Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch behauptet in einem BBC-Interview, Deutschland sei unsicherer geworden.© Philipp Guelland / AFP

von Cristina Helberg

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch behauptet in einem BBC-Interview, Deutschland sei unsicherer geworden, Morde, Vergewaltigungen und Gewaltverbrechen hätten zugenommen. Das stimmt im langfristigen Vergleich nicht.

„Die Zahl von Fahrraddiebstählen nimmt dramatisch ab. Deshalb gehen die allgemeinen Zahlen runter. Morde und Vergewaltigungen nehmen aber zu“, behauptete Beatrix von Storch in einem Interview mit dem britischen Fernsehsender BBC am 19. Juni 2018. Darauf beharrt die AfD-Politikerin auch, als BBC-Journalistin Emily Maitlis sie mit den Zahlen aus der im Mai vorgestellten deutschen Kriminalstatistik für das Jahr 2017 konfrontiert. Im Mai 2018 hatte Innenminister Horst Seehofer (CSU) die niedrigste Zahl an verübten Straftaten seit 1992 für das vorherige Jahr vermeldet.

„Das sind Fake News, zu sagen die Zahlen seien insgesamt gesunken. Damit wird so getan, als sei unser Land sicherer geworden und das ist es nicht“, wirft Beatrix von Storch der BBC-Journalistin Emily Maitlis vor, die sich auf die Kriminalstatistik beruft. Bei der Pressekonferenz hatte Innenminister Horst Seehofer im Mai 2018 jedoch genau das deutlich gesagt: „Deutschland ist sicherer geworden“.

Seehofer betonte außerdem: „Die Zahl der in Deutschland verübten Straftaten ist mit etwa 5,76 Millionen Fällen die niedrigste seit 1992. Noch deutlicher zeigt sich die sinkende Kriminalität bei Betrachtung im Verhältnis zur Bevölkerungszahl: Die Häufigkeit von unter 7.000 Fällen pro 100.000 Einwohner wurde sogar im 30-jährigen Vergleich nie erreicht.”

Auch ein Blick in die Tabellen der Kriminalstatistik belegt: Beatrix von Storch hat im langfristigen Vergleich unrecht.

Gewaltverbrechen nehmen um 2,4 Prozent ab

Gewaltkriminalität nahm laut der Kriminalstatistik 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 2,4 Prozent ab. 188.946 Fälle wurden 2017 registriert. Zu Gewaltkriminalität zählen unter anderem Mord, Totschlag, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Raub und Körperverletzung.

Um die Zahl verschiedener Straftaten über Jahre zu vergleichen, veröffentlicht das Bundeskriminalamt außerdem jährlich sogenannte Zeitreihen der Polizeilichen Kriminalstatistik. Über einen längeren Zeitraum wird dort die Häufigkeit einzelner Straftaten verglichen – seit 1987 bis heute. Insgesamt war 2017 mit 5.761.984 erfassten Straftaten das Jahr mit den wenigsten verübten Straftaten insgesamt seit 1992.

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Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

Dieses Argument möchte Beatrix von Storch jedoch nicht gelten lassen. Sie behauptet, die allgemeinen Zahlen seien nur durch einen deutlichen Rückgang der Fahrraddiebstähle und Diebstähle gesunken. Die Zahl von verübten Morden, Vergewaltigungen und allgemeinen Gewaltverbrechen sei dagegen angestiegen.

Auch diese Straftaten vergleicht das BKA in seiner Statistik seit 1987. Wie hat sich die Häufigkeit dieser Taten seit 1987 entwickelt?

Straftat: Mord und versuchter Mord

Für versuchte Morde und Morde bewegt sich die Zahl der registrierten Fälle seit 1987 zwischen 630 (niedrigster Wert im Jahr 2012) und 1.299 (höchster Wert 1993). 2017 lag die Zahl bei 785 Fällen, davon waren 443 versuchte Morde. Zwischen 1993 und 1996 lag sie durchweg deutlich höher. Es ist zu beachten, dass der Anteil der versuchten Morde an diesen Zahlen durchweg zwischen 45,9 und 59,5 Prozent liegt.

Seit 2015 ist die Zahl der Morde und versuchter Morde gestiegen. Sie liegt aber noch immer deutlich unter den Höchstwerten von 1993 bis 1996.

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Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

 

Straftat: Morde im Zusammenhang mit Sexualdelikten

Die Zahlen zu Morden im Zusammenhang mit Sexualdelikten widersprechen deutlich den Aussagen von Beatrix von Storch. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt acht Fälle registriert, davon waren drei versuchte Morde. Das ist der niedrigste Wert seit 2013 mit sechs Fällen (davon 4 Versuche).

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Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

Straftat: Sonderfall Vergewaltigungen

Bei Vergewaltigungen stieg die Zahl im Jahr 2017 deutlich auf 11.282 Fälle. Das ist der höchste Wert seit 1987. In diesem Fall stimmt die Aussage von Beatrix von Storch. Es gibt aber eine Erklärung für den Anstieg.  

Der Deutsche Bundestag beschloss im Juli 2016 eine Verschärfung des Sexualstrafrechts. Seit Herbst 2016 gilt nun die „Nein-heißt-Nein“-Regelung. Seitdem wird bestraft, wer gegen den erkennbaren Willen einer Person handelt.  Ein „erkennbarer Wille“ muss verbal oder beispielsweise durch Weinen oder Körpersprache ausgedrückt werden.

Zuvor hätte der Täter Gewalt anwenden oder androhen müssen, damit es zu einer Verurteilung wegen eines Sexualdeliktes gekommen wäre. Neu eingeführt wurde außerdem der Straftatbestand der sexuellen Belästigung. Strafbar macht sich nun auch, wer eine andere Person zum Beispiel begrapscht. Das bedeutet konkret: Mittlerweile sind Fälle erfasst, die vorher nicht geahndet wurden.

„Das Delikt der Vergewaltigung eignet sich derzeit mit Abstand am schlechtesten für eine Trendaussage“, erklärt der Kriminologe Dirk Baier gegenüber EchtJetzt. Die Gesetzesänderung bedeute, dass Verhaltensweisen kriminalisiert werden, die es früher nicht waren und dies wiederum erhöht die Fallzahlen in der Kriminalstatistik.

Hinzu kommt laut Baier ein weiteres Problem. Vergewaltigungen seien ein Delikt mit niedriger Anzeigerate. Steige die Anzeigenbereitschaft der Opfer, etwa weil sie sich durch gesellschaftliche Debatten öfter trauen Anzeige zu erstatten, dann steigen auch die Fallzahlen in der Kriminalstatistik. Das muss im Umkehrschluss jedoch nicht bedeuten, dass es tatsächlich zu mehr Übergriffen gekommen ist.

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Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer betont, dass die steigenden Fallzahlen bei Vergewaltigungen und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung nur logisch seien. „Das Sexualstrafrecht ist radikal verschärft worden. Das führt zwangsläufig zu einem Anstieg der Fallzahlen. 2017 ist mit 2016 deshalb in diesem Fall überhaupt nicht zu vergleichen“, sagt der Kriminologe Pfeiffer im Gespräch mit EchtJetzt.  

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Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

Straftat: Überfallartige Vergewaltigung durch Einzeltäter

Bei den überfallartigen Vergewaltigungen von Einzeltätern war die Zahl 2017 mit 946 Fällen so niedrig wie nie zuvor seit 1987.

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Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

Straftat: Überfallartige Gruppenvergewaltigungen

Auch für überfallartige Gruppenvergewaltigungen lässt sich kein außergewöhnlicher Anstieg in den letzten Jahren nachweisen. Im Gegenteil. 2017 wurden 122 Fälle registriert. Zuletzt war die Zahl nur im Jahr 1987 niedriger.

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Quelle: Grafik von CORRECTIV basierend auf Polizeiliche Kriminalstatistik, Grundtabelle ab 1987

„Leider geht diese geschilderte positive Entwicklung nicht einher mit dem subjektiven Sicherheitsgefühl der Bevölkerung“, bemerkte Innenminister Horst Seehofer, als er die Kriminalstatistik im Mai auf einer Pressekonferenz vorstellte. Dass das so ist, dafür sorgen auch Aussagen wie die von Beatrix von Storch.

Unsere Bewertung:
Die Aussage ist teilweise falsch. Insgesamt waren die Zahlen von Straftaten im Jahr 2017 auf dem niedrigsten Niveau seit 1992. Die Zahl registrierter Sexualstraftaten stieg jedoch deutlich an, wegen einer Verschärfung des Sexualstrafrechts im Jahr 2016.

Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington.
Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington. (Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

Eine Gruppe Mediziner, die sich „America’s Frontline Doctors“ nennen, ziehen weltweit Aufmerksamkeit mit der unbelegten Behauptung auf sich, Covid-19 könne mit dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin geheilt werden. Ärztin Stella Immanuel verbreitet schon seit Jahren unwissenschaftliche Mythen.

In weißen Kitteln steht eine Gruppe Menschen vor dem US Supreme Court in Washington. Sie nennen sich America’s Frontline Doctors und sprechen davon, dass niemand an Covid-19 erkranken müsse. Es gebe ein Heilmittel, das Erkrankte gesund mache und Gesunde präventiv vor einer Erkrankung schütze: Hydroxychloroquin. Alle Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus seien zudem hinfällig und nutzlos. 

Hydroxychloroquin ist ein Medikament, das gegen Malaria eingesetzt wird, entzündungshemmend wirkt und auch gegen rheumatologische Erkrankungen helfen soll. Doch: Seit Monaten warnen Ärzte und Wissenschaftler vor der Einnahme von Hydroxychloroquin in Zusammenhang mit Covid-19. Es gibt keine Belege, dass es zur Behandlung der Krankheit geeignet ist. Das Video der „Frontline Doctors“ verbreitete sich trotzdem rasant in mehreren Ländern auch weil sich prominente Unterstützer fanden.

Am 27. Juli war die rechtspopulistische Nachrichtenseite Breitbart News laut Medienberichten live auf Facebook und übertrug die Pressekonferenz der „Frontline Doctors“. Unterstützt wurde die Veranstaltung von den „Tea Party Patriots“, einer rechtskonservativen politischen Organisation. Der Republikaner Ralph Norman eröffnete die Pressekonferenz. 

Youtube, Facebook und Twitter löschten Videos der „America’s Frontline Doctors“

Auch wenn das Video der Pressekonferenz mittlerweile von Youtube gelöscht wurde, findet sich auf dem Youtube-Kanal der „Tea Party Patriots“ noch ein über dreistündiges Video des sogenannten Gipfeltreffens der „Frontline Doctors“. Das Video tauchte auch in Deutschland auf: Die Pressekonferenz ist auf der Webseite „Corona-Datencheck“ zu finden. Ein Ausschnitt des Videos findet sich unter anderem mit deutscher Beschreibung auf der Plattform Bittube. Das Video dort trägt das Logo der Jugendorganisation „Turning Point USA“, die Donald Trump im Wahlkampf nahesteht.  

Nicht nur auf Youtube wurden die Videos der Pressekonferenz gelöscht, auch Facebook und Twitter löschten laut Medienberichten Posts, die Videos der „Frontline Doctors“ verbreiteten ­ darunter auch Tweets von US-Präsident Donald Trump und seinem Sohn Donald Trump Jr.. Auch Musikerin Madonna, die laut den Berichten schon häufiger Falschinformationen während der Corona-Pandemie verbreitete, veröffentlichte Botschaften der Gruppe und bezeichnete Stella Immanuel, eine der Ärztinnen im Video, als ihre Heldin

Facebook begründete die Löschung der Videos dem US-Nachrichtensender CNN zufolge damit, dass das Video falsche Informationen über die Heil- und Behandlungsmöglichkeiten von Covid-19 verbreite. Bevor das Facebook-Live-Video auf Breitbart News von Facebook gelöscht wurde, sei es mehr als 20 Millionen Mal angeklickt worden, schreibt NBC-Reporterin Brandy Zadrozny auf Twitter

Donald Trump verteidigte erneut den Einsatz von Hydroxychloroquin gegen Covid-19

Auf einer Pressekonferenz des Weißen Hauses am 28. Juli verteidigte Donald Trump die Tatsache, dass er das Video und das Statement einer der auftretenden Ärztinnen, Stella Immanuel, geteilt hatte: Sie sagte, sie habe enormen Erfolg bei hunderten von verschiedenen Patienten und ich hielt ihre Stimme für eine wichtige Stimme, aber ich weiß nichts über sie. Erneut betonte er, dass er selbst 14 Tage lang im Mai präventiv Hydroxychloroquin eingenommen habe und es ihm gut gehe. Immer wieder pries Donald Trump in den vergangenen Monaten das Malaria-Medikament als Heilmittel gegen Covid-19 an.

Doch wer sind die „Frontline Doctors“? Die Webseite der Gruppierung ist inzwischen nicht mehr verfügbar. Sie sei vom Website-Host Squarespace am 28. Juli gelöscht worden, schreibt eine der Ärztinnen auf Twitter. In der archivierten Version der Webseite ist zu lesen, dass die Mediziner ankündigten, einen Weiße-Kittel-Gipfel abzuhalten, um „die Amerikaner zu ermächtigen, nicht länger in Angst zu leben“. Die US-Bürger seien angeblich Opfer einer „massiven Desinformationskampagne“ geworden. Spätestens bei dem öffentlichen Auftritt am vergangenen Montag vor dem Supreme Court wurde deutlich, dass es ihnen dabei um den Umgang mit der Corona-Pandemie ging. 

Ärztin Stella Immanuel behauptet, Hunderte Covid-19-Patienten mit Hydroxychloroquin geheilt zu haben

Besonders eindrücklich sind dabei die Worte von Stella Immanuel. Sie gibt an, Ärztin in Houston, Texas zu sein und Medizin in Nigeria studiert zu haben. Bei der Liveübertragung vor dem Supreme Court redete sie sich regelrecht in Rage: Ich habe persönlich mehr als 350 Menschen mit Covid behandelt. Patienten, die die Diabetes haben, die Bluthochdruck haben, Patienten die Asthma haben. Ich habe ihnen Hydroxy gegeben, ich habe ihnen Zink gegeben, ich habe ihnen Zithromax gegeben, und es geht ihnen allen gut. 

Zudem habe sie sich selbst, medizinischen Angestellten und vielen anderen Ärzten auch Hydroxychloroquin zur Prävention gegeben. Niemand müsse krank werden, niemand müsse sterben, sagt Immanuel: Für dieses Virus gibt es Heilung. Und das sind Hydroxychloroquin, Zink und Zithromax. 

Studien, die vor Hydroxychloroquin warnten, seien gefälschte Wissenschaft und das Tragen von Schutzmasken und Abstandhalten bringe nichts, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, behauptet Immanuel weiter. Belege für diese Behauptungen liefert sie keine.

