. Jede 0,5-ml-Dosis von der Multi-Dosis-Phiole enthält 50 Mikrogramm Thiomersal (< 25 Mikrogramm Quecksilber)). 

Die Grenze für Quecksilber im Trinkwasser in den USA bezieht sich auf „inorganic mercury“ (anorganisches Quecksilber) und liegt laut der US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency bei 0,002 Milligramm pro Liter. Also zwei Mikrogramm pro Liter. So kommt der angeblich 25.000 Mal höhere Wert für Impfstoffe zustande, den der Artikel von Unsere Natur nennt: Ein Liter des Impfstoffes FluLaval enthält laut dem Beipackzettel theoretisch 50.000 Mikrogramm Quecksilber; das ist 25.000 Mal mehr als der Grenzwert für Trinkwasser in den USA. 

Allerdings ist dieser Bezug stark irreführend, denn bei den Wasser-Grenzwerten ist anorganisches Quecksilber gemeint – eine ganz andere Form, als die, die in Impfstoffen enthalten sein kann. Bei Impfstoffen wird organisches Quecksilber eingesetzt, genauer gesagt Ethyl-Quecksilber. (PDF, Seite 1 und 2). 

Was ist der Unterschied der Quecksilber-Arten?

Thiomersal oder Ethyl-Quecksilber ist laut dem Paul-Ehrlich-Institut, das für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständig ist, und dem Robert-Koch-Institut in geringen Dosen unbedenklich. Es sei jahrelang als Konservierungsmittel in Impfstoffen eingesetzt worden. Ethyl-Quecksilber wird laut WHO vom Körper wesentlich schneller abgebaut als Methyl-Quecksilber. 

Vor Methyl-Quecksilber warnen unter anderem die US-Umweltbehörde EPA und das deutsche Umweltbundesamt. Es gelange vor allem über Fische in die Nahrungskette. Es entsteht aus anorganischem Quecksilber, das im Wasser durch Mikroorganismen in organisches Methyl-Quecksilber umgewandelt wird. 

Die US-amerikanische Food and Drug Administration schreibt, Ethyl-Quecksilber müsse von Methyl-Quecksilber unterschieden werden. „Methyl-Quecksilber ist die Art von Quecksilber, die in bestimmten Fischarten gefunden wird. Bei hoher Konzentration kann es für Menschen giftig sein. In den Vereinigten Staaten halten staatlichen Richtlinien Methyl-Quecksilber so weit es geht aus Umwelt und Nahrungsmitteln heraus, aber innerhalb eines Lebens ist jeder einer gewissen Menge ausgesetzt.“

Die Menge von 25 Mikrogramm Ethyl-Quecksilber, die in Grippe-Impfstoffen in den USA enthalten sein kann, entspricht laut FDA ungefähr der Menge Quecksilber, die in einer Dose mit etwa 85 Gramm Thunfisch enthalten sein könne. 

Impfstoffe in Deutschland enthalten kein Quecksilber 

Das Robert-Koch-Institut schreibt auf seiner Webseite, Pharmahersteller hätten auf die Debatte um Quecksilber in Impfstoffen reagiert: „Für alle generell empfohlenen Schutzimpfungen sind inzwischen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar.“ 

Aktuell seien alle in Deutschland zugelassenen Impfstoffe frei von Thiomersal, teilte uns auch eine Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, Susanne Stöcker, per E-Mail mit. Eine Ausnahme gebe es nur für Grippe-Impfstoffe in Mehrdosenbehältnissen, die aber nur im Falle einer Grippe-Pandemie eingesetzt würden und nicht bei den normalen Impfungen. Die normalen Impfungen würden mit Fertigspritzen durchgeführt, die eine einzige Dosis Impfstoff enthalten und somit nur einmal verwendet werden.  

Auszug aus der E-Mail der Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

FluLaval sei weder in Deutschland noch zentral von der EU zugelassen, so Stöcker. In einer Liste der aktuellen saisonalen Grippe-Impfstoffe des Paul-Ehrlich-Instituts wird FluLaval nicht genannt. Von der Firma GlaxoSmithKline sind nur zwei Impfstoffe dabei: Influsplit Tetra und Fluarix. In den offiziellen Dokumenten dazu, die jeweils auf der Webseite des Paul-Ehrlich-Instituts verlinkt werden, findet sich kein Hinweis auf Thiomersal. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. In Deutschland zugelassene, normale Grippe-Impfstoffe enthalten kein Quecksilber. Eine Ausnahme gibt es nur für Impfstoffe im Falle einer Pandemie. In den USA wird Quecksilber ebenfalls nur in Behältern für mehrere Impfungen hinzugefügt. Die Menge gilt als unbedenklich.