Seit Monaten gibt es Diskussionen über die Anwendung des Malaria-Medikaments im Kampf gegen Covid-19

Zu Beginn der Corona-Pandemie häuften sich weltweit Meldungen, das Malaria-Medikament könne bei der Behandlung von Covid-19 helfen. So hatte die U.S. Food and Drug Administration (FDA), die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, im März eine Notfallgenehmigung für den Einsatz von Hdydroxychloroquin und Chloroquin zur Behandlung von Covid-19 erteilt. 

Auch in anderen nicht-europäischen Ländern wurden ähnliche Regelungen erlassen, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in einem Hinweispapier zum Umgang mit Covid-19-Erkrankten schreibt. Doch die Entscheidung fußte laut der Behörde lediglich auf Einzelfallberichten und Beobachtungsanalysen, die zu uneinheitlichen Ergebnissen führten, was die Sicherheit und Wirksamkeit von Hydroxychloroquin anbelangt. 

Im Mai sorgte dann eine Studie für Aufsehen, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht worden war. Dort wurde nicht nur die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin in Frage gestellt, sondern behauptet, das Medikament würde schwere Nebenwirkungen hervorrufen und das Sterberisiko erhöhen. Die Studie wurde massiv kritisiert, drei der vier Autoren gaben laut Medienberichten ihren Rückzug aus der Studie bekannt.  

Trotz Zweifeln an der Zuverlässigkeit der zugrundeliegenden Daten führte die Studie jedoch zum Widerruf der Notfallgenehmigung im Juni durch die FDA, wie das RKI schreibt

Inzwischen wurden einige klinische Studien zu Hydroxychloroquin wieder aufgenommen, wie auch in einem Papier des RKI zur Erkennung, Diagnostik und Therapie von Covid-19 vom 22. Juli zu lesen ist (Seite 12).

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht keine Belege für eine Wirksamkeit von Hydroxychloroquin zur Behandlung von Covid-19. Auch die WHO rät von einer Einnahme ab, weil sie gefährliche Nebenwirkungen hervorrufen und sogar zum Tod führen könne.

Laut Stella Immanuel löschte Facebook ihre private Seite

Zahlreiche Medien berichten davon, dass Stella Immanuel dubiose, unwissenschaftliche Überzeugungen vertrete und verbreite. 

Immanuel arbeitet im Rehoboth Medical Centre in Houston, Texas. Online zu finden ist lediglich eine Facebook-Seite der Privatklinik, Facebook löschte die private Seite der Ärztin offenbar. Auf Twitter schrieb sie dazu: Wenn meine Seite nicht wiederhergestellt wird, wird Facebook im Namen Jesu zusammenbrechen. In ihrer Twitter-Biografie schreibt sie über sich selbst, sie sei unter anderem Ärztin, Autorin, Rednerin sowie Gottes Streitaxt und Kriegswaffe”. 

Immanuel verteufelt Masturbation und glaubt an Dämonen sowie Reptilien, die die Welt regieren

Außerdem predigt sie in der Fire Power Ministry. Dahinter verbirgt sich offenbar eine missionarische, religiöse Organisation. Die Website der Organisation ist nur in einer archivierten Version verfügbar. Aber auf Immanuels Youtube-Kanal finden sich seit 2009 Videos, in denen sie beispielsweise 2011 behauptete, wer masturbiere und Sexträume habe, rufe Dämonen, was wiederum die Ursache für zahlreiche gynäkologische Krankheiten sei.

Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)
Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

2015 behauptete sie in einem Video, DNA von Aliens werde in medizinischen Behandlungen genutzt. Wissenschaftler würden einen Impfstoff entwickeln, um Menschen daran zu hindern, religiös zu sein und Reptilien säßen anstatt Menschen in der Regierung. Auch verbreitete sie die Behauptung, Illuminati und Dämonen würden die Weltordnung bestimmen. Lediglich die Kirche habe den Auftrag, diese Rolle zu übernehmen. Der Glaube daran, dass „Reptiloide“, also Echsenmenschen, die Länder der Welt anführen würden, ist ein Verschwörungsmythos. 

Fazit: Unbelegte Heilsversprechen einer umstrittenen Ärztin

Seit Beginn der Pandemie wird an der Wirksamkeit und den Folgen der Behandlung mit Hydroxychloroquin bei Covid-19-Patienten weltweit diskutiert und geforscht fest steht bislang, dass die Anwendung des Medikaments keine Wirksamkeit bei der Heilung oder Prophylaxe gegen das Coronavirus zeigt. 

Für die Behauptung von Stella Immanuel, sie habe Hunderte Patienten mit dem Medikament geheilt, gibt es keine Belege. Immanuel, deren Aussagen bei der Pressekonferenz der „Frontline Doctors“ auch im Weißen Haus diskutiert wurden, berief sich in der Vergangenheit bei vielen ihrer Äußerungen nicht auf wissenschaftlich fundierte Fakten, sondern auf religiöse Ansichten und verbreitete teils Verschwörungsmythen.

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Ein Corona-Test am 15. Juli in Sacramento in den USA. (Symbolbild: picture alliance/ZUMA Press)

von Cristina Helberg

In einem Artikel wird spekuliert, die Aufregung um das Coronavirus sei „ein riesiger Fake“. Denn in den USA könnten zehntausende Menschen fälschlich als Covid-19-Todesfälle deklariert worden sein. Damit solle die Sterberate angeblich „künstlich nach oben getrieben werden“. Für diese Schlussfolgerung gibt es keine Belege.

Die Webseite Schweizer Morgenpost behauptet in einem Artikel, dass in den USA zehntausende Menschen als „falsche Coronatote“ gezählt worden sein könnten. „In amerikanischen Städten und Bundesstaaten wird offenbar die Sterblichkeit unter den am Coronavirus erkrankten Menschen künstlich nach oben getrieben“, heißt es weiter. Zudem wird behauptet, es sei eine „bekannte Tatsache“, dass positiv auf das Coronavirus getestete Menschen auch dann als Coronatote zählen, wenn sie bei einem Unfall oder durch andere Erkrankungen sterben würden. 

Der Artikel vom 21. Juli wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 2.600 Mal geteilt. Die Webseite Schweizer Morgenpost hat in der Vergangenheit wiederholt Falschmeldungen verbreitet, die wir geprüft haben. (Zum Beispiel hier, hier und hier)

Wir haben die Behauptungen zur Zählweise der Covid-19-Todesfälle in den USA geprüft. Es gibt keine Belege, dass die Zahlen viel zu hoch sind.

Anweisung des CDC widerspricht der Behauptung

Auf seiner Webseite schreibt das US-amerikanische Zentrum für Krankheitsbekämpfung und Prävention (CDC) deutlich: „Wenn COVID-19 als Todesursache auf dem Totenschein angegeben wird, wird die Angabe codiert und als Tod aufgrund von COVID-19 gezählt. COVID-19 sollte nicht auf dem Totenschein angegeben werden, wenn es den Tod nicht verursacht oder dazu beigetragen hat.“ Der Hinweis ist dort mindestens seit dem 28. Mai zu lesen, wie eine archivierte Version der Webseite zeigt. 

Schon am 3. April 2020 veröffentlichte das CDC außerdem eine detaillierte Anleitung, wie Totenscheine im Zusammenhang mit dem Coronavirus ausgefüllt werden sollen. Dort steht: „Zweck dieses Berichts ist es, Sterbebeglaubigern eine Anleitung für die ordnungsgemäße Bescheinigung der Todesursache in Fällen zu geben, in denen bestätigte oder vermutete Covid-19-Infektionen zum Tod geführt haben.“ Weiter wird in dem Dokument deutlich gemacht, dass im oberen, ersten Teil des Totenscheins die „unmittelbare Ursache für den Tod“ anzugeben sei. Bei einem tödlichen Unfall, wäre das demnach die tödliche Unfallverletzung und nicht eine eventuell vorliegende Coronavirus-Infektion. 

CDC weist auf mögliche spätere Änderungen hin 

Das CDC weist auf seiner Webseite außerdem daraufhin, dass es zwei Zählweisen der Covid-19-Todesfälle gibt, die voneinander zu unterscheiden sind. Zunächst laufen vorläufige Zählungen der Todesfälle bei der Behörde ein und werden veröffentlicht. Diese provisorischen Zählungen werden laufend überprüft und aktualisiert und können sich deshalb erhöhen oder verringern, wenn neue Daten zu Sterbeurkunden übermittelt wurden. Mit Stand 29. Juli 2020 zählte das CDC 148.866 Covid-19-Todesfälle in den USA.

Bundesstaat Washington änderte Zählweise im Juni 

Soweit die Anweisungen der Bundesbehörde. Allerdings wurden in einigen US-amerikanischen Bundesstaaten offenbar trotzdem eine Zeitlang alle positiv getesteten Personen automatisch zu den Covid-19-Todesfällen gezählt. Die Gesundheitsbehörde des US-Bundesstaat Washington veröffentlichte am 20. Juni eine Ankündigung, die Zählweise zu ändern. „Bisher haben wir alle Menschen, die starben und zuvor positiv auf Covid-19 getestet wurden, gezählt. Diese Methode identifiziert Personen, die das Virus hatten, sagt uns aber nicht, ob Covid-19 ihren Tod verursacht hat“, heißt es darin. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Als Grund für diese Vorgehensweise gibt die Behörde an, sie habe versucht, von Beginn des Ausbruchs an, Daten möglichst in Echtzeit zu veröffentlichen, um dem Gesundheitssystem und der Politik Zugang zu den aktuellsten Informationen zu ermöglichen. Der reguläre Prozess für die Erhebung der Daten dauere bis zu 18 Monate. 

Im Zuge der Umstellung der Zählweise Mitte Juni löschte die Behörde im Staat Washington am 17. Juni sieben Todesfälle aus der Corona-Statistik: zwei Suizide, drei Tötungsdelikte und zwei Todesfälle durch Überdosis. Außerdem wurden in der Statistik neue Kategorien eingeführt: „bestätigter Covid-19-Tod“, „große Wahrscheinlichkeit auf Covid-19-Tod“, „Verdacht auf Covid-19-Tod“ und „kein Corona-Tod“ (Beispiele dafür sind Mord, Überdosis, Selbstmord, Autounfall oder Krankheit mit klarem Ausschluss einer Covid-19-Erkrankung). 

Opfer eines Motorradunfalls in Florida als Covid-19-Todesfall gezählt?

Die Schweizer Morgenpost nennt in ihrem Artikel nur zwei Einzelfälle als angebliche Belege für „zehntausende“ falsch zugeordnete Todesfälle. Zum Beispiel den Fall eines Motorradunfalls in Florida: Ein dabei getöteter Mann sei wegen eines vorherigen positiven Corona-Tests als Coronatoter gezählt worden. Als Quelle bezieht sich die Seite auf die Berichterstattung des Fernsehsenders FOX35. Erst nach deren Berichterstattung sei der Mann von der Liste der Coronatoten genommen worden. 

Die US-Faktenchecker von Lead-Stories haben in einem Faktencheck analysiert, dass der Sender FOX35 den Fall aufgebauscht hatte. Die Faktenchecker schreiben: „Ein Beamter des öffentlichen Gesundheitswesens, den FOX35 mit den Worten aufzeichnete, er wisse nicht, ob der Tod des Motorradfahrers in die Covid-19-Zählung aufgenommen wurde oder nicht, ist nicht die Person, die die Todesursache bestimmt. Staats- und Bundesbeamte sagen, dass der Tod nicht zur Gesamtzahl der Todesfälle des Staates addiert wurde.“ 

Familie in Oklahoma streitet um Todesursache 

Außerdem verweist die Schweizer Morgenpost auf einen Bericht der Webseite The Oklahoman über einen Mann, der an Alzheimer erkrankt war und positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die Familie glaubt laut dem Bericht, er sei an Alzheimer gestorben, weil seine Coronavirus-Symptome schon abgeklungen waren. Auf seinem Totenschein gab ein Arzt jedoch das Coronavirus als Todesursache an. 

Aus diesen beiden Einzelfällen zieht die Schweizer Morgenpost den Schluss: „Mittlerweile befürchten viele Amerikaner, dass Zehntausende auf den Todeslisten stehen könnten, die zwar am Coronavirus erkrankt waren, aber nicht daran gestorben sind. Das könnte auch in Europa der Fall sein und das Chaos um das Virus als einen riesigen Fake entlarven.“ 

Sterbefallzahlen werden offenbar eher unterschätzt 

Auch wenn in Einzelfällen die Frage, ob Personen an oder mit dem Coronavirus gestorben sind, streitig sein kann, gibt es keinerlei Belege, dass „zehntausende Menschen“ in den USA falsch als Corona-Tote deklariert worden sein könnten und die Corona-Sterberate damit „künstlich“ nach oben getrieben werden soll. Stattdessen sind die US-Behörden offensichtlich darum bemüht, möglichst genaue Daten zu dokumentieren und arbeiten deshalb mit einem zweistufigen Verfahren. 

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In Deutschland werden vom Robert-Koch-Institut (RKI) auch Todesfälle in die Statistik aufgenommen, die nicht an, aber mit dem Virus gestorben sind. Wir haben einen ausführlichen Faktencheck dazu veröffentlicht. Eine Sprecherin des RKI teilte uns mit, Fälle, in denen ein Infizierter zum Beispiel durch einen Unfall sterbe, seien sehr selten, so dass die Statistik nicht verzerrt werde. Obduktionen von verstorbenen Covid-19-Patienten in Hamburg zeigen außerdem, dass die überwiegende Mehrheit tatsächlich an Covid-19 starb.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Todesfälle im Zusammenhang mit Corona eher unterschätzt werden. Das sagte zum Beispiel der RKI-Chef Lothar Wieler am 3. April, als er auf die Kritik an der Zählweise in einer Pressekonferenz angesprochen wurde.Für Italien bestätigen diese Vermutung auch erste wissenschaftliche Untersuchungen, die kürzlich veröffentlicht wurden. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass Corona-Todeszahlen in den USA „künstlich“ in die Höhe getrieben werden.

Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen
Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen (Symbolbild: Picture Alliance/ Robin Utrecht)

von Uschi Jonas

In mehreren Facebook-Beiträgen wird behauptet, der Corona-Test schädige die Blut-Hirn-Schranke und könne zu Infektionen im Gehirn führen. Das ist falsch. Ein Neurologe erklärt, warum.

Wer engen Kontakt zu einer mit Covid-19 infizierten Person hatte, Symptome zeigt oder in einer Risikoregion war, sollte sich auf das Coronavirus testen lassen. So sieht es die Nationale Teststrategie des Robert-Koch-Instituts (RKI) vor. 

Doch auf Facebook kursieren mehrere Beiträge (zum Beispiel hier, hier und hier), in denen behauptet wird, die Einführung des Stäbchens für den Test in die Nase würde eine hämato-enzephalitische Barriereschädigung der Schädeltiefe verursachen. Weiter wird behauptet, die Schädigung sei auch der Grund, weswegen das Einführen des Stäbchens schmerzen würde. Zudem diene der Test lediglich dazu, einen „direkten Eingang zum Gehirn für jede Infektion zu schaffen

Insgesamt wurden die Beiträge bislang mehr als 8.800 Mal auf Facebook geteilt. Recherchen von CORRECTIV zeigen: Die Behauptungen sind falsch. Durch den Abstrich für den sogenannten PCR-Test kann es zu keinen Verletzungen kommen. Dass das Einführen des Stäbchens schmerzhaft sein kann, liegt an der Empfindlichkeit der Nasenschleimhaut.

Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Für einen adäquaten Corona-Test empfiehlt das RKI Proben aus den oberen und tiefen Atemwegen

Um auf das Coronavirus zu testen, empfiehlt das Robert-Koch-Institut, dass möglichst Proben parallel aus den oberen und den tiefen Atemwegen entnommen werden. Diese dienen der PCR-Diagnostik zum direkten Erregernachweis. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion und ist eine Methode, die zur Diagnostik von Infektionskrankheiten eingesetzt wird.

Für die Entnahme der Proben schlägt das RKI jeweils verschiedene Möglichkeiten vor. Für die oberen Atemwege solle entweder ein Rachenabstrich (Oropharynx) oder ein Nasenrachenabstrich (Nasopharynx) oder eine Nasenrachenspülung erfolgen. Das Deutsche Ärzteblatt schreibt, dass die aktuelle wissenschaftliche Literatur zeige, dass ein Nasenrachenabstrich einem Rachenabstrich vorzuziehen sei, denn „die Erregerkonzentration im Abstrich des Nasenrachens (Nasopharynx) [ist] im Vergleich 10 bis 100-fach höher“.

Nasenrachenabstriche wurden auch 2018 bei der Diagnostik des Coronavirus MERS-CoV durchgeführt und sind auch bei Influenza üblich. Dafür müssen Tupfer entlang der Nasenscheidewand tief in die Nase bis zur Rachenwand eingeführt werden, dann dort wenige Sekunden belassen und in rotierender Bewegung herausgezogen werden, wie das RKI schreibt. 

Neurologe: Corona-Test birgt kein Verletzungsrisiko für Schädeldecke oder Gehirn

Wider den Behauptungen in den Facebook-Beiträgen sei daran nichts gefährlich, schreibt Peter Berlit, Neurologe und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, CORRECTIV in einer E-Mail. Schmerzhaft könne das Einführen des Stäbchens für den Nasopharynx-Abstrich zwar sein: Die Nasenschleimhaut ist empfindlich, vor allem bei Entzündungen. Aber der Test könne keinerlei Schaden verursachen, erklärt Berlit.

Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Eine wie in den Facebook-Beiträgen beschriebene „hämato-enzephalische Barriere“ gebe es nicht, so Berlit. „Es gibt eine Blut-Hirn-Schranke, die dafür sorgt, dass Blutbestandteile nicht in den Nervenwasser-Raum gelangen können.“ Diese befinde sich aber nicht in der Nase, erklärt der Neurologe. 

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Auch könne der Corona-Test keine Schädigung der Schädeldecke verursachen: Zwischen Gehirn und Nase sind unter anderem Knochen und Hirnhaut eine Schädigung durch Abstrichröhrchen ist unmöglich. 

Lediglich bei einer Verletzung der Schädelbasis, zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall, könne es zu einer Verbindung zwischen Nasen- und Nervenwasserraum kommen. Dies birgt das Risiko von Hirnhautentzündungen. Eine solche Beschädigung könne nur dann dazu führen, dass Bakterien ins Gehirn gelangen, wenn der Knochen kaputt sei und ein Leck entstehe nicht durch den Abstrich mit einem Stäbchen für den Corona-Test, sagt der Neurologe.

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Corona-Test kann keine Verletzung der Schädelbasis verursachen. Auch kann der Test nicht dazu führen, dass Bakterien direkt ins Hirn gelangen.

Bierstraße Mallorca
Aufnahme vom Sonntag, 12. Juli 2020: Dieses Pressefoto wurde vor dem Lokal „Las Palmeras“ in der „Bierstraße“ auf Mallorca gemacht. Die Absperrungen zur Straße waren an den Tagen zuvor dort noch nicht aufgestellt worden. (Foto: picture alliance/dpa/Clara Margais)

von Sarah Thust

Sind Medienberichte über Partys ohne Einhaltung der Corona-Regeln auf Mallorca gelogen? Unter anderem die Seite „Journalistenwatch“ behauptet, es habe gar keine Partys gegeben, die Darstellungen feiernder Touristen seien frei erfunden. Das stimmt nicht. 

Die Seite Journalistenwatch behauptet, Medien hätten die Berichte über feiernde Touristen auf Mallorca erfunden. Und in einem Video des Deutschland-Kurier suggeriert Youtuber Oliver Flesch ähnliches („Alles Quatsch!“ / „erstunken und erlogen“). Es wurde am 16. Juli auf Facebook hochgeladen und mehr als 4.600 Mal geteilt. Der Text von Journalistenwatch wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 800 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Vorwurf, die Medien hätten die Partys erfunden, ist falsch. Hauptsächlich geht es um die Nacht vom 10. auf den 11. Juli. In dieser Freitagnacht sind Videos und Fotos entstanden, die feiernde Touristen in der „Bierstraße“ auf Mallorca zeigen sollen. CORRECTIV konnte für einen anderen Faktencheck bereits mehrere dieser Aufnahmen verifizieren, darunter ein Foto der DPA und ein Instagram-Video

Wir haben die vier zentralen Behauptungen von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch einzeln überprüft. Sie sind größtenteils irreführend.

1. Behauptung: Die Darstellungen „zügellos feiernder Corona-Ignoranten“ sind frei erfunden

Journalistenwatch berichtete am 16. Juli, dass „die Darstellungen zügellos feiernder Corona-Ignoranten offenbar nicht nur überzogen, sondern frei erfunden“ seien. Belegt werden soll dieser Vorwurf mit einem Videokommentar von Schlagersänger Mickie Krause und veralteten Bildern, die in einigen Medien verwendet wurden (CORRECTIV hat darüber berichtet). 

Tatsächlich hat Schlagersänger Mickie Krause am 16. Juli ein Video auf Facebook gepostet und dazu geschrieben: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!“ In dem Video spricht er vor allem über die Ereignisse am Freitag, 10. Juli in Playa de Palma. Mickie Krause bestätigt in seinem Kommentar jedoch, dass einige Touristen auf Mallorca gefeiert haben und dies in einem Video zu sehen ist.

Mickie Krause Mallorca
Schlagersänger Mickie Krause kritisiert in einem Video die Berichterstattung einiger deutscher Medien über Mallorca. (Quelle: Facebook / Screenshot am 22. Juli: CORRECTIV)

Journalistenwatch stellt die Zitate des Schlagersängers so dar, als hätte dieser die Medienberichte als „erfunden“ bezeichnet. Tatsächlich sagt Mickie Krause in seinem Video: „Ja, am Freitag wurde in der Bierstraße gefeiert und es gibt ja dieses berühmt-berüchtigte Video. Aber ich kann nur sagen: Das ist eine Momentaufnahme, sicherlich haben dort die Leute Sicherheitsabstände nicht eingehalten, aber machen wir uns nichts vor, das war wirklich nur eine Momentaufnahme.“

Oliver Flesch war zum Zeitpunkt der Partys nicht in der „Bierstraße“ 

Für den Deutschland-Kurier hat Oliver Flesch ein Video aus Mallorca produziert. Es trägt den Titel: „Ausschweifende Partys auf Mallorca? Alles Quatsch!“ Darin suggeriert er, dass die Medien die Situation auf Mallorca falsch dargestellt hätten. Allerdings sagt er selbst: „Ich lebe ja in Cala Rajada, Cala Rajada ist siebzig Kilometer vom Ballermann entfernt, ich krieg davon also genauso viel oder genauso wenig mit wie ihr in Deutschland.“

Deutschlandkurier Mallorca
Deutschland-Kurier auf Facebook: Oliver Flesch sagt im Video, dass er im mehr als 70 Kilometer entfernten Ort Cala Rajada lebe. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Fotos und Videos einer Nacht zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In den Medienberichten ging es um das Wochenende vom 10. bis 12. Juli: Hunderte Menschen hatten demnach am Freitagabend in einer Straße an der Playa de Palma gefeiert und die Corona-Regeln ignoriert. Darüber hatte zuerst die Mallorca-Zeitung berichtet. 

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. Es gibt ein Pressefoto der Deutschen Presse-Agentur (DPA), das am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen wurde. „So steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der DPA auf Nachfrage von CORRECTIV.

Bierstraße Mallorca
Ein Foto der DPA zeigt die Bierstraße vor dem „Las Palmeras“ am Freitag, 10. Juli. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße“ zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck“ und dem Lokal „Et Dömsche“.

Bierstraße Mallorca Streetview
„Bierstraße“ bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Instagram-Video zeigt Szenen des Abends 

Ein Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und ein Instagram-Video vom 10. Juli zeigen ebenfalls Szenen auf der „Bierstraße“. 

CORRECTIV konnte das Instagram-Video in einem Faktencheck verifizieren. Es wurde laut Quelltext am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr veröffentlicht. Der Sprecher im Video sagt, dass es sich um ein Live-Video handele und es kurz vor der „Sierra Madre“ sei. Die „Sierra Madre“ ist eine tägliches Ritual um 23 Uhr auf der „Bierstraße“, bei dem die Menschen Wunderkerzen anzünden und gemeinsam das gleichnamige Lied singen. Das ist auch am Ende des Videos zu sehen. Ebenfalls mehrfach im Bild: das Lokal „Las Palmeras“.

Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße“. Das Restaurant „Deutsches Eck“ und das Restaurant „Al Faro“ sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras“ befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks“. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Abgleich des Instagram-Videos mit dem Bild der DPA vom 10. Juli bestätigt, dass es sich um Aufnahmen desselben Abends handelt. Mehrfach sind dieselben Personen mit derselben Kleidung zu sehen. Besonders auffällig: eine Frau mit einem roten Top und ein Mann in einem bunt-gemusterten Oberteil. 

Collage Instagram-Video und DPA-Foto
Links oben das Foto der DPA, daneben und darunter sind Screenshots aus dem Instagram-Video zu sehen. (Quelle: DPA und Instagram / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten, sind also nicht – wie behauptet – frei erfunden, sondern stammen aus der „Bierstraße“ (Carrer de Miquel Pellisa). Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder dort aufgenommen wurden. Ein Augenzeuge hat CORRECTIV ebenfalls bestätigt, dass es in der Bar „Las Palmeras“ am 10. Juli voll wurde, aber auch kritisiert, einzelne Medien hätten die Situation „ausgenutzt“ und kurzzeitige Nadelöhre auf der Straße gefilmt. 

Wie viele Verstöße gegen die Corona-Regeln es am Abend des 10. Juli wirklich gab, kann abschließend nicht geklärt werden. Die Mallorca-Zeitung berichtet, dass die Polizei an diesem Abend nicht eingegriffen habe. CORRECTIV hat bei der Polizei Guardia Civil nachgefragt, hat jedoch bisher keine Antwort erhalten. Laut einer Pressemitteilung der Regierung der Balearischen Inseln wurden an jenem Wochenende Inspektionen an zehn Örtlichkeiten in Playa de Palma durchgeführt. Daraus ergaben sich fünf Sanktionsmaßnahmen im Bereich Playa de Palma wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen. 

Fazit: Die Behauptung, dass die Darstellungen von feiernden Touristen auf Mallorca frei erfunden seien, ist falsch. 

2. Behauptung: Die Medien erzählen eine „Mär“ vom „Corona-Hotspot“ Mallorca

Journalistenwatch unterstellt den Medien eine „konzertierte Kampagne“, in der eine „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ erzählt werde. Doch diese „Mär“ gibt es nicht.

Das Gegenteil ist der Fall: In zahlreichen Medienberichten, unter anderem bei T-Online und im Merkur, war zu lesen, dass Mallorca bisher kein „Corona-Hotspot“ sei. „Im Vergleich zum spanischen Festland stehen die Balearen weiterhin gut da“, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 24. Juli 2020.

Gesundheitsexperten forderten Quarantäne und Pflichttests für Mallorca-Urlauber

 Die Berichte von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch sind erschienen, nachdem Gesundheitsexperten angesichts der Bilder von feiernden Mallorca-Urlaubern Quarantäne und Pflichttests für deutsche Mallorca-Rückkehrer gefordert haben. Dies schlug unter anderem der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, vor. „Ein verrückter Urlauber am Ballermann kann doch nicht hinterher seine ganze Community gefährden“, sagte er dem Deutschlandfunk (Audio). Darüber haben auch Medien wie der Spiegel berichtet. Es ging darum, die Gefahr einer zweiten Infektionswelle in Deutschland zu reduzieren. Doch davon, dass Mallorca ein „Corona-Hotspot“ sei, war in den Medienberichten nicht die Rede.

Aktuelle Daten der balearischen Gesundheitsbehörde IB-Salut zeigen am 24. Juli insgesamt 2.333 Infektionsfälle auf den Balearen, davon 122 aktive Fälle, die mit PCR-Tests bestätigt worden sind. Regionale Corona-Schwerpunkte in Spanien liegen derzeit auf dem Festland, in Katalonien und Aragón, wie das Auswärtige Amt schreibt. Bisher verläuft die Corona-Pandemie für die Balearischen Inseln eher mild – und so wird es auch in den CORRECTIV bekannten Medienberichten dargestellt.

Fazit: Die „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ gibt es nicht. CORRECTIV ist kein Medienbericht bekannt, in dem Mallorca als „Corona-Hotspot“ bezeichnet wurde.

3. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Deutschland-Kurier-Reporter Oliver Flesch kritisierte die Medien im Text unter seinem Video: Diese hätten berichtet, „auf den Stränden hätten sie dicht an dicht wie Sardinen in der Sonne gebrutzelt“. Bei Journalistenwatch heißt es, dass teilweise Fotos von 2018 verwendet worden seien.  

In Einzelfällen kam es tatsächlich zu Fehlern in der Berichterstattung. CORRECTIV fiel zum Beispiel eine irreführende Zwischenüberschrift im Merkur auf, in der es hieß „Illegale Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’“, obwohl die feiernden Touristen in der „Bierstraße“ gefilmt wurden. Unter anderem von Focus-Online wurde ein Archivbild von einem überfüllten Strand verwendet, das nicht als Archivbild gekennzeichnet wurde. Wir haben bereits einen detaillierten Faktencheck dazu veröffentlicht. 