Bewertung: teilweise falsch

Offener Brief zum Klimawandel: Weder haben „500 Wissenschaftler“ unterzeichnet, noch stimmen alle Behauptungen

photo-1561484930-ac8e09d9cbc4
weiterlesen 8 Minuten
photo-1561484930-ac8e09d9cbc4
Forscher der National Oceanic and Atmospheric Administration der USA in der Arktis im Juni. Sie bereiten einen Ballon mit Ozonsonde vor. (Foto: NOAA / Unsplash)

von Alice Echtermann , Till Eckert

Einige Medien berichten über einen offenen Brief an die UN, den 500 Wissenschaftler unterzeichnet haben sollen. Darin wird erklärt, es gebe keinen „Klimanotfall“. Die aufgestellten Thesen sind ohne Kontext und teils irreführend. Außerdem sind nicht alle Unterzeichner Wissenschaftler.

Haben sich 500 Wissenschaftler gegen die aktuelle Klimapolitik gewandt und die Gefährlichkeit des Klimawandels bestritten? So jedenfalls liest es sich in Berichten auf  Webseiten wie Tichys Einblick. Dort erschien am 26. September ein Artikel mit dem Titel „500 Wissenschaftler erklären: ‘Es gibt keinen Klimanotfall’“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 6.900 Mal auf Facebook geteilt. 

Ein weiterer Artikel („Über 500 Wissenschaftler widersprechen These vom ‘menschengemachten Klimawandel’“) der Seite Unsere Natur wurde mehr als 9.800 Mal geteilt. Auch Epoch Times (2.200 Mal geteilt) und Watergate.tv (2.000 Mal geteilt) schreiben  von „500 Wissenschaftlern“, ebenso wie die US-Webseite Breitbart am 24. September (20.000 Mal geteilt). 

Die Berichte beziehen sich auf einen offenen Brief mit der Überschrift „There is no Climate Emergency“ („Es gibt keinen Klimanotfall“). Er ist an den UN-Generalsekretär António Guterres und die Exekutivsekretärin Patricia Espinosa Cantellano vom Sekretariat UN Climate Change adressiert und wurde am 22. September auf der Webseite der niederländischen Stiftung Climate Intelligence Foundation (Clintel) veröffentlicht. 

Die Verfasser des offenen Briefs behaupten selbst nicht, dass es sich bei den Unterzeichnern nur um Wissenschaftler handele. Die Liste der Unterzeichner enthält etwas mehr als 500 Namen, aus 24 Ländern. Sie werden als „scientists and professionals“ (Wissenschaftler und Experten) bezeichnet. 

In dem Brief finden sich Forderungen und Kritik an der „Klimapolitik“ oder Forschungsgrundlagen, außerdem auch fünf Tatsachenbehauptungen ohne Quellenangabe. Inzwischen gab es in mehreren Ländern Faktenchecks dazu, zum Beispiel von Climate Feedback. Wir haben sie ebenfalls geprüft:

1. Behauptung: „Natürliche wie auch anthropogene Faktoren verursachen eine Erwärmung“

Unter diesem Punkt steht im Brief: „Das geologische Archiv zeigt, dass das Erdklima sich schon so lange verändert, hat, wie es den Planeten gibt, mit natürlichen Kalt- und Warmphasen. Erst 1850 endete die Kleine Eiszeit. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir jetzt eine Phase der Erwärmung erleben.“

Dass es sowohl natürliche als auch menschliche Einflüsse auf die Erderwärmung gibt, darin stimmen Forscher großteils überein. Jedoch werden die Faktoren unterschiedlich gewichtet – und der menschliche Einfluss dabei meist höher, zumindest seit der Industrialisierung. In einem kürzlich veröffentlichten Faktencheck zitierten wir dazu aus einem aktuellen Bericht zu natürlichen Klimafaktoren des U.S. Global Change Research Program, an dem unter anderem die US-Weltraumbehörde Nasa mitwirkt. In dem Bericht steht (unter Punkt 2.3), dass zu den „wichtigen Klimafaktoren im Industriezeitalter“ sowohl menschliche Aktivitäten gehören, als auch „in geringerem Maße“ solche natürlichen Ursprungs. 

Auch das Umweltbundesamt schreibt auf seiner Webseite über natürliche Faktoren für Erderwärmung und stellt die Industrialisierung heraus: „Bis zum Beginn der Industrialisierung waren die Auswirkungen menschlicher Eingriffe lokal oder regional begrenzt. Seit der Industrialisierung werden jedoch deutliche überregionale und globale Änderungen im Stoffhaushalt der Atmosphäre als Folge menschlichen Wirkens beobachtet.“ 

Richtig ist laut der Freien Universität Berlin, dass die Kleine Eiszeit bis 1850 andauerte und wir gerade in einem sogenannten Holozän, einer Warmzeit innerhalb eines Eiszeitalters leben. Laut den Ergebnissen einer Studie unter anderem des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung von 2016, könnte die derzeitige Warmzeit weitere 50.000 Jahre anhalten. Nach Ansicht der Forscher könnten CO2-Emissionen die nächste Kaltzeit aber auch um mindestens 100.000 Jahre aufschieben.