4. Behauptung: In den Aufnahmen sind keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen

Im Video-Bericht für den Deutschland-Kurier sagt Oliver Flesch, dass auf in den Medien veröffentlichten Bildern keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen seien: „Da war genügend Abstand.“ Er selbst spricht übrigens auch fälschlich von der „Schinkenstraße“ statt von der „Bierstraße“, wo die Bilder tatsächlich herkommen. 

Zum Hintergrund: Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen bereits am Abend des 10. Juli. Sie galt nur dort, wo kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. 

Das bereits erwähnte Instagram-Video vom 10. Juli zeigt jedoch deutlich, dass Mindestabstände auf der „Bierstraße“ teilweise aus Platzgründen nicht eingehalten werden konnten. Gelegentlich standen wartende Gruppen mitten auf der Straße, oder Straßenverkäufer sprachen Touristen an. Dadurch wurde es eng, und einige Gruppen schoben sich teils nah aneinander vorbei. Masken trugen nur wenige Menschen. Hinter dem „Las Palmeras“, dem „Deutschen Eck“ und dem „Et Dömsche“ war die Straße dann wieder leer.  

Menschen auf der Bierstraße Mallorca
Screenshots des Instagram-Videos am 21. Juli 2020: Sie zeigen, dass teilweise die Mindestabstände nicht eingehalten werden. (Quelle: Instagram / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

In seinem Video spricht Oliver Flesch außerdem von einer „erneuten Maskenpflicht“ auf Mallorca und suggeriert, diese sei auf die Partys zurückzuführen. Das ist ebenfalls nicht richtig. Es gab zwar ab dem 13. Juli eine Verschärfung der Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera). Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“.

Fazit: Die Menschen laufen in dem Video teilweise sehr nah aneinander vorbei. Wo im Freien zwei Meter Mindestabstand nicht eingehalten werden konnte, bestand auch am 10. Juli schon Maskenpflicht auf Mallorca.

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Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Vorwürfe von Journalistenwatch und dem Deutschland-Kurier sind größtenteils falsch; die Bilder von feiernden Touristen sind echt. Sie stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. 

Bei dieser Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Medien haben die feiernden Touristen auf Mallorca nicht erfunden und auch nicht von einem „Corona-Hotspot“ berichtet.

Dieses Bild zweier Artikel von Zeit Online soll zeigen, dass sich die Nachrichtenseite widerspricht - das stimmt aber nicht.
Dieses Bild zweier Artikel von Zeit Online soll zeigen, dass sich die Nachrichtenseite widerspricht - das stimmt aber nicht. (Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

In Messenger-Diensten kursiert ein Screenshot zweier Artikel der Nachrichtenseite Zeit Online über die Bildung von Geflüchteten. Es wird suggeriert, dass sich die Artikel inhaltlich selbst widersprechen. Das ist irreführend.

In den Messenger-Diensten Whatsapp und Telegram kursiert ein Foto, auf dem Titel und Teaser zweier Artikel der Nachrichtenseite Zeit Online gegenübergestellt werden. In dem Artikel mit dem Titel „Wie die AfD mit falschen Zahlen Vorurteile schürt“ wird die Aussage von Alice Weidel (AfD), dass zwei Drittel aller Flüchtlinge keine Schulausbildung hätten, als wissenschaftlich unbelegt eingestuft. 

Der andere Artikel (kostenpflichtig) trägt den Titel „,Zwei Drittel können kaum lesen und schreiben’“ und handelt laut Teaser davon, dass viele Geflüchtete laut einer Analyse eines Bildungsökonomen eine „miserable Schulbildung“ hätten. 

Die Gegenüberstellung beider Artikel in einer Collage suggeriert, dass Zeit Online sich selbst in den Artikeln inhaltlich widerspreche, beziehungsweise, dass der Artikel über Alice Weidel falsch sei. CORRECTIV hat das überprüft: Die Gegenüberstellung der Artikel führt in die Irre. Sie beziehen sich auf ganz unterschiedliche Daten. 

Aussagen in beiden Artikeln stammen nicht von Zeit Online

Es fängt an mit der Reihenfolge der Artikel in der Collage:. Das Erscheinungsdatum ist darin nicht sichtbar. Da der Text „Wie die AfD mit falschen Zahlen Vorurteile schürt“ links steht, wird suggeriert, er sei älter als „Zwei Drittel können kaum lesen und schreiben“. Tatsächlich erschien der Text über Alice Weidel jedoch 2017 – und das Interview mit dem Bildungsökonomen zwei Jahre vorher, nämlich 2015. Das löst den scheinbaren inhaltlichen Widerspruch aber nicht auf. CORRECTIV hat sich daher den Inhalt der Artikel genauer angeschaut.

Das Interview mit dem Bildungsökonomen Ludger Wößmann ist vom 19. November 2015. Der Titel ist in Anführungsstrichen geschrieben und bezieht sich damit auf ein Zitat Wößmanns über syrische Schüler in dem Interview. Zeit Online selbst stuft die Aussagen des Interviewpartners weder als richtig noch als falsch ein, sondern gibt sie nur wieder. 

Der Artikel über Alice Weidel von 2017 ist ein Gastbeitrag, und zwar von dem Integrationsforscher Herbert Brücker. Bei beiden Texten handelt es sich also nicht um Recherchen der Zeit-Online-Redaktion.

Wößmann bezog sich auf ältere Daten

In dem Interview bezog sich Wößmann unter anderem auf eine Studie zum Thema Grundkompetenzen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2015. Er sagte, dass in Syrien 65 Prozent der Schüler nicht den Sprung über das schafften, was die OECD als „Grundkompetenzen“ definiere. „Das heißt, dass zwei Drittel der Schüler in Syrien nur sehr eingeschränkt lesen und schreiben können, dass sie nur einfachste Rechenaufgaben lösen können.“

In der OECD-Studie steht tatsächlich (auf Seite 98), dass der Anteil der Schüler in Syrien, die weniger als 420 PISA-Punkte erreichen, 64,6 Prozent sei. 420 PISA-Punkte sind in dieser Studie die Grenze zwischen Level 1 und Level 2. In Deutschland liegt der Anteil der Schüler unter 420 Punkten laut OECD bei 16,1 Prozent (Seite 97). Diese Zahlen beziehen sich auf alle Menschen in Syrien und sagen über den Bildungsstand der Gruppe, die nach Deutschland gekommen ist, nur bedingt etwas aus.

Wößmann bezog sich zudem auf „ältere Zahlen“ der Bundesagentur für Arbeit, die zeigen sollen, dass rund zwei Drittel der Asylbewerber aus Kriegsländern keine berufsqualifizierende Ausbildung hätten. 

Auf unsere Anfrage schrieb uns Wößmann per E-Mail, dass er sich auf den Bericht des Bundesinstituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung „Flüchtlinge und andere Migranten am deutschen Arbeitsmarkt: Der Stand im September 2015“ bezogen habe. 

Dort steht tatsächlich in einer Tabelle (Seite 13, Tabelle 2), dass 71 Prozent der erwerbsfähigen und sozialversicherungspflichtigen Menschen aus Kriegs- und Krisenländern keine abgeschlossene Berufsbildung hätten. Das sind laut der Studie nicht nur Menschen aus Syrien, sondern auch aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia. Insgesamt 22 Prozent hatten keinen Hauptschulabschluss, und 32 Prozent machten keine Angabe zu ihrem Schulabschluss. 

 Alice Weidel bezog sich 2017 jedoch auf ganz andere Daten als die, die Wößmann nannte.

Alice Weidel nannte 2017 als Quelle eine Studie des Bundesinstituts für Berufsausbildung

In dem Gastbeitrag von Herbert Brücker vom 18. September 2017 geht es um eine Aussage von Alice Weidel. Die damalige AfD-Spitzenkandidatin soll im ZDF gesagt haben: „…wenn man sich die Zahlen des Bundesinstituts für Berufsausbildung anguckt, die sprechen eben eine deutliche Sprache und zwar, dass fast zwei Drittel der arbeitsuchenden Flüchtlinge eben nur nicht mal eine Schulausbildung haben.“ 

Wörtlich konnten wir das Zitat so nicht finden, aber in einem Youtube-Video der ZDF-Sendung „Wie geht’s Deutschland?“ (hier, ab Minute 40:45) vom 5. September 2017 ist zu sehen, dass Alice Weidel sagte, „60 Prozent“ der arbeitsuchenden Flüchtlinge seien laut den Zahlen des BIIB ohne Schulausbildung. 

Die Studie des Bundesinstituts für Berufsausbildung (BIIB) von 2017 ist im Internet nicht mehr zu finden. CORRECTIV hat sie sich daher vom BIIB zuschicken lassen. Darin steht, dass sich der Anteil der „unzureichend Gebildeten“ auf knapp 60 Prozent erhöhe, wenn man diejenigen „ohne Angabe“ zu ihrer Schulausbildung dazu zähle. Dies sei aufgrund fehlender Zeugnisse oder Unvergleichbarkeit der Bildungssysteme nicht unwahrscheinlich, heißt es in der Studie. 

Zahlen zeigen nicht, wie viele arbeitsuchende Geflüchtete keinen Schulabschluss haben 

Herbert Brücker unterzog jedoch diese Aussage einem Faktencheck und urteilte, sie sei falsch. Er schrieb, die BIIB-Studie habe sich auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bezogen. In dieser Statistik hätten 24 Prozent der befragten arbeitsuchenden Geflüchteten keine Angabe zu ihrer Schulausbildung gemacht. Daraus könne man nicht interpretieren, dass diese gar keinen Schulabschluss hätten. Denn nach dieser Logik müssten auch 23 Prozent der deutschen Erwerbspersonen keinen Schulabschluss haben. Laut Mikrozensus seien das jedoch nur vier Prozent.

Ein Ausschnitt aus dem Zeit Online-Faktencheck von Gastautor Herbert Brücker. (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt aus dem Zeit Online-Faktencheck von Gastautor Herbert Brücker. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die Bundesagentur für Arbeit mit, dass sich Brücker unter anderem auf die Daten der Statistik der Bundesagentur für Arbeit (Stand Juni 2017) bezogen habe. Dort heißt es in Tabelle 4 „Bestand an arbeitsuchenden und arbeitslosen Personen im Kontext von Fluchtmigration“, dass 490.208 Geflüchtete arbeitsuchend waren. 122.979 davon machten keine Angabe zu ihrem Schulabschluss. Das sind rund 25,1 Prozent (und nicht, wie Brücker schrieb, 24 Prozent).

Brückers Schlussfolgerung war dennoch richtig: Aus diesen Zahlen der Arbeitsagentur kann man nicht schließen, wie viele arbeitsuchende Geflüchtete insgesamt keinen Schulabschluss haben. 

Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen

Die Aussage, 60 Prozent der arbeitsuchenden Geflüchteten hätten keinen Schulabschluss, ist also tatsächlich unbelegt. 

Andere Studien kommen zudem zu anderen Ergebnissen. Es gibt beispielsweise eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2016, die besagt (Seite 78), dass 61 Prozent der erwachsenen Geflüchteten eine abgeschlossene Schulbildung hätten. 

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Fazit: Der Vergleich der Titel, Teaser und Inhalte zweier Artikel von Zeit Online führt in die Irre. Die Artikel sind in unterschiedlichen Jahren (2015 und 2017) veröffentlicht worden und beziehen sich auf unterschiedliche Studien und Personengruppen. Zudem handelt es sich bei beiden Artikeln um Aussagen einer dritten Person (ein Gastbeitrag und ein Interview) und nicht Recherchen von Zeit Online.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die beiden Artikel von Zeit Online widersprechen sich nicht, der Vergleich ist irreführend.

Impfungen Symbolbild
Aktuell wird gegen Impfungen in Sozialen Netzwerken Stimmung gemacht. Dafür werden Beispiele wie die Schweinegrippe herangezogen. (Symbolbild: picture alliance/imageBROKER)

von Alice Echtermann

Ein Facebook-Nutzer vergleicht Impfungen mit einem „Genozid“ und zieht verschiedene Beispiele heran. Es geht um die Schweinegrippe-Impfung, Impfungen in Indien, die angeblich tausenden Menschen geschadet hätten oder Bill Gates. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

In einem Facebook-Beitrag vom 2. Juli, der mehr als 1.100 Mal geteilt wurde, wird unter der Überschrift „Genozid am deutschen Volk?“ Stimmung gegen Impfungen gemacht. Er enthält zahlreiche Spekulationen in Bezug auf einen zukünftigen Corona-Impfstoff. Es werden aber auch mehrere konkrete Behauptungen über Impfungen gegen die Schweinegrippe oder Fälle in Indien oder Afrika aufgestellt, die sich überprüfen lassen. 

CORRECTIV hat recherchiert: Die überprüfbaren Behauptungen sind alle falsch, irreführend oder unbelegt. 

1. Behauptung: Bei der Schweinegrippe habe es einen Impfstoff für die Bevölkerung und einen für die Regierung gegeben. Ersterer habe Giftstoffe enthalten und für schwere Impfschäden gesorgt.

Die Behauptungen sind teilweise falsch. Richtig ist, dass es zwei verschiedene Impfstoffe gab – irreführend ist jedoch, dass suggeriert wird, der für die Bevölkerung habe gefährliche Giftstoffe enthalten.

Das Influenza-Virus H1N1, auch als Schweinegrippe bezeichnet, löste 2009/2010 eine Pandemie aus. Rückblickend schätzt das Robert-Koch-Institut, dass es in Deutschland etwa 350 Todesfälle gab. 

2009 gab es Medienberichte über die Bestellung eines anderen Impfstoffes für die Bundesregierung, Bundesbeamte und Soldaten der Bundeswehr als für den Rest der Bevölkerung. Es war die Rede von einer angeblichen „Zwei-Klassen-Impfung“. Für die Bevölkerung seien 50 Millionen Dosen des Impfstoffes Pandemrix des Herstellers Glaxo-Smith-Kline bestellt worden. Das Innenministerium habe dagegen 200.000 Dosen eines anderen Impfstoffes namens Celvapan von der Firma Baxter bestellt. 

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Sebastian Gülde, bestätigte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass der Bund sich über das Bundesinnenministerium einer Bestellung der Bundeswehr bei der Firma Baxter angeschlossen habe. Für Bundesbeamte wurde demnach Celvapan bestellt.