2. Behauptung: „Die Erwärmung verläuft viel langsamer als vorhergesagt“

Dazu steht im Brief: „Die Welt hat sich mit weniger als der Hälfte der ursprünglich vorhergesagten Rate erwärmt, und mit weniger als der Hälfte der Rate, die aufgrund vom tatsächlichen menschlichen Einfluss und Strahlungsungleichgewicht zu erwarten ist. Es sagt uns, dass wir weit davon entfernt sind, den Klimawandel zu verstehen.“

Unerwähnt bleibt, wer diese Erwärmungsrate „vorhergesagt“ haben soll und auf welche Grundlage sich das stützt. Ebenso wird nicht angegeben, wie hoch oder niedrig diese „Rate“ geschätzt worden sein soll oder wie hoch sie jetzt sei. Ohne diesen Kontext und Quellenangaben ist es schwierig, die Behauptung zu verifizieren. Es gab in der Vergangenheit zwar immer wieder Studien, die eine schnelle Erwärmungsrate thematisieren, in der Regel aber im Vergleich zu in anderen Zeiträumen gemessenen Temperaturen; so zum Beispiel in dieser Studie der Universität Maryland, die im Juli veröffentlicht wurde. Dabei wurde die Klimaentwicklung der vergangenen 2.000 Jahre anhand von Aufzeichnungen rekonstruiert.

Unter anderem die US-Weltraumbehörde Nasa erhebt Daten zum Temperaturanstieg auf der Erde. In einer Grafik ist beispielsweise zu sehen, wie die Temperatur in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich anstieg, die Sonneneinstrahlung in der gleichen Zeit aber zurückging. 

Der offene Brief liefert keine Belege für die Behauptung, die Erderwärmung verlaufe langsamer als vorhergesagt.

3. Behauptung: „Klimapolitik stützt sich auf inadequate Modelle“

Dazu steht im Brief: „Klimamodelle haben viele Mängel und sind als politische Instrumente nicht im Entferntesten plausibel. Außerdem übertreiben sie höchstwahrscheinlich die Wirkung von Treibhausgasen wie CO2. Darüber hinaus ignorieren sie die Tatsache, dass die Anreicherung der Atmosphäre mit CO2 von Vorteil ist.“

Welche Klimamodelle konkret „Mängel“ aufweisen sollen und wie diese aussehen, wird in dem Brief nicht erwähnt. Wir haben daher beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung um eine allgemeine Einschätzung zu Klimamodellen gebeten. Eine Sprecherin verwies per E-Mail auf den Blogbeitrag eines Abteilungsleiters des Instituts, Stefan Rahmstorf. Rahmstorf schreibt darin: „Seit den 1970er Jahren gibt es quantitative Modelle zur Vorhersage der Erwärmung, und seither läuft die Erwärmung übrigens auch ziemlich genauso ab wie vorhergesagt.“

Forschungsverbünde wie der Weltklimarat IPCC oder das U.S. Gobal Change Program geben zu ihren Aussagen und Prognosen außerdem jeweils an, wie wahrscheinlich sie sind. Das basiert darauf, wie sicher zum Beispiel eintreffende Klimaereignisse prognostiziert werden können, wie gut messbar und plausibel die gesammelten Forschungsergebnisse dazu sind. Der derzeitige Forschungsstand wird somit transparent und nachvollziehbar gemacht – und wo und warum es Zweifel gibt, wird es kenntlich gemacht. Dass die Klimaforschung generell unplausibel oder mangelhaft sei, ist demnach nicht richtig.

Ob die Wirkung von Treibhausgas „übertrieben“ oder die Anreicherung von CO2 wirklich „von Vorteil“ ist, prüfen wir in den nächsten Punkten.

4. Behauptung: „CO2 ist pflanzliche Nahrung, die Grundlage allen Lebens auf der Erde“

Im Brief steht zu diesem Punkt: „CO2 ist kein Schadstoff. Es ist für alles Leben auf der Erde unerlässlich. Photosynthese ist ein Segen. Mehr CO2 ist für die Natur von Vorteil und begrünt die Erde: Zusätzliches CO2 in der Luft hat das Wachstum der globalen pflanzlichen Biomasse gefördert. Es ist auch gut für die Landwirtschaft, da es die Erträge der Pflanzen weltweit erhöht.“

Dass CO2 eine Art Düngeeffekt für die Erde hätte und mehr davon von Vorteil für Pflanzenwachstum wäre, ist keine neue Behauptung. Sie ist seit mindestens zehn Jahren im Umlauf, wie ein Artikel unserer US-amerikanischen Faktencheck-Kollegen von Politifact von 2009 zeigt. Verschiedene Forscher und Studien widersprechen dieser Darstellung jedoch. 

Rob Jackson, Professor für Klimawandel und Biologie an der Duke Universität in Durham, sagte Politifact dazu damals: „Ist Kohlendioxid gut für Pflanzen? Die knappe Antwort ist: ja. Aber ich denke es ist irreführend zu sagen, dass, nur weil CO2 gut für Pflanzen ist, es gut für die Umwelt ist. Das ist so wie wenn man sagen würde, dass Steroide gut für Menschen sind – sie bauen ja Knochen und Muskeln auf. Aber sie haben auch andere Wirkungen.” Rob Jacksons Forschung zeige zum Beispiel, dass es bei höheren CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre mehr Holzwachstum geben würde, aber dass es durch die höheren Temperaturen auch mehr Schädlinge und durch mehr Verdunstung längere Dürren geben könnte, schreibt Politifact

In der Forschung werden unter anderem genau diese zwei Faktoren, höhere Temperaturen und mehr Dürren, als Folgen des Klimawandels erwartet. Dass mehr CO2 „gut für die Landwirtschaft“ sei, wie im Brief behauptet, ist so nicht richtig: Die Webseite Klimafakten hat für einen Artikel zum Thema vier Studien zusammengetragen, die zum Ergebnis kommen, dass infolge der Erderwärmung Ernteerträge abnehmen würden (von 2014, 2015, 2016, 2016). Der Weltklimarat IPCC warnt in seinem fünften Sachstandsbericht, dass die Erträge von Weizen, Reis und Mais infolge der Erderwärmung zurückgehen könnten. In einer Studie von 2017 kommen mehrere Forscher nach Tests zum Ergebnis, dass das Baumwachstum unter erhöhtem CO2 nicht signifikant zugenommen hat; was wiederum einem Teil von Rob Jacksons Forschung widerspricht.

Die Aussage, wonach mehr CO2 ausschließlich vorteilhaft für die Erde sei, lässt demnach gegenteilige Forschungsergebnisse außer Acht und kann nicht so pauschal getroffen werden.

5. Behauptung: „Die globale Erwärmung hat die Zahl der Naturkatastrophen nicht erhöht“

Dazu steht im Brief: „Es gibt keine statistischen Belege dafür, dass die globale Erwärmung Hurrikane, Überschwemmungen, Dürren und ähnliche Naturkatastrophen verstärkt oder häufiger verursacht. CO2-Minderungsmaßnahmen sind jedoch ebenso schädlich wie kostspielig. So töten Windkraftanlagen Vögel und Fledermäuse, und Palmölplantagen zerstören die Biodiversität der Regenwälder.“

„Statistische Belege“ oder Daten dafür, dass die globale Erwärmung zu einer steigenden Anzahl Naturkatastrophen führt, sind schwer zu erheben, weil das Klima ständig variiert. Mehrere offizieller Stellen und Forschungsverbünde gehen aber wegen einer Zunahme von Hitzewellen oder Starkregenereignissen davon aus, dass auch Naturkatastrophen zunehmen werden. 

Mehrere US-Behörden, darunter die Nasa, veröffentlichten Ende 2018 einen Bericht, in dem sie vor einer Verschärfung von Naturkatastrophen durch die globale Erwärmung warnen. In einem Bericht von 2017 steht mit „mittelmäßiger Sicherheit“: „Menschliche Aktivitäten haben wesentlich zur beobachteten Variabilität der Ozean-Atmosphäre im Atlantik beigetragen und diese Veränderungen haben zu dem seit den 1970-er Jahren beobachteten Aufwärtstrend der nordatlantischen Hurrikaneaktivität beigetragen.“

Das Umweltbundesamt schreibt auf seiner Webseite zu diesem Thema: „Nach gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird die fortschreitende Klimaerwärmung zu Veränderungen der Stärke, der Häufigkeit, der räumlichen Ausdehnung und der Dauer von Extremwetterereignissen führen.“

Was das Umweltbundesamt auf seiner Webseite zu Risiken von Naturkatastrophen schreibt. (Screenshot: CORRECTIV)

Dass „CO2-Minderungsmaßnahmen“ wie Windkraftanlagen Vögel und Fledermäuse töten, stimmt. Eine abschließende Beurteilung zum Ausmaß des Schadens für Vögel oder Fledermäuse durch Windenergie ist aber nicht möglich, wie wir für einen Faktencheck recherchiert haben. Eine gängige Windkraftanlage spart nach Ansicht von Experten im Durchschnitt zudem wesentlich mehr CO2 ein als der dafür gerodete Wald; das haben wir ebenfalls für einen Faktencheck recherchiert.