E-Mail des Sprechers des Bundesgesundheitsministeriums über die Schweinegrippe-Impfung (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundesinnenministerium hat nicht auf eine Presseanfrage von CORRECTIV nach den Gründen für die Bestellung von Celvapan geantwortet. Laut einem Bericht der Welt im Oktober 2009 steckte dahinter aber ein älterer Liefervertrag der Bundeswehr mit Baxter. Dasselbe berichtete die FAZ: Die Bundesregierung habe den Vorwurf eines „Regierungsimpfstoffes“ zurückgewiesen. Die Bundeswehr und Bundespolizisten würden Celvapan wegen des Vertrags mit Baxter bekommen, der noch aus Zeiten der Vogelgrippe stamme. Der Grund sei nicht, dass Celvapan unbedenklicher sei oder weniger Nebenwirkungen hervorrufe. Mitglieder der Bundesregierung würden im Falle einer Impfung Pandemrix erhalten. 

Unterschied der Schweinegrippe-Impfstoffe: Pandemrix enthielt Wirkverstärker

Der Unterschied der Impfstoffe bestand den Medienberichten zufolge darin, dass Pandemrix Wirkverstärker enthalte, mit denen typische Impf-Nebenwirkungen häufiger auftreten könnten. Wirkverstärker sorgen dafür, dass auch geringere Dosen eines Impfstoffes eine starke Immunreaktion des Körpers auslösen. Diese Wirkverstärker sind offenbar mit den angeblichen „Giftstoffen“ in dem Facebook-Beitrag gemeint.

Die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Susanne Stöcker, schrieb auf Nachfrage von CORRECTIV: „Bei Pandemrix gab es tatsächlich deutlich mehr Lokalreaktionen (Schmerzen an der Einstichstelle, Hautrötungen), aber auch mehr und stärkere systemische Reaktionen wie Kopfweh, leichtes Fieber, starke Abgeschlagenheit. Das ist aber eine normale und letztlich auch zu erwartende Reaktion, denn der Wirkverstärker soll ja die Reaktion des Immunsystems verstärken.“

Die Bezeichnung dieser Wirkverstärker (Adjuvanzien) als „Giftstoffe“, die „schwere Impfschäden“ verursachten, ist demnach irreführend. Der Wirkverstärker in Pandemrix habe Squalen, Polysorbat 80 und Vitamin E enthalten, so Stöcker. Bereits 2009 gab es Bedenken gegen Squalen, deshalb hat das PEI zu diesem Thema einen Artikel veröffentlicht. 

Demnach handelt es sich bei Squalen um einen natürlichen Bestandteil von Körperzellen, ein Zwischenprodukt des menschlichen Cholesterin-Stoffwechsels. Es sei in vielen Lebensmitteln wie Fisch oder Olivenöl enthalten. „Die Menge an Squalen, die in einer Dosis Impfstoff enthalten ist, liegt nicht höher als die durchschnittliche Menge, die täglich mit der Nahrung aufgenommen wird“, schrieb das PEI. 

Pandemrix erhöhte laut Studien das Risiko für Narkolepsie

Auf einem anderen Blatt steht, dass Pandemrix später in die Kritik geriet, weil die Impfung offenbar das Risiko für Narkolepsie bei jungen Menschen erhöhte. 2011 machte Schwedens Gesundheitsbehörde laut PEI darauf aufmerksam. Narkolepsie ist eine seltene Schlaf-Wach-Störung. 

Das PEI hat nach eigenen Angaben auch in Deutschland Untersuchungen durchgeführt. Bis Ende Oktober 2016 seien 86 Meldungen von Narkolepsie-Verdachtsfällen nach einer Pandemrix-Impfung eingegangen. Eine bundesweite Studie des PEI zu dem Thema bestätigte die erhöhten Narkolepsie-Zahlen bei den geimpften Kindern und Jugendlichen.

Ein Zusammenhang mit dem Wirkverstärker sei jedoch nicht nachgewiesen, erklärt PEI-Sprecherin Susanne Stöcker per E-Mail: „Die Vermutung, dass der Wirkverstärker in Pandemrix die Ursache für die sehr seltene Nebenwirkung Narkolepsie war, hat sich bis heute nicht bestätigt. Zudem war der Grippeimpfstoff Fluad (für Menschen über 65) mit dem ebenfalls squalenhaltigen Wirkverstärker MF59 schon seit 1997 millionenfach im Einsatz gewesen, ohne dass Narkolepsiefälle gemeldet worden wären.“

Pandemrix war ein Impfstoff speziell gegen die sogenannte Schweinegrippe und ist aktuell nicht mehr in der EU zugelassen.

2. Behauptung: In Afrika seien Impfungen Stoffe hinzugefügt worden, die mehr als eine Million Frauen bis zu zehn Jahre unfruchtbar machten.

Die Behauptung, in Afrika seien Frauen durch Impfungen unfruchtbar gemacht worden, kursiert schon seit vielen Jahren und ist falsch. Die Aussage in dem Facebook-Beitrag ist sehr allgemein gehalten, bezieht sich aber mutmaßlich auf Tetanus-Impfungen in Kenia. 

Die katholische Kirche dort hatte behauptet, in Tetanus-Impfstoffen 2014 das Hormon HCG nachgewiesen zu haben. Die Kombination mache Frauen angeblich unfruchtbar. Die Kirche hatte sechs Ampullen in Laboren untersuchen lassen. In dreien sei angeblich das Hormon gefunden worden. 

An den Vorwürfen war jedoch nichts dran. Wie die Faktenchecker von Africa-Check 2017 berichteten, bezeichneten Labore, die mit der Untersuchung der ersten Proben beauftragt worden waren, ihre eigenen Analysen als fehlerhaft. 

Die Kirche habe die Ergebnisse falsch interpretiert, sagte der Leiter eines der Labore, Ahmed Kalebi, laut einem Medienbericht. Die Proben seien seinem Labor als menschliches Gewebe präsentiert worden, nicht als Impfstoff – daher seien unpassende Testmethoden angewendet worden. Ähnlich äußerte sich ein weiterer Laborleiter, Andrew Gachii, laut einem Bericht von Business Daily

WHO und Kenias Gesundheitsministerium widersprachen dem Vorwurf

In einer Pressemitteilung schrieb die WHO 2014, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ Der Impfstoff sei seit 40 Jahren im Einsatz, habe zu einer Verbesserung der Überlebensrate von Neugeborenen geführt, und es gebe keine Anzeichen, dass die Impfung Frauen oder Föten schade.

Das kenianische Gesundheitsministerium schrieb in einer Pressemitteilung 2017, man habe nach den Vorwürfen ein Expertenkomitee eingerichtet, um die Tetanus-Impfstoffe zu testen. Es seien Impfstoff-Proben gesammelt worden, um, sie untersuchen zu lassen. Dabei sei festgestellt worden, dass sie sicher und frei von Verunreinigungen seien. 

Und auch Matercare International (ein Verband katholischer Gynäkologen und Geburtshelfer) erklärte 2015 in einer Pressemitteilung, die erste Untersuchung der Impfstoff-Proben in Kenia sei fragwürdig gewesen, da ungeeignete Testmethoden verwendet worden seien. Selbst wenn HCG vorhanden gewesen wäre, hätte die Dosierung nicht ausgereicht, um einen Verhütungseffekt zu haben. 

Und: „Wenn Tetanus-Impfungen, die an Millionen Frauen in vielen Ländern vergeben wurden, in der Lage wären, Unfruchtbarkeit hervorzurufen, gäbe es inzwischen reichlich demografische Daten, die das bestätigen. Wir wissen von keinen Daten dieser Art.“ (Der Link zur Pressemitteilung, der von Africa Check genutzt wurde, funktioniert nicht mehr, ist aber archiviert verfügbar.)

3. Behauptung: Nach einer Impfkampagne von Bill Gates sei es in Indien bei mehr als 450.000 Kindern zu Impfschäden gekommen.

Für die Behauptung, nach einer Impfkampagne von Bill Gates hätten mehr als 450.000 Kinder Schäden erlitten, gibt es keine Belege. Es werden erneut keine konkrete Angaben gemacht, sie bezieht sich aber mutmaßlich auf irreführende Informationen über Polio-Impfungen in Indien, die seit Jahren im Netz kursieren. Angeblich sollen die Impfungen Lähmungen bei tausenden Kindern verursacht haben. 

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung angeschlossen hat. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff (Schluckimpfung).

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 gemeldete Fälle im Jahr 2019. 

Viren aus Polio-Impfstoffen können mutieren

In seltenen Fällen könne es dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus“ (cVDPV).

Die Fallzahlen sind jedoch gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es 2020 weltweit bisher 81 Fälle „wilder Polio“ und 194 Fälle von „Impfstoff-Polio“ (Stand: 9. Juli 2020). Als „wilde Polioviren“ werden normale Polioviren bezeichnet, die nicht aus Impfstoffen stammen.

Insgesamt 17 Fälle von „Impfstoff-Polio“ in Indien seit 2009 

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 von der WHO für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf. Die Daten zeigen, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). 

Daten der WHO für Indien zeigen die Fälle von „wilder Polio“ und cVDPV von 2000 bis 2020. (Quelle: WHO, Screenshot: CORRECTIV)

Woher kommt also die angebliche Zahl von „über 450.000 Kindern mit Impfschäden“? Sie beruht mutmaßlich auf einer irreführenden Interpretation einer Studie von August 2018. Darin geht es um Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio zwischen 2000 und 2017 in Indien (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). 

Die Wissenschaftler merkten an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre und spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte. Für einen Nachweis sei aber mehr Forschung nötig. 

Keine Belege für Zusammenhang von AFP-Fällen mit Polio-Impfung

Ein Zusammenhang könnte allenfalls indirekt sein, denn in diesen 491.000 Fällen wurden explizit keine Polioviren nachgewiesen – das sagt bereits der Begriff „Nonpolio Acute Flaccid Paralysis“. Es waren also weder wilde Polioviren noch Impfstoff-Viren vorhanden. 

Acute Flaccid Paralysis (AFP) ist definiert als eine Lähmung mit unbekannter Ursache, bei der Polio-Verdacht besteht (PDF, Seite 12). Wird ein AFP-Fall in Indien registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31). So steht es auch auf der Webseite der Polio Eradication Initiative

Für die Behauptung, es habe „450.000 Impfschäden“ durch Impfungen in Indien gegeben, gibt es demnach keine Belege. Die WHO hat auch eine andere Erklärung für den Anstieg der registrierten AFP-Fälle: Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten, schreibt uns die WHO-Pressestelle per E-Mail. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ 

4. Behauptung: Bill Gates wolle durch Impfungen eine Reduktion der Weltbevölkerung um 15 Prozent erreichen.

Die Behauptung, Bill Gates wolle die Weltbevölkerung durch Impfungen um 15 Prozent reduzieren, ist, wie die anderen, mehrere Jahre alt und wird oft wiederholt. Sie ist jedoch falsch. Wie wir bereits 2017 in einem Faktencheck recherchiert haben, beruht sie auf einer verzerrten Interpretation eines Zitat von Bill Gates. Bei einem Vortrag von 2010 sagte Gates (etwa ab Minute 4:20):

„Zuerst haben wir die Bevölkerung. Heute leben 6,8 Milliarden Menschen auf der Welt. Es geht auf etwa 9 Milliarden zu. Wenn wir sehr erfolgreich mit neuen Impfstoffen, der Gesundheitsversorgung und Reproduktionsmedizin sind, könnten wir das wohl um 10 Prozent bis 15 Prozent senken, aber zur Zeit sehen wir eine Steigung um 1,3.“

Gates sprach also von einer Reduktion des Bevölkerungswachstums – nicht davon, die aktuelle Bevölkerung zu dezimieren. Auf der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation heißt es explizit, die Stiftung wolle mit Impfungen und anderen Gesundheitsprogrammen in Entwicklungsländern Leben retten. 

Auszug aus der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation. (Screenshot: CORRECTIV)

Wie das nach Ansicht von Gates mit einem langsameren Bevölkerungswachstum zusammenhängt, erklärt ein Schreiben der Stiftung von 2009. Darin steht: „Eine überraschende Erkenntnis war für uns, dass die Verringerung der Zahl der Todesfälle das Bevölkerungswachstum tatsächlich reduziert. […] Im Gegensatz zur malthusianischen Sichtweise, dass die Bevölkerung wächst, solange Kinder ernährt werden können, bekommen Eltern tatsächlich so viele Kinder, dass die Chancen hoch genug sind, dass einige von ihnen überleben, um sie im Alter zu unterstützen. Wächst die Zahl der Kinder, die das Erwachsenenalter erreichen, können Eltern dieses Ziel erreichen, ohne so viele Kinder zu bekommen.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Zwei der vier Behauptungen sind falsch, eine ist teilweise falsch und eine unbelegt. 

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Bilder auf Facebook sollen Kannibalismus und Kindesmissbrauch beweisen. (Symbolbild: Unsplash/ Volodymyr Hryschenko)

von Kathrin Wesolowski

In einem Facebook-Video erzählt ein Kind, ein anderes Kind sei gefoltert und gegessen worden. Zudem wurde ein Foto eines Mädchens mit schweren Blutergüssen im Gesicht veröffentlicht. Die Bilder sollen Kannibalismus und Kindesmissbrauch beweisen. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

Ein Kind erzählt weinend und detailliert davon, wie ein anderes Kind grausam getötet und gegessen worden sei. Dieses Video mit ZDF-Logo kursiert auf Facebook. Am 5. Juli wurde es gemeinsam mit einem Foto veröffentlicht, auf dem ein Kind zu sehen ist einmal mit schweren Blutergüssen um die Augen, einmal ohne diese. Auf dem Bild steht: „Diese Augen entstehen bei schwerst gefolterten Kindern“. 

Der Facebook-Beitrag wurde bislang mehr als 1.100 Mal geteilt. Im Text steht unter anderem: „Das kommt jetzt alles an die Öffentlichkeit […] Es geht um weltweiten Menschenhandel, Kindesmissbrauch, satanische Rituale, Kannibalismus!“ Der Beitrag suggeriert also, das Video und das Foto seien Belege, dass es diese Art von Straftaten aktuell in Deutschland gibt. Nach Recherchen von CORRECTIV führt er damit in die Irre.

Das Video und Foto sollen unter anderem Menschenhandel und Kindesmissbrauch beweisen. Diese Behauptung ist größtenteils falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

1. Behauptung: Videoausschnitt beweise Menschenhandel, Kindesmissbrauch, satanische Rituale, Kannibalismus

Das Video aus dem Facebook-Beitrag kursiert aktuell auch auf Youtube (zum Beispiel hier, hier und hier). Es zeigt den Ausschnitt mit dem weinenden Kind (ab Minute 4:45). Die Überschrift dazu lautet unter anderem „Satanismus, Kannibalismus & Menschenopfer in Deutschland“. Ebenso wie in dem Facebook-Beitrag von Anfang Juli wird suggeriert, das Video sei aktuell. 

Auf Anfrage von CORRECTIV teilt das ZDF mit, dass der Videoausschnitt aus einem ZDF-Beitrag des Autors Rainer Fromm stammt. Der Beitrag der Sendung „ZDF.reporter“ wurde bereits am 15. Januar 2003 ausgestrahlt und ist folglich 17 Jahre alt.