Dass Palmölanlagen die Biodiversität der Regenwälder zerstören, oder zumindest dazu beitragen, stimmt laut Umweltbundesamt größtenteils. Es schreibt dazu auf seiner Webseite: „Die Ölpalmen-Plantagen in Monokultur schaden der Umwelt. Menschen und Tiere verlieren ihren natürlichen Lebensraum. Das Grundwasser wird durch die Düngung der Pflanzen geschädigt. Das Klima leidet unter der Entwaldung.“

6. Behauptung: „Klimapolitik muss wissenschaftliche und wirtschaftliche Realitäten respektieren“

Dieser letzte Punkt ist keine Tatsachenbehauptung sondern eine Meinung. Meinungen können wir nicht prüfen.

Fazit zu den Tatsachenbehauptungen im Brief

Die Aussagen sind – bis auf zwei – zwar in Teilen richtig, sie lassen aber oft zentralen Kontext aus, etwa zu bisheriger Forschung oder der Einschätzung offizieller Stellen. Weil diese wichtigen Positionen fehlen, können die Behauptungen irreführend gelesen werden. 

Zudem werden zu keiner einzigen Behauptung nachvollziehbare Quellen, Belege oder Zitate angeführt, obwohl das in der Wissenschaft eigentlich die Norm ist. Unsere Faktencheck-Kollegen von Climate Feedback haben den Brief von sechs Forschern analysieren lassen: Diese kommen zum Schluss, dass seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit insgesamt als „sehr gering“ zu bewerten ist. So handele es sich dabei eher um „Rosinenpflücken“, der Brief sei inakkurat und voreingenommen.

Wer steckt hinter dem offenen Brief? 

Die sogenannte „European Climate Declaration“ wurde von der Climate Intelligence Foundation (Clintel) aus den Niederlanden veröffentlicht, die sich 2019 gründete. Die Stiftung will sich nach eigenen Angaben für eine „positivere Sicht“ auf den Klimawandel und eine Veränderung der Klimapolitik einsetzen. Im Mittelpunkt steht die Ansicht, dass der Einfluss von CO2 auf das Klima geringer sei als behauptet. 

Clintels Mitgründer Guus Berkhout wird als Initiator der Aktion genannt. Berkhout studierte Elektrotechnik, startete seine Karriere in den 60ern beim Ölkonzern Shell und lehrte dann an der Technischen Universität Delft in den Niederlanden. 

Wer sind die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner?

Die meisten Personen auf der Liste stammen aus Europa, aber es sind auch Personen aus den USA, Kanada, Australien oder Neuseeland dabei. Einer der prominentesten Namen auf der Liste ist Vaclav Klaus, ehemaliger Ministerpräsident der Tschechischen Republik, der bereits 2007 in seinem Buch „Blauer Planet in grünen Fesseln: Was ist bedroht? Das Klima oder die Freiheit?“ die Angst vor dem Klimawandel als übertrieben und sogar gefährlich darstellte. 

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Auch viele andere der Unterzeichner sind bekannt dafür, die Gefahren durch den Klimawandel und den Einfluss des Menschen und des CO2 auf die globale Erwärmung als gering zu bezeichnen. Von den 13 Deutschen, die auf der Liste stehen, sind dies zum Beispiel Horst-Joachim Lüdecke und Fritz Vahrenholt. Lüdecke war Physik-Professor der Hochschule für Technik und Wirtschaft Saarland.

Vahrenholt vertritt die Ansicht, der Einfluss des Menschen auf das Klima – im Wesentlichen durch den gestiegenen CO2-Ausstoß – sei nur halb so groß wie vom IPCC angenommen. Darauf wies er uns nach Veröffentlichung dieses Artikels per E-Mail hin. Vahrenholt arbeitete früher als Honorarprofessor an der Universität Hamburg im Fachbereich Chemie, war außerdem Hamburger Umweltsenator für die SPD, danach Manager bei Shell, baute die Windkraft-Firma Repower mit auf und arbeitete seit 2008 als Geschäftsführer bei RWE Innogy.

Mindestens acht der 13 Deutschen sind im Ruhestand. Drei haben eine direkte Verbindung zum Europäischen Institut für Klima und Energie (Eike), ein deutscher Verein, der den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel als nicht bewiesen bezeichnet. Sie sind dort entweder als Autoren tätig (Döhler) oder sitzen im Fachbeirat (Lüdecke, Ewert). Weitere Personen von der Liste werden häufig von Eike zitiert oder traten bei Veranstaltungen des Vereins auf (Vahrenholt, Kirstein, Kutschera, Harde, Kröpelin, Weiss). 