„Die Reportage hatte den Schwerpunkt ritualisierte Gewalt in Deutschland“, schreibt das ZDF weiter. Ausgangspunkt der Recherche sei ein Bericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ vom 9. Juni 1998 gewesen. Die Kommission setzte sich aus zwölf Mitgliedern des Deutschen Bundestags zusammen. In dem Endbericht waren zahlreiche Schilderungen von Menschen enthalten, die von ritualisierten Gewaltformen berichteten.

In dem ZDF-Beitrag stufte die behandelnde Therapeutin Dagmar Eckers die Aussagen des Mädchens, das von Kannibalismus an Kindern gesprochen hat, als glaubhaft ein. Das bestätigt  auch das ZDF.

Ein Auszug aus der E-Mail des ZDF an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

ZDF-Beitrag über Kannibalismus ist umstritten

Dennoch war der Fernsehbeitrag umstritten. In dem Beitrag äußerte sich auch an mehreren Stellen (zum Beispiel ab Minute 2) eine damals 34-Jährige zu Kannibalismus, den sie in ihrer Kindheit miterlebt hätte. Die Lokalzeitung Trierischer Volksfreund schrieb im Januar 2004 dazu, die Staatsanwaltschaft habe ein laufendes Verfahren zu dem Fall der Frau eingestellt. Denn an dem Fall sei „überhaupt nichts dran“, zitierte der Volksfreund die Staatsanwaltschaft Trier.

Auf unsere Anfrage schrieb uns die Staatsanwaltschaft Trier, dass dem Verfahren eine Strafanzeige einer Frau zugrunde gelegen habe, „die im Wesentlichen behauptet hatte, jahrelang Opfer von schweren Straftaten im Rahmen satanistischer Handlungen geworden zu sein“. Das Ermittlungsverfahren sei im Dezember 2003 eingestellt worden, da die Vorwürfe nach dem Ergebnis der Ermittlungen haltlos gewesen seien und einer realen Grundlage entbehrt hätten.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail der Staatsanwaltschaft Trier. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Der Videoausschnitt stammt aus einem ZDF-Beitrag zum Thema ritualisierte Gewalt, dieser ist jedoch von 2003. Er wurde in dem Facebook-Beitrag von Juli 2020 also aus dem Kontext gerissen und ist kein Beleg für aktuellen Kindesmissbrauch in Deutschland. Einen Zusammenhang mit Menschenhandel hat das Video ebenfalls nicht. 

2. Behauptung: Blutergüsse an den Augen des Kindes auf dem Foto seien durch schwerste Folter entstanden

Die zwei Fotos eines Mädchens in dem Facebook-Beitrag führen ebenfalls in die Irre. Sie stammen nicht aus Deutschland und haben auch keinen Bezug zu dem ZDF-Video.

Ein YouTube-Video des britischen Fernsehsenders Channel 4 vom 09. Juli 2015 zeigt den Journalisten Jon Snow, wie er ein Mädchen namens Nema im Gazastreifen besucht. Zu sehen ist das Mädchen zunächst gesund und ohne Blutergüsse. Ein Rückblick zeigt das Mädchen dann ein Jahr zuvor mit den Blutergüssen im Gesicht. Das Titelbild des Videos ist identisch zu dem, das auf Facebook im Zusammenhang mit schwerster Folter geteilt wurde.

Das Titelbild des Videos zeigt das gleiche Foto das auf Facebook geteilt wurde. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

Bereits im Juli 2014 hatte Channel-4-Reporter Jon Snow das Mädchen getroffen. Im Bericht von damals heißt es allerdings nicht, dass das Mädchen gefoltert worden sei. Stattdessen seien die Wunden entstanden, als das Kind in ein Artilleriefeuer geriet. 

Fazit: Das Foto des Mädchens mit den Blutergüssen im Gesicht beweist nicht „schwerste Folter“ und stammt auch nicht aus Deutschland. Das Mädchen hat sich Medienberichten zufolge die Verletzungen durch ein Artilleriefeuer in Gaza zugezogen.

Update, 29. Juli 2020: Wir haben die Bewertung und Teile des Textes sprachlich angepasst, um Missverständnisse zu vermeiden. In der ersten Version dieses Artikels wurde nicht deutlich genug, dass das eingestellte Verfahren der Staatsanwaltschaft sich nicht auf die Aussagen des Kindes in dem ZDF-Video bezog. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Video und Foto wurden aus dem Kontext gerissen. Der ZDF-Beitrag ist von 2003, das Bild des Mädchens stammt aus dem Gazastreifen.

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Der Fall des Pädophilen, dem von einem Hund in die Genitalien gebissen wurde, hat sich angeblich in Texas abgespielt. (Symbolbild: David Mark / Pixabay)

von Bianca Hoffmann

In einem Artikel wird behauptet, in den USA habe angeblich ein Familienhund einem mutmaßlich pädophilen Mann die Genitalien abgebissen. Diese Geschichte geht zurück auf eine mindestens drei Jahre alte Falschmeldung, die schon viele Male überprüft wurde.

Angeblich hat in den USA ein Familienhund einem mutmaßlich pädophilen Mann die Genitalien abgebissen. Ein Artikel, in dem das behauptet wird, wurde im Februar auf der Webseite Megawelt veröffentlicht. Seit Mitte Juli wird er wieder viel auf Facebook verbreitet. Insgesamt wurde er dort laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 8.800 Mal geteilt. 

In dem Text ist zu lesen, dass ein Mann aus „Arkansas, Teksas (sic)“ in das Kinderzimmer von zwei drei- und sechsjährigen Mädchen eingebrochen sei. Angeblich habe er sich an diesen vergehen wollen und dabei übersehen, dass der Familienhund in der Ecke schlief. Der habe dem mutmaßlichen Vergewaltiger in den „Penis und die Genitalien“ gebissen. 

Diese Geschichte kursiert seit vielen Jahren in leicht unterschiedlichen Formen im Internet. Mehrere Faktenchecker haben sie bereits überprüft, darunter auch CORRECTIV im Jahr 2019. Die Faktenchecker von Snopes aus den USA berichteten am 26. November 2017 als eines der ersten Medien darüber, Mimikama aus Österreich nahm sich 2018 dem Thema an. 

Die Geschichte, die sie damals überprüften, unterscheidet sich von bei Megawelt nur darin, dass sie sich an einem anderen Ort abgespielt haben soll: im Saline County im Bundesstaat Arkansas. Die Faktenchecker kamen zu dem Schluss: Der Vorfall hat sich nicht ereignet, die Geschichte ist erfunden. 

Geschichte des Hundes, der einen Pädophilen in die Genitalien beißt, stammt aus den USA

In dem Faktencheck von Snopes wird erwähnt, dass der ursprüngliche Artikel 2017 auf der alternativen Nachrichtenwebseite Neon Nettle erschienen sein soll. Der Artikel ist nicht mehr online, aber in einer archivierten Version nach wie vor abrufbar.

Eine Google-Suche auf Englisch nach „dog bites pedophile“ liefert keine relevanten Ergebnisse – bis auf den Faktencheck von Snopes. Vor dem 26. November 2017 – dem Erscheinungstag des Snopes-Artikels – gibt es keine Einträge bei Google für ein solches Ereignis. Hätte es sich tatsächlich ereignet, wäre zu erwarten, dass es Polizei- und mehrere Medienberichte darüber gibt.

Da es in dem Artikel von Megawelt keine Hinweise auf Quellen gibt, überprüfen wir die wenigen im Text genannten Fakten. 

Es gibt keinen Ort namens „Arkansas, Teksas“

Es gibt kein „Arkansas, Teksas“. Allerdings gibt es einen Ort namens Arkansas City im US-amerikanischen Bundesstaat Texas. Der ist allerdings so klein, dass er keine eigene Polizei hat. Wir haben deshalb bei der Polizeidienststelle des Landkreises „Starr County“ per E-Mail nachgefragt und bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Antwort erhalten. 

Eine Google-Suche nach dem Namen des mutmaßlichen Vergewaltigers, Randle James, brachte ebenfalls keine Ergebnisse, die in Zusammenhang mit der angeblichen Tat stehen könnten. 

Auch die Kombination des Namens mit „Arkansas“ und einer Eingrenzung der Suchergebnisse auf Einträge vor November 2017 fördert keine Belege zutage, dass es je einen Sexualstraftäter mit diesem Namen gab.

Viel mehr überprüfbare Eckdaten sind in dem Text von Megawelt nicht zu finden. Es gibt beispielsweise keinerlei Hinweise auf ein Datum, wann sich die Tat ereignet haben soll. 

Fotocollage zeigt Screenshot aus einem Video aus Großbritannien

Aber da ist noch eine Fotocollage, die verwendet wurde, um den Text zu bebildern. Darauf ist auf der linken Seite ein schreiender Mann im Krankenhaus zu erkennen. Und auf der rechten Seite sieht man einen Hund, dem Aussehen nach ein Pitbull, der die Zähne fletscht. Dieselbe Collage wurde bereits 2017 von der Seite Neon Nettle verwendet, von der die Geschichte ursprünglich stammt.

Diese Fotocollage wird verwendet, um die Geschichte über den Pädophilen zu bebildern, der angeblich von einem Hund in die Genitalien gebissen wurde. (Screenshot: CORRECTIV)
Diese Fotocollage wird verwendet, um die Geschichte über den Pädophilen zu bebildern, der angeblich von einem Hund in die Genitalien gebissen wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Originalbild dieses Hundes wurde in der Bilddatenbank Getty Images veröffentlicht. Es wurde schon im Jahr 2000 aufgenommen, und zwar in Paris. Und auch bei dem Mann handelt es sich nicht um den mutmaßlichen Täter. Vielmehr ist das Bild ein Screenshot aus einem Video, das einen Mann zeigt, der nach einem Skateboard-Unfall in einem Krankenhaus in Großbritannien mit Ketamin versorgt wurde – er schrie nicht vor Schmerzen, sondern offenbar vor Vergnügen.

Auch das Bild hat also nichts mit dem angeblichen Vorfall zu tun. Es gibt keinerlei Belege für diese Geschichte. Es handelt sich um eine Falschmeldung, die seit Jahren kursiert. 

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Die Geschichte vom Hund, der einem Pädophilen die Genitalien abgebissen hat, ist erfunden.

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Das Foto aus dem Facebook-Beitrag zeigt ein spitzes Objekt, das zwischen die Sitzpolster geklemmt wurde. (Quelle: Facebook, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Spritzen würden so in die Sitze von Bussen und Bahnen geklemmt, dass sie Menschen verletzen, womöglich vergiften oder mit Krankheiten infizieren könnten, behauptet ein Nutzer auf Facebook. In Deutschland sind solche Fälle jedoch nicht bekannt.

Seit zwei Monaten geht ein Warnhinweis auf Facebook viral: In einem Beitrag vom 18. Mai 2020 wurde behauptet, in die Sitze von Bussen und Bahnen würden absichtlich Spritzen gesteckt, die „vergiftet oder auch mit anderen Mitteln injektiert“ seien. Der Beitrag wurde bisher mehr als 29.000 Mal geteilt. 

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Warnung führt in die Irre, weil sie eine aktuelle Gefahr suggeriert. Im Jahr 2016 gab es in Wien tatsächlich zwei Vorfälle dieser Art. Von einem stammt auch das im Beitrag verwendete Foto.

Dass das im Facebook-Beitrag von Mai 2020 verwendete Bild nicht aktuell ist, zeigt eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google. Das Foto tauchte beispielsweise im Januar 2018 in einem Blogbeitrag auf. Damals ging es um Spritzen, die angeblich in den Sitzen von Bussen in Nairobi versteckt würden. 

Zwei Vorfälle in Wien im Jahr 2016

Gibt man bei Google den Text des Facebook-Beitrags ein, findet sich ein Beitrag, der noch älter ist und der Ursprung zu sein scheint: Am 6. Mai 2016 veröffentlichte ein Facebook-Nutzer das Bild mit dem Kommentar, dass die Aufnahme in einer Straßenbahn in Wien entstanden sei. In einem weiteren Bild ist zu sehen, dass es sich um mindestens zwei Spritzen handelte. 

Der Bahnbetreiber, die Wiener Badner-Bahn, bestätigte CORRECTIV, dass der Vorfall tatsächlich stattgefunden habe. Wie Pressesprecherin Kirstin Pimpel per E-Mail schrieb, handelte es sich um einen einmaligen Vorfall, bei dem niemand verletzt wurde.

Screenshot der E-Mail einer Pressesprecherin der Wiener Badner-Bahn. (Screenshot: CORRECTIV)

Ebenfalls im Mai 2016 verletzte sich laut Polizei in einer Wiener S-Bahn eine junge Frau an gebrauchten Einwegspritzen, die in den Sitz geklemmt waren. 

In Deutschland ist kein Fall von Spritzen in Bussitzen bekannt

Der Facebook-Beitrag von Mai 2020 führt also in die Irre, weil die Warnung als scheinbar aktuell präsentiert wird, sich aber auf einen Vorfall 2016 bezieht. 

In Deutschland ist der Polizei zudem kein Fall bekannt, bei dem sich jemand in öffentlichen Verkehrsmitteln an in die Polster geklemmten Spritzen verletzt hätte. CORRECTIV fragte für alle 16 Bundesländern in den jeweiligen Landespolizeidirektionen, Landeskriminalämtern oder Innenministerien nach: Keine Behörde konnte einen solchen Fall bestätigen. Einzig in einer Antwort aus dem nordrhein-westfälischen Innenministerium heißt es, es sei „nicht auszuschließen, dass es Einzelfälle gegeben hat.“

Ähnlich irreführende Meldungen über präparierte Spritzen, die zum Beispiel in Kinosessel gesteckt würden, um Menschen mit HIV zu infizieren, kursieren seit spätestens 2000 im Internet.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Momentan sind keine Fälle von Spritzen in Sitzen von Bussen oder Bahnen bekannt. Das Foto stammt von einem Fall in Wien aus dem Jahr 2016.

Facebook-Video von Adriana Borgo aus dem Krankenhaus in Brasilien
Das Video wurde am 4. Juni 2020 von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo gedreht. Anfang Juli kursiert es dann mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Quelle: Adriana Borgo/Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Instagram wird ein Video aus Brasilien verbreitet, das ein angeblich völlig leeres Not-Krankenhaus für Covid-19-Patienten zeigt. Doch die Politikerin, die es aufgenommen hat, führte ihre Zuschauer in die Irre: Das Krankenhaus in São Paulo war zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht leer – und ist es auch aktuell nicht.  