Angaben zur Biografie sind teilweise falsch

Auffällig ist auch: Bei einigen Deutschen stimmen die Angaben zur Biografie, die in der Liste stehen, nicht. So steht bei Carl-Otto Weiss, er sei unter anderem „emeritierter Professor in Nichtlinearer Physik“ und „ehemaliger Präsident des Deutschen Meteorologischen Instituts in Braunschweig“. Wir fanden jedoch keinen Beleg, dass Weiss Professor an einer Universität oder Hochschule war. Und in Braunschweig, wo er zwar von 1973 bis 2006 Mitarbeiter bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) war, gibt es kein „Deutsches Meteorologisches Institut“, wie uns ein Pressesprecher per E-Mail mitteilte. „Die PTB ist das ‘Nationale Metrologieinstitut Deutschlands’, d.h., es geht in der PTB um die Wissenschaft des Messens und nicht um das Wetter.“ Weiss sei promovierter Wissenschaftler, nicht Professor. Zuletzt habe er bei der PTB nicht als Präsident sondern als Leiter des Fachbereichs „Zeit und Frequenz“ gearbeitet.

Zwei weitere Beispiele für irreführende biografische Angaben in der Liste sind Dietrich Bannert, angeblich „Professor Honoris Causa“ der Universität Marburg, und Klaus-Dieter Döhler, angeblich „Professor für Pharmawissenschaften an der Universität Hannover“. 

Bannert ist seit 1995 Honorarprofessor des Fachbereichs Geowissenschaften der Universität Marburg. „Dabei handelt es sich nicht um eine Ehrenprofessur, wie die Angabe ‘Professor Honoris Causa’ vermuten lässt“, teilte uns eine Pressesprecherin der Uni per E-Mail mit. Bannert hatte als promovierter Geologe also keine Professorenstelle inne, hielt aber nach Angaben der Sprecherin bis 1995 Lehrveranstaltungen ab.

Über Döhlers angebliche Professur an der Universität Hannover fanden wir keine Belege. Bis 1984 arbeitete er mutmaßlich an der Medizinischen Hochschule Hannover im Bereich Klinische Endokrinologie und bekam den Titel „außerplanmäßiger Professor“ verliehen. Aktuell ist er ist Geschäftsführer der Firma Curatis Pharma in Hannover. 

Wissenschaftler bestätigen Unterschriften

Um zu prüfen, ob die Menschen auf der Liste den offenen Brief tatsächlich unterzeichnet haben, kontaktierten wir stichprobenartig zehn Personen. Alle haben naturwissenschaftliche Fachgebiete und sind noch nicht in Rente. 

Die zehn Personen, die wir kontaktiert haben

Von den zehn antworteten acht auf unsere E-Mails: D’Aleo, Mazzarella, Andresen, Walters, Birlenbach, Kutschera, Döhler und Zharkova bestätigten, dass sie den Brief unterschrieben haben und die darin aufgestellten Thesen und Forderungen unterstützen. 

Lediglich Kutschera schrieb, er unterstütze nicht alle Aussagen in dem offenen Brief völlig: Er sehe im Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre „ein Problem, das angegangen werden muss […] aber ohne Panik und Hysterie – die Probleme sind lösbar.“

Die E-Mail von Ulrich Kutschera. (Screenshot: CORRECTIV)

Es sind nicht 500 Wissenschaftler

Wir haben die Liste systematisch nach bestimmten Begriffen durchsucht, um herauszufinden, welchen Fachgebieten die Personen angehören. 

Die Suche zeigt: Von den 500 sind längst nicht alle Wissenschaftler. Zum Beispiel Campbell Rankine aus Australien ist Rechtsanwalt, spezialisiert auf Steuerrecht. Reynier Pronk aus den Niederlanden wird bezeichnet als „ehemaliger IT-Manager, Berater für Projektmanagement und Trainer“. Christopher Monckton ist ehemaliger Politiker, unter anderem mit Verbindungen zur britischen Ukip-Partei. Und Marcel Crok, Mitgründer der niederländischen Stiftung Clintel, ist laut der Liste ein Journalist. 

Andere Unterzeichner haben zwar akademischen Hintergrund, jedoch nicht in naturwissenschaftlichen Fächern – wie Drieu Godefridi aus Belgien („Doktor in Jura“), Jean-Pierre Bardinet aus Frankreich („Ingenieur“) oder Marian Radetzki aus Schweden („emeritierter Professor für Wirtschaft, Luleå Universität“). 

Insgesamt werden 179 Personen in der Liste als „Professor“ bezeichnet. CORRECTIV ist es nicht möglich, die Qualifikation von allen zu überprüfen. 

Um herauszufinden, wie viele sich – nach den Angaben in der Liste – vollständig und wissenschaftlich auf das Thema Thema Klima spezialisiert haben, suchten wir nach dem Wort „Klimatologie“ auf verschiedenen Sprachen (Englisch: „climatology“ / Spanisch oder Italienisch: „climatologia“). Die Suche förderte fünf Treffer zutage. Davon sind zwei Personen bereits im Ruhestand.

  • Jacques Colombani, ehemals bei Orstom beschäftigt, einer französischen Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (heute: French National Research Institute for Development). Eine Suche bei Google Scholar zeigt, dass Colombani sich in den 70ern und 80ern mit Wasser- und Bodenuntersuchungen in Afrika beschäftigte, zum Beispiel erforschte er, ob der See Tschad vom Austrocknen bedroht sei. 
  • Werner Kirstein, ehemaliger Professor für Geographie an der Universität Leipzig. Zu seinem Namen findet man bei Google Scholar nur auf der Seite von Eike wissenschaftliche Publikationen zum Thema Klimawandel.
  • Joseph S. D’Aleo, ein Meteorologe aus den USA, Berater für die Lobby-Organisation Heartland Institute).
  • Adriano Mazzarella, ein Physiker und Professor am Institut für Erd-, Umwelt- und Ressourcenwissenschaften der Universität Neapel.
  • Gerrit J. van der Lingen, ein niederländischer Geologe, unter dessen Namen man bei Google Scholar keine Arbeiten über den Klimawandel findet, dafür aber Texte über Erdplattenverschiebungen und Sedimente.

Eine weitere Suche nach dem Wort „climate“ in dem Dokument führt zu 46 Personen. Davon werden nur 13 explizit als Naturwissenschaftler bezeichnet, und davon wiederum seien mindestens sieben im Ruhestand. Die anderen seien zum Beispiel Journalisten, Publizisten, Ökonomen oder Ingenieure. Manche werden ohne weitere Erklärungen als „climate researcher“ bezeichnet.

Was außerdem auffällt: Viele Personen in der Liste sind bereits im Ruhestand: Die Suche nach „Emeritus“ ergibt 72 Treffer. Eine weitere Suche nach „retired“ (im Ruhestand) erzielt 59 Treffer.

Update, 14. Oktober 2019: Wir haben zwei Angaben zu Fritz Vahrenholt ergänzt. Zum einen zu seinen Ansichten über den CO2-Einfluss, zum anderen über seine Tätigkeiten im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es handelt sich nicht um 500 Wissenschaftler. Zudem lassen die Aussagen im Brief teils Kontext zu bisheriger Forschung oder der Einschätzung offizieller Stellen aus und sind deshalb irreführend.

Bewertung: teilweise falsch

Nein, Angela Merkel hat auf dem CDU-Parteitag 2003 nicht von „Gefahr von Parallelgesellschaften“ gesprochen

Screen Shot 2019-10-09 at 10.21.11
weiterlesen 6 Minuten
Screen Shot 2019-10-09 at 10.21.11
Wie genau hat sich Angela Merkel 2003 auf dem Parteitag der CDU ausgedrückt? (Quelle: Phoenix (Videostill) / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Seit das Thema Zuwanderung in Deutschland im Fokus steht, wird häufig ein angebliches Zitat von Angela Merkel aus einer Rede auf dem Parteitag der CDU 2003 verbreitet. Darin spricht sie sich für eine Begrenzung von Zuwanderung aus. Der genaue Wortlaut war jedoch anders, als im Netz verbreitet wird. 

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 19. September ein Foto von Angela Merkel, auf dem das folgende Zitat zu lesen ist: 

„Manche unserer Gegner können es sich nicht verkneifen, uns in der Zuwanderungsdiskussion in die rechtsextreme Ecke zu rücken, nur weil wir im Zusammenhang mit der Zuwanderung auf die Gefahr von Parallelgesellschaften aufmerksam machen. Das, liebe Freunde, ist der Gipfel der Verlogenheit, und eine solche Scheinheiligkeit wird vor den Menschen wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Deshalb werden wir auch weiter eine geregelte Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung fordern.” 

Darunter steht, Angela Merkel habe dies 2003 gesagt. Der Beitrag wurde mehr als 1.200 Mal geteilt. Das Zitat wird seit einigen Jahren immer wieder verwendet, zum Beispiel zitierte es der damalige AfD-Chef Bernd Lucke in einer Rede, um zu zeigen, wie Angela Merkel ihre Position zur Zuwanderung verändert habe – davon gibt es ein Video

CORRECTIV-Recherchen zeigen jedoch: Zwar hat Merkel 2003 auf dem Parteitag der CDU eine Begrenzung von Zuwanderung gefordert. Das Zitat hat sie jedoch nicht so gesagt. Es stammt wahrscheinlich aus ihrem Rede-Manuskript, von dem sie aber dann abwich. 

Der Facebook-Beitrag vom 19. September. (Screenshot am 27. September: CORRECTIV)

Das Zitat aus dem Facebook-Beitrag lässt sich über Google leicht finden: Es steht in einem Artikel der Zeit, der angeblich die Rede von Angela Merkel auf dem 17. Parteitag der CDU vom 1. bis 2. Dezember 2003 in Leipzig in Gänze wiedergibt.

Das Zitat in dem mutmaßlichen Rede-Transkript der “Zeit”, inklusive Kontext. (Screenshot am 20. September 2019: CORRECTIV)

Allerdings fällt auf, dass der Zeitstempel des Artikels nicht passt: Er zeigt den 23. Juli 2003 an, also Monate vor dem Parteitag. Zudem steht über der Rede „Es gilt das gesprochene Wort“, was darauf hindeutet, dass es sich um ein Manuskript und keine wörtliche (nachträgliche) Abschrift der Rede von Angela Merkel handelt. 