Am 8. Juli teilte das Profil „Die Corona Lüge“ auf Instagram ein Video einer Frau mit Mund-Nasen-Bedeckung, die durch ein provisorisches Krankenhaus läuft. Auf Portugiesisch ruft sie verärgert aus, es sei völlig leer. Das Video mit deutschen Untertiteln wurde bereits mehr als 11.800 Mal angesehen. Es führt jedoch in die Irre. In dem Krankenhaus in São Paulo im Anhembi Parque waren zum Zeitpunkt der Aufnahme zahlreiche Covid-19-Patienten.

CORRECTIV konnte mit Hilfe der brasilianischen Faktenchecker von Agência Lupa den Ursprung des Videos finden: Es ist ein Ausschnitt eines längeren Facebook-Live-Videos von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo am 4. Juni. Das Video war also zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf Instagram bereits einen Monat alt. 

Video aus dem Krankenhaus in Brasilien auf Instagram
Ausschnitt aus dem Video mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Screenshot: CORRECTIV)

Politiker drangen Anfang Juni in das Not-Krankenhaus in Brasilien ein

Adriana Borgo ist Mitglied des Parlaments des Bundesstaates São Paulo. In dem Video ruft sie sarkastisch, die Zuschauer sollten sich mal diese Massen an Erkrankten ansehen. Sie sagt außerdem, dass sie das provisorische Krankenhaus für Geldverschwendung halte, weil es dort ja gar keine Patienten gebe. 

Der Journalist Maurício Moraes von Agência Lupa hat bereits am 5. Juni einen Faktencheck zu diesem Thema veröffentlicht. Demnach seien einige Politikerinnen und Politiker am 4. Juni in ein großes Not-Krankenhaus eingedrungen, das im Parque Anhembi (einem Kongresszentrum) in São Paulo für Covid-19-Patienten eingerichtet wurde. Sie filmten unfertige, leere Teile des Gebäudes und behaupteten, es gebe keine Patienten. Eine Lokalzeitung aus São Paulo berichtete ebenfalls am 4. Juni darüber, dass die Abgeordneten in das Krankenhaus eingedrungen seien. Sie hätten behauptet, eine „Inspektion“ durchzuführen, und dass die Regierung von São Paulo über die Zahl der Fälle und Todesfälle lüge.   

Am 4. Juni lagen in dem Krankenhaus mehr als 400 Covid-19-Patienten

Die Darstellung im Video von Adriana Borgo ist irreführend. Sie filmte in einem Teil des Gebäudes, in dem keine Menschen waren. Am 4. Juni gab es jedoch mehrere hundert Patienten in dem Not-Krankenhaus. Der Faktencheck von Agência Lupa weist darauf hin, dass laut dem offiziellen Corona-Lagebericht für São Paulo vom 4. Juni an jedem Tag in diesem Krankenhaus (Anhembi) 407 Covid-19-Patienten lagen (PDF, Seite 2). Das städtische Gesundheitssekretariat von São Paulo veröffentlicht täglich Corona-Lageberichte

Ein anderes Facebook-Video von Adriana Borgo vom selben Tag zeigt sogar einige dieser Patienten – die Politikerinnen und Politiker haben also selbst gesehen, dass das Krankenhaus nicht komplett leer war. 

Facebook-Video Adriana Borgo Brasilien
Ihre „Inspektion“ führte die Politikerinnen und Politiker am 4. Juni auch in den Bereich des Krankenhauses, in dem Patienten lagen. (Screenshot: CORRECTIV)

Das provisorische Krankenhaus im Anhembi Parque ist laut brasilianischen Medienberichten für 1.800 Patienten ausgelegt worden. So viele Betten wurden tatsächlich nicht gebraucht, deshalb werde die Anzahl verkleinert, schrieb die Seite Globo kürzlich (16. Juli). 

Aktuell 207 Patienten im Not-Krankenhaus

Die Patientenzahl in dem Krankenhaus schwankte im Juni und Juli. CORRECTIV überprüfte die Lageberichte für São Paulo stichprobenartig. Am 15. Juni lagen dort 272 Patienten. Am 1. Juli waren es 197. Aktuell liegen in dem Krankenhaus laut dem Lagebericht vom 21. Juli insgesamt 207 Patienten. 

Dem WHO-Lagebericht vom 21. Juli zufolge gibt es in Brasilien aktuell rund 2,1 Millionen bestätigte Corona-Infizierte und rund 79.500 Todesfälle. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Das Video von Adriana Borgo wurde auch in Italien als angeblicher Beleg verbreitet, dass eine „zweite Welle“ in Brasilien nicht existiere. Die Faktenchecker von Facta stuften es in einem Bericht Ende Juni ebenfalls als Falschinformation ein. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Not-Krankenhaus in Brasilien war nicht leer. Zudem wird auf Instagram verschwiegen, dass das Video bei Veröffentlichung schon einen Monat alt war.

Tourismus auf Mallorca
Dieses Foto von 2018 vom Strand El Arenal in Palma verwendeten einige Medien auf irreführende Weise zur Bebilderung aktueller Berichte über Mallorca. (Symbolfoto: picture alliance/Clara Margais/dpa)

von Kathrin Wesolowski

In den Sozialen Netzwerken kursiert ein Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca. Die Behauptung: Es sei von den Nachrichtenseiten Focus-Online und Welt.de für die aktuelle Berichterstattung über Partys ohne Abstand verwendet worden, obwohl es veraltet ist. Das ist richtig – das Archivbild wurde nicht gekennzeichnet.

Hunderte von Menschen an einem Strand, dutzende von Strandliegen und Schirme aneinandergereiht – ein Foto kursiert gemeinsam mit dem Bild eines leeren Strandes in den Sozialen Netzwerken. Beide sollen den Strand El Arenal auf Mallorca zeigen: Das Bild ohne viele Menschen ist laut Bildunterschrift eine aktuelle Aufnahme der „Live Cam Ballermann“ von Wetter.com. Das andere ist offenbar ein Artikelbild der Nachrichtenseite Focus-Online. In der Bildunterschrift auf Facebook steht zusätzlich die Behauptung: „Die Partys am Strand von Mallorca existieren nicht!“

Mit diesen Fotos beschweren sich Nutzer auf Facebook aktuell über die Berichterstattung über Partys auf Mallorca. Sie sollen zeigen, dass Focus-Online ein veraltetes Bild nutzte. Das ist richtig. (Screenshot: CORRECTIV)

Beiträge mit dem gleichen Screenshot des Focus-Online-Artikels (beispielsweise hier und hier) wurden in den vergangenen Tagen auf Facebook tausendfach geteilt.

Das gleiche Strand-Foto wurde laut einem anderen Facebook-Beitrag auch von Welt.de verwendet. Über dem Bild steht „Diese Bilder schockieren die ganze Insel“.  Der Screenshot stammt offenbar aus einem Messenger-Dienst, wurde am 15. Juli auf Facebook geteilt und mittlerweile mehr als 550 Mal geteilt.

Hier wird das Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca geteilt mit dem Titel „Die Bilder schockieren die ganze Insel“. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Es wird also suggeriert, Focus-Online und Welt.de hätten ein veraltetes Foto verwendet und auf Mallorca habe es keine Partys ohne Abstand am Strand gegeben. CORRECTIV hat diese Behauptung überprüft. Sie ist richtig. Das Foto wurde von Focus-Online und Welt.de in der aktuellen Berichterstattung verwendet, ohne darauf zu verweisen, dass es veraltet ist. 

Foto des überfüllten Mallorca-Strandes entstand wahrscheinlich 2018

Das Foto ist von der DPA und laut der Beschreibung in ihrer Pressefoto-Datenbank aus dem Jahr 2018 . Es wird häufig als Symbolbild für Mallorca-Berichte verwendet. Die Deutsche Welle verwendete es in einem Artikel vom 1. Mai 2020, verwies mit der Bildunterschrift „Von so vollen Stränden wie im Sommer 2018 können die Spanier in diesem Jahr nur träumen“ aber darauf, dass es bereits 2018 entstanden ist. Zudem war es nicht das Titelbild des Artikels.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Der Weser-Kurier nutzte das Foto beispielsweise als Titelbild in einem Artikel vom 4. Oktober 2019. Und die Sächsische Zeitung nutzte das Foto bereits in einem Artikel vom 22. September 2019 und schrieb dazu, es sei ein „Symbolbild“. 

Aktuelle Live-Fotos des Strandes El Arenal auf Mallorca zeigen Strände ohne Liegen und Schirme

Wetter.com zeigt mit seiner Live-Webcam aktuelle Bilder des Strandes El Arenal. Auf diesen ist zu sehen, dass es derzeit keine Strandliegen und Schirme dort gibt.

Live-Bilder des Strandes El Arenal auf Mallorca (Stand 22. Juli 2020, 9:18 Uhr). (Quelle: Livecam El Arenal Playa de Palma / Screenshot: CORRECTIV)

Dass an dem Mallorca-Strand illegale Massenpartys stattfanden, wurde weder in dem Artikel von Focus-Online noch in dem Artikel von Welt.de behauptet. Die Verwendung des veralteten Fotos als Titelbild suggeriert das allerdings.

Focus-Online und Welt.de verweisen nicht auf Entstehungsdatum des Mallorca-Fotos

In dem Focus-Online-Artikel vom 19. Juni 2020 mit dem Titel „Für Malle-Urlaub werden Corona-Regeln ignoriert – doch ganze Branche blutet gerade aus“ verwendet die Nachrichtenseite das Foto mit dem überfüllten Strand. Es handelt sich nicht um einen Bericht über Partys auf Mallorca, sondern um einen Meinungsbeitrag des Gastautors Jörg Heynkes, der Event-Unternehmer ist. Er greift allerdings die Verstöße gegen die Corona-Regeln auf. Die Bildunterschrift bei Focus-Online lautet „Strand von El Arenal auf der Balearen-Insel Mallorca“. Dabei wird nicht auf das Entstehungsdatum verwiesen. 

Focus-Online verweist in unter seinem Artikelbild nicht auf das Entstehungsdatum des Fotos. (Screenshot: CORRECTIV)

Welt.de verwendet das Foto des Strandes als Titelbild eines Artikels auf Facebook vom 12. Juli über die Feiern auf Mallorca. Darüber steht tatsächlich „Diese Bilder schockieren die ganze Insel“.

Auch Welt.de nutzt das Archivfoto für die aktuelle Berichterstattung, ohne auf das Entstehungsdatum hinzuweisen. (Quelle. Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

In demselben Welt.de-Artikel ist ein Video über die Partys in Mallorca zu sehen mit dem gleichen Foto als Titelbild. Beide Male wird nicht auf das Entstehungsdatum hingewiesen. Im Text zu dem Video steht unter anderem: „Im dichten Gedränge sollen Hunderte Urlauber aus Deutschland am Ballermann gefeiert haben“. Gemeinsam mit dem Foto suggeriert Welt.de, dass die Partys am Strand stattgefunden hätten.

Welt.de nutzt das alte Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca als Titelbild eines Videos über die aktuellen Geschehnisse. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gab Verstöße gegen die Corona-Regeln auf Mallorca – die Partys fanden nicht am Strand statt, sondern in der „Bierstraße“

Wie wir in einem anderen Faktencheck überprüften, gab es Partys ohne Abstand auf Mallorca – und zwar von der Nacht des 10. Juli auf den 11. Juli 2020. Diese Feiern fanden aber nicht am Strand, sondern in der sogenannten „Bierstraße“ statt. An diesem Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. Welt.de griff dafür aber auf das veraltete Foto von 2018 zurück.

Unsere Bewertung:
Richtig. Focus-Online und Welt.de verwendeten ein veraltetes Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca für die aktuelle Berichterstattung, ohne dies kenntlich zu machen.

Party an der
Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Pressefoto wurde vor dem Lokal „Las Palmeras” in der „Bierstraße” auf Mallorca gemacht. Einige Medien haben auch das Videomaterial dazu veröffentlicht. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

von Sarah Thust

Wurde in Mallorcas Partymeilen wirklich ohne Einhaltung der Corona-Regeln gefeiert? Einige Leute behaupten auf Facebook, es habe keine Partys in Palma de Mallorca gegeben und die Medien würden lügen. Das ist falsch. Kritik müssen sich einige Medien dennoch gefallen lassen.

Auf Facebook kursiert etwa seit dem 15. Juli ein Text einer Frau, die über ihre Erfahrungen im Urlaub auf Mallorca berichtet. Sie suggeriert, dass die Medien die Berichte über feiernde Touristen nahe des Strandes Playa de Palmas auf Mallorca erfunden hätten. Tatsächlich sei zum Beispiel die „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) in Palma, die als Partymeile für deutsche Urlauber bekannt ist, leer gewesen. Der Text der mutmaßlichen Urlauberin wurde auf Facebook mehrfach kopiert, einer der ersten Beiträge wurde bereits mehr als 11.100 Mal geteilt. 

Der Vorwurf: Inmitten der Corona-Krise würden die Medien die Situation am Ballermann falsch darstellen, alte Bilder aus Mallorca zeigen und seien Schuld an der Maskenpflicht. Das ist falsch.

Tatsächlich berichteten Medien von Partys auf Mallorca: Hunderte Menschen hätten am Freitagabend in einer Straße in Palma gefeiert – trotz der strengen Corona-Regeln. Zuerst hatte darüber die Mallorca-Zeitung berichtet. CORRECTIV hat die Situation auf Mallorca rekonstruiert und dabei auch Fehler in der medialen Berichterstattung entdeckt.

Mallorca: Fotos und Videos zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In dem Beitrag auf Facebook berichtet eine unbekannte Frau von ihrem Urlaub auf Mallorca. Darin heißt es, sie sei am Freitag (gemeint ist wohl der 10. Juli, da der Beitrag nach unseren Recherchen am 15. Juli aufgetaucht ist) von einem sechstägigen Urlaub zurückgekehrt. Belege für ihre Behauptungen führt sie nicht an. 

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Beitrag vom 15. Juli 2020: Eine Facebook-Nutzerin hat diese Nachricht geteilt. Darin heißt es unter anderem, dass in Mallorca Maskenpflicht gelte, weil die Medien lügen würden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli sehr viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. 

Dieses Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und dieses Video vom 10. Juli auf Instagram zeigen die Szenen. Im Fokus liegt dabei auf dem Lokal „Las Palmeras“. CORRECTIV konnte das Instagram-Video verifizieren. Es wurde am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr erstellt, wie der Quelltext des Instagram-Beitrags anzeigt. 

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Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße”. Das Restaurant „Deutsches Eck” und das Restaurant „Al Faro” sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras” befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks”. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Foto der DPA vom 10. Juli zeigt die „Bierstraße“ in Palma de Mallorca

Es gibt außerdem ein Pressefoto der Nachrichtenagentur DPA, das denselben Ort zeigt. Laut eines Fotoredakteurs der DPA wurde es am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen.