Eine Pressesprecherin der Zeit teilte CORRECTIV in einer E-Mail mit, die genaue Herkunft des Textes sei viele Jahre später nicht so einfach nachvollziehbar. „Aktuell gehen wir davon aus, dass unsere Version der Rede von der Homepage der CDU übernommen wurde, garantieren können wir es jedoch nicht. […] Dass der Zeitstempel auf Juli 2003 verweist, hat möglicherweise technische Ursachen.“ 

Protokoll des Parteitags zeigt andere Wortwahl und weniger scharfen Ton

Wir haben nach einer Abschrift der tatsächlichen Rede gesucht. Auf einer archivierten Version der Webseite der CDU findet sich nur eine Zusammenfassung mit Auszügen aus Angela Merkels Rede 2003. Sie weist zwar große Übereinstimmung mit der Rede auf der Webseite der Zeit auf, das Zitat über Zuwanderung ist aber nicht dabei. 

Die Pressesprecherin der CDU, Isabelle Fischer, verweist uns auf das Protokoll des Parteitags, das im Archiv der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zu finden ist. Dort findet sich auf den Seite 32 und 33 die Passage, in der Merkel über Zuwanderung spricht. Das Protokoll weicht jedoch stark von dem Text des Zeit-Artikels ab. 

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Merkel sagte laut Protokoll: „Wir erleben es doch in vielen sachpolitischen Diskussionen: Kaum einer kann sich doch verkneifen, uns in der Zuwanderungsdiskussion sofort in eine rechte Ecke zu stellen. Ich habe über die Fragen ‘Wie empfinden Menschen ihr persönliches Leben?’ und ‘Glauben sie, dass es gerecht zugeht?’ gesprochen. Man muss natürlich darüber sprechen, dass es den Missbrauch des Asylrechts gibt. Man muss natürlich sagen: Die Folge können nur Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung sein. Alles andere wird in der Bevölkerung keine Akzeptanz finden. Deshalb kämpfen wir, unter anderem Peter Müller, Wolfgang Bosbach, für unseren Weg, ganz hart und ganz entschieden.“

Auszug aus dem Parteitags-Protokoll aus dem Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Formulierung, die CDU weise „auf die Gefahr von Parallelgesellschaft hin“ findet sich im Protokoll nirgends. Auch dass Merkel von „Verlogenheit“ oder einem „Gipfel der Scheinheiligkeit“ ihrer Kritiker gesprochen habe, steht dort nicht. 

Um zu prüfen, ob das Protokoll stimmt, haben wir uns die Original-Videoaufnahmen der Rede von Phoenix angefragt. Der Sender stellte sie uns zur Ansicht zur Verfügung. Das Video zeigt, dass das Protokoll das, was Merkel sagte, korrekt wiedergibt. Sie sagte demnach wörtlich:

„Denn wir erleben es doch in vielen sachpolitischen Diskussionen, es kann sich doch kaum einer verkneifen, dass wir in der Zuwanderungsdiskussion sofort in eine rechte Ecke gestellt werden sollen. Meine Damen und Herren, liebe Freunde, ich habe über die Frage gesprochen: Wie empfinden Menschen ihr persönliches Leben? Glauben sie, dass es gerecht zugeht? Und da muss man natürlich darüber sprechen, dass es den Missbrauch des Asylrechts gibt. Da muss man natürlich sagen, die Folge kann nur sein: Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung. Alles andere wird keine Akzeptanz in der Bevölkerung finden, und deshalb kämpfen wir dafür – Peter Müller, Wolfgang Bosbach – ganz hart und ganz entschieden.“

Fazit

Das Zitat, das in dem Artikel der Zeit zu finden ist und das auf Facebook verbreitet wird, ist nicht das Original. Angela Merkel sagte auf dem CDU-Parteitag 2003 etwas ähnliches, aber wählte nicht diese Worte. Sie spricht sich aufgrund eines angeblichen Missbrauchs des Asylrechts für eine „Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung“ aus. Ihre Wortwahl ist jedoch wesentlich weniger scharf und erweckt somit einen weniger aggressiven Eindruck.

Weshalb die Zeit einen Text veröffentlicht hat, der nicht mit der Original-Rede von Angela Merkel übereinstimmt, ist unklar. Unserer Bitte, herauszufinden, wer das Rede-Manuskript verfasst hat und ob es an die Presse herausgegeben wurde, ist die CDU-Pressestelle trotz wiederholter Nachfragen nicht nachgekommen. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Angela Merkel hat dieses Zitat nicht wörtlich so gesagt, sich aber für eine Begrenzung von Zuwanderung ausgesprochen.