Las Palmeras 10. Juli 2020 Mallorca
Aufnahme vor dem „Las Palmeras“: „Das Foto wurde am 10. Juli 2020 um 23:19 Uhr erstellt, so steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der Deutschen Presse-Agentur (DPA) auf Nachfrage von CORRECTIV. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße”, keine 450 Meter vom ehemaligen „Ballermann 6” entfernt. Genau genommen: den Straßenabschnitt zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck” und dem Lokal „Et Dömsche”, wie dieses Video des WDR zeigt.

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„Bierstraße” bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV))

CORRECTIV hat zudem die Aussagen der Frau in dem Facebook-Beitrag einzeln überprüft.

1. Behauptung: Die Medien zeigen die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten, dabei war sie leer

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten (zum Beispiel hier der WDR), stammen nicht – wie in dem Facebook-Beitrag behauptet – aus der „Schinkenstraße” in Palma, sondern aus der „Bierstraße“. 

Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder aus der „Bierstraße” stammen. In einem Text vom Merkur ist in einer Zwischenüberschrift allerdings auch von „illegalen Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’” die Rede, näher ausgeführt wird das nicht.

Beide Straßen liegen unweit der Strandpromenade Playa de Palma, sie verlaufen parallel zueinander und dazwischen liegen drei andere Straßen (Übersicht auf Google Maps). In der „Schinkenstraße” liegt der Biergarten mit Freiluft-Diskothek „Bierkönig”, der tatsächlich seit Mitte März geschlossen ist, wie CORRECTIV auf Nachfrage von den Betreibern erfuhr. In dieser Straße soll es sehr ruhig zugegangen sein, beschreibt ein Augenzeuge, mit dem wir uns am 19. Juli per Chat auf Facebook unterhalten konnten.

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„Bierstraße” (Carrer de Miquel Pellisa) und „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) bei Google Maps: Die grünen Pfeile mit den eckigen Kästchen markieren die genannten Bars und Restaurants. (Quelle: Google Maps / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Augenzeuge beschreibt „Bierstraße” als „nie wirklich mega überfüllt” 

„Durch die Schinkenstraße sind wir 2 mal durchgelaufen in dem Zeitraum 09.07. bis 12.07. Jede dort ansässige Disco hatte geschlossen. Von Partys in der Schinkenstraße haben wir also nichts wahrgenommen”, schreibt Niko Papadopoulos. Er kommt aus Nordrhein-Westfalen und hat die Berichterstattung über das Wochenende des 10. und 11. Juli in Palma ebenfalls auf Facebook in einem Kommentar unter einem Beitrag der Bar „Et Dömsche“ kritisiert. Seine Fotos, die CORRECTIV vorliegen, belegen, dass er vom 9. bis 13. Juli auf Mallorca war und mindestens an drei Abenden auch in der „Bierstraße”. 

Facebook-Kommentar
Kommentar von Niko Papadopoulos auf Facebook: Durch diesen Beitrag ist CORRECTIV auf ihn aufmerksam geworden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Niko Papadopoulos saß am Abend des 10. Juli laut eigener Aussage in der Bar „Et Dömsche” mit Blick auf das „Las Palmeras” schräg gegenüber. CORRECTIV liegt ein Foto von jenem Abend vor, das bestätigt, dass er um 21:58 Uhr Einblick in die „Bierstraße” am „Deutschen Eck” hatte. 

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Bild eines Urlaubers zeigt das „Deutsche Eck” an der „Bierstraße”, in der sich die Touristen sammeln. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Papadopoulos schrieb CORRECTIV auf Facebook, dass er jeden Abend in der Bar „Et Dömsche” gewesen sei. Dort habe zu es keiner Zeit Probleme mit Verstößen gegen die Covid-19-Regelungen gegeben. „Beim Aufstehen vom Tisch trugen die Menschen Masken, genauso wie zum Gang auf die Toilette. Die Bedienungen haben die Leute auch häufig dran erinnert”, schrieb er.

„Las Palmeras“ warb offenbar mit günstigen Bierpreisen um Kundschaft

Anders sei das am 10. Juli abends schräg gegenüber gewesen: „Vom Dömsche aus konnte man gut erkennen, was im Las Palmeras los war. Sie haben mit Dumpingpreisen für Getränke die Massen angelockt. Dementsprechend war dort auch die Stimmung. Grölende Feiernde, wie man es von Mallepartys eben gewohnt ist. Der Straßen-DJ hat seine Musik aufgelegt. Im Las Palmeras waren die Tische zwar mit Abständen aufgestellt worden, jedoch gab es dort richtig Stimmung, bis auf die Straße vor dem Laden.” 

Die „Bierstraße” selbst sei allerdings „nie wirklich mega überfüllt” gewesen. Polizeikontrollen habe er an jenem Abend nicht mitbekommen. Dass die Polizei nicht eingeschritten sei, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 11. Juli.

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Am 12. Juli um 1:08 Uhr: Augenzeuge Niko Papadopoulos schreibt, er habe in Mallorcas „Bierstraße” nur an jenem Abend zwei Polizisten auf der Straße gesehen – in den Nächten davor nicht. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Wirte werfen Medien Manipulation von Bildern vor

Diese Angaben entsprechen in etwa dem, was einige Wirte von jenem Abend berichten, wie hier im Kölner Express. Auch auf der Facebook-Seite von „Et Dömsche” ist am 15. Juli ein kritischer Kommentar erschienen. Darin hieß es: „In den News sind entweder veraltete, oder Bilder EINES Tages von EINER Lokalität (nicht unserer!!!) zu sehen!” Die Mallorca-Zeitung berichtete am 16. Juli: „Der Ballermann macht die Medien für die Schließung verantwortlich”.

In den Medien berichten unterschiedliche Augenzeugen (hier und hier), dass Journalisten an den Abenden des 10., 11. und 12. Juli Bilder manipuliert haben sollen – entweder durch die Wahl der Kameraeinstellungen oder indem sie Touristen vor der Kamera zum Feiern animiert hätten. 

Niko Papadopoulos bestätigt diese Berichte gegenüber CORRECTIV: In jener Freitagnacht habe er in der „Bierstraße” einen Journalisten mit einem Mikrofon des Senders RTL gesehen. Er unterstellt dem Journalisten, die Lage ausgenutzt zu haben. „Die Bierstraße selber war nie wirklich mega überfüllt, wartende Menschen, die auf einen Tisch gehofft haben vor den Bars, zudem die schwarzen Straßenverkäufer und sogar Kamerateams wie von RTL blockierten, bzw. stellten dann noch die Straße zu. Somit waren kurzzeitige ‘Nadelöhre’ nicht vermeidbar”, schreibt er.

„Ich konnte sehr gut erkennen, wie RTL genau solche kurze Szenen ausgenutzt hat, um zu filmen. Und immer in Richtung Las Palmeras, mit dem richtigen Blickwinkel sah es dann natürlich übertrieben voll aus auf der Straße.”

CORRECTIV kontaktierte RTL für eine Stellungnahme dazu. Sprecherin Heike Speda antwortete in einer E-Mail, dass das „feste Mallorca-Team” des Senders nicht am 10. Juli gedreht habe. „Wir können bestätigen, dass wir am 12. Juli auf der Bierstraße gedreht haben. Am darauffolgenden Tag wurde die Maskenpflicht auf Mallorca umgesetzt. Wir können die Arbeit unserer Kollegen nicht beanstanden, sowohl unser Material – als auch die Aufnahme des Augenzeugen, zeigt deutlich, wie die Situation an diesem Abend vor Ort war. Unsere Kollegen sind zur Einhaltungen aller angeordneten Vorsichtsmaßnahmen angehalten.”

Facebook-Chat
Augenzeuge Niko Papadopoulos beschreibt auf Facebook, wie er die Situation in Mallorca erlebt hat. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Am 16. Juli schrieb Schlagersänger Mickie Krause auf Facebook: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!” In einem Video aus Mallorca sagte er zu den Ereignissen am Freitag, 10. Juli: „Das war wirklich nur eine Momentaufnahme.” Die Wirte hätten in der „Bierstraße” ihre Hausaufgaben gemacht. 

Urlauberin war zum Zeitpunkt der Partys in der „Bierstraße“ gar nicht mehr auf Mallorca

Fazit: Anders als von der Frau in dem Facebook-Beitrag behauptet, haben keine CORRECTIV bekannten Medien die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten abgebildet. Doch in Einzelfällen kam es zu vermeidbaren Fehlern, wie einer irreführenden Zwischenüberschrift im Merkur

Da die Urlauberin offenbar nur bis zum 10. Juli auf Mallorca war, ist ihr Augenzeugenbericht kein Beleg für die Situation, über die die Medien berichteten. Videos und Augenzeugenberichte zeigen, dass es an bestimmten Orten am Wochenende vom 10. bis 12. Juli zu Verstößen kam. 

Die Regierung der Balearischen Inseln registrierte an jenem Wochenende laut eigenen Angaben 51 Interventionen und 24 Sanktionsmaßnahmen wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen – auf der gesamten Insel. Die Polizei (Guardia Civil) hat auf Anfragen von CORRECTIV bisher nicht reagiert. 

2. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Tatsächlich konnte CORRECTIV Einzelfälle finden, in denen Medien alte Aufnahmen als Symbolbilder verwendet haben, ohne sie zu kennzeichnen. Auf Facebook beschwerten sich Nutzer konkret über Focus-Online und die Welt, die dasselbe Foto eines überfüllten Strandes zeigten.

Focus-Beitrag Mallorca
Nachrichtenseiten verwenden teilweise veraltete Fotos für aktuelle Berichterstattung ohne dies kenntlich zu machen. (Quelle: Focus-Online / Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto in dem Focus-Online-Bericht vom 19. Juli ist von der DPA und laut deren Pressefoto-Datenbank aus dem Jahr 2018 (zum Beispiel verwendete es die Deutsche Welle in diesem Bericht und wies darauf hin, dass es von 2018 ist). Focus-Online und die Welt haben es ohne Hinweis auf das Datum der Aufnahme verwendet. 

Bei dem Foto vom überfüllten Strand handelt es sich um ein Symbolbild

Auf dem Bild sind Schirme und Liegen zu sehen, die an der Playa de Mallorca derzeit nicht existieren. Das zeigt eine Strand-Kamera, die den Abschnitt vor dem ehemaligen „Ballermann 6” live ins Netz überträgt.

Live-Cam Mallorca
Screenshot des Live-Videos am 21. Juli 2020: Besucher sonnen sich am Strand Playa de Palma. (Quelle: Livecam El Arenal Playa de Palma / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Allerdings haben sich einige Journalisten auch kritisch mit diesem Thema auseinandergesetzt. Die Kreiszeitung war selbst nicht vor Ort, doch als lokale Tageszeitung hat sie auf einen Leserbrief reagiert. Sie veröffentlichte einen Bericht darüber, warum Urlauber aus Mallorca die „einseitige“ Berichterstattung in den Medien kritisieren. Auch die Mallorca Zeitung, die über die Partys am Freitag, 10. Juli laut eigener Aussage zuerst berichtet hatte, beschäftigte sich mit der Kritik an den Medien. 

3. Behauptung: Auf Mallorca herrscht Maskenpflicht, weil die Medien lügen

Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen schon vorher. Vor dem 13. Juli waren sie im Freien nur dann nötig, wenn kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. Das hat sich nun geändert – und ab dem 20. Juli kann ein Verstoß mit einem Bußgeld von bis zu 100 Euro geahndet werden. Doch kann man die Medien dafür verantwortlich machen?

Die strengere Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera) trat zwar am Montag, 13. Juli, in Kraft. Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“. 

Am Mittwoch, 15. Juli mussten dann die Bars in der „Bierstraße“ und „Schinkenstraße” sowie jene im britischen Party-Zentrum in Magaluf schließen. Dies entschied die balearische Regionalregierung nach den Ereignissen am Wochenende des 10. bis 12. Juli. 

Regierung der Balearen ist um Einhaltung der Regeln bemüht

Der Pressesprecher des balearischen Tourismusministers Iago Negueruela antwortete auf eine E-Mail-Anfrage von CORRECTIV, dass sich die Menschen auf den Balearen um Einhaltung der Regeln bemühen würden. „Die Bilder der letzten Tage mit Partys und Menschenmengen in bestimmten Gegenden dürfen sich nicht wiederholen, wir werden das nicht tolerieren”, schrieb der Sprecher Hugo Saénz.

„Es handelt sich um eine sehr spezifische Aktion (die Schließung von Nachtclubs in bestimmten Straßen) in sehr begrenzten Gebieten, die nur sehr wenige von ihnen versäumen. Diese wenigen dürfen unser Image nicht beeinträchtigen oder die Gesundheit unserer Einwohner und Arbeitnehmer gefährden.”

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Auch die Präsidentin der Balearen-Inseln Francina Armengol schrieb am 15. Juli auf Twitter: „Die Gesundheitslage ist derzeit gut und wir werden die Verantwortungslosigkeit einer Minderheit in so einer riskanten Situation nicht tolerieren. Wir setzen uns für die Gesundheit und die Wirtschaft ein. Wir werden schon auf kleine Fehltritte reagieren, und wir werden energisch gegen solche Exzesse vorgehen. Null Toleranz für diejenigen, die unverständig sind und die Sicherheit aller in Gefahr bringen.”

Verschärfte Maskenpflicht ist auf steigende Fallzahlen zurückzuführen 

Fazit: Haben die Medienberichte über das Wochenende 10. bis 12. Juli etwas mit der Verschärfung der Maskenpflicht zu tun? Nein, die Gesundheitsministerin der Balearen hat diese bereits am Donnerstag, 9. Juli, angekündigt. 

Zudem erklärte Gesundheitsministerin Patricia Gómez laut Mallorca-Zeitung in einer Pressekonferenz am 13. Juli, dass es sich bei der verschärften Maskenpflicht nicht um eine Art Überreaktion auf das Verhalten einiger Urlauber an der Playa de Palma handele. Es gehe vielmehr um die nationale und internationale Situation. In Spanien steigen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus seit zwei Wochen wieder an, besonders in Katalonien, berichtet die Tagesschau

Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Behauptungen der mutmaßlichen Mallorca-Urlauberin auf Facebook sind teilweise falsch, weil ihnen der Kontext fehlt. Die Bilder von feiernden Touristen in Palma de Mallorca sind hingegen echt und stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. Schuld an der Maskenpflicht sind die Medien nicht. 

Bei der Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. Doch andere Medien haben diese Kritik bereits aufgegriffen – und mit Urlaubern gesprochen, die vor Ort waren. Hierbei hervorzuheben ist besonders die Kreiszeitung, die mit einem Bericht auf einen Leserbrief reagiert hat.

Update, 29. Juli 2020: Wir haben eine Stellungnahme von RTL zu dem Fall ergänzt.
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es gab Verstöße von Feiernden gegen die Corona-Regeln auf Mallorca.